„Star Trek -
The next Generation -
Starfleet Academy 2389“ 

 

 

 

 

Vorwort

Gegründet wurde die Akademie der Sternenflotte im Jahre 2161 auf dem Planeten Erde. Sie befindet sich auf dem nordamerikanischen Kontinent in der Stadt San Francisco, wo auch das Hauptquartier der Sternenflotte liegt. Seit der Gründung werden dort die Offiziere der Sternenflotte ausgebildet und auf ihre späteren Aufgaben vorbereitet. Die Kadetten werden in verschiedenen Kursen wie Geschichte der Sternenflotte, Warpfeldtheorien, Mathematik, Literatur, Quantenphysik, Manövertaktik, Biologie, Medizin und vielen anderen Fächern auf ihre Berufe vorbereitet. Sie werden zu künftigen Offizieren der wichtigsten Militärflotte im Alphaquadranten ausgebildet. Unter ihnen reifen großartige Ärzte, Wissenschaftler, Forscher und Militärstrategen heran, die auf Raumschiffen, fernen Planeten und Raumstationen ihren Dienst für die Vereinte Föderation der Planeten verrichten.
Wir schreiben das Jahr 2389. Andromeda Riker, die Tochter von Michelle und William T. Riker ist inzwischen 18 Jahre alt. Sie beginnt ihr Studium an der Sternenflottenakademie zum kommenden Herbst-Semester und möchte eine Offizierslaufbahn innerhalb der Kommandohierarchie anstreben.
Sie tritt keine leichte Nachfolge an: Ihr Großvater, Admiral Jean-Luc Picard, ehemals Captain der U.S.S. Enterprise NCC-1701-D ist seit Jahren der Leiter der Sternenflottenakademie.
Ihre Mutter, Admiral Michelle Riker, ist die Kommandantin der U.S.S. Enterprise NCC-1701-D.
Ihr Vater, Captain William T. Riker, dient auf dem gleichen Schiff als erster Offizier.
Ihre ältere Schwester, die Halbklingonin Commander Yamara Crusher, ist erster Offizier auf dem Schwester-Schiff der Enterprise, der U.S.S. Freedom NCC-1702-A.
Begleiten Sie Kadett Andromeda Riker während ihrer Ausbildung auf der Sternenflottenakademie, wo sie dem Ruf ihrer Familie, die allesamt lebende Legenden sind, gerecht werden muss.

 


Inhalt



1. Andromedas Weg zu den Sternen

2. Der erste Tag

3. Heiße Spiele

4. Familienzuwachs

5. Sherlock Andromeda Holmes






Kapitel 1
Andromedas Weg zu den Sternen


Planet Erde, Frankreich, LaBarre, Herbst 2389.
LaBarre war ein idyllisches, kleines Weindorf im Herzen von Frankreich. Hier schlug die Uhr um einiges langsamer als in den großen Städten der Erde. Die Hektik, die in San Francisco oder New York herrschte, suchte man in LaBarre vergeblich. Hier wurde noch eigenhändig gekocht und gebacken, die wenigsten Haushalte hatten Replikatoren oder benutzten die vorhandenen nicht oft. Man nahm sich Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens. Die Picards waren hier seit mehreren Generationen ansässig. Jean-Luc Picard war hier geboren worden, ebenso sein Bruder Robert und dessen Sohn René.
Michelle kam den von hohen Büschen gesäumten Feldweg entlang, der zu den beiden Picardschen Häusern führte, die zu dem weitläufigen Weingut gehörten. Die Sonne schien sanft in ihren Nacken und wärmte ihre braunen Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz locker zusammen gebunden hatte.
Es war Herbst, die bunten Blätter fielen von den Bäumen über ihr herab. Michelle trug noch ihre Uniform, die sie aber gleich gegen Zivilkleidung tauschen würde. Jetzt hatte sie erst einmal drei Wochen Heimaturlaub. Inzwischen war es nicht mehr so einfach die gesamte Familie in LaBarre zusammenzutrommeln. Doch Michelle hatte nicht aufgegeben und es schließlich doch noch geschafft.

Lächelnd blickte sie sich auf dem Vorplatz der Häuser um. Picards großes Holzhaus strahlte eine ehrwürdige Erhabenheit und Gemütlichkeit aus, die seinesgleichen suchte. Es war kleiner als das alte Haupthaus, das 2378 von einem Feuer zerstört worden war, in dem Michelles Onkel Robert Picard und seine Frau Marie ums Leben gekommen waren. Roberts und Maries Sohn René hatte zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise auf der Enterprise gedient.
Die Fenster wurden von weißen Vorhängen verziert. Vor dem Haus standen eine Holzbank und ein Schaukelstuhl. Davor hatte Beverly liebevoll verschiedene Blumen gepflanzt. Gegenüber von Picards Domizil stand das Blockhaus, das Will Riker mit seiner Hände Arbeit während seiner Suspendierung vor elf Jahren gebaut hatte. Es bot genug Schlafzimmer für die große Kinderschar der Rikers und sogar eine recht ansehnliche Bibliothek für Michelle. Nachdem die Kinder sie nicht mehr rund um die Uhr brauchten, blieb genug Zeit für Musestunden vor dem Kamin mit einem guten Buch in der Hand. Beispielsweise von dem aufstrebenden Schriftsteller Jake Sisko, Captain Benjamin Siskos Sohn.
Rechts vom Picard-Haus hatte der Admiral einen großen Spielplatz für seine Söhne, Enkelkinder und seinen Urenkel angelegt. Höchstpersönlich hatte Jean-Luc seinen Jungs ein Baumhaus gebaut, es gab eine Rutsche, zwei Schaukeln und einen Hindernissparcour.


Beverly Picard öffnete im ersten Stock ein Fenster und schüttelte die Federbetten aus. Ihr kupferfarbenes Haar zierte eine schmale, graue Haarsträhne. Sie trug ein weißes Baumwollkleid. Ihre 65 Jahre sah man Beverly wirklich nicht an. Sie strahlte Zuversicht, Zufriedenheit und Glück aus. Die Ehe mit einem Mann wie Jean-Luc Picard schien sie jung zu halten. Und auch ihre Tätigkeit als Leiterin der medizinischen Fakultät von Paris füllte sie neben ihrer Rolle als Stiefmutter zweier Halbwüchsiger, den Söhnen der verstorbenen Archäologin Vash Picard - Jean-Lucs erster Frau - mehr als aus.
Im nächsten Moment sah Michelle aus allen Türen Kinder herausstürmen. Sie war nur kurz in Paris gewesen, um sich beim Präsidenten der Föderation zu melden und anschließend für das Abendessen einzukaufen. Andy würde morgen auf die Sternenflottenakademie gehen. Die nächste Picard-Riker-Generation, die dem Ruf folgte.
War das Kind wirklich schon 18 Jahre alt? Sie konnte sich noch gut an die turbulente Geburt während eines Zwischenfalls mit Romulanern erinnern. An die ersten Monate, die ersten Jahre, die erste Herzoperation, die aufgrund eines angeborenen Herzfehlers notwendig gewesen war, der erste Schultag, das erste Parises Squares-Spiel, über das Riker fast einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte, den ersten Liebeskummer, der erste Tag, an dem Andy ihre Fähnrichuniform getragen hatte. Michelle musste es sich eingestehen, aus ihrer kleinen Prinzessin war eine erwachsene, junge Frau geworden. Sie folgte der Tradition der Picards und ging auf die Akademie der Sternenflotte. Ex astris, scientia - Wissen von den Sternen. Als Mitglied der Familie Picard oder Riker konnte man sich diesem Ruf nur schwerlich entziehen. Und so war es nicht wirklich verwunderlich gewesen, dass Andy ihrem Schwager Wesley nacheifernd bereits mit 15 Jahren ihre Ausbildung auf der Enterprise begonnen hatte.
"Großmutter, Großmutter!" rief jemand nach ihr, Michelle drehte sich in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war.
Dort stand ihr elfjähriger Enkelsohn Tom Crusher und winkte ihr zu. Seine dunkle, gebräunte Haut und die Stirnwülste ließen ihn wild und fast schon ein wenig furchteinflößend aussehen. Er war riesig für ein Kind seines Alters, das bewirkten die klingonischen Gene. Auch wenn er nur noch zu einem Viertel Klingone war, konnte Tom Crusher sein Erbe nicht verleugnen. Er würde mit Sicherheit größer als sein Vater Wesley werden. Das lange, braune Haar, das dem seiner Mutter Yamara so sehr glich, hatte er mit einem Lederband zusammengebunden. Die dunkelbraunen Augen blitzten frech. Er war ein Lausbub, aber Michelle liebte ihren bis dato einzigen Enkel über alles. Tom trug ein weißes Leinenhemd mit weiten Ärmeln und kurze Hosen. Er nutzte den goldenen Herbst in vollen Zügen aus, den die planetare Wetterkontrolle möglich gemacht hatte.
"Tom, was um Himmels Willen hast du mit deinem Auge angestellt?" fragte sie und blickte entsetzt auf ihn herunter. Sie ging in die Hocke und musterte sein Gesicht eindringlich.
Der Junge hatte ein in allen Regenbogenfarben schillerndes Veilchen, das sein komplettes linkes Auge schmückte. Er zuckte gleichmütig die Achseln, das gehörte zum Erwachsenwerden dazu. Doch vielleicht konnte er das Veilchen zu seinem Vorteil nutzen? Ein paar Pluspunkte bei seiner Großmutter konnten gewiss nichts schaden. Vor allem, wenn er mal wieder etwas ausgefressen hatte und seine Mutter ihn übers Knie legen wollte. Oder noch schlimmer sein Urgroßvater ihn bestrafen sollte.
"Das war Robert, Großmutter."
Michelle drehte sich blitzschnell auf dem Absatz um und suchte den Hof nach ihrem kleinen Bruder ab, der genauso alt war wie Tom, nur einen Kopf kleiner und schmäler gebaut. Doch offensichtlich hatte ihn das nicht davon abgehalten Tom zu verprügeln. Sie entdeckte den Missetäter unschuldig dreinblickend auf der Schaukel. Sein drei Jahre älterer Bruder François lugte aus seinem Baumhaus hervor. Er legte das Buch "20.000 Meilen unter dem Meer", das er gerade las, beiseite. Schließlich trat er an die Eisenstange und rutschte runter. Vielleicht brauchte sein kleiner Bruder ja Hilfe? Den Zorn der großen Schwester konnte man nicht leicht bändigen, das hatte François bereits gelernt. Michelle stapfte auf ihren kleinen Bruder zu, der sich duckte. Doch zu spät.
"Robert Picard!" grollte sie, griff ihren Bruder am Kragen seines beigefarbenen Hemdes und schüttelte ihn. Das viel zu lange braune Haar stand als beständiger Protest gegen Regeln in alle Himmelsrichtungen ab, kein Kamm konnte es bändigen.
"Was hast du mit meinem Enkelsohn gemacht?!" fragte sie vorwurfsvoll. Robert wand sich heftig im Griff der 42 Jahre älteren Schwester, die wie das intergalaktische Strafgericht auf ihn herabblickte.
"Er hat doch angefangen!", verteidigte Robert sich und blickte sich mit seinen blaugrauen Augen hilfesuchend nach seinem Vater, Admiral Jean-Luc Picard, um.
"Du brauchst gar nicht nach deinem Vater zu schauen! Ich kann dich sehr gut alleine übers Knie legen."
"Er ist doch größer als ich!" rief Robert und zeigte auf seinen gleichaltrigen Großneffen, der auf Klingonisch vor sich hinbrabbelte. Seine Großmutter versetzte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. Sie verstand ganz genau, was Tom da von sich gab. Sie wollte gewiss nicht, dass ihre kleinen Brüder solche Worte lernten. Zumindest nicht so früh.
Nun kam Jean-Luc Picard seelenruhig von der Traubenlese zurück. Hinter ihm her rannten drei junge Hunde, Golden Retriever, fielen mehrfach über ihre tapsigen Pfoten und bellten ganz aufgeregt. Er trug einen beigefarbenen Strohhut, ein lilafarbenes Hemd und silberne Stoffhosen. Sein Körper war drahtig und schlank.

Picard mochte inzwischen zwar 85 Jahre alt sein, strahlte aber noch immer die unvergleichliche Picardsche Stärke und Ruhe aus. Seine Haut war wettergegerbt seit er mehr Zeit in den Weinbergen denn in der Sternenflottenakademie verbrachte.
"Dad! Dein Sohn hat meinen Enkel verprügelt. Sieh dir das an!" rief Michelle empört, worauf Picard nur lachte. Eine dichte Schar von Lachfältchen zeichnete sich um seine blaugrauen Augen ab.
"Ach, das geht doch ständig so. Robert zieht Tom auf, Tom zieht Robert auf, François zieht sie beide auf. Und deine Söhne, meine liebe Michelle, mischen seit eurer Ankunft vorgestern auch noch mit." Michelle schnaubte ungehalten und erhaschte einen Blick auf ihre Söhne, die elfjährigen Zwillinge Johnny und Jean-Luc, die ihre ein Jahr jüngeren Zwillingsschwestern Kimberly und Kaitleen an den langen, braunen Zöpfen zogen. Die Mädchen schrieen empört auf und warfen mit Dreck nach ihren Brüdern, worauf Johnny und Jean-Luc mit vollen Händen Dreck auf ihre Schwestern warfen. Chaos pur! Dank der Tatsache, dass Michelle selbst ein Zwilling war, waren sie und ihr Mann zweimal in den fragwürdigen Gemuss gekommen, Zwillinge zu fabrizieren. Während der Schwangerschaft mit den Mädchen hatte Michelle ihrem verhassten Stiefvater Jack Neech entlocken können, dass ihr angeblich ein Jahr jüngerer Bruder Brian in Wahrheit ihr Zwillingsbruder und somit auch ein Sohn von Jean-Luc Picard gewesen war. Leider kam dieses Wissen um Jahre zu spät, denn Brian Neech war im Antaurer-Krieg gestorben. Immer wenn Michelle auf der Erde war, stattete sie dem Grab ihres Bruders in Washington einen Besuch ab. Das Gezetter der Kinder lenkte sie sofort wieder von den traurigen Gedanken um ihren verlorenen Zwillingsbruder ab. Ihre kleinen Brüder hielten sie wahrlich genug auf Trab. Kopfschüttelnd überlegte sie, ob sie dazwischen gehen oder die Kinder weiter machen lassen sollte.

