„Star Trek – The next Generation -   
Parallelen
 


Widmung
Dieses Buch widme ich meinem ehemaligen Klassenlehrer Peter Skubella, der mich überzeugte, meine Geschichte niederzuschreiben und damit den Stein ins Rollen brachte.

 

Von Claudia Filip


 

 

Danke!





 "Wenn wir uns einig sind, gibt es wenig, was wir nicht können. Wenn wir uneins sind, gibt es wenig, was wir können."

John F. Kennedy (1917-1963), 35. Präs. d. USA


Für Will und Michelle, die sich immer erst darüber streiten, ob sie auf seine oder ihre Weise die Galaxis retten! Bedenkt, was ihr alles gemeinsam erreichen könnt!





Inhalt


Prolog

1.
Die List

2.
Der vergessene Planet

3.
Kampf um Picard

4.
Operation Delta Seven

5.
Hochzeit zwischen den Sternen

6.
In letzter Sekunde

7.
Missverständnisse

8.
Sektor 23

9.
Ein neuer Feind

10.
Wurzeln

11.
Irrwege

12.
Die Rettung der Götter

13.
M.J.

14.
Unbekannte Gesichter

15.
Wen die Vergangenheit einholt

16.
Das Wohl vieler

17.
Reifeprüfungen

18.
Der Abschied

19.
Spiegelbilder

Epilog



Prolog

Ein historischer Tag in der Geschichte der Sternenflotte. Heute fand ein Führungswechsel auf der U.S.S. Enterprise NCC-1701-D statt. Jean-Luc Picard hatte sich nach gründlichen Überlegungen entschlossen, seinen Rücktritt vom Kommando der Enterprise bekanntzugeben und die Fackel an den Nächsten weiterzureichen. Das Sternenflottenkommando hatte ihm zwei sehr lukrative Posten und die Beförderung zum Admiral angeboten, die er nun nach einander im Verlauf von mehreren Jahren antreten würde. Der letztere Posten würde ihn dann endgültig aus dem Weltall holen und zurück auf die Erde führen.

Für die Dauer von vier Jahren hatte man ihm die Leitung eines überaus wichtigen Projekts der Sternenflotte anvertraut. Dieses Projekt beschäftigte sich mit dem Problem der Subraumlöcher, die durch den übermäßigen Gebrauch des Warpantriebes in strukturell schwachen Gegenden des Weltraums auftraten. Es musste eine weitaus sichere Methode des interstellaren Reisens gefunden werden, um die Stabilität des Subraumes zu gewährleisten, wie beispielsweise Transwarp oder die künstliche Herstellung von Warpkanälen für interstellare Reisen. Denn die Geschwindigkeitsbegrenzung von Warp fünf beeinträchtigte nicht unerheblich die Arbeit der Sternenflotte.

Picards Aufgabe bestand nun darin, den Wissenschaftlern, die auf Raumstationen und Planeten, die über den gesamten Raum der Föderation verteilt waren, bei ihrer Arbeit behilflich zu sein, seine Erkenntnisse mit ihnen zu teilen und die Forschungen so gut wie möglich voranzutreiben.


Am gestrigen Abend hatte eine angemessene Abschiedsfeier in Ten Forward für ihn stattgefunden. Überall hatte Picard in feuchte Augen geblickt, auch heute war dies nicht anders. Jeder bedauerte, dass er ging. Picard würde seine Mannschaft natürlich auch schmerzlich vermissen, aber nicht so sehr wie die Enterprise. Es war für ihn wie das Ende einer langen, glücklichen Ehe. Er ließ sich scheiden, obwohl es dafür keinen logischen Grund gab. Doch, den gab es allerdings. Es war an der Zeit einem Jüngeren das Steuer und den Platz in der Mitte zu überlassen. Aber nicht Will Riker sollte der neue Commander werden. Picard hatte eine andere Person dafür auserkoren und letztendlich für den Posten vorgeschlagen. Wenn er schon ging, wollte er seine große Liebe in den richtigen Händen wissen. Keine Frage, bei Will Riker wäre sie das auch gewesen, aber Picard hatte andere Pläne...


Picards Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Erneut erfasste ihn tiefe Traurigkeit, als er an seine bevorstehende Abreise dachte. Und auch, das musste er zugeben, ein Funken Hoffnung. Hoffnung, etwas gut zu machen, was vor siebzehn Jahren falsch gelaufen war. Dies und die Tatsache, dass es ihm sicherlich von Zeit zu Zeit vergönnt sein würde, mit seiner Geliebten zu reisen, machte ihm den Abschied ein klein bisschen erträglicher. Doch dann würde er nur noch ein Passagier sein, einer unter vielen, nicht mehr der Captain der Enterprise. Dies war für alle Zeit vorbei.

Picard sah sich in seinem Quartier um. Da war er also und packte seine Habe in Kisten und Taschen. All die Artefakte und Bücher, die er im Laufe der Jahre angesammelt hatte.


Während er seine Bücher sorgsam verstaute, ertönte der Türsummer. „Herein.“ Die Tür glitt zur Seite und Beverly Crusher trat ein.

Hallo, Jean-Luc. Ich habe noch ein kleines Abschiedsgeschenk.“ Beverly überreichte ihm ein rechteckiges, flaches Päckchen.

Ach, Beverly. Es ist doch nur ein kurzer Abschied, wir sehen uns bestimmt bald wieder.“ „Aber nicht mehr tagtäglich zum Frühstück. Das werde ich sehr vermissen, Jean-Luc. Und deswegen schenke ich dir dies.“ Sie deutete auf das Päckchen in Picards Hand. Er warf einen Blick darauf. „Darf ich es gleich öffnen?“ „Natürlich“, erwiderte sein hübsches Gegenüber.

Behutsam entfernte Picard das Papier und hielt einen goldenen Bilderrahmen in der Hand. Auf dem Foto, das an seinem letzten Geburtstag entstanden war, sah man Beverly, ihren Sohn Wesley und Picard selbst. „Danke, Beverly.“

Er lächelte ein wenig verlegen. Beverly wusste nichts mehr zu sagen. Da sie spürte, wie sich bereits neuerliche Tränen ihren Weg bahnten, gab sie Picard einen flüchtigen Abschiedkuss auf die Wange, umarmte ihn und ergriff dann die Flucht.

Picard fuhr mit dem Packen fort. Eine Oper, die Beverly und er immer gemeinsam angehört hatten, lief im Hintergrund. Picard hielt inne. Eine Woge der Erinnerungen schlug über ihm zusammen, er rang nach Luft, setzte sich kurz auf die Couch. Vielleicht war Beverly der Auslöser gewesen, er wusste es nicht, und die Antwort war ihm ganz ehrlich völlig gleich. Er ließ die Erinnerungen einfach kommen. Erinnerungen an all die Abenteuer, die er mit seinen Freunden auf diesem Schiff während all der Jahre erlebt hatte.

Seine Freunde, er würde sie schrecklich vermissen. Zwar konnte er diese Gefühle nicht richtig ausdrücken, aber Picard war sich sicher, dass sie es wussten.



Als Picards Habe vollständig verpackt war, entschied er sich, Guinan noch einen letzten Besuch abzustatten, während man sein Gepäck abtransportierte.


Picard nahm eine kleine Tasche, warf sie sich über die Schulter und ging nach Ten Forward.

Als er eintrat, war niemand anwesend, was für die Mittagszeit sehr ungewöhnlich war. Der Raum war dunkel, nur die Sterne funkelten durch das große Panoramafenster herein. Picard hatte ein Deja-vu-Erlebnis, als er durch den Raum blickte, nach Guinan suchend.

Endlich entdeckte er sie in einer noch dunkleren Ecke. Hätte sie nicht eines ihrer ausgefallenen gelben Gewänder getragen, hätte ihre dunkle Hautfarbe sie vor Picard verborgen. Schließlich stand sie auf und ging auf Picard zu. „Noch ein allerletzter Besuch bei mir?!“ fragte sie ihn mit einem stark ironischen Unterton.

Ich komme wieder, Guinan. Das weißt du. Außerdem hoffe ich, mit diesem Schritt einen schweren Fehler wieder gut zu machen. Auch das weißt du.“ Sie nickte.

Ich werde die Entwicklung beobachten und dir berichten, mein Freund.“ Sie lächelte. Dann standen sie einfach nur schweigend da und sahen einander an. Für alles andere brauchten sie keine Worte.

Picard löste den Bann und trat noch einmal an das große Aussichtsfenster. Guinan gesellte sich zu ihm.

Nimmst du Livingston nicht mit?“ „Nein, das wäre zu anstrengend für ihn. Ich lasse ihn bei dem neuen Captain.“ Guinan verstand und grinste. Es war ein weiteres Friedensangebot an seinen Nachfolger.

Der neue Captain muss wirklich etwas ganz Besonderes sein, wenn du deinen Fisch hier lässt.“ „Hast du etwas anderes erwartet? Auch die anderen werden heute und in Zukunft noch einige Überraschungen erleben...“ Er drehte sich vom Fenster weg und blickte Guinan direkt in ihre dunklen, geheimnisvollen Augen.

Dann ist das jetzt unser Abschied, meine Liebe.“ „Ich wünsche dir eine gute Reise, Jean-Luc.“

Picard lächelte, ging zum Ausgang und verließ schnellen Schrittes Ten Forward. Und Guinan stand dort an dem Tisch, an dem sie gestern Nacht noch beieinander gesessen hatten. Picard war schon auf dem Weg zum Transporterraum, während sie sich hinter den Tresen begab. Bald würden ihre Gäste zurückkommen, sie hatte Ten Forward nur für eine Stunde geschlossen gehalten, um sich alleine von Picard verabschieden zu können.


Im Transporterraum warteten die Führungsoffiziere. Sie wollten Picard einen letzten Gruß mit auf den Weg geben. Und natürlich war es ihre Pflicht, seinen Nachfolger willkommen zu heißen. Auch wenn dies für einige unter ihnen, besonders für Riker, bedeutete, eine sehr bittere Pille schlucken zu müssen.

Picard betrat den Transporterraum, stellte seine Tasche ab und wandte sich ein letztes Mal an seine Freunde.

Sie wissen, ich halte nicht gerne große Reden... Aber ich denke, heute mache ich eine Ausnahme. Ich beginne mit dem Wichtigsten. Danke! Für die gute Zusammenarbeit und vor allem für Ihre Freundschaft. Sie sind die beste Crew, die sich ein Captain wünschen kann...“ Er hörte Deanna Troi und Beverly Crusher schniefen. Riker ergriff unauffällig Deannas Hand und drückte sie tröstend.

...Wir haben viel miteinander erlebt, was uns einander näher gebracht hat. Während all der Jahre haben Sie loyal hinter mir gestanden. Bitte verhalten Sie sich meinem Nachfolger gegenüber ebenso. Sie bekommen wirklich einen hervorragenden Captain...“ Kaum hatte er geendet, applaudierten die Offiziere, was Picard sofort verlegen unterband.


Nachdem der Tumult sich gelegt hatte, wandte Picard sich noch einmal an jeden Einzelnen. Er gab ihnen einige Ratschläge und gute Wünsche mit auf den Weg für die vor ihnen liegenden Missionen.

Zum Schluss sprach Picard mit Riker, dem er Folgendes besonders ans Herz legte: „Seien Sie bitte in Gegenwart Ihres neuen Captains nicht ganz so anmaßend und arrogant, wie Sie es anfangs bei mir gewesen sind, Will. Sie sollten meinem Nachfolger nicht unterschätzen, Sie könnten in Schwierigkeiten geraten.“ Riker grinste.

Das klingt doch verlockend, Sir.“ Picard funkelte ihn böse an, was Rikers Grinsen kurzzeitig einzufrieren drohte.

Will, Sie sind unverbesserlich!“ Dann legte Picard völlig überraschend seine Hand auf Rikers Schulter und zog ihn noch ein Stück weiter beiseite.

Ich hoffe, Sie können mir verzeihen, dass aus Ihrem Erbe nichts geworden ist?... Und ich hoffe, Sie alle“, und dabei sah Picard seine ehemalige Crew an, „... werden mir verzeihen, dass Sie Will ab heute nicht mit Captain titulieren können. Ich kann nichts versprechen, aber vielleicht werden Sie den Grund eines Tages verstehen. Doch das liegt nicht in meiner Macht...“ Die Offiziere warfen sich fragende Blicke zu aufgrund dieser geheimnisvollen Aussage.


Picard nutzte die Stille für seinen Abgang. Er wollte gerade den Transporteroffizier anweisen, den Beamvorgang einzuleiten, als dieser eine Meldung machte. „Sir, die Raumstation meldet, dass Captain Neech bereit zum Beamen ist.“ Picard nickte, schluckte einen Kloß im Hals herunter.

Energie.“ Das war er gewesen. Picards letzter Befehl als Captain der Enterprise.

Einen Augenblick später rematerialisierte sich sein Nachfolger. Captain Neech orientierte sich kurz und trat dann energisch von der Transporterplattform herunter. Nun hatte es auch der letzte der Anwesenden bemerkt. Der Captain war eine Frau.

Ladies und Gentlemen, ich bin Michelle Neech, Ihre neue Kommandantin.“

Den Offizieren hatte es die Sprache verschlagen. Niemand, auch nicht Picard, hatte auch nur einen Ton darüber verlauten lassen, dass der neue Captain eine Frau sein würde. Riker warf unauffällig einen raschen Blick zu Picard und dann zu seiner Nachfolgerin. Was verband die beiden? Für eine Affäre war sie ein bisschen zu jung. Oder doch nicht? Riker war sich sicher, dass er dieses Rätsel lösen würde.


Die Überraschung stand ihrer Crew noch immer deutlich ins Gesicht geschrieben. Michelle Neech hatte eine solche Reaktion erwartet. Sie war in der Tat ein wenig jung für den Posten, aber ihr tadellose Dienstakte und die Fürsprache von Jean-Luc Picard hatten ihr über das Manko ihrer jungen Jahre hinweg geholfen, und sie hatte das Kommando über das Flaggschiff der Sternenflotte erhalten.

Beim Gedanken an Picard zuckte ihr Mundwinkel kurz. Der Hass, den sie noch immer für ihn empfand, brannte in ihrem Herzen. Und dennoch hatte sie sich auf sein Spiel eingelassen und sein Schiff übernommen. Eigentlich taten beide einander einen Gefallen. Michelle machte mit nur 34 Jahren einen gewaltigen Karrieresprung, und Picard? Nun, auch er würde nicht zu kurz kommen, wie sie von ihrem Mentor, Admiral Mariah Lanford, erfahren hatte. Picard hatte auch noch eine großartige Karriere vor sich, wobei die Stelle als Leiter des Forschungsprojektes nur ein kleiner Zwischenstopp vor seiner eigentlichen Aufgabe war.

Michelle fand, dass es an der Zeit war, ihren üblichen Spruch zu bringen, der die Situation meist etwas entspannte.

Ja, ich bin eine Frau!“ Und was für eine, schoss es Riker durch den Kopf.

Captain Picard“, ihre Stimme wurde plötzlich etwas kühler und förmlicher. „Würden Sie uns bekanntmachen?“ „Natürlich.“ Schon jetzt kamen ihm Zweifel, ob seine Entscheidung richtig gewesen war, Michelle Neech vorzuschlagen und sich so für sie einzusetzen. Doch schließlich ermahnte Picard sich und verdrängte seine Zweifel.

Das ist Commander Riker. Mein... Ihr erster Offizier. Lieutenant Worf, Chef der Sicherheit, Conselour Troi, die Schiffsberaterin, Lieutenant Commander Data, der zweite Offizier, Lieutenant Commander LaForge, der Chefingenieur und Dr. und Lieutenant Crusher, die Leiterin der Medizinischen Abteilung und ihr Sohn.“ Michelle nickte ihrer neuen Crew zu. Unauffällig wandte sie sich Picard zu und flüsterte ihm ins Ohr: „So jung und schon Lieutenant?“ Picard zuckte kurz zusammen, ging aber nicht näher darauf ein. Er hatte sich geschworen, heute keinen Streit mit ihr anzufangen. Seit siebzehn Jahren lief es darauf hinaus, wenn sie aufeinander trafen. Selten sprachen sie ein freundliches Wort miteinander.

Wieder stiegen Zweifel in Picard auf. War es das wert? Was wollte er damit erreichen? Immer dieselben unbeantworteten Fragen.

Kommen wir nun zum offiziellen Teil“, unterbrach Michelle Picards Gedanken.

Während sich Picard an seine Ankunft auf der Enterprise erinnerte, suchte Michelle unter ihren zahlreichen Pads nach dem richtigen. Als sie es in Händen hielt, nahmen die Offiziere Haltung an und hörten aufmerksam zu.


Auf Befehl des Oberkommandos der Sternenflotte und den besonderen Wunsch von Captain Jean-Luc Picard übernimmt Captain Michelle Neech mit sofortiger Wirkung das Kommando über die U.S.S. Enterprise. Captain Picard wird ab sofort die Leitung des Forschungsprojektes „Subraumlöcher“ für die Dauer von vier Jahren übernehmen. Admiral Mariah Lanford, Sternenflotte....“ Michelle ließ ihre Worte kurz wirken. Dann beförderte sie Picard mit einem energischen Tritt vor die Tür.

Würde man mir nun bitte mein Quartier zeigen und sich um den Transport meines Eigentums kümmern?“ Picard überkam ein Frösteln bei dem eisigen Blick, den sie ihm zuwarf.

Währenddessen ordnete Riker über die interne Schiffskommunikation das direkte Beamen des Gepäck ins Captain’s Quartier an.

Er trat diskret neben seinen neuen Captain. „Gibt es noch weiteres Gepäck? Oder darf ich Sie nun zu Ihrem Quartier führen?“ Michelle hob eine Augenbraue, warf ihrem neuen ersten Offizier einen prüfenden Blick zu.

Es werden nächste Woche noch einige Dinge von der Erde eintreffen. Und ja, Sie dürfen mir mein Quartier zeigen, Commander.“ Michelle brachte ihm perfekte, berufliche Distanz entgegen. Für Riker völlig ungewohnt, der zu Picard in mancher Sicht ein eher väterliches Verhältnis gepflegt hatte.

Picard, um den sich noch immer die übrigen Führungsoffiziere scharten, begab sich nun auf die Transporterplattform. Michelle würdigte ihren Vorgänger keines weiteren Blickes, wohingegen die Offiziere ihrem alten Captain die besten Wünsche mit auf den Weg gaben.

Michelle wartete nicht darauf, dass Picard auf die Raumstation gebeamt wurde. Sie trat ohne ein weiteres Wort aus dem Transporterraum. Riker reagierte zu seinem Glück blitzschnell und führte sie zum Turbolift.


Im Turbolift musterte Michelle Riker von der Seite, er tat dasselbe. Plötzlich trafen sich ihre Blicke. Michelles Blick schien zu fragen, ob man ihn nicht ansehen dürfte. Riker grinste zur Antwort. Nette Unterhaltung, dachte er.

Dann ergriff sein Captain das Wort und unterbrach die Stille.

Wie lange sind Sie schon auf der Enterprise, Commander?“ „Ich stieß während der Farpoint-Mission dazu, kurz nach Captain Picards Kommandoantritt.“ Michelle war verständlicherweise erstaunt. Doch dann erinnerte sie sich an Rikers Akte.

Ich habe natürlich Ihre Akte gelesen. Sie haben bereits mehrfach ein eigenes Kommando abgelehnt. Wobei Sie mit der Melbourne Glück hatten. Wolf 359 hätten Sie wahrscheinlich nicht überlebt...“ Rikers Gesichtszüge wirkten bitter, als er an den Eroberungsversuch der Borg erinnert wurde.

Nun ja, Sir, ich war immer der Meinung, es ist lohnenswerter, erster Offizier auf dem Flaggschiff der Sternenflotte zu sein, als Captain eines unbedeutenden Schiffes, einem unter vielen.“ Michelle hob den Finger. „Eines gleich zu Anfang, Riker. Entgegen der allgemeinen Sternenflottenvorschriften möchte ich nicht mit ‚Sir’ angeredet werden. Ich bevorzuge‚ ‚Captain’ oder ‚Ma’am’.“ Riker grinste. Sein neuer Captain wurde ihm bereits sympathisch, sie zeigte menschliche Züge. In Picards Gegenwart schien sie sehr reserviert gewesen zu sein, doch nun legte sich dies offensichtlich.

Nun, Captain, darf ich ganz offen sein?“ „Ich bitte darum.“ „Ich habe immer gehofft, eines Tages die Enterprise von Captain Picard zu übernehmen...“ Michelle schluckte.

Oh. Und ich habe Ihnen dazwischen gefunkt.“ Riker schüttelte den Kopf. Er wollte nicht schon am ersten Tag Missverständnisse aufkommen lassen. „Nein, es war die Entscheidung des Oberkommandos. Ich respektiere es und Sie. Außerdem hatte ich noch nie einen weiblichen Captain. Das dürfte interessant werden...“ Michelle ignorierte Rikers letzte Bemerkung geflissentlich.


Der Turbolift hielt an, sie hatten ihr Ziel erreicht und stiegen aus. Riker führte Captain Neech durch den Korridor.


Nach kurzer Zeit standen sie vor einer Tür. Ihrem Ziel – Captain’s Quartier – stand in kleinen schwarzen Lettern oberhalb des Türsummers.

Sie traten ein, in der Mitte des Wohnraumes stand Michelles Habe.

Mehr zu sich selbst sagte Michelle: „Es war auch Picards Quartier.“

Riker, der sich angesprochen fühlte, erwiderte: „Natürlich, es gibt nur ein Quartier für den Captain auf der Enterprise.“ Sie sah ihn etwas verwirrt an. „Oh Commander, daran müssen Sie sich gewöhnen. Ich führe manchmal Selbstgespräche. Dumme Angewohnheit.“ Er grinste, dann wurde er ernst. „Sie mögen Captain Picard nicht sonderlich, oder täusche ich mich da?!“ Michelle, die sich ihren Kisten, Taschen und Koffern zugewandt hatte, drehte sich um und sah ihn scharf und tadelnd an. Wenn Blicke töten könnten...

Sofort bedauerte Michelle ihren Gefühlsausbruch dem unwissenden Riker gegenüber.

Es tut mir leid, dass ich Sie eben so vernichtend angesehen habe... . Es ist nur... ich bin einfach nicht gut auf Picard zu sprechen. Irgendwann erzählen ich Ihnen mal den Grund dafür... Aber können Sie mir sagen, Riker, wie ich gegen eine lebende Legende ankommen soll? Jahrelang war das hier sein Quartier, sein Schiff, seine Mannschaft. Und nun soll ich das alles übernehmen. Was ist, wenn die Besatzung nur Jean-Luc Picard als Captain akzeptiert?“ Sie setzte sich auf die Couch und schlug die Hände zusammen.

Was die lebende Legende betrifft, werden Sie selbst zu einer, Captain.“ Sie sah ihn fragend an.

Ich bin sicher, in ein paar Jahren wird man von Ihnen genauso sprechen wie von Picard. Außerdem rate ich Ihnen, alles auf sich zukommen zu lassen. Sie werden bald Teil unserer Crew und somit unserer Familie sein. Und wenn Sie gutfunktionierende Teams nicht auseinanderreißen und keine Schichten zu unmenschlichen Zeiten einführen, wird man Sie noch mehr mögen.“ Mit seinen Worte hatte er Michelle ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Es ging ihr bereits bedeutend besser und sie blickte zuversichtlich auf ihre Zukunft als Captain der Enterprise.


Vielleicht war nun der Moment eine für Riker wichtige Frage zu stellen: „Captain, ich hätte noch eine Bitte an Sie. Captain Picard nannte mich immer ‚Nummer 1’... . Diesen Titel habe ich mir verdienen müssen. Ich habe mich im Laufe der Zeit daran gewöhnt... . Ich weiß auch, dass Sie mich noch nicht kennen und nicht wissen, was ich kann... . Aber ich hoffe, ich muss mich diesbezüglich nicht ein weiteres Mal bewähren?“ „Riker, Ihre Loyalität gegenüber dem Captain dieses Schiffes, seiner Mannschaft und der Enterprise ist mir bekannt. Ich bin sicher, wir werden gut zusammenarbeiten, Nummer 1.“

Riker brauchte einige Sekunden, bis er begriff, wie Michelle ihn angesprochen hatte. Doch dann setzte er sein strahlendstes Will-Riker-Grinsen auf und erklärte: „Danke, Captain. Wenn dann sonst nichts mehr ist, gehe ich auf die Brücke zurück, damit Sie in Ruhe auspacken können.“ „Sie haben die Brücke, Nummer 1.“ „Aye, Captain.“






1. Die List

"Computerlogbuch der Enterprise, Captain Neech: Die Enterprise ist ein fantastisches Schiff! Ich kenne zwar noch nicht jeden Winkel und habe sie auch noch nicht in Aktion erlebt, aber ich bin schwer beeindruckt.
Wir befinden uns noch im Orbit um Beryll Vier. Mr. Keith, einer unserer Geschichtslehrer, ist mit seiner Klasse auf die Planetenoberfläche gebeamt für einen archäologischen Anschauungsunterricht.

Persönliches Logbuch: Deanna Troi hat mich um ein Gespräch gebeten. Ich habe keine Ahnung, was der Grund dafür ist. Ich weiß, sie ist eine Empathin. Will sie über meinen Dienstantritt, über die Mannschaft oder meine Gefühle für Picard sprechen?
Ich verstehe Picards Entscheidung immer noch nicht. Seit siebzehn Jahren missachte ich ihn in jeder erdenklichen Art und Weise. Aber anstatt, dass er sich endlich zurückzieht, übergibt er mir seine geliebte Enterprise. Selbst sein heißgeliebter Shakespeare, die alten Griechen oder Freud haben keine Antwort für sein Verhalten mir gegenüber parat. Ich..."

Der Türsummer ertönte, ließ Michelle stocken. "Herein... . Logbucheintrag Ende."
Deanna Troi betrat den Raum, ein herzliches Lächeln auf den Lippen. "Guten Morgen, Captain."  "Guten Morgen, Counselor. Nehmen Sie Platz. Darf ich Ihnen etwas anbieten?" Deanna lehnte ab.
"Captain, darf ich direkt zum Grund meines Besuchs kommen?" Michelle nickte einverstanden. "Ich spüre seit Ihrer Ankunft auf der Enterprise einige negative Gefühle, die Sie Captain Picard entgegenbringen. Möchten Sie mir die Gründe dafür nennen, ich spüre, dass es Sie belastet. Ich bin natürlich an die Schweigepflicht gebunden... ." Michelle reagierte forsch auf dieses freundlich gemeinte Angebot, was sie gleich darauf bereute.
"Ich wüsste nicht, was Sie das angeht!... Entschuldigen Sie. So reagiere ich immer, wenn das Thema auf Picard zu sprechen kommt." Michelle stand auf und trat an das große Fenster. Sie seufzte.
"Ja. Vielleicht ist es an der Zeit endlich der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und zu meiner Vergangenheit zu stehen." Sie setzte sich an ihren Tisch zurück, faltete die Hände und lachte leicht verwirrt. Deanna spürte unterschiedlichste Gefühle in ihrem Captain aufsteigen.
Nach einigen Augenblicke erklärte Michelle ihrem Counselor: "Er hat mein Leben zerstört... . Das war vielleicht ein schlechter Anfang. Er hat es nämlich auch geschaffen. Der große Jean-Luc Picard hat eine uneheliche Tochter, moi! Er sagte es mir, als ich mit siebzehn Jahren in die Akademie eingetreten bin. Vorher hielt ich ihn für einen Freund der Familie, meinen Onkel Jean-Luc. Doch ab diesem Zeitpunkt nahm eine Kette von unschönen Ereignissen seinen Lauf, die mein Leben für immer veränderten. Und dafür hasse ich ihn."  "Hassen Sie ihn wirklich, Ihren Vater?"  "Nennen Sie ihn nicht so, Deanna. Er kam einmal im Jahr an meinem Geburtstag. An Weihnachten kam eine Subraumnachricht. Macht das einen Vater aus? Rechtfertigt dies das schlechte Verhalten und die strenge Erziehung, die mir Jack Neech entgegenbrachte, der Mann, den ich siebzehn Jahre für meinen Vater gehalten habe, tut es das? Ich denke nicht!" Erneut stand Michelle auf. Dieses Mal führte ihr Weg sie zum Replikator im Nebenraum.
"Limonade, eisgekühlt."
Sie kam mit einem Glas zurück und stellte es auf dem Schreibtisch ab. Dann trat Michelle in die Mitte ihres Bereitschaftsraumes und machte eine allumfassende Geste. "Und jetzt das hier! Wenn er glaubt, dass ich ihm aus Dankbarkeit verzeihe, dass er mich bei Jack aufwachsen ließ, hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Allerdings wäre ich ganz schön dumm gewesen, aus familiären Gründen dieses Kommando abzulehnen, dann hätte ich es nicht verdient, seine Tochter zu sein." Sie lachte.
"Oh Deanna, ich muss für Sie doch wie eine Geistesgestörte klingen."  "Nein. Eher wie eine Tochter, die viel durchgemacht hat und die nicht weiß, wie sie sich verhalten soll. Und ich spüre, dass Sie Ihren Vater nicht hassen. Sie sind verbittert aufgrund Ihrer Vergangenheit, aber da ist nichts, was wir nicht wieder in einigen Gesprächen zurechtrücken könnten. Wenn Sie es möchten... ."
Michelle lächelte dankbar. "Gerne, Counselor. Wenn ich Zeit erübrigen kann... ." Im nächsten Augenblick meldete die Brücke gelben Alarm. Die Schülergruppe und Mr. Keith schwebten in Lebensgefahr.

"Was ist passiert?" fragte Michelle an Riker gerichtet, als sie die Brücke betrat.
"Das Shuttle mit den Schulkindern wurde von einem Energiestrahl getroffen, als es in die Atmosphäre eintreten wollte. Es ist abgestürzt. Wir können keine Verbindung zu Mr. Keith herstellen. Eine Art Kraftfeld hat den gesamten Planeten überzogen. Niemand kann raus, niemand kann rein."  "Gefahr für das Schiff?" 
"Nein, Captain", meldete Worf. Deanna trat neben ihn und flüsterte: "Alexander geht es sicher gut... . Das Kraftfeld blockiert meine Fähigkeiten." Sie drückte Worfs Hand.
Michelle hatte das Geflüster bemerkt. "Teilen Sie mir Ihre Vorschläge ruhig mit, Counselor." Deanna war verlegen.
"Es war privat, Captain." Worf sah Deanna in Bedrängnis und verteidigte sie sofort.
"Der Counselor sprach mir Trost zu, da mein Sohn, Alexander, sich unter den Schülern befindet."
Michelle drückte ihr Bedauern auf und fragte Worf, ob er unter diesen Umständen seinen Dienst weiter verrichten könnte. Er bejahte es, da er nichts unversucht lassen wollte, um die Kinder und den Lehrer, vor allem Alexander, zu retten.
Zunächst mussten sie herausfinden, wo die Quelle des Energiestrahls war, und in welchem  Zustand sich die Kinder und ihres Lehrer befanden. Außerdem mussten sie die Sternenflotte über den Vorfall und die mögliche Gefahr für andere Schiffe informieren.

"Mr. ... ." Der Captain suchte den Namen, dann erinnerte sie sich. "Mr. Crusher, scannen Sie das Kraftfeld. Millimeter für Millimeter, wenn nötig. Wir müssen eine Schwachstelle finden oder noch besser eine Lücke, durch die wir hindurch beamen können." Schon war Wes unterwegs zur Wissenschaftsstation.
"Data, Analyse des Energiestrahls, der das Kraftfeld speist. Beschaffenheit, potentielle Erbauer, Wirkungsweise. Dann möchte ich die Aufzeichnung des Absturzes sehen. Bestimmen Sie die vermutliche Absturzstelle des Shuttles. Stellen Sie Hypothesen über mögliche Verletzungen der Kinder und des Lehrers auf, Krankenstation vorbereiten. Versuchen Sie weiterhin, Kontakt zu dem Shuttle herzustellen. In dreißig Minuten findet eine Besprechung statt. An die Arbeit."


Eine viertel Stunde später sprang Wesley von seinem Platz auf und rief. "Ich habe etwas entdeckt!" Sofort stürmten Riker und Michelle zu ihm. Wesley deutete auf den Monitor.
"Hier. Es reicht, um ein Außenteam runter zu beamen. Aber nicht mehr als vier Leute. Und es fluktuiert. Alle vier Stunden schließt es sich, öffnet sich aber wieder an der selben Stelle." Das genügte Michelle.
"Gut, gehen wir. Mr. Worf, Dr. Crusher und Data." Das war Rikers Stichwort gewesen.
"Captain, darf ich Sie an die 15. Direktive erinnern? Kein Führungsoffizier darf sich ohne bewaffnete Eskorte in eine Gefahrenzone beamen oder in ein Gebiet, das nicht mit höchstmöglicher Sicherheit als ungefährlich betrachtet werden kann. Daher werde ich das Außenteam anführen zu Ihrer eigenen Sicherheit!" Michelle schluckte hart. Sie hatte es geahnt. Aufgrund von Rikers Dienstakte war ihr klar gewesen, dass sie aneinander geraten würden. Riker war ein arroganter Sturkopf, ein Draufgänger, doch Michelle duldete ein solches Verhalten nicht, schon gar nicht auf der Brücke.
"Nummer 1, in meinen Raum! Sofort!!"

Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, legte Michelle los. "Verdammt, Riker!! Was fällt Ihnen eigentlich ein? Bin ich der Captain oder Sie?! Sie fallen mir vor der Crew in den Rücken und zweifeln meine Befehle an?"
Riker blieb ganz gelassen. Er hatte die Direktiven der Sternenflotte auf seiner Seite und außerdem... "Ist es nicht meine Pflicht, als ein guter erster Offizier genau das zu tun? Ich fungiere als Ihr Gewissen und ich bin persönlich für Ihre Sicherheit verantwortlich." Das nahm Michelle etwas den Wind aus den Segeln.
"Trotzdem hätten Sie mich doch unter vier Augen darauf aufmerksam machen können. Gerade finde ich einen Draht zu meiner Mannschaft und Sie untergraben meine Autorität!"  "Ich untergrabe gar nichts." 
"Riker, auf dem Schiff, das ich vor der Enterprise kommandierte, der U.S.S. Unicorn gingen mein erster Offizier und ich immer gemeinsam auf den Planeten oder ich ging und er blieb. Das hat ganz gut funktioniert und ich lebe noch, wie Sie sehen!" Riker verschränkte die Arme energisch vor der Brust und blickte seinem Captain herausfordernd entgegen. "Bei allem nötigen Respekt, Captain Neech. So wurde zu Zeiten von James Kirk gearbeitet, vor über achtzig Jahren! Und die Unicorn ist ein kleines Forschungsschiff mit 150 Mann Besatzung, Ihr ehemaliger erster Offizier, Commander Rico, ist ein Haudegen, der keiner Schlägerei freiwillig aus dem Weg geht. Und die Enterprise ist das Flaggschiff der Sternenflotte und Sie sind nun für über eintausend Mann verantwortlich! Sie repräsentieren die Sternenflotte und die Föderation, wenn Sie weiterhin so halsstarrig sind und sich in Gefahr begeben wollen, allerdings nicht mehr sonderlich lange!" Michelle ballte ihre linke Hand zur Faust und zwang sich dazu, Riker für seine Unverschämtheit keine Ohrfeige zu verpassen.
Sie drehte sich um, ließ sich in ihren Sessel fallen. Riker nahm vor dem Schreibtisch Platz. "Captain", er blickte ihr fest in die Augen, wo sie seinen ehrlichen Respekt für sie und die Sorge um ihre Sicherheit sah.
"Es tut mir ehrlich leid. Ich wollte Sie gewiss nicht vor der Crew unangemessen auf die Vorschriften aufmerksam machen. Außerdem lasse ich auch aus meinem persönlichen Prinzip meinen Captain nie an einen fremden, höchstwahrscheinlich gefährlichen Ort beamen, wenn nicht absolut sicher ist, was uns dort erwartet." Michelle nickte still, gelassen und völlig ernst. Beeindruckt dachte sie über Rikers Worte nach. Er hatte natürlich Recht, was die 15. Direktive betraf und gegen sein persönliches Prinzip war auch nichts einzuwenden.
"Haben Sie mit Captain Picard auch dieses Gespräch geführt?" Er grinste. "Oh ja, er war genauso wenig begeistert wie Sie. Aber weniger leidenschaftlich bei der Diskussion." Michelle musste lachen.
"Nun gut, Nummer 1. Sie haben gewonnen. Dieses Mal. Aber ich will ausführliche Berichte und Tricorderaufzeichnungen. Und im Fünfzehn-Minuten-Rhythmus Meldung ans Schiff." Sie stand auf und ging zur Tür. Riker folgte ihr.
Kurz vor der Tür sagte Michelle leise zu sich selbst: "Entweder treibt er mich in den Wahnsinn oder ich verliebe mich noch in ihn!" Riker hatte Gemurmel gehört, fragte, ob der Captain etwas zu ihm gesagt hätte. Schnell verneinte Michelle, denn der neugierige Commander musste wirklich nicht alles wissen. Schon gar nicht, was eben über ihre Lippen gekommen war.

Das Außenteam, bestehend aus Riker, Worf, Data und Dr. Crusher, hatte einen beachtlichen Fußweg vor sich, da sich die Transportlücke sehr weit von der vermutlichen Absturzstelle entfernt befand. Data scannte den Umkreis nach Lebensformen, Worf sammelte Tricorderwerte über das Kraftfeld. Ihm war jede Ablenkung willkommen, um nicht über das Schicksal seines Sohnes nachgrübeln zu müssen.
Es war ein unfreundlicher Planet. Zwar gehörte er der Klasse M an, bestand aber größtenteils aus Wüste, die Temperatur betrug weit über 40 Grad im Schatten. Hier und da wuchs ein blütenloser Strauch. Keine Spur von Leben, vergangenem oder gegenwärtigem. Nicht einmal ein Sandfloh hieß das Außenteam willkommen.

Sie kamen nur langsam voran. Ständig traf das Außenteam auf kilometerhohe Felsen, die es zu erklimmen galt. Sie schienen aus dem Nichts zu erscheinen, fast als wollte etwas oder jemand ihnen den Weg zu den Kindern versperren.

Nach kurzer Zeit stellte sich dem Außenteam ein neues Problem entgegen. Ein weiteres Kraftfeld aus der selben Beschaffenheit wie das planetenumspannende machte jegliches Weiterkommen unmöglich. Riker ertastete wie ein Pantomime das Kraftfeld. Data justierte seinen Tricorder, um bessere Messwerte zu erhalten. Beverly teilte den anderen mit, dass sich der Wasservorrat des Außenteams allmählich dem Ende zuneigte. Hoffentlich hatten die Kinder genug Wasser, kam es Riker in den Sinn.
In einigen Stunden würde es dunkel werden. Das Loch im Kraftfeld würden sie erst am nächsten Morgen erreichen, selbst wenn sie jetzt sofort wieder umdrehen würden. Somit saßen sie auf dem Planeten fest.
Data informierte Riker darüber, dass er den Ursprung des zweiten Kraftfelds lokalisiert hatte. Eine weitere halbe Stunde Fußmarsch würde sie zu einer Höhle führen. Vielleicht konnten sie dort übernachten und am nächsten Tag ihre Untersuchungen fortführen?
Riker aktivierte seinen Kommunikator. "Riker an Enterprise."  "Sprechen Sie, Commander."  "Captain, die Transportlücke erreichen wir erst morgen wieder. Wir haben eine Höhle lokalisiert, in der ein zweites Kraftfeld seinen Ursprung hat, möglicherweise auch das planetenumfassende. Wir machen uns auf den Weg dorthin und werden dort übernachten... . Ach, und Captain, hier würde es Ihnen nicht gefallen." Michelle schüttelte grinsend den Kopf. Humor hatte Riker, das musste man ihm lassen.
"Danke, für die Information, Nummer 1. Dann werde ich den Planeten nicht in die Liste meiner bevorzugten Reiseziele aufnehmen! Seien Sie vorsichtig und schlafen Sie gut. Enterprise Ende."

Das Außenteam machte sich sofort auf den Weg, um die letzten Sonnenstrahlen auszunutzen. Beverly lief auf gleicher Höhe neben Worf.
"Ich weiß, wie Sie sich fühlen, Worf." Er blickte sein Gegenüber fragend an. "Wesley war schon oft genug in Lebensgefahr, seit ich ihn auf das Schiff gebracht habe. Erinnern Sie sich noch, als die Edo ihn exekutieren wollten, weil er in der Bestrafungszone ein Blumenbeet zerstört hatte?... Ich kann also sehr gut Ihre Sorge um Alexander nachempfinden. Aber wie ich Ihren Sohn kenne, hat er die Führung der Gruppe übernommen, wenn Mr. Keith verletzt sein sollte."  "Wieso sind Sie sich so sicher?"  "Eben weil er Ihr Sohn ist." Beverly geriet ins Rutschen. Sofort ergriff Worf ihren Arm und zog sie hoch. Beverly bedankte sich.

Endlich hatte das Außenteam die Höhle erreicht. Eine seltsame Helligkeit ging von hier aus, leicht fluoreszierend. Ihre Augen mussten sich nach dem langen Dämmerlicht erst wieder an ein derart intensives Licht gewöhnen. Worf wollte sofort mit den Nachforschungen beginnen, doch Riker ordnete die Nachtruhe an. "Erst werden wir uns ausruhen! Data, Sie übernehmen die erste Wache. Dann ich, Beverly und zum Schluss Worf. Im Rhythmus von zwei Stunden. Gute Nacht."


"Enterprise an Riker. Aufstehen, Nummer 1." Riker blinzelte. Er hatte völlig die Orientierung verloren. "Wo zum Teufel bin ich?" Er bemerkte die Rufe der Enterprise. Der Captain wurde langsam ungeduldig.
"Riker, brauchen Sie eine Extra-Einladung?!" Schnell berührte er seinen Kommunikator. "Ich bin wach, ich bin wach. Wie spät ist es, Captain?" Riker blickte sich um, Worf scharte bereits ungeduldig mit seinen Stiefeln.
"Spät genug, Riker. Wecken Sie Ihr Team und nehmen Sie Höhle unter die Lupe. Oder muss ich runter beamen und Sie persönlich auf Trapp bringen?" Riker weckte die anderen.
"Das klappt auch von Ihrer derzeitigen Position aus hervorragend, Ma'am. Wir sind wach, restlos. Riker Ende!" Wütend und genervt stapfte er voran. Beverly lachte leise.
"Die beiden sind wie ein altes Ehepaar", flüsterte sie Data zu.
"Das habe ich gehört, Doktor! Nicht einmal, wenn sie die letzte Frau in der gesamten Galaxis wäre!!... Und jetzt kommen Sie, und hören Sie auf zu lästern!!" Beverly wollte gerade antworten, dass er sich an die eigene Nase fassen sollte, weil er letzte Nacht im Schlaf einige sehr interessante Dinge gesagt hatte, aber sie verkniff es sich.

Inzwischen hatte das Außenteam das andere Ende der Höhle erreicht. Eine Nische war in die Wand gehauen worden. Data richtete seinen Tricorder darauf. "Es befindet sich etwas in der Wand." Und seine Stimme schien dieses Etwas aktiviert zu haben. Vor den Augen des Außenteams erschien plötzlich ein Hologramm.
"Ich grüße Euch, Fremde." Das Hologramm, ein alter Mann in einem langen, weißen Gewand verneigte sich. "Was kann ich für Euch tun?"  "Wir möchten das Kraftfeld durchqueren. Oder noch besser deaktiviere es."  "Das ist leider unmöglich. Eindringlinge haben die planetaren Verteidigungsanlagen aktiviert. Sie bedrohen mit ihrer Anwesenheit die Sicherheit der Schöpfer." Beverly war fassungslos.
"Das sind doch nur Kinder! Sie wollten sich die archäologischen Artefakte ansehen. Sie stellen absolut keine Gefahr dar. Bitte..." Worf verlor die Geduld. Er zog seinen Phaser und stürzte sich auf das Hologramm. Sofort wurde ein Selbstverteidigungsprogramm aktiviert, das permanent auf ihn feuerte. Der Commander zog seinen Phaser, wollte feuern, als die Ärztin schrie: "Sind Sie wahnsinnig, Will? Es wird auch Sie angreifen!" Doch es war zu spät. Das Verteidigungssystem hatte die Situation analysiert, zielte auf Rikers Schulter und setzte ihn außer Gefecht. Der Commander wurde mit einer unglaublichen Wucht gegen die Wand zurückgeschleudert und blieb bewusstlos liegen. Der alte Mann erkannte, dass seine beiden gefährlichsten Gegner kampfunfähig waren, er stellte das Feuer gegen Worf ein, ließ ihn unsanft zu Boden fallen und verschwand.

Beverly versorgte Riker und Worf, den es sehr viel schlimmer erwischt hatte. Riker war nach einigen Minuten wieder einsatzfähig, so dass er sofort den Captain über die Ereignisse auf dem Planeten in Kenntnis setzte.

"Enterprise hier. Was ist los, Nummer 1?" Riker berichtete Captain Neech von dem Vorfall. "Ich komme mit einem weiteren Team runter."  "Sind Sie verrückt, Captain?! Haben Sie nicht zugehört? Wir wurden angegriffen. Worf wurde fast getötet."  "Riker, sparen Sie sich Ihre mütterliche Fürsorge. Ich bin Expertin auf dem Gebiet außerirdischer Technologie untergegangener Kulturen. Sie hätten meine Akte ein wenig genauer studieren sollen."


Einige Stunden später stand eine von Staub bedeckte und verschwitzte Michelle Neech vor ihrem ersten Offizier. Sie hatte seine Bedenken nicht völlig außer Acht gelassen und drei Leute von der Sicherheit mitgenommen. Das zweite Außenteam hatte Wasser, Essen, Decken und eine Trage für Lieutenant Worf mitgebracht.
Ein Mann war draußen zur Bewachung der Ausrüstung geblieben. Als Michelle nun Riker zu sich heranwinkte, wurde die Höhle von einem Erdbeben erschüttert. Felsen stürzten von den Wänden und begruben einen der Sicherheitsleute unter sich.

Erst nach einigen Minuten verschwand der Staub aus der Luft, aber er steckte noch in den Lungen des Außenteams. Riker hatte sich beim ersten Anzeichen von Gefahr schützend über seinen Captain geworfen. Jetzt, da sie langsam wieder zu sich kam, schob sie ihn unsanft von sich runter.
"Riker, runter von mir!"  "Oh, verzeihen Sie, dass ich Ihnen gerade das Leben gerettet habe, Captain!"
Michelle klopfte sich den Staub von ihrer Uniform und warf ihrem ersten Offizier einen giftigen Blick zu. "Sie wissen genau, dass ich Ihnen dankbar bin!" fauchte sie ihn an. "Sie haben nur eine merkwürdige Art, mir das zu zeigen!"  "Es tut mir leid... Data, gehen Sie nach draußen und überprüfen, was von unserer Ausrüstung noch übrig ist."
Michelle bahnte sich ihren Weg zu Lieutenant Riley, den Beverly gerade untersuchte. Fragend sah sie die Ärztin an. Beverly schüttelte nur den Kopf. "Er war sofort tot. Der große Felsen hat seine Lungen wie einen Luftballon platzen lassen... . Worf lag zum Glück weit ab vom Geschehen. Sein Zustand ist zwar kritisch, aber er wird überleben. Wenn ich ihn so schnell wie möglich auf die Krankenstation schaffen kann... . Und wie geht es Ihnen, Captain?"  "Dank dem selbstlosen Einsatz von Commander Riker lebe ich noch", erklärte sie ironisch. Beverly scannte Michelle mit dem Tricorder und hielt an ihrem Kopf an.
"Nur ein Kratzer", winkte Michelle ab. "Nur kein Dank!" rief Riker wütend und ging zum Ausgang der Höhle. Michelle ignorierte ihn. "Ist er immer so empfindlich morgens?" Beverly ging nicht auf den Scherz ein. "Er hat Ihnen wirklich das Leben gerettet."  "Ich weiß. Und ich hasse den Gedanken, einem Mann und besonders ihm etwas zu schulden." Beverly blickte sie fragend an, doch Michelle ignorierte auch dies.

Zur selben Zeit untersuchte Data die Ausrüstung. Nichts hatte das Erdbeben überstanden. Sie waren soweit wie gestern, mit dem Unterschied, dass ein Crewmitglied tot war, ein weiteres in Lebensgefahr schwebte und ein viel größeres Team auf diesem fremdenfeindlichen Planeten festsaß.


"Mr. Keith, Sie dürfen nicht einschlafen!" befahl Alexander seinem schwerverletzten Lehrer. Mr. Keith blutete stark am Kopf, Alexander vermutete auch innere Verletzungen. Wo blieben nur sein Vater und das Rettungsteam? Sie mussten doch längst bemerkt haben, was passiert war.
Timmy Riley trat neben Alexander und flüsterte ihm etwas zu. Alexander erwiderte, dass er gleich kommen würde. "Sir, ich muss mich um die anderen kümmern. Sie haben Angst." Wie ich, setzte er in Gedanken hinzu, gab sich nach außen aber tapfer. Mr. Keith nickte und wurde dadurch von einem neuerlichen Hustenanfall gepeinigt. Seine Lungen rasselten bedenklich bei jedem weiteren Atemzug. Wann kam endlich das Rettungsteam, fragte Alexander sich zum wiederholten Male.


Michelle bastelte an einer Trage. Data hatte im Umkreis der Höhle Holz und die Überreste der mitgebrachten Trage zusammengesucht. Nun machte es sich bezahlt, dass Michelle als Kind Mitglied bei den Pfadfindern gewesen war.
Worf musste unbedingt auf die Enterprise geschafft und medizinisch versorgt werden. Riker wandte ständig ein, dass das Hologramm sie möglicherweise angreifen würde, sollten sie die Höhle in Richtung der Transportlücke verlassen. Ja, er könnte damit richtig liegen, aber sollte Michelle ihren Sicherheitsoffizier wegen einer bloßen Vermutung hier unten sterben lassen, obwohl sich die Enterprise nur ein paar tausend Kilometer über ihnen im Orbit befand?

"Vielleicht müssen wir das Hologramm nur ablenken, irgendwie beschäftigen?!" überlegte Michelle, als sie letzte Hand an die Trage legte. "Gut möglich... . Captain?"  "Ja, Nummer 1?" fragte Michelle, ohne von ihrer Tätigkeit aufzusehen. "Sollten wir bis zum Ende dieser Rettungsmission unser Kriegsbeil nicht begraben?" Michelle grinste. "Ich wusste gar nicht, dass wir Krieg führen. Aber wenn Sie das so sehen... ." Sie streckte Riker ihre Hand entgegen, der sie grinsend schüttelte. "Und jetzt", Michelle stand auf und klopfte sich den Staub von den Hosen. "werde ich mich mit unserem Freund, dem Hologramm, ausgiebig über untergegangene Kulturen unterhalten", erklärte sie und ging in Richtung der Projektionsvorrichtung fort. Unterwegs erteilte sie Dr. Crusher die Order, Worf auf die Trage zu legen und den Abtransport vorzubereiten.

"Ich möchte gerne mit Ihnen über den Abzug meines Außenteams und die Kinder im Shuttle verhandeln."  "Es gibt nichts zu verhandeln. Sie sind Eindringlinge. Und bedrohen die Schöpfer." Michelle stemmte die Arme in die Seiten. "Ihre sogenannten Schöpfer existieren schon lange nicht mehr."  "Sie sind allgegenwärtig." Michelle wurde es allmählich zu bunt. Ihr zerrann die Zeit zwischen Fingern wie feiner Wüstensand, ebenso schnell wie Worfs Zeit verrann.
"Ihre Überreste sind allgegenwärtig, damit mögen Sie Recht haben, aber dennoch müssen Sie die Tatsache akzeptieren, dass Sie keinerlei Funktion mehr erfüllen. Geben Sie uns den Weg frei oder wir werden Sie zerstören!" Um ihre Drohung zu unterstützen, zog Michelle ihren Phaser.
"Captain!" hörte sie Riker aus dem vorderen Teil der Höhle rufen.
"Riker, halten Sie sich da raus, ich weiß, was ich tue!" Aber wusste sie das tatsächlich? Michelle war sich da nicht so sicher. Konnte sie das Hologramm bluffen?

Zur selben Zeit im abgestürzten Shuttle. "Mr. Keith, Mr. Keith! Wachen Sie auf!!" Alexander schüttelte seinen Lehrer hin und her. Aber er bekam keine Antwort, denn er hielt einen leblosen Körper. Mr. Keith war tot, hatte die Kinder alleine gelassen. In einer feindlich gesonnenen Umgebung. Alexander spukten Tausende von Fragen durch den Kopf. Die anderen Kinder hatten Durst, Hunger und schreckliche Angst. Und Alexander konnte ihnen weder für das eine noch für das andere Linderung verschaffen. Angst hatte er selbst, auch wenn er sie als Klingone seiner Umwelt nicht zeigte. Und ihre physischen Bedürfnisse konnte er auch nicht stillen, der Replikator hatte keine Energie mehr. Wie sollte Alexander die Kinder unter Kontrolle halten, jetzt da der Lehrer tot war?

"Sie sollten einsehen, dass ich nicht zögern werde, Sie zu vernichten, falls Sie weiterhin so uneinsichtig sind!" Das Hologramm blieb sichtlich unbeeindruckt. "Schalten Sie den planetaren Schutzschild und die zweite Barriere augenblicklich aus, ich befehle es!" forderte Michelle mit Nachdruck und richtete den Phaser auf den Projektor.
"Woher wissen Sie von dem planetaren Schutzschild? Davon wissen nur die Schöpfer!" empörte sich das Hologramm. Nun hatte Michelle einen Geistesblitz für ihren Bluff.
"Nun, endlich hast du meine wahre Identität erkannt. Ich bin ein Schöpfer. Wirst du nun den Schutzschild ausschalten?" Das Hologramm verneigte sich demütigst.
"Euer Befehl ist ausgeführt. Die Personen in dem Shuttle habe ich auf Euer Schiff teleportiert. Soll ich Euch nun auch wieder dorthin bringen?" Michelle steckte ihren Phaser weg. "Nein, dass ist nicht nötig. Aber ich befehle dir hiermit, dich unabänderlich zu deaktivieren. Wir benötigen deine Dienste nicht mehr."  "Wie Ihr wünscht, Schöpferin." Das Hologramm flackerte und löste sich in Luft auf.

Michelle begab sich zum Ausgang der Höhle. "Aufstellung zum Beamen!"  "Gut gepokert, Schöpferin!" Riker grinste seinen Captain an.

"Habt keine Angst! Sie werden uns bald finden!" Timmy Riley trat neben Alexander. "Ach, hör' doch auf!! Die Enterprise hat längst den Orbit verlassen! Ein paar Kinder mehr oder weniger, was macht das schon aus bei über eintausend Besatzungsmitgliedern! Dem neuen Captain sind wir wahrscheinlich völlig egal!" Jennifer Caveno fing an bitterliche Tränen zu vergießen. Alexander nahm sie tröstend in den Arm. "Red doch keinen Unsinn!" Plötzlich umgab die Kinder ein Glühen, nicht das vertraute bläuliche Glühen, sondern ein eher rötliches Leuchten. Endlich, dachte Alexander und atmete erleichtert auf.

"Enterprise, hier Neech. Beamen Sie uns direkt auf die Krankenstation. Bereiten Sie Photonentorpedos auf diese Koordinaten vor. Energie."

Wenig später hatte Michelle die traurige Aufgabe dem jungen Tim Riley mitzuteilen, dass sein Vater in Erfüllung seiner Pflicht auf dem Planeten ums Leben gekommen war.
Worf war aufgrund der hervorragenden Versorgung auf der Krankenstation bereits wieder auf dem Wege der Besserung.
"Leider haben wir zwei Besatzungsmitglieder auf einer Mission, die als Schulausflug begonnen hatte, verloren. Lieutenant Riley und Mr. Keith. Den Kindern geht es gut. Mr. Worf ist ebenfalls außer Lebensgefahr.
Wir haben die Projektionsvorrichtung und die komplette Höhle mit Photonentorpedos zerstört. Dennoch werde ich in meinem Bericht zu aller größter Vorsicht raten bei einer Annäherung an den Planeten. Dies halte ich... ."

Hier war es anscheinend an der Tagesordnung, seinen Captain beim Logbucheintrag zu stören. "Ja, bitte!" Riker betrat den Raum. Noch hatte er sich nicht daran gewöhnt, hier nicht mehr Captain Picard anzutreffen.
"Alles verläuft normal", meldete er. Michelle nickte zufrieden.
"Sind Sie nur wegen des Statusberichtes gekommen, Nummer 1?"  "Nein, Ma'am. Ich wollte meine Bewunderung ausdrücken, wie souverän Sie das Problem gelöst und das Hologramm ausgetrickst haben." Michelle lächelte. "Nur leider mussten zwei meiner Crewmitglieder sterben." Sie seufzte. "Captain, jeder weiß, wie gefährlich der Dienst in der Sternenflotte sein kann. Auch die Lehrer, die an Bord der Enterprise unsere Kinder erziehen."  "Ja, da haben Sie wohl Recht, Riker... . Übrigens, danke noch einmal, dass Sie mir das Leben gerettet haben." Ihr erster Offizier deutete ein Lächeln an.

Michelle drehte sich von Riker fort und beobachtete die Sterne, die zu langen, feinen Strichen verschwammen, als das Schiff auf Warpgeschwindigkeit beschleunigte. Riker drehte sich zur Tür und ließ seinen Captain mit ihren Gedanken alleine.



2. Der vergessene Planet

"Es ist mir egal, was Sie denken, Riker! Wir verlassen uns auf die Sensoren. Und die sagen, dass es in diesem System kein humanoides Leben gibt. Der Klasse-M-Planet ist unbewohnt." Michelle stand von ihrem Platz am Konferenztisch auf und schritt den Besprechungsraum auf und ab. Sie wusste inzwischen, dass sie Riker damit reizen konnte.
"Aber bitte..." Sie machte eine einladende Geste in Rikers Richtung. "wenn Sie es besser wissen, beamen Sie hinunter. Das einzige, was Sie finden werden, sind ein paar Tiere. Dann können Sie im Arboretum einen Zoo einrichten!" Michelle hatte hämmernde Kopfschmerzen. Seit einer dreiviertel Stunde diskutierten, oder besser stritten sie über Rikers Vermutung. Die übrigen Führungsoffiziere hatte Michelle längst zurück auf ihre Posten geschickt. Sie wollte Riker und sich die Peinlichkeit eines öffentlichen Streits ersparen. Allerdings waren ihre häufigen Dispute bereits das Gesprächsthema in Ten Forward.
Riker behauptete nun steif und fest, auf dem Planeten, in dessen Orbit sie sich befanden, gebe es Leben, obwohl die Sensoren etwas anderes sagten. Allerdings gab es magnetische Störungen, so dass man nur von einer sechzigprozentigen Korrektheit der Daten ausgehen konnte.
"Also gut, stellen Sie ein Außenteam zusammen. Aber jetzt gehen Sie endlich!" Will nickte zufrieden. Er hatte seinen Willen bekommen, ob er seinen Captain allerdings überzeugt hatte, diesbezüglich war er sich nicht sehr sicher.
Leider war diese Diskussion kein Einzelfall. Auch Riker wusste, dass die Crew bereits über ihn und Captain Neech schmunzelte. Schlug Riker etwas vor, lehnte sie es kategorisch ab. Brachte er offensichtliche Beweise für etwas, schaffte sie es, diese zu widerlegen. Es schien fast, sie wollte ihn seit ihrem ersten Streit über die 15. Direktive nicht an Boden gewinnen lassen. Beinahe jeden Tag in dieser endlos scheinenden Woche waren der Captain und ihr erster Offizier aneinander geraten.

Zwei Minuten nachdem Riker endlich verschwunden war, ging Michelle auf die Krankenstation. Natürlich würde Beverly sie wieder auf die Ursachen ihrer Kopfschmerzen ansprechen. Denn diese Art von Schmerz war im 24. Jahrhundert so gut wie eliminiert.
Beverly Crusher sah ihrem Captain sofort an, weshalb sie ärztlichen Beistand benötigte. "Schon wieder Streit mit dem Commander?! Wie lange diesmal?"  "Eine geschlagene dreiviertel Stunde! Beverly, was habe ich ihm getan? Kann er es nicht verkraften, dass ich die Enterprise bekommen habe und nicht er? Oder kann er keine Befehle von einer Frau vertragen?"
Beverly trat mit einem Hypospray auf Michelle zu.
"Ich möchte kurz Ihre Funktionen überwachen... . Vielleicht sollten Sie Commander Riker diese ganzen Fragen stellen? Auf jeden Fall sollten Sie sich entspannen. Legen Sie sich auf das Biobett. Meine Großmutter sagte immer: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird."  "Nun, bei unserem guten Commander anscheinend schon. Alles, was ich sage, legt er auf die Goldwaage."  "Und Sie?" Michelle blickte schuldbewusst.
"Ich verstehe es auch nicht, Beverly. Seit Anfang an geraten wir uns in die Haare. Seit er mir die 15. Direktive in Anwesenheit der Brückencrew unter die Nase gerieben hat, ist er ein rotes Tuch für mich. Er und jedes Wort von ihm machen mich wahnsinnig... . Obwohl er eigentlich einen sehr charmanten Eindruck macht, wenn wir nicht gerade über die Arbeit reden."  "Ich stimme Ihnen zu, Will ist überaus charmant, und mit Captain Picard kam er auch immer hervorragend zurecht... . Bleiben Sie noch kurz liegen. Ich komme gleich wieder." Die Ärztin ging ihr Büro.

Währenddessen untersuchte Riker mit seinem Außenteam den Planeten. Er suchte mit Data und Wes nach den von ihm vermuteten Lebensformen. Sie erstiegen gerade einen Hügel. Unglaublich. Dort vor aller Augen standen primitive Hütten!
"Data, orten Sie jemanden?"  "Nein, Sir. Hier lebt schon seit langer Zeit niemand mehr. Die Luft enthält Bakterien, die aber inzwischen ihre ursprünglich tödliche Wirkung verloren haben."  "Wurden die Bewohner dieses Planeten Opfer einer natürlichen Vergiftung? Wurden Sie getötet? Einen bakteriologischen Krieg kann man bei ihrer augenscheinlichen Entwicklungsstufe eigentlich ausschließen", meinte Riker. "Wir können von einer Auslöschung der einheimischen Humanoiden durch das Wirken einer dritten Partei ausgehen. Den Grund kann ich aufgrund der geringfügigen Daten allerdings nicht bestimmen." Riker nickte. "Gut, sehen wir uns um." Sie stiegen den Hügel hinab.
Riker näherte sich einer Hütte, in die er hineingehen wollte, als er von etwas aus dem Inneren angesprungen wurde. Seinen Phaser konnte er im Gegensatz zu Data und Wesley Crusher nicht mehr ziehen. Seine Begleiter konnten nicht feuern, da Riker permanent in die Schusslinie geriet. Schließlich versetzte das Tier Will einen Schlag und verletzte ihn an Schulter und Arm. Riker schrie auf. Als es endlich von ihm abließ, feuerte Data und tötete es. Er befreite seinen Commander von dem auf ihm liegenden Tier, das große Ähnlichkeit mit einem irdischen, längst ausgestorbenen Säbelzahntiger hatte.
"Geht es Ihnen gut, Commander?" erkundigte Data sich, während er Riker wieder mühelos auf die Füße half. "Ich lebe noch. Aber dieses Tier hat mich ganz schön erwischt."  "In der Tat, Commander. Sie sollten sich umgehend auf die Krankenstation begeben", bemerkte Data. "Ja, Sie haben Recht, Data. Aber Sie und Wesley begleiten mich zurück auf das Schiff. Wir müssen bei unserer Rückkehr auf den Planeten mit aller größter Vorsicht unsere Untersuchungen fortführen." Seine Kollegen nickten. Riker versuchte, seinen Kommunikator zu aktivieren, seine Schmerzen ließen es aber nicht zu. Reaktionsschnell rief Data die Enterprise und ließ sie zurückbeamen.

Beverly war gerade zurückgekommen, als Riker die Krankenstation mit zerfetzter Uniform betrat. Michelle setzte sich auf. "Will, was ist passiert?" fragte sie besorgt wirkend. Riker begab sich umgehend zu einem Biobett. Dr. Crusher scannte ihn mit seinem Tricorder, Schwester Ogawa bereitete ein Hypospray vor.
"Will, ziehen bitte die Überreste Ihrer Uniform aus, damit ich den Hautregenerator anwenden kann. Schwester Ogawa gibt Ihnen etwas gegen die Schmerzen." Sie nickte ihrer Assistentin zu, die die Order augenblicklich ausführte.
Trotz aller Anstrengungen konnte Michelle es nicht verhindern einen Blick auf Rikers Oberkörper zu werfen. Und trotz seiner Verletzungen, einem offensichtlichen Prankenhieb über seine athletisch gebaute und gut trainierte Brust, empfand Michelle ein wohliges Kribbeln durch ihnen Körper fahren, dass sie schon viel zu lange nicht mehr verspürt hatte. Erschrocken über diese Gefühlsregung wandte Michelle ihren Blick von Riker ab und beobachtete seine Lebensfunktionen über dem Biobett, auf dem er lag.

"Was ist denn nun passiert, Commander?"  "Nun, wir fanden keine Humanoiden, dafür aber sehr gefährliche Tiere, die an Säbelzahntiger erinnern. Als wir uns einer Hütte näherten, wurde ich angegriffen und verletzt."  "Sagten Sie Hütte?"  "Ja, es gab dort einst eine Zivilisation. Sie wurde von einer bis jetzt noch unbekannten dritten Partei mit Hilfe von Bakterien, die inzwischen ihre Wirkung verloren haben, ausgerottet. Ich hatte also Recht, Captain."
Beverly war fast fertig mit der Behandlung, von Rikers Verletzung keine Spur mehr. Sie informierte Riker, dass die Schmerzen in den nächsten Tagen noch häufiger auftreten könnten und bat ihn, dann auf die Krankenstation zu kommen.
Michelle sprang von ihrem Biobett, funkelte Riker böse an und erklärte: "Nun, so gesehen hatte ich auch Recht, Nummer 1. Und wenn Sie auf mich gehört hätten und auf dem Schiff geblieben wären, hätten Sie sich die Attacke Ihres Säbelzahntigers ersparen können!" Riker funkelte böse zurück, zog seine Uniform wieder über.
"Richtig, aber ich konnte es beweisen. Und dort unten gibt es ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Wir sind doch Forscher, oder? Außerdem könnten wir den Planeten als Kolonie annektieren, wenn niemand einen Anspruch darauf erhebt."  "Sicher, Riker. Forschen Sie weiter. Da Sie Ihren Drang anscheinend nicht unter Kontrolle haben, werden Sie sofort mit mehreren Teams auf den Planeten zurückkehren. Packen Sie sich ein Hypospray ein!" merkte sie nicht ohne einen sarkastischen, bissigen Unterton in ihrer Stimme an. Dann rauschte sie aus der Krankenstation.

Michelle wies die Außenteams auf die Gefährlichkeit der einheimischen Tiere hin und bat ihre Leute um besondere Vorsicht. Es galt, ein Rätsel zu lösen. Die Anfrage, ob der Planet als Kolonie der Föderation zu annektieren wäre, war bereits per Subraumnachricht an den Rat der Föderation geschickt wurden. Man hatte Michelle angewiesen alle Tier- und Pflanzenarten zu katalogisieren und vor allem das Rätsel über die Ausrottung der Ureinwohner des Planeten zu lösen.


Es war Abend. Michelle wollte sich eigentlich einen gemütlichen Abend in ihrem Quartier machen. Ein Glas Wein trinken, ein gutes Buch lesen und sie wartete auf eine Subraumverbindung zur Erde, um noch ein wichtiges Gespräch zu führen. Doch Ionenstürme zwischen dem Sektor 001 und ihrer derzeitigen Position behinderten ihren Wunsch.
Der Türsummer ertönte. Michelle trällerte fröhlich "Herein." Als Riker eintrat, erstarb ihr das Lächeln auf den Lippen. Sie gab sich kühl und reserviert. Sie stöhnte innerlich auf. Noch nicht einmal nach Dienstschluss konnte dieser furchtbare Mensch sie zufrieden lassen.
"Oh, Riker. Sind Sie gekommen, um unseren kleinen Disput auf der Krankenstation fortzusetzen? Wollen Sie Publikum oder genügt es Ihnen unter vier Augen?" Riker hörte deutlich den Sarkasmus, den Michelle ihm wieder einmal entgegen schleuderte, ignorierte ihn aber.
"Nein, Captain. Ich möchte mich entschuldigen. Die letzten Stunden habe ich über mein Verhalten Ihnen gegenüber seit Ihrer Ankunft auf der Enterprise nachgedacht. Ich habe mich nicht sonderlich fair verhalten. Ich möchte um Entschuldigung bitten." Michelle sackte die Kinnlade ein klein wenig nach unten.
"Ich hätte auf dem Schiff bleiben sollen. Sie hatten Recht. Oder wenigstens vorsichtiger auf dem Planeten sein."  "Aber Sie wollten mir die Genugtuung nicht geben und Ihrem Ruf als Abenteurer gerecht werden und mich beeindrucken." Er grinste, wie ein Kind, das bei einer verbotenen Tat erwischt worden war.
"Touché!"
Nun war Michelle es, die grinste.
"Nun, Riker. Wollen wir einen neuen Waffenstillstand wagen? Wollen Sie heute Abend mit mir auf dem Holodeck essen?" Er sah sie verwirrt an. Was hatte diese Frau nun schon wieder vor? "Ich habe noch nichts vor, Captain", erklärte er völlig lässig. Doch sein Herz schlug schnell, zu schnell für eine Essenseinladung eines Captains an ihren ersten Offizier.
"Gut, dann kommen Sie in einer Stunde wieder. Im Smoking. François legt wert auf Abendgarderobe." Riker grinste. Diese Frau überraschte ihn immer wieder. "Gut, dann sehen wir uns einer Stunde."

Michelle verschwand sofort in ihrem Schlafzimmer und suchte nach einem ganz bestimmten Kleid. Sie hatte ein merkwürdiges Gefühl, was diesen Abend mit Riker betraf. Irgend etwas würde heute passieren. Ihr Herz klopfte mit jeder Minute schneller. Wäre Michelle ehrlich zu sich gewesen, hätte sie sich eingestanden, dass sie sich in den letzten Monaten in ihren ersten Offizier verliebt hatte. Die Streitereien waren ein Ventil, um keinen Verdacht vor der Crew und auch vor Riker aufkommen zu lassen. Doch heute war etwas passiert, eine Veränderung. Sie war ernstlich besorgt gewesen, als Riker verletzt von der Außenmission zurückgekehrt war. Und als sie Riker dann mit nacktem Oberkörper gesehen hatte, hatte sie sich für einen weitreichenden Schritt entschieden. Sie konnte nun das Herzklopfen, das sie in seiner Gegenwart verspürte, nicht länger ignorieren. In ihr brannte ein Feuer, wenn sie an ihren ersten Offizier dachte. Ein Verlangen war erwacht. Und die Vorschriften der Sternenflotte verboten weder romantische Beziehungen zwischen Offizieren niederer Ränge, noch zwischen dem Captain und ihrem Stellvertreter.

Eine Stunde später stand Riker in einem schwarzen Smoking vor ihrem Quartier und betätigte den Türsummer. Michelle schlüpfte schnell hinaus, um Riker an einem Blick in das Quartier zu hindern. Sie hatte ziemlich ihrem Quartier gewütet auf der Suche nach dem Kleid, das sie nun trug.
Will verschlug es die Sprache, als er seinen Captain genauer betrachtete. Sie trug ein eng anliegendes mit roten Pailletten überzogenes Abendkleid. Ihr langes, vormals braunes Haar, hatte nun einen leichten Rotstich, es fiel ihr in leichten Wellen über die Schultern. Riker schluckte.
"Haben Sie noch nie einen Captain in zivil gesehen, Riker?" Nun, diesen Captain würde er gerne öfters in zivil sehen, vor allem, wenn sie so hervorragend aussah.
"Verzeihen Sie, Captain. Aber ich bin ziemlich beeindruckt von dem Kleid und Ihrem ganzen Erscheinungsbild... ." Michelle lächelte. "Nennen Sie mich Michelle. Wir haben doch keinen Dienst." Nun lächelte auch Riker. "Gut, dann nennen Sie mich bitte Will." Galant bot er ihr nun den Arm und sie gingen zum Holodeck.

Michelle rief sofort ihr Programm auf. Sie schritten durch die Türen und betraten - Paris. Will war erstaunt. Er war während seiner Studienzeit auf der Akademie einige Male in Paris gewesen. Doch er war sich sicher, dass jedes kleinste Detail stimmte.
Für Michelle war dies kein Wunder. Sie hatte bis zu ihrem zwölften Lebensjahr in Paris gelebt. Doch dann war es zum Eklat zwischen ihrem Onkel Jean-Luc und ihrem Vater Jack gekommen. Heute wusste sie, dass Jack keinen weiteren Kontakt zwischen Vater und Tochter gewünscht hatte. Jack Neech hasste seinen vormals besten Freund Picard, da dieser in seinen Augen seine Frau Amanda hinterrücks verführt und Michelle mit ihr gezeugt hatte. Nach einem sehr heftigen Streit zwischen Jack und Amanda war Jack spurlos verschwunden. Picard war zu dieser Zeit gerade auf der Erde und wollte die Neechs besuchen. Als enger Freund tröstete Picard die arme Amanda. Etwas zu gut. Als Jack aus der Versenkung auftauchte, war Amanda schwanger - von Picard. Nachdem Jack zwölf Jahre das, in seinen Augen entwürdigende, Spielchen mitgemacht hatte, war er ohne eine Adresse für Picard zu hinterlassen fortgezogen. Doch als Michelle sich mit siebzehn Jahren zusammen mit ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Brian an der Sternenflottenakademie einschrieb, fand Picard seine Tochter wieder und klärte sie über die Vergangenheit auf und warum er sie während der letzten fünf Jahre nicht mehr hatte besuchen dürfen.
Doch die Jahre in Paris würde Michelle nie vergessen. Auch während ihrer Studienzeit war sie regelmäßig bei François gewesen. Und jetzt Lichtjahre von der Erde entfernt, hatte sie sich ein kleines Stück Paris bewahrt.

Sie hatten das Dessert beendet. "Sagen Sie, Will, tanzen Sie?" Will schluckte. "Nicht besonders gerne und auch nicht sonderlich gut. Ich musiziere lieber", er versuchte einen eleganten Themenwechsel. Michelle ging darauf ein. "Ja, ich spiele Posaune und Trompete. Ich liebe Jazz."  "Tja, aber auf Jazz wollte ich jetzt eigentlich nicht tanzen. Kommen Sie, Riker, oder brauchen Sie einen direkten Befehl Ihres Captains?" Er grinste siegessicher. "Wir sind nicht im Dienst, Michelle", erinnerte er sie und glaubte, bereits gewonnen zu haben. Sie ergriff seine Hand und zog ihn vom Stuhl hoch. Riker war erstaunt über die Kraft seines hübschen und zierlichen Gegenübers.
"Computer, Band Michelle 1 generieren." Schon erschien diese und spielte ein langsames, romantisches Lied. Will führte Michelle zur Tanzfläche. Und entgegen seiner eigenen Meinung, hielt Michelle ihren ersten Offizier für einen sehr guten Tänzer.

Nach einer Weile änderte Michelle mit Rikers Einverständnis noch einmal das laufende Programm.
Scheinbar hatte sie seit ihrer Ankunft eine Vielzahl neuer Programme entwickelt. Schon die Simulation von Paris hatte Riker schwer beeindruckt. Was hatte Michelle noch in petto? Seine Frage war beantwortet. Von einer Sekunde zur anderen standen sie an einem von Palmen gesäumten Strand bei Sonnenuntergang.
Tief in dieser sarkastischen Frau steckte eine echte Romantikerin, die wohl nur wenige sehen durften.

Es war auf einmal sehr still. Nur die Brandung und das Rauschen der Wellen war zu hören. Will und Michelle blickten sich tief in die Augen und für den Bruchteil eines Augenblicks dem anderen in die Seele. Will streckte behutsam die Hand nach ihr aus. Es war verrückt, was er da vorhatte. Es könnte ihn die Karriere kosten.
Zärtlich strich er Michelle eine Strähne aus dem Gesicht. Sie lächelte ihn an. Ihre Augen funkelten. Langsam näherte Riker sich ihr und küsste sie.

Nicht einmal im Traum hätten sie mit einer solchen Entwicklung gerechnet. Riker trat einen Schritt zurück und erwartete seine wohlverdiente Ohrfeige. Die aber ausblieb. Nichts außer der Brandung und der Spannung, die jetzt in der Luft lag, waren zu hören und zu spüren. Sie wagten nicht, sich zu bewegen, weil sie fürchteten die Seifenblase könnte zerplatzen, sie könnten aus dem Traum, den sie gerade gemeinsam träumten, wieder erwachen.
Michelle blickte in Rikers blaue Augen, tief wie der Ozean und verlor sich in ihnen.

"Ich fürchte, ich bin verliebt, Nummer 1." 
"In wen, Captain?" fragte er Bestürztheit über diese Gefühlsregung des sonst so kühlen Captains spielend.
"In dich, Will Riker."

Sie trat einen Schritt vor und küsste ihn. Sie sanken einander in die Arme und in einen leidenschaftlichen Kuss. Nun gab es kein Zurück mehr. Der Captain der Enterprise liebte ihren ersten Offizier, es war verrückt, ungewöhnlich, noch nie da gewesen, aber nicht mehr zu ändern.

Sie setzten sich in den Sand. "Können wir über einen permanenten Frieden verhandeln?" scherzte Michelle. Riker grinste. "Dann würde die Crew aber ziemlich schnell misstrauisch werden. Denkst du nicht?"  "Ja. Wir sollten es sowieso noch eine Weile geheim halten, bis wir wissen, wie sich alles entwickelt... . Und da ist noch etwas, dass ich dir unbedingt sagen muss und wobei ich dich auch um Stillschweigen bitten muss." Er nickte und rätselte über Michelles Aussage.
"Du hast mich bei meinem Kommandoantritt gefragt, ob ich Picard nicht mag. Nun wir haben ein paar familiäre Probleme." Sie sprach immer noch in Rätseln. "Du hast doch nicht etwa ein Kind mit ihm?"  "Geht dieses Gerücht auf dem Schiff um? Dass ich Picards Geliebte war? Nein, war ich nicht. Ich habe auch kein Kind mit ihm. Ich bin sein Kind. Ich bin Jean-Luc Picards uneheliche Tochter. Nur seine engsten Freunde in der Sternenflotte wissen davon. Diese Information taucht auch zwar in meiner Dienstakte auf, es ist aber als geheim eingestuft und nur dem Oberkommando bekannt. Wir haben, wie gesagt, einige Probleme, seit siebzehn Jahren etwa. Sollten wir die jemals klären, wird jeder erfahren, dass ich Jean-Luc Picards Tochter bin." Will schüttelte ungläubig den Kopf. Er hatte ja nun wirklich mit allem gerechnet. Ja, er war fest davon überzeugt gewesen, dass Michelle seine ehemalige Geliebte war und sie ein Kind von ihm hatte. Das ganze Schiff glaubte dies.
"Vielleicht solltest du diese Tatsache wenigstens bekannt geben. Man munkelt, auf der Erde würdest du Picards Kind großziehen lassen." Michelle zuckte zusammen bei dem Wort Kind. Noch war Riker nicht bereit für weitere Wahrheiten aus ihrem Leben.
"Ich muss erst eine Möglichkeit finden, mich mit meinem Vater auszusöhnen. Vielleicht wenn er das nächste Mal auf die Enterprise kommt? Aber im Moment soll es noch niemand wissen, die Crew kann weiterhin denken, was sie will. Ich muss mich erst noch an die Situation gewöhnen, den Karrieresprung, jetzt die Sache mit dir... . Ich brauche dafür immer ein bisschen länger als andere." Er lächelte Michelle liebevoll, wenn auch ein wenig verwirrt an. Er selber konnte auch noch nicht begreifen, was sich in den letzten Stunden und ganz besonders in den letzten Minuten zwischen den beiden ereignet hatte.
Michelle blickte Riker tief in die Augen. "Begleite mich in mein Quartier." Ein Lächeln, ein wohlwissendes, verführerisches umspielte Rikers Lippen. "Und die Crew?"  "Du kommst in ein paar Minuten nach." Er nickte einverstanden. Michelle stand aus dem Sand auf, säuberte ihr Kleid und verließ das Holodeck. So hatte sie wenigstens noch einige Minuten, das größte Chaos in ihrem Quartier verschwinden zu lassen.


Früh am nächsten Morgen verließ Riker nach einer sehr leidenschaftlichen Nacht Michelles Quartier. Er wurde von niemanden gesehen.
Als Michelle aufwachte, fürchtete sie im ersten Moment, alles nur geträumt zu haben. Traurig drehte sie sich im Bett um, auf die Seite, wo Riker nach ihrer Vorstellung gelegen hatte. Und auf dem Kissen lag eine rote, langstielige Rose. Und auf dem Boden lag achtlos hingeworfen ihr rotes Kleid, standen zwei Champagnergläser. Michelle huschte ein Lächeln über die Lippen. "Er liebt mich", flüsterte sie.
Beschwingt stand Michelle auf und streifte sich ihren seidenen Kimono über.
Über die interne Kommunikation rief sie Riker.
"Guten Morgen, Will."  "Guten Morgen, Cap." Sie lächelte für Riker, obwohl nur eine Audiokommunikation stattfand.
"Ich dachte, es wäre nur ein Traum gewesen. Aber ich bin froh, dass es nicht so ist... . Wie verhalten wir uns nachher?" fragte sie etwas hilflos.  "Ganz normal. Wir brauchen uns ja nicht unbedingt streiten, sollten aber professionell miteinander umgehen. Was wir im übrigen immer tun sollten, auch wenn die Crew es später einmal wissen wird." Michelle nickte.
"Ja, du hast Recht. Gut, wir sehen uns. In einer halben Stunde ist die Einsatzbesprechung."  "Bis dann, Cap."

Die müde Alpha-Schicht wurde gerade abgelöst, als Michelle die Brücke betrat. Sie grüßten ihren Captain noch mit einem "Guten Morgen" und freuten sich auf ihre gemütlichen Betten.
Kurz danach trat auch Riker seinen Dienst an. Er schickte seinem Captain ebenfalls ein freundliches "Guten Morgen", das sie ebenso freundlich erwiderte. Niemand ahnte etwas.

Vor dem offiziellen Beginn der täglichen Einsatzbesprechung erkundigte Dr. Crusher sich nach Rikers Befinden. Er erklärte, dass er gestern wohl zu lange Posaune gespielt hätte, da er leichte Schmerzen in der Schulter hatte. Beverly bat ihn, vor dem Einsatz auf der Krankenstation vorbeizukommen. Michelle musste sich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Posaune! Die beiden kommandierenden Offiziere des Föderationsschiffes Enterprise hatten gestern die höchsten Gipfel ihrer neugeborenen Leidenschaft erklommen und dabei hatte Riker seine verletzte Schulter natürlich zu sehr strapaziert. Aber die Ausrede war gut, gestand Michelle ihm zu. Beverly glaubte ihm.

Michelle instruierte nun die Leiter der Außenteams über die heutigen Aufgaben und entließ anschließend alle wieder auf ihre Posten.
"Commander Riker, würden Sie bitte noch einen Moment hier bleiben?" Die übrigen Offiziere fragten sich, was Michelle Riker noch unter vier Augen zu sagen hatte.

Als sie alleine waren, wurde der Captain zu Wills Geliebter, die sich Sorgen machte. "Und was ist noch?" fragte er. "Sei bitte vorsichtig. Ich möchte mir nicht so viele Sorgen um dich machen müssen, du hast mir gestern einen Riesenschreck eingejagt, als du die Krankenstation betreten hast und verletzt warst. Gestern bist du noch einmal davon gekommen. Diesen Tieren ist aber weder dein Leben noch deine Arroganz auch nur einen Pfifferling wert." Riker sah sie erstaunt an. "So, ich bin arrogant?" fragte er mit einem ironischen Unterton in der Stimme. "Diese Tatsache kannst du wohl kaum abstreiten, selbst mein Vater warnte mich vor deiner Arroganz. Aber ich liebe dich trotzdem."  "Ich dich auch." Sie küssten sich rasch, Michelle schob Riker von sich. Die Pflicht rief.
"Geh jetzt. Dein Team wartet." Noch einmal küsste er sie. "Nun, geh schon. Ich habe auch noch einige Berichte durchzusehen, während du dich auf dem Planeten vergnügst."
Riker grinste frech und wischte sich den Lippenstift von der Wange. Einen deutlicheren Hinweis konnte er der Crew wirklich nicht geben. Hoffentlich bestand Michelle nicht zu lange auf diese Geheimniskrämerei, Riker konnte so etwas nicht leiden.


Als sie sich auf dem Planeten rematerialisierten, erinnerte Rikers Schulter ihn schmerzlich an die einheimischen Tiere, seine Säbelzahntiger. Er musste seine Leute noch einmal warnen, damit sie die Nächte schmerzfrei verbringen konnten. Die Nacht! Das war schon eine Nacht, wie seit langem, vielleicht sogar noch nie, gewesen. Er riss sich von der Erinnerung los und ließ die Teams Aufstellung nehmen, um ihnen letzte Instruktionen zu erteilen.
Nach einer ausdrücklichen Warnung vor den gefährlichen Tieren, zogen die Teams mit gezogenen Phasern und aufnahmebereiten Tricordern los und erkundeten die Gegend.
Riker untersuchte mit seinem Team das Dorf. Die beiden anderen Außenteams machten sich in entgegengesetzten Richtungen auf die Suche nach weiteren Siedlungen.
Beverly scannte die ganze Gegend mit ihrem Tricorder und bestätigte Datas erste Vermutung. "Das waren Profis. Die Bakterien haben nur die höchst entwickelte Lebensform, sprich die Bewohner dieses Planeten, getötet." Sie scannte einen Baum. "Dieser Baum hier ist fünfhundert Standardjahre
alt... . Ich vermute, die Täter brauchten eine Kolonie. Die ursprünglichen Bewohner störten und wurden mittels der Bakterien eliminiert."
Ein Fähnrich des Teams machte Riker auf eine Entdeckung aufmerksam. Sie forderte Riker auf ihr in eine der Hütten zu folgen.
Im hintersten Zimmer lag ein Skelett. Das war nichts Ungewöhnliches, der Planet glich einem Friedhof. Aber dieses Skelett wies keinerlei Ähnlichkeit zu den zuvor gefundenen auf. War das einer der Mörder? War er seinem Plan selbst zum Opfer gefallen?
"Beverly, können Sie eine Analyse durchführen und mir sagen, welcher Rasse er, es, was auch immer einmal angehörte?"  "Nicht auf dem Planeten, Will. Ich brauche meine Scanner und den Bordcomputer. Ich muss mit dem Skelett auf die Enterprise."  "Gut, tun Sie das. Ich informiere den Captain." Während Riker seinen Bericht ablieferte, wurde Beverly bereits auf das Schiff zurück gebeamt.

Michelle begab sich auf die Krankenstation, um ihren Gast in Augenschein zu nehmen. Dr. Crusher untersuchte das Skelett bereits, als der Captain eintraf.
"Wie sieht es aus, Beverly? Können Sie schon sagen, wer das gewesen ist?" Michelle deutete auf das Skelett. Beverly schüttelte den Kopf.
"Nein, aufgrund der Witterung, die unser Freund ausgesetzt war, ist es sehr schwierig. Geben Sie mir noch etwas Zeit." Michelle war einverstanden.
"Aber sagen Sie, Beverly, finden Sie nicht, wir sollten ihm einen Namen geben? Wenn wir wissen, welcher Rasse er angehörte, können wir ihn ja immer noch verteufeln."  "Und welchen Namen schlagen Sie vor?" fragte Beverly über die Situation amüsiert.
"Eigentlich müsste Fähnrich Michaels einen Namen aussuchen, doch sie befindet sich noch auf dem Planeten... . Mal überlegen, hm... . Wie wäre es mit Charley? Der Name gefiel mir schon immer."  "Gut ich werde ihn in meinen Berichten ab sofort so bezeichnen."
Michelle begann auf der Krankenstation auf und ab zu gehen. "Ich will ja nicht drängeln, Beverly, aber bis 17 Uhr will ich Ergebnisse. Wir treffen uns mit Commander Rikers Team in der Beobachtungslounge." Mit diesen Worten verließ Michelle die Krankenstation und überließ Beverly ihren Nachforschungen.

Pünktlich um 17 Uhr traf man sich dann in der Beobachtungslounge.
"Nun, Dr. Crusher, haben Sie etwas über Charley herausgefunden?" wollte Michelle wissen. Die Anwesenden warfen sich verwunderte Blicke zu. "Charley?" fragte Riker seinen Captain grinsend. "Ja, Nummer 1. Ich dachte, er sollte einen Namen haben. Gefällt er Ihnen nicht?"  "Doch, doch." Wieder spiegelte sich Überraschung auf den Gesichtern der  Offiziere. Jeder hätte jetzt einen neuerlichen Disput zwischen Riker und dem Captain erwartet. Aber Riker hatte zugestimmt.
Bevor noch jemand ernstlich Verdacht schöpfen konnte, bat Michelle die Ärztin mit ihrem Bericht zu beginnen. Sie stand auf, ging zu dem großen Wandmonitor und aktivierte ihn. Es liefen eine Reihe von Informationen über den Bildschirm.
"Es hat einige Zeit gedauert, herauszufinden welcher Rasse Charley angehörte. Und wie ich dem Captain schon sagte, lag er eine sehr lange Zeit dort unten, was meine Nachforschungen nicht gerade erleichterte. Im Gegenteil. Von vorneherein war klar, dass Charley kein Einheimischer des Planeten gewesen ist. Es kann sein, dass er von den Initiatoren dieses Massenmordes als Wächter für ihre künftige Kolonie zurückgelassen wurde und dann mitsamt dem Planeten in Vergessenheit geriet. Denn er ist nicht an den Bakterien gestorben, auch nicht von den Säbelzahntigern getötet worden. Er starb an Altersschwäche."  "Beverly, kommen Sie zum Punkt", drängelte Michelle. Sie nickte.
"Er war Cardassianer." Ein Raunen verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch den Raum. Alle waren fassungslos. Die Cardassianer waren zwar eine brutale, kriegerische Rasse, die ständig auf Expansion und Eroberung abzielte, doch eine solche Tat hätte niemand ihnen zugetraut.
Michelle fasste sich als erste wieder. "Ich werde sofort das Oberkommando informieren. Sollen sich die Diplomaten mit den Cardassianern auseinandersetzen. Wir katalogisieren inzwischen wie befohlen die Lebensarten und Pflanzen des Planeten weiter... Aber ich hoffe, die Cardis werden nicht ungestraft davon kommen... Weggetreten."
Michelle begab sich in ihren Bereitschaftsraum, wo bereits eine Verbindung zu Admiral Lanford auf sie wartete. Ihre Mentorin blickte Michelle entrüstet entgegen, als sie von der Entdeckung der Enterprise erfuhr. Kleine Strähnen lösten sich aus ihrem hochgesteckten, blonden Haar.
"Ich bin genauso entrüstet, wie du, Michelle! Wir werden umgehend mit Cardassias Regierung Kontakt aufnehmen und eine Erklärung fordern. Sollten sie einen Anspruch auf den Planeten geltend machen, wird eure Arbeit leider umsonst gewesen sein." Michelle schnaubte verächtlich.
"Ich kenne diesen Blick, Michelle. Auch wenn es unmoralisch ist, ein Planet der zweimal größer als die Erde ist und im Föderationsgebiet liegt, darf nicht brachliegen. Ganz egal, welche Seite ihn zugesprochen kommt. Sollten wir ihn bekommen, suchst du den Namen aus." Sie lächelte. "Lanford Ende." Auf dem Monitor erschien das Föderationslogo. Michelle schob den Monitor beiseite und ging nach nebenan. Sie kam mit einem starken Kaffee zurück, stellte die Tasse auf den Tisch und setzte sich. Dann legte Michelle die Füße auf den Schreibtisch, atmete tief durch und befahl dem Computer etwas Jazzmusik zu spielen.
"Das kommt einer Leichenschändung gleich. Wir sollten die Bewohner wenigstens bestatten. Die Cardis werden dies bestimmt nicht tun... Verdammt, ich muss mit den Selbstgesprächen aufhören."
Das Türsignal riss Michelle aus ihren düsteren Gedanken. Sie bat den Wartenden herein. Es war Riker. Noch gestern Nachmittag wäre sie über sein Erscheinen in ihren persönlichen Räumen nicht so erfreut gewesen. Wie schnell sich die Dinge ändern konnten.
"Und wie bist du mit dem Oberkommando verblieben?" Michelle seufzte. "Setz dich." Riker schwang sich galant auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. Michelle huschte ein Grinsen über ihr Gesicht. Doch sofort ergriff sie wieder Ernsthaftigkeit und eine gewisse Traurigkeit über den Völkermord auf dem Planeten, den sie umkreisten.
"Ich habe mit Admiral Mariah Lanford gesprochen. Sie war meine Mentorin auf der Akademie. Ich habe viele Vorlesungen bei ihr besucht, besonders in Diplomatie... ." Riker grinste. "Hast du Unterricht in Diplomatie wirklich nötig, als die Tochter von Jean-Luc Picard?!"  "Spaß beiseite. Wir sollen weiter die Flora und Fauna katalogisieren, bis entschieden wird, ob die Cardis oder die Föderation den Planeten zugesprochen bekommen." Sie ballte ihre Hände zu Fäusten.
"Ich möchte wetten, sie kommen ungestraft davon! Die ach so tolerante Föderation wird nichts unternehmen. Ihnen sogar ein Taschentuch für ihre Tränen der Schuld reichen!" Riker berührte sie sachte an der Hand.
"Reg dich bitte nicht so auf, du kannst nichts daran ändern,... Liebling." Er zögerte. Dieses Wort zu gebrauchen, war für ihn völlig ungewohnt. Ganz besonders in Zusammenhang mit Michelle Neech.


Zwei Tage später, das Katalogisieren war weit fortgeschritten, erreichten zwei Schiffe den Planeten. Eines der Föderation und ein cardassianisches. An Bord der U.S.S. Encounter befand sich Admiral Lanford, die gerade von Cardassia kam. In ihrer Begleitung war ein Cardassianer namens Gul Mariok, zuständig für koloniale Fragen. Die beiden wurden von Captain Neech, Riker und Counselor Troi in der Beobachtungslounge empfangen.

"Ich denke, die Formalitäten können wir uns schenken. Gul Mariok ist hier, um ein Statement seines Volkes abzugeben und die Beweggründe, die zu der Auslöschung eines Volkes führten." Michelle schnappte nach Luft. Lanford brachte einen Cardassianer auf ihr Schiff, damit er Abbitte leisten und dann wieder nach Hause verschwinden konnte. Es war einfach unfassbar.
Der Cardassianer holte Luft, eine theatralische Geste, um seine Geschichte zu unterstreichen. "Es war vor langer Zeit..." So beginnen also auch die cardassianischen Märchen, dachte Michelle verächtlich.
"Das Volk von Cardassia litt großen Hunger und lebte zusammengepfercht auf kleinstem Raum. Es war die Zeit, bevor das Militär die Führung unseres Reiches übernahm. Die damalige Regierung wusste, dass das Volk nur durch Kolonien gerettet werden konnte. Der Planet, in dessen Orbit wir uns befinden, war am nächsten gelegen und perfekt für uns geeignet. Nur leider bereits bewohnt von einer unterentwickelten humanoiden Spezies. Die Führer von Cardassia sahen keinen anderen Ausweg, als Bakterien zur Eliminierung einzusetzen. Wir ließen einen Wächter zurück, der gegen die Bakterien immunisiert worden war. Weder ihm noch der Flora und Fauna geschah etwas. Dann als das Militär die Regierung übernahm, gerieten der Planet und die Kolonisierungspläne in Vergessenheit." Der Cardassianer senkte scheinbar beschämt sein Haupt. Direkt im Anschluss würde Michelle ihren Counselor über die wahren Gefühle von Gul Mariok befragen.
"Darf ich fragen, was aus dem Wächter geworden ist?"  "Charley ist gestorben, vermutlich in Folge seines Alters." Der Cardassianer war über den Namen verwirrt. Michelle klärte ihn auf und fragte: "Kennen Sie seinen richtigen Namen oder ist der auch in Vergessenheit geraten?" Gul Mariok reagierte nicht auf Michelles beabsichtigten Sarkasmus.
"Den Namen kenne ich in der Tat. Er hieß Gul Aiga und war mein Großvater. Er wollte seinem Volk helfen, mit seiner Entscheidung als Wächter hier zurückzubleiben... Wir wissen, dass wir diese schreckliche Tat nie wieder gut machen können. Als Zeichen unseres Bedauerns überlassen wir anspruchslos den Planeten der Föderation als Kolonie." Gul Mariok stand auf und verließ die Beobachtungslounge, um sofort nach Cardassia zurückzufliegen.
"Captain Neech, schließen Sie Ihre Mission hier ab. Das Katalogisieren wird sicher noch einige Zeit dauern. Die Encounter wird mit zusätzlichen Wissenschaftsteams und Kolonisierungsspezialisten zu Ihrer Unterstützung in zwei Tagen zurückkehren." Die Admirälin wandte sich zum Gehen. Doch dann drehte sie sich noch einmal um. "Ach ja, Michelle, suchen Sie einen angemessenen Namen für unsere neue Kolonie aus." Sie nickte.
"Ich habe noch eine Frage, Admiral. Können wir die Toten angemessen bestatten?"  "Machen Sie es so. Ich bin sicher, Gul Mariok wird nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Sie auch seinen Großvater hier zur letzten Ruhe betten. Leben Sie wohl, Michelle."  "Sie auch, Admiral."

Einige Minuten sagte niemand der Anwesenden etwas. Schließlich fragte Michelle nach den wahren Gefühlen von Gul Mariok. Deanna erklärte, dass er es keinesfalls bedauerte. Einzig die Tatsache, dass die Föderation dahinter gekommen war, war ihm und der cardassianischen Regierung ein Dorn im Auge. Admiral Lanford hatte ihm mit Handelsboykotts gedroht. Deshalb hatten die Cardassianer den Planeten so bereitwillig an die Föderation abgetreten.


Die nächsten Tage waren reine Routine. Michelle sah die Berichte der Wissenschaftsteams durch. Sie nahm an den Massenbestattungen in jedem der vierzehn Dörfer teil. Für Charley, Gul Aiga, wählte sie persönlich seine Grabstätte aus. Er wurde auf dem Hügel begraben, von wo aus Riker das erste Dorf entdeckt hatte. Michelle hatte mit dem Oberkommando ausgehandelt, dass dieses Dorf als Mahnmal erhalten bleiben würde. Auch für Charleys Grabstein hatte Michelle sich eine besonders passende Inschrift ausgedacht: "Hier ruht Charley, Gul Aiga, der Wächter von Charley's forgotten World".
Der Planet wurde also unter diesem sehr passenden Namen registriert, und endlich konnte sich Michelle wieder ihrem Privatleben mit Riker widmen.

Abend für Abend trafen sich Michelle und Riker. Bei fanden Gefallen an ihrem Geheimnis und ihrer Affäre, die sich mehr und mehr zu einer festen Beziehung entwickelte.
Aber schon ein halbes Jahr später wurde ihrem Geheimnis ein abruptes Ende gesetzt. An dem Tag nämlich, als Michelle zu einer Routineuntersuchung bei Dr. Crusher war.

Während der Untersuchung unterhielten sich Beverly und Michelle, die inzwischen schon eine Freundschaft verband. Michelle hatte sich den Gymnastikstunden von Beverly und Deanna angeschlossen. Und auch an den abendlichen Pokerrunden nahm sie mit Freude teil.

"Michelle, mir ist aufgefallen, dass Sie mich seit einem halben Jahr nicht mehr wegen Kopfschmerzen aufgesucht haben. Streiten Sie sich nicht mehr mit dem Commander oder haben Sie eine effektivere Behandlungsmethode gefunden?" Michelle grinste. Warum sollten sie jetzt noch streiten, da sie sich liebten?! Aber das wollte Michelle nicht zugeben, daher erwiderte sie: "Vielleicht ist der Commander einfach nur erwachsen geworden?!"  "Ja, vielleicht haben Sie... ." Beverly verstummte mitten im Satz.
"Beverly, was ist? Bin ich krank?" Michelle fürchtete, die andorianische Grippe, gegen die sie leider nicht immunisiert werden konnte, wäre wieder einmal ausgebrochen.
"Sie sind nicht krank. Michelle, sie sind schwanger!"  "Was? Schwanger? Oh." Michelle schwirrten Tausend Gedanken durch den Kopf. Und immer wieder schwirrte Rikers Name. Da hatten sie sich wohl ein wenig verrechnet. Natürlich hätten sie sich beide die üblichen Spritzen geben lassen können. Bei Riker wäre es vielleicht noch nicht aufgefallen. Aber wenn der Captain sich Verhütungsspritzen geben ließ und es keinen offiziellen Freund gab, löste das heiße Diskussionen auf dem Schiff auf. Doch so oder so war es das jetzt wohl mit ihrem Geheimnis. Mal ganz abgesehen von ihrer Karriere. Konnte sie gleichzeitig Captain und Mutter sein? Wie würde Riker reagieren?

"Beverly, Sie fragen sich sicher, wer der Vater ist." Sie nickte. "Seit einem halben Jahr habe ich eine Beziehung zu Commander Riker. Wir haben es geheimgehalten, bis jetzt." Beverly bekam große Augen. Nun war ihr natürlich klar, weshalb Michelle keinen ärztlichen Beistand mehr für ihre Kopfschmerzen benötigt hatte. Sie grinste.
"Nun, der werdende Vater sollte sich wohl hierher bemühen." Michelle wollte gerade Einspruch erheben. "Ärztliche Anordnung, Captain... Commander Riker, kommen Sie bitte auf die Krankenstation."

Als Riker die Krankenstation betrat, fand er Michelle völlig durcheinander und aufgelöst vor. Er machte sich Sorgen, spielte seine Rolle aber vorbildlich.
"Captain, sind Sie krank?" Michelle blickte auf, lächelte leicht gequält.
"Will, ich bin schwanger."  "Sag das noch mal."  "Ich bin schwanger", wiederholte sie, woraufhin sich auf Rikers Gesicht ein breites Grinsen abzeichnete. Er trat auf Michelle zu und umarmte sie.
"Aber deshalb musst du doch nicht so ein Gesicht machen. Das ist doch wundervoll."  "Wie soll das denn funktionieren? Wie soll ich meinen Pflichten nachkommen?" Einige Tränen huschten über ihr Gesicht.
Riker war sich nun völlig klar, was er wollte. Eine Familie, eine Frau, Michelle.
"Willst du mich heiraten, Michelle?"  "Wegen des Babys? Das ist nun wirklich aus der Mode. Ich habe..." Sie biss sich auf die Zunge.
"Ich will dich heiraten, weil ich dich liebe. Und über das Baby freue ich mich sehr."  "Willst du mich auch noch heiraten, wenn ich dir sage, dass Picard nicht das einzige Familienmitglied ist, das ich dir verschwiegen habe?" Beverly verstand kein Wort. Sie kam sich vor, als würde sie einem Holoroman folgen, ohne diese beeinflussen zu können.
"Das da wäre?" fragte Riker. "Setz dich, Will." Wenn Michelle das wünschte, er nahm neben ihr auf dem Biobett Platz.
"Ich habe eine siebzehnjährige halbklingonische Tochter namens Yamara, die auf der Erde lebt." Will lachte.
"Das passt zu dir. Picard dein Vater und eine halbklingonische Tochter... . Aber dann musst du bei ihrer Geburt ja..."  "Siebzehn gewesen sein", vollendete Michelle den Satz. "Während meiner Studienzeit wurde ich das Opfer eines klingonischen Kadetten, er vergewaltigte mich." Will wirkte entsetzt. "Das ist lange her. Und Yamara ist ein tolles Kind. Sie ist der einzige Grund, warum ich zu Picard Kontakt gehalten habe. Er besucht sie regelmäßig. Wir haben nur unsere Verwandtschaft gegenüber dritten geheimgehalten."
Beverly lächelte und trat einen Schritt näher. "Ich habe es gewusst. Ich durfte nur nichts sagen. Picard hat es mir vor Jahren erzählt. Er ist voller Stolz für Sie und seine Enkeltochter. Und wenn ich etwas anmerken darf. Es gibt keinen besseren Anlass für eine Aussöhnung als jetzt. Jean-Luc könnte Sie trauen und Yamara würde sehr gerne bei Ihnen auf der Enterprise leben, das hat Jean-Luc mir erst kürzlich in einer Subraumnachricht berichtet..."
Michelle dachte darüber nach. Vielleicht war dies tatsächlich die Chance, auf die sie solange gewartet hatte?
"Also gut, dann gehen wir es an, Riker. Beverly, haben Sie noch irgendwelche Hinweise für die werdenden Eltern?" Sie lächelte inzwischen schon wieder.
"In der Tat. Keine unnötige Aufregung. Will, streiten Sie mit wem Sie wollen, aber nicht mit Ihrem Captain bzw. Ihrer Freundin. Und Michelle, beamen ist für Sie ab sofort tabu." Michelle nickte. "Riker lässt mich doch sowieso keine Außenmissionen leiten." Er blickte sie tadelnd an.
"Und wenn es doch mal der Fall sein sollte, das meine Anwesenheit erforderlich ist, werde ich ein Shuttle nehmen."  "Gut, dann können Sie auf Ihren Posten gehen, Captain."  "Gut, Beverly. Aber das bleibt noch unter uns." Beverly nickte. "Ärztliche Schweigepflicht... Aber Michelle, ich freue mich für Sie." Michelle lächelte und verließ mit Riker die Krankenstation.



3. Kampf um Picard

Michelle war nervös. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. So aufgeregt war sie zuletzt bei ihrer Abschlussprüfung auf der Akademie gewesen. Wie gerne hätte sie Rikers Hand gehalten. Aber sie waren nicht alleine.

Der Transporterraum lag vor ihnen. Worf, Riker, Wesley Crusher und Michelle Neech traten ein. Sie atmete noch einmal tief durch. Dieser Tag konnte ihr Verhältnis zu Picard für immer verändern.

"Chief, beamen Sie Captain Picard an Bord."

Sekunden später stand er in voller Lebensgröße auf der Transporterplattform. Er sah zu den Anwesenden hinunter und erklärte: "Schön, wieder auf der Enterprise zu sein!"
Daraufhin kam er mit seinem Gepäck von der Plattform herunter und begrüßte seine Freunde. Vertraute und gern gesehene Gesichter. Nur meine einzige Tochter kann ich wohl nicht dazuzählen, dachte er bitter. Wie er sich doch irrte.
"Will, wie geht es Ihnen?"  "Es ging mir nie besser, Sir!" Picard ahnte, dass nur eine Frau dafür verantwortlich sein konnte. Doch wäre er nie darauf gekommen, dass es sich dabei um seine Tochter handelte.
Picard entdeckte Wesley, der sich etwas hinter Riker versteckt hielt. "Wesley? Wie komme ich zu der Ehre Ihrer Anwesenheit?" Wes reagierte verlegen. Ihm kam der Gedanke, es könnte ein Fehler gewesen sein herzukommen. Er hatte Picard vermisst, auf eine väterliche Weise, doch konnte er seinem ehemaligen Kommandanten gegenüber diese Gefühle unmöglich zugeben.
"Ich sollte Sie im Namen meiner Mutter willkommen heißen. Sie ist im Moment mit einem Projekt sehr beschäftigt und kann Sie erst später begrüßen." Gott sei Dank, war ihm diese Tatsache als Ausrede eingefallen.
"Guten Tag, Mr. Worf."  "Captain" und eine knapp angedeutete klingonische Ehrbezeugung war seine ganze Begrüßung. Eben typisch Worf. Picard grinste in sich hinein.
Nun galt es noch seine Tochter zu begrüßen. Picard ermahnte sich zu professioneller Höflichkeit, obwohl ihm schon seit Jahren eine herzliche Umarmung lieber gewesen wäre. Doch Michelle lehnte ihn durchweg ab. Selbst seinen Namen. Wie stolz wäre er, sie würde sich zu ihm bekennen und fortan würde wieder ein Captain Picard die Enterprise kommandieren.
Er setzte sein bestes gespieltes Lächeln auf und reichte Michelle die Hand. "Ich freue mich, mit Ihnen reisen zu können." Ich glaube dir kein Wort, Jean-Luc, dachte Michelle und erwiderte sein Lächeln. Es würde nie klappen, die Kluft zwischen ihnen war viel zu groß.
"Schön, dass Sie wieder da sind, Sir."
Sie ließ Picards Hand los und schob Riker diskret zur Seite.
"Das wird nie klappen" flüsterte sie mit zusammengebissenen Zähnen und einem zuckersüßen Lächeln auf den Lippen.
"Du hast es mir versprochen, Michelle", beharrte Riker. "Du willst doch auch eine Versöhnung. Er wird immerhin wieder Großvater."  "Womit habe ich dich nur verdient?!" fragte sie und lächelte zu Picard hinüber, der mit sich mit Wes Crusher unterhielt.
"Er wird mich für verrückt erklären! Nach all den Jahren."  "Wird er nicht. Darauf wartet er doch nur. Dass du den ersten Schritt machst. Und jetzt geh zu ihm und bitte ihn auf einen Drink nach Ten Forward."  "Ist das ein Befehl, Commander?!" fragte sie scherzhaft. "Nein, ein gutgemeinter Rat von deinem zukünftigen Ehem..."

Eine Erschütterung warf alle durcheinander. Geistergegenwärtig fing Riker Michelle ab. Ein Sturz hätte fatale Folgen haben können.
"Brücke, was war das?"  "Wir werden angegriffen, Captain."  "Alle Mann auf die Brücke!" Das ließ Picard sich nicht zweimal sagen.
"Roter Alarm, Schutzschilde, Phaser und Photonentorpedos bereit machen! Wir sind gleich da!!" Michelle gab die Befehle über die interne Schiffskommunikation, während sie auf die Brücke eilten.

"Wer sind die Angreifer?" fragte Michelle, als sie die Brücke schnellen Schrittes betrat, gefolgt von ihren Offizieren und Picard.
Aber ihre Frage beantwortete sich selbst, als sie einen Blick auf den Hauptschirm warf. "Ferengi!" knurrte Worf. "Das sehe ich selbst, Lieutenant! Öffnen Sie einen Kanal!" Sollte sie sich jetzt freuen, weil sie Dank des Angriffs der Ferengi an dem Gespräch mit Picard vorbei gekommen war? Aber Riker würde ohnehin keine Ruhe geben. Der unermüdliche Will Riker. Zum Glück hatte er sie im Transporterraum aufgefangen. Michelle mochte gar nicht an die Konsequenzen eines Sturzes denken, sondern nur an die vor ihr liegende Konfrontation mit den Ferengi. Später konnte sie sich Gedanken über ihren Vater machen.

"Ferengi! Hier spricht Captain Neech vom Föderationsraumschiff Enterprise. Mit Ihrem selbstmörderischen Angriff verstoßen Sie gegen den Friedensvertrag zwischen den Ferengi und der Vereinten Föderation der Planeten!..." Es folgte Stille. "Keine Antwort ist auch eine Antwort! Mr. Worf, wiederholen Sie zunächst diese Nachricht auf allen Frequenzen." Sie ging zu ihrem Sessel und setzte sich.

Plötzlich, völlig unerwartet stand ein Ferengi auf der Brücke. Michelle sprang auf. "Wie zum Teufel ist der hier reingekommen?! Modulieren Sie die Schilde, Worf!" bellte Michelle. Dieser zog seinen Phaser, nachdem er dem Befehl offensichtlich nachgekommen war. Der Ferengi griff sich Picard und bedrohte ihn seinerseits.
"Keine Bewegung oder Picard ist Geschichte, tote Geschichte!!" Michelle signalisierte ihren Offizieren, sich nicht zu rühren.
"Lassen Sie ihn gehen!" befahl Michelle. "Er wird mich begleiten!"
Trotz der Modulierung der Schilde, gelang dem Ferengi mit Picard als Geisel die Flucht. Michelle geriet ins Straucheln, entsetzt über die Szene, die sich eben vor ihren Augen abgespielt hatte. Sie setzte sich in ihren Sessel und atmete tief durch.
"Die Schilde müssen wieder richtig funktionieren! Sofort!" schrie Michelle fassungslos. "Wir holen den Captain zurück, Ma'am."
Michelle blickte Riker an. Eine Träne kullerte ihr über die Wange. Die Offiziere blickten sich fragend an. Michelle bemerkte ihre Blicke. Sie stand auf und räusperte sich.
"Ich denke, es ist an der Zeit für eine Erklärung. Captain Picard ist mein Vater. Die näheren Umstände werde ich zu einem günstigeren Zeitpunkt erklären. Im Moment ist nur wichtig, dass wir den Captain sicher auf die Enterprise zurückholen... Das war geplant. Sie waren zu gut organisiert. Worf, rufen Sie die Ferengi. Außerdem brauche ich eine Verbindung zum Hauptquartier in meinem Raum. In einer halben Stunde Einsatzbesprechung."
Sie stand auf und verließ die Brücke. Riker folgte ihr, nickte noch schnell Data zu. Deanna ergriff Riker am Arm. Er blickte sie verwirrt an.
"Ich glaube, du solltest den Captain im Moment alleine lassen."  "Oh, Deanna. Es ist viel komplizierter, als du dir vorstellen kannst. Komm mit."

Sie betraten Rikers Quartier. Bald würde er ins Captain's Quartier umziehen.
"Es ist nicht nur die Tatsache, dass Picard Michelles Vater ist. Sie will sich mit ihm aussöhnen. Sein Besuch auf der Enterprise war für sie die Gelegenheit. Ich habe sie darum gebeten... Deanna, es nicht einfach für mich, dir das alles zu sagen... ." Weil ich dich einst Imzadi nannte, hörte Deanna seine Gedanken und lächelte. Sie ergriff seine Hand.
"Ich verstehe. Sprich nur weiter, Will."  "Wir haben seit sechs Monaten eine Beziehung. Und jetzt ist Michelle schwanger geworden. Und wir wollen bald heiraten." Deanna lächelte. "Ich freue mich für dich, Will. Ihr werdet sicherlich sehr glücklich werden. Und das sage ich nicht als Counselor, sondern als deine Freundin."

"Captain auf die Brücke", drang Datas Stimme in den Bereitschaftsraum. Michelle sprang auf. Vor der Tür fuhr sie sich über das Gesicht und wischte ihre Tränen fort, die ohne Unterlass geflossen waren.

"Wo ist Riker?" Data informierte seinen Captain. "Rufen Sie ihn. Ich brauche ihn hier."  "Captain, die Ferengi wollen mit Ihnen sprechen", meldete Worf. "Tatsächlich mit mir? Ich dachte, Ferengi missachten Frauen, besonders solche, die in Kleidern Dienst auf Föderationsschiffen verrichten... Nun denn, öffnen Sie einen Kanal."
"Captain, darf ich vorschlagen, aggressiv aufzutreten?" Michelle drehte sich zum Turbolift um.
"Dürfen Sie, Nummer 1. Schön, dass Sie sich auch wieder zu uns gesellen!... Die Verbindung, Worf!" drängte Michelle. "Sprechen Sie, Captain." Sie forderte die Ferengi auf, Picard umgehend in die Freiheit zu entlassen.
Michelle trat sehr selbstsicher auf, obwohl sie, was sie immer noch kaum fassen konnte, Angst um Picard, um ihren Vater hatte. Was hatte Riker nur mit ihr angestellt? Vor einigen Wochen hatte sie Picard noch immer Verachtung entgegen gebracht. Und jetzt machte sie sich Sorgen, große Sorgen um ihn.

Wie viel einfacher wäre das gemeinsame Gespräch gewesen, als diese Situation. Oder wie viel einfacher wären die Verhandlungen mit den Ferengi gewesen, wenn sie jetzt nicht solche Angst um ihren Vater hätte. Sie musste nun einen Kampf um ihren Vater austragen, der noch nicht einmal wusste, warum sie es tat. Wie war Michelle nur in das alles hineingeraten? Und wie sollte sie Picard wieder aus den Händen der Ferengi bekommen? Sie würden Unmengen von goldgepresstem Latinum verlangen, das Einzige wofür sie sich interessierten. Und die Föderation würde jede Summe für Picard zahlen.

Erst nach einigen Minuten erschien auf dem Hauptschirm ein nicht gerade attraktiver Ferengi. Nun, Michelle war schon mit hässlicheren Vertretern dieser Spezies zusammengetroffen.
Wieder wallten Angst und Besorgnis in ihr auf. Aber sie durfte sich nichts anmerken lassen. Vor allem dem Ferengi gegenüber musste sie unnahbar und emotional unberührt auftreten, auch wenn dies eine glatte Selbsttäuschung war. Wenn die Ferengi merken sollten, was in Michelle vorging, war alles aus. Es wäre dann ein Leichtes für die Ferengi ihre Forderungen durchzusetzen.
Michelle atmete tief durch. Um nicht die Fassung zu verlieren, räusperte sie sich und wandte sich dann an den DaiMon der Ferengi.
"DaiMon, ich ersuche Sie zum letzten Mal ausdrücklich, Captain Picard umgehend freizulassen! Sollten Sie es auf einen Kampf anlegen, werden Sie unterliegen!" Der DaiMon war sichtlich unbeeindruckt. Er öffnete ein wenig zu weit seinen Mund und entblößte seine nadelspitzen Zähne. Sie sollten Michelle anscheinend beeindrucken.
"Sie sind nicht in der Position, Forderungen zu stellen, Menschenfrau!" Michelle gefiel seine Tonart überhaupt nicht.
"Ich bevorzuge die Anrede ‚Captain'. Sie sollten besser zuhören, wenn man versucht mit Ihnen Kontakt aufzunehmen! Ich hatte mich bereits vorgestellt. Ich bin Captain Michelle Neech, die Kommandantin der Enterprise. Und sollten Sie am Captain der Enterprise interessiert sein, haben Sie den Falschen. Das bin ich!" Der Ferengi schluckte.
"Ich bin bereit einen Tausch vorzunehmen, Picard gegen mich!" 
"Captain!" hörte sie Riker entsetzt ausrufen. Auch Worf war nicht sehr von ihrer Idee angetan.
"Sie scheinen mich nicht zu kennen, CAPTAIN! Ich bin DaiMon Bok! Die Zeit der Rache ist gekommen!!"
Picards alter Widersacher unterbrach das Gespräch und ließ eine ratlose Michelle zurück. Riker war erleichtert, dass Bok nicht auf den Vorschlag von Michelle eingegangen war.
Michelle sah ihre Offiziere fragend an. "Rache? Was meint dieser kleine, widerliche Wurm mit Rache?"  "Es ist eine lange Geschichte, Captain", bemerkte Riker unsicher grinsend über die Bezeichnung Michelles für Bok.
"Dann folgen Sie mir, Nummer 1, und erklären Sie es mir."


Sie traten ein. Keiner sagte etwas. Riker war noch viel zu schockiert über Michelles Vorschlag. Wie hatte sie Bok nur diesen Tausch vorschlagen können? Dachte sie denn gar nicht an die Sicherheit ihres Babys?
"Setz dich", forderte Michelle ihn auf. Noch immer sagte er nichts. Er starrte Michelle einfach nur geradeheraus an.
Schließlich platzte es aus ihm heraus: "Bist du wahnsinnig?! Wie kannst du Bok nur einen solchen leichtsinnigen Vorschlag machen?!" Riker sprang aus seinem Stuhl auf und begann im Zimmer auf und ab zu laufen.
"Hör auf damit, Will. Du machst mich wahnsinnig."
Urplötzlich blieb er stehen, funkelte seine Freundin wütend an und schrie: "Falsch! Du bist es, die mich wahnsinnig macht! Willst du damit deine Position als mein Captain behaupten und zeigen, dass du über mir stehst? Denkst du auch nur eine Sekunde an unser ungeborenes Kind?! Tust du das?! Hast du eine Ahnung, was für Konsequenzen dein Vorschlag nach sich gezogen hätte?!" Er stemmte sich vom Schreibtisch ab und lief wieder auf und ab, eine Erklärung abwartend.
"Er ist mein Vater!" Wieder blieb Riker stehen. "Oh, wie selbstlos! Du willst dein Leben und das unseres Kindes aufs Spiel setzen für einen Mann, den du die letzten siebzehn Jahre wie den letzten Dreck behandelt hast!!"
Das hatte gesessen. Wills Worte waren wie ein Schlag in die Magengrube gewesen. Michelle stand auf. Wut funkelte in ihren Augen. Sie ging auf Will zu und schlug ihm ins Gesicht.
"Mistkerl! Raus! Geh auf die Brücke! Ich suche mir die Informationen über Bok aus dem Computer!" Riker drehte sich um. Vor der Tür blieb er kurz stehen. Seine Worte taten ihm leid. Er blickte Michelle an. Sie hob drohend den Finger.
"Kein weiteres Wort, Riker!" fauchte sie. Riker fuhr sich über seine brennende Wange und ging ohne ein weiteres Wort hinaus.
Michelle trat an ihren Schreibtisch. Einige Displays lagen seit Tagen achtlos darauf verteilt. Voller Wut und Verzweiflung wischte Michelle sie vom Tisch. "Verdammt!" schrie Michelle und brach in Tränen aus.


"Oh. Haben Sie Schmerzen Picard?" fragte Bok mit teuflischer Zufriedenheit und sichtlichem Genuss an der Situation. Seit Stunden folterte er Picard.
Picard hustete. Seine einzige Chance bestand darin, Bok aus der Reserve zu locken.
"Was ist los mit Ihnen, Bok? Seit wann sind Sie so einfallslos? Sollte ich nicht jemanden verlieren, der mir genauso viel bedeutet, wie Ihnen Ihr Sohn?" Picards Versuch schlug fehl. Bok blieb völlig unbeeindruckt.
"Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung, Picard. Sie haben keine Kinder und niemanden, der Ihnen so nahe steht, wie mir mein Sohn. Deswegen werde ich mich an Ihnen persönlich rächen." Bok drehte sich um und verließ den Raum.
Picard spürte etwas Warmes. Seine Stirn blutete wieder, und das Blut rann langsam seinen Mund hinunter. Noch konnte Picard die Schmerzen ertragen. Andere hatten ihm viel schlimmere Schmerzen zugefügt, nicht nur physische. Die Borg, die Cardassianer und... "Michelle", flüsterte er. Ja, ihre Ablehnung war in all den Jahren das Schlimmste gewesen. Sein einziger Trost war sein kleiner Schatz, Yamara. Seine geliebte Enkeltochter. Doch es war sehr unwahrscheinlich, dass er sie je wiedersehen würde.


Wie vom Blitz getroffen, schoss Michelles Kopf vom Schreibtisch hoch. Sie hatte eine Idee. Vielleicht die einzige Möglichkeit, Picard da lebend herauszubekommen. Nach allem, was sie über DaiMon Bok in Erfahrung gebracht hatte, wusste sie, er würde Picard töten, um Rache für den Tod seines einzigen Sohnes zu erlangen. Und Michelle war auch klar, dass Picard ein sehr langsamer und qualvoller Tod bevorstand, wenn seine Tochter ihn nicht retten könnte. Außerdem sah Michelle inzwischen von einem Austausch ab oder davon, vor Bok zu treten und ihre Identität als Picards Tochter preiszugeben. Nein, sie hatte einen geradezu simplen Plan, der zugleich genial war und einfach funktionieren musste.

Michelle ging auf die Brücke zurück und rief die Führungsoffiziere zu einer Besprechung zusammen. Will beobachtete sie die ganze Zeit über, wie er glaubte von ihr unbemerkt.

"Beverly, die Ferengi haben doch ein ganz anderes Beam-Muster als ein Mensch, oder?"  "Das ist korrekt, Captain. Aber warum wollen Sie das... ." Michelle machte klar, dass sie ihren Gedanken noch nicht zu Ende ausgeführt hatte.
"Könnte man einen Menschen, der nur von Ferengi umgeben ist, klar erfassen und ihn von dort fortbeamen?" fragte sie an Geordi gerichtet.
"Ja, aber solange die Schutzschilde aktiviert sind, geht da gar nichts. Wir müssten herausbekommen, wie Sie unsere Schilde durchdringen konnten und dasselbe mit ihren machen", erklärte der Chefingenieur die technischen Hintergründe. "Nicht unbedingt!" entgegnete sein Captain und grinste zufrieden.


Picard wachte aus einer tiefen Ohnmacht auf. Lange würde er wohl nicht mehr durchhalten.
"Waren Sie kürzlich auf Cardassia?" stieß Picard hervor. "Das kommt mir nämlich alles sehr bekannt vor!"  "Ihr skurriler Sinn für Humor wird Ihnen auch nicht mehr helfen. Und Ihre alte Mannschaft unternimmt nicht gerade viel für Ihre Rettung. Kein Wunder, der neue Captain ist eine..." Er verzog angewidert das Gesicht. "... Frau!" Picard hustete wieder.
"Sie ist ein guter Captain", rief er. "Kennen Sie sie?!"  "Ich... habe ihre Akte gelesen", stotterte Picard. "Ich glaube Ihnen nicht!" sagte Bok, während er Picard mehrmals hinter einander in den Magen boxte.
Wieder und wieder, schlug er zu. Aber Bok hatte keinen Erfolg. Picard erklärte immer wieder, dass ihre Akte gelesen hätte. Selbst wenn es ihn umbringen würde, Picard würde nicht offiziell zugeben, dass Michelle Neech sein Kind war, bevor sie nicht zu ihm stand. Und das würde er wohl nicht mehr erleben.


"Also, jeder weiß, was er zu tun hat", meinte Michelle. Worf stellte eine Verbindung zu Bok her. Dieses Mal antwortete er sofort.
"Bok, zum letzten Mal, lassen Sie Captain Picard sofort frei! Ich hasse es, mich so oft wiederholen zu müssen." Bok war immer noch unbeeindruckt. Beeindruckt hatte vorhin als einziges Picards Starrsinn.
"Ich hasse es auch, mich wiederholen zu müssen! Aber Ihre Beharrlichkeit verdient Anerkennung. Deshalb erkläre ich zum letzten Mal, Picard wird nicht freigelassen!... .Sie können uns aber auch gerne mit Picard gemeinsam vernichten." Er lachte so selbstsicher und widerlich, dass Michelle große Lust bekam, Bok in sein hässliches Gesicht zu schlagen. Stattdessen hob Michelle die Hand und Worf unterbrach die Verbindung.
"Gut, er hat es so gewollt. Picard wird sofort auf die Krankenstation gebeamt. Worf, gut zielen. Und öffnen Sie den Kanal wieder... Sie haben es so gewollt, Bok!" Wieder hob sie die Hand und die Enterprise schoss einen modifizierten Torpedo ab, der die Schutzschilde des Ferengischiffes außer Kraft setzte.

"Schach Matt, Bok!" Die Verbindung wurde endgültig unterbrochen. "Beamen Sie den Captain sofort da raus, Worf!"


Auf dem Ferengischiff wusste Picard nicht, was geschah. Als das vertraute Leuchten ihn umgab, atmete er erleichtert durch.
Kurz darauf rematerialisierte er sich auf der Krankenstation an Bord der Enterprise. Er sah sich einer bestürzten Beverly Crusher gegenüber. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Von seiner Behandlung bemerkte Picard nichts.
Michelle ließ das Schiff der Ferengi manövrierunfähig zurück. In einigen Tagen würde ein Schiff der Föderation sie abholen und zur Rechenschaft ziehen.