Im nächsten Moment ging die Tür zu Michelles Haus ein weiteres Mal auf und Yamara, 36 Jahre, trat auf die Veranda heraus. Sie trug ein weites, blaues Kleid, über ihren breiten, gestählten Schultern lag eine farblich passender Paschmina-Schal. Ihre bis zum Po wallenden, braunen Haare trug sie offen. Sie war inzwischen nicht nur erster Offizier auf der U.S.S. Freedom, dem Schwesterschiff der Enterprise, sondern auch mit ihrem zweiten Kind hochschwanger. Vorsichtig stieg sie die Stufen des auf Holzpfählen errichteten Elternhauses hinab und ging auf ihre Mutter zu.
"Hallo, Mum. Bricht das Chaos aus? Muss ich ein paar Leute von der Sicherheit kommen lassen oder bekommen wir die Kinder alleine unter Kontrolle?" Sie lachte herzlich und verstrubbelte liebevoll Toms Haare. Der grunzte seine Mutter genervt an, band seinen Pferdeschwanz neu und stapfte auf Klingonisch fluchend zu den übrigen Kindern davon.
"Was hat mich nur geritten sechs Kinder zu bekommen?" fragte Michelle, während sie ihre Tochter umarmte und das Theater, das Tom, François, Robert, Johnny, Jean-Luc, Kimberly und Kaitleen veranstalteten, zu ignorieren versuchte.
"Weiß ich nicht, du hättest ja nach Andy aufhören können... Oder mal besser an deine Spritzen denken sollen. Ich habe sie nur einmal vergessen und wurde mit Tom bestraft... Nein, er ist ein liebes Kind, das mich nur in den Wahnsinn treibt... Tom, lass deine Großonkeln in Ruhe, sonst setzt es was!" rief sie über den Hof, Picard lachte und zerrte seine zehnjährige Enkelin Kimberly von seinem elfjährigen Sohn Robert runter, der jetzt auch mit Dreck nach den Mädchen warf.
"Oh ich glaube, ich brauche die Sicherheit gar nicht mehr rufen. Da kommt René." Yamara zeigte auf den Feldweg, wo Lieutenant René Picard, der Sicherheitsoffizier auf der Enterprise und inzwischen 29 Jahre alt war, in Begleitung einer jungen Frau, einer Halbklingonin, auftauchte.

"Hallo Lee-Ann", rief Yamara erfreut und winkte ihrer Freundin zu.
Lee-Ann Rogers war eine halbklingonische Archäologin, die vor einem halben Jahr auf die Enterprise versetzt worden war. René hatte sich Hals über Kopf in sie verliebt. Und Yamara freute sich natürlich mit einer anderen Halbklingonin sprechen zu können. Auf der Erde hatte sie Freundschaft mit B'Elanna Torres und deren Tochter Miral geschlossen. Die elfjährige Miral Paris wiederum ging des Öfteren mit Tom Crusher weg. Was die beiden taten, wusste niemand so genau. Nur dass Tom seiner kleinen Freundin den einen oder anderen deftigen klingonischen Kraftausdruck beigebracht hatte. Tom Paris, Mirals Vater, nahm die Kinder manchmal zu Shuttlerennen durch das irdische Sonnensystem mit.

Hinter René tauchte auch endlich Will Riker auf, Captain Riker, genauer gesagt. Nachdem die Enterprise entscheidend an der Rettung und dem Wiederaufbau der Föderation mitgewirkt hatte, waren er und Michelle befördert worden.
Allerdings hatte Michelle ihre Beförderung zum Admiral nur unter zwei Bedingungen angenommen. Erstens wollte sie um nichts in der Welt das Kommando über die Enterprise hergeben. Bewilligt. Und zweitens sollte ihr Mann zum Captain befördert werden und weiterhin auf der Enterprise als ihr erster Offizier dienen. Bewilligt. Wer so oft die Galaxis gerettet hatte, wie die Rikers und Picards konnte mit derlei Sonderwünschen ohne Angst vor Ablehnung vor seine Vorgesetzten treten.


Und letztendlich trudelte auch der Ehrengast dieser Veranstaltung ein: Fähnrich Andromeda Riker. Ihre Augen blitzten frech, das für ihre Familie typische braune Haar hatte sie zu einem französischen Zopf geflochten. Sie sah unverschämt gut in ihrer Sternenflottenuniform aus. Ihr Körper war muskulös aber dennoch grazil, sie hatte die Reflexe einer Raubkatze. Beide Eigenschaften rührten vom Parises Squares her, das Andy immer noch leidenschaftlich gerne spielte. Will seufzte, sein Baby war jetzt eine erwachsene Frau. Und ab morgen früh würde er sie nicht mehr vor den diversen Herren verteidigen können, die ihr den Hof machten. An der Akademie, da war Riker sich sicher, würde sie sich vor Verehrern nicht retten können. Er tat sich schwer mit der Vorstellung, dass sein Sternenkind jetzt erwachsen war.
"Hallo, Mum, Yamara. Die nerven ja wie eh und je!" bemerkte Andromeda mit einem Blick auf ihre vier jüngeren Geschwister, ihre beiden jüngeren Onkeln und ihren Neffen. Andromeda hatte es weiß Gott nicht leicht gehabt, weil sie sich fast zehn Jahre das Captain's Quartier mit vier kleinen Geschwistern hatte teilen müssen. Erst vor einem halben Jahr hatte Mum ihr erlaubt ein eigenes Quartier an Bord der Enterprise zu beziehen. Doch ab morgen würde das alles anders werden.
"Hallo, Andy. Dann können wir ja mit dem Kochen anfangen. Die Familie ist endlich wieder komplett."
"Ja, aber ich freue mich trotzdem darauf, dass ich ab morgen ein ganzes Haus für mich alleine habe." Michelle lächelte und umarmte ihre Tochter.
"Hallo, Sternenkind." Will trat hinter seine zweitälteste Tochter und umarmte sie. Sofort wurde Andromeda wieder zu Daddys kleinem Mädchen.
"Daddy!" rief sie erfreut und legte ihre ganze Liebe in diese Umarmung. Ihre ozeanblauen Augen, die sie von Will hatte, glitzerten feucht. Wie sehr würde sie ihren Daddy vermissen! Der Gedanke schmerzte sie, ihn nicht mehr jeden Tag auf der Enterprise sehen zu können. Aber immerhin waren ja die Großeltern da. Am Wochenende würde sie genau wie Yamara damals in LaBarre schlafen. Außer natürlich Robert und François würden sie zu sehr nerven, es war schon eine Last Onkeln zu haben, die einige Jahre jünger als man selbst waren.
"Andy, und du passt auf dich auf, ja?" fragte ihr Vater, während er ihr tief in die Augen sah. "Bei den jungen Männern. Aber vor allem beim Parises Squares." Andromeda stöhnte genervt. Seit ihrem achten Lebensjahr spielte sie jetzt Parises Squares, den recht brutalen Mannschaftssport, der an das Spiel Landhockey erinnerte und vermutlich auch daraus hervorgegangen war Die Teams bestanden aus sechs Spielern und hatten die Aufgabe auf irgendeine Weise den Puck ins Tor zu bekommen. Es war durchaus üblich den Stürmer mit dem Schläger auszuknocken. Und natürlich spielte Andromeda am liebsten auf dieser Position. Wie oft sie sich den rechten Arm, mit dem sie den Schläger führte, gebrochen hatte, konnte sie schon nicht mehr zählen. Glücklicherweise gab es Haut- und Knochenregeneratoren, sonst wäre Andromeda bestimmt nicht zu so einer attraktiven Frau herangewachsen.
Im Prinzip war Andromeda nur einer weiteren Familientradition gefolgt, ihre Mutter und ihre ältere Schwester hatten früh mit dem Spiel angefangen. Michelle war damals sechs Jahre alt gewesen. Yamara hatte bereits mit vier Jahren mit Parises Squares angefangen. Will hatte ihr irgendwann gestehen müssen, dass er schon mit fünf Jahren gespielt hatte. Andromeda hatte sich aufgrund ihres angeborenen Herzfehlers die ersten acht Jahre zurückhalten müssen. Doch nachdem die künstliche Pumpe tadellos arbeitete, hatte sie nichts mehr zurückhalten können. Ihrem Vater war fast das Herz stehen geblieben, als ihre Mutter und ihre Schwester sie nach dem ersten Spiel in der Juniorliga von Paris abgeholt hatten. Die stolze Bilanz waren ein gebrochener Arm, Rippenprellungen und zahlreiche blaue Flecken. Und drei Tore, die in Andromedas Augen alle Schmerzen Wert gewesen waren.

"Ach Daddy, du weißt, dass ich das Spiel einfach liebe. Und außerdem..." Sie scharte mit ihren Sternenflottenstiefeln im Sand. Riker griff unter ihr Kinn und hob es an. Er und seine Tochter waren fast gleich groß. Ein Blick genügte und er wusste, was sie angestellt hatte. So war es schon immer gewesen. Dennoch vergewisserte er sich lieber noch einmal.
"Du hast doch nicht?" fragte er und funkelte sie böse an.
"Doch, Daddy." Michelle grinste im Hintergrund und massierte Yamaras strapazierten Rücken. Yamara hatte noch gut vier Wochen bis zur Entbindung, das Kind, ein Mädchen würde sie auf der Erde bekommen. Sie und Wesley hatten sich Urlaub geben lassen, damit Picard und Beverly sich um sie kümmern konnten.
Michelle wusste natürlich schon längst, dass Andromeda sich bereits bei der Akademie-Mannschaft angemeldet hatte und dass das erste große Spiel kommenden Samstag in San Francisco stattfinden würde. Michelle hatte Karten für die gesamte Familie besorgt. Sie würden Andromeda von der Westtribüne mit der besten Aussicht anfeuern. Ihrem Mann sollte Michelle vielleicht ein paar Beruhigungstropfen in den Kaffee mischen, bevor sie zum Spiel aufbrechen würden?
"Andromeda Riker! Du willst deinen alten Vater ins Grab bringen! Du beginnst morgen mit deinem Studium an der Akademie und hattest nichts Besseres zu tun, als dich für die Parises Squares-Mannschaft anzumelden?"
"Mein Sohn, sie wird es schon überleben. Ich habe ihr doch zu Weihnachten eine komplett neue Ausrüstung geschenkt." Riker drehte sich auf dem Absatz um und funkelte seinen Schwiegervater böse an.
"Hör mal, Admiral, das war nicht nett von dir."
"Sag bloß, Captain? Ich bin ihr Großvater. Ich muss mir über diese Dinge keine Gedanken machen. Ich will meine Enkelkinder nur glücklich machen. Und wenn Kimberly und Kaitleen eine Ausrüstung von ihrem Großvater haben wollen, werde ich sie ihnen mit Freuden kaufen", konterte Picard und strich sich grinsend über den weißen Vollbart. "Meinst du deine Frau war in dem Alter anders? Oder Yamara? Du weißt doch, die Frauen unserer Familie musst du so nehmen, wie sie sind."
"Genau!" meinte Andromeda, legte den einen Arm um ihren Großvater und den anderen um ihren Vater und führte die beiden zum Haus.
Michelle und Yamara lachten, während sie ihnen folgten. Die Kinder, die sich noch immer mit Dreck bewarfen und sich gegenseitig über den Hof jagten, ignorierten sie geflissentlich. Sollte Beverly sie später alle zusammen in die Badewanne stecken.