"Nummer 1, würden Sie mich kurz begleiten?"  "Ja, Captain", knurrte er.
Sie betraten Michelles Raum. "Es..."  "Ich..." Sie lachten.
"Du zuerst", bat Michelle Riker.
"Was ich da gesagt habe, tut mir sehr leid. Ich war völlig entsetzt, weil du den Austausch vorgeschlagen hast." Beschämt über sein Verhalten starrte Riker auf den Boden.
"Und mir tut leid, dass ich dich geschlagen habe. Aber was du gesagt hast, hat mich tief getroffen... Nun ja, sagen wir einfach, wir haben beide etwas über die Stränge geschlagen."
Langsam trat Michelle an Will heran und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Als sie wieder zurücktrat, zog Riker sie zu sich heran und küsste sie. Schließlich ließ er Michelle los.
"Und jetzt", seufzte Michelle. "... werde ich mit meinem Vater reden." Noch einmal nahm Riker sie in den Arm. Er war froh über das bevorstehende Gespräch mit Picard und ihre Versöhnung.

Michelle stand vor den Türen der Krankenstation. Wieder versuchte sie einzutreten. Wieder zögerte sie.
"Stell dich nicht so an! Er wird dir sicher nicht den Kopf abreißen, Michelle!" ermahnte sie sich. Ein Besatzungsmitglied ging an ihr vorbei.
Endlich trat Michelle ein. "Beverly?" fragte sie zögerlich. Die Ärztin erschien sofort in der Tür zu ihrem Büro.
"Leise. Jean-Luc schläft." Michelle nickte und begann zu flüstern. "Kann ich kurz zu ihm? Ich möchte... ." Beverly ergriff ihre Hand und nickte verstehend.
Leise schlich Michelle an Picards Bett heran. Sie ging in die Hocke und legte ihren Kopf auf ihre Arme. Dann begann sie zu flüstern.
"Es tut mir leid, ich habe viele Fehler in den vergangenen siebzehn Jahren gemacht..." Picard regte sich. Er blinzelte.
"Captain Neech?" fragte er verwundert. Picard war zumindest so klar bei Verstand, dass er wusste, wie er sie anreden musste.
"Schlafen Sie, Sir. Ich wollte mich nur entschuldigen, weil Ihre Rettung solange gedauert hat." Michelle ging zur Tür. Sie drehte sich noch einmal um.
"Später, Dad", flüsterte sie und verließ dann die Krankenstation.

 

Nach einigen Tagen konnte Picard die Krankenstation verlassen. Wie geplant flog die Enterprise zur Raumstation Alpha Orion 3 weiter, um Picard dort abzusetzen.
Bok und seine Mannschaft wurden vor ein Föderationsgericht gestellt. Der ehemalige DaiMon Bok wurde zu einhundertneun Jahren auf dem Strafplaneten Serifa Vier verurteilt. Das Urteil für seine Mannschaft fiel sehr viel milder aus, da sie nicht vorbestraft waren.

Nach einer Nacht voll merkwürdiger Träume hatte Michelle sich entschieden, endlich mit Picard zu reden.
Gegen Mittag ging sie nach Ten Forward. Nicht weil sie ihn dort vermutete. Sollte sie ihn antreffen, gut. Sollte Picard nicht anwesend sein, auch gut. Michelle hatte fürchterliche Angst vor dem Gespräch und suchte schon den ganzen Tag Gründe um sich zu drücken.

Guinan entdeckte Michelle, kaum dass sie Ten Forward betreten hatte.
"Hallo, Captain."  "Guten Tag, Guinan. Ist mein Tisch frei?" Michelle hat sich noch nicht umgesehen.
"Nein, aber ich bin mir sicher, es stört Sie nicht." Guinan deutete in die Richtung ihres bevorzugten Tisches. Picard saß dort und trank eine Tasse Tee.
Früher hat er es wohl kaum hier getan, dachte Michelle. Jetzt hatte er nicht mehr viele Möglichkeiten.
"Ich bin einverstanden, Guinan. Bringen Sie mir einen Kräutertee." Guinan nickte und ging zur Theke. Auch Michelle setzte sich in Bewegung.
"Auf in den Kampf", murmelte sie.

"Darf ich mich setzen?" Picard zuckte zusammen.
"Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht erschrecken." Er winkte ab und bot ihr einen Stuhl an.
Kurz darauf kam Guinan und brachte Michelle ihren Tee. "Wie ich sehe, trinken Sie auch noch gerne Tee." Sie versuchte zu lächeln, was ihr nicht ganz gelang.
"Captain Neech, wegen dieser Feststellung haben Sie sich wohl kaum an diesen Tisch gesetzt. Haben Sie ein Problem mit der Mannschaft oder mit Riker? Oder was kann ich sonst für Sie tun?" Er wirkte ungehalten über die Störung durch seine Nachfolgerin.
"Nein, inzwischen habe ich keine Probleme mehr mit Riker. Die ersten Monate waren sehr anstrengend. Aber das ist Schnee von vorgestern." Picard schmunzelte. Sie redet wie Yamara, kam ihm der Gedanke.
"Sir, ich habe viel Mist gebaut. Kannst du mir verzeihen? Es tut mir leid, dass ich dich so schlecht behandelt habe, Dad."
Picard verschluckte sich an seinem Tee und bekam einen Hustenanfall. Er konnte nicht glauben, was er da eben gehört hatte.
"Ist dir klar, was du da sagst, Michelle?" Sie nickte. "Das hätte ich schon vor sehr langer Zeit sagen müssen. Es tut mir wirklich leid." Picard wusste nicht, wie er reagieren sollte.
"Weißt du, dass ich jetzt eine Wette verloren habe?" Michelle sah ihn verwundert an.
"Ja. Ich habe mit Yamara gewettet, dass deine Versetzung nichts ändern würde. Ich habe, dem Himmel sei Dank, verloren." Michelle lachte und streckte ihre Hand nach ihm aus. Picard ergriff sie, ohne zu zögern und drückte sie. Er hätte nicht gedacht, dass es je dazu kommen würde.
Guinan beobachtete die Szene vom Tresen aus und war erstaunt und erfreut zugleich. Endlich war Picards sehnlichster Wunsch nach einer Versöhnung mit seiner Tochter in Erfüllung gegangen. Die gute, alte Enterprise hatte nach all den Jahren ihren Zauber und ihre Magie noch nicht verloren.

"Ich habe gute Nachrichten. Yamara wird bald kein Einzelkind mehr sein." Schon wieder verschluckte Picard sich an seinem Tee.
"Ist das so ein Schock für dich?" fragte Michelle ironisch.
"Nein, nein! Das ist fantastisch! Ich bin nur so überrascht! Wer ist der Vater?" Anstatt zu antworten, rief Michelle Riker nach Ten Forward.
Er machte sich sofort auf den Weg. Nun kam sein großer Auftritt. Hätte ihn nicht jemand vor ein paar Jahren darauf vorbereiten können, dass er Jean-Luc Picards Schwiegersohn werden würde? Immerhin wusste er jetzt, warum Michelle immer so kühl gewesen war. Es lag wohl an den Picardschen Genen.

Einige Minuten später betrat Riker nervös Ten Forward. Guinan zeigte ihm, wo Michelle und Picard saßen. Will ging zu ihnen und zwang sich zu einem Lächeln. Allerdings war er sich nicht sicher, ob es ihm nicht gleich wieder vergehen würde. Er war wirklich sehr nervös.
"Setz dich, Riker." Er kam Michelles Aufforderung nach.
"Michelle, ich bin etwas verwirrt, muss ich zugeben."  "Oh, da ist nichts Verwirrendes dran, Dad. Will Riker ist nicht nur mein erster Offizier, er ist der Vater meines ungeborenen Kindes und mein zukünftiger Ehemann." Picard klappte die Kinnlade nach unten.
"Oh, Jean-Luc, wenn du jetzt dein Gesicht sehen könntest!" Michelle konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Picard holte tief Luft und fuhr sich mit der Hand über seine Glatze. Dann faltete er die Hände und erklärte: "Was soll ich dazu noch sagen... Außer, dass ich mich wirklich für euch freue."
Er klopfte Riker auf die Schulter. "Einen besseren hättest du nicht bekommen können! Dasselbe gilt für Sie, Will." Riker räusperte sich.
"Sir, sollten wir uns unter den gegebenen Umständen nicht duzen?" fragte er, obwohl ihm die Vorstellung seinen früheren Captain so zu titulieren erschreckte.
"Ja, da haben Sie... Pardon, hast du Recht, Will." Auch Picard musste sich erst noch an die neue Situation gewöhnen.
"Nun, dann reden wir jetzt einmal Tacheles, mein liebes Kind." Michelle blickte ihren Vater verwundert an.
"Wer wird euch trauen? Heiratet ihr auf dem Schiff? Und das Wichtigste, was wird aus Yamara?" Michelle grinste.
"Nun, wir wünschen uns, dass du uns traust, natürlich auf der Enterprise. Und Yamara packt bereits ihre Sachen. Mein alter Freund Ramirez wird sie zu uns bringen. Sein Schiff wird derzeit auf der McKinley-Station gewartet." Picard nickte zufrieden.

Endlich würde Yamara mit ihrer Mutter leben können. Michelle hatte immer ein etwas distanziertes Verhältnis zu ihrer Tochter gehabt und sie in der Obhut von zwei Kindermädchen, einem menschlichen und einem klingonischen aufwachsen lassen. Bedachte man aber den Umstand von Yamaras Zeugung und die nachfolgenden dramatischen Ereignisse, konnte niemand der damals noch sehr jungen Mutter einen Vorwurf machen.
Michelle hatte an jenem Abend einer Party ihrer Kameraden beigewohnt, anstatt sich auf eine wichtige Prüfung über Warpfelder am nächsten Tag vorzubereiten. Dies hatte zu einem Streit mit Jack Neech geführt, der streng ihre Studien überwachte. Folglich hatte Michelle sich aus Wut über ihren Stiefvater betrunken und war in die Fänge eines klingonischen Studienkollegen namens Kon geraten.
Die Vergewaltigung alleine war schon ein sehr traumatisches Erlebnis gewesen. Die Sternenflotte verwies Kon nach einer Anhörung der Akademie und legte ihm ein mehrere Jahre andauerndes Aufenthaltsverbot für die Erde auf.
Amanda und Jack Neech sahen ihren guten Ruf in der höheren Gesellschaft gefährdet und versuchten den Vorfall zu vertuschen. Doch als feststand, dass Michelle ein Kind erwartete, war nichts mehr zu vertuschen. Amanda warf Michelle aus dem Haus, da Michelle von einer Abtreibung nichts hören wollte. In ihrer Verzweiflung hatte Michelle sich an die einzigen Verwandten gewandt, die ihr nun noch geblieben waren. Robert und Marie Picard. Sie boten ihr in Frankreich ein Heim und die Möglichkeit, ihre Studien trotz ihrer Schwangerschaft fortzuführen.
Picard war froh, dass Michelle ihm gestattete sein Enkelkind besuchen zu können. Michelle ließ Yamara in ihrem Haus in San Francisco aufwachsen und gab den beiden Kindermädchen Kano und Melinda die Anweisung, Jean-Luc Picard zu jeder Zeit seine Enkelin besuchen lassen zu dürfen. So hatte Picard immer über sein Enkelkind Kontakt zu seiner Tochter halten können, obwohl Michelle stets bemüht war, bei seinen Besuchen nicht im Haus anwesend zu sein.

Picard lächelte über die Entwicklung und bat Guinan an den Tisch, damit Michelle sich ein Schokoladeneis bestellen konnte, nachdem es ihr gelüstete.



4. Operation Delta Seven

"Computerlogbuch der Enterprise, Captain Neech. Die Enterprise ist durch einen Kampf mit Weltraumpiraten schwer beschädigt worden. Diese Banditen wussten genau, dass unsere Fracht aus medizinischen Geräten und einem Impfstoff bestand, die für den Planeten Tandru V lebensnotwendig sind. Vermutlich wird nun eine Erpressung folgen.
Aber das ist momentan nicht unsere größte Sorge. Die Enterprise hat durch den Kampf den Antrieb eingebüßt. Wir haben teilweise Systemausfälle des Computers, die lebenswichtige Informationen enthalten. Denn wir treiben auf die Sonne des Denala-Systems zu und wir sind nicht in der Lage, unseren sehr schwachen Schutzschild zu modifizieren, um der Strahlung widerstehen zu können. Die nächsten Schiffe sind Tage entfernt. In weniger als sechs Stunden stürzen wir in die Sonne, wenn es uns nicht vorher gelingt, den Antrieb zu reparieren. Commander LaForge befindet sich zur Zeit auf einer Tagung, um seinen verbesserten Koronenschutzschild vorzustellen, der uns ironischer Weise das Leben retten könnte. Doch genau auf diese Daten können wir zur Zeit nicht zugreifen. Logbucheintrag Ende."

Riker betrat den Bereitschaftsraum des Captains. Sie lächelte besorgt. "Geht es dir gut?" Riker war bei einer Explosion verletzt worden.
"Es sah schlimmer aus, als es in Wirklichkeit gewesen ist." Michelle atmete erleichtert auf. Im ersten Moment hatte Rikers Verletzung sehr ernst ausgesehen. Und wieder hatte es seine Schulter erwischt.

Michelle stand hinter ihrem Schreibtisch auf und schritt unruhig auf und ab.
"Ich wünschte, ich könnte etwas tun. Aber ich bin zur Untätigkeit verdammt. Wir warten auf ein Wunder oder auf unser Ende! Es ist zum verrückt werden!" Riker trat an sie heran und berührte sie sachte, um sie etwas zu beruhigen.
"Du hast gelernt, ein Schiff zu führen. Unsere Techniker haben gelernt, die derzeit nötigen Reparaturen durchzuführen... Aber du darfst keinesfalls die Hoffnung verlieren. Die Enterprise hat schon viel schlimmere Schäden davongetragen...
Und Michelle, du glaubst doch nicht, dass eine so heiße Sache, unsere Hochzeit verhindern wird?!" Er grinste sie schelmisch an und zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht.
"Riker, hüte dich. Du entwickelst genauso einen Sarkasmus wie ich. Dieses Privileg steht nur deinem Captain zu", neckte sie ihn.
Riker zuckte nur mit den Achseln. "Das ist meine Art von Galgenhumor. Wollen wir auf die Brücke gehen?" Michelle nickte einverstanden.

Und wenig später auf der Brücke hatte Michelle eine zündende Idee. Sie beorderte Data auf die Brücke und diskutierte ihre Idee mit ihm.
Michelle beabsichtigte, den Hauptcomputer der Enterprise auszuschalten. Dies war eine an sich schon riskante Aktion. Doch bei dem Ausmaß der Beschädigung könnte er möglicherweise nicht mehr hochgefahren werden. Dennoch sah Michelle derzeit keine andere Lösung für ihr Problem an den Koronenschutzschild zu kommen.
Beim erneuten Start des Computers würde er automatisch alle beschädigten Dateien und Systeme in einem gesonderten Unterprogramm ablegen und isolieren. Somit wäre der Weg zu den unbeschädigten Dateien über den Koronenschutzschild wieder frei. Theoretisch.

Data gab Michelle eine genaue Analyse der Wahrscheinlichkeiten und Risiken und fing dann mit der Prozedur an.
Der Android nahm an der Wissenschaftskonsole Platz und begann sofort. Michelle stand über ihn gebeugt, die Hand in ihren schmerzenden Rücken gestützt. Die Aufregung machte ihr zu schaffen und auch das Baby verhielt sich ausgerechnet in dieser Situation sehr unruhig. Michelle war müde, was niemandem auf der Brücke entging.
Auch Data nicht. Er unterbrach seine Arbeit und sah seinen Captain mitfühlend an, sein Emotionschip war derzeit aktiv.
"Captain, darf ich den Vorschlag machen, dass Sie sich ausruhen? Sie wirken sehr erschöpft."
"Data hat Recht, Captain. Denken Sie an das Baby." Riker lächelte gütig. Es war merkwürdig für ihn, von seinem Baby zu sprechen und Michelle in diesem Moment zu siezen. Er warf seine Bedenken über Bord.
"Bitte, Michelle. Du kannst hier nichts tun im Moment." Will sprach leiser um die Brückencrew nicht zu irritieren. Natürlich wusste mittlerweile das ganze Schiff, dass Captain Neech von Commander Riker ein Baby erwartete. Auch über die bevorstehende Hochzeit zwischen ihren kommandierenden Offizieren wusste die Crew der Enterprise bereits Bescheid. Viele weibliche Crewmitglieder mussten nun damit leben, dass Frauenschwarm Riker vom Markt war. Es würde seine Zeit dauern, bis man sich an diese neue Situation gewöhnen würde.

Michelle sah ein, dass ihre Offiziere und auch Will nur ihr Bestes wollten.
"In Ordnung. Ich ziehe mich in mein Quartier zurück. Nummer 1, Sie haben die Brücke. Informieren Sie mich, sobald eine Veränderung eintritt."  "Ja, Ma'am."
Zufrieden machte sich Data an die Arbeit, Riker blickte ihm über die Schulter. Erleichtert, dass Michelle so einsichtig war.

"Captain, das Hauptquartier wünscht einen Bericht", meldete sich eine Stunde später die Brücke. Michelle wachte auf und erhob sich langsam von ihrem Bett. Ihr ständig wachsender Bauch behinderte sie allmählich.
"Legen Sie es in mein Quartier", befahl Michelle, den Schlaf abschüttelnd.

Verblüfft blickte sie auf den Monitor und sah sich nicht wie gewohnt Admiral Lanford gegenüber.
"Admiral Willard? Ich bin etwas verwirrt. Ist Admiral Lanford nicht mehr mein Kontakt zum Hauptquartier?"
"Doch, Captain Neech. Admiral Lanford wurde vorübergehend zu einer Geheimmission abkommandiert. Und Sie lässt Ihnen ausrichten, es sei eine Operation Delta Seven. Sie wissen, was sie meint?" Michelle schluckte. Vor diesem Tag hatte sie sich immer gefürchtet.
"Ja, Admiral. Auf der Akademie berichtete mir die Admirälin von einer Mission, an der sie als junger Lieutenant teilgenommen hatte. Sie wurde als Operation Delta Seven bezeichnet und Lanford wäre dabei fast ums Leben gekommen. Seither bezeichnet Sie Missionen mit einem vielleicht tödlichen Ausgang als Operation Delta Seven... Nun, die Enterprise, so könnte man sagen, befindet sich derzeit auch auf einer Operation Delta Seven.
Im Moment sind wir bemüht, den Hauptcomputer herunterzufahren und neu zu starten. Wir hoffen, dadurch den Koronenschutzschild aktivieren zu können. Parallel dazu laufen die Reparaturen am Antrieb, wir verfügen nicht einmal über Impuls. Tandru V konnten wir nicht erreichen, die Piraten haben den Impfstoff gestohlen. Ich hoffe, Sie konnten andere Schiffe mit den Medikamenten losschicken."
Admiral Willard nickte, während er den Bericht hörte.
"Captain Neech, ich wünsche Ihnen das Beste. Sie werden es schaffen." Michelle räusperte sich.
"Ist noch etwas?"  "Ja, in der Tat. Sollten wir es nicht schaffen, ich habe eine Tochter auf der Erde. Sie heißt Yamara. Sie befindet sich derzeit auf der Destiny. Captain Ramirez bringt sie zu mir. Sagen Sie meiner Tochter und Captain Picard, meinem Vater, dass ich sie sehr liebe. Und sollte Lanford zurückkommen, sagen Sie, dass ich in ihr stets mehr sah als meine Vorgesetzte." Viel mehr eine mütterliche Freundin, setzte Michelle in Gedanken hinzu und dachte an die gütig lächelnde Lanford, die ihr bei zahlreichen Missionen oder Prüfungen auf der Akademie beigestanden hatte.
Der Admiral nickte und verabschiedete sich. Der Monitor wurde schwarz, das Logo der Sternenflotte erschien.
Michelle schluchzte und streichelte sanft über ihren Bauch. Sie wusste inzwischen, dass sie ein Mädchen erwartete. Doch würde ihre Tochter, für die sie und Riker den Namen Andromeda ausgesucht hatten, je das Licht der Welt erblicken? Oder würde die Enterprise in wenigen Stunden in der Denala-Sonne verglühen?
Michelle hielt die Ungewissheit nicht mehr aus. Sie stand auf und ging auf die Brücke zurück.


"Nun, Mr. Data, wie sieht es aus?" erkundigte Michelle sich. "Ich komme gut voran. In zehn Minuten können wir den Computer abschalten." Michelle spürte deutlich, dass es einen Haken an der Sache gab. "Aber?"  "Meinen Berechnungen zufolge, werden wir in vier Stunden, achtundvierzig Minuten in der Atmosphäre der Sonne verglühen. Das Abschalten, Neustarten des Computers und Aktivieren des Koronenschutzschildes dauert aber vier Stunden, achtunddreißig Minuten und sechsundzwanzig Sekunden."
Michelle stieß zischend die Luft aus.
"Mr. Data, wie Sie sicher bemerkt haben, ergibt sich daraus eine Differenz von zwölf Minuten."  "Exakt zwölf Minuten und vierunddreißig Sekunden, Captain."
Michelle ballte ihre Hände zu Fäusten und stieß mit zusammengepressten Lippen hervor: "Data, wir haben verdammt noch mal keine Zeit für solche Haarspaltereien. Sie müssen es einfach schaffen! Unser aller Leben hängt davon ab. Ist Ihnen das klar?!" Sie schrie jetzt fast.
Data blickte seinem Captain verwundert entgegen und blinzelte Riker hilfesuchend an. Der blieb ruhig, wollte Michelle nicht noch weiter aufregen.

Michelle drehte sich um rauschte in Richtung ihres Bereitschaftsraumes davon.
Riker folgte ihr kurze Zeit später. Er wollte sich überzeugen, dass es Michelle gut ginge. Aufregung war nun einmal nicht gut für das Baby und im Moment stand Michelle enorm unter Druck.
Michelle erklärte Riker, dass sie ausgerastet war, weil sie die Nachricht über Admiral Lanford erreicht hatte. Sie erklärte ihm, sie hätte Angst, alles was ihr wichtig ist, würde ihr nun entgleiten und zerstört werden. Sie weinte in seinen Armen und ließ ihrem Schmerz freien Lauf. Riker kam sich in dieser Situation ziemlich hilflos vor. Er versuchte sich dahingehend zu beruhigen, dass Michelles Hormone durch die Schwangerschaft aufgewühlt waren. Und natürlich machte ihr die Situation schwer zu schaffen. Seine ansonsten so tapfere und starke Verlobte, sein Captain war völlig verzweifelt und weinte wie ein kleines Kind.
Und dann begriff Riker, dass die größte Angst für Michelle wahrscheinlich war, dass das Baby mit ihnen sterben würde. Er atmete tief und lange durch und beruhigte Michelle damit ein wenig.

Die Stunden vergingen ohne wirkliche Fortschritte.

"Captain, wir treten in eine engere Umlaufbahn der Sonne ein", meldete Wesley Crusher von der Navstation aus. Eine nicht gerade ermutigende Nachricht.
Michelle erhob sich von der Couch und ging mit Riker zurück auf die Brücke, wo sie sich bei Data für ihren Ausraster entschuldigte und ihn nach dem Stand der Dinge fragte.
"Das Startprogramm für den Koronenschutzschild ist beschädigt", erklärte er kühl. Michelle bemerkte sofort, dass sein Emotionschip ausgeschaltet war. Es gab genug nervöse Offiziere an Bord. Michelle war froh, dass sie sich in diesem Moment auf Datas kühle Logik verlassen konnte.

"Können Sie es reparieren?"  "Ja, aber es wird dauern. Zu lange. Zweiunddreißig Minuten und zwölf Sekunden. Allerdings werden wir in neunundzwanzig Minuten und vier Sekunden in der Denala-Sonne verglühen."  "Wie beruhigend... . Maschinenraum, wie sieht es mit dem Antrieb aus?"  "Wir brauchen noch eine dreiviertel Stunde, Captain."
Michelle schlug mit der Faust auf die Konsole.
"Mr. Walsh, ich gebe Ihnen genau zwanzig Minuten!"
Wenn Geordi hier wäre, hätte Michelle Gewissheit, dass es ihr Chefingenieur rechtzeitig schaffen würde. Geordi LaForge schaffte alles, auch wenn er es zunächst als unmöglich abstempelte. Dies hatte ihm innerhalb der Mannschaft und auch der Sternenflotte den Ruf eingebracht, ein Wunderknabe zu sein.
Doch Geordi wurde erst morgen zurück erwartet, wenn es die Enterprise dann noch geben würde.

Schon wieder machte der Computer eine Temperatur-Ansage. Michelle achtete schon lange nicht mehr darauf. Sie sah zu Riker hinüber, der sie anlächelte.
Da denkt man, man hat alle Zeit des Universums, und dann passiert so etwas, fuhr es Riker in den Sinn, als er Michelle so anlächelte.

Michelle betrachtete die Sonne auf dem Hauptschirm, sie näherten sich scheinbar unabänderlich ihrem heißen Zentrum.
Wieder eine Durchsage vom Computer.

"Data, es wird Zeit", drängte sein Captain. "Ich brauche mehr Zeit, Captain." Michelle seufzte. Sie forderte einen Statusbericht vom Maschinenraum.
"Noch fünfzehn Minuten, Captain."  "Mr. Walsh, es wird etwas heiß auf der Brücke. Und in etwa zehn Minuten werden wir gegrillt! Beeilen Sie sich! Sie haben noch fünf Minuten!"

"Captain, ich kann das Startprogramm aktivieren."  "Tun Sie es, Data. Schnell!"  "Der Schild hat nur zweiunddreißig Prozent Leistung."  "Was bedeutet?" Michelle verlor jetzt wirklich die Geduld.
"Nach zwölf Minuten wird er versagen."  "Besser als gar nichts. Data, aktivieren Sie den Schild jetzt. Maschinenraum, Sie haben gerade zwölf Minuten Fristverlängerung gewonnen, Mr. Walsh!"  "Könnte hinhauen, Captain."


"Achtung, Versagen der Schilde in zehn Minuten", warnte der Computer. Alter Panikmacher, dachte Michelle. Sie waren so kurz vor ihrem Ziel, es musste einfach funktionieren.
"Data, gehen Sie zu Mr. Walsh in den Maschinenraum und heizen Sie ihm und seinen Leuten so richtig ein!"  "Captain?"  "Data, aktivieren Sie Ihren Emotionschip und denken Sie über das Wortspiel nach. Stichwort Dampfschiffe und Maschinenraum." Er grinste. "Aye, Captain. Ich werde so richtig Dampf machen."

"Fünf Minuten bis zum Versagen der Schilde", meldete die Stimme des Computers ohne Anteilnahme am Schicksal der Schiffsbesatzung.
Michelle blickte zu Riker hinüber und dachte an Yamara. Sollte ihre Familie so auseinandergerissen werden, bevor sie überhaupt erst richtig zusammengeführt werden konnte? So durfte es einfach nicht enden! Was sollte nur aus Yamara werden? Sollte es ihr Schicksal sein, bis zu ihrer Volljährigkeit bei ihren Kindermädchen aufzuwachsen? Oder würde Picard seine Enkeltochter aufnehmen? Michelle schluckte. Jetzt hatte sie wirklich Angst, Panik ergriff sie. Michelle ergriff Rikers Hand und blickte ihm verzweifelt, aber dennoch mit der ganzen Liebe, die sie für ihn empfand entgegen.
"Warnung, eine Minute bis zum Versagen der Schilde. Sie werden tödlicher Strahlung ausgesetzt."
Die Enterprise war dem Zentrum der Sonne jetzt unglaublich nahe. Sollten sie dieses Ereignis überleben, würden die Wissenschaftler der Sternenflotte sich die Finger nach den gesammelten Daten lecken. Und Geordi würde mit den Leistungen seines modifizierten Koronenschutzschildes überaus zufrieden sein können.

"Will, es sieht nicht so aus, als würden wir die Geschichte überleben." Er erwiderte nichts, verstärkte nur den Druck, mit dem er ihre Hand festhielt.
"Ich liebe dich, Will."  "Ich liebe dich auch, Michelle." Sie küssten sich.
"zehn, neun,... ."
"Captain, hier ist Data. Der Warpantrieb funktioniert wieder!"  "Mr. Crusher, fliegen Sie uns hier raus! Warp 5!"
Die Enterprise schoss aus der glühendheißen Corona der Denala-Sonne heraus und beschleunigte auf Warp.


Einige Tage später war die angekratzte Enterprise unterwegs zu ihrem Rendezvous mit der Destiny. Kurz zuvor hatte man Geordi von der Konferenz abgeholt, der sehr froh war, dass der Koronenschutzschild so gut funktioniert hatte unter den schwierigen Umständen. Und in der Tat, die Wissenschaftler der Sternenflotte leckten sich die Finger nach den gesammelten Daten.
Dank Geordis Rückkehr waren die wichtigsten Systeme wieder funktionsfähig. Nach dem Treffen mit Captain Ramirez würde die Enterprise für eine Reparatur zur Raumstation B 7 fliegen.
Die Raumpiraten hatten ein Patrouillenschiff der Sternenflotte aufgebracht und den Impfstoff rechtzeitig ausgeliefert.


Der Tag von Yamaras Ankunft war gekommen. Unter Michelles Uniform zeichnete sich inzwischen ein deutlicher Bauch ab. Bald würde sie wohl eine Umstandsuniform tragen müssen.

Als Michelle sich in ihren Sessel setzte, bot Riker seine Hand an, die Michelle ausschlug.
"Noch kann ich das ganz gut alleine. Trotzdem danke, Nummer 1."
Data meldete die Ankunft der Destiny. Worf aktivierte die Grußfrequenzen.
Michelle erhob sich langsam aus ihrem Sessel. Ihr kam es so vor, als er  wäre tiefer als sonst. Gewöhn dich dran, du bist schwanger, dachte sie.
"Captain Ramirez, hier spricht Captain Neech." Auf dem Hauptschirm erschien nun ein dreist grinsender und sehr gut aussehender Südamerikaner.
Er hat sich doch noch überwunden ein Kommando anzunehmen, dachte Michelle zufrieden.
"Hallo Michelle, ich freue mich, dich noch einmal wieder zu sehen." Es schwang ein klein wenig Bitterkeit in seiner Aussage mit. John Ramirez hatte ihr verziehen, es aber nicht vergessen.
"Dein Traum nach einem Bilderbuchkommando scheint sich erfüllt zu haben."  "Nicht nur der, John. Nicht nur der. Hast du mir nicht etwas mitgebracht?!" Sie grinste.
"Oh ja. Hier ist jemand, der es kaum erwarten kann, ihre Mutter wieder zu sehen." Hinter John Ramirez trat Yamara Neech hervor.
"Hi, Mom." Jetzt merkten auch die letzten, dass Captain Neechs Tochter in einem bezaubernden blauen Kleid eine halbe Klingonin war. Wunderschönes, bis zum ihrem Becken wallendes braunes Haar bildete den perfekten Rahmen um den strahlenden Engel, fuhr es Michelle in den Sinn. Ihre dunklen Augen blitzten verschmitzt, ihre Stirnwülste regte Yamara stolz hervor.
"Geh in den Transporterraum. Wir beamen dich gleich rüber." Yamara bedankte sich bei Ramirez und verließ die Brücke.

"Das ist Ihre Tochter, Captain?!" fragte Wesley Crusher mit hinunter gefallener Kinnlade, überrascht und überaus angetan.
"In der Tat, Mr. Crusher. Eine hübsche Mischung aus Mensch und Klingone. Und jetzt Mund zu, es zieht."
John grinste. Er hatte schon oft erlebt, wie Yamara darauf reagierte, wenn sie als reine Klingonin bezeichnet wurde. Sie flippte aus. Der Betreffende musste dann die Beine in die Hand nehmen oder mit Knochenbrüchen rechnen. Yamara lehnte das Meiste an der klingonischen Natur ab. Sie wusste natürlich um den Umstand ihrer Existenz. Und sie hoffte, ihr biologischer Vater würde ihr eines Tages begegnen, wenn sie ihr Bath'leth griffbereit hatte.

Michelle konnte es nun nicht mehr erwarten, Yamara in ihre Arme zu schließen. Wie gerne sie auch noch mit John, den sie einst sehr geliebt hatte, gesprochen hätte, die Ungeduld war einfach zu groß.
"John, es tut mir leid, dass ich keine Zeit mehr für dich habe. Aber ich habe meine Tochter seit Monaten nicht mehr gesehen. Ich danke dir, dass du sie zu mir gebracht hast. Ich schulde dir etwas." Hoffentlich nahm er das nicht hundertprozentig. Unsinn, John hatte es verwunden. Aber sein Blick, als er gesagt hatte, wie er sich darüber freute, sie noch einmal zu sehen. Er war verbittert, daran gab es für Michelle keinen Zweifel.

"Du schuldest mir gar nichts. Ich bin immer da, wenn du mich brauchst. Bis zum nächsten Mal, Micky." Michelle warf ihm einen giftigen Blick zu, denn Michelle so zu nennen, stand ihm schon lange nicht mehr zu.
"Entschuldige, Michelle."  "Auf Wiedersehen, John."
John Ramirez verschwand vom Hauptschirm und die auf Warp beschleunigende Destiny nahm seinen Platz ein.
"Nummer 1, gehen wir in den Transporterraum und begrüßen meine Tochter."  "Sehr gerne, Captain." Er gab Data einen Wink, der seinen Posten sofort wechselte.

"Kennst du diesen Ramirez schon lange? Und wieso warst du sauer, als er dich Micky nannte? Und darf ich dich Micky nennen, das gefällt mir nämlich sehr gut."  Er legte den Kopf schief und grinste sie an.
"John kenne ich seit der Akademie. Als ich mit Yamara aus Frankreich zurückkehrte, lebten wir zusammen und zogen Yamara gemeinsam auf. Wir waren lange ein Paar... Wenn nicht so deutlich sichtbar gewesen wäre, dass sie zur Hälfte Klingonin ist, hätte ich Ramirez als ihren Vater ausgeben können. So hatten wir ganz schön was mitzumachen. Sie prügelte sich ständig mit den Kindern, die sie hänselten...
Als man mir dann das Kommando über die Unicorn anbot, und er auf Refari III stationiert wurde, verließ ich ihn für meine Karriere. Obwohl ich ihn noch geliebt hatte. Aber ich wollte Captain werden." Riker schluckte, wie ihr Vater hatte Michelle bis dato die Karriere über eine Familie gestellt.
"Er hat später viele gute Kommandos abgelehnt, weil er nicht darüber hinweg war. Ich denke, die Destiny kommandiert er jetzt nur, um zu erfahren, ob ein eigenes Kommando wert ist, was ich ihm angetan habe."
"Sein Pech, mein Glück." Er versuchte seine Verblüffung über Michelles Kaltblütigkeit mit einem lockeren Spruch zu überspielen. Doch Riker war leicht entsetzt darüber.

Sie hatten den Transporterraum erreicht. Noch während Michelle in der Türe stand, erteilte sie Chief O'Brien den Beambefehl.
Einen Sekundenbruchteil später erschien Yamara auf der Transporterplattform. Neben ihr stand ein kleiner schwarzer Käfig. Yamaras übriges Gepäck war bereits in ihr Quartier gebeamt worden.
Yamara stieg von der Plattform und fiel ihrer Mutter in die Arme.
"Vorsicht, junge Lady. Denk an deine Schwester." Sofort wurde Yamara vorsichtiger. Aber eine kleine bissige Bemerkung konnte sie sich nicht verkneifen.
"Also stehst du endlich zu mir, ja?!" Will grinste. Wie die Mutter, so die Tochter! Sarkastisch bis ins Mark.
"Was soll das denn heißen? Ich habe gewartet, bis ich dir ein richtiges Zuhause bieten konnte", erklärte Michelle, die Beleidigte spielend.
"Mum, du kennst doch meinen Humor."  "Leider zu gut", erklärte Michelle lachend.
"Kommen wir nun zum offiziellen Teil. Yamara, dies ist Will dein zukünftiger Vater." Riker lächelte sie an, während er von der jungen Frau gemustert wurde. Dann streckte sie ihm ihre Hand entgegen und sagte:
"Es freut mich, dich kennen zu lernen. Und du bist dir sicher, dass du mich adoptieren willst? Mit mir wirst du es nicht so leicht, wie mit meiner Mutter haben." Sie grinste spöttisch, da sie das Temperament ihrer Mutter kannte, brachte es sie selbst doch auch immer wieder in Schwierigkeiten.
"Ich kenne das Temperament deiner Mutter in der Tat und ich bin sicher, mit dir werde ich auch noch fertig, Yamara." Riker und Michelles Tochter grinsten sich herausfordernd an.
Dann wechselte Yamara das Thema, um den Putt zu beenden.
"Wo ist Großvater?" Michelle legte einen Arm um Yamara.
"Er ist auf der Raumstation Alpha Orion 3. Aber in einem Monat zu unserer Hochzeit kommt er wieder. Ich habe aber schon eine Subraumverbindung für heute Abend für dich reserviert, in deinem Quartier."
Yamara stutzte. Hatte sie gerade richtig gehört? "Sagtest du gerade mein Quartier oder hat mich ein tarkasianisches Messerbiest überrannt?!"
"Du hast dich nicht verhört. Wir haben nur ein zusätzliches Zimmer im Captain's Quartier. Das brauchen wir fürs Baby." Michelle schaute etwas bedripst, sie wusste nicht, ob Yamara diese Aussicht gefiel. Als ihre Tochter ihr auch noch todernst entgegenblickte, wusste sie überhaupt nicht mehr, ob sie richtig gehandelt hatte.
Doch dann huschte ein breites Lächeln über Yamaras Gesicht und sie rief aus: "Mum, das ist ja toll! Eine eigene Bude, nach Jahren Gefängnis!" Sie fiel ihrer Mutter dankbar um den Hals.
"Ich würde unser Strandhaus in San Francisco nicht unbedingt ein Gefängnis nennen. Du hattest viele Freiheiten, konntest dich praktisch überall auf der Erde freibewegen, selbst deine Freunde in der Mondkolonie konntest du regelmäßig besuchen."
"Ja, aber die beiden Drachen haben stets dafür gesorgt, dass ich in meinem eigenen Bett geschlafen habe", knurrte Yamara.
"Das war auch eine meiner wichtigsten Anordnungen. Melinda und Kano haben gute Arbeit geleistet. Aber jetzt lass uns gehen."

Einige Minuten später stand das Trio auf Deck 11 vor einer Tür mit Yamaras Namen.
"Du kannst deinen Nachnamen nach den Formalitäten der Adoption gern in Riker umnennen, ich kenne jemanden, der darüber sehr erfreut wäre." Riker grinste in sich hinein.
Sie betraten Yamaras Quartier. Endlich frei, nie mehr würden Kano und Melinda sie dazu anhalten, ihre Hausaufgaben zu machen, aufzuessen, ins Bett zu gehen. Doch ihre Seifenblase war nur sehr dünn.
"Morgen beginnt dein Unterricht... . Schau mich nicht so an, mein Fräulein. Hast du gedacht, du musst nicht in die Schule? Du willst doch immer noch auf die Akademie, oder? Dann hast du nun die beste Gelegenheit zu lernen. Frag Lieutenant Wesley Crusher, wie er seine Karriere mit 15 Jahren auf einem Schiff namens Enterprise begann, kommandiert von deinem Großvater." Yamaras Protest erstarb ihr auf den Lippen. Sie hatte Wesley Crusher auf dem Sichtschirm der Destiny gesehen und auch wie er sie angesehen hatte. Sie würde sich nachher auf einen Drink im berühmten Ten Forward mit ihm treffen - dem Ort wo Picard und ihre Mutter endlich zu einander gefunden hatten. Sie teilte ihre Liebe zu dem Schiff bereits jetzt mit den übrigen Mitgliedern ihrer Familie.

Nach diesen Überlegungen, dem Eingeständnis, dass ihre Mutter vollkommen Recht hatte, ließ Yamara im wahrsten Sinne des Wortes die Katze aus dem Sack. Oder besser aus dem kleinen schwarzen Koffer.
Sie öffnete die Tür und holte eine kleine, schwarze Katze heraus.
Will wirkte leicht entsetzt. Seit er einmal Datas neurotische Katze, Spot, versorgt hatte, verband er nicht mehr sehr viel schöne Gedanken mit diesen Vierbeinern.
"Darf ich euch bekannt machen? Buffy, Will. Will, dass ist mein kleines Baby, Buffy." Er lächelte gequält. Michelle bemerkte Yamaras Verwunderung und gab sofort die kleine Anekdote über Rikers Erlebnis mit Spot zum Besten.
Yamara brach in schallendes Gelächter aus und erklärte schließlich: "Oh keine Angst, Will. Buffy ist ein süßes, kleines Baby."  "Aus Babys werden wilde Biester", entgegnete er wenig überzeugt.
"Gibt es hier denn überhaupt gutes Katzenfutter?"  "Data hat, so weit ich weiß, über einhundert verschiedene Menüs in den Replikator eingespeist. Frag ihn mal danach... Wir sollten unserer Tochter jetzt Zeit geben, das Quartier auf den Kopf zu stellen. Als sie kaum laufen konnte, begann sie unser Haus in Frisco komplett umzugestalten. Und ich wette sie ist immer noch nicht ganz fertig geworden."  "Ein guter Innenarchitekt ist nie fertig, Mum. Wann lernst du das endlich?" Sie lachten.
"Wer kümmert sich jetzt eigentlich um das Haus?" erkundigte Riker sich.
"Melinda. Kano ist nach Qo'nos zurückgekehrt, um das Kind eines hohen Diplomaten zu erziehen... Jedem das seine. Und wir gehen nun endlich auf die Brücke... Yamara, wenn du Zeit erübrigen kannst, komm auf die Brücke und sieh dir alles an." Yamara grinste und träumte bereits vom Posten des Navigators. Wesley Crusher konnte ihr sicherlich viele nützliche Tipps geben. Auf der Enterprise wartete eine großartige Karriere auf sie, da war Yamara sich sicher.


5. Hochzeit zwischen den Sternen

Einen Monat später. Yamara hatte sich inzwischen gut eingelebt und nahm neben ihren Schulstunden am täglichen Ablauf auf der Brücke teil.
Die Enterprise war auf dem Weg, Captain Picard abzuholen. Der Tag der Hochzeit rückte immer näher, Michelle wurde stetig fülliger und war verständlicherweise sehr aufgeregt.

Als der große Tag endlich da war, war die werdende Mutter nicht mehr zu halten. In der vorherigen Nacht hatte sie ohne Will in dem großen Bett geschlafen, zum ersten Mal seit Monaten. Jeder hatte für sich eine Junggesellen-Abschiedparty gefeiert. Mädchen und Jungen schön brav getrennt. Selbst Picard hatte den Männern Gesellschaft geleistet und sich köstlich amüsiert. Zu jeder anderen Stunde nahm Yamara ihren Großvater in Beschlag und genoss seine Anwesenheit sichtlich. Ja, wenn Picard nun auch immer an Bord bleiben könnte, wäre Yamaras Leben perfekt.

Michelles Herz schlug schon den ganzen Tag schneller als sonst. Auch die morgendliche Übelkeit machte ihr mehr zu schaffen als sonst. Wen wunderte es bei dieser Aufregung. Bald würden ihre Blumendamen, Yamara, Deanna und Beverly kommen und ihr bei den Vorbereitungen helfen.

Michelle hatte sich für eine Hochzeit auf dem Holodeck entschieden. Sie hatte - manche mochten es übertrieben nennen - Notre Dame, die wunderschöne Kirche im Herzen von Paris auf dem Holodeck erschaffen. Anstelle der Galauniform trug sie ein traditionelles weißes Kleid mit einem Schleier und einer langen Schleppe. Bis zur Taille war es in Herzform mit Perlen bestickt.
Da Picard Michelle und Riker trauen würde, hatte Michelle keinen Brautführer. Sie hatte diese ehrenvolle Aufgabe Data übertragen, der diese bereits bei der Hochzeit von Miles und Keiko O'Brien übernommen hatte.

Das Türsignal ertönte. Michelle bat die Wartenden, Yamara, Beverly und Deanna herein. Sie trugen bereits die Kleider für die Hochzeit. Michelle holte ihr Kleid aus dem Schlafzimmer. Bis dato hatte noch niemand das Kleid gesehen. Ihre Freundinnen und ihre Tochter waren sprachlos.
"Ich hoffe, ich passe noch hinein", scherzte Michelle. Die Frauen grinsten, sie spürten deutlich Michelles Nervosität, die fast greifbar im Raum lag.
"Vielleicht sollten wir jetzt anfangen, Michelle", schlug Beverly vor.
Deanna und Beverly halfen der Braut in ihr Kleid. Yamara wurde währenddessen von ihrer Mutter auf die Suche nach ihren Schuhen geschickt. Michelle hatte sie gestern noch einmal anprobiert und sie irgendwo liegen lassen.
Nachdem Yamara sämtliche Ecken durchsucht hatte, fand sie die Schuhe endlich hinter der Couch. Sie brachte sie ihrer Mutter und sagte:
"Die Märchenhochzeit kann beginnen, Cinderella!" Sie lachten. Michelle bat Yamara, ihr die Haare zu richten. Yamara salutierte scherzhaft und führte Michelle ins Schlafzimmer vor den Spiegel.

Yamara hatte gerade mit ihrem Werk begonnen, als jemand an der Tür war.
Beverly fing den Wartenden an der Tür ab. Es war Riker.
Als sie es Michelle mitteilte, rief diese von Riker ungesehen aus dem Schlafzimmer: "Riker, verschwinde! Sonst bleibst doch etwas länger Junggeselle! So bis in alle Ewigkeit!"
"Schon gut, schon gut. Ich habe ein Geschenk für dich. Ich gebe es Beverly." Damit verabschiedete der nervöse Bräutigam sich.
Beverly kam mit einer schwarzen Samtschatulle ins Schlafzimmer und überreichte es der fragenden Michelle. Deanna, Beverly und Yamara stellten sich um Michelle herum und warfen neugierige Blicke auf die Schatulle.
Michelle öffnete den Verschluss und zum Vorschein kam ein Diamantkollier und eine kleine Karte.
"Dieses Kollier gehörte meiner Mutter. Es war in ihrem Nachlass mit der Bitte, es meiner zukünftigen Frau am Tage unserer Hochzeit zu geben. Trage es bitte. Ich liebe dich. Riker."
Michelle war wie die anderen einfach nur sprachlos. Ihre zarten Finger glitten unter das Kollier und holten es aus der Schatulle. Die unzähligen Diamanten funkelten wie die Sterne des Weltalls in all ihrer Pracht.

Einige Minuten betrachteten die vier schweigend das Kollier. Schließlich brach Michelle das Schweigen.
"Es geht weiter, Ladies. Wir wollen den Bräutigam nicht warten lassen." Sofort fuhr Yamara fort und steckte Michelles Haar zusammen. Zum Schluss brachte sie den Schleier an und die Braut war fertig. Fast.
Deanna und Beverly gaben ihr noch etwas Altes, Gebrauchtes und Blaues. Das Kollier zählten sie als neu, da es Michelle ab heute gehörte.
"Michelle, diese Ohrringe bekommen Sie als etwas Altes von mir", erklärte Beverly.
"Und dieses blaue Taschentuch benutzte meine Mutter bei ihrer Hochzeit mit meinem Vater, um ihre Freudentränen zu trocknen. Sie möchte es Ihnen heute leihen und wäre sehr stolz, wenn Sie es annehmen."
"Deanna, Beverly, haben Sie beide vielen Dank für diese Gaben. Ich werde beides ebenso wie das Collier von Wills Mutter mit großer Freude und tiefem Stolz tragen."
"Und von mir bekommst du den Brautstrauß."  "Den du hoffentlich nicht fangen wirst, liebes Kind", erklärte Michelle an ihre Tochter gerichtet.
"Können wir nun?" Wie aufs Stichwort stand wieder jemand vor der Tür. Dieses Mal war es Data. Er trug wie alle Offiziere, die der Hochzeit beiwohnen würden, seine Galauniform.
Deanna, Beverly und Yamara gingen vor zum Holodeck. Michelle und Data folgten ihnen mit einigem Abstand.
Data blieb kurz stehen, musterte Michelle und erklärte schließlich: "Captain, Sie sehen atemberaubend schön aus. Sie haben eine vortreffliche Wahl getroffen. Und ich fühle mich wirklich geehrt, dass Sie mir die Rolle als Brautführer zugedacht haben." Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Michelle bedankte sich für das Kompliment.

Während sie durch die Gänge der Enterprise schritten, die heute so menschenleer waren, bemerkte Data Michelles Nervosität. Er hatte dieses Phänomen schon bei vielen besonderen Anlässen miterlebt und seit er seinen Emotionschip verwendete auch selbst erlebt. Aus Erfahrung wusste er, dass etwas Smalltalk meist zur Ablenkung der nervösen Person führte. Er erzählte Michelle einen Witz, bei dem er bei vielen früheren Gelegenheiten die Pointe vermasselt hatte. Doch dank seines Emotionschips lief der Witz heute wie am Schnürchen und brachte Michelle dazu, herzlich darüber zu lachen.

Als sie das Holodeck erreicht hatten, hatte Michelle sich wieder halbwegs beruhigt. Die Türen öffneten sich, und Michelle bekam weiche Knie. Sie ergriff Datas Hand ein wenig fester als bisher und ließ sich von ihm durch die Kirche zu Will führen.
Ein Raunen ging durch Notre Dame. Es gefällt ihnen, fuhr es Michelle zufrieden in den Sinn.
Riker entdeckte Michelle und registrierte wie atemberaubend sie in ihrem Brautkleid aussah. Seine Kinnlade klappte hinunter, dort blieb sie, bis Picard ihn leise darauf hinwies, den Mund wieder zu schließen.

Gleich hatten sie ihr Ziel erreicht. Doch vorher traf Michelle der Schlag. Was in aller Welt machte Yamara denn da? Sie stand zwar an dem ihr zugedachten Platz, aber ihre linke Hand war nach hinten in die ersten Reihe ausgestreckt, wo der junge Wesley Crusher saß. Yamara würde wahrscheinlich am Ende der Trauung einen steifen Arm haben. Gut so, wenn sie so offensichtlich mit Wesley flirten musste.
Sie musste ihrer Mutter anscheinend alles gleichtun. Wollte sie etwa auch mit siebzehn schon Mutter werden?
Nachher würden sie sich ausgiebig unterhalten müssen. Yamara hatte zwar ihr eigenes Quartier, aber so hatten sie nicht gewettet. Genug davon, nun wurde erst einmal geheiratet.

Michelle hatte Riker erreicht. Data übergab ihre Hand an ihn und setzte sich auf der anderen Seite in die erste Reihe, neben Guinan.
Picard begann mit der Zeremonie. "Wie ich immer wieder gerne wiederhole, ist es seit ewigen Zeiten, seit es die ersten hölzernen Boote gab, das wunderbare Privileg eines Captains, zwei sich liebende Menschen zu vereinen... Und ich freue mich besonders, heute meine Tochter, Michelle, trauen zu dürfen, die sich den besten Commander der Sternenflotte ausgesucht hat, Will Riker...
Ich habe schon viele Hochzeiten an Bord der Enterprise durchführen dürfen, doch es gibt keine, die mir so unvergessen im Gedächtnis bleiben wird, wie diese hier...
Und so fragte ich dich, Michelle, willst du den hier anwesenden William Thomas Riker zu deinem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen? Ihn lieben und ehren? In guten wie in schlechten Zeiten? In Reichtum wie in Armut? In Krankheit und Gesundheit, bis dass der Tod euch scheidet?"  "Ja, ich will", hauchte Michelle.
"Und willst du, William, Michelle Neech zu deiner Ehefrau nehmen? Sie lieben und ehren? In guten wie in schlechten Zeiten? In Reichtum wie in Armut? In Krankheit und Gesundheit, bis dass der Tod euch scheidet?"  Riker antwortete nicht sofort, er träumte. Um ihn in die Wirklichkeit zurückzuholen, gab Michelle ihm einen kräftigen Tritt. Niemand außer Riker und Picard bemerkte es.
Riker antwortete schnell: "Ja, ich will" und spürte nun wieder einmal, welche Kraft doch in seiner Frau steckte. Er fürchtete schon, für den Rest des Tages humpeln zu müssen.
Picard fuhr fort. "Durch mein Amt als Captain und das von der Sternenflotte verliehene Recht, erkläre ich euch hiermit zu Mann und Frau. Du darfst die Braut küssen."
Picard lächelte, als sie seiner Aufforderung nachkamen und sich küssten. Alle Gäste standen von ihren Plätzen auf und applaudierten.
"Tut's noch weh?" fragte Michelle ihren Mann nun bedauernd. "Ich kann noch gehen, wenn du das meinst."  "Sorry."
Dann begaben die beiden sich unter Applaus und Reisregen zum Ausgang der Kirche. Der Reis war eigentlich überflüssig, aber eine schöne Tradition. Hinter Michelle versammelten sich nun alle weiblichen Singles. Unter ihnen natürlich auch Yamara. Und wie sollte es anders sein, Michelles Tochter fing ihn.
Als Michelle es sah, sagte sie nur: "Oh, oh." Riker verstand nicht, es war doch nichts dabei. Doch Michelle berichtete ihm rasch von ihrer Beobachtung bezüglich Wesley Crusher. Und der junge Lieutenant hielt noch immer ihre Hand.
"Du oder ich?" fragte Michelle. Riker machte ein besorgtes Gesicht. Er wollte nicht gleich am seinem ersten offiziellen Tag als Yamaras Vater als der böse Stiefvater auftreten. Michelle erkannte seine Lage und erklärte rasch, dass sie mit den Kindern reden würde. Riker war sichtlich erleichtert darüber.

Nachdem dieses Problem gelöst war, befahl Michelle dem Computer, das Programm zu ändern. Von einer Sekunde zur anderen stand die gesamte Hochzeitsgesellschaft in einem riesigen Saal mit unendlich vielen Tischen, Stühlen und kalten Büffets. Und in der Mitte eine große Tanzfläche und eine Band. Riker schluckte. Ihm war natürlich klar gewesen, dass er sich nicht vor dem Hochzeitstanz drücken konnte. Nun, sei's drum. Er führte seine Frau, er ließ sich das Wort gedanklich auf der Zunge zergehen, auf die Tanzfläche und eröffnete somit die Party.

Die Party kam schnell in Gang. Nachdem Michelle und Riker allen die Hände geschüttelt und Geschenke entgegen genommen hatten, machte sie sich nach einem Tanz mit ihrem Vater auf die Suche nach Wesley und Yamara. Es war gar nicht so einfach, sie unter so vielen Leuten zu finden. Normalerweise waren die über eintausend Besatzungsmitglieder auf über 40 Decks verteilt, doch heute hatten sich viele von ihnen zu der Hochzeit ihres Captains eingefunden.
Endlich hatte Michelle sie entdeckt. "Na, schau mal einer, wen ich da entdeckt habe! Meine Tochter und Lieutenant Crusher beim Flirten! Was habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen?" fragte Michelle, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.
"Wir lieben uns, Mum."  "Ach. Das habe ich mir doch fast schon gedacht!"  "Mum, lass deinen Sarkasmus in deiner Handtasche." Michelle setzte sich und atmete tief durch.
"Junges Fräulein, du bist erst siebzehn! Mr. Crusher kann tun was er will, aber du nicht." Riker trat an Michelle heran und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
"Entschuldigung. Also, wie stellt ihr euch eure Zukunft vor?" Stille. Schließlich setzte Yamara zu einer Erklärung an.
"Wir haben eigentlich keine großen Pläne. Natürlich will ich auf die Akademie. Wesley unterstützt mich bei meinen Studien. Na ja, und eigentlich sind zwei Quartiere Platzverschwendung, weil wir sowieso die ganze Zeit miteinander verbringen. Also, könnten wir doch..." Sie ließ den Satz unvollendet im Raum stehen.
Doch nun war Wesley es, der einhakte. "Captain, darf Ihre Tochter in mein Quartier ziehen?" Nun gab es kein Zurück mehr. Beide blickten fragend Michelle an. Wie viel leichter war es doch Captain des Flaggschiffs zu sein als Mutter einer heranwachsenden Tochter.
"Ich muss darüber nachdenken. Will, wir sollten uns darüber mit Beverly beraten." Er nickte und damit überließen sie die Kinder ihren Hoffnungen und Ängsten.

Als Beverly von den Plänen ihres Sprössling erfuhr, musste sie sich erst einmal hinsetzen. Sie hatte nicht im mindestens geahnt, dass Yamara und ihr Sohn sich in einander verliebt hatten. Sie diskutierten einige Zeit über den Wunsch ihrer Kinder. Schließlich machte Michelle sich auf, den beiden ihre Entscheidung mitzuteilen.

Michelle kehrte an den Tisch der beiden zurück. Als sie sich setzte, saßen Yamara und Wesley angespannt, aber noch immer Händchen haltend dort und warteten. Besonders Yamara wirkte sehr angespannt. Michelles strenger Blick machte sie noch nervöser. Der Griff um Wesleys Hand wurde noch fester. Er zuckte kaum merklich zusammen unter der Kraft seiner Freundin. Jeder Muskel in Yamaras Körper war jetzt bis aufs Äußerste angespannt und wartete auf die erlösenden Worte.
Auch Wesley war sehr nervös, denn seiner Einschätzung nach standen die Chancen nicht sehr gut sie. Endlich ergriff Michelle das Wort.
"Also, nach reiflicher Überlegung sind dein Vater und ich zu der Entscheidung gekommen, es dir zu gestatten." Sofort entspannte Yamara sich. Sie ließ Wesleys Hand los und umarmte stürmisch und überaus dankbar ihre Mutter.
Michelle räusperte sich. Sie war noch nicht fertig. "Dürfte ich noch eine Kleinigkeit ergänzen?... Gut. Es gibt nämlich einen kleinen Haken. Eine Hochzeit kommt erst in Frage, wenn Yamara erfolgreich die Akademie absolviert hat." Sie nickten zufrieden, mit dieser Regelung konnten sie leben.

Später tanzte Michelle ein weiteres Mal mit ihrem Vater und berichtete ihm von Wesley und Yamara. Er war überrascht, wusste seine Enkelin aber in guten Händen.

Die Brücke melde sich. Michelle stöhnte. "Nicht mal an meinem Hochzeitstag habe ich meine Ruhe. Das ist der Fluch eines Captains. Ja, lach du nur, Captain Picard." Mit diesen Worten begab Michelle sich auf die Brücke und überließ ihren noch immer grinsenden Vater seinem Schwiegersohn.


Noch immer glich die Enterprise mehr einem Geisterschiff als dem Flaggschiff der Sternenflotte. Doch als Michelle die Brücke betrat, erkannte sie, dass die Arbeit keineswegs ruhte. Hier herrschte reger Betrieb.
Jedermann sah auf, als der Captain in ihrem Brautkleid die Brücke betrat. Sie ließ sich einen kurzen Statusbericht vom diensthabenden Offizier geben und begab sich dann in ihren Raum, wo bereits ein Gespräch auf sie wartete.
Michelle setzte sich, aktivierte ihren Monitor und sah sich plötzlich Admiral Lanford gegenüber. Überrascht rief sie deren Namen. Sie lächelte ihrem Schützling gütig entgegen.
"Ich habe schon befürchtet, Sie nie mehr wiederzusehen. Keine Operation Delta Seven?" fragte Michelle erleichtert. Lanford grinste.
"Im Himmel oder Stovokor oder wo auch immer will man mich wohl noch nicht haben. Ich hörte, du hast einen neuen Aufenthaltsrekord innerhalb einer Sonne aufgestellt?" Michelle lachte. "So kann man das auch sehen. Was kann ich für Sie tun, Admiral?"
"Michelle, seit deiner Studienzeit bin ich deine Mentorin. Es ist an der Zeit, dass du mich duzt." Michelle schluckte. Die Überraschungen überboten sich heute schier.
"In Ordnung, aber daran werde ich mich nach siebzehn Jahren erst einmal gewöhnen müssen."
"Außerdem wollte ich dir zu deiner Hochzeit mit Commander Riker gratulieren... Schönes Kleid."  "Danke."  "Und ich wollte dich über die neue Mission der Enterprise informieren. Auch an deinem Hochzeitstag ruht der Dienst nicht, leider...Wie gerne würde ich jetzt mit euch feiern. Nun ja.... Der Planet Barrakas möchte der Föderation als Mitglied beitreten. Du wirst den Planeten, seine Bevölkerung und Präsident Won Flores unter die Lupe nehmen und einen Bericht verfassen..."
Michelle verdrehte die Augen und warf einen hilfesuchenden Blick an die Decke.
"Ich kenne diesen Blick. Ja, du magst diese trockenen diplomatischen Missionen nicht. Nein, es kann niemand Anderes die Mission übernehmen. Ich habe dich gewarnt, dass die Führung der Enterprise nicht nur Abenteuer und Pionierarbeit im All bedeutet, sondern zu einem Großteil auch staubtrockene diplomatische Aufgaben beinhaltet."
"Ja, Ma'am. Wenigstens darf ich nun mal wieder das Schiff verlassen. Riker hat mich früher schon nicht auf Außenmissionen gelassen. Und seit ich sein Kind erwarte, überschlägt er sich fast... Wo muss ich meinen Vater abliefern?" Sie grinste wegen ihrer Wortwahl.
"Captain Picard wird auf der Starbase 11 erwartet. Ach, übrigens ich soll dir Glückwünsche von deinen Eltern und deinem Bruder bestellen." Michelles Miene verfinsterte sich schlagartig.
"Mariah, darf ich dich erinnern, dass Jean-Luc Picard mein Vater ist. Amanda soll zur Hölle gehen und Captain Neech ist auch nicht viel besser als der Rest seiner Familie."  "Verzeih, Michelle. Ich wollte dir nicht deinen Hochzeitstag verderben. Feiere für mich mit. Lanford Ende." Das Logo der Föderation erschien und Michelle schaltete ihren Monitor aus.
"Das werde ich", versprach sie und verließ ihren Raum wieder.

Auf der Brücke sprach sie überraschend Worfs Vertretung an der taktischen Station an.
"Captain, wenn ich eine Bemerkung machen dürfte?" Er wirkte nervös. Michelle nickte. "Sie sind die wunderschönste Braut, die ich je gesehen habe. Und ich bin sehr stolz unter Ihrem Kommando Dienst tun zu dürfen."  "Das sind wir alle", hörte Michelle plötzlich von ihrer gesamten Brückencrew. Sie lächelte verlegen, aber sie war auch ein klein wenig stolz.
"Vielen Dank, Ihnen allen. Ich bin ebenso stolz, die beste Crew in der Sternenflotte kommandieren zu dürfen. Wenn Ihre Schicht beendet ist, kommen Sie bitte auf die Party." Sie bekam ein begeistertes "Aye, Aye" von der Crew entgegengeschmettert und verließ gutgelaunt die Brücke, um sich wieder ganz ihrer Feier zu widmen. Denn schon viel zu bald würde sie und Riker der Alltag wieder einholen.



6. In letzter Sekunde

Da Yamara sich sehr gut in die Crew der Enterprise integriert hatte, fand Michelle es an der Zeit ihre Tochter formell zu einem Mitglied der Besatzung zu ernennen. Sie hatte bereits mit Admiral Lanford darüber gesprochen und wollte nun noch die Meinungen ihrer Führungsoffiziere einholen.
Während der täglichen Einsatzbesprechung fand Michelle es eine gute Gelegenheit.
Die Besprechung würde jeden Moment beginnen. Die Offiziere standen im Kreis um Commander Riker, der an den Tisch angelehnt dastand, und hörten einer seiner Anekdoten zu.
Michelle hatte den Raum betreten. Sie ging zu ihrem Sessel und ließ sich von Riker helfen Platz zu nehmen.
Rasch lehnte er sich zu seiner Frau hinüber und flüsterte: "Du hast mir die Pointe an meiner Geschichte verdorben."  "Oh, das tut mir aber leid", erklärte seine Frau sarkastisch. Riker ging nicht darauf ein, lehnte sich wieder zurück und wartete auf den Beginn der Besprechung.
"Bevor wir uns auf den Besuch auf Barrakas vorbereiten, möchte ich mit Ihnen besprechen, ob wir Yamara in den Rang eines Fähnrichs ernennen sollten. Sie nimmt seit ihrer Ankunft auf der Enterprise aktiv am Geschehen auf der Brücke teil. Sie treibt ihre Studien voran und will sich noch dieses Jahr um einen Platz auf der Akademie bewerben. Ich weiß, sie hat ein Auge auf den Platz des Navigators geworfen und daher denke ich, dass es der nächste logische Schritt ist."
Alle Offiziere stimmten Michelle zu. Sie alle sahen in Yamara eine hervorragende zukünftige Sternenflottenoffizierin.
Michelle beorderte Yamara in die Beobachtungslounge und beförderte sie offiziell in den Rang eines Fähnrich mit allen damit verbundenen Privilegien und Pflichten. Michelle nahm nach dem Ende der Besprechung noch rasch einen Logbucheintrag vor und ging dann mit Fähnrich Riker gemeinsam auf die Brücke.

Wenig später zeigte Wesley Yamara, wie man einen Kurs eingab und Michelle entschied sich für einen taktischen Rückzug in ihren Bereitschaftsraum. Mittlerweile machte ihr die Schwangerschaft wirklich zu schaffen. Wenn das Kind doch endlich geboren wäre. Was würde wohl Rico, ihr erster Offizier auf der Unicorn von dieser Situation halten? Oh, Michelle konnte es sich sehr gut vorstellen. Der gute, alte Rico würde sich totlachen. Manchmal wünschte Michelle sich die sorglosere Zeit auf der Unicorn zurück. Doch dann wurde sie sich wieder des großen Glücks bewusst, dem sie ihr jetziges Leben verdankte und hakte die Zeit auf der Unicorn unter Lebenserfahrung ab.

Schon nach einer viertel Stunde wurde Michelles Ruhepause unterbrochen. Es war Riker.
"Was gibt es, Commander Riker?" fragte sie spitzbübisch lächelnd. "Nichts, Captain Riker. Ich wollte nur sehen, ob es dir gut geht. Du wirktest etwas angespannt."  "Genau deswegen habe ich mich zurückgezogen. Ich wollte mich noch etwas ausruhen, bevor wir uns mit Präsident Won Flores treffen... Gibt es auf der Brücke irgendetwas Besonderes?"
Riker setzte sich neben Michelle auf die Couch und grinste.
"Ich habe Yamara beobachtet. Sie geht mit ihrer Konsole um, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan." In Wills Worten schwang viel Achtung für Yamara mit und ein Hauch väterlichen Stolzes.
Michelle lächelte ihn an. Sie freute sich sehr darüber, dass Riker in seiner neuen Vaterrolle so aufging. Elternteil eines halbklingonischen Teenagers zu sein, war gewiss kein Zuckerschlecken - besonders wenn der Teenager Yamara Riker hieß.
Michelle seufzte. "Was ist denn?"  "Ach, es ist nur, dass ich immer sehr nervös vor solchen wichtigen diplomatischen Missionen bin. Ich will keinen Fehler machen..." Michelles Erklärung überraschte Riker.
"Was, die große Michelle hat Angst einen Fehler zu machen?"  "Ich bin eben auch nur ein Mensch."  "Deswegen liebe ich dich, Cap." Er küsste sie.
Data meldete, dass sie soeben in den Orbit um Barrakas eingeschwenkt hatten.
Michelle und Riker begaben sich auf die Brücke. Yamara sah zur Tür des Bereitschaftsraumes und lächelte ihrer Mutter zu. Michelle nickte kurz und lächelte dann auch. Yamara widmete sich wieder ihren Aufgaben und Worf aktivierte auf Michelles Befehl hin die Grußfrequenzen.
Mit einem Lächeln auf den Lippen und unauffällig einer Hand in den strapazierten Rücken gestützt, begrüßte Michelle den Präsidenten von Barrakas.
Präsident Won Flores, hier spricht Captain Michelle Riker vom Föderationsraumschiff Enterprise. Wir sind gekommen, um... ." Weiter kam sie nicht, denn Won Flores erschien auf dem Hauptschirm. Er war ein Mann um die vierzig, gut gebaut und ebenso gekleidet. Aber etwas an ihm gefiel Michelle absolut nicht. Sie konnte nur nicht sagen was. Doch sie würde es herausfinden, mit Sicherheit.

"Ich grüße Sie, Captain Riker. Wir sind über alles informiert. Sie sind gekommen, um zu prüfen, ob das Volk von Barrakas würdig ist, Ihrer Föderation beizutreten... . Kommen Sie nun zu uns auf den Planeten?"  "Präsident Won Flores, es wird mir eine Ehre sein. Allerdings wird sich meine Ankunft um ein paar Minuten verzögern, da ich, wie Sie sehen, schwanger bin. Ich werde mit einem Shuttle kommen. Aber mein Außenteam wir einige Zeit vor mir eintreffen. Wenn Sie zu diesem Zeitpunkt schon Fragen haben sollten, wenden Sie sich bitte an meine Offiziere..." Won Flores nickte, die Verbindung wurde beendet.
"Nummer 1, stellen Sie das Außenteam zusammen." Riker nickte.
"Mr. Crusher, Sie werden mich begleiten. Captain Picard erzählte mir von Ihren Fähigkeiten als Pilot." Wesley schluckte. Hatte Picard seiner Tochter auch erzählt, dass Wesley ihn bei ihrem ersten gemeinsamen Flug zu einer Herztransplantation geflogen hatte, und was für Angst er anfangs gehabt hatte, stundenlang mit Picard alleine in einem kleinen Shuttle zu sein?

"Kommen Sie, Lieutenant. Wir wollen den Präsidenten doch nicht warten lassen."
Riker hatte sein Außenteam zusammengestellt. Data, Deanna, Worf und Yamara. Er hatte aus zwei Gründen Yamara gewählt. Erstens konnte sie auf diese Weise an ihrer ersten Außenmission teilnehmen. Und außerdem dachte Riker, etwas Zeit für Yamara und Wesley abkapseln zu können und sie auf eine Erkundungsmission in der Hauptstadt zu schicken.
Yamara war völlig aus dem Häuschen an ihrem ersten Tag als offizielles Besatzungsmitglied, an einer Außenmission teilnehmen zu dürfen. Doch musste sich noch daran gewöhnen, ihre Eltern mit Captain, Commander oder Sir anzureden. Ein komisches Gefühl.

Vor einigen Minuten im Transporterraum hatte Riker Yamara auf ihre nagelneue Uniform ihren Kommunikator angesteckt. Dort hatte sie ihn zum ersten Mal Sir genannt, als sie ihm gedankt hatte. Riker hatte gelächelt und ihr zugezwinkert.
Zur selben Zeit war das Shuttle mit Wesley und dem Captain an Bord gestartet.
Es war sehr still im Shuttle. Michelle war überrascht, Wesley hatte eigentlich immer etwas zu erzählen.
"Du hast Yamara alles vortrefflich erklärt, Wes", erklärte Michelle ohne von ihrer Konsole aufzusehen.
"Danke, Captain."  "Wes, es ist niemand hier, sag einfach Michelle. Immerhin bist du der Freund meiner Tochter." Wieder trat ein verlegenes Schweigen ein.
"Captain,... Michelle,... darf ich offen sein?" Nun sah Michelle erstmals von ihrer Konsole auf.
"Ich bitte darum."  "Ehrlich gesagt, hatte ich Angst, als ich hörte, dass Sie mit mir fliegen wollen. Es erinnerte mich an meinen ersten Flug mit Captain Picard." Michelle blickte ihm erstaunt entgegen.
"Ich dachte, du hättest ein sehr gutes fast schon väterliches Verhältnis zu meinem Vater gehabt."
Wes sah plötzlich die Situation wieder so klar vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Er und Picard auf dem Flug zu Picards Herztransplantation.
"Na ja, Sie wissen nicht, wie er bei meinem ersten Besuch auf der Brücke reagiert hat. Ich war damals fünfzehn. Kindern war der Aufenthalt auf der Brücke ausdrücklich verboten gewesen. Also blieb ich im Lift stehen. Als er mich bemerkte, ist er wütend geworden. Aber meine Mutter meinte, ich stände ja im Lift und nicht auf der Brücke. Da wurde der Captain einsichtig und ich durfte mich sogar auf seinen Platz setzen. Eigentlich hatte ich damals Angst vor ihm gehabt. Während der Jahre wandelte sich die Angst dann in Ehrfurcht und Respekt um... Aber lange Zeit konnte ich ihm den Tod meines Vaters nicht verzeihen. Captain Picard war zurückgekommen, mein Dad aber nicht..." Michelle nickte.
"Aber warum die Angst vor einem Flug mit mir?"  "Weil Sie seine Tochter sind und Yamaras Mutter. Ich weiß manchmal wirklich nicht, wie ich mich verhalten soll. Was Sie von mir erwarten. Ich habe Angst, einen Fehler zu machen und dass Sie mir dann Yamara wegnehmen." Michelle stockte der Atem.
"Aber Wesley, meine Güte, wie kommst du auf solch verrückten Ideen?! Ich würde dir Yamara nie wegnehmen, wie du es nennst. Sie ist eine fast erwachsene Frau. Auch wenn mir dieser Gedanke nicht gefällt. Ich will meine Tochter nur vor Fehlern bewahren. Es ist nicht einfach, in der Sternenflotte Karriere zu machen, wenn man Kind hat, das ohne Vater aufwächst, ein halbklingonisches Kind."
"Yamara ist nicht Sie. Und unser Kind hätte einen Vater..:" Er sah Michelles bestürzten Blick. "Nicht, dass wir das in nächster Zeit vorhätten, Ma'am."  "Na, dann ist es ja gut, Wesley."

Das Außenteam materialisierte auf dem Planeten, in der blühenden Hauptstadt von Barrakas. Präsident Won Flores erwartete sie bereits. Er ging auf das Außenteam zu und begrüßte sie: "Willkommen auf Barrakas, Gentlemen... Oh, und Ladies!" Wobei er mit Ladies alleine Deanna meinte. Aber Yamara hätte er mit seiner schleimigen und aufdringlichen Art sowieso nicht beeindrucken können. Sie hatte nur Augen für Wesley. Und damit suchte sie auch schon ungeduldig den Himmel nach dem Shuttle ab. Der Präsident war auf Deanna zugegangen und hatte ihr die Hand geküsst. Trotz seines Charmes bemerkte Deanna seine Nervosität. Sie war sich noch nicht sicher, ob er wegen des Besuchs der Föderation nervös war oder ob er etwas zu verbergen hatte. Sie würden es mit Sicherheit herausfinden.

"Wes, wieso denkst du, ich bin wie mein Vater?" Michelle ging diese Aussage nicht aus dem Kopf. Er antwortete nicht sofort.
"Hast du auch schon Angst vor mir gehabt, bevor ich meine Familienverhältnisse aufgeklärt hatte?" Wieder antwortete Wesley nicht.
"Verdammt, Wes. Rede mit mir!"  "Nein, ich war nur verunsichert über die Situation und wütend, weil mir schon wieder ein Vater genommen wurde."  "Das tut mir leid. Will habe ich die Chance auf die Kommandoübernahme zunichte gemacht, dir den Ersatzvater genommen... Aber Picard kommt doch von Zeit zu Zeit auf die Enterprise zurück. Sag ihm, wie du empfindest. Ich bin sicher, er wird sich darüber freuen. Weder Picard noch ich sind Unmenschen, du brauchst keine Angst vor uns zu haben." Er nickte stumm.
Michelle streckte ihm ihre Hand entgegen.
"Freunde?" fragte sie. Wes sah zu ihr auf, blickte direkt in ihre Augen und entdeckte die Ehrlichkeit ihrer Worte. Darauf streckte auch Wesley seine Hand aus und ergriff ihre.
"Freunde", erwiderte er. Michelle atmete erleichtert auf.
"So, da das erledigt ist, kann ich dir nun sagen, dass Riker und ich geplant haben, dich und Yamara auf eine separate Mission zu schicken." Wesley sah sie ein wenig verwirrt an.
"Nun, mir ist klar, dass der offizielle Teil für euch beide langweilig ist. Deswegen sollt ihr euch etwas in der Hauptstadt umsehen. Versucht etwas über Präsident Won Flores herauszubekommen. Ich habe ein komisches Gefühl bei ihm. Findet heraus, ob er beliebt ist oder Feinde hat. Schnüffelt rum, aber unauffällig, verstehst du?"  "Wirklich clever, Michelle. Sie verbinden für Y. und mich das Vergnügen mit der Arbeit. Danke."  "Nichts zu danken, Wesley."

Unten auf dem Planeten führte der Präsident das Außenteam zum Shuttlelandeplatz im Regierungsviertel. Auf dem Weg dorthin schwärmte er von seinem Planeten, als er wäre er der wahrhaftige Garten Eden. Die Frage war nur, ob es auch eine Schlange gab.
Wieder bemerkte Deanna die aufsteigende Nervosität des Präsidenten. Sie beschleunigte ihren Schritt, um neben Riker gehen zu können.
"Commander, könnte ich kurz mit Ihnen reden, alleine?" Er nickte und ließ sich mit Deanna ans Ende der Gruppe fallen.
"Was gibt es?"  "Will, mit dem Präsidenten stimmt etwas nicht. Er ist übernervös. Ich spüre, dass er etwas vor uns verbergen will." Riker hatte zwar nichts bemerkt, aber... "Ich werde den Captain darauf hinweisen. Mal sehen, was sie davon hält... Wir sollten uns wieder der Gruppe anschließen. Wenn du Recht hast, soll Won Flores keinen Verdacht schöpfen." Sie gingen los und erreichen kurz nach den anderen den Landeplatz.
Als sie eintrafen, zeigte Riker auf einen Punkt am Himmel und meinte: "Da, das Shuttle." Der Punkt wurde immer größer, und schon kurz darauf konnte man das Shuttle gut erkennen. In wenigen Augenblicken würde es landen.

Yamara konnte ihren Blick nicht mehr von dem Shuttle nehmen. Schließlich, als Deanna mit dem Präsidenten sprach, stieß Riker sie sanft in die Seite und sagte: "Du siehst ihn ja gleich wieder. Tu wenigstens so, als würdest du dem Gespräch folgen. Sonst bekommst du Ärger mit dem Captain."  "Ja, Sir. Du musst dich wohl auch noch daran gewöhnen, oder?!" Er grinste. "Ja, aber lass es nicht deine Mutter wissen. Du weißt wie viel Wert sie auf Disziplin legt. Und noch etwas, nenn sie nie Sir. Captain oder Ma'am." Nun grinste Yamara. "Ich weiß, diesen Tick hatte sie schon immer."

Das Shuttle war gelandet. Der Präsident ging auf Michelle zu, gab ihr einen Handkuss und verbeugte sich elegant.
"Ich schlage vor, wir gehen nun in mein Büro." Won Flores ging voran. Sie passierten eindrucksvolle Gebäude. Viele von ihnen waren vor Jahrtausenden gebaut worden.
Ein völlig zerstörtes Haus erregte die Aufmerksamkeit des Außenteams.
"Was ist hier passiert?" erkundigte Michelle sich. "Nichts von Bedeutung. Bei diesem Haus handelt es sich um ein Abrisshaus. Es herrschte Einsturzgefahr, deshalb haben wir es gestern gesprengt", erklärte Won Flores, dessen Puls jetzt viel schneller schlug, als noch vor zwei Straßenecken.
Riker lief nun neben Data und flüsterte mit ihm. "Data, scannen Sie das Haus. Stellen Sie fest, ob es wirklich auf so wackeligen Füßen stand."
Nach einigen Augenblicken war Data mit seiner unauffälligen Analyse fertig. "Commander", wandte Data sich an Riker. "Haben Sie etwas gefunden?"  "Ja, Sir."  "Dann aber leise," zischte Riker, als er sich mit Data ans Ende der Gruppe zurückfallen ließ.
"Das Fundament war äußerst stabil. Das Haus hätte noch mehrere hundert Jahre stehen können."  "Also hat der Präsident gelogen", stellte Riker fest und machte sich bereits eigene Gedanken über die Gründe.
"Das ist noch nicht alles. Das Haus wurde nicht gestern sondern heute gegen Morgen zerstört. Mit einem unbekannten Sprengstoff."  "Data, holen Sie mir Fähnrich Riker unauffällig her." Data ging an Worf vorbei und lief nun neben Wes und Yamara.
"Fähnrich, Commander Riker möchte, dass Sie zu ihm kommen." Sie nickte und verlangsamte ihren Schritt, bis sie auf gleicher Höhe mit Riker lief.
"Was ist los?"  "Hier stimmt was nicht! Tust du mir den Gefallen und sagst deiner Mutter, dass hier etwas faul ist und dass sie aufpassen soll? Das Haus wurde nicht wegen Einsturzgefahr gesprengt. Won Flores lügt. Aber sag es ihr so, dass er nichts mitbekommt."
Sofort war Yamara unterwegs zu ihrer Mutter. Sie flüsterte ihr Rikers Warnung auf Französisch ins Ohr, um ganz sicher zu gehen, dass Won Flores nichts verstand. Michelle bedankte sich und Yamara ließ sich neben Wesley zurückfallen.

Sie bogen um eine Ecke. Jemand rief etwas in einer fremden Sprache und rannte davon. "Was hat er gesagt?" fragte Michelle interessiert. "Lang lebe Barrakas", erklärte der Präsident. Entweder er konnte seine Muttersprache nicht sonderlich gut oder log wie gedruckt.
Denn plötzlich brach die Hölle los. Mehrere Gebäude explodieren zeitgleich. Staub, Trümmer und umherfliegende Teile drohten das Außenteam unter sich zu begraben.
"Hat er nicht vielleicht eher so etwas wie Freiheit für Barrakas gesagt?!" rief Michelle durch all das Chaos. Won Flores war von Michelles Interpretation überhaupt nicht beeindruckt. Er rannte, so schnell ihn seine Füße trugen. Das Außenteam folgte ihm dicht auf. Immer mehr Häuser explodierten. Musste das Volk von Barrakas ausgerechnet eine Rebellion anzetteln, wenn die Enterprise sich im Orbit befand? Das würde eindeutig Minuspunkte in Michelles Beurteilung geben.
Riker versuchte seine schwangere Frau so gut wie möglich vor den umherfliegenden Trümmerteilen zu schützen.
"Ich kann nicht mehr!" rief Yamara völlig außer Atem. Sofort ergriff Wes ihre Hand und riss sie mit sich.

Wieder passierten sie eine Ecke. Aber sie waren nicht gerade erfreut, als sie feststellten, wo sie waren. "Sackgasse!" rief Riker. "Zurück können wir auch nicht mehr." Michelle aktivierte ihren Kommunikator. "Riker an Enterprise, Notfalltransport. Acht Personen hochbeamen."
Noch bevor der Transporter sie erfassen konnte, explodierte direkt vor ihnen ein weiteres Haus. Riker, Worf, Data und Wes warfen sich schützend über die Frauen. Jetzt saßen sie wirklich in der Klemme. Alles passierte in Sekundenbruchteilen, aber noch immer hatte die Enterprise sie nicht erfasst.
Plötzlich umgab die Offiziere der Enterprise und nur sie ein helles Licht. Ihr erster Gedanke war, dass sie endlich hochgebeamt wurden. Aber Won Flores befand sich außerhalb des Lichts. An Bord der Enterprise konnte das Außenteam nicht von Chief O'Brien erfasst werden.

Es war nicht das übliche Beamen. Es war mehr ein ruckartiger Transport von Ort zu Ort. Und sie rematerialisierten auf der Brücke und nicht wie zu erwarten im Transporterraum.
Mit ihnen erschien ein Mann, der Michelle völlig unbekannt war. Sie wollte auf ihn zugehen und ihm für ihre Rettung danken, als Riker wütend seinen Namen rief: "Q!"  "Wer?", fragte der Captain verwirrt.
"Würde mir bitte jemand erklären, wer er ist. Was hier ist los? Und wieso Sie, Nummer 1, so wütend sind?! Ich bin etwas verwirrt!"
"Nicht nur Sie", erklärte Q. Wie immer trug er eine Sternenflottenuniform. Aber er hatte einige graue Haare mehr, um die Besatzung der Enterprise an ihre Sterblichkeit und seine Unsterblichkeit zu erinnern.
"Wer sind Sie? Und wo ist Jean-Luc?" Michelle löste sich vom Außenteam und trat vor.
"Ich bin Captain Michelle Neech, die neue Kommandantin der Enterprise", erklärte sie, worauf Q mit Sprachlosigkeit reagierte. Michelle verwendete bewusst ihren Mädchennamen. Sie hatte so ein Gefühl, dass ihre Ehe mit Riker ein Trumpf gegen diesen Q seinen könnte, den sie jetzt noch nicht einsetzen wollte. Ihre Crew spielte mit.
Dann grinste Q plötzlich. Nicht auf Rikers charmante Art, sondern auf eine, die Michelle hätte ausziehen können. Riker kochte. Er war kurz davor, Q an die Gurgel zu gehen. Warum verschwieg sie dieser Nervensäge, dass sie mit ihm verheiratet war? Was versprach Michelle sich davon?
"Verdammt, Q! Was wollen Sie? Das Volk von Barrakas quälen? Das ist nämlich seine Spezialität, Captain!" Michelle drehte sich zu Riker um und erhob drohend den Finger, was Riker zeigte, dass er besser den Mund hielt, wenn er sich nicht in einer Arrestzelle wegen ungebührlichen Verhaltens wiederfinden wollte.
"Immer noch der Alte, Commander. Aber der charmante Captain hat Sie gut abgerichtet, Schoßhündchen." Langsam wurde auch Michelle sauer. Nicht gut.
"Q, normalerweise bin ich eine gute Gastgeberin. Aber erstens sind Sie uneingeladen hier aufgetaucht und sehr nervig. Machen Sie weiter so, und Riker bekommt fünf Minuten mit Ihnen alleine!"  "Und wo bleibt zweitens?" fragte Q, den Ärger geradezu provozierend. Aber wenn er sich unbedingt mit Michelle anlegen wollte.
"Wir gehen in die Beobachtungslounge. Riker, Troi, folgen Sie uns."
"Sie trauen mir wohl nicht?" stellte Q peinlich berührt fest, während auf den Counselor deutete. "Nach Ihrem Verhalten auf der Brücke?! - Nein!" Gut so, dachte Riker.

Michelle setzte sich an den Besprechungstisch, die anderen taten es ihr gleich.
"Moment, jetzt erinnere ich mich! Sie sind der Q! Der sich ständig mit meinem... Vorgänger, Captain Picard, angelegt hat", fiel es Michelle wieder ein.
"Ich würde nicht sagen angelegt, sondern eher in regelmäßigen Abständen besucht. Zugegeben, ich war nicht immer ein vorbildlicher Gast." Riker lachte verächtlich.
"Haben Sie einen Einwand, Commander?"  "Nicht gerade vorbildlich?! Captain, also ehrlich. Das ist sehr stark untertrieben! Q, Sie klagten uns der Verbrechen der Menschheit an! Sie nannten uns eine wilde Rasse! Sie entführten Worf, Wesley, Tasha und mich, um mich dazuzubewegen, Ihrem Kontinuum beizutreten! Sie schleuderten uns durch das halbe Universum, um uns zu beweisen, dass wir Sie brauchen! Dadurch trafen wir auf die Borg und verloren achtzehn Besatzungsmitglieder! Dann wurden Sie Ihrer Macht beraubt und wurden lieber ein Mensch als eine markoffianische Schnee-Eidechse! Wie rührend, dass Sie uns gewählt haben! Um Ihre Schuld für Picards Hilfe zu begleichen, entführten Sie die Führungsoffiziere und den Captain in den Sherwood Forest, um ihm zu zeigen, dass seine Liebe zu Vash seine größte Schwäche ist! Und das Beste war ja wohl die Zeitreise in dem Antiuniversum! Das nennen Sie wenig vorbildlich?! Das ich nicht lache!!"
Während dieser Aufzählung war Riker von einer Ecke der Beobachtungslounge zur anderen gegangen und hatte wild mit den Armen gestikuliert. Die ganze Zeit über hatte Michelle ihn amüsiert beobachtet. Plötzlich zog in ihrem Gehirn jemand die Notbremse. Wer war Vash? Was meinte Riker mit Liebe? Sie sollte sich wohl später einmal ausgiebig mit ihrem Vater über dieses Thema unterhalten. Doch Q gab ihr unfreiwillig weitere aufschlussreiche Hinweise zu dem Thema.

"Eine überaus interessante Frau, diese Vash. Leider löste sie unsere Partnerschaft nach einiger Zeit...", seufzte Q bedauernd.
"Sie hätte nichts Besseres tun können", giftete Riker munter weiter, sehr zu Michelles Missfallen.
"Nachdem, was mein erster Offizier berichtet hat, sollte ich Sie eigentlich sofort vom Schiff jagen... Aber Sie haben uns das Leben gerettet." Riker biss sich auf die Zunge, Michelle hatte leider Recht. Die Enterprise hätte sie nie rechtzeitig hoch holen können. Ein schrecklicher Gedanke, dass er Q jetzt etwas schuldig war. Sogar in dreifacher Hinsicht, er blickte auf Michelle und ihren fülligen Bauch.
Stille trat ein. Niemand sagte etwas. Vielleicht waren sie noch viel zu überrascht, dass Q ihnen das Leben gerettet hatte? Aber was war aus dem Präsidenten geworden?
"Was haben Sie eigentlich in dieser Gegend gemacht? Und warum haben Sie den Präsidenten in diesem Chaos zurückgelassen?"
Q machte eine verächtliche Geste. "Mir war langweilig, ich wollte Picard besuchen. Und den Präsidenten habe ich nicht gerettet, weil er ein Tyrann ist. Und sehr gefährlich!"  "Und wer von Ihnen ist der größere Tyrann, Q?!" Michelle schlug mit der Faust auf den Tisch. Die Anwesenden zuckten überrascht zusammen.
"Noch so eine Bemerkung, und Sie fliegen raus, Riker! Es gibt einige Fragen über Barrakas und den Präsidenten. Vielleicht kann Q sie uns beantworten. Also, sind Sie drinnen oder draußen?"  "Drinnen", knurrte Riker.
"Gut. Q, wissen Sie, was dort unten vor sich geht?"  "Ja. Das weiß ich. Ich rate Ihnen allen dringend nicht mehr auf die Planetenoberfläche zu beamen. Die Explosionen heute waren sehr geringfügig. Gestern waren es etwa fünfzig mehr."  "Aber wieso? Was verschweigt uns Won Flores?! Die Föderation prüft doch keine Anträge von Planeten, die sich mitten in einem Bürgerkrieg befinden. Es ist eine Rebellion, habe ich Recht?" mutmaßte Michelle.
"Volltreffer. Won Flores erhöht schon seit geraumer Zeit die Steuern. Er beutet das Volk aus um Kriegsschiffe zu bauen. Er will erobern, und zwar, das Territorium, das früher das barrakische Imperium gewesen ist. Vor zehntausend Jahren erstreckte es sich weit über die Grenzen des Föderationsterritoriums. Niemand hat je an eine Rückeroberung gedacht, bis Won Flores an die Macht kam. Wenn Sie Barrakas in die Föderation aufnehmen, mit ihm an der Spitze, wird er die wirtschaftlichen Möglichkeiten für einen Eroberungsfeldzug nicht gekannter Ausmaße haben. Er ist eine große Bedrohung für den Frieden im Alpha-Quadranten, glauben Sie mir, Captain." Michelle schluckte hart. Wie konnte sie einem Individuum wie Q Glauben schenken? Doch was sie auf dem Planeten gesehen und erlebt hatte, untermauerte seine Worte nur.
"Gut. Meine Entscheidung lautet, dass wir nicht nach Barrakas zurückkehren. Die Verhandlungen werden ausgesetzt. Ich werde dem Föderationsrat vorschlagen aufgrund unserer Erlebnisse Undercoveragenten auf dem Planeten einzusetzen, bevor über weitere Schritte entschieden wird. Danke Q. Das war's."
Deanna ging, und Q schnippte sich auf seine allbekannte Weise fort. Aber er war noch immer präsent. Er wollte mehr über Picards Nachfolgerin herausfinden.

Endlich waren Riker und Michelle alleine, so dachten sie.
"Tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe. Aber du warst schier unerträglich", erklärte Michelle ihre Tadelung. "Nein, du hattest ganz Recht. Ich habe mich daneben benommen. Nur Q macht mich einfach wahnsinnig mit seiner Arroganz." Michelle lachte.
"Oh Will, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen." Riker gab auf. "Du hast gewonnen. Küss mich, Cap."
Plötzlich hörten sie ein sehr übertriebenes Klatschen. Es gehörte unverkennbar Q! Sein Beifall klang wie die Anerkennung für ein fantastisches Schauspiel, in dem Will und Michelle die Hauptrolle inne hatten.
Sofort ließen die Rikers von einander ab und funkelten Q böse an. Riker reichte es. Er sprang auf, wollte auf Q losgehen, aber Michelle hinter ihn daran.
"Lass ihn, Will. Er weiß es doch nicht."  "Ich finde, es geht ihn auch nichts an!" schmetterte Riker Q wütend entgegen.
"Was geht mich nichts an?! Dass Sie und Riker... ." Er bewegte seinen Finger zwischen den beiden hin und her und grinste wissend. Michelle lachte. Sie wusste von Qs Abneigung gegen die Liebe. Und sie wusste, sie konnte ihn am leichtesten loswerden, wenn sie ihm alles über sich, Riker und Picard erzählen würde.

Mit jeder weiteren Information wurde Q stiller und verwirrter. Man konnte regelrecht sehen, wie das angeblich allmächtige Wesen, in seinem Stuhl zusammensackte. Riker genoss jeden Augenblick dieses Szenarios. Er war sichtlich zufrieden, dass Michelle es als erste geschafft hatte, Q zu schockieren. So zu schockieren, dass er für eine ganze Weile nicht mehr wiederkommen würde.
Der größte Schock war für ihn, dass Michelle Picards Tochter war. Und es wurde ihm bewusst, dass er nicht allwissend oder zumindest in einem gewissen Maß desinteressiert war. Er mochte zwar über unglaubliche Kräfte verfügen, aber er hatte nichts von alledem auch nur ansatzweise geahnt. Sonnst hätte er es sich zweimal überlegt, ob er auf die Enterprise gekommen wäre. Doch wenn Michelle bei dem Attentat umgekommen wäre, hätte er Picard nie mehr unter die Augen treten können. Vermutlich hätte er dann seinen einzigen Freund in der Galaxis verloren. Allerdings war Q in Picards Augen eher seine größte Nemesis als ein Freund. Wie in den Augen der meisten Lebewesen.

Mitten in Michelles Ausführungen schnippte Q sich fort, ohne ein weiteres Wort. Riker war sich absolut sicher, dass er wiederkommen würde. Immerhin hatte er in Michelle so etwas wie eine Gönnerin gefunden.




7. Missverständnisse

Als Michelle an diesem Morgen aufwachte, verspürte sie wie inzwischen fast täglich die morgendliche Übelkeit aufsteigen. So schnell sie - inzwischen im siebten Monat schwanger - konnte, stand sie auf und stürzte ins Bad. Sie hoffte nur Riker damit nicht aufzuwecken. Doch in diesem Moment ertönte die Weck-Ansage des Computers.

Michelle putzte sich gerade den Mund ab, als Riker hinter ihr aufgetaucht war und sie umarmte. "Guten Morgen. Geht's wieder? Es klang heute rekordverdächtig lang", bemerkte er besorgt.
"Mir ging's nie besser", log sie. Doch Riker glaubte seiner Frau kein Wort. Sie wirkte erschöpft und sah ziemlich bleich aus. Es tat ihm leid, dass die für gewöhnlich im ersten Trimester verschwindende Übelkeit bei seiner Frau so lange anhielt. Dennoch konnte er sich seine Neckereien nicht verkneifen.
"Und wieso siehst du dann aus wie eine Flasche Milch?"  "Da magst du Recht haben. Geh frühstücken. Ich komme gleich."  "Du isst nichts?" Riker fragte, obwohl er die Antwort schon kannte. Michelle schob ihren Mann höflich aber bestimmt aus der Badezimmertür hinaus und alles wiederholte sich.

Nach einiger Zeit kam Michelle für den Dienst angezogen in den Wohnraum, wo Riker gerade sein Frühstück beendete. Inzwischen sah seine Frau viel besser aus. Riker stellte sein Geschirr zurück in den Replikator und reichte Michelle noch eine Tasse Kaffee, bevor sie auf die Brücke gingen.

Im Turbolift besprachen Michelle und Riker bereits vorab die neue Mission. Oh, für ihn würde es sicher ein Spaß werden.
Sie sollten den Planeten Alpha Thethys, in dessen Umlaufbahn sie sich seit gestern Abend befanden, untersuchen. Er war in die engere Wahl als neue Kolonie der Föderation gekommen. Eine Routineaufgabe, die sich über mindestens zwei Wochen erstrecken würde. Aber in Rikers Augen funkelte ganz deutlich der Abenteuergeist.
Deanna mochte zwar Recht haben, dass Riker gesetzter geworden war, aber tief in ihm ruhte noch immer der sieben Jahre jüngere Will Riker, der durch und durch Abenteurer und Entdecker war. Und der bereit war, für ein aufregendes Abenteuer auch ein Risiko einzugehen. Will hatte ihn eigentlich ganz gut unter Kontrolle. Nur gelegentlich brach er durch. So wie heute.


Nach und nach trafen auch die letzten Offiziere ein, um die Tagesschicht zu beginnen. Wie an den meisten Tagen kam Wesley Crusher mit einiger Verspätung. Michelle hatte es sich eine Woche lang angesehen, aber nun war ihre Geduld erschöpft. Es war an der Zeit für eine Maßregelung. Vielleicht genügte auch schon eine kleine Drohung.
"Mr. Crusher, kommen Sie bitte mit mir... Nummer 1, Sie gehen schon zur Einsatzbesprechung. Wir kommen gleich nach." Riker nickte und ging mit den Führungsoffizieren in die Beobachtungslounge.
Wesley folgte seinem Captain mit einem Knoten in der Magengrube in ihren Bereitschaftsraum.
"Setz dich." Er tat, wie befohlen, mit einem sehr unguten Gefühl.
"Wesley, ich habe mir jetzt eine Woche deine Verspätungen angesehen. Auch davor kam es in regelmäßigen Abständen vor. Doch seit Yamara zu dir gezogen ist, häuft es sich. Das kann ich nicht tolerieren." Wesley setzte zu einer Verteidigung an, doch Michelle war noch nicht fertig.
"Du hattest immer eine vorbildliche Akte. Bei meinem Vater warst du stets pünktlich. Solltest du ab morgen ein einziges weiteres Mal nicht pünktlich auf deinem Posten sein, sehe ich mich gezwungen disziplinarische Maßnahmen zu ergreifen!"
"Ich versuche mich zu bessern, Ma'am", erklärte er kleinlaut. "Versuchen Sie es nicht, tun Sie es, Lieutenant! Ansonsten werde ich Sie für mindestens sechs Wochen zur Nachtwache einteilen und jegliche Vergünstigungen Ihres Ranges inklusive der Teilnahme an Außenmissionen streichen! Haben wir uns verstanden?!" Wesley schluckte hart. Dann hätte er praktisch keine Freizeit und keinen Dienst mehr mit Yamara.
"Ich habe verstanden, Captain."  "Gut, dann können wir zur Einsatzbesprechung."

Kurz darauf betraten sie die Beobachtungslounge. Michelle gab Will zu verstehen, dass er mit der Instruktion beginnen könnte.
Riker stand auf und trat an den Wandmonitor. Er aktivierte ihn und erklärte dem Außenteam ihre Aufgabe.
"Alpha Thethys soll möglicherweise eine neue Kolonie werden. Es ist ein Klasse-M-Planet mit einer anscheinend üppigen und vielfältigen Vegetation. Wie immer müssen wir Tier- und Pflanzenarten katalogisieren und einen Bericht beim Rat der Föderation abliefern." 
"Das wird für Sie sicher ungemein interessant, Nummer 1. Leider gibt es auch Personen, die gezwungenermaßen auf der Enterprise bleiben müssen... Aber wenn Ihnen einen Wellensittich über den Weg fliegt, fragen Sie ihn, ob er ein neues Zuhause sucht!" In ihrer Situation genehmigte jeder Michelle ihren Sarkasmus. Alle hatten Verständnis dafür und grinsten über ihre Bemerkung. Wäre Michelle nicht schwanger, hätte auch sie sich auch dort unten umsehen können, wenn die Sicherheit gewährleistet gewesen wäre.
Riker erklärte mit einem frechen Grinsen: "Wenn ich einen treffen, werde ich fragen, Captain!" Michelle lachte.
"Vielen Dank, Nummer 1. Dann bin ich ja beruhigt."

Riker, Data, Worf und Wesley verließen die Lounge, um sich auf den Planeten zu ihrer ersten Erkundungsmission beamen zu lassen. Auch die anderen gingen, bis schließlich nur noch der Captain und ihre Tochter am Tisch der Beobachtungslounge saßen.
"Du kannst nicht immer mit ihm zusammenarbeiten. Wes hat seine Ausbildung bereits abgeschlossen, du stehst erst am Anfang. Dein Platz ist vorläufig auf dem Schiff. Aber von Zeit zu Zeit wirst du ein Teil des Außenteams sein."
Yamara lächelte. "Etwas anderes noch. Wesley ist von mir angemahnt worden wegen seiner Unpünktlichkeit. Ein weiteres Mal und ich werde disziplinarische Maßnahmen einleiten."  "In Ordnung. Ich rede mit ihm. Ich will nicht, dass er sich deswegen seine Karriere verbaut." Michelle nickte.
"Möchtest du deine Mutter auf die Krankenstation begleiten?" Yamaras Augen weiteten sich. "Es geht dir doch gut, oder?" Michelle legte beschwichtigend ihre Hand auf Yamaras Schulter.
"Ja, sicher. Nur eine Routineuntersuchung... Aber zuerst hole ich mir noch einen Statusbericht von der Brücke."

Auf dem Weg zur Krankenstation ließ Michelle sich einen ersten Bericht von Riker geben. Er beschrieb einige der heimischen Tierarten, die sie bis jetzt entdeckt hatten.
"Ein Wellensittich ist noch nicht vorbeigeflogen. Tut mir leid, Captain. Aber ich gebe nicht auf!" Michelle und Riker lachten. Plötzlich verstummte Riker, der während des Gesprächs schon weitergegangen war.
"Will, was ist da unten los?!"  "Wir sind auf Ruinen gestoßen."  "Was meinst du mit Ruinen? Der Planet ist doch unbewohnt. Alpha Thethys wurde ausgewählt, weil er von keinen intelligenten Lebewesen bevölkert wird."
Michelle hatte den Satz beendet, als plötzlich alles um sie herum erst durchsichtig, dann verschwommen und zum Schluss schwarz wurde.
Yamara beobachtete entsetzt die Szene. Geistesgegenwärtig rief sie über die interne Kommunikation Eindringlingsalarm aus.

Es wurde hell. Die Dunkelheit lichtete sich. Michelle sah sich um, blinzelte. Sie befand sich in einer unbekannten Umgebung. Die Lichtquelle war nicht künstlichen Ursprungs, sie konnte ein kleines Fenster ausmachen, durch das Sonnenlicht hereinschien.
Michelle wurde heiß und kalt. Wo war sie? Was war passiert? Ihr Herz raste. Aber fast augenblicklich ermahnte sie sich zur Ruhe. Ihre Angst könnte schädlich für das Baby sein. Sie musste klar, logisch und sachlich ihre Lage analysieren und dann über ihre nächsten Schritte nachdenken.
Sie tippte auf ihre Brust, doch ihr Kommunikator war fort.

Währenddessen auf der Enterprise.
Riker war sofort mit seinem Team auf das Schiff zurückgekehrt und hatte eine Krisensitzung einberufen. Er beriet mit den Führungsoffizieren, was passiert sein konnte und was für Möglichkeiten sie hatten. Yamara saß an der Seite ihres Vaters. Sie war blass und wirkte sehr angespannt.
"Im Moment können wir nichts weiter tun. Data, übernehmen Sie. Ich komme gleich nach." Alle bis auf Deanna und Yamara verließen den Raum. Yamara legte ihrem Vater eine Hand auf die Schulter. Deanna sprach ihn an. "Will, ich weiß nicht, was ich tun kann, um dir zu helfen. Ich kann nichts von Michelle empfangen. Aber wir tun, was wir können."
Riker schluckte. In Gegenwart seiner besten Freundin und seiner Tochter konnte er seine Gefühle zeigen.
"Ich habe Angst. Wo ist sie? Geht es ihr gut? Geht es dem Baby gut? Ich habe Angst, Michelle zu verlieren... ." Er umarmte seine Tochter.
"Will, Dad, reiß dich zusammen und tu alles, um sie nach Hause zu holen. Hast du mich verstanden?" Er blickte auf und bewunderte die Stärke, die Yamara in diesem Moment ausstrahlte.
"Du bist wie Michelle. Das gibt mir Kraft. Lasst uns den Captain retten!" Er straffte sich und ging energischen Schrittes auf die Brücke zurück.

Michelle erkundete ihre Umgebung. Sie befand sich in einem kleinen Raum, der auf sie wie ein Gefängnis wirkte. Allerdings wie ein komfortables. Es gab ein Bett, keine Pritsche, einen Tisch mit Stuhl und an der Wand hing ein Bücherregal. Michelle überflog die Titel. Das war doch unmöglich! Erlaubte sich hier jemand einen schlechten Scherz? Die Bücher waren die selben, die Michelle mit von der Erde auf die Enterprise gebracht hatte.
"Wer immer Sie sind, dass ist nicht komisch. Ich verlange, dass Sie mich auf mein Schiff zurückbringen! Sofort!" Niemand gab ihr eine Antwort.
Michelle spürte, wie Tränen sich ihren Weg bahnten. Sie biss sich auf Lippen. Nein, Tränen würden ihre Entführer sicherlich nicht von ihr zu sehen bekommen.
Plötzlich erschienen ohne jede Vorwarnung zwei Lebewesen in dem Raum ohne Tür. Waren sie ebenfalls Gefangene oder ihre Entführer? Die Wesen waren größer als Michelle, hatten auf ihren haarlosen Köpfen merkwürdige Tätowierungen und trugen rote Gewänder.
Michelle trat näher. "Wer sind Sie? Wo bin ich und warum bin ich hier?" Die Wesen sahen einander an und verschwanden wieder.
Michelle streckte die Hand nach ihnen aus. "Nein, bleiben Sie hier... . Bitte", flüsterte sie.
Michelle ließ sich auf das Bett sinken und schlief fast augenblicklich ein. Es war ein traumloser, erschöpfender Schlaf. Das Baby war sehr unruhig, es spürte offensichtlich die Lage.

Zwei Stunden später erschienen die Fremden wieder. Dieses Mal war Michelle nicht mehr so freundlich. Sie stemmte sich vom Bett hoch und stapfte auf die beiden zu.
"Ich habe langsam genug von diesem Theater! Ich will jetzt ein paar Antworten!" Zur Unterstützung hob sie ihre geschlossene Faust. Die beiden Fremden warfen sich weitere verwirrte Blicke zu.
"Wir sind die Bewohner dieses Planeten. Da Sie unsere Namen nicht aussprechen könnten, nennen Sie uns Alpha 1 und Alpha 2. Entsprechend Ihrer Bezeichnung für unsere Heimatwelt." Michelle stutzte und ließ ihre Hand sinken.
"Wir wussten nicht, dass der Planet bewohnt ist... . Aber vielleicht sollte ich mich auch vorstellen. Ich bin Captain Michelle Riker. Die Kommandantin des Föderationsraumschiffes Enterprise, das sich im Orbit um Alpha Thethys befindet. Unsere Wissenschaftler gingen aufgrund ihrer Forschungsergebnisse davon aus, dass der Planet unbewohnt sei."  "Sie  behaupten Forscher zu sein? Sie sind einfach auf unserem Planeten eingefallen!" Michelle schüttelte den Kopf.
"Nein, nein. Das ist ein Missverständnis. Wir sind tatsächlich Forscher. Da wir den Planeten für unbewohnt hielten, sollten wir ihn auf eine potentielle Kolonisierung prüfen... Bitte sagen Sie mir, ob es dem Außenteam gut geht." Die Alphas sahen sich kurz an. Schließlich wandte sich der Zweite, der bisher geschwiegen hatte, an Michelle.
"Sie meinen die anderen Ihrer Art? Sie sind sofort auf das Schiff zurückgekehrt nach Ihrem Verschwinden."
"Und wann sagen Sie mir endlich, warum ich zum Teufel hier bin?" Langsam wurde es Michelle zu bunt. Die Alphas reagierten nicht und verschwanden einfach wieder.
"Na, ganz toll!" Michelle setzte sich frustriert auf das Bett. Dieser Erstkontakt war nicht gerade wie im Bilderbuch verlaufen. Sie ahnte, sie wurde von den Fremden, den Alphas, wie sie nun wusste, beobachtet. Es interessierte sie nicht sonderlich. Sie strich sanft über ihren Bauch und flüsterte: "Wir kommen hier schon raus, Kleines. Dein Vater wird uns helfen", erklärte Michelle sorgenvoll.

Deanna sprang von ihrem Sessel auf und stieß zischend die Luft aus. "Was?!" fragte Riker bestürzt.
"Der Captain!" stieß sie hervor. "Ich kann sie endlich wieder spüren. Es geht ihr soweit gut. Sie macht sich Sorgen."  "Sorgen? Ist sie in Gefahr?" Deanna schüttelte den Kopf.
"Nein, sie macht sich Sorgen um Sie, Commander." Riker starrte den Counselor ungläubig an. Um ihrer Aussage Stärke zu verleihen, nickte sie.
"Ja, sie macht sich Sorgen, weil sie weiß, dass Sie beinahe verrückt vor Angst sein müssen." Riker schüttelte den Kopf.
"Sie ist unglaublich. Sie ist entführt worden und macht sich Gedanken um mich?!" Deanna lächelte gütig.


Die Alphas waren zurückgekehrt und fuhren mit ihrer Befragung fort.
"Wie nennt sich Ihre Spezies?"  "Wir bezeichnen uns als Menschen und kommen von einem Planeten namens Erde, viele Lichtjahre von hier entfernt. Aber auf meinem Schiff leben viele verschiedene Lebensformen. Unsere Föderation besteht aus über 1.000 Welten, die in einer friedlichen Koexistenz miteinander umgehen." Die Alphas folgten ihren Erläuterungen.
Michelle fragte sich allerdings, wann sie endlich freigelassen werden würde. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus.
"Bitte, lassen Sie mich auf mein Schiff zurückkehren." Aus Michelles anfänglichem Befehl war ein Flehen geworden.
"Sie werden mir doch nichts tun? Ich bin schwanger." Zum Schutz legte sie eine Hand auf ihren Bauch. Die beiden Fremden blickten sich verwundert an.
"Was bedeutet das - schwanger?" Großartig, nun musste Michelle noch Aufklärungsunterricht betreiben. Darauf wurde man auf der Akademie während der Erstkontakt-Seminare wirklich nicht vorbereitet.
"Ich bekomme ein Baby, es wächst in mir. So pflanzen sich die Menschen und die meisten humanoiden Spezies fort." Noch einmal bat sie freigelassen zu werden. Die Alphas erfüllten ihren Wunsch nicht und ließen sie wieder allein, für eine sehr lange Zeit.
Michelle hatte wirklich gehofft, dass die Erwähnung ihrer Schwangerschaft eine Hilfe sein würde. Stattdessen war sie wieder alleine. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, da Michelle resignierte. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf und schlief ein weiteres Mal sehr erschöpft ein.

Auf der Enterprise wurde man immer unruhiger. Inzwischen war Michelle mehr als zwei Tage vermisst, jegliche Suche auf dem Planeten war erfolglos geblieben.
Will glaubte inzwischen, Michelle verloren zu haben. Er haderte mit sich, ob es klug gewesen war, sich in seinen Captain zu verlieben. Aber die Liebe machte nun mal keinen Unterschied zwischen Rängen.
Riker brennte darauf, selbst den ganzen Planeten auf den Kopf zu stellen auf der Suche nach seiner Frau. Doch nun musste er als ranghöchster Offizier zurückbleiben.
Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Normalerweise saß er gerne in dem Stuhl und hatte das Kommando. Aber heute bombardierte er Riker mit Erinnerungen. Er sah jedes einzelne Mal vor sich, da er Michelle hinein- und herausgeholfen hatte. Doch im Bereitschaftsraum oder ihrem Quartier wäre es noch unerträglicher.

Weitere Stunden vergingen ohne jede Spur vom Captain. Die erschöpften Suchteams wurden immer bis zum Einbruch der Dunkelheit ausgetauscht. Zur Dämmerung kehrten die letzten Teams auf die Enterprise zurück und mussten ihrem Commander melden, dass sie den Captain nicht gefunden hatten.

Gegen Mitternacht holte Deanna Riker aus dem Bereitschaftsraum. Sie hatte sich mit Dr. Crusher besprochen und schickte Riker nun auf ärztliche Anordnung zu Bett. Data übernahm die Nachtwache. Yamara schlief im Quartier der Eltern, um auf ihren Vater aufpassen zu können. Sie machte sich große Sorgen. Mehr um ihn als um ihre Mutter. Die konnte schon auf sich aufpassen.

Am dritten Tag von Michelles Verschwinden nicht von ihren Aktionen im Bad geweckt zu werden, sondern vom Geschirrklappern Yamaras, war beängstigend. Riker zog sich an und schlurfte desinteressiert in den Wohnraum. Er bekam kaum einen Bissen runter. Und auch der Kaffee schmeckte nicht, wenn seine Frau, die er liebevoll als Koffeinjunkie bezeichnete, neben ihm saß und auf die Wirkung ihrer ersten Tasse wartete.
Riker hatte sich die ganze Nacht, die er wach im Bett gelegen hatte gefragt, ob das die Strafe für sein unangemessenes Verhalten während Michelles erster Wochen war. Er hatte flehend in die Sterne geblickt und geflüstert:
"Ich schwöre, ich will die Enterprise nicht und auch kein anderes Schiff. Ich will nur meine Frau und mein Baby zurück." Mit einem tränenbenetzten Gesicht war Riker schließlich doch noch in einen traumlosen Schlaf gesunken.

Gegen Mittag zeigte sich eine Reaktion auf Alpha Thethys. Die Alphas erschienen wieder. Ihr Auftreten war nun sehr höflich und zuvorkommend. Sie gaben Michelle etwas zu essen. Sie entschuldigten sich sogar.
"Captain Riker, wir bedauern die kulturellen Missverständnisse wirklich sehr, die zu Ihrer Arretierung geführt haben. Wir haben die vergangenen Tage Ihre Mannschaft beobachtet, Ihre Datenbanken durchforstet und wissen nun, dass Sie die Wahrheit gesprochen haben." Michelle stockte der Atem. Sie hätte mit allem gerechnet, aber nicht mit einer Entschuldigung.
"Sie haben meine Mannschaft beobachtet? Wie geht es meinem Mann?"  "Er macht sich große Sorgen. Aber Sie werden bald wieder bei ihm sein." Michelle musste sich setzen. Sie konnte nicht glauben, was sie gehört hatte.
"Wirklich? Sie lassen mich frei?" Die Alphas nickten.
"Wie ich bereits erklärte, brachten wir Sie aufgrund von Missverständnissen hierher. Da wir nun wissen, dass Sie eine friedliebende Spezies sind, möchten wir Ihnen unseren Planeten als Kolonie überlassen. Unsere Städte sind unterirdisch und nicht sehr groß."  "Städte?!"  "Ja, wir sind während einer Eiszeit vor zehntausend Jahren, die durch einen Asteroideneinschlag ausgelöst worden war, unter die Oberfläche gezogen. Wir hielten es nie für nötig auf die Oberfläche zurückzukehren, da wir das Universum nicht von unserer Existenz wissen lassen wollten. Wir leben sehr zurückgezogen. Dummerweise funktionierte unser Tarnschild für die alten Städte nicht mehr einwandfrei. So entdeckten Sie die Ruinen... Aber Sie können gerne eine Kolonie auf der Oberfläche aufbauen." Michelle lehnte ab.
"Wir besiedeln nur unbewohnte Planeten. Unser Erscheinen beruhte auf falschen Daten. Wir werden wir abreisen. Ich werde meine Mannschaft zu Stillschweigen über Ihr Volk verpflichten, Ihre Existenz wird weiterhin geheim bleiben." Die Alphas nickten, dann erschien in der Hand des Zweiten ein Präsent. Er reichte es Michelle.
"Dies ist einer der wertvollsten Schätze unseres Planeten. Dieses Amulett kann Sie vor ernstlichen Verletzungen bewahren, Ihnen aus schwierigen Lagen helfen. Wenn Sie daran glauben. Und wir können dadurch mit Ihnen in Kontakt treten. Sollte dies jemals geschehen, sind wir in großer Gefahr..." Michelle schluckte. Das Amulett hing an einem leichten Band, es war aus Stein gefertigt, schwarz-grau gefleckt, mit einem Loch in der Mitte.

"Vielen Dank für dieses kostbare Geschenk. Ich werde es während meiner Schwangerschaft unter meiner Uniform tragen, um mein Kind zu schützen. Der Dienst in der Sternenflotte kann manchmal wirklich gefährlich sein. Danach werde ich meinem Schicksal wieder ins Gesicht blicken. Danke nochmals." Die Alphas verbeugten sich. Der Zweite machte eine Handbewegung und Michelle war von Finsternis umgeben.
Sie atmete erleichtert auf. In wenigen Augenblicken konnte sie Will in ihre Arme schließen. Selbst wenn er auf der Brücke sein sollte. Das war ihr egal. Sie war unendlich froh ihren Mann wiederzusehen.

Im nächsten Augenblick stand Michelle auf der Brücke ihrer geliebten Enteprise. Riker, der völlig in Gedanken war, sprang wie von einem Tark gebissen auf, als alle "Captain" riefen und stürmte auf sie zu.
Als die beiden sich küssten, applaudierte die Brückencrew, glücklich und erleichtert, dass ihr Captain gesund zu ihnen zurückgekehrt war.

"Ich dachte, ich hätte dich verloren."  "Das dachte ich auch. Aber alles war nur ein Missverständnis. Ich werde dir später alles erzählen. Doch jetzt sollte ich auf die Krankenstation, damit Beverly sich überzeugen kann, dass mit dem Baby alles in Ordnung ist."


Michelles Untersuchung war mehr als zufriedenstellend. Das Baby hatte das kleine Abenteuer gut überstanden und fortan trug Michelle gut versteckt unter ihrer Uniform das Geschenk ihrer neuen Freunden.
Michelle befahl ihrer Crew sämtliche Daten über den Vorfall aus den Logbüchern und Dateien des Computers zu löschen. Einzig Admiral Lanford informierte sie, damit diese weitere Untersuchungen unterbinden konnte zum Schutz der Alphas. Die Crew durfte mit Dritten nicht über die Ereignisse auf Alpha Thethys sprechen.
Und die Alphas reparierten ihren Tarnschild, um auch die letzten Überbleibsel ihrer alten Welt vor den Augen der Außenstehenden zu verbergen.




8. Sektor 23

Die Zeit verflog nur so auf der Enterprise, Mission nach Mission wurde erledigt. Michelles Schwangerschaft näherte sich endlich ihrem Ende.

Vor einigen Stunden hatte die Enterprise ein Forscherteam auf Linos Vier abgesetzt. Ein wenig einladender Mond im Sektor 23. Da die Enterprise sich so nahe an der Neutralen Zone befand, hatte man sie auch gleich auf Grenzpatrouille geschickt, um der Crew ein wenig Ruhe vor dem nächsten Einsatz zu gönnen.


Michelle und Riker waren auf der Brücke. Plötzlich meldete Worf eine Energieschwankung. "Das kann ich bestätigen", erklärte Data.
"Auf den Hauptschirm", befahl der Captain. "Ich habe ein ungutes Gefühl. Obwohl es unwahrscheinlich ist..."
"Captain, vermuten Sie Romulaner?" wollte Riker wissen. "Das wäre ein Verstoß gegen das Abkommen."  "Nummer 1, wir haben das Abkommen auch schon des öfteren wegen Rettungsmissionen gebrochen. Warum sollten die Romulaner sich diesbezüglich anders verhalten? Wir müssen nur wachsam sein. Gelber Alarm."
"Captain, sollten wir dann nicht auch die Waffen..." Riker brachte seinen Satz nicht zu Ende. "Es ist nur ein Gefühl, Commander. Kein Grund, gleich die Kavallerie zu rufen." Er machte eine einverstandene Geste, hatte aber dennoch Bedenken. Er hatte oft genug erlebt, dass Michelle mit ihren Vorahnungen richtig lag. Doch Riker schwieg. Die lieben Befehle. Wie oft hatte er wohl seit Michelle das Kommando übernommen hatte, gegen ihre Befehle Einspruch erhoben und damit heftige Diskussionen ausgelöst? Viele Male, das stand fest. Doch heute schwieg Riker, er wollte sie so kurz vor der Niederkunft nicht unnötig aufregen.

Riker hing noch seinen Gedanken nach, als plötzlich eine starke Explosion die Enterprise erschütterte und Michelle aus ihrem Stuhl riss. Rikers Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er sie bewusstlos vor sich auf dem Boden liegen sah.
Alles um ihn herum geschah wie in Zeitlupe. Riker rief ihren Namen. Sie reagierte nicht. Riker stürzte zu ihr und bellte noch Befehle.
"Schutzschilde! Phaser und Photonentorpedos! Feuern Sie nach eigenem Ermessen, Worf!"
Riker wusste nicht, ob er Michelle auf den Rücken drehen durfte, sie war auf den Bauch gestürzt. Eine helle Flüssigkeit hatte sich auf dem Teppich ausgebreitet. Fruchtwasser, stellte Will entsetzt fest. Er befürchtete das Shlimmste für sein Kind und hatte unbeschreibliche Angst, auch um seine Frau. Dennoch musste er irgendwie einen klaren Kopf bewahren und das Schiff führen.
"Dr. Crusher, bitte sofort auf die Brücke! Der Captain ist bei dem Angriff aus ihrem Sessel geschleudert worden! Sie hat das Fruchtwasser verloren! Schnell!"  "Ich bin unterwegs, Commander!"

Die Romulaner griffen erneut an. "Schilde bei sechsundachtzig Prozent", meldete Worf. "Rufen Sie sie, Worf! Wir fordern Sie auf das Feuer einzustellen und den Föderationsraum zu verlassen!"

Noch immer war Michelle ohnmächtig, schon einige Minuten. Endlich traf Beverly mit ihrem Team ein.
"Gott sei Dank, Beverly. Sie ist seit dem Sturz ohnmächtig." Beverly nickte und griff aus ihrem Medkit ein Hypospray um Michelle zu wecken. Es wirkte fast sofort.
Michelle kam zu sich und schrie vor Schmerz. "Wehen! Ich habe Wehen", stieß sie hervor. Und dann: "Wer zum Teufel schießt auf mein Schiff?!", als eine neuerliche Erschütterung alle durcheinander warf.
"Die Romulaner. Aber du hast jetzt Besseres vor. Ich kümmere mich um die Angelegenheit. Beverly, schaffen Sie meine Frau auf die Krankenstation. Ich komme, sobald ich kann."
"Den Teufel wirst du! Dein Platz ist jetzt hier! Sie haben das Kommando, Nummer 1!" Dann durchflutete der Schmerz einer weiteren Wehe Michelles Körper, sie biss die Zähne zusammen und wurde behutsam auf die mitgebrachte Trage gelegt.

Michelle wurde von der Brücke gebracht, Riker setzte sich in den Kommandosessel.
"Status?" fragte er Worf. "Schilde bei fünfundsiebzig Prozent. Wir haben den Romulanern mehrere direkte Treffer zugefügt." Diesen Vorteil mussten sie sich zu nutze machen. Die romulanischen Schiffe waren zwar größer als die der Sternenflotte, aber waren sie auch die besseren Pokerspieler? Gleich würde es sich zeigen.
"Mr. Worf, öffnen Sie einen Kanal", befahl Riker, dessen Gedanken zwischen der Krankenstation und den Romulanern hin- und hergerissen waren.
Riker stand auf und strich seine Uniform glatt.
"Sie können sprechen, Sir."  "Romulanerschiff, hier spricht Commander Riker vom Föderationsraumschiff Enterprise. Sie befinden sich auf der falschen Seite der Neutralen Zone. Wir fordern Sie ein letztes Mal auf, dieses Gebiet umgehend zu verlassen. Beenden Sie Ihren Angriff und ziehen Sie sich zurück!"
Das Bild des gigantischen Warbirds machte dessen Commander Platz.
"Ich bin Commander Tendro von der glorreichen, dritten Flotte des romulanischen Imperiums... Und wir werden uns nicht zurückziehen. Wir sind ein ebenwürdiger Gegner und haben Ihnen bereits einige Treffer beigebracht. Nun, Sie uns auch. Aber wir haben das größere Schiff und halten länger aus... Und überhaupt, wo ist Ihr Captain?"
Neugieriger Mistkerl, dachte Riker. Sie kämpft um das Leben unseres Babys.
"Der Captain wurde bei Ihrem Angriff verletzt. Derzeit habe ich das Kommando." Tendro zeigte keine Regung. Insgeheim hoffte er wahrscheinlich, Michelle wäre bei dem Angriff umgekommen oder lege im Sterben. In diesem Moment war Riker überzeugt, dass es mit diesem Volk niemals Frieden geben würde.
"Ich bin normalerweise ein höflicher Mensch..." - Aber ihr seid Schuld an den frühzeitigen Wehen meiner Frau. "Doch ich rate Ihnen, schnellstens zu verschwinden. Verstärkung ist unterwegs." Noch immer zeigte Tendro keinerlei Regung.
"Wir haben keine Transmission abgefangen. Sie lügen!" Riker setzte sein bestes Pokerface auf und alles auf eine Karte. Es war ein verdammt hoher Einsatz, der höchste, der je auf dem Tisch gelegen hatte.
"Sind Sie sicher? Unsere Wissenschaftler haben bedeutende Fortschritte gemacht. Anscheinend arbeitet der Talshiar nicht mehr so zuverlässig wie früher..." Ein Muskel zuckte an Tendros Wange bei der Erwähnung des romulanischen Geheimdienstes.
"Nehmen wir einmal an, Sie hätten die Wahrheit gesagt. Was sollte mich daran hindern, nicht ebenfalls Verstärkung anzufordern?" Er grinste siegesgewiss.
"Das!" entgegnete Riker. Die Enterprise feuerte auf den Warbird. Worf hatte mit einem sicheren Treffer ihr Langstrecken-Kommunikationssystem zerstört, es war nur noch eine Schiff-zu-Schiff-Verbindung möglich. Riker drehte sich um und nickte Worf anerkennend zu. Darauf wendete er sich wieder seinem Gegenspieler zu.
"Wie Sie sehen, Commander Tendro, stehen nun die Chancen wieder besser für uns." Das siegessichere Grinsen war aus dem Gesicht des Romulaners gewichen. Er wirkte ziemlich blass.
"Wir werden uns zurückziehen. Aber sie werden niemals erfahren, warum wir in Ihrem Territorium gewesen sind."  "Sie glauben nicht, wie mich diese Tatsache betrübt! Verschwinden Sie, bevor Mr. Worf seine Treffsicherheit ein weiteres Mal unter Beweis stellen muss!"
Tendro verschwand von Schirm, der Warbird wurde getarnt und war im nächsten Augenblick verschwunden.
"Das Pokerspiel habe ich wohl gewonnen", meinte Riker sichtlich zufrieden. Durch seinen Triumph vergaß er für einen Augenblick Michelle. Doch als er sich umdrehte, um seinem Captain zufrieden ins Gesicht zu grinsen, bemerkte er mit Entsetzen, dass sie nicht da war.
Er blickte sich hilfesuchend um, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.
"Commander, darf ich vorschlagen, dass Sie auf die Krankenstation gehen? Ihr Platz ist jetzt dort." Data blickte seinen Vorgesetzten mitfühlend an und wartete auf den entsprechenden Befehl.
"Übernehmen Sie, Mr. Data. Ich bin auf der Krankenstation."