"Tom, Robert, François, Kimberly, Kaitleen, Andy, Yamara, Wesley, Will, Johnny, Jean-Luc, René, Lee-Ann, Michelle, Picard, Essen ist fertig!" rief Beverly über den Hof und schlug mit einem Eisenstab in die Triangel, die über der Eingangstür hing.
Das Abendessen mit einer Großfamilie artete jedes Mal in einem mittelschweren diplomatischen Zwischenfall aus. Der eine mochte Brokkoli nicht, der andere konnte Zucchini nicht leiden. Die Erwachsenen tranken nicht alle den gleichen Chateau Picard. Bis sie alle endlich saßen, hatten vor allem die Kinder einen Bärenhunger.
Andromeda schüttelte den Kopf und griff nach der Schüssel mit Kartoffeln.
"Glaube bloß nicht, dass es auf der Akademie anders zugeht als hier. Die Mensa ist nichts im Vergleich zu dem hier", neckte René sie grinsend. Sie klatschte ihm mit beleidigt verzogener Miene eine Portion Kartoffelbrei auf den Teller.
"Iss und halt die Klappe, Cousin!" zischte sie.
"Sie mögen jetzt alle ein paar Jahre älter sein, aber abgesehen davon, dass wir keines der Kinder mehr füttern müssen, hat sich nichts geändert!" bemerkte Beverly lachend und tat Picard Fleisch auf. Ihr Mann griff nach seiner Gabel und schlug gegen das Weinglas.
"Oh je, jetzt wird's schmalzig!" stöhnte Michelle.
"Wir haben zwar den gleichen Rang, Tochter, aber ich kann dir immer noch Ärger machen!" witzelte Jean-Luc, worauf seine Söhne ihre große Schwester hämisch angrinsten. Dann räusperte er sich und ergriff sein Glas.
"Lasst uns das Glas erheben. Es passiert nicht alle Tage, dass die Akademie der Sternenflotte mit einem Mitglied unserer Familie beehrt wird..."
"Ob das eine Ehre ist, wage ich...", setzte René an und zischte dann vor Schmerz, weil Andromeda ihm ihre Gabel in den Oberschenkel gestochen hatte.
"Ab morgen haben wir wieder einen Kadetten in der Familie. Unsere kleine Andy ist jetzt erwachsen. Sie wird auf die Akademie gehen und dem Namen ihrer Familie alle Ehre machen."
"Besonders auf dem Parises Squares-Feld!" rief Yamara, worauf ihre Mutter ein "Hört, hört!" dazu setzte. Riker blickte finster zwischen den beiden Frauen hin und her.
"In den Hörsälen wäre mir allerdings lieber", meinte er trocken.
"Ich habe auch noch ein Geschenk zu diesem besonderen Anlass", erklärte Picard und griff unter den Tisch, wo er ein Päckchen hervorholte. Zahlreiche Hände reichten es an Andromeda weiter. Mit zittrigen Händen entfernte sie Schleife und Papier. Behutsam öffnete sie den Holzkasten und sah auf einen antiken Sextanten.
"Der Sextant gehörte meinem Vorfahren Guillaume Picard, er war im 18. Jahrhundert Seefahrer. Mit dem Sextanten hat er den Kurs seiner Enterprise, einem Segelschiff, bestimmt. Und du, mein kleiner Schatz", er stand auf und Andromeda blickte mit feuchten Augen zu ihrem Großvater auf. "sollst wissen, wie die Sterne über dir bestimmt werden, deren Ruf nach Wissen du gefolgt bist." Andromeda sprang von ihrem Stuhl auf und fiel ihrem Großvater in die Arme. Tränen kullerten über ihre Wangen.
"Nicht weinen, Liebes", meinte ihre Mutter gerührt. "Drei Wochen sind wir noch da und in den Semesterferien kommst du auf die Enterprise genau wie deine große Schwester."
"Genau, wir brauchen dich am Steuer. René, der kleine Verräter ist ja in Worfs Team gewechselt und das Steuer der Enterprise ist Familiensache", erklärte ihr Vater und schob Picard zur Seite. Picard zog ein Gesicht, setzte sich aber wieder an seinen Platz zurück.
"Esst euren Brokkoli!", befahl er seinen Söhnen in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Robert und François begannen sogleich eifrig zu schaufeln.
"Uns wirst du doch bestimmt nicht vermissen!", riefen Johnny und Jean-Luc gleichzeitig und schmollten mit vor der Brust verschränkten Armen. Ihnen wurde jetzt erst richtig klar, dass auch diese Schwester fortgehen würde, genauso wie Yamara auf die Freedom gegangen war.
Andromeda löste sich aus der Umarmung und ging um den Tisch herum. Sie zog Johnny und Jean-Luc von ihren Stühlen hoch und umarmte sie stürmisch.
"Natürlich werde ich euch Rotzlöffel vermissen!"
"Hey, du machst unsere Hemden nass!" beschwerten sich die Zwillinge über Andromedas Tränen.

So ging das familiäre Geplänkel noch den ganzen Abend weiter. Die Kinder wurden irgendwann zu Bett geschickt, während die Erwachsenen auf der Terrasse Platz nahmen, die einen herrlichen Blick auf die Weinberge bot, die allmählich in der Dämmerung verschwanden.
Picard hatte den Arm um seine Beverly gelegt und schaute mit ihr Familienfotos an.
Wesley massierte Yamaras geschwollene Füße, die auf seinem Schoß lagen. Michelle, Will, René und Lee-Ann spielten Poker miteinander. Und Andromeda blickte in die Sterne. Fortan würde nicht mehr ein vierhundert Meter langes Raumschiff ihr Zuhause sein und ihr die Grenzen ihrer Welt vorgeben, sondern die Erde. Sie hatte ein großes Haus in San Francisco und ein Zimmer hier in LaBarre. Sie hatte ein paar Freunde auf dem Mond, die sie sich trotz ihres Lebens auf der Enterprise hatte bewahren können. In New Orleans konnte sie Jake Sisko besuchen, der dort lebte und seine Romane schrieb, wenn er nicht in dem Restaurant kochte, das er von seinem Großvater nach dessen Tod übernommen hatte.
Von morgen an würde alles anders werden. Sie war trotz der Kriege, die die Föderation immer wieder erschüttert hatte, relativ wohlbehütet aufgewachsen auf der Enterprise. Wenn ihre Eltern sich nicht um sie hatten kümmern können, waren da immer noch deren Freunde und Offiziere gewesen: Data, M.J., Geordi LaForge, Deanna Troi, Yamaras Patenonkel Worf und Guinan.
Und durch ihre fünf Geschwister war sie nie wirklich alleine gewesen, obwohl sie sich das an manchen Tagen gewünscht hatte.

Andy seufzte und sah sich auf der Terrasse um. Sie konnte sich wirklich glücklich schätzen Teil dieser großartigen Familie zu sein. Sie hatte Eltern, die sich liebten und für einander in die Hölle und zurück marschierten. Sie hatte Großeltern, bei denen es nicht anders war. Ihre große Schwester war einfach nur klasse und ihr Schwager ebenso. Ihr Cousin René war... Na ja, René konnte sie nicht so wirklich einschätzen. Sie war mehr oder weniger mit ihm wie mit einem großen Bruder aufgewachsen. Er ärgerte und neckte sie für sein Leben gerne, das mussten ihre kleinen Brüder von ihm haben. Aber wenn sie auf einer Außenmission in Gefahr gewesen war, hatte er sich ohne zu zögern schützend vor sie gestellt und dadurch den einen oder anderen Phaserstrahl abbekommen, der eigentlich für sie bestimmt gewesen war. Wenn ihr jemand auf dem Schiff das Herz gebrochen hatte, konnte derjenige hinterher froh sein, wenn er nur eine einzige Nacht auf der Krankenstation verbringen musste. Doch, René Picard war schwer in Ordnung. Und am meisten hatte sie die Reaktion ihrer kleinen Brüder verblüfft, Johnny und Jean-Luc waren den ganzen Abend richtig anhänglich gewesen.
Sie gähnte.
"Geh' doch ins Bett, Schätzchen", meinte ihre Mutter und trank noch einen Schluck Rotwein. Doch Andromeda schüttelte den Kopf.
"Ich kann doch sowieso vor Aufregung nicht schlafen, Mum."
Riker stand auf und streckte sich.
"Wollen wir einen kleinen Ausritt machen, Sternenkind?" fragte er.
 "Von mir aus." Sie stand auf und ging hinter ihrem Vater her, einen nächtlichen Ausritt hatte er schon lange nicht mehr mit ihr gemacht. Angefangen hatten sie damit auf dem Holodeck der Enterprise und irgendwann hatten sie es in LaBarre auch getan. Die Pferde, die Picard sich hielt, kannten das Gelände im Schlaf. Daher machte Michelle sich auch keine großen Gedanken, sie ging irgendwann ins Bett, während Will noch mit seiner Tochter die Gegend unsicher machte.

 


Kapitel 2
Der erste Tag


Sternenflottenakademie, Mensa, gegen Mittag.
Andromeda balancierte ihr Tablett mit Traubensaft, Kaffee und einem Nudelauflauf auf den starken Armen und sah sich in der Mensa der Akademie nach einem freien Tisch um. Es war stickig, sie strich sich eine braune Haarsträhne hinter das Ohr, die sich aus ihrer Hochfrisur gelöst hatte. Der riesige Speisesaal war brechend voll mit Kadetten aller Jahrgänge und Rassen. Sie sah Vulkanier, die nur unter sich saßen, Bolianer, ein paar wenige Ferengi, einige Klingonen und in der Hauptsache Menschen. Hätte sie nur Großvaters Angebot angenommen und in seinem Büro gegessen. Vormittags war Jean-Luc Picard immer in seinem Büro anwesend, unterschrieb Zeugnisse, korrigierte Klassen- und Semesterarbeiten und hatte Sprechstunde für die Kadetten. Aber Andromeda wollte nicht gleich am ersten Tag aus der Reihe tanzen. Sie würde es schon schwer genug haben mit einer so berühmten Familie. Sie beneidete ihre Mutter ein klein wenig, die in ihrem Alter den Namen ihres Stiefvaters Jack Neech getragen hatte. Obwohl Michelle der Mann und seine Ansichten zutiefst verhasst gewesen waren, hatte ihr der Name Neech den Sprung in ihre glänzende Karriere doch deutlich erleichtert. Doch Andy hatte nur die Wahl zwischen den Namen Riker und Picard, allerhöchstens noch Crusher. Doch selbst ihre Schwester Yamara war schon zu berühmt-berüchtigt, um ihren Namen zu tragen. Also war sie bei Riker geblieben. Sie musste sich damit abfinden, dass ihre Eltern und ihr Großvater die Galaxis unzählige Male gerettet hatten vor den Borg, dem Dominion, den Romulanern, den Cardassianern und vielen anderen. Ihre Eltern und der Großvater waren lebende Legende und in Andromeda wurden entsprechende Hoffnungen gesetzt.

"Ist hier noch ein Platz frei?" fragte sie eine Gruppe menschlicher Kadetten, zwei Männer und zwei Frauen und versuchte sich von den immergleichen Gedanken zu lösen.
"Immer doch!", meinte einer der jungen Männer. Er hatte dunkle, geheimnisvolle Augen, schwarzes, strubbeliges Haar, einen Vollbart und grinste genauso dreist wie ihr Vater. Andromeda lachte in sich hinein, war ja typisch. Sie musste sich in der ganzen Mensa den Tisch aussuchen, an dem die jungen Draufgänger saßen. Ihr Herz pochte ein paar Takte schneller, als der junge Kadett sie angrinste und ihr den Stuhl an seiner Seite anbot.
"Habe ich dich nicht vorhin in ‚Moderne Geschichte der Sternenflotte' gesehen?" fragte er sie, worauf Andromeda nur nickte. "Wie hat dir der Stoff gefallen? Die Missionen der Enterprise sind unheimlich spannend, oder?" Die junge, blonde Frau neben ihm lachte.
"Mann, Roger, du weißt echt nicht, wer sie ist, oder?" fragte die Kadettin ihn grinsend.
"Nein. Also, wer bist du, schöne Unbekannte?" Ja, definitiv ein Will Riker-Verschnitt. Ihr Vater redete genauso mit ihrer Mutter. Sie spürte einen feinen Stich in der Herzgegend. Vielleicht würde sie heute Abend zum Essen nach LaBarre gehen? Sie vermisste ihren Daddy jetzt schon. Noch hatte sie drei Wochen lang die Möglichkeit ihn, ihre Mutter und die Geschwister jeden Tag zu sehen. Dann würde die Enterprise zu einer neuen Mission aufbrechen und erst in den Semesterferien, also in sechs Monaten konnte sie nach Hause zurückkehren und alle wieder sehen.
"Andromeda Riker", erwiderte sie knapp und schaufelte sich Nudeln auf ihre Gabel.
"Riker? Riker?" Er kratzte sich seinen Vollbart. "Kommt mir irgendwie bekannt vor." Er blickte ihr tief in die blauen Augen und verlor sich fast in ihnen. Kaum konnte er sich von dem Anblick lösen. Die dunkelbraunen Haare ihrer Mutter und die tiefen, blauen Augen ihres Vaters verliehen Andromeda Riker ein sehr geheimnisvolles Aussehen, das die Herzen der jungen Männer immer ein paar Takte schneller schlagen ließ.
"Roger, du stellst dich dümmer als ein Ferengi vor einer Handelskammeranhörung an!" bemerkte die blonde Kadettin.
"Meine Mutter ist Admiral Michelle Riker, mein Vater ist Captain Will Riker... Von der Enterprise, okay?" erklärte Andromeda und trank ihren Traubensaft.
"Oh, wow. Alles klar. Riker. Kam mir gleich bekannt vor. Also, wie gesagt, die Stunde war echt spannend." Andromeda stöhnte.
"Das hab' ich alles live und in Farbe miterlebt. Und die nächste Stunde wird auch nicht viel besser. Ich habe auf dem Plan gesehen, dass es um Admiral Picard geht."
"Ja und? Der ist doch klasse. Was der alles erlebt hat!" meinte Roger begeistert. Die junge Kadettin schüttelte nur lachend den Kopf. "Was hab' ich denn gesagt, Jessica?"
"Er ist mein Großvater. Der Admiral, okay? Also, das alles ist nicht wirklich neu für mich. Ich bin mit den Heldentaten von Jean-Luc Picard aufgewachsen." Roger blickte begeistert auf und beugte sich verschwörerisch zu Andromeda rüber.
"Dann weiß ich ja, wer mir bei den Hausaufgaben helfen kann", erklärte er dreist grinsend. Sie beugte sich zu ihm vor und sah ihm tief in die Augen.
"Weißt du, Roger, du erinnerst mich ganz stark an zwei Männer...", bemerkte Andromeda nun ebenfalls grinsend.
"Ach ja? Und an welche?"
"Dein Charme und dieses Grinsen erinnern mich ganz stark an meinen Vater..." Er lehnte sich mit stolzgeschwellter Brust noch weiter vor, mit Captain Will Riker wurde man nicht alle Tage verglichen. "Aber die Sache mit den Hausaufgaben erinnert mich an meinen Cousin René Picard, der hat sich auch immer versucht durchzumogeln." Roger sackte in sich zusammen, Jessica lachte laut. "Aber ich mache dir einen Vorschlag. Wenn ich dir bei den Geschichtshausaufgaben helfe, hilfst du mir bei Warpfeldtheorien. Dann habe ich mehr Zeit für das Parises Squares-Training." Er blickte sie verblüfft an.
"Du spielst Parises Squares, Andromeda? Das trifft sich gut, ich bin einer der Captains der Akademie-Mannschaften. Roger Delacourt." Sie reichten sich die Hände. "Das sind übrigens Jessica Sanders, Michael Anderson und Indara Fel." Sie reichten sich die Hände. Andromeda hatte irgendwie das Gefühl, dass diese vier Kadetten sie gerade in ihre Clique aufgenommen hatten. Das hatte sie sich schwieriger vorgestellt. Bisher hatte sie nur Freundschaften auf der Enterprise geschlossen, einige davon hatte sie sogar aufrechterhalten können, obwohl ihre Freundinnen mit den Eltern ins irdische Sonnensystem zurückgekehrt waren.