Riker rannte fast durch die Gänge auf dem Weg zur Krankenstation. Er war leicht außer Atem, als er eintrat. Einer von Beverlys Assistenten blickte auf.
"Wo ist meine Frau?" fragte er besorgt. "Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Folgen Sie mir, Commander. Sie befindet sich bereits auf der Entbindungsstation."
Riker ließ sich von dem Arzt durch einige Behandlungsräume in die Entbindungsstation führen.
Beverly stand etwas abseits. Schwester Ogawa tupfte Michelle die Stirn ab.
Als Beverly Will entdeckte, ging sie sofort auf ihn zu. Sie sah kurz zu Michelle, die Riker noch nicht bemerkt hatte.
"Es kann noch einige Stunden dauern. Aber sie ist sehr tapfer." Riker nickte besorgt. Beverly gab ihm einen Knuff.
"Seien Sie ganz beruhigt, Will. Sie hat das doch schon einmal durchgemacht. Und die Entbindung eines halbklingonischen Babys war sicherlich kein Zuckerschlecken." Will zwang sich zu einem gequälten Lächeln.
"Aber für mich ist das erste Mal. Und ich würde ihr so gerne helfen."  "Dann gehen Sie zu ihr und sein Sie einfach für sie da. Halten Sie Michelles Hand, hören Sie ihr zu. Das hilft ihr schon." Sie lächelte - ein wissendes Lächeln. Das Lächeln einer Mutter.
Schwester Ogawa gab Riker das Tuch und trat beiseite. Michelle schlug die Augen auf und blickte ungläubig ihren Mann an.
"Will? Was tust du hier? Hatte ich dir nicht befohlen, auf der Brücke zu bleiben?"  "Stell mich vors Kriegsgericht, wenn du hier fertig bist. Mein Platz ist hier. Data hat das Kommando."
"Und die Romulaner..." Eine neue Wehe begann. Schnell ergriff Michelle Wills Hand und drückte zu. Er biss die Zähne zusammen, seine Frau hatte wirklich enorme Kräfte in sich stecken.
Nachdem die Wehe abgeklungen war, fragte Michelle nach den Romulanern und dem Status des Schiffes. Riker war überrascht.
"Du bekommst gerade ein Baby und fragst nach dem Status des Schiffes?" Er lachte.
"Natürlich. Sonst hätte ich es weiß Gott nicht verdient, der Captain dieses Schiffes zu sein. Also rede, Riker, bevor die nächste Wehe kommt."
"Nun, ganz einfach. Ich habe hoch gepokert, geblufft und haushoch gewonnen. Sie sind auf eine Lüge reingefallen und haben sich mit eingezogenem Schwanz zurück in ihr Territorium verzogen." Er grinste, hoffte auf ein Fünkchen Anerkennung.
"Und jetzt bist du verdammt stolz auf deine Leistung, was Riker?!" Er blickte sie verblüfft an. Beverly winkte ihn heran.
"Denken Sie sich nichts dabei, Will. Einige Frauen werden unter den Auswirkungen der Wehen, nun ja, leicht aggressiv. Sie meint es nicht so. Gehen Sie nicht weiter drauf ein." Er nickte und ging dann wieder zu seiner Frau.
Die Wehe war vorüber, Michelle war wieder die Liebenswürdigkeit in Person. Verstehe einer die Frauen, dachte Riker hilflos.

Draußen warteten bereits Yamara und Wesley, die von dem Sturz Michelles und den dadurch frühzeitig ausgelösten Wehen erfahren hatten. Yamara war mit jedem Aufschrei ihrer Mutter ein Stückchen näher dran, einfach in den Entbindungsraum zu stürmen. Sie musste einfach wissen, ob es ihr gut ging. Wes stürzte vor sie und fing sie kurz vor der Tür ab.
"Ganz ruhig, Y. Deine Mum schafft das schon. Meine Mutter ist doch bei ihr und dein Dad sicher auch."

Auch diese Wehe hatte Michelle überstanden. Doch wie viele lagen noch vor ihr? Lange würde sie das nicht mehr aushalten, da war Michelle sich sicher. War es bei Yamaras Geburt auch so gewesen? Sie konnte sich nicht mehr erinnern. Siebzehn Jahre waren eine verdammt lange Zeit um Geburtsschmerzen zu vergessen. Allmählich glitt Michelle zwischen den Wehen immer wieder in einen Dämmerzustand ab, wie betäubt. Verschwommen und durch einen Tränenschleier nahm sie Riker war.
"Will?"  "Ja."  "Was tust du hier?" Er wischte ihr verständnisvoll die Stirn ab. "Ich habe die Romulaner ausgetrickst, sie sind zurück in ihr Gebiet geflogen. Und jetzt stehe ich dir bei." Sie lächelte. Plötzlich erfror es ihr auf den Lippen.
"Oh, Schmerz lass nach. Ich würde dich mit Freuden degradieren, für diese Schmerzen!" Riker blickte hilflos zu Beverly, die nur mit den Schultern zuckte. Sie konnte Michelles Schmerz nachempfinden. Doch auch für Rikers Hilflosigkeit hatte sie Verständnis.


Nach zwei weiteren Schichtwechseln an Bord der Enterprise hatte Michelle es endlich überstanden. Sie schlief fast sofort ein, nur einen kurzen Blick erhaschte sie auf das Baby und lächelte.
Als Yamara den ersten Schrei des Babys hörte, sank sie Wesley erleichtert in die Arme.

Michelle schlief einige Stunden, Will wich nicht von ihrer Seite. Nur einmal ging er kurz hinaus, um den Kindern zu sagen, dass es Michelle und dem Baby gut ginge. Dann schickte er die beiden ins Captain's Quartier um Kleidung für Michelle und das Baby zu holen.
Yamara flitzte mit Wes an der Hand durch die Gänge des Schiffes. Wenn jemand sie anhielt, riefen sie nur, dass der Captain das Baby bekommen hätte.

Das Baby, das bisher noch niemand gesehen hatte und von dem auch niemand außer Yamara und Wesley wusste, ob es ein Mädchen oder ein Junge war, schlief nebenan.
Und kurze Zeit später, als schon so manches Besatzungsmitglied auf Michelles Erwachen wartete, kehrte sie ein wenig erholt aus dem Reich der Träume zurück.
Riker strahlte sie an. Der Vaterstolz glänzte in seinen Augen. Michelle blinzelte sich den Schlaf und die Erschöpfung aus den Augen.
"Wo ist unsere Kleine?" Riker sprang auf. "Ich hole sie. Bleibt es bei Andromeda?" Michelle nickte.

Kurz darauf kam er mit einem kleinen Bündel auf dem Arm und Beverly im Schlepptau zurück. Er gab Michelle ihr Sternenkind, wie sie ihr Baby liebevoll nannten. Andy hatte strahlende, blaue Augen und einen kleinen, braunen Flaum auf dem Kopf, der ihre zukünftige Haarpracht andeutete.
"Sie hat strahlendere Augen als du, Will", bemerkte Michelle stolz. "Alle Babys werden mit blauen Augen geboren, Michelle. Sie haben noch keine Pigmentfärbung", erklärte die Ärztin fachmännisch und bemerkte sofort Michelles Enttäuschung über diese Aussage.
"Aber da Will blaue Augen hat, stehen die Chancen sehr gut, dass auch ihre blau bleiben." Sofort wurde ihre Ergänzung mit einem zufriedenen Lächeln der Eltern belohnt.
"Vielleicht sollten wir jetzt mal die anderen hereinholen, damit sie das Sternenkind bewundern können." Michelle richtete sich auf. "Wer ist denn alles draußen?"  "So ziemlich alle Führungsoffiziere."  "Und wer führt das Schiff?... Bin ich wirklich so beliebt?!" Sie grinste bereits schelmisch, bevor sie zuende gesprochen hatte.
"Was für eine Frage, Micky." Er trat lachend an die Tür und bat die Wartenden herein. "Sie können das Baby jetzt sehen." Er ging zurück an Michelles Seite.
"Nimm bitte mal das Baby, ich möchte mich richtig aufsetzen." Sie hatte gedacht, er würde sich sträuben. Doch Riker nahm sein Baby kommentarlos auf den Arm. Michelle blickte ihn verblüfft an.
"Beverly hat mit mir geübt", erklärte Riker.
"Wie heißt sie", fragte Deanna verträumt lächelnd. "Andromeda. Kurzform Andy." Der Name wurde einige Male gemurmelt, bevor wieder Stille in der Krankenstation einkehrte.
"Bezieht sich der Name auf die griechische Sagengestalt und das Sternenbild der Andromeda?" fragte Data analysierend. "In der Tat, Data."  "Warum?" Michelle grinste über die kindliche Naivität, die ihr zweiter Offizier mal wieder an den Tag legte.
"Nun, dieses Kind wurde zwischen den Sternen geboren und welcher Name wäre passender als das Sternbild einer wunderschönen und tapferen Frau?!" Riker verschränkte die Arme vor der Brust und grinste nun ebenfalls zufrieden in die Runde seiner Freunde und Kollegen.
Plötzlich, völlig unerwartet, klatschten alle Anwesenden. Michelle war total überrascht und schniefte gerührt.
"Danke... Aber bevor ich jetzt vor Rührung in Tränen ausbreche, möchte ich mit Dr. Crushers Erlaubnis nach Hause gehen." Beverly nickte einverstanden.
Die Offiziere verabschiedeten sich nach und nach, bis nur noch Yamara und Wesley anwesend waren. Yamara nahm Michelle das Baby aus den Armen und wiegte es sanft, damit ihre Mutter sich umziehen konnte.
Sie grinste Riker an und fragte ihn schließlich: "Na, wie fühlst du dich als richtiger Dad, Dad?!"  "Ich war auch schon vor der Geburt deiner Schwester ein richtiger Dad, mein Kind." Sie lächelte und flüsterte ein "Danke".
Wesley beobachtete fasziniert die Szene und machte sich so seine Gedanken über eine mögliche Zukunft. In ein paar Jahren vielleicht schon wird Yamara hier liegen und unser Baby auf den Armen haben. Dann würden die Rikers und seine eigene Mutter als stolze Großeltern in der Reihe der Gratulanten stehen. Doch zuvor stand ihnen noch eine Reifeprüfung bevor, die Trennung während Yamaras Absolvierung der Sternenflottenakademie. Für drei Jahre würden sie mehr oder minder nur eine Fernbeziehung führen können. Wesley schüttelte den Gedanken daran schnell wieder ab und streichelte das Baby.

Nachdem auch noch die Kinder gegangen waren, bat Beverly ihren Captain lieber noch auf der Krankenstation zu bleiben.
"Michelle, Sie sollten besser noch diese Nacht auf der Krankenstation bleiben. Sie hatten keine leichte Geburt. Und dann der Sturz während der Auseinandersetzung mit den Romulanern." Ein Schauer lief Michelle über den Rücken, als sie an die Angst dachte, die sie um ihre Tochter ausgestanden hatte.
"Beverly, ich kann mich genauso gut in meinem Quartier ausruhen. Ich bin sicher, dass Will mich bemuttern wird und mich keinen Finger rühren lässt. Geschweige denn, mich einen Schritt in Richtung Brücke unternehmen lässt. Habe ich Recht, Will?"  "Worauf du das Bath'leth deiner Tochter verwetten kannst." Beverly hob kapitulierend ihre Arme.
"Gut, Will. Sie haben gewonnen. Aber Sie bürgen für das Wohl Ihrer Frau. Sollte irgendetwas passieren, rufen Sie mich umgehend." Er nickte. Michelle begann sich umzuziehen, Beverly ging in ihr Büro.
"Was ist denn das?" Er deutete auf Michelles Hals, als sie die Jacke Uniform auszog und das Amulett der Alphas sichtbar wurde.
"Etwas, das unserer Tochter vielleicht das Leben gerettet hat."  "Du glaubst doch nicht wirklich daran, oder Micky?" Riker hatte einen stark ironischen Ton an den Tag gelegt.
"Will Riker, die Alphas wollten mir mit diesem Geschenk eine Widergutmachung für meine Entführung zuteil werden lassen. Sie erklärten mir, dass es mich vor ernstlichen Verletzungen schützen würde. Und sie können damit Kontakt zu mir aufnehmen... Aber Andy hat das Licht der Welt erblickt. Nun werde ich es nicht mehr tragen. Ich kann gut auf mich selbst aufpassen."
"So wie auf Beryll?" Er verschränkte die Arme vor der Brust und blickte ihr herausfordernd entgegen.
"Oh Riker, wenn es wirklich gefährlich wird, wirst du dich doch sowieso selbstlos auf mich werfen. Wie auf Beryll!" Sie lachte, Riker schenkte ihr ein gequältes Lächeln, als er an die Ereignisse während der Rettungsmission erinnert wurde.
"Können wir?" Michelle trat an das Babybett um ihre Tochter hochzunehmen.
"Einen Moment noch." Riker musste sich einfach davon überzeugen. Seine wunderschöne, energiegeladene Frau, die ihm vor wenigen Stunden dieses bezaubernde Baby geboren hatte. Nun konnte er endlich wieder ohne Mühe um ihre Taille fassen. Sie hatte zwar noch nicht ihre alte Form wieder, aber das würde sicher nicht lange dauern.
Riker drehte sie um und küsste sie leidenschaftlich. Die beiden bemerkten Beverly nicht, die geschäftig durch die Räume wuselte.
"Das können Sie nun wirklich in Ihrem Quartier tun. Und vergessen Sie Ihre Spritzen nicht, sonst liegt Michelle in neun Monaten wieder hier."
"Danke, aber nein Danke, Beverly. Ich habe genug mit diesem Baby zu tun." Sie lachten. Michelle hob ihre schlafende Tochter auf den Arm und verließ mit Riker die Krankenstation.

Im Quartier legte Michelle Andy im Babyzimmer schlafen. Da ihre Erschöpfung verflogen war, entschied Michelle sich, kurz auf der Brücke nach dem Rechten zu sehen. Riker runzelte skeptisch die Stirn.
"Hast du nicht Beverly versprochen dich auszuruhen? Ich werde dich nicht gehen lassen, das habe ich Beverly versprochen. Du bist überstimmt."
Michelle grinste. Gut, wenn Riker spielen wollte, sollte er das haben.
"Dafür brauchst du einen weiteren Offizier."  "Ich hole sofort Deanna. Zur Not lasse ich es von Admiral Lanford anordnen."
"Gnade, Commander. Ich füge mich."  "Gut, denn Widerstand ist zwecklos." Er lachte. Michelle legte Riker einen Finger auf die Lippen. Sie wollte das Baby nicht wecken.

Michelle und Riker schliefen bereits, als sie eine Hyperraumnachricht erreichte. Michelle stand auf und murmelte: "Kann das Hauptquartier uns nicht während der Tagesschichten unsere neue Mission mitteilen?!" Will gönnte seiner Frau nur ein Grunzen und drehte sich vom Licht weg.

Im Wohnraum setzte sich Michelle an ihren Schreibtisch und hörte sich die Nachricht, eine Aufzeichnung, an. Soweit waren sie doch gar nicht von einer Relaisstation entfernt, das kein direkter Kontakt möglich gewesen wäre.
Mariah Lanford blickte ihr entgegen. Michelle war mehr als verwundert, dass ihre Mentorin und Freundin nicht persönlich mit ihr sprach. Doch als sie den Inhalt der Nachricht abhörte, war ihr klar, warum Lanford auf ein persönliches Gespräch verzichtet hatte.
"Hallo Michelle, dein neuer Auftrag lautet schlicht, Captain Picard von der Raumstation Beta 9 abzuholen." Michelle hob ihre linke Augenbraue verwundert auf eine recht vulkanisch anmutende Weise.
"Und auf der Station wartet ein Besuch auf dich. Jack und Amanda Neech. Lanford Ende."
"Oh zum Teufel nein!" Sie sah es deutlich vor sich. Ein Schlachtfeld. Jack Neech, der ihrem Vater an der Gurgel hing. Der seinem bestem Freund, der Picard nun einmal früher gewesen war, den Ehebruch mit seiner Frau nie verzeihen würde und ihm nur noch Hass entgegen brachte.

"Warum muss das Universum nur so grausam zu mir sein?!" Übertrieben theatralisch hob Michelle die Hände gen Decke und suchte dort nach einer Antwort.
"Das Universum ist grausam zu dir?"  "Ja, wir sollen Picard mal wieder abholen. Soweit kein Problem. Nur auf genau der gleichen Raumstation befinden sich derzeit Jack und Amanda, um mir einen Besuch abzustatten."  "Oh."  "Ganz recht. Oh!"
Riker setzte sich auf Michelles Stuhl und bot ihr einen Platz auf seinem Schoß an.
"Übertreibst du nicht etwas?" Michelle schüttelte energisch den Kopf.
"Jack würde seinem alten Freund am liebsten das Herz rausreißen und es an einen Tark verfüttern... Du hast ja keine Vorstellung davon, wie er Picard behandelt. Vor allem seit ich mich mit ihm ausgesöhnt habe. Und Amanda steht dabei und schaut sich das Szenario an, als wäre es ein Holoroman." Riker nickte mitfühlend.
"Ich bin sicher, wir werden die Situation unter Kontrolle bekommen. Zur Not sperrt Worf Jack in eine Arrestzelle." Er grinste schelmisch. "Will, du bist nicht schlecht. Gute Idee." Sie lachten.
"Gehen wir wieder schlafen."

Lange konnte Michelle nicht einschlafen in dieser Nacht. Sie fragte sich, ob sie die drei nicht doch zu einem zivilisierten Umgang miteinander bewegen konnte. Sie war kurz davor, in die süße Welt der Träume zu entgleiten, als Andy zu weinen begann.
"Ich komme, mein Sternenkind." Endlich hatte sie eine Beschäftigung. An Schlaf war im Moment sowieso nicht zu denken.
Michelle stillte das Baby und erzählte ihrer einige Stunden alten Tochter eine Geschichte über ihren tapferen Daddy. Gebannt starrte Andy auf ihre Mutter, als würde sie verstehen, was diese ihr erzählte. Schließlich seufzte Andy zufrieden und schlief in Michelles Armen ein. Michelle legte das Baby in ihre Wiege und ging ins Schlafzimmer zurück.
Aber einschlafen konnte sie noch immer nicht. Sie wälzte sich noch lange Zeit von einer Seite auf die andere. Schließlich viel sie in einen gnädigerweise traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen fragte Michelle den Computer nach der berechneten Ankunftszeit bei der Raumstation. Zwei Stunden würden leider verdammt schnell vergehen. Michelle betete für einen Zwischenfall, der ihre Ankunft hinauszögern würde. Aber soviel Glück hatte sie nicht. Außerdem wäre es unfair Picard gegenüber. Seit er von Andys verfrühter Geburt erfahren hatte, war er völlig flatterhaft. Picard brannte darauf, seine zweite Enkeltochter zu sehen. Außerdem wollte er den Vaterstolz in Rikers Augen glänzen sehen. Und stolz war Riker, das stand ganz außer Frage.

Zum ersten Mal seit unendlich langer Zeit hatte Michelle ihr Haar streng nach hinten gekämmt und zu einem Knoten zusammengesteckt. Normalerweise trug sie das Haar teils geflochten, teils offen. Was nicht gegen die Vorschrift verstieß. Sie wollte wenigstens über ihr Haar keine Bemerkung von Jack Neech ernten, der immer dafür plädiert hatte, sie sollte es sehr kurz tragen, seit sie in der Kommandohierarchie soweit aufgestiegen war. Jack Neech hatte im Laufe der Jahre Gefallen daran gefunden, Michelle zu verletzen. Doch Michelle würde dieses Mal zurückschlagen. Jack hatte sich freiwillig in ihr Territorium gewagt, sie war im Vorteil.

Riker trat aus dem Schlafzimmer. "Morgen, Cap. Wann bist du aufgestanden und was hast du mit deinem Haar gemacht?" Michelle trat an ihn heran und gab ihm einen flüchtigen Kuss.
"Erstens war ich fast die ganze Nacht wach. Andy trink mehr als eine Meute Klingonen, die nach einer Schlacht ihren Sieg mit Blutwein feiern. Und zweitens lege ich heute äußersten Wert auf Disziplin, denn Jack wird kein gutes Haar weder an meinem Äußeren noch an meinem Führungsstil lassen. Brian macht das alles besser. Warte es nur ab." Sie lächelte gequält und hoffte auf ein klein wenig Verständnis von Seiten ihres Mannes.
Und plötzlich traf es Michelle wie ein Blitz. "Yamara!"  "Was ist mit ihr?"  "Sie weiß noch nichts von dem Besuch. Sie ist bei den Neechs nicht sonderlich beliebt und wird als Schande angesehen."  "Dann sollten wir unsere Tochter lieber schnell darauf vorbereiten."

Sie waren unterwegs zu Yamaras und Wesleys Quartier. Kurz vor der Tür drückte Michelle im Laufen ihre Hand auf Wills Brust, woraufhin er stehen blieb.
"Sobald sie mitbekommen, dass Yamara und Wesley miteinander leben ohne verheiratet sein, wird hier die Hölle los sein. Amanda hat noch immer Moralvorstellungen aus dem 19. Jahrhundert. Eigentlich gehört sie mit ihren Ansichten in ein Museum." Riker grinste über die Ausführungen seiner Frau.
Sie hatten ihr Ziel erreicht. Michelle betätigte den Türsummer. Riker warf ein weiteres Mal einen stolzen Blick auf das Türschild: "Fähnrich Yamara Riker & Lieutenant Wesley Crusher" und grinste in sich hinein.
Sie wurden hereingebeten und landeten im Chaos. Wesley raste durch die Zimmer auf der Suche nach seiner Uniform, seinen Pads, seinem Kommunikator. Yamara, die Ruhe selbst, räumte den Frühstückstisch ab.
"Der rasende Wesley läuft mal wieder auf Hochtouren." Wesley bremste abrupt ab und erwiderte: "Haha, sehr witzig, Captain. Ich habe keine Zeit."  "Das sehen wir", Michelle kicherte.
Michelle räusperte sich und kam zum Grund ihres Besuchs.
"Wir holen deinen Großvater ab. In etwa einer Stunde werden wir an der Raumstation andocken. Wenn der rasende Wesley hier bis dann an der Navstation sitzt." Er reagierte nicht.
"Leider kommen auch Jack und Amanda zu Besuch." Yamara setzte polternd ihren großen Kaffeepot wieder ab.
"Nein, oh Mum! Das ist doch nicht dein Ernst. Soll ich jetzt so tun, als wäre ich die heilige Johanna?! Amanda hält mich doch sowieso eher für eine Maria Magdalena!!" Riker grinste über die Vergleiche seiner Tochter.
"Yamara, jetzt bleib mal ganz ruhig. Ich habe deiner Mutter schon vorgeschlagen, die Neechs in die Arrestzelle zu sperren, wenn sie Ärger machen sollten." Yamara entwischte ein gehässiges Lachen, sie schlug die Hand vor den Mund.
Michelle trat auf ihre Tochter zu und umarmte sie. "Verhaltet euch ganz normal. Wir werden das Kind schon schaukeln." Yamara hob auf ähnliche Weise wie ihre Mutter und sehr misstrauisch blickend ihre linke Augenbraue. Michelle kam in den Sinn, dass man ihr gerade einen Spiegel vorhielt, als sie ihre Tochter beobachtete. Ganz die Mutter, zum Glück.

Eine Stunde später hatte die Enterprise an der Raumstation angedockt, die Passagiere betraten über eine Luftschleuse das Schiff. Die Neechs hielten sich soweit abseits von Picard, wie nur irgend möglich.

Heute fiel die Begrüßung besonders herzlich aus. Förmlich musste es schon lange nicht mehr zugehen. Die Besatzung hatte sich an Picards Vaterrolle gewöhnt.
Michelle löste sich vom Empfangskomitee, bestehend aus Riker, Yamara und ihr selbst, und ging auf ihren Vater zu.
"Hallo, Dad. Schön, dass du wieder da bist." Sie begrüßten sich mit einem Kuss. Dann nahm Picard seine Tochter bei den Händen und betrachtete sie prüfend.
"Michelle, du bist so schlank wie früher. Es ist unglaublich."  "Und dabei sah ich aus, als hätte ich einen Fußball verschluckt. Aber noch muss ich ein bisschen trainieren, damit ich wieder so richtig in Form komme. Du glaubst ja gar nicht, wie gut es tut, wieder in meine alte Uniform zu passen." Picard lachte leise.
Keiner freute sich mehr über Picards Besuch als Yamara. Er war eben ihr ein und alles. Den Neechs schenkte man weiterhin keinerlei Beachtung.

Endlich nachdem sich auch noch Riker und Picard umarmt hatten, begrüßte Michelle Jack und Amanda. Währenddessen unterhielt sich Picard mit Yamara. Riker verfolgte aufmerksam das Geschehen.
"Amanda, Jack, willkommen auf der Enterprise." Die Neechs traten näher.
"Früher hast du Vater oder Dad gesagt." Das war Jack Neech, wie man ihn kannte und ganz gewiss nicht liebte.
"Ich halte es für unangebracht, Jack. Wir alle hier wissen, wer mein Vater ist und wer mir diese Information all die Jahre vorenthalten hat. Also rede nicht so einen Blödsinn, Jack. Was wollt ihr überhaupt hier?! Wieso das plötzliche Interesse an meiner Familie?" Riker legte eine Hand auf Michelles Schulter und drückte sanft, aber bestimmt zu.
Er stellte sich den Neechs vor, und dann gab es nur noch ein Thema. Picard wollte das Baby sehen.
"Kann ich das Baby sehen, bevor ich in mein Quartier gehe", drängelte der sonst so resolute Picard.
"Baby? Was für ein Baby?"  "Oh, haben deine Informanten dich nicht auf dem Laufenden gehalten? Ich habe gestern meine zweite Tochter bekommen." Sie lässt nach, dachte Michelle gehässig. Wenn es etwas Neues über mich zu berichten gibt, weiß sie es doch sonst immer als Erste.
Deswegen Jean-Lucs Bemerkung über Michelles Figur, dachte Amanda. Sie wunderte sich, dass keiner ihrer Freunde sie informiert hatte. Eine Schwangerschaft ließ sich keine neun Monate geheim halten. Und schon gar nicht, wenn man von seinem ersten Offizier schwanger war. Viele ihrer Freunde sprachen sie auf diese Verbindung an. Amanda war zwar auf Klatsch aus, doch in diesem Fall war sie nur peinlich berührt.

"Mädchen oder Junge?" fragte der stolze Großvater und unterbrach somit den Gedankengang Amandas.
Riker gab auf die Frage Picards seine übliche Antwort: "Ein Sternenkind, Jean-Luc!"
"Geduld, Dad. Wir gehen jetzt sofort in unser Quartier, zufrieden?" Picard nickte. Michelle hakte sich bei ihrem Vater ein, während Will seine Tasche trug. Sofort war ein Kommentar von Jack Neech fällig:
"Ist dieses Verhalten vor deiner Mannschaft vertretbar, Michelle?" Sie schickte ihm einen eiskalten Blick. "Meine Mannschaft akzeptiert unser enges Verhältnis. Die Enterprise ist nun mal ein Schiff, auf dem auch Familien leben. Warum sollte das ihrem Captain verwehrt bleiben, Jack?... Und die Mannschaft hat sich an Picards Vaterrolle gewöhnt. Im Gegensatz zu einigen Leute, die ich kenne!" Michelle hatte ihm ein Torpedo direkt vor den Bug geknallt, und Jack hatte es schlucken müssen.

Endlich hatten sie das Captains-Quartier erreicht. Kam es Michelle nur so vor, oder hatte der Weg dorthin heute doppelt so lange wie gewöhnlich gedauert? Bevor sie hineingingen, wandte Michelle sich an ihre Tochter.
"Geh auf die Brücke zurück, Yamara. Es wird Zeit für ein paar weitere Flugstunden durch Lieutenant Crusher."  "Aye, Aye, Ma'am", bestätigte sie.
"Und vergessen Sie Ihre Hausaufgaben nicht, Fähnrich." Yamara nickte und war auch schon in Richtung Turbolift verschwunden.
Jack Neech blickte Michelle verblüfft entgegen. "Deine Tochter siezt dich?"  "Ja, so sind die Vorschriften, Jack. Ich habe gerade meinem Fähnrich einen Befehl erteilt. Auch Will und ich siezen uns auf der Brücke oder bei offiziellen Anlässen. Bei Yamara handhabe ich das Ganze noch etwas strenger, damit sie sich daran gewöhnt, unter ihren Eltern ihren Dienst zu verrichten und unsere Befehle zu befolgen." Nun hatte Jack erst mal etwas, woran er sich die Zähne ausbeißen konnte. Hoffentlich verdirbt er sich daran den Magen, dachte Michelle, während sie leise das Quartier betraten, und sie sich innerlich über Jacks verblüfftes Gesicht kaputtlachte.

Leise betraten sie das Babyzimmer. Andy lag recht munter in ihrer Wiege und staunte über die vielen Besucher. Michelle trat an die Wiege, holte ihr Baby heraus und legte sie dem stolzen Großvater in die Arme.
"Dad, das ist Andromeda, oder kurz Andy, deine Enkeltochter." Picards Augen glänzten, er war zu Tränen gerührt über dieses bezaubernde Geschöpf in seinen Armen.
"Sie hat Wills Augen, sie bleiben bestimmt blau." Michelle betete inständig, Picard mochte Recht behalten. Sie liebte Wills blaue Augen, tief wie der Ozean. Und wenn sie in Andys Augen blickte, sah sie Wills Liebe für seine drei Frauen darin widerspiegeln.

Kurz zeigte Michelle auch den Neechs ihre Tochter. Dann dirigierte sie alle wieder heraus in den Wohnraum, um ihrer Tochter den ihr zustehenden Schlaf zu gewähren. Nur Will blieb noch kurz bei Andy. Er holte sie wieder aus ihrer Wiege und setzte sich in Michelles Schaukelstuhl.
"Gut, dass du von all dem Chaos hier noch nichts verstehst, mein Sternenkind." Er bemerkte Jean-Lucs Rückkehr nicht.
Als Picard dann sagte: "Du bist ein guter Vater, Will", erschrak er. Kurze Zeit erwiderte Riker nichts. Dann fragte er: "War es schlimm auf der Raumstation?"  "Die Leiterin war froh uns wieder loszusein. Jack ist mir einige Male an die Gurgel gesprungen. Aber ich ging nicht darauf ein. Amanda hat nur zugesehen. Ich verstehe sie nicht. Vor unserem Ausrutscher, wie sie es nennt, hätte sie ein solches Verhalten nie geduldet. Jack und ich, wir waren wir Brüder, aber jetzt..." Picard seufzte.
"Aber wenigstens habe ich Michelle und inzwischen zwei besondere Enkeltöchter. Und ich bin wirklich sehr froh, dass sie dich geheiratet hat." Riker nickte, dann legte er seine Tochter zurück in ihr Bettchen.
"Gehen wir zu Michelle, sie braucht uns jetzt mehr denn je."

Beim gemeinsamen Mittagsessen kam es zum Eklat. Die Neechs und die Rikers betraten gemeinsam Ten Forward. Picard saß an einem gemeinsamen Tisch mit Yamara und Wesley. Amanda fragte sofort, wer der junge Mann an Yamaras Seite wäre. Michelle ging nicht darauf ein. Sie versuchte die Situation zu entschärfen, indem sie erklärte, wie wichtig der Umgang mit gleichaltrigen Crewmitgliedern wäre. Doch Amanda merkte sofort an, dass der Lieutenant ganz offensichtlich älter war. Er war in der Tat ein paar Jahre älter als Yamara, aber die beiden würden sich bestens verstehen. Und Wesley wäre darüber hinaus ein Protegé Picards.
Wie gut Yamara und Wesley sich tatsächlich verstanden, sah man besonders deutlich, als Wesley sie küsste. In aller Öffentlichkeit. Amanda Neech blieb fast das Herz stehen.
"Warum hat er deine Tochter denn jetzt um alles in der Welt geküsst?!"
"Mein Gott, Amanda! Weil er ihr Freund ist. Sie leben seit einiger Zeit in einem gemeinsamen Quartier zusammen." Amanda schluckte, ihr Kopf nahm eine hochrote Farbe an.
"Jetzt benimm dich nicht so prüde und verklemmt! Wir leben im 24. Jahrhundert, aber das scheint bei dir immer noch nicht angekommen zu sein!" Riker ergriff das Wort und lobte das vorbildliche Verhalten der beiden, was ihren Dienst und auch ihre Verantwortung im privaten Bereich anging.

"Was verstehen Sie schon von Verantwortung, Commander Riker? Schließlich haben Sie ein Verhältnis mit Ihrem Captain angefangen und sie geschwängert. Also kommen Sie mir nicht mit Verantwortung", zischte Amanda wie eine Giftschlange.
Michelle explodierte, wie Riker es noch nie erlebt hatte. "Das ist doch wohl das Allerletzte! Wie kannst du von Verantwortung sprechen?! Warst du bei meiner Zeugung verantwortungsvoll? Oder als du mich schwanger aus dem Haus geworfen hast?!" Michelle war es egal, dass jeder in Ten Forward ihren Gefühlsausbruch miterlebte.
"Damit hast du es endgültig bei mir verscherzt, Amanda. Von heute an will ich von dir nichts mehr sehen oder hören! Hast du mich verstanden?! Es ist vorbei, du bist nicht länger meine Mutter! Lieber habe ich gar keine, als so eine Person wie dich, die sich über angebliche Fehltritte anderer aufregt, aber nicht bedenkt, dass sie selbst Ehebruch begangen hat. Du falsches Miststück!" Damit rauschte Michelle aus Ten Forward und ließ alle verblüfft stehen.

Nachdem Michelle sich beruhigt hatte, machte sie ein Schiff ausfindig, dass die Neechs aufnehmen und zur Erde zurückbringen würde. Sie teilte den beiden äußerst kühl und förmlich mit, dass am nächsten Morgen die U.S.S. Adelaide eintreffen und für ihren Rücktransport sorgen würde.



9. Ein neuer Feind

"Captain auf die Brücke!"  "Bin unterwegs", bestätigte Michelle. Kurz darauf verließ sie den Turbolift und trat hinter Data.
"Wo brennt es?!" Data drehte sich verwundert um. "Eine Metapher, Data." Data legte einen Sekundenbruchteil seinen Kopf schief. Sein Emotionschip war aktiviert. Er hatte inzwischen herausgefunden, dass sein Captain gerne ein Späßchen machte um die Situation aufzulockern.
"Noch brennt es gar nicht." Ein Grinsen huschte über das Gesicht des Androiden. "Aber wir haben vor fünf Minuten und achtundzwanzig Sekunden eine Anomalie ausgemacht, die vor uns aufgetaucht ist."
"Einfach so?" Data nickte. Riker trat hinter seine Frau. "Was ist aufgetaucht?" Michelle zuckte zusammen. "Himmel noch mal, Commander. Müssen Sie mich so erschrecken?!... Eine Anomalie ist aufgetaucht."

Worf machte eine andere Meldung. "Captain, ein Notruf erreicht uns gerade."  "Lassen Sie hören", befahl Michelle und funkelte Will noch ein wenig böse an, weil er sie erschreckt hatte.
"Hier spricht der Commander des Frachters Mellick. Wir werden von einem gigantischen Schiff angegriffen..." Statisches Rauschen und Kampfgeräusche erforderten äußerste Konzentration, um die Nachricht weiter verstehen zu können.
"Wir sind nicht bewaffnet! Sie feuern ohne Unterlass auf uns! Bitte helfen Sie uns, wer immer uns hören kann!" Michelle zögerte keine Sekunde.
"Data, bestimmen Sie die Position. Übertragen Sie die Daten an die Navstation. Fähnrich Riker, Kurs setzen, Maximumwarp!"
"Captain, was ist mit der Anomalie?" Eine berechtigte Frage von Data. "Uninteressant! Schicken Sie eine Sonde der Klasse 1. So bekommen wir auch die notwendigen Informationen. Im Moment ist es wichtiger, diesem Frachter zu helfen", erklärte der Captain.

Als die Enterprise die Position des Frachters erreichte, war alles vorbei. Der Frachter war schwer beschädigt worden. Von den Angreifern fehlte jede Spur. Wie ein Panther, der im Schutz der Nacht zuschlägt und anschließend ungesehen im Dschungel verschwindet.

Michelles erster Gedanke war, dass niemand diesen Angriff überlebt haben konnte. Doch überraschenderweise gab es Lebenszeichen.
"Das Lebenserhaltungssystem funktioniert noch", meldete Data. Michelle nickte. "Nummer 1, Ihr Auftritt. Aber nur eine Minimalbesetzung. Und der Transporterraum soll Sie permanent einzeln erfasst halten." Riker sprang auf, zeigte auf Data und Worf und informierte Dr. Crusher, dass sie möglicherweise mit Verletzten zurückkehren würden.

Das Außenteam beamte hinüber und fand sich im Chaos wieder. Überall eingestürzte Balken, Rohre, herunterhängende Kabel und unzählige Tote. Entsetzen spiegelte sich auf den Gesichtern des Außenteams wieder.
"Data, orten Sie noch die Lebenszeichen?"  "Ja, Commander. Folgen Sie mir."
Die Enterprise meldete sich: "Nummer 1, wie sieht's aus?"  "Sehr schlimm, Captain. Es sieht aus, als hätte ein Tornado durch das Schiff gefegt. Bis jetzt haben wir noch keine Überlebenden gefunden."  "Melden Sie sich, wenn Sie Erfolg hatten. Enterprise Ende."

Data und Riker erreichten eine Wand, in die ein Schrank eingelassen war. Data bewegte den Tricorder vor der Tür so gut es ging auf und ab und scannte. Balken und Rohre schränkten seine Bewegungsfreiheit ein.
"Und?!"  "Wie die Menschen gerne sagen: Bingo! Ich orte eine Person in diesem Schrank."
Sofort begann Riker den Weg frei zu räumen. Wer wusste schon, wie schwer derjenige verletzt war, oder ob genug Luft vorhanden war? Data räumte ohne Anstrengung die großen und sperrigen Teile aus dem Weg. Auch Worf warf die Teile mühelos hinter sich.
Data öffnete die Stahltüren und sie blickten in die Augen eines kleinen, verängstigten Mädchens, das sich zusammengekauert hatte. Sie zitterte, als Riker seine Hand nach ihr ausstreckte.
"Hab keine Angst. Wir tun dir nichts, wir wollen dir helfen. Ich habe selber zwei Töchter." Ein Lächeln huschte über Rikers Gesicht, als er an seine Töchter dachte.
Noch immer rührte sie sich nicht. Doch die Kleine beobachtete fasziniert Data. Wahrscheinlich hatte sie noch nie zuvor einen Androiden gesehen.
Riker gab Data einen Wink sein Glück zu versuchen. Data ging in die Hocke und aktivierte seinen Emotionschip.
"Guten Tag, mein Name ist Lieutenant Commander Data. Und ich bin ein Android." Er grinste die Kleine an. Und plötzlich lächelte das Mädchen. Nur ein wenig. Denn das Rätsel um die Herkunft des Bleichgesichts hatte sich soeben erklärt. Er war eine künstliche Lebensform. Gern hätte sie diese Erkenntnis laut ausgesprochen, ja ins Universum gerufen, aber ihre Angst war einfach zu groß.

Riker meldete ihre Entdeckung. "Riker an Enterprise."  "Waren Sie erfolgreich, Commander?"  "Ja, Captain. Wir haben eine Überlebende gefunden. Es ist ein kleines Mädchen. Sie scheint nicht verletzt zu sein. Aber sie spricht nicht."  "Vermutlich hat sie Angst und steht unter Schock. Beamen Sie auf das Schiff zurück." Riker gefiel dieser Befehl überhaupt nicht. Drei, zwei, eins: "Aber Captain, sollten wir nicht nach Hinweisen auf die Angreifer suchen?" Michelle stieß zischend die Luft aus. Mal wieder wusste Riker alles besser. Sie hatte Verständnis für seinen Forschergeist und die natürliche Neugierde, die wohl jedem Sternenflottenoffizier in die Wiege gegeben war, aber...
"Riker, dieses Wrack kann Ihnen jeden Moment unter dem Hintern zusammenfallen. Sie kommen sofort zurück, alle! Das ist ein Befehl! Außerdem kann uns im Moment niemand besser Auskunft geben als das Mädchen."

Michelle wartete mit Beverly auf der Krankenstation auf das Eintreffen des Außenteams. Sie wollte versuchen mit dem Mädchen zu reden. Und mit ihrem eigensinnigen ersten Offizier anschließend ein Hühnchen rupfen. Mal wieder.

Riker trug das Kind auf seinen Armen herein. Michelle warf ihm einen giftigen Blick zu. Er musste endlich einmal lernen, dass er sein und das Leben des Außenteams nicht grundlos aufs Spiel setzen konnte. Aber irgendwie schien es in seinen Dickschädel einfach nicht einzudringen.

Riker legte die Kleine vorsichtig auf eins der Krankenbetten. Sie starrte ins Leere. Michelle trat an sie heran.
"Hallo. Ich bin Captain Michelle Riker. Du bist hier auf der Enterprise, einem Föderationsschiff... Kannst du mir sagen, was passiert ist?" Sie reagierte nicht. Michelle setzte sich an den Rand des Bettes, strich dem Mädchen sanft eine blonde Strähne aus dem Gesicht.
"Hast du verstanden, was ich gesagt habe?" fragte Michelle, obwohl sie keine Antwort erwartete. Doch zu ihrer großen Überraschung erhielt sie eine. Erst in Form eines Nickens, dann folgten Worte: "Ja, ich verstehe Sie... Sie sind alle tot."  "Ich weiß. Wie heißt du?" Wieder dauerte es, bis sie sprach.
"Marina... Sie sind alle tot." Marina drehte sich von Michelle weg und starrte wieder ins Leere.

Der Captain stand auf und ging zu Beverly. "Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern?" Beverly warf einen kurzen Blick zu ihrer jungen Patientin hinüber.
"Das ist schwer zu sagen", erklärte diese seufzend. "Aber da sie mit Ihnen gesprochen hat, wird es wohl nicht allzu lange dauern. Es ist bei jedem Schockpatienten anders. Sie ist ein kleines Mädchen, vergessen Sie das nicht. Dieses Erlebnis könnte sie für den Rest ihres Lebens von Grund auf prägen. Oder aber sie verdrängt es aufgrund ihrer Jugend. Ich weiß es einfach nicht." Um ihren Worten Gewicht zu verleihen, zuckte Beverly abschließend mit den Achseln. Michelle nickte. Sie wusste, dass sie von ihrer Ärztin kein Wunder verlangen konnte.

Lange Zeit trat keine Veränderung auf. Zwei Tage sprach Marina kein weiteres Wort. Sie aß wenig und mit großem Widerwillen. Es war, als hätte man ihren Lebenswillen mit dem Angriff zusammen hinweggefegt.
Auch bei den Nachforschungen gab es keine Fortschritte. Die Enterprise durchflog langsam den Quadranten auf der Suche nach Hinweisen oder Spuren. Aber der Panther hatte keine Spuren hinterlassen und war in der Schwärze des Universums verschwunden.

Endlich meldete sich die Krankenstation. Dr. Crusher bat den Captain schnellstens zu kommen.
Leicht außer Atem betrat Michelle die Krankenstation. "Sie sind schnell", bemerkte die Ärztin. "Sagen wir so, ich kann, wenn ich will." Michelle trat an Marinas Bett.
"Hallo, Marina. Wie geht es dir?"  "Ich bin so allein."  "Du fühlst dich vielleicht alleingelassen, aber alleine bist du nun wirklich nicht auf einem Schiff mit über Tausend Mann Besatzung." Wäre Data anwesend, würde er seinen Captain jetzt darauf aufmerksam machen, dass die Zahl der Besatzungsmitglieder derzeit eintausendachtzehn betrug.
"Marina, weißt du, wer dein Schiff angegriffen hat?" Als Antwort lief eine einsame Träne über Marinas Wange. Sofort nahm Michelle sie tröstend in die Arme.
"Schon gut, du musst nicht sofort antworten. Aber wir wollen die Angreifer verfolgen und der Gerichtsbarkeit der Föderation übergeben." Marinas Augen weiteten sich vor Entsetzen.
"Nein! Sie werden euch töten!!" Also wusste die Kleine doch etwas. "Wer, Marina? Wer?" Michelle erhielt keine Antwort.
"Hast du vergessen, dass sie deine Leute umgebracht haben?" Marina begann zu zittern, dann platzte es aus ihr heraus, wie aus einem Vulkan: "Antaurer! Es waren die Antaurer!"

Michelle quetschte sofort Data über die interne Kommunikation aus. "Mr. Data, ist Ihnen eine Rasse bekannt, die sich Antaurer nennt?"  "Nein, Captain."  "Nun gut, diese Antaurer haben die..." Ihre kleine Freundin half sofort, jetzt da das Eis gebrochen war. "Die Mariner."  "Danke. Also, die Mariner angegriffen. Wir suchen weiter."  "Brecht die Suche lieber ab. Die Antaurer haben auf ihren Schiffen schlimme Waffen. Du bist Mutter, du musst an deine Kinder denken." Michelle glaubte erst, sich verhört zu haben.
"Woher weißt du... Bist du eine Telepathin?"  "Nein. Ich kann das nicht erklären, noch nicht." Michelle war verwirrt, aber es gab Wichtigeres.
"Ja, du hast Recht. Ich habe zwei Kinder. Ich stelle sie dir bald vor."  "Warum nicht gleich? Ich mag nicht mehr hier bleiben." Michelle sah die Ärztin fragend an.
"Nun, wenn Ihnen ein Kind mehr keine Mühe bereitet, habe ich keine Einwände, Captain."  "Das ist kein Problem, Beverly. Allerdings müsste ich Marina erst in die Schule bringen, oder hast du etwas dagegen?" Ihre Augen leuchteten vor Wissensdurst. "Gut, und anschließend erzählst du mir von deiner Heimat, in Ordnung?" Marina war einverstanden, ließ sich vom Captain herunterhelfen. Auf dem Weg zur Tür ergriff sie sogar Michelles Hand.

Als Michelle einige Zeit später die Brücke betrat, hatte sie schon einiges über Marinas Heimatwelt erfahren, auch die Koordinaten. Die Reise würde einige Tage dauern.
"Neuer Kurs. 72509,4. Warp 5. Wir müssen unseren Gast nach Hause bringen. Nach Marina 5. Nummer 1, kommen Sie bitte mit. Ich werde Sie über alles informieren."

Im Bereitschaftsraum erzählte Michelle alles, was Marina ihr erzählt hatte. Marina 5 war nicht der eigentliche Heimatplanet der Mariner. Nach einem verheerenden Atomkrieg, den sie verloren hatten, waren sie von ihrer Heimat vertrieben worden. Sie gaben ihrem neuen Zuhause den Namen Marina 5, weil Michelles junger Gast, Marina, das fünfte Kind der Herrscherfamilie als einziges aus der selbigen den Krieg überlebt hatte und nun die Regentschaft antreten sollte.


Am Tag der Ankunft ortete Data drei Planeten im System der angegebenen Koordinaten. Einer von ihnen gehörte zur Klasse M.
"Das muss er sein", war Michelle überzeugt. "Mr. Crusher, bringen Sie das Schiff in eine orbitale Umlaufbahn."  "Zu Befehl, Ma'am." Sofort verringerte sich der Abstand zwischen der Enterprise und dem Planeten. Michelle ließ die Grußfrequenzen öffnen.
"Bewohner von Marina 5, hier spricht Captain Michelle Riker vom Föderationsraumschiff Enterprise." Sie erhielten keine Antwort.
Erst nach einigen Minuten kam eine sehr schwache visuelle Antwort. Michelle bat um eine Verbesserung der Übertragung von Seiten der Enterprise. Nach einigen Augenblicken konnte sie in ihrem Gegenüber deutlich einen Mann mittleren Alters erkennen, der offensichtlich einer Verwaltungskaste angehörte, von der Marina ihr bereits berichtet hatte.
"Ich grüße Sie im Namen der Bewohner von Marina 5. Mein Name ist Gogol, ich bin der provisorische Erste Regierende. Was führt Sie zu uns?"  "Wir haben ein kleines Mädchen an Bord, das Sie kennen dürften. Marina." Der Mariner machte einen entsetzten Gesichtausdruck.
"Die Regentin? Bei allen Weisen, was ist passiert?" Michelle war für einen Augenblick über den Ausdruck Regentin verwirrt. Doch dann besann sie sich, dass Marina am Tage ihrer Volljährigkeit die Regierungsgeschäfte übernehmen würde. Ganz den alten Legenden nach den Jahren des Krieges folgend. Marina war laut der Legenden ein Kind mit dem Wissen der Alten und geheimnisvollen Kräften und sollte ihr Volk in eine neue Ära des Friedens und des Wohlstandes führen. Zum Beweis der Legende würde dieses Kind mit einem Mal, dem Zeichen der alten Weisen, geboren werden. Marina hatte dieses Zeichen auf ihrer linken Hand. Und ihre geheimnisvollen Kräfte erklärten natürlich auch das Wissen um Michelles Kinder.

"Wenn Sie uns die Koordinaten geben, beamen wir Marina mit einer Eskorte zu Ihnen hinunter."  "Wir lassen Fremde, auch wenn Sie unserer Regentin das Leben gerettet haben, nicht gerne auf unseren Heimatboden, der Krieg - Sie verstehen?" Michelle nickte.
"Darf ich dann vorschlagen, dass Sie mit einer Delegation an Bord unseres Schiffes beamen?"  "Sehr gerne."

Als Riker und Michelle den Klassenraum betraten, nahm Marina keine Notiz von ihnen. Sie war viel zu sehr von dem Unterrichtsstoff fasziniert. Die Lehrerin machte sie aufmerksam.

Michelle setzte sich zur ihr und machte ein ernstes Gesicht. Sie würde Marina vermissen.
"Wir haben Marina 5 erreicht, das Volk braucht seine Regentin." Marina wirkte enttäuscht, fast schon wütend.
"Ich will nicht, dass du mich als Regentin, sondern als normales Mädchen in Erinnerung behältst."  "Das wird nicht einfach sein." Sie umarmten sich, Michelle kullerten einige Träne übers Gesicht und benetzten ihre Uniform.
Will wusste, dass sie noch ewig so sitzen würden, von der ganzen Klasse beobachtet. Er löste Marina aus der Umarmung seiner Frau, nahm sie auf den Arm. "Kommen Sie, Captain."

"Beamen Sie die Delegation an Bord, Chief." Einige Sekunden später erschienen drei Personen auf der Transporterplattform. Der Mann, den Michelle bereits kannte, Gogol, und zwei Frauen. Gogols Frau und eine jüngere, Marinas Aufziehende, wie es auf dem Planeten hieß.

Als die Zeit zum Abschied gekommen war, ging Marina noch einmal zu ihren Freunden, Michelle und Will. "Danke, dass ihr mich nach Hause gebracht habt und dass ihr mir in den letzten Tagen wie Eltern wart." Michelle ging in die Knie, auf Marinas Höhe. Marina streckte ihre Hand aus und berührte Michelles Stirn. Michelle wurde mit einer Fülle von Informationen überflutet. Über die Antaurer, aber auch über ihre Zukunft. Schöne und auch viele schreckliche Dinge erwarteten sie. Ein seltsamer Glanz überzog Michelles Augen.

"Gib auf dich acht, Captain. Deine Kinder brauchen dich, nicht nur die, die du bereits geboren hast. Hütet euch vor den Antaurern, du weißt jetzt, was euch erwartet, wenn du weiter deinem Weg folgst. Aber du kannst es noch ändern."  "Kann ich das? Sagtest du nicht, es sei mein Weg? Aber ich verspreche aufzupassen. Leb wohl, Marina." Das Mädchen trat zu ihren Begleitern auf die Plattform und wurde zurück auf ihren Planeten gebeamt.

Riker blickte Michelle verwirrt an. "Was hat sie gemeint, du kennst deinen Weg und die Kinder, die du noch nicht geboren hast?" Michelle schüttelte eine leichte Benommenheit ab.
"Sie hat mir die Zukunft gezeigt. Aber ich werde dir nichts erzählen, Will. Ich folge meinem Weg, wie Marina es sagte." Damit war für Michelle alles gesagt. Und Riker rätselte noch mehr als vorher.

Auf der Brücke gab der Captain den Befehl, zum Wrack des Mariner-Schiffes zurückzukehren und die Suche verschärft fortzusetzen. Außerdem reichte sie den Antrag auf die jährliche Wartung der Enterprise auf der McKinley-Station und den Heimaturlaub für ihre Crew ein. Michelle hatte in der Vision gesehen, was sie erwarten konnte, wenn es zu einer Konfrontation mit diesen geheimnisvollen Antaurern kommen würde. Dann konnten sie auch die Erde anfliegen für die nötigen Reparaturen.

Zwei Tage später erreichte sie eine Nachricht. Von den Antaurern.
"Das Spiel beginnt. Schutzschilde! Gelber Alarm! Mr. Worf, ich will eine Verbindung... Hier spricht Captain Michelle Riker vom Föderationsraumschiff Enterprise. Ich verlange eine Erklärung, warum Sie vor kurzem ein nicht verteidigungsfähiges Schiff der Mariner angegriffen und fast zerstört haben!"
Minuten verstrichen ohne Antwort der Antaurer. "Keine Reaktion, Captain. Sie senden weiterhin die selbe Nachricht."  "Dann lassen Sie mal hören." Die Antaurer legten scheinbar größten Wert auf Anonymität, sie sendeten nur eine Audiobotschaft.

"Fremdes Raumschiff, Sie haben unerlaubt das Hoheitsgebiet des Antaurischen Imperiums betreten! Verlassen Sie unser Territorium umgehend, ansonsten droht Ihnen die totale Vernichtung!" Das war für Michelle praktisch die Einladung noch etwas länger zu bleiben.

"Fremdes Schiff in Sichtweite, Captain."  "Auf den Schirm." Noch nie hatten sie etwas Vergleichbares gesehen. Sogar die Borg mussten vor dieser Technik den Hut ziehen. Die Enterprise wirkte klein und zerbrechlich gegenüber dieser fliegenden Festung. Und die Schiffssensoren orteten nicht zu klassifizierende Waffen.

Noch einmal rief die Enterprise die Antaurer. Michelle verlor langsam die Geduld. Die Antaurern empfanden die Situation scheinbar ähnlich. Ihre Antwort war eine volle Breitseite auf die Enterprise.
Sofort erwiderten sie das Feuer. Nicht mehr als einen Kratzer hatte das Schiff der Antaurer abbekommen. Die Sensoren der Enterprise konnten die genauen Schäden ihres Gegners nicht feststellen.

"Schilde bei sechsundsiebzig Prozent! Treffer auf den Decks 26, 27 und 28. Keine Toten, nur einige Verletzte". Sicherlich nur eine Frage der Zeit, dachte Michelle bitter.

Wenig später hatte die Enterprise erhebliche Schäden davontragen müssen und inzwischen auch Crewmitglieder verloren.
"Hat jemand einen guten Vorschlag?" Außer bis zum bitteren Ende weiterkämpfen, während sie Worf warnend anfunkelte.
"Wie wäre es mit einem taktischen Rückzug, Captain?"  "Wahrscheinlich das Einzige, was wir noch tun können...  Aber es wäre doch unhöflich, wenn wir uns nicht verabschieden würden." Sie gab Worf den Befehl, noch ein letztes Mal den Kanal zu den Antaurern zu öffnen. Er führte ihn leise grummelnd aus.
"Hier spricht Captain Riker. Wir werden uns zurückziehen. Aber andere Föderationsschiffe werden kommen. Sollten Sie diese auch angreifen, fassen wir es als Kriegserklärung gegen die Vereinte Föderation der Planeten auf!" Die Verbindung wurde unterbrochen.
"Kurs setzen, Mr. Crusher. Wir fliegen zur Erde."

Der Urlaub wurde umgehend vom Oberkommando genehmigt, die Enterprise holte auf dem Weg zur Erde Captain Picard ab, der ausnahmsweise nichts gegen einen Urlaub einzuwenden hatte.
Einige Schiffe der Föderation flogen ins Gebiet der Antaurer. Auch sie wurden angegriffen.
Die Föderation hatte einen neuen Feind. Und die Zukunft, die Marina Michelle gezeigt hatte, wurde Gegenwart.


 




10. Wurzeln

Seit langer Zeit war dies für die Besatzung der Enterprise mal wieder ein Besuch auf der Erde. Alle waren gut gelaunt, lachten und freuten sich auf ein Wiedersehen mit Freunden und Familie auf der Erde. Schnell geriet der Konflikt mit den Antaurern in Vergessenheit.
Nur eine Person an Bord der Enterprise fühlte sich schuldig an der Eskalation des Konfliktes, der im Laufe der Gefechte zu einem neuen Krieg für die Föderation ausgeartet war. Das kleine Mädchen, Marina, hat ihr die mögliche Zukunft gezeigt, aber Michelle konnte nicht anders, als ihren Prinzipien folgen, auch wenn dies bedeutete, manchmal den steinigen, schmerzlichen Weg zu gehen.

Niedergeschlagen saß Michelle zusammen mit Riker in Ten Forward.
"Marina hatte mich gewarnt, sie hat mir gezeigt, was passieren würde. Ich hätte auf sie hören und die Suche abbrechen sollen. Weil ich meinem Weg gefolgt bin, habe ich das Leben von guten Sternenflottenoffizieren beendet." Tröstend berührte Riker die Hände seiner Frau, ihr gegenüber sitzend.
"Aber Michelle, jeder kennt das Risiko, das der Dienst in der Sternenflotte mit sich bringt. Und du bist sicherlich nicht an dem Tod unserer Besatzungsmitglieder schuld. Du hast richtig gehandelt." Michelle reagierte zunächst nicht.
"Sie hat mir noch viel mehr gezeigt, Will. Dinge, die unser Familie geschehen werden. Gute und auch sehr schlimme Dinge. Mit meiner Entscheidung habe ich diese Ereignisse vielleicht erst möglich gemacht. Aber ich kann dir das nicht erzählen, ich muss abwarten, was passieren wird."
Was sollte Riker dazu noch sagen? Seine Frau hatte Einblick in die Zukunft genommen, wollte ihr Wissen aber nicht mit ihm teilen.

Unbemerkt von beiden rief Guinan Michelles Vater nach Ten Forward, er machte sich sofort auf den Weg. Unterwegs traf er auf Deanna Troi.
"Wohin so eilig, Captain?" Picard berichtete von Michelles Verfassung. Ja, bestätigte Deanna, Michelles Traurigkeit und Schuldbewusstsein waren derzeit die stärksten Gefühle an Bord der Enterprise.
"Ich hoffe, der Urlaub wird sie ein klein wenig aufheitern..." seufzte Picard besorgt. "Wo soll es denn hingehen?"  "Oh, die ganze Familie wird nach LaBarre zu meinem Bruder gehen. Frankreich ist jetzt besonders schön." Er lächelte, als er an seinen letzten Besuch bei seinem Bruder dachte, der mit einer Prügelei und einem - für zwei erwachsene Männer - nicht gerade angemessenen Trinkgelage geendet hatte. Er schmunzelte und blickte gedankenverloren auf.
"Und wo verbringen Sie den Urlaub?"  "Oh, ich werde nach Angels Falls in Venezuela fahren...", seufzte nun Deanna. "Alten Erinnerungen nachtrauern?" Picard wusste, dass Deanna früher mit seinem Schwiegersohn nach Angel Falls gereist war.
"Nein, neue schaffen. Mit Worf...", gestand sie leicht verlegen. "Beverly begleitet uns als Babysitter für Alexander."  "Oh, ich wollte Beverly eigentlich einladen die Familie zu begleiten - da Wesley und Yamara nun anscheinend eine dauerhafte Beziehung anstreben..." Er zuckte verlegen mit den Schultern.
"C'est la vie, wie wir Franzosen sagen. Vielleicht klappt es nächstes Jahr."

Sie erreichten Ten Forward. Guinan bemerkte sie sofort. "Gut, dass Sie da sind. Kommen Sie." Guinan führte Picard an den Tisch, Deanna bestellte sich an der Bar ein Getränk und beobachtete das Geschehen vom Tresen aus.
"Darf ich mich zu euch setzen?" Riker nickte. Michelle blickte ihren Vater gedankenverloren an. "Dad?"  "Michelle, du machst mir Sorgen, Kind. Du solltest endlich einsehen, dass du keinen Fehler gemacht hast, du hast richtig gehandelt."
"Dein Schwiegersohn versucht mir das auch ständig klar zu machen."  "Und warum siehst du es dann nicht endlich ein?! Freu dich doch auf den Urlaub, auf das Wiedersehen mit Robert und Marie. Du hast eine so fantastische Familie, die dir den Rücken stärkt. Der Krieg ist weit weg. Denk jetzt erst mal an die Familie. Den Rest erledigt die Sternenflotte, wir haben Urlaub."
Michelle huschte ein Lächeln übers Gesicht. Riker war beeindruckt. War das der selbe Jean-Luc Picard, den man früher mit dem Argument an die Wand zu spielen versucht hatte, er hätte ja selbst keine Kinder? Will erkannte seinen früheren Kommandanten manchmal nicht wieder. Das mochte daran liegen, dass er ihn in letzter Zeit immer nur in der Rolle des Vaters und Großvaters erlebte.

Michelle schlug mit der Hand leicht auf die Tischplatte. "Du hast Recht, Dad. Es wäre den Opfer gegenüber nicht fair, wenn ich mich jetzt so gehen lasse. Sie haben ihr Leben für die Gerechtigkeit gegeben. Und diese Gerechtigkeit werde ich auch weiterhin mit der gleichen Hartnäckigkeit verteidigen wie bisher... Ich danke euch. Für euer Verständnis und eure Liebe."

Guinan hatte zufrieden die Entwicklung vom Tresen aus verfolgt. Nun ging sie zu ihnen und wurde freundlich empfangen.
"Ich sehe mit Zufriedenheit, dass es unserem Captain wieder besser geht."  "In der Tat, Guinan. Bringen Sie uns bitte etwas zu trinken. Wir wollen auf den Urlaub anstoßen." Guinan nahm die Bestellungen auf und entfernte sich dann wieder. Einer ihrer Kellner brachte kurz darauf die Getränke.

Michelle wünschte sich, dass Yamara und Wesley auch hier sein könnten. Und als hätte eine höhere Macht, ihren Wunsch gehört, betraten die beiden im nächsten Moment Ten Forward.
Wesley wirkte etwas verkrampft und ließ sich von seiner Freundin an Michelles Tisch ziehen.
Zwei weitere Stühle wurden an den Tisch gestellt, langsam wurde es eng. Guinan erkannte die Situation und ließ die Familie an einen größeren Tisch umziehen.

Michelle sah Wesley sofort an der Nasenspitze an, dass etwas nicht stimmte. Sie fragte ihn geradeheraus, was er hatte. Stumm wie Picards Fisch Livingston blickte der junge Mann auf seine Schuhe. Yamara antwortete prompt an seiner statt.
"Wes bezweifelt, dass er bei Onkel Robert wirklich willkommen ist. Er hält ihn für einen alten, brummigen Seebären, wie Großvater."
Wesley blickte entsetzt auf, Blut schoss ihm ins Gesicht. "Yamara!!"  "Ist doch so, oder?"  stichelte sie.
Er hält mich also für einen alten, brummigen Seebären - interessant - dachte Picard.
"Wesley, du machst dir unnötige Gedanken. Robert ist genauso wenig brummig wie mein Vater. Man muss die männlichen Picards nur erst einmal richtig kennen lernen. Dann ist alles halb so schlimm." Wesley zwang sich ein Lächeln ab, Picard und die übrigen Familienmitglieder grinsten in sich hinein.


Einige Tage später erreichte die Enterprise den Sektor 001, die Erde.
Michelle und Riker hatte das Reisefieber gepackt, besonders Michelle, die seit Yamaras Geburt nicht mehr in LaBarre gewesen war.

Die Reparaturen und Wartungen waren auf sechs Wochen kalkuliert worden. Ebenso lange würde der Urlaub dauern, mit einigen wenigen Unterbrechungen, wenn ihre Anwesenheit während Besprechungen oder auf dem Schiff dringend erforderlich sein sollte.


Die Gruppe ließ sich nach LaBarre beamen und wollte den Rest des Weges zum Gut zu Fuß zurücklegen. Jeder Einwohner, der ihnen begegnete, wollte dem berühmtesten Sohn der Stadt die Hand reichen. Picard hoffte nur, der Bürgermeister wollte ihm nicht ein weiteres Mal den Schlüssel der Stadt überreichen. Er hatte beim letzten Mal abgelehnt und würde es wieder tun. Höflich, aber bestimmt.

Nach einem kleinen Fußmarsch erreichten sie den Weg, der zum Picardschen Anwesen führte. Picard sah sich aufmerksam um. Er hoffte, René würde sie empfangen.
Als er ihn nicht entdeckte, seufzte er. Michelle fragte, was los wäre. Er erklärte seiner Tochter, was ihm durch den Kopf ging. Michelle lachte.
"Ach Dad, er ist bestimmt schon neunzehn oder zwanzig. Wenn er nicht in den Weinstöcken ist, küsst er bestimmt gerade ein hübsches Mädchen!"
"Weder noch!" rief jemand aus den Büschen am Wegesrand. Michelle erschrak, denn plötzlich stand, wie aus dem Nichts gekommen, ein gutaussehender, junger Mann vor ihr. Er ging auf sie zu und küsste sie.
Völlig außer Atem meinte Michelle: "Hallo, René!" Er verbeugte sich elegant.
"René, bevor du erneut über deine arme Cousine herfällst, mache ich dich mit allen bekannt." Jeder aus der Runde wurde nun von Michelle vorgestellt. Schließlich meinte Riker, sie sollten besser zum Haus. Das Baby, das Riker sich vor die Brust gebunden hatte, wurde unruhig und auch das Gepäck wurde allmählich schwer.
"René, nimmst du bitte meine Tasche? Dann kann ich das Baby nehmen."  "Mais oui, Madame." Sofort griff er nach dem Gepäck seiner Cousine, und Will band Andy an die Brust ihrer Mutter.

Sie legten den Rest des Weges zurück, während René eine Melodie trällerte.
"Wo ist dein Vater?" fragte Picard. "Wo wohl, bei seinen Trauben. Laut seiner Aussage wird das der beste Jahrgang seit Jahren."  "Und du hilfst ihm nicht?"  "Natürlich helfe ich, liebe Cousine. Aber ich lerne auch für die Akademie. Ich hoffe, er wird mich zum nächsten spätestens zum übernächsten Semester gehen lassen."


Auf der Enterprise trafen zur selben Zeit viele Besucher ein für die Crewmitglieder, die noch Dienst verrichten mussten. Unter ihnen waren auch Sergey und Helena Rozhenko, Worfs Eltern. Sie wurden von Geordi LaForge empfangen.
"Mr. und Mrs. Rozhenko, es tut mir leid, aber Ihr Sohn ist nicht auf der Enterprise."  "Ja, aber wo ist er denn?" fragte die besorgte Mutter.
"Machen Sie sich keine Sorgen. Er ist mit Counselor Troi, Dr. Crusher und Alexander in Venezuela. Er macht Urlaub... Unter uns, ich glaube zwischen Worf und Deanna hat es endlich richtig gefunkt." Mrs. Rozhenko grinste. "Und der Captain?" fragte ihr Mann.
"Captain Riker ist mit der ganzen Familie zu ihrem Onkel nach Frankreich."  "Captain Riker?" Sergey war verständlicherweise verwirrt.
Geordi schlug Worfs Vater kameradschaftlich auf die Schulter. "Kommen Sie, Mr. Rozhenko. Gehen wir nach Ten Forward, ich erzähle Ihnen die Geschichte und anschließend zeige ich Ihnen das Maschinendeck." Worfs Vater grinste begeistert.


Während alle anderen auspackten, machten Will und Michelle einen Spaziergang über den Familienbesitz. Michelle, die sich hier noch gut auskannte, führte Riker zu den Weinstöcken. Eng umschlungen bahnten sie sich ihren Weg durch Roberts ganzen Stolz.
Mit einem Mal standen sie vor dem Rücken eines Mannes. Er bemerkte sie sofort. Als er sich umdrehte, blickten Will und Michelle in ein grimmiges Gesicht.
"So, hat unser Captain den Weg nach Hause nach achtzehn Jahren doch nicht vergessen!" Er salutierte. Dann lachte er plötzlich herzlich und öffnete seine Arme, um seine Nichte mit drei Küsschen zu begrüßen.
"Hallo, Onkel Robert." Sie ließ ihn wieder los und ergriff Wills Hand.
"Das ist Will, mein Mann." Robert Picard musterte ihn von oben bis unten, dann meinte er: "Zivilist?" Michelle lachte. "Nein, Will bekleidet den Rang eines Commander und ist mein erster Offizier."
Riker streckte Robert seine Hand entgegen. "Meine Hand ist schmutzig, Commander."  "Das stört mich nicht. Und bitte, sagen Sie Will." Robert musterte sein Gegenüber noch einige Sekunden kritisch, schließlich reichte er Riker seine Hand. Sie schlug ein. Michelle hatte das Gefühl, dass sie eben den Beginn einer wunderbaren Freundschaft miterlebt hatte.

"Haben Sie schon einmal Wein getrunken, Will? Ich meine echten. Nicht dieses ekelhafte, synthetische Zeug, wie nennt man es... Synthehol. Ich meine echten, selbsterzeugten Wein, mit selbst geernteten Trauben, wie den Picardschen!" Ja, auf den Familienwein war er stolz, konnte er auch, denn sein Wein genoss ein außergewöhnlich hohes Ansehen in der Föderation.
"Ich habe gelegentlich echten Wein getrunken, nicht sehr oft leider." Michelle hatte plötzlich eine Ahnung. "Denk nicht mal dran! Solange ich da bin, wirst du meinen Mann nicht so abfüllen, wie du es mit Dad nach eurer Prügelei getan hast. Impossible!"  "Oh, scheinbar hast du deine Muttersprache noch nicht verlernt, Michelle Picard."  "Mein lieber Onkel, ich bin Michelle Riker."  "Auf meinen Grund, ma niece, wirst du immer eine Picard sein. Aber d'accord, mon captain…. Ich glaube, Marie bereitet schon das Abendessen vor. "
Michelle schlug begeistert die Hände zusammen. "Wie schön, Will ist ein ausgezeichneter Koch." Robert nickte. "Dann können Sie meiner Frau zur Hand gehen, und anschließend unterhalten wir uns über Qualität meines Weines."

Beim Abendessen, das ausgezeichnet war, kam Michelle eine Idee. Natürlich musste sie die Sache langsam und äußerst diplomatisch angehen.
"Sag mal, Onkel. René darf wirklich auf die Akademie gehen?" Alle blickten vom Essen auf, Besteck wurde niederlegt, Gläser wurden abgestellt. Picard erwartete den gewohnten Groll seines Bruders gegen alles, was auch nur im Entferntesten mit der Sternenflotte zu tun hatte. Doch heute blieb der Groll wider Erwarten aus.
"Ja, in der Tat. Lass mich raten, ma niece, du willst meinen Sohn nun auf deine stolze Enterprise holen um ihm alles beizubringen?" Einen gewissen Hohn konnte Michelle nicht überhören. Doch sie ging nicht auf den Spott ihres Onkels ein, sondern baute auf die Stärken der Diplomatie, die ihr ja Dank Picards Erbanlagen praktisch in die Wiege gelegt waren.
Michelle nickte, während sie ein Stück Baguette hinunterschluckte.
"Genau. Sieh mal, Yamara bekleidet bereits den Rang eines Fähnrichs und wird zur Zeit als Navigatorin ausgebildet. Später kann sie sich noch auf anderen Gebieten spezialisieren. Und Wesley hier hat bereits drei Jahre praktische Erfahrungen hinter sich gebracht, bevor er erfolgreich die Akademie absolvierte." Robert schwieg zunächst, schien darüber nachzudenken.

Lange herrschte eine geradezu erdrückende Stille, eine fast greifbare Spannung am Tisch. Schließlich ergriff Robert wieder das Wort:
"Also gut, ich werde für die Lese jemanden aus der Stadt einstellen, der René ersetzt. Ich gebe dir ein Jahr Zeit, wenn du dann nicht Einiges vorweisen kannst, kehrst du nach LaBarre zurück und wirst Winzer, mein Sohn!" Robert Picard hatte gesprochen, und in diesen Räumen war sein Wort ebenso Gesetz wie Michelles an Bord der Enterprise.
Robert streckte seinem Sohn die Hand entgegen, der ohne zu zögern einschlug. "Einverstanden!" Sein Vater nickte, hoffte aber insgeheim, in einem Jahr würde sein einziger Sohn genug von der Sternenflotte haben und reuevoll nach Hause zurückkehren.


Nach dem Essen begaben sich alle mit einem guten Jahrgang auf die große Terrasse. Es wehte eine angenehme Brise. Der Nachthimmel war mit Sternen übersät. Durch die Dunkelheit spürte Michelle förmlich die Allmacht, die ihr Onkel über den Familienbesitz, jeden Arbeiter, jedes Tier, jede Traube und jedes Insekt hatte. Ehrfürchtig erschauerte sie und kuschelte sich enger in ihre Decke und näher an ihren Mann an.

"Wo sind denn Yamara und Wesley?" fragte sie schließlich in die Runde schauend. Als wäre die Frage mal wieder ein Stichwort gewesen, betraten sie die Terrasse, ausgestattet mit einer dicken Decke, zwei Gläsern und einer Flasche Wein. Jedem war sofort klar, was die beiden vorhatten.
"Aber benehmt euch, und nicht so viel Wein, klar? Das gilt besonders für meine minderjährige Tochter, haben wir uns verstanden, Mademoiselle Riker?" Yamara salutierte und verschwand kichernd mit Wesley im Dunkel der Nacht.

"Michelle, eine Nachricht von der Enterprise", rief Marie, die gerade die Terrasse betrat. "Soll ich dich begleiten?" fragte Riker, der seinem Schwiegervater sachte sein schlafendes Baby in den Arm legte. Michelle nickte nur knapp.
Die Familie wartete vergeblich auf ihre Rückkehr. Sie hatten sich nachdem Michelle mit Data gesprochen hatte, mit den gleichen Utensilien wie Yamara und Wesley zur Vordertür herausgeschlichen.
In mehrere dicke Decken gekuschelt, bemerkte Michelle später: "Ich glaube, mein Onkel hat Recht, das wird ein ausgezeichneter Jahrgang!"

Sie ernteten wissendes Grinsen, als sie schließlich viel später als Yamara und Wesley zum Haus zurückkehrten.
"Was grinst ihr denn so, wir sind nur dem guten Beispiel unserer Kinder gefolgt." Alle brachen in schallendes Gelächter aus über das Verhalten der beiden und Michelles vortrefflichen Kommentar.

Spät am nächsten Morgen wachte Michelle auf. Sie stand auf und öffnete die Gardinen. Sofort fand die Spätsommersonne ihren Weg in das Zimmer. Michelle blickte sich um. Ihr altes Zimmer. Sie hatte es unverändert vorgefunden. Verträumt lächelnd dacht sie an die schöne Zeit unter dem Dach der Picards zurück.
Wehmütig lächelnd blickte sie zu ihrem schlafenden Mann. Plötzlich packte sie der Schalk.
"Aufstehen, Schlafmütze!" rief sie gutgelaunt. Will bewegte sich ein wenig, machte aber keine Anstalten, die Augen zu öffnen. Michelle zog sich schnell an, während ihr Plan reifte. Ihr war natürlich klar gewesen, dass Riker in einer so idyllischen Umgebung nicht so einfach aus dem Bett zubekommen wäre.
"Weißt du, Riker, ich wollte eigentlich noch etwas vor Sonnenuntergang unternehmen." Keine Reaktion. "Los, du fauler Kerl!" Jetzt reichte es Michelle. Sie stellte sich ans Fußende des Bettes und zog ihm die Decke weg. Urplötzlich schoss Riker wie eine Rakete nach oben, streifte sich irgendetwas aus seiner Tasche über und rannte hinter seiner schallend lachenden Frau her.
Michelle raste die Treppe hinunter, die Haustür ging auf und sie rannte ihren Vater fast über den Haufen.
"Entschuldige, Dad. Ich werde gejagt!" Schon war Michelle zur Tür hinaus. "Was zum..." murmelte Picard kopfschüttelnd, nachdem ihn Sekunden später auch noch Riker fast umgerannt hätte.

Draußen ging die Jagd weiter. Nun rannte Michelle ihrem Onkel in die Arme.
"Wohin so eilig, ma niece?" Michelle drehte sich um, von Riker war noch nichts zu sehen.
"Ich habe Will die Decke weggezogen, und jetzt jagt er mich", keuchte sie nach Luft schnappend.
"Im Stall steht Diablo für dich gesattelt. Na lauf!"  "Danke!" rief sie und sprintete in Richtung Stall davon.
Einen Augenblick später tauchte Riker auf. "Der Stall", rief er Will zu, der nickte dankbar und rannte weiter.

Riker erreichte den Stall in dem Moment, als Michelle auf ihrem Pferd herausgeritten kam.
"Will, gib auf. Diablo schlägt kein Pferd aus diesem Stall. Gestehe deine Niederlage ein und lass uns ausreiten."
Will beugte sich vor und stützte seine Hände auf den Knien ab, um wieder zu Atem zu kommen.
"Ich gebe auf. Aber irgendwann, wenn du es nicht erwartest, werde ich mich fürchterlich rächen!"  "Ist das eine Drohung oder ein Versprechen?" fragte Michelle grinsend. Riker erwiderte nichts, er ging in den Stall und ließ sich vom Stallburschen ein Pferd geben. Die beiden ritten bis zum Mittagessen über das weitläufige Gut, dem auch ein Wald angehörte und genossen den Tag in vollen Zügen.


Später am Abend betrat wieder Marie Picard die Terrasse und bat Michelle mit hinein zu kommen. Natürlich konnte es sich nur um eine Nachricht von Data halten, aber er hatte sich doch erst gestern gemeldet.
Michelle stand auf, mit dem Baby im Arm und folgte ihrer Tante ins Haus. Marie schloss die Tür hinter sich. "Ist mein Schiff in die Luft geflogen?"  "Gib mir das Baby." Michelle tat wie geheißen.
"Deine Mutter ist in der Leitung und möchte mit dir sprechen. Sie wirkt ziemlich aufgelöst." Michelle schluckte, sie hatte die Vision, die Marina ihr beschert hatte, wieder vor Augen. Sie wollte nicht wissen, was passiert war. Aber sie ahnte es bereits.
Marie führte Michelle in das Arbeitszimmer ihres Onkels und ließ sie allein. Michelle hatte zwischenzeitlich Andy wieder zu sich genommen, wiegte sie sanft hin und her, während sie in Roberts Lieblingssessel Platz nahm. Sie würde sich den bequemen Ledersessel für ihren Bereitschaftsraum replizieren lassen.
Michelle lehnte sich zurück, atmete tief durch und aktivierte den Monitor. Amanda erschien.
"Was gibt es denn, Amanda?" fragte sie leicht gereizt. Sie hatte nicht die mindeste Lust, sich durch die Allüren ihrer Mutter den Urlaub verderben zu lassen. Noch immer hoffte sie, dass ihre Vision nicht Wirklichkeit werden würde.
"Brian ist fort." Das war nichts Neues. Er verschwand andauernd, leider meist mit seinem Schiff, der U.S.S. Excalibur, deren Captain er war.
"Ist es einer seiner Transportflüge, hat er romulanisches Ale geladen?" Amanda zuckte zusammen, sie sprachen über eine öffentliche Leitung. Romulanisches Ale war in der Föderation verboten.
"Oder hat Brian ein anderes Mittel gefunden, sich aus dieser Bewusstseinsebene zu blasen, Amanda?" Ihre Mutter blickte zur Seite. Also lag Michelle richtig.
Plötzlich wurde Amanda aus dem Übertragungsradius weggezerrt. Jack Neech erfüllte nun das gesamte Bild. Jähzorniger denn je, schrie er Michelle an. "Es ist alles deine Schuld! Er hat Partei für dich ergriffen, als wir diskutierten! Er wollte nicht einsehen, dass er falsch lag. Und jetzt ist er fort! Alles deine Schuld!" Michelle schluckte. Brian hatte sie selten verteidigt, Jack hatte erfolgreich im Laufe der Jahre einen Keil zwischen sie getrieben.
"Ich muss es melden, ich habe lange genug geschwiegen. Brian bringt seine ganze Mannschaft in Gefahr. Er verhält sich absolut unwürdig für einen Captain der Sternenflotte."  "Du und deine verdammte Sternenflotte, ihr elenden Picards!" brüllte Jack, dann war er fort.
"Michelle, bitte. Er wird sein Kommando verlieren. Er ist doch dein Bruder." Amanda schluchzte.
"Amanda, das ist irrelevant. Ich habe mich sowieso schon mitschuldig gemacht, weil ich seine Sucht nicht schon vor Jahren gemeldet habe. Ohne seine loyale Crew wäre er schon längst am Ende." Sie deaktivierte den Monitor und ließ ihre verstörte Mutter zurück. Wenn Brian seinem Weg weiter folgte, würde er das gesamte Schiff ins Unglück stürzen.

Michelle ließ sich mit Admiral Lanford verbinden.
"Mariah, ich grüße dich." Ihre Mentorin sah Michelle an der Nasenspitze an, dass etwas nicht stimmte.
"Was ist passiert, Michelle?"  "Ich habe dir doch mal von Brian erzählt?" Mariah nickte. "Er ist wieder verschwunden, mit seinem Schiff. Ich möchte ihn hiermit offiziell melden. Und bitte um eine angemessene disziplinarische Maßnahme für mich, weil ich jahrelang über die Sucht und das Fehlverhalten meines Bruders, Captain Brian Neech, geschwiegen habe." Mariah hob beschwichtigend die Hände.
"Nun mal langsam, Michelle. Zunächst einmal werde ich die Excalibur zurückholen lassen. Und dann wird eine Komitee gebildet werden, von dem auch du befragt werden wirst. Und dann sehen wir weiter." Michelle nickte.
"Danke, Admiral. Gute Nacht." Sie beendete die Verbindung und ging mit ihrem Baby wieder zu ihrer Familie zurück.

Sie blickte zu den Sternen und suchte dort nach einer Antwort, warum Brian das alles riskierte, seine Karriere, das Leben seiner Crew. Sie erhielt keine Antwort.
Schweigend legte Michelle ihrem Vater das Baby in die Arme und setzte sich auf Wills Schoß.
"Da ist ein Stuhl", bemerkte Robert. "Lass sie, Robert. Drinnen ist etwas vorgefallen. Was ist passiert, mein Kind?" wollte ihr Vater wissen.
"Ich musste Brian eben melden. Amanda rief hier völlig aufgelöst an, er wäre mal wieder verschwunden. Dann durfte ich noch Schimpftiraden von Jack über mich ergehen lassen. Tja, und dann habe ich meinen Bruder bei Admiral Lanford gemeldet. Kann sein, dass ich auch eine Strafe erhalte, weil ich so lange geschwiegen habe." Alle schwiegen betroffen.
"So schlimm wird es schon nicht ausgehen."  "Mariah wird schon ein gutes Wort für mich einlegen. Wahrscheinlich erhalte ich einen Tadel in meiner Akte. Brian wird, wenn er Glück hat, nur degradiert und auf irgendeine Raumstation am Rande des Alphaquadranten geschickt." Oder es wird etwas viel Schlimmeres passieren, wenn ihre Vision der Wahrheit entsprach.
"Es klingt, als hättest du Mitleid mit ihm", meinte ihr Onkel. "Brian ist nun mal mein Bruder. Auch wenn Jack uns immer wieder gegeneinander aufgehetzt hat. Ich habe ihn so lange gedeckt, weil ich hoffte, er würde wieder auf den rechten Weg zurückfinden, wenn er nur genügend Zeit hat. Doch seine Zeit ist abgelaufen."

Wie wahr Michelles Worte waren, sollten sie erst einige Tage später erfahren. Mariah Lanford persönlich meldete sich. Kein gutes Zeichen. In der Tat nicht. Brian hatte von dem Schiff erfahren, dass ihn zurückholen sollte. Er sah darin das Ende seiner Sternenflottekarriere. Doch sollte es dann wenigstens mit einem Knall enden. Er war in das Antaurer-Kampfgebiet geflogen und mit wehenden Fahnen untergegangen. Das Schiff und alle 150 Besatzungsmitglieder waren ums Leben gekommen.

Michelle, völlig geschockt, rannte aus dem Haus, ohne auf die Rufe ihrer Familie zu reagieren, schnappte sich Diablo und ritt in den Wald.


Auf der Enterprise gingen täglich die neuesten Meldung über den Krieg ein.
Data begab sich nach Ten Forward, um Zeit mit Geordi zu verbringen. Gleichzeitig brachte er stets zuverlässig die neuesten Meldungen.
Da er dieses Mal nicht damit herausrücken wollte, ahnte Geordi, dass etwas Schlimmes passiert war. Er forderte Data auf zu sprechen.
"Nun, in den Meldungen waren auch die aktuellen Verlustlisten. Wir haben die Excalibur verloren, unter Captain Brian Neech." Geordi schluckte.
"Das war doch der Bruder des Captains, oder?" Data nickte. "Oh, das ist gar nicht gut. Captain Riker wird sicherlich ganz schön mitgenommen sein." Wieder nickte Data.
"Ich habe mit Commander Riker gesprochen. Captain Riker ist derzeit nicht ansprechbar, steht unter Schock. Anscheinend hatte es einige Tage zuvor einen schlimmen Streit mit den Eltern von Captain Neech gegeben. Anschließend hat Captain Riker Meldung gemacht, die Intrepid wurde zur Verfolgung geschickt, Captain Neech erfuhr davon und flog ins Kampfgebiet."
Geordi schob seinen Teller von sich und schüttelte den Kopf.
"Ich glaube, mein Appetit ist mir gerade vergangen..." Er stand auf und ließ den verblüfften Data sitzen.


Spät am Abend kam Michelle zurück. Als sie durch die Eingangstür trat, stürmte ihr die ganze Familie mit besorgten Blicken entgegen. Michelle reagierte nicht, schweigend, die Tränen wegwischend, stieg sie die Treppen zu ihrem Zimmer rauf.
Mittlerweile schlief sie schon einige Stunden. Riker war froh drum. Alle ließen Michelle ihren Kummer ausdrücken und akzeptierten ihn.
Riker war als einziger noch wach. Er saß in Roberts Sessel und blätterte in einem Buch.
Eine ankommende Nachricht ließ ihn aufschrecken. Jack Neech, wie auch anders zu erwarten. Verblüfft darüber, Riker entgegenzublicken, stockte er einen kurzen Augenblick.
"Wo ist sie?" fauchte er dann. "Michelle schläft. Sie hat einen Schock. Was Sie zu sagen haben, können Sie auch mir sagen." Jack schnaubte verächtlich.
"Ich wollte sie fragen, wie es sich anfühlt, seinen Bruder auf dem Gewissen zu haben! Sie hat meinen Sohn getötet!" Riker schlug das Buch auf den Tisch, Jack zuckte kaum merklich zusammen.
"Was glauben Sie eigentlich? Ihr Sohn hat 150 Besatzungsmitglieder mit in den Tod genommen, nur weil diese Leute loyal hinter ihrem Captain standen! Erklären Sie den Eltern dieser Offiziere, warum ihre Söhne und Töchter sterben mussten! Wagen Sie es ja nicht, Michelle noch einmal die Schuld am Tod ihres Bruders zu geben! Halten Sie sich fern von uns, Mr. Neech!" Wütend schlug er auf das Display und deaktivierte den Monitor.

Michelles Trauer saß tief, einige Tage sprach sie kaum, aß noch weniger. Sie betrauerte weniger Brian als den Verlust der 150 Leben, die ihr Bruder so leichtsinnig zu opfern bereit gewesen war. Riker machte sich große Sorgen um das Seelenwohl seiner Frau. Auf Beverlys Anraten schlug er vor, den Rest des Urlaubs in San Francisco in Michelles Haus zu verbringen. Sie war überraschenderweise von dem Vorschlag begeistert.

Am darauffolgenden Tag kam der tränenreiche Abschied, Michelle legte mit der Familie einen Zwischenstopp auf der Enterprise ein.
Im Transporterraum wurden sie von Data und Geordi empfangen.
"Willkommen zurück", begrüßte LaForge sie und fragte sich, wer der junge Mann neben dem Captain war.
"Wie lange werden die Reparaturen noch dauern, Mr. LaForge?"  "Noch eine Woche und die Umrüstung ist in einer weiteren Woche abgeschlossen. Dann wird die Enterprise so fit sein, als käme sie frisch von der Utopia Planetia-Werft und warte auf den Jungfernflug." Picard grinste, als er die Worte des Chefingenieurs hörte und dachte an die tatsächliche erste Mission seines Schiffes. Nein, jetzt war es ja das Schiff seiner Tochter.
Michelle nickte zufrieden. "Gut, wenn Sie hier alles im Griff haben, bleiben wir bis zum Auslaufen in San Francisco. Sie können mich in meinem Haus erreichen. Data, sorgen Sie bitte dafür, dass diese Weinkisten in mein Quartier gebracht werden. Und kümmern Sie sich bitte um ein Quartier für diesen jungen Mann hier. Unser neues Crewmitglied, René Picard, meinen Cousin. Außerdem benötigt er einen Stundenplan für die Schiffsschule und einen Ausbildungsplatz." René flüsterte seiner Cousine etwas ins Ohr.
"Auf dem Maschinendeck, vorzugsweise. Außerdem halte ich eine Einweisung an der Navstation für sinnvoll. Gute Piloten können wir immer gebrauchen." Geordi nickte grinsend und erklärte: "Ich bin sicher, da lässt sich etwas machen, Ma'am!"
Michelle nickte zufrieden und gab dem Transporterchief den Befehl, sie nach San Francisco in ihr Haus zu beamen.

Sekunden später standen sie in Michelles Wohnzimmer. Sie hörten die Pazifikbrandung. Wie hatte Michelle dieses Geräusch vermisst. Und da war noch ein Geräusch. Alle drehten sich zur Eingangstür um, die sich öffnete und den Blick auf eine junge, bezaubernde Frau freigab.
"Melinda?"  "Michelle?" Die beiden Frauen fielen sich glücklich in die Arme. Melinda wischte sich eine Freudenträne vom Gesicht, nachdem sie sich von Michelle gelöst hatte.
"Wen hast du denn alles mitgebracht?" fragte sie schelmisch, während sie Yamara in die Arme schloss. "Meine Familie", erklärte Michelle stolz.
"Meinen Mann, Commander Will Riker, meinen Vater..." Sie zwinkerte Melinda zu, die die Geschichte nur zu gut kannte. "Meinen Cousin René, der auf der Enterprise eine Ausbildung durchlaufen wird und Yamaras Freund Wesley Crusher, der Sohn der Schiffsärztin."
"Und wen haben wir hier?" fragte Melinda, während sie das Baby betrachtete. "Das ist meine Jüngste - Andromeda."
Melinda war völlig aus dem Häuschen. Ein neues Baby. Gut, die Sache mit Riker hatte sie gewusst, auch die Versöhnung mit Picard war ein alter Hut. Aber ein Baby. Und ihr kleines Mädchen hatte einen Freund. Sie zog Wesley beiseite.
"Sei nett zu ihr, sonst mache ich dich mit Kano bekannt. Ich stehe noch in regelmäßigem Kontakt mit ihr, musst du wissen." Wesley schluckte. Michelle legte sofort schützend ihren Arm um seine Schulter.
"Melinda, er ist ein guter Junge. Entschuldige, Wesley, Mann. Er ist gut zu Yamara." Sofort entspannte Wesley sich ein wenig.
"Aber was macht ihr alle denn hier?"  "Nun, mein Schiff wird gewartet. Wir haben den Landurlaub in LaBarre verbracht. Aber wie können wir auf der Erde verweilen, ohne meinem geliebten Haus und unserer guten Seele einen Besuch abzustatten." Melinda lächelte verlegen.
"Oh, ich muss sofort noch einmal einkaufen. Ich koche eine Festessen für alle. Yamara, Wesley, René, ihr folgt mir unauffällig." Lachend verließ sie das Haus, gefolgt von ihren leicht verwirrten Begleitern.

Nachdem sie ausgepackt hatten, führte Michelle die anderen zum Strand und überließ Melinda die Küche. In diesem Refugium hatte Michelle leider absolut keine Macht, was sie allerdings nicht sonderlich störte. Denn Melinda zauberte Unglaubliches in der Küche zusammen.

Gemütlich schlenderten sie am Strand entlang. Unbemerkt wurde Riker von seiner Frau näher ans Wasser geführt. Als das Wasser ihre Füße umspielte, ließ Michelle Will los und stieß ihn mit aller Kraft ins Wasser. Sein verdutzter Gesichtsausdruck war Gold wert. Bei Rikers Sturz blieb niemand der Umstehenden trocken. Dennoch brachen alle in schallendes Gelächter aus, als Riker mit den Armen rudernd, versuchte wieder auf die Füße zu kommen.
Schließlich sprang der patschnasse Riker auf, stürzte sich auf Michelle und nahm sie Huckepack. Er rannte mit ihr ins Meer und warf sie in den Pazifik.
"Gute Idee", murmelte Wesley. "Was meinst..." Yamara konnte den Satz nicht beenden. Wes warf sie über seine Schulter und ihr war plötzlich klar, was ihr Freund mit ihr vorhatte.
"Lass mich runter!" Yamara strampelte wie verrückt. Alleine würde er sie bis ins Wasser bekommen.
"Commander, würden Sie mir helfen?" Er nickte lachend. René und sein Onkel standen sicherheitshalber weit abseits, und auch sie lachten über die tobende Yamara.

"Wag es ja nicht, Will Riker!" fauchte sie ihren Vater an. Wes ließ Yamara ein Stück runter, damit Will ihre Füße packen konnte. Sie schleppten, die sich immer noch heftig wehrende, Yamara ins Meer.

Das Wasser reichte ihnen bis zum Bauch. Es musste sich doch lohnen. Riker begann zu zählen. Bei drei ließen sie Yamara ins Wasser klatschen. "Kommt, schnell raus!" rief die triefende, aber lachende Michelle. Lachend stürmten Riker und Wesley an den Strand. "Rache!" zischte die klatschnasse Yamara.

Während Michelle, Picard und René langsam zum Haus zurückschlenderten, mussten Will und Wesley rennen, Yamara war ihnen dicht auf den Fersen.


Der letzte Abend war gekommen. Den ganzen Tag über hatte sich Michelle sehr geheimnisvoll verhalten. Ständig hatte sie von einer Überraschung am Abend gesprochen. Wenn die anderen Michelle darüber ausfragen wollten, erhielten sie als Antwort nur ein geheimnisvolles Grinsen.
Nach dem Abendessen lüftete Michelle endlich das Geheimnis. Sie stand vom Tisch auf und forderte die anderen auf, ihr zu folgen. Ihr Weg führte sie an den Strand. Es war dunkel, die Sterne funkelten über ihnen. In einiger Entfernung leuchtete etwas.
Nach einigen Schritten erkannten alle überrascht, dass es ein Lagerfeuer war. Riker grinste.

Um das Lagerfeuer herum lagen dicke Decken und eine riesengroße Schüssel mit Grillspießen und Marshmallows. Michelles Überraschung war wirklich gelungen. Besonders Riker war überrascht, als er seine Posaune entdeckte. "Spiel ein bisschen für uns, Will", bettelte sie. Bevor Riker dies tat, fragte er noch: "Wie kamst du auf die Idee?"  "Auf die mit deiner Posaune oder dem Lagerfeuer?" Er grinste nur. "Was soll ich sagen, ich war auch mal jung. Meine Clique auf der Akademie hat nicht jeden Abend brav in den Betten gelegen und geschlafen." Wohl kaum, sonst wäre heute Yamara nicht bei uns, dachte Riker und begann zu spielen.

Bis in die frühen Morgenstunden saßen sie zusammen, erinnerten sich an Abenteuer mit Picard als Captain der Enterprise, oder an die Momente, in denen Rikers Affäre mit Michelle fast aufgeflogen wäre. Sie aßen Marshmallows und lauschten Rikers Musik.

Die Sonne war gerade aufgegangen. Michelle hatte sich an Riker gekuschelt und döste ein wenig. Plötzlich stand ein Jogger vor ihnen.
"Hey, was machen Sie hier? Das Haus und der Strand sind Privatbesitz von einem Sternenflottencaptain!"  "Genau und zwar von mir!" Michelle blinzelte in die Sonne. "Wenn Sie wissen, dass das hier Privatbesitz ist, warum joggen Sie hier?!" fragte Michelle und stand auf, solche Arroganz am frühen Morgen konnte sie absolut nicht leiden.
Plötzlich hörten sie Melinda rufen. "Es ist in Ordnung, Michelle. Das ist mein Verlobter Richard."  "So? Na, dann joggen Sie mal weiter, Richard!" Er zuckte mit den Achseln und ging seine Verlobte begrüßen.

Gegen Mittag beamten sie auf die Enterprise zurück und bereiteten das Auslaufen vor.




11. Irrwege

Die Brückencrew war komplett anwesend, die Startvorbereitungen liefen auf Hochtouren.
Auch Deanna saß auf ihrem Platz, als ihr ein erschrecktes "Oh nein" entfuhr. "Was haben Sie, Counselor?"  "Captain, ich fürchte Sie werden in das zweifelhafte Vergnügen kommen meine Mutter kennen zu lernen. Sie ist der letzte Passagier, auf den wir gewartet haben." Riker blickte sich hilfesuchend um. Noch immer erinnerte er sich sehr gut, wie Deannas Mutter hinter ihm her gewesen war. Nur um ein Haar war er ihren heiratswütigen Fängen entkommen. Ebenso wie sein Schwiegervater. Na, der würde begeistert sein.

Der Transporterraum meldete, dass sie jetzt Botschafterin Troi an Bord beamen konnten. Michelle ließ sich von Riker und Deanna begleiten, um Lwaxana Troi angemessen zu empfangen.
Im Turbolift ließ Michelle sich ein wenig über Lwaxana Troi berichten.
"Ich nehme an, Ihre Mutter weiß noch nichts von dem Führungswechsel?"  "Nein, wohl kaum. Und wir sollten Ihren Vater vor ihr verstecken. Sie hatte es einige Male auf ihn abgesehen." Michelle lachte. Sie stellte sich vor, wie ihr Vater vor Deannas Mutter flüchtete. "Das ist nicht witzig, glaub mir, Michelle."  "Was, hinter dir war sie auch her?" Michelle prustete vor lachen. Die Vorstellung war einfach zu komisch. Dann legte sie Riker eine Hand auf die Schulter.
"Keine Sorge, Nummer 1. Ich werde Sie tapfer verteidigen. Und meine Konkurrentin in ihre Schranken verweisen." Michelle schüttelte lachend den Kopf.
"Noch etwas, Captain. Meine Mutter sagt, was sie denkt. Sie könnte Sie vor den Kopf stoßen." Michelle hatte verstanden.

Sie kamen im Transporterraum an, der Captain gab den Beambefehl. Dort stand sie nun, Lwaxana Troi, neben ihr, Mr. Hong, ihr Bediensteter. Ihre erste Frage war natürlich, wie anders zu erwarten: "Wo ist Jean-Luc?" Michelle trat vor. "Botschafterin Troi, ich bin Michelle Riker, die neue Kommandantin der Enterprise." Leider vergaß Michelle ihre Gedanken zu kontrollieren. Deannas Mutter plapperte sofort drauf los.
"Oh, sie sind Jean-Lucs Tochter! Und Commander Rikers Frau! Interessant. Nun, ich bin Lwaxana Troi. Tochter des fünften Hauses von Betazed. Halterin des geheiligten Kelches von Riggs. Erbin der Ringe von Betazed." ‚Du hast deine Chance verpasst, Kleines,' tadelte sie mental ihre Tochter. Mit diesen Worten und Gedanken stieg Mrs. Troi von der Transporterplattform hinunter.
"Dürfen wir Sie nun zu Ihrem Quartier bringen, Mrs. Troi?"  "Oh, bitte nennen Sie mich einfach Lwaxana." Mr. Hong folgte seiner Herrin mit ihrem überaus schweren Gepäck, das er allerdings mit Leichtigkeit trug.
Deanna tadelte ihre Mutter mental für ihre Taktlosigkeit.
‚Mutter, versuche nicht, die beiden auseinander zu bringen. Sie sind sehr glücklich! Und sie haben ein Baby. Ich habe keinerlei Interesse mehr an Will.' Ihre Mutter lächelte wissend. ‚Oh, du bist in Mr. Worf verliebt. Warum hast du das nicht gleich gesagt, Kleines?... Ich muss schon sagen, Jean-Luc hat eine sehr hübsche Tochter. Was würde wohl bei einer Kombination seiner und meiner Erbanlagen herauskommen?'  "Mutter!" Will und Michelle warfen sich einen verwunderten Blick zu, sie konnten nur ahnen, was Mrs. Troi von sich gegeben hatte.
Die Gruppe traf auf Yamara und Wesley. Da sie keinen Dienst hatten, liefen sie Arm in Arm durch die Gänge. "Hi, Mom. Verzeihung! Captain." Verbesserte Yamara schnell als sie die Besucherin entdeckte.
"Schon gut, Yamara. Wo soll es denn hingehen?"  "Aufs Holodeck. Wir wollen einen Spaziergang durch die Wälder von Antares 7 machen."  "Na, dann viel Spaß!" wünschten die Eltern gleichzeitig. Yamara und Wesley setzten ihren Weg vergnügt fort.
‚Sie ist Klingonin. Wie kommt eine Menschenfrau an eine klingonische Tochter?'  ‚Sie ist nur halbe Klingonin, Mutter. Du bist mal wieder furchtbar neugierig. Aber wenigstens einigermaßen taktvoll. Ausnahmsweise...'  ‚Jetzt bist du aber ungerecht!'
Sie trafen auf Picard, der wie angewurzelt stehen blieb, als er seinen zweitschlimmsten Alptraum entdeckte. (Natürlich stand Q noch immer an erster Stelle).
"Jean-Luc, ich wusste ja gar nicht, dass Sie an Bord sind."  "Mrs. Troi. Was für eine Überraschung." Picard war völlig überrumpelt und warf seiner Tochter ein paar böse Blicke zu. Wieso hatte Michelle ihn nicht vorgewarnt?
"Geben Sie nicht Ihrer Tochter die Schuld, Jean-Luc. Ich bin sehr spät eingetroffen. Vielleicht könnten wir heute Abend zusammen dinieren?"  "Es wäre mit ein... Vergnügen", stotterte Picard verwirrt. ‚Mutter, halt dich zurück! Du treibst uns alle in den Wahnsinn! Besonders Captain Picard und mich!'  ‚So?' fragte die Botschafterin ungläubig.

Endlich erreichten sie die Gästequartiere und ließen die Deanna mit ihrer Mutter alleine. Auf dem Weg zur Brücke entschuldigte Michelle sich bei ihrem Vater. "Es tut mir leid, ich habe es wirklich nicht gewusst. Als Entschädigung kannst du beim Start dabei sein."
Michelle wies ihrem Vater Deannas Platz zu. Er war ganz aufgeregt. Aber es war auch ein komisches Gefühl für ihn, beim Start der Enterprise nicht auf dem Platz in der Mitte zu sitzen. Auch Doktor Crushers Platz war unbesetzt. Michelle rief René auf die Brücke und ließ auch ihn den Start von hier aus genießen.
"Sagen Sie, Mr. Picard, möchten Sie das Schiff steuern, bis wir unser Sonnensystem verlassen haben?" René schluckte. "Ja,... Sir." Michelle hob tadelnd den Finger. "Regel Nummer 1, reden Sie mich niemals mit Sir an. Ich bevorzuge Captain oder Ma'am." Er nickte. Michelle stand auf und ging zur Steuerkonsole.
"Nicht so schüchtern, Mr. Picard." Ihr Vater grinste. Sie genoss die Situation sichtlich. René stand auf, seine braunen Augen hatten noch nie so geleuchtet, seine etwas längeren, braunen Haare wippten leicht auf und ab. Einige weibliche Crewmitglieder bekamen Herzklopfen als René Picard stolz erhobenen Hauptes auf die Navstation zuschritt. Unter der richtigen Anleitung konnte aus ihm ein zweiter Will Riker werden, sowohl was die Frauen als auch die Führungsqualitäten betraf.
René nahm Platz und ließ sich von seiner Cousine instruieren, wie man ein Schiff der Galaxy-Klasse steuerte.

Nachdem die Enterprise das heimatliche Sonnensystem verlassen hatte, musste René den Platz wieder räumen. Der Captain gab Befehl, nach Betazed zu fliegen mit Maximumwarp. Picard und auch Riker hörten erleichtert diesen Befehl.

Am Abend nahm René Picard seinen ersten persönlichen Logbucheintrag vor. "Michelle hat mich das Schiff fliegen lassen, nachdem sie mich getadelt hatte, weil ich sie Sir genannt hatte. Das darf ich nicht vergessen. Wow, es war fantastisch! Ich glaube, mit der Hilfe meiner Familie könnte ich eine Zukunft in der Sternenflotte haben. Irgendwann wird man über mich genauso respektvoll sprechen wie über Onkel Jean-Luc und Cousine Michelle."


Kurz bevor die Enterprise Betazed erreichte, ereignete sich ein furchtbarer Streit im Quartier des Sicherheitschefs. Jetzt hier unten auf dem Planeten ging Deanna mit Tränen in den Augen spazieren. Sie erreichte die janarischen Fälle (Wills und ihr früherer Lieblingsplatz) und ließ das Ereignis noch einmal Revue passieren.
Deanna hatte mitbekommen, dass es seit einiger Zeit zwischen Alexander und seinem Vater Worf Probleme gab. Da die Beziehung zwischen ihr und Worf inzwischen ein sehr inniges Stadium erreicht hatte, dachte sie, sie könnte Worf einige Ratschläge geben. Das war ein großer Fehler gewesen. Er war furchtbar wütend geworden und hatte sie furchtbar beschimpft. Sie hätte kein Recht, ihm zu sagen, wie er seinen Sohn zu erziehen hätte. Sie wäre nicht seine Mutter. Er war sehr gemein gewesen.
Deanna war eine starke Frau, die gelernt hatte, ihre Gefühle zu kontrollieren. Aber das war zuviel gewesen. Sie hatte ihn einen uneinsichtigen, verbohrten, störrischen Klingonen genannt. Worf hatte kein Kontra von ihr erwartet und war total ausgerastet. Er hatte sie angeschrieen, sie sollte verdammt noch mal zum Teufel gehen. Dann hatte er die Hand gegen sie erhoben und begonnen, seine Möbel zu zertrümmern. Deanna hatte ihm entgegengerufen, dass sie sich in ein Monster verliebt hätte und dass es aus wäre, für immer. Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er war es, der zum Teufel gehen sollte!

Sie ging ein Stück weiter. Immer wieder hörte Deanna, wie Worf sie zum Teufel wünschte und sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie er erst die Hand gegen sie erhoben und dann die Möbel zerlegt hatte.
So völlig in Gedanken versunken, lief sie in einen jungen Mann hinein. Als sie hochsah und "Entschuldigung" stammelte, bemerkte sie, wie gut ihr Gegenüber aussah. Er lächelte sie verlegen an. "Entschuldigung, ich habe nicht aufgepasst."  "Nein, ich habe nicht aufgepasst. Übrigens, ich heiße Deanna." Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die er sofort ergriff.
"Mein Name ist David." Sie lächelten sich an, immer noch die Hand des anderen haltend. Plötzlich veränderte sich Davids Gesichtsausdruck.
"Oh, sie haben an eine verlorene Liebe gedacht." Er war also auch ein Betazoid. "Hat Ihre Mutter Ihnen nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, die Gedanken anderer zu lesen?" Er wirkte verwirrt. "Aber Sie sind doch eine Betazoidin, oder?"  "Ja, das hat aber nichts mit dem Umstand zu tun, dass Ihre Vorgehensweise unhöflich ist." Er verbeugte sich.
"Ich bitte um Entschuldigung. Ich wollte die Tochter von Botschafterin Troi ganz gewiss nicht vor den Kopf stoßen." Bevor Deanna etwas erwidern konnte, erklärte ihr Gegenüber: "Ich habe schon viel von Ihrer Mutter gehört und Holos von Ihnen beiden in den Datenbänken gesehen." Deanna lächelte.
David machte den Vorschlag, einen gemeinsamen Spaziergang zu unternehmen. Sie war sofort einverstanden. Denn wäre sie alleine weiter hier umhergegangen, wären ihre Gedanken mit Sicherheit wieder zu Worf zurückgekehrt, dessen Liebe sie verloren glaubte.


Deanna und David waren sich schnell sehr vertraut. Sie unterhielten sich über ihre Kindheit auf Betazed, Deanna erzählte von ihrem Leben auf der Enterprise. Worf erwähnte sie nicht, sie hatte ihn vergessen.

Bald war es Abend geworden und David erhielt eine Einladung zu Essen. Anschließend gingen sie noch einmal spazieren. An den Janarischen Fällen küssten sie sich zum ersten Mal. Deanna war sich der raschen Entwicklung nicht bewusst, sie war wie unter einem Bann. Sie hatte Riker vergessen (Imzadi), sie hatte Worf vergessen. Sie vergaß auch langsam die Enterprise. Sie wusste nur noch von David und sich, so als wäre es nie anders gewesen.
Zuerst bemerkte Lwaxana Troi die Veränderungen im Wesen ihrer Tochter. Zwar freute sie sich über das scheinbare Glück ihrer Tochter. Aber etwas stimmte nicht mit Deanna. Als sie schließlich davon sprach, die Enterprise zu verlassen, um bei David bleiben zu können, wusste sich Mrs. Troi keinen Rat mehr und besuchte den Captain.
Sie informierte Michelle über das merkwürdige Verhalten Deannas. Michelle hatte nichts von dem Eklat zwischen ihrem Counselor und ihrem Sicherheitschef mitbekommen. Sie war während der letzten Tage selbst sehr beschäftigt gewesen und fieberte ihrem Abflug und der nächsten Mission entgegen. Dennoch fand sie die Zeit ein Gespräch mit Worf über den Zwischenfall zu führen.
Sie wusste, dass das klingonische Blut manchmal sehr zu kochen begann, besonders aus ihrer jahrelangen Erfahrung mit Yamara. Aber Worf hatte sich falsch verhalten, wie sie aus dem Gespräch erfuhr. Und wenn schon eine Versöhnung ausgeschlossen war, so konnte er Deanna um Verzeihung bitten, damit sie ihren Dienst nicht quittieren und ihre Karriere wegwerfen würde.

Worf beamte unverzüglich, nachdem ihm Captain Riker den Kopf gewaschen hatte auf den Planeten, um Deanna zur Rede zu stellen. Als er ihr gegenüberstand erkannte sie ihn nicht. Worf spürte, dass mit diesem David etwas faul war. Kurzerhand entriss er Deanna seinen Armen und führte sie ein Stück von David fort. Dieser ließ den Klingonen gewähren. Er wusste, dass nichts seine Macht brechen konnte.
Als David außer Hörweite war, begann Worf auf Deanna einzureden. Er begann mit einer Entschuldigung.
"Es tut mir leid, was ich gesagt und getan habe. Bitte komm zurück auf die Enterprise, wenn du schon nicht zu mir zurückkommen kannst oder willst. Wir starten morgen um 15 Uhr." Er drehte sich um und ging. Plötzlich glänzte etwas in Deannas Augen. Sie blinzelte einige Male und stotterte dann: "W... W... Worf" Er drehte sich noch einmal zu ihr um. "Ich werde dich nicht zwingen zurückzukommen. Aber du solltest wissen, dass ich dich liebe." Er betätigte seinen Kommunikator und ließ sich zurück auf das Schiff beamen.

Später am Tag erkannte David, dass er gescheitert war. Er konnte die Liebe zu den anderen nicht völlig aus Deannas Herz eliminieren. Somit konnte er seinen Plan nicht vollenden. Seinen Plan, der ihm einen neuen, starken Körper versprach. Denn dieser hier war nur Fassade, eine bröckelnde, sterbende Fassade. Er musste ein Kind zeugen, Deanna hatte er dafür auserkoren, aber es musste freiwillig geschehen. Das hatte man ihm auferlegt. Das war der Preis für seine Unsterblichkeit. Der Preis für die Verbannung, seine wiederholten Fehltritte und Übertretungen. Seine Verstöße, die dem Universum geschadet hatten. Aber irgendjemand anderes auf der Enterprise würde seinem Bann nicht wiederstehen können. Wenn nicht in diesem, dann in einem der anderen zahlreichen, parallelen Universen. Sie - seine Richter - rechneten fest mit seinem Versagen. Sie wussten, er würde unendliche Macht erreichen, wenn er ihre Bedingung erfüllte. Notfalls würde er sich einen schwachen Geist in einem starken Körper zwangsweise aneignen, den er übertrumpfen und schließlich ausschalten könnte.
Aber er würde Deanna nicht verlassen ohne ihr wehzutun. Sie sollte Seelenqualen leiden für ihre falsche Entscheidung.

Am nächsten Morgen begann David seinen Bann über Deanna zu lockern. Wieder einmal unternahmen er und Deanna einen Spaziergang zu den Janarischen Fällen. David begann unverzüglich mit der Ausführung seines Plans. Er stieg auf eine Mauer und balancierte. Die Mauer stieg allmählich in schwindelerregende Höhen an. Deanna gewann allmählich auf Davids Wunsch die Kontrolle über ihren Geist zurück.
"David, sei bitte vorsichtig", bat sie ängstlich. Er vollführte allerlei gefährliche Tricks und lockerte dabei seinen Griff um Deannas Geist immer weiter. Plötzlich verlor er sein Gleichgewicht und täuschte Deanna vor, er versuchte, in den Fluss zu fallen. Aber er schaffte es nicht. David stürzte und schlug mit seinem Kopf auf einen großen Stein.
"Nein, David!!" schrie Deanna entsetzt und fassungslos. Trotz ihres Schocks schaffte Deanna es, die Enterprise und Dr. Crusher um Hilfe zu rufen.

Doch die Diagnose der Ärztin war niederschmetternd. Sie konnte nichts mehr für David tun. Sie stand auf und ließ Deanna alleine mit ihm. Deanna kniete sich neben ihn, wollte etwas sagen. Aber David legte seine zitternden Finger auf ihre Lippen. Tränen liefen über seine Hand. Er war zufrieden, Deanna litt Seelenqualen über den bevorstehenden Verlust. Um ihr einen weiteren Stich zu versetzen, flüsterte er: "Ich hätte so gerne ein Kind mit dir gehabt, Deanna." Dann schloss er die Augen und starb für Deanna und die anderen. Der Griff um Deannas Geist war fort. David betrachtete von einer anderen Ebene aus den Körper, den er nun für immer verloren hatte, und wieder musste er als Energiewesen durch die Galaxie streifen.
Im Moment von Davids Tod tauchte eine Anomalie im Weltraum auf. Data erkannte sie als die selbe, auf die sie vor ihrer Begegnung mit dem kleinen Mädchen Marina gestoßen waren. Die Enterprise nahm die Nachforschungen auf.

Beverly brachte Deanna, die stumm weinte und um David trauerte auf das Schiff zurück, wo Worf sie noch einmal um Verzeihung bat und sich ihrer annahm. Sie blickte ihn durch einen Tränenschleier an, lächelte und fragte, was denn passiert wäre. Ihre Erinnerung an David und alle Ereignisse der letzten Tagen waren aus ihrem Gedächtnis verschwunden. (Außerhalb der Enterprise erschien eine zweite Anomalie, die die erste anscheinend vertrieb).

Niemand erwähnte Deanna gegenüber die Ereignisse, um ihr den Kummer zu ersparen. Worf umsorgte sie, als wäre nie etwas passiert und am Abend überkam ihn die Idee, Deanna einen Heiratsantrag zu machen. Völlig überrascht, aber glücklich, stimmte diese zu.

Zwei Wochen später gab es auf Betazed eine wundervolle Trauung, die Michelle durchführen durfte. Die Anwesenden waren zu Mrs. Trois und der betazoidischen Gäste Leidwesen und zur Erleichterung der Gäste anderer Völker bekleidet.




12. Die Rettung der Götter

Die Enterprise erreichte den Scorilus-Sektor. Mit Hilfe von Sonden sollten die Nebel des Sektors untersucht werden.

Die erste Sonde startete gerade und schickte kurze Zeit später erste Bilder an das Schiff. Es war eine unbeschreiblich schöne Farbenpracht. Aber ein Schiff, das den Nebel durchflog, konnte Schwierigkeiten bekommen. Die Sensoren und visuellen Systeme funktionierten nicht richtig.

Plötzlich brach die Übertragung ab. "Lieutenant Worf, was ist mit der Sonde passiert? Am Rand des Nebels müsste sie doch Daten senden können."  "Die Sonde ist verschwunden, Captain. Ich kann sie nicht mehr orten."  "Starten Sie eine weitere Sonde, Worf." Er führte den Befehl aus.
Die zweite Sonde kam nur einige Kilometer weiter als die erste. "Lassen Sie mich raten, Worf. Diese Sonde hat sich auch in Luft aufgelöst. Da es heißt, aller guten Dinge sind drei, starten wir einen letzten Versuch."
Auch diese Sonde verabschiedete sich nach etwa der selben Distanz wie die vorherigen.

"Vielleicht will jemand verhindern, dass wir in den Nebel eindringen? Counselor, spüren Sie eine Präsenz?" Deanna wollte die Frage eigentlich verneinen, da erschien der Übeltäter. Q. Wie immer in der Uniform der Sternenflotte.
"Bonjour, mon capitain!" Michelle stand auf. "Hallo, Q. Ich nehme an, Sie haben sich diesen kleinen Spaß mit unseren Sonden erlaubt? Sagen Sie, was Sie wollen und dann verschwinden Sie!" Q grinste.
"Ich komme jemanden besuchen, Ihren Vater."  "Meinen Vater?!" Erstaunlicherweise betrat Captain Picard in diesem Moment die Brücke.
"Was soll das?" fragte Michelle gleichermaßen Q und ihren Vater. "Nun, Jean-Luc hat in den vergangenen Tagen oft an mich gedacht... Und da mir langweilig war... Und ich habe Sie vermisst." Er ging auf Michelle zu, umarmte sie und wollte sie auch noch küssen.
"Hände weg, Q. Oder mein Ehemann wird sich mit Ihnen beschäftigen." Q ließ Michelle los und stellte eine offensichtliche und unbeschreiblich dramatische Kränkung zur Schau, die er glaubte erfahren zu haben. Nicht dass Riker ein Problem für ihn darstellen würde.
"Sie haben viel von Ihrem Vater, und Ihr Gemahl beeinflusst sie leider auch. Sie verstehen absolut keinen Spaß mehr." Michelle verdrehte die Augen.
"Glauben Sie Poltergeist vielleicht, dass wir hier unseren Freizeitvergnügungen und Spaß nachgehen?! Wir haben einen Auftrag zu erfüllen!"  "Spaß? Sie wollen Spaß? Den können Sie haben!" Q schnippte mit den Fingern. Im nächsten Moment trug Michelle ein hautenges Cocktailkleid und Q einen Smoking. Zu allem Überfluss hatte Q auch noch eine rote Rose im Mund stecken. Nun hörte man Tangomusik, und Michelle tanzte plötzlich mit ihm. Allerdings ließ der Captain es sich nicht lange gefallen. Sie hob ihren rechten Fuß und trat mit dem besonders spitzen Absatz so fest sie konnte zu. Ihr Mann und die gesamte Brückencrew amüsierten sich königlich, während Q sofort von ihr abließ und keinen Schmerz zur Schau trug.
"Da ich nun Ihre Aufmerksamkeit habe, sollten wir uns zu einer Besprechung zurückziehen." Michelle ging in Richtung Beobachtungslounge.
"Ich will meine Uniform zurück, auf der Stelle, Q! Will, Dad, folgt mir."

"Bemerkenswerte Frau, Ihre Tochter."  "Danke, Q. Ich habe Sie also wirklich gerufen?" Picard konnte sich nicht erklären wie. Mag sein, er hatte an Q gedacht. Dieser merkwürdige Jamie hatte ihn an das Kontinuum erinnert und so waren seine Gedanken in den letzten Tagen öfters zu Q abgeschweift.
"Meine Tochter meinte, Sie hätten sich geändert. Ihre Witze sind allerdings immer noch genauso geschmacklos wie früher." Diese Bemerkung kränkte Q erneut, aber nicht für lange.
"Ihnen hätte das Kleid wohl kaum so gut gestanden wie Ihrer Tochter." Jetzt reichte es Michelle. "Redet nicht, als wäre ich nicht anwesend, sondern setzt euch endlich."
Sie taten, wie geheißen. Michelle setzte sich an den Kopf des Tisches, wie zu einer formellen Besprechung. Sie wollte Q in seine Schranken weisen.
"Nun, Q. Ihnen ist also langweilig. Und warum beehren Sie ausgerechnet uns?"  "Im Universum ist nicht viel los. Ich war auch schon auf Deep Space Nine, aber dort war man nicht sehr von meinem Besuch erfreut. Captain Sisko wollte nicht einmal mit mir boxen."  "Wen wundert's!" stichelte Riker. "Will, Schluss damit. Können Sie mir versprechen, dass Sie sich ruhig verhalten, wenn ich Ihnen gestatte, einige Zeit mit uns zu reisen?" Q nickte verblüffte. "Dad, du bist für ihn verantwortlich." Picard war wenig begeistert, Riker noch weniger.

Es wurde Abend und Q verhielt sich wider Erwarten ruhig. Die inzwischen tadellos funktionierenden Sonden lieferten Daten en masse und fantastische Bilder.
Picard spielte mit Q stundenlang Schach. Aber Picard war zum Familienessen eingeladen, da René unter Heimweh litt. Doch wohin mit dem Quälgeist Q? Picard stellte ihn vor die Wahl. Er konnte sich ruhig verhalten in Picards Quartier oder zu seinen Streichen zurückkehren. Sollte er sich für Letzteres entscheiden, würde Michelle ihn keinen Fuß mehr auf die Enterprise setzen lassen.

An nächsten Tag änderte die Enterprise ihren Kurs, um Michelles Vater auf der Raumstation Deep Space Six abzusetzen.
Am Morgen aber nahmen merkwürdige Ereignisse ihren Lauf, die Picards Ankunft verzögern sollten. Bestellte man sich Kaffee vom Replikator, erhielt man Wasser, wollte man nach Deck sechs, landete man auf dem Maschinendeck. Von sämtlichen Stationen gingen Beschwerden und Fehlermeldungen auf der Brücke ein. Michelle und Will, die mit Mühe auf die Brücke gelangt waren, vermuteten Q und einen seiner schlechten Scherze dahinter.
Als es Michelle zu viel wurde, rief sie ihn. Weder erschien Q, noch antwortete er. Schließlich fragte Michelle bei ihrem Vater nach, der ihr versicherte, dass Q die Enterprise spät in der letzten Nacht verlassen hatte. Da es also eine andere Erklärung für dieses Problem geben musste, ordnete Michelle eine Ebene-Eins-Diagnose an, die aber nichts erbrachte.

Man zog sich zur Beratung in die Beobachtungslounge zurück. Während der Konferenz erhielt Michelle eine Nachricht aus ihrem Quartier. Ihr Vater passte auf das Baby auf und berichtete, dass ein ihm unbekanntes Amulett urplötzlich zu leuchten angefangen hatte.
Da Picard nichts von den Alphas und Michelles Entführung wusste, musste sie ihm erklären, dass seine Ankunft auf Deep Space Six sich verzögern würde. Denn Michelle war klar, dass das Amulett aus einem einzigen Grund leuchtete. Die Alphas brauchten ihre Hilfe. Sie gab den neuen Kurs an und bat ihren Vater, in ihren Bereitschaftsraum zu kommen.

Michelle betrat die Brücke und durchquerte sie, als auch schon ihr Vater aus dem Turbolift trat. "Ich muss mit dir reden." Picard nickte und folgte seiner Tochter in ihren Bereitschaftsraum.
Michelle bestellte erst einmal Gepäck und Tee. "So ernst?" scherzte Picard. "Vielleicht. Ich wollte dir erklären, warum wir den Kurz geändert haben."  "Genau das wollte ich von dir wissen." Michelle nickte und machte sich bereit, ihrem Vater einen kleinen Schock zu verpassen.
"Wir haben einen, wie soll ich sagen, Notruf empfangen. Freunde von mir sind in Schwierigkeiten. Das Amulett, das in unserem Quartier geleuchtet hat, ist unsere Verbindung. Ich weiß noch nicht, wie schlimm es ist, aber wenn sie mich rufen, müssen sie verzweifelt sein." Picard trank seinen Tee und wirkte dabei sehr nachdenklich. "Und näher kannst oder willst du darauf nicht eingehen?" Michelle seufzte. Genau diese Reaktion hatte sie erwartet. Sie kämpfte mit sich und kam zu dem Schluss, dass sie ihrem Vater die Wahrheit sagen musste. Nur die Sache mit der Entführung bereitete ihr Kopfschmerzen.
"Also gut, aber du musst schwören bei allem, was dir heilig ist!" Picard fuhr sich mit den Händen über sein Gesicht. "Schon gut. Ich sage nichts. Aber ich würde gerne wissen, wie viele andere diesen Eid auch ablegen mussten." Auch das hatte Michelle erwartet. "Das ganze Schiff. Aber sie wissen nichts Genaues und sie müssen schweigen zum Schutz meiner Freunde." Das überraschte Picard. "Und wieso weiß dein Vater nichts davon?" Michelle rutschte nervös in ihrem Stuhl hin und her.
"Setzen wir uns lieber auf die Couch", versuchte sie abzulenken. Ihr Vater sah sie dort sofort mit dem ihm eigenen strengen Blick an und ihre Verteidigung schmolz dahin. Michelle schluckte. Dann sprudelte die ganze Geschichte aus ihr heraus. Michelle erzählte ihrem Vater alles. Die Angst, die sie gehabt hatte, ihre Neugier, die Freundlichkeit der Alphas, als alle Missverständnisse aus dem Weg geräumt gewesen waren.

Als Michelle mit dem Bericht ihres unfreiwilligen Abenteuers fertig war, musste Picard kurz durchatmen. Er hatte Lust, seiner Tochter den Kopf abzureißen, weil sie diese Geschichte vor ihm verheimlicht hatte.
"Und Andy ist dabei wirklich nichts dabei passiert?"  "Nein, keiner von uns beiden. Die Alphas wollten nichts Böses, sie waren nur neugierig und hielten uns zunächst für Invasoren. Und Dank ihres Geschenks ist Andy auch nichts bei dem Angriff der Romulaner passiert."  "Und du glaubst an diese schützende Funktion des Amuletts?"  "Es hat Andy geschützt, inzwischen trage ich es nicht mehr. Ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen." Ihr Vater hob verblüfft eine Augenbraue, als wollte er sagen, deshalb bist du auch in dieses unfreiwillige Abenteuer geraten.
"Wie dem auch sei, wir fliegen nach Alpha Thethys. Natürlich informiere ich DS6 über deine verspätete Ankunft." Picard nickte und verließ den Bereitschaftsraum.
Im selben Moment trat Riker ein. "Wie hat dein Vater die Geschichte verkraftet?" Riker wusste natürlich, dass Michelle ihren Vater in der Zwischenzeit über den Vorfall in Kenntnis gesetzt hatte.
"Ganz gut, denke ich. Lass Kurs nach Alpha Thethys setzen mit maximaler Geschwindigkeit. Es ist ein Notfall, da greift die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht." Riker setzte sich zu seiner Frau, die sich sofort bei ihm anlehnte.
"Wir brauchen drei Tage bei Warp neun, das weißt du... Aber können wir Ihnen überhaupt helfen?" Auch Riker hatte berechtigte Zweifel. Michelle zuckte resignierend mit den Schultern. "Ich glaube nicht, aber wir müssen alles versuchen, was in unserer Macht steht."
Wieder ertönte der Türsummer. "Immer herein." Es war Troi. "Counselor." Michelle wollte sich aufsetzen. "Bleiben Sie ruhig liegen, Michelle. Ich glaube, es tut Ihnen jetzt gut. Ich spüre sehr deutlich Ihre Sorge um die Alphas." Michelle seufzte. "Erzählen Sie mir etwas, dass ich noch nicht weiß, Deanna. Ich frage mich, wie werden wir Alpha Thethys vorfinden? Total zerstört? Ich kann nicht aufhören, an sie zu denken... Wie soll ich einer so mächtigen Rasse helfen können?"  "Haben Sie schon daran gedacht, Götter von einem Gott retten zu lassen?" Michelle verstand nicht. "Es gibt nur eine Rasse, die nach unserem Wissen mächtiger ist, als die Alphas, die Q. Rufen Sie ihn." Michelle erwiderte erst einmal gar nichts. Sie war froh, dass Q verschwunden war und nun sollte sie ihn um Hilfe bitten?! Das war doch wirklich lächerlich. Aber vielleicht konnte wirklich nur er den Alphas helfen.