"Andy, kann ich dich mal kurz sprechen?" Die vier Kadetten sprangen von ihren Stühlen auf und salutierten. Andromeda drehte sich um und sah sich ihrem Großvater gegenüber.
"Hallo, Großvater. Darf ich dir meine neuen Freunde vorstellen? Roger Delacourt, einer der Captains der Parises Squares-Mannschaften…"
"Lass das bloß nicht deinen Vater wissen, der rastet aus", erklärte Jean-Luc grinsend und damit meinte er nicht nur die Tatsache, dass der unverschämt gut aussehende Kadett der Captain der Erstsemester-Mannschaft war. So wie dieser Roger seine Enkelin ansah, hatte er sich Hals über Kopf in Andromeda verliebt. Und das würde Will noch weniger gefallen, als die Tatsache, dass der junge Mann ihre Leidenschaft für den teilweise recht brutalen Mannschaftssport teilte. Jean-Luc wusste, dass Roger Delacourt ein überaus viel versprechender Kadett war, auf den eine glänzende Karriere wartete. Er hatte sehr gute Noten, wenn er sich mal um seinen Lernstoff kümmerte. Aber vielleicht konnte Andy ihm ein wenig unter die Arme greifen?
"Dann hätten wir hier noch Jessica Sanders, Michael Anderson und Indara Fel." Jean-Luc reichte allen nacheinander die Hand und legte diese dann auf Andromedas Schulter.
"Fünf Minuten, ja, Kleines?" Sie nickte und entschuldigte sich bei ihren neuen Freunden. Sie griff nach ihrem Tablett und streifte dabei Rogers Hand. Beide zuckten wie elektrisiert zusammen und sahen sich tief in die Augen. Picards Lippen kräuselten sich zu einem Lachen, das er herunterschluckte. Nein, sein Schwiegersohn würde nicht begeistert sein, ganz und gar nicht.
"Was gibt es denn so Wichtiges, Großvater?" fragte Andromeda, während sie an Jean-Lucs Seite über das Gelände der Akademie zu seinem Büro gingen. Die Sonne schien warm und angenehm auf sie herunter. Eine milde Brise wehte von der Golden Gate Bridge herüber. Gärtner Boothby stutzte einige Rosen zurecht. Er kam auf Andromeda zu und überreichte ihr eine. Er kannte sie seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Andromeda fand es immer wieder erstaunlich, dass der alte Gärtner bereits das Gelände gepflegt hatte als ihr Großvater ein junger Mann gewesen war. In der Akademie ging das Gerücht, dass Boothby kein Mensch war, sondern ein Q, der sich einen Spaß daraus machte als augenscheinlich alter Mann über die jungen, ungestümen Kadetten zu wachen und die Rosen zu schneiden.
"Ich wollte dich nur fragen, ob du heute Abend mit der Familie in LaBarre essen könntest. Ich weiß, du hast dich so darauf gefreut, dass Strandhaus deiner Mutter für dich alleine zu haben. Aber dein Vater vermisst dich ganz schrecklich und deine Brüder sind seit deiner Abreise heute Morgen so unausstehlich…"
"Noch unausstehlicher als sonst? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das möglich sein soll." Sie grinste frech.
"Komm schon, Andy, lass mich nicht betteln." Sie hatten sein Büro erreicht und gingen rein. Picards Assistentin, eine weibliche Bolianerin folgte ihnen mit der Post und einem Tablett mit Earl Grey nebst zwei Tassen.
"Ich mag es aber, wenn du bettelst, Großvater", flüsterte Andromeda. Picards Assistentin schloss hinter sich die Tür.
"Weißt du, Andy, die meiste Zeit denke ich, dass du ein liebes Kind bist. Verzeihung, eine liebe, junge Frau, mein kleiner Schatz eben. Aber in manchen Augenblicken erkenne ich, dass du eindeutig die Tochter deiner Mutter bist…" Sie blickte ihren Großvater herausfordernd an, während sie Tee in die zwei Tassen einschenkte. "Du bist genau wie Michelle ein kleines Biest. Der Himmel stehe dem Mann bei, der sich in dich verliebt und heiraten wird." Sie lachte.
"Daran verschwende ich derzeit keinen Gedanken."
"Dann nimm dich aber vor Roger Delacourt in Acht. Er hat ein Auge auf dich geworfen."
"Das habe ich gar nicht gemerkt", flunkerte sie, worauf Picard grinste. Sie konnte ihm nichts vormachen. "Ich dachte, er interessiert sich nur für mein Wissen über die Enterprise, die zahlreichen Riker-Manöver und die Geschichten über meinen berühmten Großvater… Er scheint ja ganz nett zu sein." Picards Mundwinkel verzogen sich wieder zu einem Grinsen.
"Ma Chère, verkohlen kann ich mich selbst", sie lachte über Picards Kommentar. "Der junge Mr. Delacourt ist bis über beide Ohren in dich verliebt. Und du bist ihm durchaus zugeneigt, das habe ich mehr als deutlich gesehen, als du ihn mir vorgestellt hast. Aber ich möchte dir zwei Dinge raten für das Essen heute Abend: Erzähle deinem Vater bloß nicht, dass er dir Avancen macht und schon gar nicht, dass er der Captain des Erstsemester-Parises Squares-Teams ist." Andromeda lachte, ihr Großvater kannte ihren Daddy wirklich sehr gut. Roger Delacourt hatte ganz schlechte Karten, er war Will Riker viel zu ähnlich, als das dieser sich den jungen Mann als Umgang für seinen kleinen Liebling wünschte und er spielte das brutale Spiel, das Riker am meisten hasste, weil die Frauen in seiner Familie es so liebten und sich über Knochenbrüche und Blessuren keine Gedanken machten.
"Aber vielleicht werde ich ihn noch mit zum Essen bringen, bevor die Enterprise in drei Wochen den Orbit verlässt."
"Warne mich bitte rechtzeitig vor, damit ich möglichst weit weg sein werde. Dein Vater wird nicht begeistert von dem jungen Mann sein."
"Wieso das denn? Er macht doch einen sehr sympathischen Eindruck."
"Eben, Mr. Delacourt ist sehr nett, hat erstklassige Noten und eine glänzende Karriere vor sich. Er ist der Schwarm aller weiblichen Kadetten. Muss ich deutlicher werden?" Andromeda rührte grinsend und mit roten Wangen ihren Tee um.
"Du hast mich erwischt, er erinnert mich an Daddy. Und das liegt nicht nur an dem dunklen Haar und dem Vollbart." Picard ergriff die Hand seiner Enkelin.
"Lass es langsam angehen. Das Temperament deiner Mutter könnte sonst mit dir durchgehen."
"Keine Angst, Großvater, ich lasse es ruhig angehen, versprochen." Glücklicherweise sah er Andromedas gekreuzte Finger unter dem Tisch nicht.


Akademie der Sternenflotte, Kadettenunterkünfte, am späten Nachmittag.
"Du bist eine kleine Wildkatze, Andromeda Riker", stieß Roger Delacourt hervor und küsste seine neue Freundin vor der Tür zu seinem Quartier. Sie hatten ihre letzte Unterrichtsstunde hinter sich gebracht, Andromeda musste sich in einer Stunde zum Essen nach LaBarre aufmachen. Sie hatte natürlich das falsche Versprechen, das sie ihrem Großvater leichtfertig gegeben hatte, bereits eine Stunde später gebrochen. Sie hatte Roger im Garten vor der Mensa wieder getroffen, alles auf eine Karte gesetzt und ihn im Schatten einer alten Platane geküsst.

Gärtner Boothby hatte sich tief über seine Rosen gebeugt und leise gelacht. Der Baum war seit Generationen als "Knutschplatane" bekannt. Heute hatte er anscheinend seinem Namen wieder alle Ehre gemacht.

"Roger, ich glaube, das ist doch genau das, was du willst", erwiderte sie und küsste ihn. Er griff hinter sich und tastete nach dem Türöffner. Sein Quartier war eine typische Junggesellenbude. Die grauen Wände waren mit Postern diverser Parises Squares-Mannschaften, einiger Urlaubsfotos von Risa und leichtbekleideten Damen tapeziert. Überall lagen Pads, Kleidungsteile und einige Teller verteilt. In einer Ecke entdeckte Andromeda zu ihrem Erstaunen eine Posaune, noch etwas, dass Roger mit Will Riker gemeinsam hatte. Sie war sich ganz sicher, ihr Daddy würde den neuen Freund seines kleinen Lieblings hassen. Er war ihm viel zu ähnlich. Und da Riker sich selbst am besten kannte, wusste er, dass er so einen Mann nicht in der Nähe seiner Tochter wissen wollte. Ihre Mutter würde das natürlich ganz anders sehen. Sie liebte an Will Riker sein gutes Aussehen, seinen unvergleichlichen Charme, sein draufgängerisches Wesen und die Unverschämtheit, die er an den Tag legte. Sie würde Roger Delacourt mögen. Andromeda zuckte gleichmütig die Achseln, man konnte nicht alles haben. Daddy würde sich schon an Roger gewöhnen.


Eine dreiviertel Stunde später stand Andromeda vom Bett auf und suchte ihre Uniform zusammen.
"Wo willst du hin, Wildkatze?" fragte Roger und setzte sich im Bett auf.
"Ich muss zum Abendessen nach Frankreich zu meiner Familie. Mein Daddy vermisst mich."
"Deine Familie würde ich gerne kennen lernen. Kann ich dich begleiten?" fragte er und griff nach seiner Uniform, die auf dem Fußboden verteilt lag.
"Wenn dir an deinem Leben nichts liegt. Mein Daddy wird dich mit seinem Phaser vaporisieren, vor allem, wenn er wüsste, was wir gerade getan haben." Sie beugte sich über Roger und streichelte durch seinen Vollbart. Er sah so verdammt gut aus. Andromeda verstand sich selbst nicht. Eigentlich war sie nicht so leichtlebig. Sie hatte zwei Freunde auf der Enterprise gehabt, natürlich heimlich. Will Riker hätte die beiden jungen Männer aus der nächsten Luftschleuse gestoßen, wenn er dahinter gekommen wäre.
"Dann sterbe ich als glücklicher Mann", erklärte Roger grinsend. Seine dunklen Augen funkelten wie Obsidiane, tief und geheimnisvoll wie ein schwarzes Loch, drohten sie Andromeda zu verschlingen mit Haut und Haaren.
"Vielleicht gibt es eine Möglichkeit." Sie trommelte mit ihrem Zeigefinger auf ihre Lippen und grübelte. Schließlich trat Andromeda an den Monitor, der in Rogers Quartier in die Wand eingelassen war.