"Soll ich nach ihm pfeifen, oder wie stellen Sie sich das vor, Deanna? Er ist doch nicht mein Schoßhündchen."  "Haben Sie es schon versucht?" konterte Deanna. Michelle nickte einverstanden. Deanna warf Will einen Blick zu, dann ließen sie den Captain alleine.

Michelle überlegte, wie sie Q rufen konnte. Sie blickte sich im Raum um. "Q! Ich brauche Ihre Hilfe." Nichts geschah. Enttäuscht trat Michelle an ihren Schreibtisch und warf sich in ihren Sessel.
Plötzlich wurde der Raum von einem hellen Licht erfüllt. Der Unsterbliche stand wie immer natürlich in der Sternenflottenuniform dreist grinsend vor ihr. Zu seiner Überraschung rief Michelle aus: "Q! Ich war noch nie so froh, Sie zu sehen!" Er grinste. "Ich bin beeindruckt, wie leicht Sie Ihren Stolz herunterschlucken, wenn Freunde von Ihnen in Schwierigkeiten sind. Meine Hochachtung." Er verneigte sich vor Michelle.
"Wie kann ich dienen?" Im nächsten Moment trug Q mittelalterliche Kleidung und verbeugte sich demütigst vor seiner Herrin. "Q, es ist ernst, sehr ernst!" Er setzte sich Michelle gegenüber und trug wieder die Sternenflottenuniform.
"Da ich Ihnen helfe, darf ich die Uniform mit Ihrem Einverständnis tragen?" Michelle traute ihren Ohren nicht. "Sie fragen mich, ob Sie... Meine Güte, Sie können Ihren Stolz aber auch schlucken... Ich würde sagen, der Rang eines Captains ist übertrieben, aber ein Lieutenant ehrenhalber ist akzeptabel. Ändern Sie es um, dann erklären ich Ihnen genau, warum ich Sie... brauche." Das letzte Wort war Michelle gewiss nicht leicht über die Lippen gekommen.

Nachdem Michelle mit ihren Erklärungen fertig war, fragte sie, ob Q sie nach Alpha Thethys mit Hilfe seiner Macht befördern konnte. Jede Sekunde war kostbar. Kein Problem für einen Q.
Sie begaben sich auf die Brücke, damit Michelle ihre Crew über die Situation informieren konnte.

Die Brückencrew war äußerst erstaunt, als der Captain von Q gefolgt die Brücke betrat. Riker war stolz auf seine Frau. Sie hatte den Quälgeist irgendwie um ihre süßen Finger gewickelt.

"Sie alle wissen Einiges über unsere Mission auf Alpha Thethys und meinen Aufenthalt auf dem Planeten. Nun, die Alphas haben mir einen Notruf zukommen lassen. Aus diesem Grund bat ich Q um Hilfe, denn ich fürchte, wir sind außerstande einem so mächtigen Volk zu helfen. Für die Dauer dieser Rettungsmission erhält Q den Rang eines Lieutenants ehrenhalber. Sicher wird das einige von Ihnen wundern, aber wir brauchen Qs Hilfe." Q grinste Riker überlegen an. Riker blickte ihm herausfordernd und trotzig entgegen. Er sollte sich bloß nicht so viel auf seinen Rang ehrenhalber einbilden. Nach Ablauf der Mission würde Riker ihm schon die Meinung sagen, sollte er sich daneben benehmen.
Michelle nickte Q zu. Er schnippte und die Enterprise befand sich von einer Sekunde zur anderen an ihrem Zielort. Auf dem Hauptschirm sah man Alpha Thethys. Doch der Planet sah nicht gut aus. Überall tobten Feuer auf der Planetenoberfläche. Data drehte sich zu seinem Captain um und berichtete.
"Captain, die Sensoren zeigen an, dass die Sonne ihre Umlaufbahn drastisch geändert hat und nun von Alpha Thethys angezogen wird."
"Kann ein Außenteam trotzdem runter beamen?" Data nickte. "Nummer 1, stellen Sie ein Außenteam zusammen und nehmen Sie Q mit." Riker schluckte hart.
Deanna stand auf und trat auf Michelle zu. "Captain, da Sie als einzige die Alphas kennen, sollten Sie das Außenteam leiten." Riker erhob sofort Einspruch. Doch gegen Deannas Argumentation konnte er keine logischen Gegenargumente einwerfen. Außerdem konnte Q das Außenteam sofort auf das Schiff zurücktransportieren, sollte es nötig werden. Riker schmeckte das überhaupt nicht. Seine Frau Q anzuvertrauen. Aber Michelle vertraute ihm, also musste er sie gehen lassen.

Das Außenteam begab sich in den Transporterraum und wollte sich trotz Qs Angebot lieber konventionell auf den Planeten beamen lassen. Plötzlich meldete sich die Brücke.
"Captain, Sie dürfen auf keinen Fall hinunter beamen", berichtete Riker. "Was soll das, Nummer 1?! Ist das ein Scherz?"  "Nein, es möchte Sie jemand sprechen. Es ist Alpha Eins." Michelle wollte sofort auf die Brücke. Q packte sie am Arm. "Sie erlauben, Michelle?" Ein Schnipp und das Außenteam befand sich im nächsten Moment wieder auf der Brücke. Michelle registrierte freudig die Vorteile Q an Bord zu haben.
"Öffnen Sie den Kanal, Mr. Worf." Michelle sah sich nun dem Führer des Planeten gegenüber. Alpha Eins. "Mein Freund, die Rettung ist nah." Er lächelte, sah aber sehr krank und geschwächt aus.
"Captain, wir danken Ihnen für Ihr Erscheinen. Obwohl wir wissen, dass Sie uns nicht werden retten können..."  "Wir haben Hilfe mitgebracht." Sie deutete auf Q, der neben sie trat.
"Dies ist Q. Wenn Ihnen jemand helfen kann, dann er. Klären Sie uns kurz über die Geschehnisse auf." Er nickte. "Aus unerklärlichen Gründen hat unserer Planet seine Umlaufbahn zu unserer Sonne verändert. Zunächst nur um ein Grad. Wir sahen kein Problem darin. Doch dann änderte sich die Umlaufbahn schlagartig und die Sonne geriet in die Anziehungskraft unseres Planeten. Seitdem wird es immer heißer, selbst in unseren unterirdischen Städten und tödliche Strahlung überflutet den Planeten und die Höhlen." Michelle sah ihren einstigen Entführer mitfühlend an.
"Q?" fragte sie. "Eigentlich kein Problem. Ich muss kurz ins Kontinuum, mir eine Genehmigung holen. Bürokraten. Früher konnte ich Planeten bewegen, wie ich Lust hatte. Aber seit kurzem müssen wir für alles den Rat befragen." Er schnippte sich in einem gleißend weißen Licht fort.
"Und Sie sind sicher, dass er wieder kommt?" Riker zeigte seine Zweifel deutlich. "Nummer 1, jetzt fangen Sie bloß nicht so an! Er hat gesagt, dass er uns hilft. Wir müssen abwarten... Alpha Eins, ich melde mich, sobald es etwas Neues gibt." Die Verbindung wurde beendet. Michelle ging in ihren Raum, wo sie mit einem besonders starken Kaffee nervös auf und ab lief. Die Zeit zerfloss nur so. Michelle wurde immer ungeduldiger. Vielleicht hatte Riker doch Recht? Würde Q sie im Stich lassen?
Im nächsten Moment erschien in Michelles Bereitschaftsraum wieder ein helles Licht und daraus trat Q, aber nicht alleine.
"Q?" fragte Michelle verwundert. "Darf ich vorstellen, Captain Michelle Riker. Q und Q." Natürlich.
"Der Rat konnte nicht glauben, dass ich etwas Gemeinnütziges tun möchte und ein ganzes Volk retten werde. Sie wollten Zeugen dabei haben." Michelle grinste. Die Situation erinnerte sie an die alte Erdenfabel vom Schafhirten, der immer nach dem Wolf rief. Man glaubte ihm nicht, als wirklich der Wolf kam. Q wollte etwas Gutes tun und der Rat glaubte ihm nicht. Nun egal.
"Schreiten Sie zur Tat." Michelle ging voran auf die Brücke, gefolgt von drei Q.
Q schnippte und auf dem Hauptschirm erschien eine Grafik dieses Raumsektors. Man sah deutlich, wie rasch die Sonne sich Alpha Thethys näherte. Q schnippte ein weiteres Mal. Nun sah man, wie die Sonne in ihre ursprüngliche Position zurückkehrte und der Planet wieder seine alte Umlaufbahn einnahm.
"Soll ich den Planeten wieder herstellen? Die Feuer löschen und alles wie vorher aussehen lassen?" Michelle nickte einverstanden und warf einen unsicheren Blick auf die beiden anderen Qs. Sie gaben Q stumm ihr Einverständnis und schnippten sich fort.

"Danke, Q." Diese Worte waren Michelle wieder einmal nicht leicht über die Lippen gekommen. Er grinste dreist und ergriff galant Michelles Hand, die er schnell küsste.
"Ich danke Ihnen, mon capitain. Sie haben einen Großteil zu meiner Rehabilitierung geleistet. Und nun gehe ich, aber ich komme wieder." Natürlich.
Qs Licht erschien und er verschwand.
Auf dem Monitor sah man wieder Alpha Eins. "Captain, wir sind Ihnen und Ihrem Freund zu tiefstem Dank verpflichtet. Dies können wir nie wieder gut machen..."
Michelle schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln und erklärte: "Aber das haben wir doch gerne getan. Wir verschwinden jetzt wieder und seien Sie unbesorgt, niemand erfährt von Ihrer Zivilisation." Der Alpha verbeugte sich und beendete die Übertragung.
"Kurs nach Deep Space Six, Warp 5. Captain Picard hat einen Termin einzuhalten… Und ich muss mir eine Erklärung für die Verspätung überlegen", murmelte Michelle und ging in ihren Bereitschaftsraum.




13. M.J.

Auf Deep Space Six übernahm die Enterprise noch ein neues Besatzungsmitglied. Nichts Ungewöhnliches, an und für sich. Doch dieser junge Fähnrich war ungewöhnlich.
Sie kam frisch von der Akademie, war zwar noch unerfahren, aber Jahrgangsbeste mit Auszeichnung in Warptheorie und Exobiologie. Als Jahrgangbeste hatte sie selbst die Enterprise als ihren ersten Posten auswählen können.

Data sollte Fähnrich M.J. an der Andockschleuse in Empfang nehmen und sie in die Beobachtungslounge begleiten. Als Jahrgangsbeste und zukünftiger Brückenoffizier gebührte ihr ein etwas aufwendigeres Willkommen.
Data begrüßte sie und hielt überrascht inne. Der Fähnrich trug eine kleine Tasche über der Schulter und im Arm einen irdischen Primaten. Einen recht munteren Schimpansen. Ihr übriges Gepäck wartete bereits in ihrem neuen Quartier auf sie.
Auch stellte Data verblüfft fest, dass er einer grinsenden Vulkanierin gegenüber stand.
"Ich sehe schon Ihre Verblüffung, Commander. Dies ist Tinka, mein Haustier."  "Ich bin zugegeben mehr als verwirrt, Fähnrich. Ihr Haustier verstößt natürlich nicht gegen die Vorschriften, ist aber sehr ungewöhnlich. Ich selbst habe eine Katze, Spot und ihre fünf Kinder. Allerdings leben Sie in verschiedenen Quartieren bei Kindern von Crewmitgliedern in Pflege... Ich plappere, Verzeihung." Sein Gegenüber grinste immer noch.
"Sie kommen aber gut mit Ihrem Emotionschip zurecht, Commander... Ich habe die Akten der Führungsoffiziere studiert, bevor ich mich endgültig für die Enterprise entschieden habe. Daher weiß über Ihr Gefühlsleben Bescheid... Auch meine Emotionen machen mir manchmal schwer zu schaffen", erklärte sie lächelnd, während sie in Richtung Turbolift gingen.
"Ich bin noch nie einer lächelnden Vulkanierin begegnet. Das verwirrt mich etwas, oder sind Sie eine romulanische Spionin?" Sie spielte Schockiertheit.
"Aber Commander! Nein, ich bin nur zur Hälfte Vulkanierin. Meine Mutter war eine Betazoidin. Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern dabei gedacht haben, als sie ihre Gene - kühle Logik und feurige Emotionen - gemischt haben. Leider kann ich sie nicht mehr fragen, sie kamen bei einer Forschungsmission im Beta-Quadranten ums Leben."

Inzwischen hatte der Turbolift die Brücke erreicht. Sie gingen zielstrebig auf die Beobachtungslounge zu. Getuschel ergriff die Brücke, als man den Primaten entdeckte. Data ließ einen tadelnden Blick über die Crewmitglieder schweifen, augenblicklich herrschte wieder Ruhe.

Als sie die Beobachtungslounge betraten, unterhielten sich die wartenden Brückenoffiziere angeregt. Riker saß halb auf dem Konferenztisch und gab einen seiner Witze zum Besten. Beverly und Michelle unterhielten sich über Kinderkrankheiten.
Data stellte Fähnrich M.J. vor, die freudig willkommen geheißen wurde. Auf Drängen ihrer neuen Kameraden berichtete sie, wie sie zu einem so außergewöhnlichen Gefährten wie Tinka gekommen war.

Es war während eines Forschungsausfluges der Akademie gewesen. Auf einem Planeten eine Tagesreise von der Erde entfernt entdeckten sie zufällig einen Zirkus. M.J. stellte mit Entsetzen fest, unter welchen barbarischen Bedingungen die Tiere dort vegetieren mussten. Sie kaufte dem Direktor Tinka ab und legte ihm nahe, innerhalb eines halben Jahres alles den Föderationsstandards anzugleichen.
Nach Ablauf der Frist kehrte sie inkognito zurück und stellte fest, dass der Direktor ihre Auflagen ignoriert hatte. M.J. informierte das Amt für Artenschutz in San Francisco. Die Tiere wurden in einen artgerechten Zoo umgesiedelt und der Direktor bekam ein Quartier in der Gefängniskolonie auf Neuseeland.

Wenig später begleitete Data die junge Frau und ihren Gefährten in ihr neues Quartier.
M.J. bat Data noch hinein und begann sogleich auszupacken.
Überrascht stellte Data fest, dass M.J. eine Künstlerin war. Sie brachte eine Staffelei und alles nötige Zubehör zum Vorschein und einige ihrer eigenen Bilder. Neben ihre Staffelei stellte sie eine, die für ein Kind geeignet gewesen wäre. Oder einen Schimpansen. Tinka trollte sich sofort zu den Farben und begann mit seinem künstlerischen Geschmiere. "Verblüffend!" stellte Data fest. "Ich wette, dass kann Ihre Katze nicht." Sie grinste.
"Allerdings nicht... Und das ist auch für Tinka?" Er deutete auf eine kleine Hängematte mit Gestänge, die M.J. aufbaute.
"Natürlich, er braucht doch ein Bett. Tinka, an den Tisch. Essen." Sofort warf Tinka die Pinsel auf den Boden und begab sich zu dem großen Tisch. Während M.J. ihm Müsli und frisches Obst replizierte, kletterte er auf den Stuhl. Sie stellte die Teller vor ihn und erklärte: "Aufessen, verstanden?" Tinka zeigte grinsend seine Zähne.

"Mr. Data, melden Sie sich auf der Brücke", befahl Riker. "Bin auf dem Weg, Sir." Er stand bereits in der Tür, als M.J. ihn nach ihrer neuen Mission fragte. "Wir holen Wetterkontrollegeräte auf Rigas V ab und bringen Sie nach Tenil, wo sie dringend benötigt werden. Anschließend holen wir noch den Vater von Captain Riker, Captain Picard, ab. Und wenn nichts dazwischen kommt, bekommt die Crew auf Risa einige Tage Landurlaub." Damit verabschiedete er sich und begab sich zur Brücke.

Natürlich kam etwas dazwischen, ein Notruf von einem Transporter. Er trieb antriebslos im All. Und natürlich war es für die Enterprise eine Selbstverständlichkeit zu helfen.

Der Captain des Transporters wurde nach ersten Gesprächen an Bord gebeamt. Man gestattete ihm beschränkten Zutritt und als Eskorte stellte der Captain Worf ab.
Worf zeigte Captain Norton das Schiff und den Maschinenraum, wo er Geordi die defekten Module seines Antriebs überließ. Eine Kleinigkeit für den Chefingenieur.

Der Weg führte sie vorbei an den Schulklassen. Norton war überrascht, wie viele Zivilisten an Bord des Schiffes lebten. Und wie viele Kinder. Es blitzte in seinen Augen. Worf bemerkte es nicht, da er Norton gerade auf die Fortbildungsklassen der Nachwuchsoffiziere aufmerksam machte. Nun grinste Norton, wieder unbemerkt. Dieser Zwischenstopp konnte für ihn und seine Crew sehr lukrativ werden.

Worf führte Norton im Anschluss wieder auf das Maschinendeck und überließ ihn Geordis Obhut. Dieser erklärte ihm den Warpantrieb und gemeinsam machten sie sich daran, den Antrieb von Nortons Schiff wieder herzustellen.

Wenige Stunden später war der Antrieb wieder in Takt gesetzt. Captain Norton bedankte sich und verließ die Enterprise.

Und einige Augenblicke später kamen der wahre Charakter Nortons und seine Absichten ans Tageslicht. Als er auf die Enterprise das Feuer eröffnete und die Schilde außer Funktion setzte. Er hatte auf dem Maschinendeck die Modulation der Schilde in Erfahrung gebracht. Eine Sekunde später meldeten die Sensoren das Verschwinden von über 50 Kindern und zwei Gruppen Nachwuchsoffizieren.
Michelle stockte der Atem. Sie taumelte rückwärts. Riker fing sie auf und führte sie zu ihrem Stuhl. Andy war glücklicherweise zu jung für Schulunterricht, sie war in der Kleinkinderbetreuung sicher aufgehoben. Aber Yamara und Wesley. Sie beide nahmen derzeit an Fortbildungsmaßnahmen teil und waren vom Dienst befreit.
"Worf, unter den entführten Offizieren sind Yamara und Wesley?" Es war eigentlich schon eine Feststellung - die Worf leider bestätigen musste. Er knurrte unflätige klingonische Verwünschungen über die Entführung seines Patenkindes. Er nahm diese Rolle sehr ernst.
"Ruhe bewahren, Worf. Das gilt für alle! Ich will eine Verbindung zu dem Schiff! Sofort!"
Auf dem Bildschirm erschien Captain Norton, dreist grinsend und äußerst siegesgewiss.

"Geben Sie sie zurück! Sofort!"  "Ich weiß gar nicht, was Sie meinen, Captain Riker." Michelle schnaubte und ließ die Verbindung trennen. Fragend blickte sie zu Troi.
"Er wird sie freiwillig nicht rausgeben. Seine Gedanken sind jetzt, wo er hat, was er wollte, sehr leicht zu lesen. Als er auf der Enterprise war, hat nichts seine Absichten verraten. Er ist ein Sklavenhändler, der vorwiegend Kinder, Frauen und Jugendliche in die Minen auf Rurapente verkauft." Michelle schluckte. Die Minen hatten früher den Klingonen als Strafkolonie gedient. Im Rahmen des Friedensvertrages mit der Föderation hatten sie den Planeten verkauft, an wen war unbekannt.
"Captain, das Schiff startet!"  "Traktorstrahl!" Zu spät, es ging auf Warp. "Verfolgung aufnehmen, Captain?" fragte Riker besorgt.
"Nein, Nummer 1. Wir haben einen Auftrag. Die Kampfsektion kann ich auch nicht abtrennen, die Evakuierung würde zu lange dauern. Ich nehme die Captains Yacht, zwei Langstreckenshuttles, Worf und Data als Piloten und die besten Sicherheitsleute, die wir haben." Sie sah Rikers Blick.
"Und Sie, Commander, halten einmal in Ihrem Leben die Klappe, wenn Ihnen Ihre Karriere, Ihr Leben und Ihre Tochter am Herzen liegen!!"
Darauf konnte Riker nichts mehr erwidern. Er nickte und gab die nötigen Befehle.

Es blieb keine Zeit für eine lange Verabschiedung. Michelle hatte das Oberkommando informiert, aber nicht auf eine Antwort gewartet. Sollten Sie ihr einen Tadel verpassen.
Die beiden Shuttles waren bereits abgeflogen. Michelle stand an der Startrampe der Captains Yacht.
"Du weißt, was zu tun ist, falls..." Er legte ihr einen Finger auf die Lippen. "Sag es nicht, du kommst zurück. Und jetzt rette die Kinder und unsere Leute." Seine Augen glitzerten. Er ließ seine Frau nicht gern ziehen. Aber sie hatte Recht. Verdammt, er hasste es, wenn sie sich in Gefahr begab. Er hätte fliegen sollen. Aber Michelle hatte so ein verdammtes Ehrgefühl wie die Klingonen. Zum Glück war Worf dabei, er würde sein Leben geben, um seinen Captain zu schützen. Kaum jemanden und vor allem nur sehr wenige Frauen achtete und verehrte Worf so sehr wie Michelle.

Michelle betrat ihre Yacht und leitete die Startsequenz ein. Im letzten Moment sprang durch die sich schließende Einstiegsluke Fähnrich M.J. herein.
"Was machen Sie hier, Fähnrich?"  "Sie brauchen einen Copiloten, Ma'am. Und ich bin die Beste, die Sie bekommen können. Zumindest so kurzfristig." Michelle blickte sie fragend an und startete.
"Resque One, Resque Two hier spricht der Captain. Kurs nach Rurapente. Maximum Warp!"

Riker sah, wie die Shuttles und die Yacht in einem Lichtblitz verschwanden und ließ Kurs nach Rigas V setzen. Er ging in den Bereitschaftsraum und setzte sich mit Picard in Verbindung.

An Bord des Sklavenschiffes lag Yamara in Wesleys Armen, schwer verletzt. Sie blutete aus mehreren Phaserwunden und fieberte stark. Natürlich hatte sie einen Fluchtversuch angezettelt. Allerdings waren die anderen Offiziere glimpflicher davongekommen, mit einigen Kratzern. Wesley standen die Tränen in den Augen.
"Yamara, mach die Augen... Yamara, du sollst die Augen aufmachen, du sture, aufbrausende Klingonin!" Sie versuchte ihm einen Knuff zu verpassen, war aber zu schwach. "Denk dran... wer ... meine ... Mutter..." Sie verlor das Bewusstsein.
"Yamara, nein. Du darfst nicht sterben." Fähnrich Lynn nahm einen Tricorder und scannte ihre Lebenszeichen.
"Wesley, noch lebt sie. Ihre so verhasste klingonische Physiologie wird ihr wahrscheinlich das Leben retten." Wes nickte und fuhr ihr sanft durch die Locken, die sich aus ihrer Frisur zu lösen begannen.
Captain Norton ging mit einem anderen Mitglied seiner Mannschaft vorüber, er gab Zeichen den Tricorder aus der Zelle holen zu lassen. Wesley fasste ihn ins Auge. "Norton!" bellte er. "Was willst du, Kleiner?"  "Sehen Sie diese Frau? Sie ist die Tochter des Captains. Und ich liebe sie. Und ich schwöre beim Grab meines Vaters, wenn sie stirbt, gehören Sie ihrem Patenonkel, ihrem Vater und mir!!!"  "Jetzt hab ich aber Angst, Bursche!"  "Haben Sie schon mal gesehen, wie ein Klingone Blutrache übt? Ihr Patenonkel ist unser Sicherheitschef! Und Captain Riker und ein Team oder sogar die Enterprise sind Ihnen auf den Fersen. Ich hoffe, Sie haben Ihr Testament gemacht!!" Norton lachte, aber er machte sich doch etwas Sorgen.
Verdammt, warum ließ der Captain anscheinend ihre gesamte Familie auf dem Schiff dienen? Jetzt hatte er die rothaarige Tussi an der Backe kleben wie Risa-Antifalten-Schlamm.

Norton ließ noch einmal den Kurs ändern. Woher sollte diese Frau wissen, dass er nach Rurapente wollte? Er machte sich keine großen Gedanken.

"Wir müssen sie abfangen, bevor sie die Minen erreichen. Das ist inzwischen Niemandsland."  "Captain, das schaffen wir nicht. Selbst wenn wir nonstop Maximumwarp fliegen. Unmöglich."  "Sagt das Ihre vulkanische Logik? Und was meint Ihre betazoidische Seite dazu?" M.J. grinste. Sie hatte einen Einfall. "Lieutenant Worfs Bruder hat einen Sitz im Hohen Rat, oder?" Michelle grinste nun ebenfalls.
"Resque One, Worf, setzen Sie sich mit Kurn in Verbindung. Ich möchte einen Gefallen einlösen, den er meinem Vater schuldet."


Yamaras Biowerte verschlechterten sich zusehends. Wesley bat mehrfach um Medikamente, er hatte bei seiner Mutter genug über erste Hilfe gelernt. Norton interessierte es nicht, was aus einem Sklaven wurde. Er hatte noch genug zu verkaufen.
Dem Frachtraum näherte sich eine junge Frau. Sie trug um den Hals eine Kontrollmanschette. Eine Sklavin. Vermutlich gehörte sie Norton persönlich. Sie war eine Trill. Wesley war überrascht und entsetzt. Sollte der Wirt sein natürliches Ende finden und kein neuer zur Verfügung stehen, würde der Symbiont mit ihr sterben. Und all das Wissen.
"Hallo", flüsterte sie. "Hallo. Bist du vereinigt?" Sie nickte. "Warum versuchst du nicht zu fliehen?"  "Das fragst du? Sieh dir die Frau in deinen Armen an und du kennst die Antwort." Er nickte stumm.
"Hier. Das wird ihr helfen. Vielleicht überlebt sie, bis Hilfe kommt... Nehmt ihr mich mit? Ich will wieder nach Hause..."  "Kommst du von der Trillheimatwelt?" Wieder nickte sie. Zuviel sprechen könnte Aufmerksamkeit erregen. "Wie alt bist du?"  "Ich bin 683 Jahre alt."  "Wow... Danke für die Medikamente. Jetzt verschwinde besser, bevor du entdeckt wirst." Sie entfernte sich leise und schnell.

Fähnrich Lynn assistierte Wesley. Aber viel konnten sie nicht tun. Sie flößten Yamara etwas Wasser ein und hielten sie ansonsten lieber bewusstlos.


Zwei Standardtage später erreichte Captain Nortons Schiff Rurapente. Als er in das System einflog, meldete sein Sensoroffizier merkwürdige Werte. Norton blieb keine Zeit sich zu wundern. Vor ihm, neben ihm zu beiden Seiten und hinter ihm enttarnten sich vier klingonische Bird of Preys. Eines hatte im Traktorstrahl die Shuttles und die Captains Yacht.
Norton wurde gerufen. Er antwortete, kreidebleich und schweißbedeckt.
Auf seinem Monitor erschien Kurn persönlich. "Sie menschlicher Wurm haben einen großen, großen Fehler begangen. Bei dem Vater dieser Frau", er deutete auf Michelle "habe ich eine Schuld zu begleichen und das ist heute der Fall! Ergeben Sie sich umgehend oder wir entern, was uns mehr Spaß machen würde!" Er lachte. Michelle war nicht nach Lachen zumute. Aber sie war sehr froh, dass Kurn so schnell reagiert hatte.
Norton senkte die Schilde und ließ ein Enterkommando an Bord.

Michelle schritt auf ihn zu, holte aus und schlug mit voller Wucht zu. "Mr. Worf, dieser Mann hat einen Angriff auf mich unternommen. Stimmt das?"  "Ja Captain, Sie haben sich lediglich verteidigt." Sie schlug ein weiteres Mal zu.
"Er gehört Ihnen. Aber lassen Sie ihn am Leben. Die anderen folgen mir. Schaffen Sie zuerst die Kinder von Bord. Kurn, sie brauchen etwas anderes zu essen als Gagh." Er nickte.
Michelle rannte durch die Korridore gefolgt von Data, M.J. und den Sicherheitsleuten.
Sie erreichten den Frachtraum. Michelle stockte der Atem.
"Yamara?" Sie schluckte. Nein, nicht ihr Kind. Sie konnte viel ertragen, aber nicht, dass ihre Tochter vor ihren Augen starb.
Michelle deaktivierte das Kraftfeld und sank auf die Knie. Sie sah die anderen nicht, sie sah Wesley nicht. Sie sah nur ihr Kind, das kaum noch atmete.
"Helft ihr", schrie sie verzweifelt. "Helft ihr!!!" Data zog Michelle sanft weg und ließ die Sanitäter vorbei. Doch plötzlich drängte M.J. sich vor und legte die Hände auf Yamaras schlimmste Verletzungen.
"Was tun Sie da?" fauchte der Sanitäter. "Captain, Michelle. Haben Sie schon von Lebensformen gehört, die Schmerzen und Verletzungen anderer absorbieren können und sich anschließend selbst heilen?" Michelle verstand kein Wort. "Ich kann sie retten." Das verstand sie. Sie nickte schnell und gab den Sanitätern zu verstehen, dass sie beiseite treten sollten.
M.J. setzte die Behandlung fort. Ein Leuchten umgab sie, ihre Nackenhaare stellten sich auf.

Nach quälenden Minuten ließ M.J. von Yamara ab und sackte erschöpft zusammen. "Jetzt wird sie einen Transport überstehen." Data half ihr aufzustehen.
"Was haben Sie getan? Und wie?"  "Es liegt wohl an meiner besonderen DNS. Keine Ahnung. Aber ich habe Yamaras Schmerzen und einen Teil ihrer Verletzungen übernommen und, wie ich gesagt habe, mich anschließend selbst geheilt... Deswegen musste ich mit, verstehen Sie? Nur ich konnte helfen."  "Haben Sie in die Zukunft gesehen?" Sie schwieg und machte sich auf den Weg zum Transporterraum.
"Lasst Sie gehen. Und die Übrigen verlieren kein Wort über diesen Vorfall. Ist das klar!?" Das war wieder die alte Michelle. Alle nickten, sie hatten verstanden.
"Das gilt auch für dich Wesley. Du hast das nicht gesehen. Unsere Ärzte haben Yamara für den Transport vorbereitet." Der Freund ihrer Tochter wirkte noch ganz benommen von der Angst um Yamara.
"Aber", setzte er zu einem Widerspruch an. 
"Kein aber! Ich weiß nicht genug über unseren neuen Fähnrich. Zurück auf die klingonischen Schiffe."

Yamara erholte sich zusehends auf dem Flug nach Tenil. Kurn lieferte das Team und die Geretteten persönlich mit seinem Flaggschiff am vereinbarten Treffpunkt ab. Die Schuld war beglichen. Gegen Captain Norton wurde nach seiner Entlassung aus der Krankenstation Anklage erhoben. Er selbst musste nun den Rest seines Lebens in einer Mine arbeiten, ohne Hoffnung je wieder das Tageslicht zu sehen.
Gegen die Betreiber von Rurapente konnte die Föderation nichts ausrichten. Es war selbst den Geheimdiensten nicht bekannt, wer die Betreiber waren.
Ein Transporter brachte die junge Trill, Monra Koh, zurück auf ihre Heimat, wo sie einen Antrag auf Eintritt in die Sternenflottenakademie stellte. Sie wollte sich revanchieren für ihre Rettung und nun endlich auch in diesem Leben etwas Sinnvolles tun.

Allmählich normalisierte sich das Leben auf der Enterprise wieder. Yamaras Genesung schritt gut voran und auch die anderen Entführten erholten sich wieder.

Data brachte M.J. das erste Mal nach Ten Forward, das ihr sofort gefiel. Von diesem Zeitpunkt trafen sich die beiden dort jeden Abend zum Essen und verbrachten einen guten Teil ihrer Freizeit miteinander.




14. Unbekannte Gesichter.

Die Enterprise befand sich im Orbit von Tenil. Die Techniker bereiteten ihre Mission auf dem Planeten vor, die Installation eines planetenweiten Wetterkontrollsystems.

Da im Moment alles routiniert ablief, hielten sich viele Crewmitglieder in Ten Forward auf. M.J. unterhielt sich mit Data, Geordi half René bei den Mathematikaufgaben, die inzwischen vollständig genesene Yamara flirtete wie eh und je mit Wesley.

Riker betrat die Bar und ging auf Datas Tisch zu. "Darf ich mich zu Ihnen setzen? Ich will die beiden Turteltauben nicht stören." Er blickte grinsend in Yamaras Richtung - glücklich, dass seine Tochter das letzte Abenteuer so glimpflich überstanden hatte.
"Aber natürlich, Commander." Auch M.J. hatte nichts dagegen.
"Und wie gefällt es Ihnen auf der Enterprise? Haben Sie schon Freundschaften geschlossen?" wurde M.J. gefragt.
"Ich fühle mich sehr wohl auf dem Schiff, Sir. Ich... Commander, hinter Ihnen steht ein Fähnrich, der Sie wohl sprechen möchte." Riker drehte sich um und entdeckte René. "Was gibt es?"  "Na ja, ich habe Probleme mit meinen Hausaufgaben und Geordi muss aufs Maschinendeck. Und Wes und Y... na ja, kannst du mir nicht helfen?" Der junge Mann wirkte verlegen.
"Bestell mir etwas zu trinken und dann helfe ich dir, Junior... Data, M.J. entschuldigen Sie mich." Sie nickten.

"Ist der Commander immer so hilfsbereit?"  "Oh ja. Immer. Und René würde er ohnehin stets helfen. Er ist der Cousin des Captains. René Picard. Er wird nächstes Semester mit Yamara auf die Akademie gehen. Die beiden werden hier angelernt und vorbereitet. Dann schneiden Sie erwartungsgemäß besser ab und dienen anschließend auf dem Schiff."  "Sagten Sie Picard? Oh, ja richtig. Captain Riker ist die Tochter von Captain Jean-Luc Picard, er kommandierte vor ihr die Enterprise." Data nickte bestätigend.
"Vielleicht haben Sie Glück, M.J. Wir holen Captain Picard bald ab. Dann können Sie ihn kennen lernen." Sie grinste.
"Er ist eine lebende Legende. Viele Missionen und Taktiken von ihm werden bereits auf der Akademie gelernt. Ich bin sicher, Yamara und René werden noch mehr darüber hören. Aber sie wissen sicher bereits viel über ihren berühmten Verwandten." Aufmerksam folgte Data den Ausführungen des Fähnrichs und bemerkte nicht, wie jemand hinter ihn trat.
"Ja, aber ich hoffe, ich erhalte keine Sonderbehandlung, weil ich Picards Enkelin bin. Gut, dass ich den Namen Riker angenommen habe. Der ist zwar auch weit bekannt, aber wohl eher in der Damenwelt, als in den Gelehrtenkreisen", erklärte Yamara grinsend, die sich unbemerkt an den Tisch von Data und M.J. gesellt hatte.
"Weiß der Commander, was Sie von seiner Reputation denken?" konterte M.J. "Er hat doch selbst für diesen Ruf gesorgt. Nein, Scherz beiseite. Ich bin stolz den Namen Riker zu tragen, ebenso wie auf den Namen Picard." Und hoffentlich bald auf den Namen Crusher, setzte sie in Gedanken hinzu. Denn vor ihrem Fortgang an die Akademie hatte Yamara geplant heimlich zu heiraten. Heimlich war der entscheidende Faktor, denn obwohl sie schon zweiundzwanzig war, würde Michelle sicher ausflippen. Besser Yamara war viele Lichtjahre entfernt, wenn ihre Mutter von der Heirat erfahren würde.
In Gedanken vertieft, machte Yamara sich auf den Weg zum Holodeck, um noch ein wenig ihre Freizeit zu genießen, bevor der reguläre Dienst begann.

Auf der Brücke stellte Worf gerade eine Verbindung mit Tenil her. Michelle begrüßte Premierminister Sergal und informierte ihn, dass die Teams bereit zum Beamen wären. Ihr Gegenüber lud sie zu einer persönlichen Führung in der Hauptstadt ein, die Michelle dankend annahm. Jede Gelegenheit für eine Außenmission, bei der Riker nicht widersprechen konnte, genoss sie.

Grinsend und siegessicher drehte sie sich zu Riker um. "Nummer 1, Sie haben die Brücke. Ich werde mir den Planeten ansehen. Worf, Troi, folgen Sie mir. Commander Data, treffen Sie uns in Transporterraum 2." Riker wünschte viel Vergnügen und nahm in Michelles Stuhl Platz. Er gönnte ihr den Spaß, solange keine Gefahr bestand.


Während das Außenteam sich vom Premierminister durch die Hauptstadt führen ließ, arbeiteten die Technikerteams bereits an der Installation des Hauptkontrollrechners. Diesen Einsatz leitete Geordi persönlich.

Aber auch er brauchte mal eine Pause. Vor dem Kontrollzentrum begann eine schöne Allee, die in ein Waldstück führte. Also machte Geordi einen Spaziergang und begutachtete mit Hilfe seines VISORS die kuriose Fauna und Flora des Planeten. Das Gras war hier blau, der Himmel violett. Natürlich sah Geordis dies nicht, aber der VISOR übermittelte an sein Gehirn die entsprechenden Informationen. Fasziniert beobachtete er die einheimischen Tiere, die für menschliche Augen, doch mehr einem Märchenbuch entstiegen zu sein schienen. Natürlich hatten sie aufgrund ihrer blauen Umgebung entsprechende Tarnfarben. Geordis Uniform stach geradezu aus der Landschaft heraus. Grün- und Gelbtöne waren auf diesem Planeten höchst selten.

Plötzlich zog ein Sturm auf. Der Himmel verfärbte sich in ein bedrohliches Dunkellila, giftgrüne Blitze zuckten über den Himmel, Regen prasselte in großen Tropfen herunter. Geordi, der bereits tief in den Wald hineingegangen war, drehte um und beschleunigte seinen Schritt.
Vor dem Gewitter hatte ihm der Wald definitiv besser gefallen. Er hatte die Allee gerade erreicht, als ein Blitz einschlug und ein Ast auf ihn herabstürzte. Geordi sprang zur Seite, doch der Ast traf ihn am Kopf, er verlor das Bewusstsein.
Der Sturm wurde immer stärker.

"Das ist ein Frühlingssturm, allerdings noch harmlos. Verstehen Sie, warum wir das Wetterkontrollsystem benötigen?" Der Premierminister kämpfte verbal gegen das Unwetter an.
"Diese Stürme vernichten jedes Jahr unsere Ernten, dies ist erst der Anfang. Sie gehen übergangslos bis zum Winter weiter."
Inzwischen hatte die Gruppe ein sicheres Gebäude erreicht und nahm dankbar die Handtücher entgegen, die ihnen die Assistenten des Premierministers reichten.
"Captain, hier spricht Lieutenant Soro." Michelle berührte ihren Kommunikator. "Was gibt es, Lieutenant?"  "Ma'am. Commander LaForge ist vor dem Sturm spazieren gegangen und nicht wieder zurück gekommen."  "Wir werden ihn suchen. Beenden Sie Ihren Einsatz und kehren Sie dann umgehend auf die Enterprise zurück. Riker Ende." Sie gab der Enterprise Befehl, das Außenteam zu den letzten bekannten Daten von Geordi zu beamen. Worf fragte nur kurz nach, ob sie nicht den Commander informieren sollten und erntete einen bösen Blick seines Captains.

"Funktionieren die Tricorder?" schrie Michelle gegen den Sturm an. "Negativ, Captain."  "Worf, gehen Sie voraus. Wenn Sie LaForge finden, werfen Sie ihn über die Schulter und kommen sofort zurück! Deanna kehr um. Besser noch, beame auf das Schiff und unterrichte Riker." Ihre Beraterin schüttelte den Kopf.
"Das hättest du wohl gern, Captain?! Soll ich deinem Mann erklären, dass du in diesem Unwetter steckst? Lieber bleibe ich hier!" Michelle grinste.
"Na schön, aber wir gehen hintereinander, um besseren Sichtkontakt zum Kontrollzentrum zu halten." Sie nickte.

Kurz darauf fanden sie den bewusstlosen LaForge. Worf hob ihn auf und ging zügig den anderen entgegen. Michelle befahl zum Kontrollzentrum zurückzukehren.
Sie waren vielleicht eine halbe Meile von dem Gebäude entfernt, als eine Explosion sie alle zusammenzucken ließ. Sie gingen in Deckung und spähten dann vorsichtig in die Richtung der Explosion.
Das Kontrollzentrum existierte nicht mehr. Michelles Herz setzte einen Augenblick aus. Sie dachte an ihre Leute und an die einheimischen Wissenschaftler.
Mit zitternder Hand betätigte sie ihren Kommunikator und ließ alle auf die Enterprise beamen.

Geordi kam sofort auf die Krankenstation. Riker hatte von der Explosion erfahren und kam Michelle auf dem Weg vom Transporterraum entgegen. Trotz der umstehenden Offiziere nahm er seine Frau kurz in die Arme.
Die Umarmung tat gut, Michelle gewann ihre Stärke zurück. "Wer war das?" knurrte sie.
"Es gibt eine Botschaft. Gehen wir in deinen Raum. Komm." Er schubste Michelle zum Turbolift und entließ die übrigen in ihre Pflichten.

Michelle holte sich einen starken Kaffee vom Replikator und setzte sich dann in ihren Stuhl. Riker stand hinter ihn, die Hände auf ihre Lehne gestützt. Er ließ die Botschaft abspielen.
Sie sahen einen jungen Einheimischen in schwarzer Uniform, im Hintergrund ein großes Logo, das einen vom Blitz getroffenen Baum zeigte.
"Dies ist eine Botschaft der Umweltschutzgruppe "Free Nature" oder in unserer Sprache "Ranganish". Wir wissen, dass die Regierung Tenil jahrhundertelang ausgebeutet hat und nun wollen sie die Natur wieder manipulieren. Mit Wetterkontrollsystemen von der Föderation. Wir haben den Hauptkontrollrechner und das Kontrollzentrum zerstört und die dort befindlichen Sternenflottenwissenschaftler getötet!" Er schien stolz auf seine Tat zu sein. Michelle ballte die Hände zu Fäusten und stieß zischend die Luft aus.
"Dieser Planet soll seiner natürlichen Evolution folgen und nicht durch die derzeit vorherrschende Spezies manipuliert werden zu ihrem Fortbestand. Wir raten der Föderation, den Planeten umgehend zu verlassen, oder Sie haben die Konsequenzen zu tragen." Der Monitor wurde kurz schwarz, dann erschien das Logo der Föderation.
"Stell eine Liste der Opfer zusammen. Ich muss die Familien informieren." Riker nickte. "Wollen wir auf die Krankenstation und nach Geordi sehen?"  "Ja, geh vor. Ich komme sofort." Riker verließ den Bereitschaftsraum und überließ Michelle ihrer Trauer und Wut. Stumm liefen ihr einige Tränen über die Wangen, die sie frustriert wegwischte. Der Verlust von Menschenleben vor allem aus solchen Gründen, war etwas, das Michelle nicht verstehen konnte.
Sie informierte das Oberkommando und erwartete in Kürze eine Entscheidung, ob die Mission fortgesetzt werden sollte. Mehr konnte sie im Moment nicht tun, außer alle Teams vorerst auf das Schiff zurückzubeordern. Nun war wirklich alles getan und Michelle konnte nach Geordi sehen.

Dr. Crushers Diagnose war teilweise ermutigend. Geordis Verletzungen hatte sie ohne Probleme behandeln können. Aber der Kopf bereitete Beverly Kopfzerbrechen. Zwar konnte sie noch keine absolut genaue Diagnose stellen, doch Geordi litt derzeit unter Amnesie. Wie lange und wie stark diese sein würde, ließ sich zum derzeitigen Zeitpunkt unmöglich sagen.

Michelle trat zusammen mit Riker und Data an Geordis Krankenbett.
"Geordi, erkennen Sie mich?" Er schüttelte bedauernd den Kopf. "Ich bin Michelle Riker, Ihr Captain. Wissen Sie, auf welchem Schiff Sie sich befinden?" Wieder schüttelte er fast entschuldigend den Kopf. Michelle legte ihm ermutigend eine Hand auf die Schulter.
"Kopf hoch, LaForge. Das wird schon wieder."  "Wer ist LaForge?" fragte selbiger. "Sie. Lieutenant Commander Geordi LaForge. Chefingenieur der Enterprise."
"Haben Sie denn alles vergessen?" fragte Data traurig seinen Freund.
"Ich fürchte ja. Ich erkenne auch Sie nicht", entschuldigte Geordi sich.
"Lassen Sie es ruhig angehen. Ruhen Sie sich aus, Geordi. Im Moment können wir sowieso nichts unternehmen. Das Kontrollzentrum wurde von Umweltextremisten zerstört." Geordi sah sie verständnislos an.
"Data, Sie kümmern sich um LaForge. Geben Sie ihm die Berichte dieser Mission zu lesen und seine Dienstakte und wenn er irgendetwas wissen will, beantworten Sie seine Fragen." Data nickte, zufrieden seinem Freund helfen zu können. Doch konnte er das wirklich? Das würde die Zeit zeigen.

Michelle ging mit Riker zurück auf die Brücke, auch in Geordis Fall konnten sie im Moment nicht mehr tun.

Einen Tag später traf die Nachricht der Sternenflotte ein. Die Mission wurde abgebrochen. Das Oberkommando sah keinen Sinn darin, weitere Leben und die Sicherheit der Enterprise zu riskieren, zumal Tenil nicht Mitglied der Föderation war.
Michelle verabschiedete sich von Premierminister Sergal. Dieser entschuldigte sich zum wiederholten Male für den Vorfall und bedauerte, dass die Enterprise ihre Mission nicht fortführen konnte. So musste sein Volk weiterhin mit den Naturgewalten kämpfen und sich vielleicht ein paar Gedanken über ihr Verhältnis zur Natur machen.

Die Enterprise machte sich auf den Weg zu dem Rendezvous mit Captain Picard. Währenddessen war Geordi noch vom Dienst freigestellt und versuchte sich an sein Leben zu erinnern - was ihm scheinbar nicht gelang. Er war sehr bemüht, sich in den täglichen Ablauf des Schiffes zu integrieren. Von zahlreichen Offizieren wurde er auf den Gängen oder in Ten Forward freundlich begrüßt. Er erwiderte stets den Gruß und versuchte sich verzweifelt an die Kollegen zu erinnern.

Gerade saß er in Ten Forward und las ein Buch. Er hoffte, sein von Data bestimmtes Lieblingsbuch und die Atmosphäre dieses Ortes würden seinen Erinnerungen auf die Sprünge helfen.
Frustriert legte er schon nach zwei Seiten das Pad beiseite und trat an das Panoramafenster. Guinan trat wie üblich auf leisen Sohlen hinter ihn.
"Diese Aussicht ändert sich tagtäglich. So wie das Leben." Geordi blickte ihr mit Unverständnis entgegen. "Geordi, Ihre Freunde vermissen Sie. Akzeptieren Sie Ihren derzeitigen Zustand, es wird nie mehr so sein, wie es vor Ihrem Unfall war. Aber Ihre Freunde, die sind immer noch da. Und manche von ihnen brauchen auch immer noch Ihre Hilfe. Zum Beispiel in Warptheorie." Sie nickte in René Picards Richtung. Über seinem Kopf konnte man förmlich Rauchwolken vom Denken aufsteigen sehen.
"Der Junge war mein Freund, richtig?"  "Falsch, Geordi. Er ist Ihr Freund." Mehr brauchte es erst einmal nicht. Geordi raffte sich auf und ging zu Renés Tisch.
"René?" Er war sich nicht ganz sicher, ob der Name stimmte." Der Junge blickte auf - und strahlte. "Geordi. Du bist meine Rettung, diese Warptheorien treiben mich in den Wahnsinn."
Guinan stellte zwei Kaffee auf den Tisch und entfernte sich mit einem Grinsen.
Michelle war in ihrem Privatraum, sie lauschte zum unzähligsten Male einem wunderschönen Flötenkonzert ihres Vaters. Das Türsignal ertönte, sie beendete die Musik und bat den Wartenden herein. Sie war überrascht LaForge zu sehen.
"Mr. LaForge, was kann ich für Sie tun?" Geordi nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz. "Captain, ich möchte wieder meinen Dienst aufnehmen. Ich kann mich zwar noch immer nicht erinnern. Aber ich habe eben Ihrem Cousin bei seinen Studien geholfen. Und dieses Gefühl gebraucht zu werden..." Michelle grinste. "Das brauchen Sie, nicht wahr? Und wir brauchen Sie, Geordi. Den besten Chefingenieur, den die Enterprise je gesehen hat. Sie können Ihren Dienst jederzeit antreten, Geordi." Er nickte und ging zur Tür.
"Mr. LaForge." Er drehte sich um. "Willkommen zu Hause."  "Danke."


Zwei Tage später erreichte die Enterprise ihren Rendezvous-Punkt und nahm Jean-Luc Picard an Bord. Wie immer ein freudiges Ereignis auf dem Schiff.

Picard stieg von der Transporterplattform und ging auf Michelle zu. Er umarmte seine Tochter lange. Glücklich sie wieder einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Und er war froh, dass das Abenteuer mit dem Sklavenhändler so glimpflich ausgegangen war. Natürlich galt seine erste Frage Yamara.
"Es geht ihr wieder gut, Dad. Sie hat ihr kleines Abenteuer gut überstanden."  "Und was ist sonst so in der Zwischenzeit passiert?"
Michelle schilderte auf dem Weg zu Picards Quartier die fehlgeschlagene Mission auf Tenil und berichtete über Geordis Gedächtnisverlust.

Unterwegs trafen sie auf Fähnrich M.J. Michelle stellte ihrem Vater ihr neues Besatzungsmitglied vor. M.J. reichte Picard die Hand und erklärte, wie geehrt sie wäre, seine Bekanntschaft zu machen. Picard schmunzelte amüsiert über diese Heldenverehrung.

Sie gingen nach einem kurz Gespräch und dem Versprechen auf ein gemeinsames Abendessen weiter. Als sie um die nächste Ecke bogen, stand Geordi vor ihnen, mit einem Ausdruck im Gesicht als hätte er einen Geist gesehen.
"Captain....P....Picard", stammelte er. Es war als hätte ein weiterer Blitz eingeschlagen, allerdings dieses Mal in seinem Kopf. Die Erinnerungen seines aufregenden Lebens brachen über ihn herein. Vermutlich ausgelöst durch die Begegnung mit seinem früheren Captain. Erstaunt blickten ihm seine Kollegen entgegen.
"Geordi, erinnern Sie sich wieder?" fragte Michelle hoffnungsvoll. "Ja, ich erinnere mich an alles, Ma'am!" Michelle klopfte ihrem Chefingenieur erleichtert auf die Schulter. Riker grinste zufrieden.




15. Wen die Vergangenheit einholt

Die Enterprise flog zum Planeten Atega 5, um archäologische Ausgrabungen zu überwachen. Die Ateganer waren aufgrund schlechter Erfahrungen mit Grabräubern sehr erfreut, dass das Flaggschiff der Sternenflotte mit der Mission beauftragt worden war.

Als das Schiff den Planeten erreichte, beamte die Leiterin der Ausgrabungen unverzüglich an Bord für eine erste Besprechung. Michelle, Riker und Wesley Crusher gingen zur Begrüßung in den Transporterraum.
Überrascht blickten Riker und Wesley sich an, als sie in der Ausgrabungsleiterin eine alte Bekannte entdeckten.
"Vash!" rief Riker erstaunt aus. Verwirrt stieg die Angesprochene von der Plattform. Michelle ihrerseits versuchte die Verwirrung zu überspielen.
"Willkommen auf der Enterprise. Ich bin Captain Michelle Riker." Vash warf Riker einen eindeutigen Blick zu. "Captain... Riker.... Moment, wo ist denn Jean-Luc?" Bevor alles noch verwirrender wurde, machte Michelle in der Luft ein Aus-Zeichen. "Auszeit, Ladies und Gentleman! Sie scheinen alle außer mir zu kennen. Und was haben Sie mit meinem Vater zu schaffen?" Nun fehlten Vash die Worte. "Ihr Vater? Er hat nie von Ihnen gesprochen, Captain."  "Wir hatten unsere Gründe... Sie hat er im übrigen auch nie erwähnt." Riker grinste bereits. Der Schlagabtausch um die Gunst Picards war wirklich unterhaltsam. Allerdings wollte er die Geduld seiner Frau nicht übermäßig strapazieren und rief über die interne Kommunikation Picard in den Transporterraum.

Picard fiel die Kinnlade hinunter, als er eintrat und Vash entdeckte. Nie hätte er zu hoffen gewagt, sie noch einmal wiederzusehen nach der Abreise mit Q.
"Vash?" Sie gingen sich entgegen. Riker, Michelle und Wesley waren nur noch unbeteiligte Zuschauer.
Picard ergriff völlig überrumpelt ihre Hand. Plötzlich aus einer Emotionswoge heraus umarmte er sie fest, drückte seine geliebte Diebin an sich und küsste sie so, dass nicht nur ihr die Luft weg blieb. Riker grinste so breit, dass sein Grinsen fast schon wieder wegoperiert werden musste. Seine Frau hingegen war sprachlos. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade sah. Ihr Vater hatte ihr einiges aus seinen Jahren auf der Enterprise verschwiegen. Und ausgerechnet die interessanten Geschichten.

"Was machst du hier?" fragte Picard schließlich. "Ich bin die Leiterin des Ausgrabungen... Schau nicht so, es ist ehrliche Arbeit und ich will die Ateganer auch nicht übers Ohr hauen."  "Deshalb ist ja auch die Enterprise hier", Michelle schaltete sich in das Gesäusel ein. Es gab dringende Dinge zu erörtern. "Vash, könnten wir zuerst in der Beobachtungslounge über den Ablauf der nächsten Tage sprechen? Wir müssen Pläne für Landurlaub, Schulausflüge und eigene archäologische Projekte aufstellen. Danach können Sie gerne mit meinem Vater nach Ten Forward gehen. Und heute Abend möchte ich bei einem Essen auf dem Holodeck alles über euch beide wissen." Damit war das ‚Verhör' zunächst beendet.
Die Besprechung ging rasch über die Bühne, Vash ging mit Picard nach Ten Forward und Riker inspizierte mit einem Außenteam die Ausgrabungsstätte. Natürlich hatte er Michelle nicht mitkommen lassen. Erst wenn er absolut sicher war... Der Text war allmählich schon sehr abgenutzt und war fast schon zu einem Motto ihres Arbeitsverhältnisses geworden. So sehr Michelle ihren Mann auch liebte, manchmal wünschte sie sich die unbeschwerteren Tage auf der Unicorn mit Rico zurück. Nein, schalt sie sich, während sie die Koordinierung der Planetenaufenthalte begann und einen Kaffee vom Replikator holte, Riker hatte Recht. Rico war ein größerer Draufgänger, als gut für ihn war. Rico. Michelle grinste. Das waren noch Zeiten gewesen.
Michelle schwang die Beine auf ihren Schreibtisch. "Computer, befindet sich die Unicorn in Kommunikationsreichweite?" Der Computer bestätigte. "Verrichtet Jason Rico noch seinen Dienst auf der Unicorn?"  "Negativ. Er ist der Captain der U.S.S. Earth Star." Michelle nahm die Beine vom Tisch. Sie war überrascht. "Verbindung herstellen."
Der Monitor leuchtete auf, die Verbindung stand. "Captain Rico?" Er erkannte Michelle nicht. "Was kann ich für Sie tun, Captain?"  "Jason, ich bin's, Micky Neech. Jetzt Captain Riker." Rico staunte nicht schlecht. "Micky? Da holen mich doch die Ferengi zum Einkaufsbummel!! Micky! Ich glaub's nicht! Du siehst fantastisch aus! Und bist verheiratet?! Wer ist der Gauner, der allen Männern der Galaxis die Herzen gebrochen hat?!" Sie grinste. "Mein erster Offizier. Will Riker. Wir haben eine Tochter, Andy."  "Und Yamara geht es gut?" Sie bejahte es und erzählte einige Details aus ihrem Leben.
"Hey, Micky. Versteh mich nicht falsch. Aber wieso kommst du gerade jetzt drauf, Kontakt aufzunehmen?"  "Naja, Riker. Er treibt mich manchmal in den Wahnsinn. Die 15. Direktive. Und seit wir verheiratet sind und Andy da ist, packt er mich noch mehr in Watte."  "Und du meinst, ich wäre da anders in der selben Situation?! Nein, Ma'am. Er hat Recht." Michelle war verblüfft. Sie erzählte Rico kurz von ihrer derzeitigen Mission. Rico empfahl, einfach noch einmal nach dem ersten Besuch auf dem Planeten mit Riker zu reden.
"Eins noch, Jason. Wieso hast du mich auf alle Mission gehen lassen oder mich begleitet? Ich hatte auch damals schon ein Kind."  "Ja, aber du musstest dir so einiges beweisen, Michelle Picard. Und wie sollte ich dich davon abhalten? Mach's gut, Micky. Ich hab ein Meeting." Sie verabschiedete sich und deaktivierte den Monitor.
Etwas beweisen. Da konnte etwas Wahres dran sein. Aber heute? Michelle ging mit ihrem Kaffee in der Hand in ihrem Bereitschaftsraum auf und ab. Wahrscheinlich wollte sie Riker einfach demonstrieren, dass noch immer sie hier das letzte Wort hatte. Zwar nicht in ihrer Ehe aber bei allen dienstlichen Belangen. Sie war der Captain.
"Enterprise an Riker. Was gibt es auf Atega Interessantes?"  "So einiges, Ma'am."  "Gut, ich komme runter. Enterprise Ende." So war Michelle. Mit dem Kopf durch die Wand.
Sie erteilte Data das Kommando und beamte mit Yamara auf den Planeten runter zu einer ersten Exkursion.

Zur selben Zeit saßen Picard und Vash in Ten Forward und unterhielten sich angeregt. Es war das erste Mal, dass Picard sich Vash voll und ganz widmen konnte. Dieser Umstand gefiel ihr sehr gut. Sie plauderten über die letzten Jahre, die Beendigung der Partnerschaft mit Q, Picards Versöhnung mit seiner Tochter. Es waren sehr schöne Stunden. Und weitere sollten folgen.

Am Abend trafen sie sich vor den Türen des Holodecks und verbrachten einen vergnügten Abend in Paris. Bald nach dem Dessert machen sich Riker und seine Frau auf den Weg in ihr Quartier, ihr Dienst begann am nächsten Tag etwas früher.

Sie warfen noch einen Blick ins Kinderzimmer. Andy schlief friedlich in ihrem kleinen Bettchen, ihre Händchen umklammerten ihren Lieblingsstoffhasen. Michelle lehnte verträumt an der Tür, verschränkte die Arme vor der Brust und dachte an die Zeit zurück, als dieses kleine Wesen noch in ihr gewesen war.
Sie bemerkte nicht, wie Riker sich näherte. Vorsichtig legte er von hinten die Arme um sie. So standen sie da und beobachteten lange das Baby.
"Sie ist schon süß, unsere Kleine", flüsterte Michelle. "Wie die Mutter", bemerkte Riker schelmisch.
"Ich möchte noch mehr Kinder von dir", erklärte er schließlich nach einigen stillen Minuten. Michelle drehte sich um und starrte ihren Mann ungläubig an. "Wie soll das denn funktionieren?! Es ist jetzt schon manches Mal ein Balanceakt. Yamara kann auch nicht immer auf Andy aufpassen. Sie soll bald auf die Akademie." Er zuckte mit den Achseln. "Ich finde es läuft gut in der Krabbelgruppe. Außerdem haben wir immer mal Zeit abwechselnd zu verschwinden, wenn die Kleine uns braucht." Michelle wusste im Moment keine Antwort und zog Riker aus dem Kinderzimmer raus. Andy war unruhig geworden.

Am nächsten Morgen ließ Riker sich überzeugen, Michelle nochmals auf den Planeten zu lassen. Vash führte das Außenteam durch das Gelände und präsentierte den begeisterten Offizieren die ausgegrabenen Artefakte.

Die Archäologen hatten vor kurzem begonnen einen Tempel freizulegen. Er war gigantisch.
Das Außenteam stand im Schatten des Eingangs und bewunderte die Ornamente über ihnen. Plötzlich löste sich eine Statue von der Spitze des Tempels. Vash stand genau im vermeintlichen Aufprallgebiet. Picard, ein Begleiter des Teams, erkannte die Gefahr, schrie ihren Namen und stieß Vash zur Seite. Sie stürzte zu Boden, die Erde bebte. Picard lag bewusstlos am Boden, die Statue hatte ihn gestreift. Michelle sprang entsetzt zu ihrem Vater. Er rührte sich nicht. "Dad, Dad!" Sie suchte nach Verletzungen, Worf aktivierte seinen Kommunikator und ließ das Außenteam sofort auf die Krankenstation beamen.

Riker eilte auf die Krankenstation, Picard wurde bereits von Beverly versorgt, als er eintraf. Michelle entdeckte Riker, er ging zu ihr und umarmte sie. Er wollte wissen, was auf dem Planeten passiert war. Aber weder Michelle noch Vash waren momentan in der Lage ihm zu berichten. Worf hingegen informierte den Commander umgehend und entschuldigte sich, dass er seine Pflichten ungenügend erfüllt hatte. Riker versicherte Worf, dass ihn keine Schuld traf und es viel wichtiger wäre, dass der Vorfall schnellstmöglich aufgeklärt werden würde. Riker beauftragte Worf mit der Untersuchung. Die Statue war sicherlich nicht zufällig herabgestürzt, nachdem sie tausend Jahre auf ihrem Platz gestanden hatte.

Zwischenzeitlich beendete Beverly ihre Untersuchungen. "Es ist nicht schlimm. Jean-Lucs linker Arm ist gebrochen. Das behebe ich sofort. Außerdem hat er einige Abschürfungen und sein Schädel wird ihm wohl noch ein paar Stunden brummen." Michelle nickte. "Wecken Sie ihn auf." Beverly verabreichte Picard ein stimulierendes Hypospray. Er schlug die Augen auf und blickte verwirrt um sich. Mit der rechten Hand berührte Picard seinen Kopf, in dem tausend Buschtrommeln schlugen. Benommen fragte er, was passiert war.
"Du hattest eine unangenehme Begegnung mit einer antiken Statue, Dad." Beverly hatte seinen Arm gerichtet und half Picard sich aufzusetzen. Langsam erinnerte er sich. Die Statue hatte gedroht auf Vash zu stürzen. Er war heldenhaft (seine Tochter dachte eher lebensmüde) dazwischengegangen. "Vash, geht es dir gut?" Sie trat vor. "Mir ist nichts passiert. Dank dir." Sie hauchte Jean-Luc einen Kuss auf die Wange.
"Will glaubt nicht an einen Zufall und hat Worf mit einer Untersuchung beauftragt."  "Aber warum will jemand Vash töten?" fragte Picard.
"Ich glaube, er hat etwas mehr abbekommen", flüsterte Riker seiner Frau zu. "Das habe ich gehört, Will!" Riker zuckte entschuldigend mit den Achseln. "Mal ehrlich, Jean-Luc, wir wissen alle, welchen Ruf Vash weg hat und ihre Zeit mit Q hat ihrer Reputation auch nicht gerade gut getan."
Vash beteuerte sofort wieder ehrlich geworden zu sein. Auf dem Planeten war sie nie zuvor gewesen und die Ausgrabungen liefen absolut seriös ab. Michelle beschwichtigte die Gruppe, Worfs Untersuchungsergebnisse abzuwarten und die Sicherheit auf dem Planeten mit zusätzlichen Leuten von Worf zu erhöhen.

Und das Warten lohnte sich, es dauerte nicht lange bis Worf den Übeltäter gefasst hatte. Ein junger Ateganer war von der Regierung beauftragt worden, die fragwürdige Archäologin loszuwerden um Platz zu schaffen für ehrliche einheimische Wissenschaftler. Außerdem befürchteten die Ateganer zum wiederholten Male, einen Teil ihrer Geschichte durch die Außenweltler zu verlieren. Durch ihre verzweifelte, teils verständliche aber dennoch unentschuldbare Tat verloren die Ateganer jeglichen Anspruch auf Schutz und Beobachtung durch die Föderation. Vash wurde eine neue Mission auf einem weniger vorbelasteten Planeten zugewiesen, wo es eine Menge zu entdecken geben würde. Ihr wurde die Leitung der Ausgrabungen auf Duniba für die Dauer von zwei Jahren angeboten.
Die Ateganer waren bereit zu einer offiziellen Entschuldigung und einer Entschädigung für Vash. Ersteres nahm sie an, auf finanzielle oder gar materielle Leistungen verzichtete sie wohlwissend.