"Ich brauche eine Verbindung mit LaBarre, Frankreich, den Anschluss von Admiral Michelle Riker." Der Computer bestätigte, kurze Zeit später wich das Logo der Akademie dem Gesicht ihrer Mutter.
"Hallo, Andy. Großvater hat gesagt, du kommst zum Abendessen? Das ist gut."
"Mum, ich würde gerne einen Kadetten mitbringen."
"Einen Kadetten?"
"Ja, er heißt Roger Delacourt." Michelle stieß zischend die Luft aus und lehnte sich in ihrem Ledersessel, der in ihrem Arbeitszimmer im Riker-Haus stand zurück.
"Dein Großvater hat mir von ihm erzählt. Du bist jetzt wahrscheinlich bei ihm, oder? Ansonsten müsstest du mein Haus in Rekordgeschwindigkeit umdekoriert haben… Du hast wirklich nicht lange gebraucht, Andy. Du bist… leider wie deine Mutter und deine große Schwester. Wenn wir etwas wollen, gehen wir ohne Rücksicht auf Verluste aufs Ziel zu. Rann an die Waffen, laden und schießen! Was soll's, du wirst schon wissen, was du tust." Michelle hatte "das Gespräch" schon vor einigen Jahren mit ihrer Tochter geführt und sie über die Spritzen informiert, nachdem sie von Andromedas erstem Freund auf der Enterprise erfahren hatte.
"Also kann ich Roger mitbringen? Er würde euch so gerne kennen lernen."
"In Ordnung. Ich packe alle Phaser weg. Ich bringe es deinem Vater schon irgendwie schonend bei."
"Danke, Mum." Sie beendete die Verbindung und drehte sich zu ihrem Freund um. "Wenn ein Mensch meinen Daddy unter Kontrolle bringen kann, dann ist das meine Mutter. Wir sollten ihnen noch ein bisschen Zeit geben. Sie werden sich wahrscheinlich erst einmal fetzen. Mama wird ihm die Leviten lesen und dann wird er noch eine Stunde daran rumkauen."
"Denkst du?" fragte Roger erstaunt, während er sich Zivilkleidung heraussuchte. Eine innere Stimme riet ihm gut auszusehen heute Abend.
Andromeda lachte über die Frage, sie hatte ihr ganzes Leben die "Harmonie" im Captain's Quartier hautnah miterlebt. Ihre Eltern liebten sich über alles Maßen, sie würden die Hölle für einander durchqueren, kein Zweifel. Genauso gab es keinen Zweifel daran, dass sie einfach nicht miteinander konnten, Will und Michelle Riker waren sich zu ähnlich. Das Universum war nicht groß genug für sie beide. Doch bereits an dem Tag, als Michelle das Kommando über die Enterprise übernommen hatte, hatten die beiden keine Chance mehr gehabt. Die berühmte Direktive 15, die besagte, dass ein kommandierender Offizier nicht auf einen Planeten oder ein Schiff beamen durfte, wenn seine Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte und schon gar nicht ohne bewaffnete Eskorte, hatte vor 19 Jahren die erstaunlichste Liebesgeschichte der Sternenflotte eingeleitet. Es war nicht wirklich üblich, dass ein Captain etwas mit seinem ersten Offizier anfing. Wahrscheinlich hätte ihr Daddy auch nie damit gerechnet. Er hatte ihrer Mutter während Michelles erstem Kommando an Bord der Enterprise mehr oder weniger verboten, auf die Planetenoberfläche von Berryl zu beamen. Und ihre Mutter hatte sich mehr oder minder auf der Stelle in ihren ersten Offizier verliebt, nachdem sie ihm beinahe eine Backpfeife für seine Unverschämtheiten verpasst hatte. Im Laufe ihrer 19-jährigen Ehe hatte ihr Daddy mindestens eine gebrochene Nase und etliche Ohrfreigen von seiner Frau verpasst bekommen. Er und Michelle reizten sich immer bis aufs Blut. Üblicherweise flogen erst die Fetzen, manchmal auch der eine oder andere Teller und dann versöhnten sie sich so gut, dass nach Yamara und dem "Betriebsunfall" Andromeda noch vier Kinder gefolgt waren. Am Anfang, das wusste Andromeda von ihrem Großvater, hatte es nicht danach ausgesehen, dass die beiden ein Paar werden würden. Michelle hatte sich noch ein paar Monate mit Will Riker gestritten, bevor sie sich ihre Gefühle eingestanden hatte. Großmutter Beverly hatte ihr ständig Kopfschmerzmittel verabreicht, eine Verabredung zum Abendessen und ein Abstecher ins Schlafzimmer hätten die Kopfschmerzen viel eher beenden können. Doch ihre Mutter war von zwei Ehen mit Dr. Julian Bashir und dem mysteriösen Jackson noch zu gebeutelt gewesen, um sich sofort darauf einzulassen. Roger staunte nicht schlecht über diese Eröffnungen über die Rikers. Er konnte sich allmählich vorstellen, wo Andromeda ihr Temperament her hatte.

"Roger, das ist normal bei den beiden. Yamara hat mal gesagt, wenn die beiden aufbrechen, um die Galaxis zu retten, streiten sie vorher, ob sie es auf Mamas oder auf Daddys Weise tun sollen. Wenn sie sich nicht streiten, sind sie unglücklich. Und jetzt komm, ich will mich noch umziehen. Es geht gleich ein Shuttle zum Strand, da steht Mums Haus, wo ich wohne werde, wenn ich nicht gerade in deinem Bett liege." Roger holte sie ein und legte den Arm um sie.
"Ach, und Roger, solche Vertraulichkeiten solltest du unterlassen, bis mein Daddy keine spitzen Gegenstände oder Waffen irgendeiner Art mehr in der Hand hat." Er lachte, noch.


Frankreich, LaBarre, das Picard-Haus am selben Abend.
Beverly rief mit ihrer Triangel wie jeden Tag die Familie zum Essen. Es war schön, sie alle hier zu haben. Doch zwei erwachsene und drei halbwüchsige Kinder, die Schar Enkelkinder, Jean-Lucs Neffe nebst Freundin, Will und die hochschwangere Yamara hielten Beverly ganz schön auf Trab.

Beverly legte die rechte Hand über ihre Augen und schirmte sie gegen die tief stehende Sonne, die in den Weinbergen versank, ab. Auf dem Feldweg, der zum Haus führte, entdeckte sie Andromeda, die einen schwarzen Hosenanzug trug, der ihre gute Figur betonte und einen ihr unbekannten, jungen Mann.
Das musste Roger Delacourt sein, von dem Michelle vorhin bei den Vorbereitungen in der Küche berichtet hatte. Yamara hatte über die Brechbohnen gebeugt in sich hineingelacht. Ihre kleine Schwester ließ wirklich nichts anbrennen. Beverly hatte ein Küchentuch nach ihrer Schwiegertochter geworfen und ihr erklärt, sie solle sich mal besser an die eigene Nase fassen. Über Beverlys Sohn Wesley war die damals siebzehnjährige Yamara wie eine Solitonwelle hinweggefegt. Sie hatte Wesley ebenso wie Michelle ihren Will in eine chaotische Beziehung gestürzt, die ein ständiges Auf und Ab war. Ganz ihrer Mutter nacheifernd brachte sie sich und Wesley regelmäßig in Schwierigkeiten, zoffte sich liebend gerne mit ihrem Mann und kam durch die eine vergessene Spritze in die Gunst einer unverhofften Mutterschaft während ihres Studiums. Zwar war sie damals 26 und nicht 17 wie Michelle gewesen, doch das letzte Jahr mit einem Neugeborenen war kein Zuckerschlecken gewesen. Andromeda hatte aus erster Hand erfahren, dass ihre Mutter und Yamara trotz aller Verwicklungen und Schwierigkeiten ihr Leben gemeistert hatten und sich an ihnen als Vorbilder orientiert. Natürlich hatte sie sich zwei junge Männer auf der Enterprise ausgesucht, mit denen es viele Probleme gegeben hatte. Alle hatten davon gewusst, alle außer Will Riker. Will war ein Mann, der sich schwer tat mit der Vorstellung, dass seine Töchter erwachsen wurden. Yamara hatte er als siebzehnjährigen Wildfang kennen gelernt und adoptiert. Da war nicht mehr viel zu retten gewesen. Er und Andy hatten von Anfang an ein ganz besonderes Verhältnis gehabt. Diese Tatsache hatte Andromeda wahrscheinlich daran gehindert ihrem Vater ihre ersten beiden Freunde vorzustellen.

"Jetzt wird's ernst, Roger. Du kannst noch zurück." Er schüttelte den Kopf. Augen zu und durch.
"Wer ist die Frau, die vor dem Haus steht?"
"Das ist meine Großmutter, Stiefgroßmutter genauer gesagt. Dr. Beverly Picard. Sie ist Großvaters zweite Frau. Ihr Sohn Wesley ist mit meiner Schwester Yamara verheiratet. Dadurch ist Wesley einerseits mein Stiefonkel und andererseits mein Schwager."
"Oh bitte, hör' auf! Davon bekomme ich Kopfschmerzen!" Er verdrehte die Augen und stöhnte, Andromeda lachte. "Das ist ja verworrener als schottische Verwandtschaftsgrade! Mein Kopf, Hilfe!"
"Die Kopfschmerzen kannst du gleich mit einem Glas Chateau Picard betäuben. Dann merkst du wenigstens nicht mehr die Schläge, die mein Daddy dir spätestens beim Nachtisch verabreichen wird."
"Ich wird's schon irgendwie überleben."
"Aber nicht, wenn René dich festhält… Na ja, du kannst dich hinter mir und Yamara, Mum und Großmutter verstecken. Die sind alle auf unserer Seite."
"Und dein Großvater?" Sie zuckte die Achseln.
"Der ist sich noch nicht sicher, was er von dir halten soll." Sie sah Rogers erstaunten Gesichtsausdruck und lachte. "Es wird schon werden." Sie zog Roger gnadenlos weiter auf das Haupthaus zu.


"Hallo, Daddy!" rief Andromeda aufgeregt, ließ Rogers Hand los und stürmte auf ihren Vater zu.
Er umarmte seine Tochter, sah an ihr vorbei und musterte Roger mit einem abschätzenden Blick. Roger hatte sich sein bestes Hemd angezogen, dunkelblaue Seide, die Farbe betonte seine Augen. Er sah, dass der Vater seiner Freundin, der berühmt-berüchtigte Will Riker ein ähnliches Hemd trug.
"Und Sie sind?" fragte Riker mit ernster Miene und musterte Roger weiterhin eindringlich.
"Kadett Roger Delacourt, Captain Riker, Sir. Ich bin der Captain der Erstsemester-Parises Squares-Akademie-Mannschaft."
"Schei….", entfuhr es Andromeda. Sie räusperte sich und zog Roger aus der Reichweite ihres Vaters, dessen Finger nervös zuckten. "Scheinbar ist das Essen fertig, Daddy. Lass uns reingehen." Will Riker grummelte in seinen Bart und stürmte ins Haus.
"Was hab' ich denn gesagt, Wildkatze?" fragte Roger und strich sich grübelnd über den Vollbart. Andromeda grinste, er sah aus wie Daddy.
"Roger, es gibt zwei Sorten Männer, die mein Vater in meiner Nähe nicht sehen möchte. Erstens ist das ein Mann, der ihn an sich selbst erinnert und zweitens ist es ein Mann, der genauso leidenschaftlich gerne wie ich Parises Squares spielt."
"Oh, da habe ich mich ja richtig beliebt bei ihm gemacht."
"Und noch etwas, Roger. Nenn' mich in seiner Gegenwart niemals, wirklich niemals wieder Wildkatze." Roger grinste. "Dann kann dich selbst meine Mutter nicht mehr retten. Denn mein Vater möchte sich viel bei mir vorstellen, aber nicht den Grund für diesen Namen." Roger nickte verstehend und folgte Andromeda ins Haus. Er hatte nicht wirklich Appetit, aber ein Schluck Wein würde vielleicht sein heftig pochendes Herz beruhigen.


Beverly, Wesley und Michelle räumten den Tisch ab, während Picard damit beschäftigt war, Johnny, Jean-Luc, Kimberly, Kaitleen, Robert, François und Tom ins Bett zu bekommen. Riker bugsierte seine Tochter auf die Terrasse und überließ diesen Roger seiner Frau. Er lehnte sich mit dem Rücken an das Holzgeländer und blickte seine Tochter herausfordernd an.
"Nun?" fragte Riker und musterte Andromeda.
"Was?" schoss sie mit einer Gegenfrage hervor und blickte mit verschränkten Armen süffisant grinsend ihrem Vater in die Augen. Sie sah aus wie ihre Mutter, Riker wollte sie erwürgen.
"Dieser Roger…", begann Riker.
"Ja?" Sie machte es ihrem Vater wirklich nicht leicht. Kinder konnten ein Segen sein, deswegen hatte es ihn auch nicht gestört, sechsfacher Vater zu werden. Doch in Momenten wie diesen wünschte er sich in den Deltaquadranten.
"Du lie… magst ihn?" brachte er stockend hervor, an dem Wort "Liebe" in Hinblick auf seine Tochter drohte er zu ersticken.
"Ich habe ihn sehr gerne. Mehr kann ich dir im Moment nicht sagen. Er ist nett zu mir, wenn ich in seiner Nähe bin, habe ich Schmetterlinge im Bauch." Sie lächelte verträumt.
"Und wenn er dich mal ärgert, wirst du ihm auf dem Parises Squares-Feld die Nase brechen, habe ich Recht?" Sie lachte.
"Du hast es erfasst. Daddy, ich bin deine und Mamas Tochter. Ich weiß genau, wie ihr miteinander umgeht. Und ich kann mich noch verdammt gut an die Höhlen des Lichts auf Angel One erinnern und daran, dass ich mit Großvater voraus geschickt wurde, damit Mama dir ein Ding verpassen konnte. Ich bin natürlich noch mal zurückgelaufen und habe es gesehen." Riker zuckte zusammen und fasste sich unwillkürlich an die Nase, von dem Bruch hatte man schon eine Stunde später nichts mehr gesehen. Doch noch heute, vor allem, wenn sie auf Deep Space Nine waren und er den unsäglichen ersten Ehemann Michelles, Dr. Julian Bashir, traf, dem sie auch die Nase gebrochen hatte, erinnerte er sich wieder an den Vorfall.
"Biest!", titulierte er seine Tochter, die genau wie Michelle auf recht vulkanische Art und Weise ihre linke Augenbraue hochzog. "Oh lass das, verdammt! Du siehst aus wie Michelle! Du weißt genau, dass ich dann nicht mit dir schimpfen kann!" Sie lachte.
"Das hat dich bei Mama doch auch noch nie davon abgehalten. Ich habe Roger schon über eure ‚harmonische' Ehe aufgeklärt, er wird sich hüten mir krumm zu kommen. Und außerdem: wenn jemand gelernt hat, sich zu schützen, dann ich. Immerhin bin ich auf der Enterprise aufgewachsen. Ich war an mehr Kriegsschauplätzen und in mehr interstellare Konflikte verwickelt als die meisten anderen Kinder. Glaubst du wirklich, ich werde nicht mit einem Mann fertig?" Riker lachte.
"Ich bin sicher, du wirst mit ihm zu Recht kommen. Aber wenn er dich noch einmal ‚Wildkatze' nennt, wenn ich in der Nähe bin, erschieße ich ihn mit meinem Phaser." Andromeda lachte und umarmte ihren Vater. "Du magst jetzt erwachsen sein, aber du wirst immer mein Sternenkind bleiben."
"Ich weiß, Daddy. Und jetzt lass' uns zur Familie gehen und den Abend in Ruhe ausklingen lassen."
"Übernachtest du hier?"
"Nein, Daddy. Du hast es selbst gesagt, ich bin jetzt erwachsen. Ich werde in meinem Bett in San Francisco schlafen."
"Und wo wird Roger Delacourt schlafen?" Bei dem Gedanke verzog Riker die Mundwinkel, seine Tochter grinste schelmisch.
"Wo immer Roger schlafen mag." Sie küsste ihren Vater auf die Wange und tänzelte ins Haus davon. Riker schüttelte den Kopf und drehte sich um.

Er blickte in die Sterne und suchte nach Andromeda. Die Spiral-Galaxie, die dem heimatlichen System am nächsten war, hatte Will und Michelle vor 18 Jahren zu dem Namen für ihre Tochter inspiriert. Sie hatten geahnt, dass ihre Tochter zu Großem berufen sein würde. Er entdeckte das Sternbild, das nach einer altgriechischen Prinzessin benannt war, die vor einem Seemonster, dem letzten der Titanen von dem Prinzen Perseus, dem Sohn des Zeus und der schönen Prinzessin Danae, gerettet worden war. Will war überzeugt, dass seine Andromeda keinen Prinzen brauchte, sie konnte sich selbst retten. Doch offensichtlich hatte sie sich jetzt ihren Perseus ausgesucht und das musste Will erst einmal verdauen.

Will war 54 Jahre alt, er hatte die Borg vernichtet, das Dominion besiegt, die Romulaner und Cardassianer bekämpft, Seite an Seite mit seiner Frau. Oft genug hätte einer von ihnen fast sein Leben verloren im Dienst für die Sternenflotte. Die letzte Schwangerschaft, hatte Michelle beinahe das Leben gekostet. Es war mehr als einmal haarscharf gewesen. Will hatte alles ertragen und sich fast nie ernste Sorgen gemacht. Doch dass sein kleines Mädchen, sein Sternenkind, einen Freund hatte - daran würde Will Riker noch eine ziemlich lange Zeit zu kauen haben.

Er drehte sich wieder zum Haus um und entdeckte Michelle, die ihn mit vor der Brust verschränkten Armen angrinste. Ja, er verspürte ein dringendes Bedürfnis eine seiner Frauen zu erwürgen. Vorzugsweise Michelle, seine Tochter war eine junge Ausgabe seiner Frau geworden. Eine erschreckende Vorstellung. Sie würde diesen Roger um den Finger wickeln, ihn mit Haut und Haaren verschlingen und die Reste wieder ausspucken. Und Roger würde sich dabei wie der glücklichste Mann im Universum vorkommen. Genauso war es Will vor 19 Jahren gegangen, als Michelle ihn auf dem Holodeck an ihrem Strand geküsst hatte. Irgendwann, da war Will sich sicher, würde Roger seine Tochter heiraten und nicht mehr von ihr loskommen. Die Chance hatte er mit dem ersten Kuss verspielt. Und in ein paar Jahren würde er mit Roger, an den er sich nur gewöhnen musste, auf der Terrasse sitzen und mit Wesley gemeinsam würden sie über Michelle, Yamara und Andromeda lästern. Die Frauen, die sie so sehr liebten, dass sie ihnen pausenlos den Hals umdrehen wollten. Er grinste.
"Was?" fragte er und kratzte sich verlegen am Kopf. Sie wusste genau, was er dachte.
"Sie ist nicht mehr dein kleines Mädchen, Will. Es wird Zeit loszulassen."
"Wie kannst du das so einfach?" Sie lachte, ging auf Will zu und zog ihn zu den Stühlen. Sie blickte ihm tief in die blauen Augen und er stürzte in ihren brauen Augen ab. Wie so oft seit er das erste Mal hinein gesehen hatte. Was auch immer sie vor 19 Jahren mit ihm gemacht hatte, es war noch da. Er strich ihr zärtlich über die Wange, sie erschauderte kurz und lächelte. Um Michelles Augen bildeten sich Lachfältchen, ein Zeichen für ihr bewegtes Leben.
"Einfach ist es gewiss nicht. Yamara hat sich damals Hals über Kopf in Wesley verliebt, wir haben es akzeptiert. Jetzt hat Andy sich in Roger Delacourt verliebt und wir müssen auch das akzeptieren. Es war auch bei Yamara nicht leicht. Besonders nicht für mich, sie ist mein ältestes Kind, so wie es Andy für dich ist. Erinnere dich, ich wollte Wesley aus der erstbesten Luftschleuse schmeißen, als wir es bei unserer Hochzeit herausgefunden haben. Und als ich dahinter kam, dass Jean-Luc sie verheiratet hat, wollte ich alle drei umbringen. Als ich erfuhr, dass Tom unterwegs war, wollte ich Wesley wieder aus der Luftschleuse schmeißen und meine liebe Tochter in ein klingonisches Kloster stecken. Bei Andy wird es mir wahrscheinlich ähnlich gehen. Und mit Kim und Kait wird es auch nicht einfacher werden. Über die Jungs mache ich mir weniger Sorgen, doch es wird mir auch nicht leicht fallen, sie an eine andere Frau zu verlieren. Im Moment bin ich die tollste Frau im Universum für sie. Abgesehen von ihrer Großmutter natürlich. Doch irgendwann kommt der Moment, wenn sie sich verlieben, auf die Akademie gehen und wir zwei werden alleine da stehen. So ist der Lauf der Dinge." Sie musterte ihren Mann. "Ich glaube, dir macht am meisten zu schaffen, dass er dir so ähnlich ist." Will sprang empört auf.
"Das ist nicht wahr! Er ist mir nicht ähnlich!" Michelle lachte über seine Reaktion.
"Will, er ist dir so verdammt ähnlich, dass es mir fast schon weh tut beim Hinsehen. Ich sehe dich als jungen Mann in ihm. Er ist ein Frauenschwarm, Dad prophezeit ihm eine große Karriere. Und er spielt Posaune. Er ist der Richtige für unser Sternenkind. Bisher waren ihre Freunde nur Probeläufe."
"Freunde?" rief er erstaunt.
"Oh Will, sei doch nicht so naiv. Das ganze Schiff hat es gewusst. Sie hatte zwei Freunde vor Roger."
"Aber", stammelte er. "Aber.... Nein, das kann nicht sein."
"Doch, es kann und es war so. Wir haben dir nur nichts gesagt, damit du nicht ausrastest."
"Na wenigstens hat sie mir diesen Freund vorgestellt. Aber wenn er meinem Sternenkind das Herz bricht…"
"Wird sie ihm die Nase brechen, das hat sie von ihrer Mutter gelernt!" beendete Michelle den Satz, stand auf und ging ins Haus. Riker folgte ihr kopfschüttelnd.

 


 


3. Kapitel
Heiße Spiele

Sternenflottenakademie, Kadettenunterkünfte.
"Computer, wie spät ist es?" fragte Andromeda müde und wischte sich den Schlaf aus den Augen. Sie sah sich in Rogers Quartier um, das endlich ein wenig ansehnlicher geworden war. Zumindest stand kein schmutziges Geschirr mehr rum. Sämtliche Pads lagen ordentlich gestapelt auf dem silberfarbenen Schreibtisch neben Rogers angefangenen Semesterarbeiten. Einzig auf dem Boden lagen ihre und Rogers Klamotten verteilt.
Sie gähnte. Zwischen den Vorlesungen, dem Parises Squares-Training und ihrer Beziehung mit Roger Delacourt kam der Schlaf in den letzten Tagen definitiv zu kurz. Sie war jetzt seit zwei Wochen an der Akademie. Nächste Woche würde sie die ersten Tests in diversen Fächern schreiben. "Moderne Geschichte der Sternenflotte" war für sie ein Klacks. Kein Wunder, drehte sich doch der Großteil des Stoffes um die Enterprise, ihre Eltern und ihren Großvater. Doch Roger musste das alles erst lernen und löcherte sie ständig mit Fragen zu den verschiedenen Missionen. Sie hatte sich gut auf der Akademie eingelebt und sogar ihr Vater gewöhnte sich allmählich an Roger. Vorsorglich hatte Andromeda ihn an jedem Abend zum Essen mit nach Frankreich gebracht. Sie hoffte ihr Vater würde dann beruhigt abreisen können in der nächsten Woche.

"Es ist acht Uhr und zehn Minuten", teilte ihr der Computer emotionslos mit. Sie war schlagartig hellwach. Die Vorlesungen der Erst- und Zweitsemester fanden teilweise gemeinsam statt und begannen alle um acht Uhr morgens.
"Verdammt!" rief Andromeda und sprang aus Rogers Bett. "Hey, Delacourt, schwing deinen Hintern aus dem Bett!" Sie grinste, sie hörte sich an wie ihre Mutter. Wie oft in den letzten Jahren hatte sie ihre Mutter ihren Vater auf diese Weise wecken hören im Captain's Quartier an Bord der Enterprise.
"Ich will nicht!" grunzte ihr Freund müde, die Nacht war kurz gewesen, zu kurz. Er drehte sich auf die andere Seite und zog die Decke bis unter sein Kinn hoch. Andromeda sah gerade noch sein verstrubbeltes, schwarzes Haar und den kleinen Ohrstecker, den sein rechtes Ohr zierte. Sie hörte wie Roger ausgiebig gähnte und schmatzte, er schien noch ziemlich müde zu sein.
Die Freuden ihrer jungen Liebe hielten ihn und Andromeda vom Schlafen ab. Doch im Gegensatz zu seiner Freundin machte ihm der Schlafentzug etwas aus. Andromeda war viel gewöhnt, sie war ja immerhin auf dem Flaggschiff der Sternenflotte aufgewachsen. Oft genug hatte es mitten in der Nacht roten Alarm gegeben und die Zivilisten waren in die Untertassensektion evakuiert worden.
"Und ob du willst, sonst werde ich rabiat!" Sie hatte zehn Jahre lang ihre kleinen Geschwister aus dem Bett geekelt, sie hatte also bei Meistern gelernt. Energisch trat Andromeda auf das Bett zu, bereits mit ihrer roten Kadettenuniform bekleidet, das lange, braune Haar hatte sie irgendwie zu einem Knoten verzwirbelt und mit einem Padstift festgesteckt. Im nächsten Moment zog sie Roger die warme Decke weg.
"Hey, spinnst du! Es ist eisig kalt!" Er war nackt und Andromeda schlief immer bei offenem Fenster. Er griff nach der Decke, doch sie hielt sie außer Reichweite. "Biest!" zischte er, das alles kam ihr irgendwie bekannt vor.
"Zieh dich an, wir kommen zu spät. Macht keinen guten Eindruck."
"Ist doch egal, die paar Minuten." Roger hatte sein erstes Semester nicht so locker rumbekommen, weil er sich ständig Sorgen um die Pünktlichkeit machte.
"Delacourt, wir haben Manövertaktik in der ersten Stunde. Du erinnerst dich doch noch, wer die Vorlesung hält, oder?" Sie grinste ihn höhnisch an und zählte gedanklich: drei, zwei, eins.
"Mist, verdammt, Shit! Wieso hast du mich nicht geweckt?" Andromeda verzog ihr Gesicht, Männer!
"Ich habe dich geweckt, du hast gemotzt, Baby. Jetzt schwing deinen knackigen Hintern aus dem Bett. Sonst bekommen wir Ärger." Roger sprang auf und zog sich in Rekordgeschwindigkeit an.


Sternenflottenakademie, Vorlesungsgebäude zwei.
Fünf Minuten später rannten sie über die Korridore zu dem Hörsaal, in dem die Vorlesung über Manövertaktik gehalten wurde für die Erst- und Zweitsemester. Sie traten durch die Tür, 30 Kadetten, die auf den grauen Hartschalenstühlen saßen und allesamt pünktlich um acht Uhr erschienen waren, drehten sich zu ihnen um. Andromedas Wangen glühten, Roger räusperte sich und ging mit ihr die Treppen des Hörsaals nach unten zu ihren Plätzen. Sie hörten Michael, Corey, Indara und Jessica lachen. Andromeda würde Roger dafür umbringen.
Der Offizier, der die Vorlesung hielt, blickte von seinen Unterlagen hoch und erkannte, wer da zu spät gekommen war. Er grinste mehr als spöttisch, denn er machte es sich zur Regel, die verspäteten Kadetten nachsitzen zu lassen.

"Guten Morgen, Kadett Riker, Kadett Delacourt. Wie schön, dass Sie uns auch noch die Ehre geben. Kadett Riker, Sie können direkt runter kommen und der Klasse das Manöver Nr. 425 erklären, das Ihre Mutter, Admiral Riker, während dem Krieg gegen die cardassianisch-romulanische Allianz befohlen hat zur Verteidigung von Vulkan."
"Sehr gerne, Admiral Picard, Sir", erklärte sie und warf einen bösen Blick auf Roger. "Dafür, Delacourt, wirst du nachher auf dem Parises Squares-Feld bluten. Mach' dich schon mal auf einen längeren Krankenhausaufenthalt gefasst." Roger zuckte zusammen, sie hatten heute nach dem Mittagessen Training und er spielte gegen Andromeda als Stürmer. Das sah echt übel für ihn aus. Wenn er nachher alleine vom Spielfeld gehen konnte, hatte er wirklich Glück. Andromeda und Roger gingen schon nicht zimperlich miteinander um, wenn sie keinen Krach hatten.
"Mr. Delacourt, nicht so schüchtern. Setzten Sie sich, Kadett Riker wird Ihnen gleich wieder Gesellschaft leisten." Die übrigen Kadetten lachten leise vor sich hin. Natürlich wussten inzwischen alle, dass Andromeda die Enkelin des Akademieleiters und dass Roger ihr neuer Freund war.