Picard war bestürzt, Vash schon wieder zu verlieren für volle zwei Jahre, um dann vielleicht ein zwei schöne Tage mit ihr zu verbringen.
"Ich werde nicht jünger...", seufzte Picard beim Abschied. "Aber geh, meine Liebste. Ich werde warten." Sie lächelte dankbar. Vash war jung, abenteuerlustig - alles was Picard auch einmal gewesen war. Er konnte sie nicht festhalten ohne sie für immer zu verlieren. Und dieser Preis war ihm definitiv zu hoch.

Im Transporterraum wurde Vash auch noch von Riker und Michelle verabschiedet. Auf der Plattform drehte sie sich noch einmal um und grinste. "Passen Sie gut auf Ihre Frau auf, Commander. Mit einer Picard ist nicht immer gut Kirschen essen."  "Oh, das weiß ich inzwischen. Jean-Luc hatte mir diesbezüglich auch schon einen Rat gegeben..."
Picard trat an Vash heran und küsste sie noch einmal zum Abschied. Fast wollte er sie bitten ihn auf seinen Reisen zu begleiten. Für einen kurzen Moment, den er ungenutzt verstreichen ließ. Wie so viele Male zuvor in seinem karriereorientierten Leben.


Lange nachdem die Enterprise Atega 5 verlassen hatte, saß Picard noch in Ten Forward, seine treue Freundin Guinan leistete ihm Gesellschaft. Schließlich raffte er sich auf und ging in sein einsames Quartier, das noch einen Tag zuvor große Freude erfüllt hatte. Traurig schritt er die Gänge der Enterprise ab und stand letztendlich vor seiner Tür. Er zögerte, scheute sich vor der Einsamkeit, die ihm früher ein lieber Gefährte gewesen war. Endlich trat er ein und glaubte einer Halluzination zu erliegen. Es konnte nur so sein.

Als könnte sie seine Gedanken lesen, erklärte Vash: "Ich bin wirklich hier, Jean-Luc." Er umarmte und küsste sie überglücklich. "Deine Gesellschaft war verlockender als weitere zwei Jahre im intergalaktischen Sandkasten zu buddeln. Es wird Zeit, dass ich erwachsen werde." Er konnte es noch immer nicht begreifen. "Wann bist du zurückgekommen? Niemand hat mir etwas gesagt."  "Ich weiß, ich wollte dich überraschen. Fünf Minuten nach meiner Abreise war ich wieder an Bord."


Michelle amüsierte sich köstlich, als sie sich das Gesicht ihres Vaters vorstellte, wenn er endlich in sein Quartier gehen würde. Es freute sie sehr, dass er nun endlich nicht mehr allein auf seinen Reisen sein sollte.

In Gedanken holte sie sich eine Kanne Tee vom Replikator. Plötzlich wurde ihr schwarz vor Augen. Auf der Brücke hörte Riker den Krach. Sofort betrat er auch ohne Erlaubnis den Bereitschaftsraum und fand seine bewusstlose Frau vor. Die Diagnose war für ihn überraschend. Michelle war schwanger. Doch Michelle hatte auch diese Entwicklung in der Vision Marinas gesehen und wusste noch viel mehr Dinge, die Riker nicht gefallen und ihn schmerzen würden.




16. Das Wohl vieler

Drei Monate später. Die Enterprise übernahm für eine groß angelegte Rettungsoperation noch zusätzliche Crewmitglieder. Diese wurden von der U.S.S. Kairo überführt. Noch immer führte Captain Edward Jellico dort sein strenges Regiment. Und noch immer wollte er nur eines - die Enterprise. Für ihn war es die größte Missachtung seiner Fähigkeiten und der größte Fehler der Sternenflotte, einer Frau und noch dazu Picards Tochter, wie inzwischen allgemein bekannt war, das Schiff, sein Schiff zu übergeben. Diese unfähige, lasche Person hatte in Jellicos Augen das Flaggschiff der Sternenflotte in eine Brutstation verwandelt. Er hatte natürlich sofort von seinen Spitzeln erfahren, dass sie wieder mal schwanger war...

Michelle, die nichts von Jellicos fiesen Machenschaften ahnte, empfing ihn mit der nötigen Ehrerbietung in der Beobachtungslounge. Natürlich hatte niemand auf dem Schiff Jellicos Machtübernahme vergessen. Und schon gar nicht Picards Tochter. Sie versuchte ihre Wut über Jellicos Verhalten unter Kontrolle zu halten, denn erstens schadete sie damit dem Baby und zweitens war derzeit die Rettung der Kolonisten des Zetra-Systems wichtiger als verletzter Stolz.

Michelle stand auf, ihre Uniform spannte heute ein klein wenig. Jellico warf einen tadelnden Blick darauf. Michelle ging darüber hinweg, brodelte aber schon etwas.
"Willkommen, Captain Jellico." Sie versuchte wirklich ruhig zu bleiben. "Danke, Michelle." Er war genauso anmaßend wie Riker ihr versichert hatte. "Ich bin Captain Riker, Captain Jellico. Wir sind dienstlich hier zusammengekommen!" Sie kochte. Jellico nickte unbeeindruckt. "Schön, Sie wiederzusehen, Will." Michelle schlug mit der Handfläche auf die Tischplatte. "Das ist Commander Riker, Captain Jellico! Unterschätzen Sie nicht den Ernst der Lage. Das ist kein Kaffeekränzchen!!!" Jetzt war sie wirklich wütend. Jellico war verblüfft über ihre Reaktion, ließ sich aber nichts anmerken. Diese Frau könnte ihm und seinen Plänen gefährlich werden. Er hatte sie aufgrund ihres Geschlechts unterschätzt. Aber alleine die Tatsache, dass sie eben Picards Tochter war, hätte die Alarmlichter bei ihm angehen lassen müssen. Picard hatte auch nicht einfach auf sein Schiff verzichtet. Und wie sie Riker schützte, einfach süß. Ob er in jeder Situation den Untergebenen spielte? Der Gedanke amüsierte ihn.
Michelle riss ihn aus seinen Gedanken heraus. "Schön, dass Sie sich amüsieren, Captain Jellico. Aber wir haben keine Zeit. Data, informieren Sie uns über die derzeitige Lage." Data stand auf und aktivierte den Monitor. Es erschien eine grafische Darstellung des Zetra-Systems und eine dramatisch veränderte Umlaufbahn von Zetra 6 und 7, den beiden Föderationskolonien, um ihre Sonne.
"Es dauert noch exakt zwei Wochen und drei Tage bis die Temperatur auf den beiden Planeten unter Minus vierhundert Grad Celcius fallen wird. Laut unseren Berechnungen der Tiefststand."  "Deshalb müssen wir uns mit der Evakuierung beeilen und zudem festlegen, wie viel Habe die Kolonisten mitnehmen dürfen", fügte Michelle hinzu.
"Sollten sie nicht dankbar sein, dass wir ihr Leben retten? Ihren persönlichen Krimskrams können sie auf der nächsten Raumstation ersetzen!" schnaubte Jellico gelangweilt. Michelle schluckte hart.
"Captain Jellico, diese Leute werden ihre Heimat verlieren. Da können sie durchaus einige ihrer persönlichen Dinge mitnehmen! Wir verfügen über ausreichend Stauraum. Und wenn der Platz nicht reicht, stelle ich noch Koffer in meinem Bereitschaftsraum unter!! Data, zwei Koffer pro Person!" Der Androide nickte. Jellico schnaubte wieder. "Haben Sie Probleme damit, Captain? Sie scheinen zu vergessen, dass die Cochrane und die New York auch in drei Tagen im Zielgebiet eintreffen werden."  "Es handelt sich um mindestens fünfzehntausend Kolonisten, Captain Riker", knurrte er.
"Deshalb haben wir ja auch vier Schiffe zur Verfügung und zwei weitere stehen auf Abruf bereit. Und da wir noch genügend Zeit haben, können wir auch Pendelflüge zwischen den Raumstationen und den Kolonien machen. Mr. Data, ich korrigiere meine Anweisung. Die Kolonisten sollen mitnehmen, was sie nicht zurücklassen wollen." Data nickte. Wieder schien Jellico beleidigt zu sein, er war es wohl nicht gewohnt, von einer Frau den Kopf gewaschen zu bekommen. Riker amüsierte sich köstlich.

Data berichtete nun von den Vorbereitungen. "Wir beginnen heute die Frachträume und Quartiere vorzubereiten. Die Krankenstation wird auf mögliche Patienten vorbereitet."  "Die Kranken nehmen nur unnötigen Platz weg", bemerkte Jellico. Die anwesenden Offiziere waren empört. "Captain Jellico! Sie reden wie einer der vielen Erddiktatoren des 20. Jahrhunderts! Ich dachte solche Denkweisen wären inzwischen ausgestorben! Ich habe mich wohl geirrt", entrüstete Michelle sich. "Ich bin nur Realist, Captain Riker! Die Zeit wird knapp." Michelle stand auf, ihr Halsschlagader pulsierte heftig. "Wir lassen die Kranken auf keinen Fall zurück! Die Konferenz ist beendet!" Sie stürmte zur Tür hinaus, gefolgt von einem besorgten Riker.

Auf dem Weg in ihr Quartier sprachen sie kein Wort. Michelles Atem ging schwer. Eigentlich wollte Riker seiner Frau seine Bewunderung zum Ausdruck bringen. Er war während der Mission mit Jellico als Kommandant für seine Ehrlichkeit vom Dienst suspendiert worden.

Michelle trat ein und wollte gerade ins Kinderzimmer, als ein heftiger Schmerz im Unterleib sie ergriff. Riker stützte sie und führte sie zur Couch. "Micky, soll ich Beverly rufen?" Sie nickte.

"Es war die Aufregung, Michelle. Die Auseinandersetzung mit Jellico hat sie zu sehr mitgenommen. Das kann ich nicht mehr gutheißen. Sie müssen ihn meiden." Michelle lachte. Wie sollte das möglich sein?
Ihre Diskussion wurde von einer ankommenden Nachricht vom Flottenhauptquartier unterbrochen. Michelle setzte sich langsam an ihren Schreibtisch und stellte die Verbindung her. Auf dem Monitor erschien Michelles Mentor.
"Mariah! Was kann ich für dich tun?"  "Hallo, Michelle..." Sie zögerte, denn der Schritt, zu dem sie gezwungen war, fiel ihr sehr schwer. "Michelle, es wurde eine formelle Beschwerde gegen dich eingereicht." Riker schnappte nach Luft und eilte neben seine Frau. Michelle fiel aus allen Wolken. Doch dann dämmerte es ihr. "Jellico! Dieser elende Bastard will mein Schiff haben!" Lanford nickte mitfühlend. "Er hat um eine Anhörung gebeten. Du würdest die Rettungsmission gefährden. Er führt an, dass du aufgrund deines Zustandes zu emotional reagierst und somit deine Pflichten vernachlässigst." Michelle war sprachlos.
"Glaubst du das?!" Michelle war völlig durcheinander. Lanford lächelte gütig. "Ich persönlich nicht. Ich habe selbst drei Kinder... Doch das Oberkommando scheint ihm zu glauben. Sie haben der Anhörung zugestimmt. Weder dein Vater noch ich konnten es verhindern. Anscheinend kennt Jellico weit wichtiger Leute als wir." Michelle seufzte. "Wer wird die Anhörung leiten und wann findet sie statt?"  "Leider ich. Ich habe Einspruch erhoben wegen Befangenheit, aber man ließ es nicht zu. Wir treffen uns direkt nach der Mission. Gib dein Bestes und führe so genau wie möglich Logbuch. Sie auch, Riker. Dann sehen wir weiter. Lanford Ende." Das Zeichen der Föderation erschien und hinterließ zwei verwirrte und wütende Offiziere.
"Und ich Idiotin habe mich mit ihm angelegt!" Sie schlug mit der Faust auf die Tischplatte, einige Displays fielen zu Boden. Beverly trat auf Michelle zu. "Wollen Sie ein Beruhigungsmittel?"  "Darauf pfeif ich! Er will mein Schiff! Nur über meine Leiche..." Weiter kam Michelle nicht. Sie brach ohnmächtig zusammen.

Auf der Krankenstation wachte sie vierundzwanzig Stunden später wieder auf. Die Rettungsmission war in vollem Gange. Riker hatte vorübergehend von Beverly das Kommando übertragen bekommen.
"Michelle, wie fühlen Sie sich?"  "Wie durch die klingonische Unterwelt gewandert." Beverly nickte mitfühlend. "Das könnte man so sagen. Michelle..." Sie blickte ihr ahnungsvoll entgegen. "Oh Beverly, nein. Bitte nicht." Sie nickte. "Ich konnte nichts mehr tun. Das Baby ist fort." Michelle drehte sich zur Seite. Sie hatte es schon vorher gewusst. Doch die Hoffnung starb immer zuletzt. Die erste Ohnmacht und die Schmerzen hatten ihr klar gemacht, dass sie dieses Kind nicht austragen würde. Doch ein kleiner Teil von ihr hatte gehofft, dass es nicht eintreten würde. Marina hatte von ihren ungeborenen Kindern gesprochen, damals im Transporterraum. Sie wusste also, sie würde wieder schwanger werden. Dennoch machte ihr diese zweite Fehlgeburt, an der wieder einmal ein Mann die Schuld hatte, schwer zu schaffen.

Riker überwachte die Evakuierungen, leider war Jellico nun befugt seinen Willen durchzusetzen. Er untersagte den Kolonisten, mehr als die Kleidung auf ihrem Leib mitzunehmen und stellte seine bewaffneten Sicherheitstrupps zur Durchführung seiner Anordnungen ab. Noch nicht einmal die Haustiere schloss sein Plan mit ein. Die Kinder wurden unter herzzerreißendem Weinen von ihren Spielgefährten getrennt. Allerdings hatte er davon abgesehen die Kranken zurückzulassen. Es würde sich nicht gut in seiner Personalakte machen. Und Michelles Freunde und Kollegen sammelten fleißig Datendisplays über die Rettungsmission.
Kolonisten, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, ließ Jellico mit Waffengewalt auf die Schiffe bringen. Bei einigen legte er sogar persönlich Hand an.


Zwei Wochen später. Michelle war weitgehend genesen. Die Anhörung konnte wie geplant stattfinden.
Natürlich hatte Jellico erfahren, dass Michelle ihr Kind verloren hatte. Es interessierte ihn nicht sonderlich. Er sah es keinesfalls so, dass sein Verhalten der Auslöser gewesen sein könnte. Doch glücklicherweise hatte Beverly seit Entdeckung der Schwangerschaft Michelles Biowerte rund um die Uhr überwacht und aufgezeichnet. Sie konnte während der Anhörung einen Bericht vorlegen, der zeigte, dass Jellicos gefühlloses Verhalten den Kolonisten gegenüber und der Schock über die Anhörung und seine Zweizüngigkeit seinerseits die Fehlgeburt mit verschuldet, vielleicht sogar ausgelöst hatten.

Einen vollen Tag wälzte Admiral Lanford die Unterlagen. Allerdings war ihr Urteil recht schnell bestätigt.
Jellico und Michelle warteten vor dem provisorischen Anhörungsraum.
"Verabschieden Sie sich schon einmal von der Enterprise, Captain Riker!" Michelle reagierte nicht. Sie musste sich noch schonen.
Endlich konnten Sie zur Abschlussbesprechung eintreten.

"Nun Captain Riker, Captain Jellico. Sie beide haben mich mit Ihren Datenpads einige aufreibende Stunde gekostet. Und nur, um zu einem Urteil zu kommen, dass mir schon früher klar gewesen ist." Jellico grinste siegessicher, noch.
"Captain Jellico, würden Sie dieses dummdreiste Grinsen abstellen! Captain Riker hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Sie ist ein pflichtbewusster und vorbildlicher Offizier. Ihre Anschuldigungen, Captain Jellico, sind lächerlich und an den Haaren herbeigezogen. Ich möchte nicht noch einmal zu einer Anhörung erscheinen müssen, bei der Sie der Kläger sind und Captain Riker die Angeklagte ist. Im übrigen wurde meine Entscheidung vom Oberkommando bestätigt." Jellico schnaubte und wandte sich zur Tür.
"Captain Jellico, ich bin noch nicht fertig." Er drehte sich gelangweilt um. "Die Schiffsärztin der Enterprise hat mir inzwischen bestätigte Beweise vorgelegt, dass Ihr Verhalten die Fehlgeburt von Captain Riker mit verursacht hat." Er schnappte nach Luft. "Admiral..."  "Schweigen Sie. Captain Jellico, ich verurteile Sie Kraft meiner Befugnisse wegen schwerer Körperverletzung an Captain Michelle Riker. Dies hat zur Folge, dass Sie sechs Monate von Ihrem Kommando suspendiert und in die Strafkolonie Neuseeland auf der Erde überstellt werden. Außerdem wird eine Beförderung zum Admiral die nächsten fünf Jahre nicht möglich sein. Die Kairo wird Sie zur Erde fliegen." Jellico nickte, besiegt von einer Frau, von Picards Sprössling.




17.Reifeprüfungen

Während Riker sich bei einem Pokerspiel mit Beverly, Deanna, Worf und Geordi die Zeit vertreiben sollte, lag seine Frau mit hohem Fieber und der andorianischen Grippe im Bett. Allerdings hatte sie ihm befehlen müssen zu dem Spiel zu gehen. Riker war nicht freiwillig und auch nur unter Murren von ihrem Bett gewichen. Aber was nützte es Michelle, wenn Riker bei ihr saß, er musste nun das Schiff führen.

Normalerweise bekam niemand in der Föderation mehr diesen speziellen und wirklich heimtückischen Grippevirus, der unter anderem mit hohem Fieber und extremen Gemütsschwankungen einherging. Michelle allerdings war von Geburt an gegen den einzig bekannten Wirkstoff allergisch gewesen. Deshalb lag sie nun mal wieder im Bett und fantasierte. Sie hatte Will rechtzeitig rauswerfen können, bevor sie gemein wurde. Da Michelle schon bei klarem Verstand sehr bissig gegenüber Riker werden konnte, wollte sich niemand ausmalen, wie dies im Fieberwahn aussehen könnte.
Kurz bevor das Fieber Michelle übermannte, hatte sie noch Kontakt zu ihrem Vater aufgenommen. Picard und Vash hatten sofort einen Umweg eingeschlagen. Nun pflegte Picard seine Tochter und Vash versorgte während Rikers Dienststunden die kleine Andy.

"Will, mach endlich deinen Einsatz", forderte Deanna ihn auf. "Hm, was?!" Er schreckte hoch. Deanna legte, sehr zum Missfallen ihres Mannes, eine Hand auf Rikers Schulter. "Mach dir nicht so viele Sorgen. Dein Vater kümmert sich gut um Michelle." Riker seufzte. "Ja, aber warum darf ich nicht bei ihr bleiben?! Ich mache mir Sorgen, sie hat gerade erst den Verlust des Babys verkraftet und jetzt dieser verdammte Virus." Er pfefferte frustriert einige Chips in die Mitte.
"Will, ich habe Kulturen von den Bakterien anlegt, um daraus ein Gegenmittel speziell für Michelles Bedürfnisse herzustellen. Aber das braucht seine Zeit." Aber auch Beverly konnte ihn nicht sonderlich beruhigen.

Zur selben Zeit herrschte in Yamaras und Wesleys Quartier eine gedrückte Stimmung, nicht nur aus Sorge um Michelles Gesundheit. Yamara hatte Nachricht von der Sternenflottenakademie. Sie war zum nächsten Semester, das in zwei Monaten beginnen sollte, zugelassen worden. Natürlich freute sie sich sehr darüber, aber es bedeutete auch, dass ihre Beziehung zu Wesleys die kommenden drei Jahre fast auf Eis liegen würde.
Arm in Arm lagen sie auf Couch. "Wir schaffen das schon, Y." tröstete Wesley seine Freundin. Yamara seufzte. "Wesley, lass es uns tun. Lass uns was Verrücktes machen." Sie hatte dieses gefährliche Funkeln in den Augen, das welches meistens Ärger bedeutete.
Wesley stand auf. "Oh oh, wenn du so aussiehst, gibt es am Ende Ärger. Wie damals, als wir in der Arrestzelle von DS9 gelandet sind, wegen unseres Streiches mit Odos Regenerationseimer." Yamara lachte, als sie daran dachte. "Ach, das war doch lustig."  "Lustig?! Drei Monate Nachtdienst und einen Tadel in der Akte. Deine Mum konnte darüber nicht lachen." Yamara stemmte die Hände in die Hüften. "Meine Güte, unsere Kinder werden bestimmt richtige Langweiler bei deinem Schlafmützenhumor." Wesley packte sie und warf die wesentliche stärkere Halbklingonin unter sich auf die Couch. "So gefällt mir das schon besser, Mr. Crusher... Aber jetzt hör dir meinen Plan an."

Wenig später in Picards Quartier, der sich eine Pause von der Pflege seiner Tochter genommen hatte.
"Kommt nicht in Frage! Ich glaube, ihr habt den Verstand verloren?!" rief Picard aus. "Wesley, dass meine Enkelin unvernünftig ist, ist kein Wunder bei ihren Erbanlagen. Ihre Mutter rennt auch immer mit dem sprichwörtlichen Kopf durch die Wand. Aber du, wie kommt ihr nur auf diese Schnapsidee?" Yamara grinste ihren Großvater an. "Oh, komm schon, Großvater."  "Komm mir nicht mit Großvater. Hast du eine Ahnung, was deine Mutter mit mir anstellt, wenn sie das herausfindet?!" Yamara setzte sich auf die Couch neben Picard und ergriff seine Hand. "Großvater, weißt du, was uns das bedeuten würde? Ich verspreche dir, dass wir nach meiner Abschlussprüfung noch mal mit allem Premborium heiraten werden. Das hier ist mehr für unser Seelenheil, wenn du so willst. Also biiiittttteeee." Sie lächelte Picard an, wie damals, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Unschuldig dreinschauend: Obwohl sie gerade drei größere und ältere Klassenkameraden verprügelt hatte, die sie wegen ihrer Stirnwülste gehänselt hatten.
Picard stand auf und fuhr sich über die Glatze. "Du bist ein ganz schönes Luder, ma chére. Aber das weißt du ja..." Und Yamara wusste, sie hatte gewonnen. Aus ihrer Hosentasche holte sie zwei schlichte goldene Ringe hervor, die an zwei goldenen Ketten hingen. "Fang an, Großvater."

Kurz darauf verließ ein frisch vermähltes und glückliches Paar das Quartier von Jean-Luc Picard. Er begab sich sofort wieder zum Krankenlager seiner Tochter und haderte mit seinem Gewissen und der Liebe zu seiner Enkeltochter. "Ich hoffe, sie bekommt es nie raus und hoffentlich, bereue ich dies nie", murmelte Picard vor der Tür zum Captain's Quartier.

Zur selben Zeit, als Riker und die anderen pokerten, Wes und Yamara ihre Heiratspläne dem überrumpelten Picard schmackhaft machten und Michelle sich in Fieberträumen im Bett unruhig hin- und herwälzte, war M.J. wie an inzwischen vielen Abenden zu Gast bei Data. Nach dem ausgezeichneten Dinner zeigte Data seiner mittlerweile gerngesehenen Gesellschafterin sein neues Bild. Im selben Moment erschien ein gleißendes Licht, in dem sie verschwand. Sofort deaktivierte Data seinen Emotionschip und machte bei Commander Riker Meldung.

Riker sprang vom Pokertisch auf, als Data ihm das Verschwinden von M.J. meldete. Sie brachen das Spiel ab, um in Datas Quartier nach Spuren zu suchen. Das Schiff wurde in gelben Alarm versetzt. Worf trommelte seine Sicherheitskräfte zusammen. Aber sie fanden nicht die geringste Spur, weder auf dem Schiff noch im All.

In dieser Nacht machte Riker kein Auge zu. Er machte sich immer noch Sorgen um Michelle und grübelte über M.J.s Verschwinden nach.
Auch Picard schlief nicht sonderlich gut. War es ein Fehler gewesen? Er fragte sich, was seine Tochter mit ihm anstellen würde, wenn sie es erfahren würde. Er konnte nur hoffen, dann ganz weit weg von der Enterprise zu sein.

Auch Mr. und Mrs. Wesley Crusher schliefen in dieser Nacht nicht besonders viel. Und schon gar nicht in ihrem Quartier. Wozu gab es Holodecks?


Am nächsten Morgen war M.J. immer noch verschwunden. Michelle hatte von Beverly die erste Dosis Antigene bekommen, die allmählich wirkten. Sie war aber noch sehr schwach. Die Nachricht über M.J.s Entführung schockierte sie. Da war man einmal krank... Data kümmerte sich inzwischen rührend um Tinka. Er brachte den Schimpansen kurzerhand in seinem Quartier unter, sehr zur Freude von Spot, die endlich einen Spielkameraden hatte.


Tage vergingen ohne jede Spur von M.J. Die Wissenschaftler fertigten Sternenkarten des Sektors an, aber als die Zeit ohne ein Lebenszeichen von M.J. verging, wurde die Crew sichtlich nervöser. Auch Michelle, die inzwischen zeitweise das Kommando übernehmen durfte, war überaus beunruhigt.

Kurze Zeit später erhielt die Enterprise Besuch. Michelle war gerade auf der Brücke, als ihr vermisster Fähnrich in Begleitung zweier Männer erschien. Einer der beiden war, wie sollte es anders sein - Q. Sofort war Michelle klar, was hier gelaufen war. "Sie stecken also hinter der Sache, Q! Das hätte ich mir eigentlich denken können! Sind Sie verrückt geworden? Sie können doch nicht einfach so mir nichts dir nichts Leute entführen!!" Dieses Mal hatte diese unsterbliche Nervensäge eindeutig weit über die Stränge geschlagen. M.J. begab sich sofort auf die Krankenstation um ihre gute Verfassung von Dr. Crusher bestätigen zu lassen.
Michelles Verfassung hingegen wurde wieder deutlich schlechter. Sie brauchte ihre Medikamente, Ruhe und vor allem keinen Besuch von Q.
"Hier stimmt was nicht, Q. Sie riskieren gar keine große Klappe. Und Sie sind nicht alleine gekommen... Will man Sie endlich mal bestrafen für Ihre ewigen Streiche?" fragte sie scherzhaft. Als sie jedoch die Antwort von Qs Begleiter hörte, schluckte sie hart. "In der Tat", antwortete er. "Wir haben Q erwischt, wie er die Sterbliche entführt und für einen Q verbotene Avancen gemacht hat. Aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten wollte er sie zu einer Q machen."  "Das ist lächerlich", empörte Q sich. "Mir war langweilig, und da Michelle zu krank war, um sich mit mir zu amüsieren..." Riker sprang bei diesen Worten auf und ging auf Q zu. "Will, bitte." Michelle hielt ihn mal wieder zurück. "Aber ich wollte sie niemals ins Kontinuum holen. Ich..." Der andere Q schnippte mit dem Finger und Q redete ohne Stimme. Er fasste sich an den Hals, schnippte, aber seine Stimme blieb fort. Riker grinste zufrieden.
"Captain Riker, wir bitten Sie uns Beweise vorzulegen, dass Q sich geändert hat. Ansonsten verbannen wir ihn ohne Möglichkeit auf Rehabilitation." Michelle verschluckte sich. Wie konnte sie die Strafverteidigerin eines Unsterblichen, eines gottähnlichen Wesens sein? Und außerdem... "Q hat sich geändert!" stieß sie zu ihrer eigenen Überraschung hervor. Riker bekam große Augen. Zugegeben, Q hatte ihnen einige Male geholfen, aber was war mit den zahllosen anderen Gelegenheiten, bei denen er ihnen nur Scherereien gemacht hatte? Riker setzte zu einer nicht gerade schmeichelhaften Porträtierung von Qs Charakter an, als Michelle ihn unterbrach. "Gehen wir in meinen Raum. Nummer 1, Sie haben das Kommando." Er seufzte und setzte sich auf den Stuhl in der Mitte.
Michelle fuhr sich unbemerkt über die Stirn. Das Fieber war wieder da. Sie wusste, wie schwach sie noch war. Aber durfte sie jetzt Schwäche zeigen? Es ging immerhin um Qs Leben. Unglaublich, sie sollte Q vor der Verbannung retten. Michelle betrat ihren Raum und holte sich ein Glas Wasser vom Replikator. Sie setzte sich und stellte ihr Glas mit zittriger Hand ab. "Geht es Ihnen nicht gut, Michelle?" War Q etwa besorgt um sie oder nur um seine Verteidigung?
"Es geht schon. Ich habe die andorianische Grippe. Aber lassen Sie Ihre Fingerschnipperei. Dr. Crusher hat ein Gegenmittel speziell für mich entwickelt." Q zuckte mit den Schultern, dann eben nicht. Gerade nicht, weil sein Ankläger es für vorgetäuschte Barmherzigkeit halten konnte. Michelle trank einen Schluck Wasser und überlegte.
"Nun, ich habe nie Kurse in den Rechtswissenschaften belegt. Aber ich bin sicher, dass Q uns in letzter Zeit mehr genutzt als geschadet hat. Schauen Sie sich das Logbuch an, ich rufe die entsprechenden Einträge auf. Und teleportieren Sie die Alphas von mir aus her. Er hat ihren gesamten Planeten gerettet, als die Sonne den Planeten zu verschlingen drohte. Und selbst als er die Enterprise unter dem Kommando meines Vaters zu den Borg gebracht und es Opfer gegeben hatte, war uns die Möglichkeit gegeben worden, eine Verteidigung gegen diesen übermächtigen Feind aufzubauen. Und er hat uns vor dem Beitritt Barrakas in die Föderation gewarnt und das Leben des Außenteams während eines Bombenanschlags gerettet."
Michelle trank noch einen Schluck Wasser und wischte sich über die Stirn. Der andere Q nahm die Daten der Logbücher in sich auf. "Wir haben das Urteil gefällt." Q schluckte. "Kommen Sie zur Sache, mir ist verdammt heiß."  "Q wird bestraft. Aber nicht dauerhaft. Er verliert für die Dauer eines Monats seine Macht. Geläutert kann er dann zurückkehren oder am Ort seiner Bestrafung ein sterbliches Dasein fristen."  "Und wo soll das sein?" Michelle schwante es bereits. "Natürlich auf der Enterprise. Sie sind das einzige sterbliche Wesen, das eine gewisse Macht über Q ausüben kann. Machen Sie ein besseres Wesen aus ihm."  "Wer wird hier eigentlich bestraft?" Michelle wollte aufstehen, sie strauchelte und sackte kraftlos in ihren Stuhl zurück. Ihr wurde schwarz vor Augen.
Der andere Q verschwand im typischen Licht und überließ den seiner Macht beraubten Q sich selbst. Dieser trat schnell durch die Tür und holte Riker. Michelle kam auf die Krankenstation unter Beobachtung. Da Riker das Kommando wieder hatte, wollte er Q am liebsten aus einer Luftschleuse stoßen. Wollte. Aber er durfte es nicht. Mit dem Kontinuum legte man sich besser nicht an.
Im Bereitschaftsraum raufte Riker sich die Haare. "Ein Monat?! Ihr Volk kann ganz schön grausam sein! Warum wir? Ach, vergessen Sie's! Besorgen Sie sich auf Deck 12 etwas zum Anziehen, keine Uniform. Und dann gehen Sie nach Ten Forward. Ach nein, geht nicht. Guinan hat eine Phaserwaffe unter ihrer Theke." Er lief im Raum hektisch auf und ab.
"Die Hälfte der Offiziere will Ihnen den Hals umdrehen, Ihnen aber keine moralischen Wertvorstellungen vermitteln... Ich hab's. Data. Er wird Ihr Kindermädchen." Q grinste gequält.

Auch Data war nicht gerade begeistert auf den Entführer M.J.s aufpassen zu müssen. Aber Befehl war nun mal Befehl.

Glücklicherweise ging die Zeit rasch vorbei. Michelle war wieder vollständig genesen und Q reumütig ins Kontinuum zurückgekehrt.

Einen Tag nach Qs Abreise normalisierte sich das Leben auf dem Schiff allmählich wieder. M.J. suchte Data in Ten Forward auf. Sie fand ihn, wie er aus dem Panoramafenster starrte. Eine Reaktion, die für fühlende Wesen ganz normal war. Data überraschte sein Verhalten allerdings, ebenso die Gefühle, die seit M.J.s Entführung in ihm entstanden waren. Dieser Emotionschip war erstaunlich. Plötzlich war Vieles so klar wie seit Datas Aktivierung nicht. Er wusste jetzt, Tasha Yar hatte er bis zu ihrem Tod geliebt. Auch ohne den Chip. Aber wie das möglich sein konnte, wusste er nicht. Und dann waren da Gefühle für M.J. zunächst die Subroutinen für Freundschaft, aber nachdem er den Chip erstmals länger in ihrer Gegenwart aktiviert hatte, war ihm bewusst geworden, dass da mehr war. Aber anders als bei Tasha. Besser nicht unbedingt, aber anders. Er musste es ihr sagen, aber wie? Guinan wusste sicher Rat. Er drehte sich um und erschreckte. Ein faszinierendes Gefühl. M.J. stand im gegenüber. Er schluckte. Würde sie ihn auslachen oder... Die Liebe zu verstehen, war immer weit über die Fähigkeiten seines positronischen Gehirns hinausgegangen.

"Data, was ist mit Ihnen? Sie sind so still. So kenne ich Sie gar nicht." Er führte M.J. zu einem Tisch und winkte den Kellner heran. Sie bestellten etwas. "M.J., ich bin so glücklich, dass Sie gesund zurückgekehrt sind. Wenn Ihnen etwas zugestoßen wäre..." Er starrte in sein Glas.
"Data, ich muss wirklich noch lernen mit Ihren Gefühlen umzugehen." Er nickte.
"In der Tat. Mir geht es ähnlich.... M.J., es ist etwas passiert. Als Sie fort waren, ist mir klar geworden, wie wichtig Sie für mich geworden sind. Ich habe Sie so vermisst. Es war unerträglich. Ich hätte alles gegeben, damit Sie wieder bei mir sind." Sein Gegenüber schnappte nach Luft. Das klang ja wie eine Liebeserklärung.
"Data, wollen Sie damit sagen, dass Sie mich lieben?" Er nickte.
"Nun, vom logischen Standpunkt aus scheint mir eine Verbindung eine gute Wahl. Wir sind uns ähnlich. Und sonst wäre niemand auf dem Schiff als Partner für mich geeignet." Data sprang auf. Die Gläser klirrten, Köpfe wurden in die Höhe gereckt.
"Verdammt sei deine Logik. Was sagt dein Herz?!" Data wartete keine Antwort ab, er verließ die Bar und ging im Arboretum spazieren.

Dort fand M.J. ihn schließlich. Der arme Data war viel zu entsetzt über sich selbst, um noch irgendeine Erklärung zusammen zu bekommen. Nur ein "Es tut mir leid." Dann wollte er gehen. Aber M.J. packte ihn kraftvoll am Arm. Er blickte sie hilfesuchend an.
"Ich kann verstehen, wenn du nie mehr mit reden willst. Diese Emotionen sind sehr verwirrend." Die junge Frau lachte.
"Das kann ich nachempfinden." 
"Ich kann dir nicht erklären, was da über mich gekommen ist." Sie trat näher an den großen Androiden heran. M.J. hob einen Finger und legte ihn auf seine blassen Lippen. "Data. Weißt du..." 
"Ja?!" kam zwischen den zusammengepressten Lippen hervor.
"Du plapperst. Halt den Mund und küss mich. Und dann reden wir über die Zukunft." Und irgendwo tief in sich hörte er Tashas liebevolle Stimme, die ihm ihren Segen erteilte und er küsste M.J.

 



18. Der Abschied

"Auf Wiedersehen, Will." Michelle küsste ihren Mann zum Abschied. Liebevoll erwiderte er den Kuss seiner Frau. "Und du kommst mit Andy klar?" Michelle hatte noch Zweifel. Zugegeben, Andy war eine sehr pflegeleichte Vierjährige. Aber selbst während der andorianischen Grippe war ihr Vater mit Vash gekommen um sie zu unterstützen. Und jetzt zwei Monate später musste sie vier Tage auf einer langweiligen Tagung der Sternenflotte auf einer Raumstation verbringen. Riker grinste seine Frau selbstbewusst an. "Das wird schon schief gehen. Wenn ich Fragen habe, wende ich mich an Beverly. Aus Wesley ist ja auch was geworden." Michelle blickte sich um. "Apropos, wo sind die beiden? Es wird Zeit. Ich will nicht zu spät kommen, das würde keinen guten Eindruck machen."

Im nächsten Augenblick betraten Yamara und ihr Ehemann die Shuttlerampe. Wessen Augen waren wohl mehr gerötet von Tränen? Die beiden mussten eine harte Nacht hinter sich haben. Aber Picard hatte die beiden ja gewarnt, dass der Abschied nach der Heirat umso schmerzlicher werden würde.

"Guten Morgen." Noch leicht benommen von der schlaflosen Nacht grüßten Wes und Yamara. Will nahm Wesley das Gepäck seiner Tochter ab und trug es ins Shuttle. Er wusste ja, dass Michelle auf den Abflug drängte.
Als Riker wieder aus dem Shuttle kam, lagen Yamara und Wes sich küssend in den Armen. Riker trat auf Michelle zu und legte den Arm um sie. Es wird verdammt hart für sie werden, dachte er, zum Glück bleibt Michelle nur vier Tage weg.
Michelle riss ihn aus seinen Gedanken. "Gib mir einen Abschiedskuss, Commander. Und pass auf mein Schiff auf!" Riker salutierte scherzhaft.
Michelle betrat das Shuttle. "Fähnrich, es wird Zeit", rief sie über ihre Schulter. Noch ein letzter Kuss, dann entriss Yamara sich aus der Umarmung ihres Mannes und stürmte in das Shuttle. Wesley flüsterte noch ein "Ich liebe dich".
Michelle trat einen Schritt zur Seite, um nicht von ihrer Tochter überrannt zu werden. Sie lächelte Will an, drehte sich um und ging in das Cockpit. Die Luke schloss sich hinter ihr. Riker und Wes traten an das Schaltpult und öffneten die Hangartore. Das Warnsignal, welches die Aufhebung des Gravitationsfeldes ankündigte, ertönte. Langsam, als sollte der Abschied auf schmerzliche Weise noch weiter hinausgezögert werden, flog das Shuttle Indepence den Sternen entgegen.

Nachdem sich die Hangartore wieder geschlossen hatten, standen Wes und Will noch einige Zeit am Schaltpult und starrten vor sich hin. Sie wünschten ihren Frauen im Geiste eine sichere und erfolgreiche Reise. Schließlich fasste Riker sich wieder. "Auf geht's, Wesley. Der Tag beginnt." Er gab sich die größte Mühe Wes aufzuheitern. "Junge, sie kommt doch wieder. Komm, ich lade dich noch schnell zum Frühstück ein. Du kannst bis zu Michelles Rückkehr Urlaub haben." Wesley schüttelte energisch den Kopf. "Soll ich jetzt drei Jahre lang Urlaub nehmen, jedes Mal wenn sie wieder abfliegt? Nein, Commander. Aber die Einladung zum Frühstück nehme ich gerne an." Riker grinste.

Zur gleichen Zeit befand sich das Shuttle bereits auf dem Weg nach Deep Space Five. Yamara versuchte die Tränen zu unterdrücken. Es gelang ihr aber nicht sonderlich gut.
"Schatz, wir sind alleine. Lass diesen, ich bin eine tapfere Klingonin-Mist!" Yamara schluchzte. Nie hätte sie gedacht, dass Picard Recht behalten würde. Es war viel schlimmer den Ehemann zurückzulassen. Fast wollte sie ihrer Mutter alles erzählen. Aber eben nur fast. So blöd war Yamara nun wirklich nicht. Sie wollte viele Lichtjahre zwischen sich und ihrer Mutter wissen, falls sie es jemals herausfinden sollte.

"Mum, die Subraumverbindungen von der Akademie aus kosten viele Krediteinheiten..." Michelle lächelte. Sie übergab ihrer Tochter die Kontrolle des Shuttles und lehnte sich zurück. "Mag schon sein. Aber in unserem Haus kosten sie nichts." Yamara strahlte. "Ich kann in unserem Haus wohnen? Und Partys?" Michelles Gesicht verfinsterte sich. Sie erinnerte sich an die Nacht von Yamaras Zeugung. "Überlege dir genau, wen du einlädst. Dann bin ich einverstanden."

Einen Tag später erreichte die Enterprise eine Nachricht von Picard. Will nahm sie im Bereitschaftsraum entgegen. Picard fragte sofort besorgt nach Michelle. Will hob beschwichtigend die Hände.
"Ruhig Blut, Jean-Luc. Michelle ist auf Deep Space Five auf einer Tagung und Yamara ist inzwischen auf dem Weg zur Akademie." Picard atmete erleichtert auf.
"Ein Glück. Ich hatte mich schon gesorgt. Aber warum ich mich melde. Vash und ich werden heiraten. Sie ist schwanger." Rikers Mundwinkel sackten ins Bodenlose.
"Ein Baby? Und was ist deinem Projekt?" 
"Ich glaube, das Baby ist ein bedeutenderes Projekt. Außerdem hat mir die Sternenflotte einen neuen Posten zugeteilt. Du siehst vor dir Admiral Picard, Leiter der Sternenflottenakademie." Will war beeindruckt.
"Ich gratuliere, das ist ja fantastisch. Jetzt muss sogar Michelle vor dir salutieren." Riker grinste bei der Vorstellung. Michelle würde das eiskalt fertig bringen, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
"Ja, das würde sie machen. Wie wird sie die Sache mit dem Baby aufnehmen?" Riker schüttelte den Kopf, er hatte keine Ahnung. Michelle hatte ihren jüngeren Bruder im Krieg verloren. Ansonsten hatte sie sich immer wie ein Einzelkind verhalten. "Schwer zu sagen, Jean-Luc. Aber sag es ihr einfach..." Riker seufzte.
"Jean-Luc, kannst du eine Auge auf Yamara haben? Ich weiß nicht, wer von beiden mehr unter der Trennung leidet?" Picard nickte.
"Und das ist zum Teil meine Schuld." Will blickte fragend.
"Ich muss dir etwas beichten, aber kein Wort zu deiner Frau. In der Nacht, als Yamara von ihrer Aufnahme an der Akademie erfahren hatte, kamen beide zu mir und baten, dass ich sie durch mein Amt als Captain verheirate." Riker sprang auf.
"Was hast du?" 
"Was sollte ich denn tun? Hast du Yamara schon mal betteln gesehen, mit diesen Kleinmädchenaugen? Außerdem bin ich nur ihr Großvater, ich kann mir so was erlauben. Dafür hat man Großeltern. Als Eltern müsst ihr streng sein..." Will hob beschwichtigend die Hände.
"Vor mir brauchst du dich nicht zu verteidigen, mach das mit deiner Tochter aus." 
"Ich hoffe, dieses Ereignis lässt lange auf sich warten. Und jetzt muss ich die Akademieabgänger verabschieden. Mach's gut, Will." Riker grinste und verabschiedete sich von Admiral Picard.

Anschließend ging er auf die Brücke zurück. Kaum hatte er Platz genommen, meldete Worf eine kleine Transportfähre steuerbord voraus. "Lebenszeichen?" erkundigte der Commander sich. "Nur sehr schwach, Sir." "Mr. Data, stellen Sie ein Außenteam zusammen und schauen Sie, ob wir helfen können." 
"Ja, Sir." Data zeigte auf Worf und Wesley. Dr. Crusher wurde auch sofort in den Transporterraum beordert.

Augenblicke später befand sich das Außenteam an Bord der Fähre. Riker verlangte einen Bericht. Sechs Personen befanden sich an Bord, wovon eine verwundet und eine andere tot war. Die übrigen Passagiere waren bewusstlos. Dies war nicht verwunderlich, wenn man sich den schlechten Zustand der Fähre näher betrachtete. Eigentlich dürfte dieser Schrotthaufen, den nur noch der Rost zusammenhielt, überhaupt nicht mehr fliegen. Die Schutzschilde waren praktisch nicht existent und das Lebenserhaltungssystem funktionierte weit unterhalb der erforderlichen Parameter. Die Enterprise holte die Fähre mit dem Traktorstrahl rein und beamte die Passagiere direkt auf die Krankenstation.

"Hallo Beverly, ist schon jemand bei Bewusstsein?" 
"Nein, Will. Diese Leute sind dem Tod ganz knapp entkommen. Einer hatte leider kein Glück. Er starb zwei Stunden bevor wir sie fanden. Oh, da wird gerade jemand wach. Kommen Sie."
Riker folgte der Schiffsärztin zu einem der Biobetten. Eine junge Frau öffnete die Augen und machte einen stark desorientierten Eindruck. "Wo bin ich?" flüsterte sie.
"Sie sind auf dem Föderationsraumschiff Enterprise, ich bin Commander Riker." Die junge Frau wirkte verwirrt, aber auch erleichtert.
"Die Enterprise? Das kann doch gar nicht sein! Jetzt habt ihr mich schon zum zweiten Mal gerettet!" Riker und Beverly warfen sich verwirrte Blicke zu, sie hatten keine Ahnung, wer ihr junger Gast war.
"Will, erkennst du mich nicht? Ich bin es, Marina." Will erklärte ungläubig: "Das ist unmöglich! Marina ist höchstens zehn Jahre alt!" Die junge Frau lächelte verständnisvoll. Als sie zu einer Erklärung ansetzte, verglich Beverly unauffällig ihre DNS mit dem Material von dem Mädchen Marina. Sie waren identisch. Riker konnte es nicht begreifen.
"Das ist ganz einfach. Es ist eine Folge des langen Krieges auf meinem Planeten. Unser Volk brauchte immer mehr und immer schneller Soldaten. Deshalb wurden die Gene so verändert, dass wir mit acht Jahren um zehn Jahre altern. Es ist die Strafe für den Krieg, den mein Volk verschuldet hat..."

Allmählich schenkte Riker den Worten der jungen Frau Glauben. Auf seinen Reisen hatte er schon viele ungewöhnliche Dinge erfahren. Genmanipulation aus militärischen Gründen war nur eines unter vielen.

"Aber Marina, was tust du hier? Wieso bist du nicht auf deinem Planeten? Und wieso warst du mit diesem Schrotthaufen unterwegs?"
Stolz lag in der Stimme der Regentin, als sie dem Commander erklärte: "Ich werde den Antaurer-Krieg beenden." 
"Was?!" riefen Riker und Crusher gleichzeitig.
"Dein Planet gehört nicht zur Föderation, also auch nicht zu den kriegsführenden Parteien. Haltet euch besser da raus."
"Es gab schon genug Opfer. Auch Captain Michelles Bruder." Riker war über Marinas Kenntnisstand überrascht.
"Und wie willst du ihn beenden, indem du hingehst und sagst, habt euch alle wieder lieb?! Tut mir leid, aber du bist verrückt, Marina." Einer der Begleiter entrüstete sich über Rikers Ausdrucksweise.
"Wie können Sie es wagen, auf diese Weise mit der Regentin zu sprechen?!" Marina befahl ihm zu schweigen. Augenblicklich gehorchte er. Riker war beeindruckt.

"Natürlich nicht", erwiderte sie. "Ich werde den Konprinzen von Antaura heiraten. Gemeinsam werden wir den Frieden zurückbringen." 
"Eine Vernunftehe ist wohl kaum die beste Lösung", knurrte Riker.
"Aber Liebe, Will. Die ist es schon. Chazar und ich lernten uns kennen und lieben, fernab unserer Heimatwelten. Als wir unsere Herkunft erfuhren, war uns klar, dass es unser Schicksal ist, den Krieg zu beenden. Und genau das werden wir tun... Ich befand mich auf dem Weg zu einem Geheimtreffen, wo uns ein rebellischer Priester trauen wird. Dann fliegen wir nach Antaura und entmachten König Chizan... Ist unsere Fähre noch zu reparieren? Sie dient als Erkennungszeichen." Riker bestätigte geistesabwesend. Sein Kopf verarbeitete noch die Informationen.

"Sie können abreisen, sobald es Ihren Begleitern besser geht. Ich denke, morgen ist es soweit, Regentin", erklärte Beverly. Marina nickte glücklich.

Am nächsten Morgen nach einem ausgiebigen Abschiedsfrühstück geleitete Riker die Regentin in die Shuttlerampe, wo die Techniker der Enterprise die ganze Nacht an der Fähre gearbeitet hatten. Die Tatsache, dass der Antaurer-Krieg endlich ein Ende nehmen könnte, hatte sie bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten arbeiten lassen. Nun verließen sie zufrieden, glücklich aber auch müde die Shuttlerampe, um ein paar Stunden zu schlafen und auf den Friedensvertrag zu hoffen.

Der Abschied war kurz, aber für Riker und Marina ebenso traurig wie bei ihrer ersten Begegnung. Er war versucht Marina wegen der Vision anzusprechen. Doch eigentlich wollte er gar nicht wissen, was sie damals seiner Frau gezeigt hatte. Nur eine Frage stellte er: "Ist Michelle noch auf dem Weg, den du ihr gezeigt hast?" Sie nickte ein wenig traurig. Sofort sah man Sorgen in Rikers Gesicht stehen.
Marina berührte ihn am Arm und erklärte: "Keine Angst, ihr Weg ist gut. Steinig, aber alles wird gut ausgehen. Glaub mir. Sie kann ändern, was in ihren Augen nicht geschehen soll. Sie muss nur immer dran denken, was sie schon weiß." Riker bedankte sich und verließ den Shuttlehangar.


Einige Tage nach Michelles Rückkehr von Deep Space Five traf die Nachricht ein, dass die Antaurer sämtliche Angriffe eingestellt hatten. Außerdem wurde gemeldet, der König, in dessen Namen der Krieg begonnen hatte, war entmachtet worden. Von seinem Sohn. Dieser war der neue König von Antaura. Wie Marina es vorausgesagt hatte, regierten sie von nun an Seite an Seite. Chazar übergab seinen Vater der Gerichtsbarkeit der Föderation und bot den geschädigten Familien und Welten Entschädigung an. Außerdem würde er dafür Sorge tragen, dass die Sternenflotte zumindest Ersatz für ihre zerstörten Schiffe erhalten würde.




19. Spiegelbilder

Einige Monate später. Es war Nacht. Andy hatte unruhig geschlafen, lag nun zwischen ihren Eltern.
Plötzlich drang die Stimme des Computers in Michelles Bewusstsein. "Roter Alarm! Roter Alarm!" Und sie hörte Data. "Captain auf die Brücke. Captain und Commander Riker bitte umgehend auf der Brücke melden." Michelle sprang mit einem Satz aus dem Bett, befahl Licht und streifte ihre Uniform über.
Trotz des ständigen Alarms schlief Riker noch immer. "Riker." Sie schubste ihn. "Schwing deinen Hintern aus dem Bett und bring Andy in die Kinderbetreuung. Wir haben roten Alarm." Riker schüttelte den Schlaf ab, zog die Uniform über und schnappte sich seine schlafende Tochter.

Auf der Brücke herrschte trotz der frühen Stunde aufgeregtes Treiben.
"Bericht, Mr. Data." 
"Captain, unsere schiffseigene Anomalie ist wieder aufgetaucht." Michelle grinste. Data entwickelte langsam seine eigene Art von Humor.
"Und wie lange verfolgt sie uns schon?" 
"Zehn Minuten." Michelle seufzte. Diese Anomalie war erstmals aufgetaucht, als sie das Kind Marina, die jetzige Königin des Antaura-Reiches, gerettet hatten. Seit dem war sie immer wieder im Umkreis der Enterprise erschienen. Und in den letzten Monaten war sie immer häufiger aufgetaucht. Kein anderes Schiff hatte Ähnliches erlebt. Einige Male war es sogar gefährlich für das Schiff geworden, als eine Art Sensor sie erfasste und sämtliche Schiffssysteme ausgefallen waren.

"So leid es mir tut, Einsatzbesprechung in zehn Minuten. Wecken Sie die fehlenden Führungsoffiziere. Ich brauche vor allem Deanna. Und einen starken Kaffee." Michelle unterdrückte ein Gähnen. Andys unruhige Nacht und eine sehr lange Pokerpartie, die erst vor knapp zwei Stunden geendet hatte, sorgten nicht gerade dafür, dass Michelle fit für einen derartigen Zwischenfall war.


Die Besprechung wurde jäh vom diensthabenden Lieutenant an der Navstation unterbrochen, der völlig entsetzt meldete, dass die Enterprise in die Anomalie gezogen wurde. Michelle befahl sofortige Schubumkehr. Man muss ja nicht unbedingt nachhelfen.
Sie bat um Vorschläge. Diese enthielten alles von Selbstzerstörung bis zur Kapitulation, für den Fall, dass eine fremde Macht dahinter steckte. Rikers Vorschlag klang am interessantesten und bot die besten Chancen auf Überleben.
"Lassen wir uns doch einfach reinziehen und sehen, was auf der anderen Seite ist." 
"Das ist ein unnötiges Risiko für Schiff und Besatzung", knurrte Worf. "Wo bleibt ihr Abenteuergeist, Mr. Worf?! Sicher, es ist ein gewisses Risiko. Aber so machen wir es. Die Konferenz ist beendet."

Langsam flog die Enterprise in die Anomalie hinein.


"Captain Picard, auf die Brücke." Datas Stimme drang in Picards Bewusstsein. "Was?!" murmelte er verschlafen. Was konnte Data mitten in der Nacht von ihm wollen? Picard befahl gedämpftes Licht im Quartier.
"Data, was ist los?" forderte der Captain eine Erklärung, während er sich rasch anzog.
"Captain, das sollten Sie sich besser selbst ansehen." Hatte Picard eine Spur von Angst in Datas Stimme gehört?

Einige Minuten später betrat der müde Captain die Brücke. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, wurde er sofort hellwach. Ein riesiger Spalt im Universum war auf dem Hauptmonitor zu sehen.
Riker betrat hinter Picard die Brücke. "Was...?!" stieß er hervor.
"Ich habe keine Ahnung, Nummer 1." Fragend blickte er Data an.
"Sir, es ist ein Riss im Weltraum. Und die Sensoren haben im Inneren die Umrisse eines Schiffes entdeckt. Es hat die Formen eines Föderationsschiffes", berichtete der Androide.


"Captain, das Ende der Anomalie ist in Sicht. Und die Sensoren machen auf der anderen Seite ein Schiff ausfindig. Es gehört zur Föderation", erklärte Data nervös. Michelle bat Data seinen Emotionschip auszuschalten, sollte er seine Fähigkeiten beeinträchtigen. Er nickte einverstanden und tat es.


"Es ist die Enterprise!" Picard warf einen fragenden Blick zu seinem ersten Offizier hinüber. Riker konnte nur mit den Schultern zucken.


"Das ist die Enterprise!" rief Michelle erstaunt. Sie sah zu Riker.
"Sieht so aus. Aber warum?!" 
"Data, ist das eine Kopie von uns, eine Täuschung oder ein Riss zwischen parallelen Universen?!" Data wandte sich zu seinem Captain um.
"Die Theorie über parallel existierende Universen ist weit verbreitet, allerdings bis heute nicht bewiesen." Michelle grinste abenteuerlustig.
"Dann lassen Sie es uns beweisen. Rendezvous-Kurs berechen."
"Wer wohl dort drüben das Kommando hat?" fragte Michelle sich selbst. Riker grinste. Picard, er selbst - oder jemand ganz anderes.


"Wen werden wir dort drüben vorfinden?" fragte Picard.
"Das können wir unmöglich sagen, Captain. Vielleicht Sie", erklärte Data, der einen längeren Vortrag über Paralleluniversen gehalten hatte.
Picard strich seine Uniform glatt. "Grußfrequenzen aktivieren... Hier spricht Captain Jean-Luc Picard von der Enterprise."

"Captain Picard, ich grüße Sie. Ich bin Captain Michelle Riker."

Der andere Riker horschte auf. Michelle Riker? Hatte er richtig gehört?!

"Ich fürchte, wir sind durch einen Riss, der die Universen von einander trennt, in Ihres geraten , Captain Picard... Wir bemühen uns, in unser eigenes Universum zurückzukehren." Michelles Mann starrte ungläubig auf sich selbst auf der anderen Enterprise.

"Darf ich Sie, Captain... Riker", Picard zögerte bei dem Namen. "... auf meine Enterprise bitten, um die ungewöhnliche Situation zu erörtern?"

Während sie auf die Ankunft von Captain Riker warteten, wandte er sich an Counselor Troi. "Sie verheimlicht etwas. Eine Menge sogar. Aber sie weiß nicht, was sie hier soll. Sie ist desorientiert und weiß nicht, wie sie mit ihren tiefen Gefühlen für den Picard und Riker aus ihrem Universum in dieser speziellen Situation umgehen soll." Riker machte große Augen. "Tiefe... tiefe Gefühle?! Ist sie etwa mit Riker verheiratet?" Deanna nickte.


Die beiden Captains saßen sich in Picards Bereitschaftsraum gegenüber und tranken Earl Grey. Michelle spukte die ganze Zeit eine Frage im Kopf herum. "Kennen Sie eine Frau namens Amanda Neech, Sir?" 
"Sicher. Sie ist die Frau meines besten Freundes. Wieso?" Sie erklärte Picard den Umstand ihrer Existenz. Er verschluckte sich am Tee. Wie hatte der andere Picard nur so etwas tun können? Andererseits, wieso hatte er es nicht getan? Sondern die Ehe von Jack und Amanda wieder gekittet? Michelle bemerkte, dass Picard angestrengt nachdachte.
"Urteilen Sie nicht zu hart über meinen Vater. Er ist auch nur ein Mensch. Er hatte es nicht immer leicht, vor allem nicht mit seiner Tochter." Sie erzählte in groben Zügen, wie sie auf die Enterprise gekommen war und was seitdem passiert war.

Plötzlich tauchte ein fremdes Wesen in Picards Bereitschaftsraum auf. Michelles Counselor hätte ihn sofort als den verstorbenen David identifizieren können. Er streckte die Arme in die Luft und lachte. Michelle gefror das Blut in den Adern, als sie ihn erkannte.
"Ich habe es geschafft! Endlich!! Ich habe dich überlistet, Sterbliche. Deanna konnte ich nicht unter Kontrolle halten. Aber dein Forscherdrang ist dein größter Feind. Ich musste nur lange genug deine Aufmerksamkeit erregen und dein dämlicher Mann schlägt auch noch vor in die Anomalie hineinzufliegen. Ich habe seit Jahrhunderten nicht mehr so herzlich gelacht!" 
"Wer ist das und was will er?" fragte Picard verwirrt. Roter Alarm schrillte. David beendete ihn Macht seiner Gedanken.
"Ich will die Macht über dein Universum, Picard. Zunächst. Ich war ein Gefangener. Verbannt in Michelle Rikers Dimension. Ohne jede Macht. Mein Volk hatte mich vom Thron des Universums verstoßen und als körperloses Wesen in eine friedvolle Dimension verfrachtet. Ich brauchte eine Möglichkeit in mein ursprüngliches Universum zurückzukehren. Und Michelle nahm mich als Staubpartikel auf ihrem Schiff mit. Dumme Gans!" Er lachte wieder. Michelle zog langsam ihren Phaser.
"Das lassen wir nicht zu!" rief sie. Er wischte sie mit einer Bewegung gegen die Wand. "Und jetzt hole ich mir einen Körper." Er verwandelte sich in Nebel und drang in Picard ein. "Nein!" schrie Michelle.

Die Tür des Bereitschaftsraumes öffnete sich. Riker stand dort mit einem Sicherheitsteam. "Werft die Betrügerin in eine Arrestzelle und zerstört dieses Trugbild dort draußen", befahl Captain Picard. Aber nur noch der Körper war Picard, der Geist war David. Picards Geist war wieder einmal ein Gefangener, der verbissen um die Oberhand kämpfte.
"Lügner!" stieß Picard nun unter größter Anstrengung hervor. Riker verstand die Welt nicht mehr.
"Picard ist unter der Kontrolle einer fremden Macht! Glauben Sie ihm nicht! Wir haben David versehentlich hierher gebracht. Das war die ganze Zeit sein Plan. Wir müssen ihn aufhalten!" 
"Sie ist eine Betrügerin!" David hatte wieder die Kontrolle. "Will, glauben Sie einer dahergelaufenen Frau alles, was Sie Ihnen erzählt?!"

Michelle nutzte den Augenblick. Sie stürzte auf Riker und entriss ihm seinen Phaser. Sie hatte keine Zeit, die Einstellung zu überprüfen. Heute spiele ich mit sehr gewagten Karten, dachte sie noch und feuerte auf Picard.
"Captain!" schrie Riker entsetzt.
"Verlass den Körper von Picard!" brüllte Michelle. "Verschwinde!" Noch einmal feuerte sie. Picard schrie, David wehrte sich verbissen. Er wollte den neu gewonnen Körper nach Jahrtausenden als körper- und machtlose Existenz nicht wieder aufgeben. Doch Picard war stärker.
"Raus!" schrie Picard. In der nächsten Sekunde sah man, wie sich der Nebel wieder vom Körper des Captains löste und neben ihm schwebte. Picard sank bewusstlos zu Boden.
"Feuern Sie auf den Nebel", befahl Michelle. Fünf Phaserstrahlen bündelten sich zu einem und neutralisierten unter einem letzten Aufschrei das Wesen. Dann war alles vorbei.

Michelles Mann kam in den Raum gestürmt und entdeckte seine Frau, die neben Picard kniete und weinte. Er bat sein Spiegelbild um eine Erklärung. Schließlich zog er Michelle hoch, aber sie wehrte sich und stürzte wieder zu dem Bewusstlosen.
"Bitte, Sie müssen leben, Captain Picard. Das Universum braucht Sie." Riker nahm sie in den Arm und tröstete sie. Sein Pendant hob den Phaser auf und überprüfte die Einstellung. Ér seufzte. "Habe ich ihn getötet?" 
"Nein, die Waffe war auf höchste Betäubung eingestellt. Er wird überleben."

 


Epilog

Picard hatte leichte Kopfschmerzen. Er sah aus dem Fenster seines Bereitschaftsraumes. Das Türsignal ertönte. "Herein." Riker betrat den Raum.
"Captain, die andere Enterprise ist bereit unser Universum zu verlassen. Captain Riker lässt Ihnen Grüße ausrichten und bittet, dass wir, sobald das Schiff durch den Riss geflogen ist, Photonentorpedos abfeuern um ihn zu schließen. Captain Riker wird auf der anderen Seite das Gleiche tun." Picard drehte sich nicht um.
"Tun Sie das, Nummer 1... Sie ist eine bemerkenswerte Frau. Nicht wahr?" Riker grinste.
"Ja, Sir... Bedauern Sie, dass Sie Amanda Neech nicht auf die gleiche Weise getröstet haben wir Ihr Pendant?" 
"Ich weiß es nicht, Will." Endlich drehte er sich um. "Sie ist nicht Picards einziges Kind." Es war ein wenig seltsam, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen. "Ihr Vater hat Vash wiedergetroffen und geheiratet. Sie bekommen einen Sohn." Riker staunte. "Und mit Ihrem Pendant, mein lieber Will, hat sie eine Tochter." Picard lachte, als er Rikers Gesichtsausdruck sah. Sein erster Offizier drehte sich schweigend um und ging zwecks Therapiegespräch zu Deanna Troi.

Picard trat wieder ans Fenster und beobachtete, wie die andere Enterprise Kurs auf den Riss nahm.
Nachdem sie verschwunden war, feuerte sein Schiff eine Salve Torpedos ab und verschloss den Spalt im Weltraum.

Der Captain setzte sich an seinen Schreibtisch. "Computer, wie lautet der derzeitige Aufenthaltsort der Archäologin Vash?"


 Ende

Nein, nicht wirklich. Im Universum ist genug Platz für viele weitere Geschichten.


 

 

 

 Diese im Star Trek-Universum spielende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken.
 Ich habe keinerlei Copyright-Verletzungen beabsichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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