Picard hielt das Mikrofon zu, während sich Andromeda zu ihm herüberbeugte.
"Du genießt das so richtig, oder Großvater?" fragte sie und tat so, als würde sie die Unterlagen studieren. Sie kannte die Geschichte im Schlaf.
"Natürlich. Du bist selbst Schuld, wenn ihr ausgerechnet zu meinen Vorlesungen zu spät kommt. Ihr beide werdet heute Nachmittag nach dem Parises Squares-Training eine Stunde nachsitzen. Wobei, ich denke Mr. Delacourt wird dann auf der Krankenstation liegen, wenn du mit ihm fertig bist. Also sollten wir das um einen Tag verschieben." Picard grinste den Freund seiner Enkeltochter oben im Hörbereich an, er genoss die Situation sichtlich.
"Nun, dann beginnen Sie mit Ihrem Vortrag, Kadett Riker", erklärte Picard aufmunternd und noch immer grinsend. Er schaltete den Projektor ein und trat zur Seite. Eine Animation, die den Schlachtverlauf darstellte, spielte sich auf der Leinwand ab. Andromeda ergriff den Zeigestab und erläuterte das Manöver, das ihre Mutter damals angeordnet und bei dem ihre Schwester Yamara am Steuer gegessen hatte. Picard gab ihr eine mündliche Eins für ihre Leistung, erließ den beiden das Nachsitzen aber nicht.


Sternenflottenakademie, Parises Squares-Stadion, am Nachmittag.
Das Stadion war riesig und erst vor zwei Jahren komplett neu gebaut worden. Die Jahrgänge der Akademie traten jedes Semester gegeneinander an und kämpften um den Akademiepokal. Der Preis war in diesem Semester eine einwöchige Reise nach Bajor. Die Siegermannschaft konnte außerdem an intergalaktischen Turnieren auf dem Mond, Mars und anderen Planeten und Raumstation teilnehmen, um die Ehre der Sternenflottenakademie zu verteidigen. Roger Delacourt war im zweiten Semester, fungierte aber als Captain der Erstsemestermannschaft. Dies wurde mit allen Mannschaften so gehandhabt. Man hoffte die Verletzungsgefahr zu minimieren, wenn ein älterer Kadett die Teams leitete. Diese Hoffnung hatten die Akademieärzte spätestens mit Andromeda Riker aufgegeben.

Wenn sie spielte, gab es regelmäßig Verletzungen, die aber alle keineswegs regelwidrig waren. Parises Squares diente dazu Aggressionen abzubauen, man wollte den Spielern die Möglichkeit geben Konflikte auf dem Spielfeld auszutragen. Die Helme verhinderten seit mehreren Jahrzehnten tödliche Verletzungen, daher war das Spiel zu einem besseren Ruf gelangt als er noch zu Michelles und Wills Akademie-Zeit gewesen war. Auch Michelle hatte hier die eine oder andere Aggression abtrainiert, ebenso Yamara.

Heute kam Andromeda das Trainingsspiel gerade Recht. Roger spielte als Stürmer genau wie sie. Und eines war sicher, Roger würde am heutigen Tag das Spielfeld nicht aufrecht verlassen. Michael und Corey würden ihn tragen müssen. Roger hatte sie vor ihrem Großvater und ihrer gesamten Klasse blamiert. Und jetzt durften sie beide beim Admiral nachsitzen. Andromeda war so stinksauer, in der Mensa waren sie von der Clique aufgezogen worden und ihr Großvater würde spätestens heute Abend noch den einen oder anderen bissigen Kommentar loswerden. An das Donnerwetter, das sie heute Abend beim Essen in LaBarre von ihrem Vater zu hören bekommen würde, mochte sie gar nicht denken. Mum würde sich schief lachen, genauso Yamara. Oh Roger, dafür würde er jetzt bluten.

Da vorne stand Delacourt und hielt nach ihr Ausschau, na den Gefallen würde sie ihm tun. Sie fixierte ihn wütend mit ihrem Blick. Ihre Wangenknochen malten heftig, genau wie bei Will Riker, wenn er sauer war.
Roger hatte den Puck und näherte sich dem Tor ihrer Mannschaft. Andromeda hielt mit ihrem blau-metallic-farbenen Schläger auf Roger zu, holte aus und schlug mit dem Metallschläger knapp oberhalb des Bauches zu, volle Breitseite. Gegen die Wucht dieses Schlages hatte auch der Schutzpanzer nichts ausrichten können, man hörte mindestens eine Rippe brechen.
"Uff!" machte Roger und fiel der Länge nach hin. Intelligenterweise blieb er erst einmal liegen und überließ Andromeda den Puck. Er schüttelte benommen den Kopf und fixierte die Sonne, die hoch am Himmel stand. Er blinzelte ein paar Mal und setzte sich vorsichtig auf.
"Steh' auf, Delacourt und benimm dich wie ein Mann!" rief Michael Anderson, der in Rogers Team spielte. "Deine Kleine ist wohl noch angepisst, weil ihr heute Morgen zu spät aus der Kiste gekommen seid und der Admiral euch nachsitzen lässt..." Andromeda drehte sich blitzschnell um, ließ für eine Millisekunde den Puck aus den Augen und schlug zu. "Aua", entfuhr es nun Michael, der Andromedas Schläger ins Kreuz bekommen hatte. Sofort nahm sie den Puck wieder auf und beförderte ihn meterweise näher an das Tor heran.
"Hey, ich bin nicht dran schuld, wenn ihr die Finger nicht von einander lassen könnt!" rief Michael, zog Roger auf die Füße und tastete sich den Rücken ab. Auch dieser Schlag war nicht regelwidrig gewesen. Sie hatten keine Handhabe gegen Andromeda. Wollten sie auch nicht, Michael fand es erheiternd von Rogers Wildkatze eine Abreibung zu bekommen. Und Roger bekam das noch besser. Es schadete ihm gar nichts, seine Arroganz mal ein klein wenig zu Recht gestutzt zu bekommen.

Roger hielt sich die Seite und befühlte die gebrochenen Rippen. Über der Stirn hatte er schon von der Aufwärmphase eine Schnittwunde. Sie war verdammt sauer auf ihn, in den Hintern getreten hatte sie ihn auch schon. Locker lässig im Vorbeigehen.
Man hatte Roger gewarnt, dass mit der Tochter von Admiral Riker nicht gut Kirschen essen war. Er hatte bereits von anderen Leuten gehört, dass die Admirälin zweien ihrer drei Ehe-Männer die Nasen gebrochen hatte. Und dass Andromedas ältere Schwester das eine oder andere Disziplinarverfahren am Hals gehabt hatte. Gut, Commander Yamara Crusher war zur Hälfte Klingonin, daher hatte Roger gehofft die jüngere Schwester wäre ein wenig umgänglicher. Er hatte sich getäuscht. Die letzten zwei Wochen waren ein beständiger Wetterwechsel gewesen. Sonnenschein gefolgt von einem Tornado. Admiral Picard hatte ihn gewarnt, Captain und Admiral Riker hatte ihn gewarnt, selbst die Crushers hatten ihn durch die Bank durchweg gewarnt. Wer einmal in die Fänge einer der Riker-Frauen gelangt war, kam nie wieder von ihr los. Sie hatte ihn, wie prophezeit, mit Haut und Haar verschlungen. Und genau wie Will Riker es geahnt hatte, war Roger Delacourt der glücklichste Mann im Universum. Nicht gerade jetzt, aber immer dann, wenn die zwei ein Herz und eine Seele waren.

Andromeda flitzte mit dem Puck auf das gegnerische Tor zu und versenkte ihn mit einer Geschwindigkeit, dass die indische Torhüterin Indara Fel ihn nicht einmal reinfliegen sah.
"Tor für Team Riker", meldete der Computer unbeteiligt.
"Ach halt die Klappe, du elender Blecheimer!" rief Roger genervt nach oben zur Anzeigetafel. Andromedas Team führte mit 50 Punkten und etlichen Knochenbrüchen und Blessuren.
"Falsche Parameter, bitte wiederholen Sie den Befehl!"
"Halt die Klappe!" rief Roger noch einmal und stapfte an Andromeda vorbei, die ihn siegessicher angrinste und ohne ein Fünkchen Mitleid.
"Hey Riker, lass an deinem Märchenprinzen noch was dran, sonst hast du die nächsten Tage keinen Spaß mit ihm!" rief Michael, worauf die übrigen Teammitglieder lachten.
"Vielleicht kommen sie dann pünktlich zu den Vorlesungen!" witzelte Jessica und erntete einen giftigen Blick von Roger.
"Können wir hier jetzt endlich Parises Squares spielen, zum Donnerwetter noch mal!" rief Roger genervt und rannte auf Andromeda zu, um ihr den Puck abzunehmen. Er kam allerdings nicht sehr weit. Andromeda drehte sich im letzten Moment um und verpasste ihm einen Kinnhaken mit dem Schläger, schnappte sich den Puck und pfefferte ihn über die dreiviertel Länge des Spielfeldes in das Tor.
"Sieg für Team Riker", kommentierte der Computer. Andromeda grinste breit über ihr ganzes, freches Gesicht und wischte sich eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr Auge zierte ein hübsches Veilchen, weil Roger ihr den Puck vorhin versehentlich ins Gesicht geschleudert hatte. Michael Anderson und Corey Burns schnappten sich Roger und brachten ihn auf die Krankenstation, damit er für das Familienessen in LaBarre wieder fit sein würde.


Frankreich, LaBarre, das Picard-Haus am Abend.
"Wer gegen wen und wieso?" fragte Riker, als er seine Tochter den Weg zum Haus heraufkommen sah, dicht gefolgt von Roger Delacourt.
"Ich gegen Delacourt, Daddy." Riker konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, sie alle hatten Roger gewarnt. Er hatte nicht hören wollen, genauso wenig wie Will selbst damals, als er in Michelles Fänge geraten war.
"Grins nicht so unverschämt!" meinte Michelle, die neben Riker vor die Haustür getreten war. "Himmel, Andy, für diese Veilchen gibt es Hautregeneratoren. Du siehst ja wüst aus!" rief ihre Mutter und musterte das Auge ihrer Tochter, das genau wie Toms vor zwei Wochen in allen Farben schillerte.
"Das trage ich mit Stolz, der einzige Schlag, den Roger heute bei mir gelandet hat. Die übrigen waren von Michael."
"Was?!" rief Riker und warf Roger einen giftigen Blick zu.
"Ganz ruhig, Captain, oder muss ich dich mal wieder in eine Zelle sperren lassen, damit du dein erhitztes Gemüt abkühlen kannst?" fragte seine Frau grinsend und reichte Roger die Hand zur Begrüßung.
"Was fällt Ihnen ein, Mr. Delacourt?" fragte Will, doch Roger ließ sich nicht mehr ganz so leicht einschüchtern.
"Ihre Tochter, Captain Riker, Sir, hat mir auf dem Spielfeld zwei Rippen gebrochen, den Arm verdreht, einen Schnitt an der Stirn beigebracht und mir um ein Haar den Kiefer gebrochen."
"Aber die Nase ist heil geblieben, oder?" fragte Michelle und warf einen genauen Blick auf Rogers Gesicht.
"Ja, Ma'am. Dieses Mal." Michelle lachte über die Anspielung und führte ihre Tochter ins Haus.
"Gut gemacht, Schätzchen. Jetzt weiß er, wo es lang geht. Und ab morgen wird der Wecker gestellt, in Ordnung?" fragte ihre Mutter und drückte stolz ihre Tochter.
"Wenn ich meine Tochter noch mal mit so einem Veilchen sehe, unterhalten wir uns mal draußen in den Weinbergen unter vier Augen", zischte Riker.
"Aber nur, wenn Ihre Frau vorher alle Phaser wegschließt, Captain Riker, Sir", erwiderte Roger.
"Ich brauche keinen Phaser, Junior. Ich brauche nur einen Spaten und ein tiefes Loch", erklärte Will und ging ins Haus.

"Machen Sie sich nichts draus, Roger. Es ist nicht leicht für einen Vater", bemerkte Picard in der Eingangshalle und führte den Freund seiner Enkelin ins Esszimmer.
"Sir, ich wollte mich noch einmal entschuldigen, weil wir zu spät gekommen sind."
"Kein Problem, Sie und Andy sitzen morgen Nachmittag nach und die Sache ist erledigt. Das heutige Spiel dürfte Ihnen eine Lehre gewesen sein, Roger." Er blickte Andromedas Großvater erschrocken an und schluckte hart.
"Sie haben... Sie haben es gesehen, Sir?" Ihm brach der kalte Schweiß aus. Andromeda und er waren nicht gerade zimperlich mit einander umgegangen. Damit hatte er gewiss keinen guten Eindruck auf den Admiral gemacht. Er hatte zwar nur einen Treffer bei Andromeda gelandet, aber er hatte ihr mehrfach ein Bein gestellt, worauf sie jedes Mal über das halbe Feld geschlittert war.
"Ich saß auf der Westtribüne und habe mich köstlich amüsiert, Roger. Aber machen Sie sich keine Gedanken, ich nehme Ihnen das nicht übel. Andy kann sich ganz gut wehren."
"Sagen Sie das mal ihrem Vater, Sir." Picard lachte.
"Würde nichts bringen. Will ist ein sturer Esel." Sie betraten das Esszimmer.
"Das habe ich gehört, Jean-Luc", grollte Riker, während er den Erwachsenen Wein einschenkte. Michelle grinste und verteilte an die Kinder große Gläser mit Milch.
"Du verträgst wohl die Wahrheit nicht, Will", verpasste ihm seine Frau den nächsten Tiefschlag.
"Was du und dein Vater so als Wahrheit bezeichnen, bestimmt nicht, Ma'am!"
"Oh Gott, mein Mann nennt mich ‚Ma'am' im Kreise der Familie. Hast du plötzlich Respekt vor mir oder werde ich einfach nur alt?" Michelles fieses Grinsen hätte die Polkappen Bajors schmelzen lassen können.
"Such's dir aus, Frau Admirälin. Aber wenn du mich heute Nacht im gleichen Bett wie dich finden willst, überlege dir besser, wem deine Loyalität gehört."
"Dad?"
"Ja, Andy?"
"Iss deinen Rosenkohl und sei still", befahl seine Tochter und grinste frech wie Oskar.
"Biest!" meinte er nur.
"Ich weiß", sagten Andromeda und Michelle gleichzeitig, sahen sich verblüfft an und lachten los.
"Mr. Delacourt, Sie können noch verschwinden."
"Captain Riker, dazu ist es zu spät. Wer einmal von einer Frau Ihrer Familie die Knochen gebrochen bekommen hat, ist ihr auf ewig verfallen."
"Dann lasst uns auf unsere schlagkräftigen Frauen trinken", schlug Wesley mit einem Seitenblick auf seine Frau vor.
"Auf Michelle, Yamara und Andy. Der Himmel stehe ihren Männern bei!" rief Picard in die Runde.
Roger stimmte mit den anderen in den Toast ein. Er war überzeugt, dass die Prügel, die er heute auf dem Spielfeld von seiner Freundin bezogen hatte, ihn der Familie und besonders den Männern an diesem Tisch näher gebracht hatte.
Zufrieden lehnte er sich zurück, um den Rest des Abends zu genießen.

 

 


 
Kapitel 4
Familienzuwachs

Sternenflottenakademie, Parises Squares-Feld, am Mittag.
"Tor für Team Riker", bemerkte der Computer zum x-ten Male an diesem Tag. Leider war es nur ein Trainingsspiel. Das nächste Spiel um den Akademiepokal fand am morgigen Samstag statt. Bis jetzt lag das Erstsemesterteam auf dem dritten Platz und arbeitete sich unaufhaltsam nach oben.
Roger stöhnte genervt auf. Es war toll Andromeda Riker in seinem Team zu haben, aber gegen sie zu spielen, war die Hölle. Er und seine Freundin sahen anschließend jedes Mal aus, als wären sie aus einem Boxring mit Klingonen gestiegen. Was für seine ohnehin angespannte Beziehung zu Will Riker nicht gerade förderlich war. Roger war froh, dass er keine Beziehung mit Andromedas älterer Schwester Yamara hatte. Dass Wesley Crusher nach 14 Jahren Ehe noch immer unter den Lebenden wandelte, erachtete Roger als großes Wunder. Yamaras Temperament war an sich schon explosiv wie ein Photonentorpedo, dies gepaart mit klingonischen Erbanlagen, war nicht nur in Rogers Augen eine unkontrollierbare Mischung.
Yamara Crushers leidenschaftliches Wesen brachte sie seit ihrer frühesten Kindheit immer wieder in Schwierigkeiten. Es war erstaunlich, dass sie trotz zahlreicher Disziplinarverfahren schon bis zum ersten Offizier der U.S.S. Freedom aufgestiegen war. Sie ignorierte ständig Befehle, bei bewaffneten Konflikten während Außenmissionen schoss sie erst und stellte dann Fragen. Ihren Captain Jennifer Adams trieb sie fortlaufend in den Wahnsinn, sie legte sich mit ihr an, stellte ihre Befehle in Frage und rieb ihr mit dem allergrößten Vergnügen die 15. Direktive unter die Nase. Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, sie war eindeutig die Tochter ihrer Mutter und hatte von ihrem Adoptivvater gelernt, wie er den Dienst mit seinem Captain handhabte. Sie ließ auch gerne mal die Fäuste sprechen und das kam gerade bei heiklen Missionen nicht wirklich gut. Ihre Mutter war in Yamaras Alter bereits seit zwei Jahren Captain der Enterprise gewesen. Allerdings hatte sie bis zu dem Zeitpunkt auch eine tadellose Dienstakte und das diplomatische Geschick Jean-Luc Picards und seine resolute Gelassenheit gut eingesetzt, die Picard bis zu einem gewissen Grad an Michelle vererbt hatte.


Michael hatte sich den Puck geschnappt, den Indara aus dem Tor katapultiert hatte, um ihn wieder ins Spiel zu bringen. Nun versuchte er die schwarze Kunststoffscheibe Roger zuzuspielen, dessen Aufgabe es war sie an Andromeda vorbei ins gegnerische Tor zu befördern. Coreys Schwester Courtney Burns machte es ihm nicht leicht, wie sie da einsatzbereit zwischen den beiden metallenen Torpfosten stand. Sie peilte Roger mit ihren grauen Augen an. Ihr langer, blonder Pferdeschwanz wippte auf und ab, während sie abzuschätzen versuchte, wo er durchbrechen würde. Sie mochte zwar nur knapp 1,60 Meter groß sein, doch kein Mann sollte den Fehler machen sie zu unterschätzen. Wer ihrem Schläger zu nahe kam, dem konnte nicht einmal mehr Kahless, "der Unvergessliche", der legendäre Gründer des klingonischen Reiches helfen. Courtney war flink wie ein Wiesel, hatten scharfe Augen wie ein Suliban, die alles sahen und die Reflexe einer Raubkatze von Rigel VII.

Gegen die Idee Roger den Puck zu überlassen, hatte Andromeda allerdings Einwände. Sie sprang auf Michael zu, holte aus und Michael fiel der Länge nach über den Schläger und seine langen, dünnen Beine. Michael Anderson war über 1,90 Meter groß, hatte dunkelblonde Haare, die in alle Richtungen abstanden, wenn er nicht regelmäßig zum Akademiefriseur ging - was er ganz gerne mal vergaß. Roger lachte über Michael, als der einen klassischen Mauersegler hinlegte und mit dem Gesicht im Matsch liegen blieb. Wütend schoss Michaels Kopf Sekunden später in die Höhe.
Aus seinen blaugrauen Augen sah man fast schon die Blitze herausschießen, die er Andromeda entgegen schleuderte. Er sprang auf die Füße, sein grauer Spieldress mit seinem Namen und seiner Nummer in dunkelblauer Schrift darauf stand vor Dreck und Schlamm. Der Spielrasen war heute Vormittag gewässert worden.
"Hey, Delacourt, falls du es noch nicht gemerkt hast: Ich spiele in deinem Team, du Idiot!" rief Michael genervt und sah sich nach dem Puck um. Er erhaschte nur noch einen kurzen Blick auf diesen, weil Andromeda ihn schon wieder in das Tor pfefferte.
"Tor für Team Riker!", kommentierte der Computer. Die Anzeigetafel zeigte einen Vorsprung von 65 Punkten und eine verbleibende Spielzeit von zwei Minuten. Die 90 Minuten, die ein Spiel für gewöhnlich dauerte, waren in Warpgeschwindigkeit verflogen. Andromeda grinste siegessicher. In den verbleibenden Minuten konnte Rogers Team den Vorsprung keinesfalls mehr aufholen. Zumal er eine ausgekugelte Schulter hatte. Er war genau wie Michael mehrmals über Andromedas Schläger "gefallen".

"Spielende, Sieg für Team Riker", hieß es völlig unvermittelt vom Computer.
"Schiebung!" riefen Michael und Roger. Andromeda blickte sich irritiert auf dem Platz um. Aus Richtung der Umkleidekabinen kam ein Offizier, in dem sie ihren Vater erkannte. Ihren Vater? Die Enterprise war heute Morgen abgeflogen zur einer Mission in den Sektor 502, wo sie einen Planeten für eine geplante Kolonisierung überprüfen sollte.
Andromeda ließ ihren Schläger fallen und rannte auf Will Riker zu.
"Dad?! Ist es etwas mit Mum?!" rief sie erschrocken, über das Spielfeld. Will schüttelte mit dem Kopf, um seine Tochter zu beruhigen.
Er legte die Hände an den Mund und rief ihr entgegen: "Ihr geht es gut."
Die übrigen Teammitglieder schritten nebeneinander vom Spielfeld zum Ausgang, Roger trug den Schläger seiner Freundin und ging ein paar Schritte schneller als das restliche Team.
"Delacourt will wohl den Captain beeindruckend", neckte Jessica ihn. Roger drehte sich blitzschnell um und musterte sie böse.
"Halt die Klappe, Sanders! Wenn Captain Riker auf dem Spielfeld auftaucht, ist etwas passiert. Ihr wisst doch, dass er das Spiel hasst." Sie hatten Will erreicht und umringten ihn nun. Alle Spieler trugen Helme, hatten ihre Schläger unter dem Arm und sahen aus, als wären sie aus einem Krieg gekommen. Blaue Flecken, Knochenbrüche, Verrenkungen, Zerrungen - eine übliche Bilanz bei Parises Squares.
"Ich hasse es nicht, Mr. Delacourt. Ich mag es nur nicht, dass meine Tochter es spielt und ganz besonders nicht, dass Sie es mit Ihnen spielt", bemerkte Will.
"Komm' zur Sache, Daddy. Du bist doch nicht zum Spaß hier!" erinnerte Andromeda ihren Vater.
"Das ganz gewiss nicht, deine Mutter bekommt mich immer nur unter Androhung disziplinarischer Maßnahmen zu den Spielen...  Es geht um deine Schwester."
"Um welche?" fragte sie, ihr Vater vergaß manchmal den Namen der entsprechenden Schwester zu nennen. Bei vier Töchtern verständlich. Die Jungs wurden meist als die Zwillinge bezeichnet, was problematisch war, wenn es gleichzeitig um Kaitleen und Kimberly ging.
"Yamara." Seine Tochter ließ ihren Helm fallen, den sie gerade abgenommen hatte. Roger fing ihn ab und klemmte ihn sich unter den freien Arm.
"Ist etwas mit dem Baby?" fragte Andromeda. Erst jetzt bemerkte Riker, dass über ihrer Augenbraue eine Schnittwunde klaffte. Sofort sah sie den bösen Blick ihres Vaters, der Roger traf.
"Das war Michael, Daddy. Also, was ist mit Yamara?"
"Sie hat Wehen. Wir wurden gerade verständigt, als die Enterprise das irdische Sonnensystem hinter sich gelassen hatte."
"Wo ist sie? In Paris? Oder wird es eine klassische Hausgeburt durch Großmutter?" fragte Andromeda und dirigierte ihren Vater in Richtung der Umkleideräume. Er konnte bei den Männern warten und sich weiter überzeugen, dass Roger ihm ziemlich ähnlich sah.
"Hier in San Francisco." Seine Tochter sah erstaunt auf.
"Was bei Spocks spitzen Ohren macht sie in Frisco?!"
Lachend erwiderte Riker: "Du sollst nicht immer die Kommentare deiner Mutter verwenden, Andy! Michelle ist mit Präsident Spock befreundet, sie darf das."
"Ich kenne ihn auch gut. Die Partys in Paris sind immer überaus... faszinierend", erklärte sie ihrem Vater grinsend.

Spock, der langjährige Freund ihrer Mutter hatte eine verblüffende Karriere hinter sich gebracht. Angefangen hatte er als Wissenschaftsoffizier auf der U.S.S. Enterprise NCC-1701 unter Captain James T. Kirk. Nach der Fünf-Jahres-Mission der Enterprise wurde er zum Captain befördert und unterrichtete fortan an der Akademie. Nachdem James T. Kirk zum Admiral ernannt worden war, hatte Spock das Kommando über die neue Enterprise-A übernommen. Nach dem Kithomer-Friedensvertrag mit den Klingonen war er in den diplomatischen Dienst getreten. Zu der Zeit, da Michelles Vater das Kommando über die Enterprise-D geführt hatte, war Spock zum Botschafter der Vulkanier aufgestiegen. Gemeinsam mit Michelle hatte er den Friedensvertrag mit den Romulanern ausgehandelt, der allerdings nicht lange gehalten hatte. Nach dem Angriff der romulanisch-cardassianischen Allianz auf Vulkan war er zum Präsident seiner Heimatwelt bestimmt worden. Und vor fünf Jahren hatte die Vereinte Föderation der Planeten Spock zu ihrem Präsidenten gewählt.

"Ich wusste, es war ein Fehler dich zu diplomatischen Empfängen mitzunehmen."
"Hey, ich kann mich im Vergleich zu manchen Mitgliedern meiner Familie benehmen!" verteidigte Andromeda sich.
"Wer zum Beispiel?"
"Erinnere dich an Großvaters legendäres Besäufnis mit Großonkel Robert nach Wolf 359." Picard war nach seiner Assimilierung zu Locutus von Borg zur Genesung nach Frankreich gereist. Er und sein Bruder hatten ihre alten Differenzen geklärt, indem sie sich zwischen den Reben geprügelt und anschließend mit dem besten Chateau Picard betrunken hatten. Seit diesem Tag waren die beiden Brüder wieder ein Herz und eine Seele gewesen. Der alte Streit, weil Robert Jean-Luc seinen Fortgang zur Sternenflotte nicht hatte verzeihen können, war nie wieder ein Thema zwischen ihnen gewesen.
"Da warst du ja noch nicht mal geboren!"
"Ja, aber ich kenne die Holoaufzeichnung von Großtante Marie, die sich über den Vorfall so aufgeregt hat. Vor allem, weil die zwei Streithähne den ganzen Schlamm ins Haus geschleppt haben. Oder nimm mal deinen ersten Abend in LaBarre, als du mit Mama in die Weinberge verschwunden bist. Die Geschichte hat René mir erzählt." Andromedas Freunde lachten, Riker bekam einen roten Kopf und schob seine Tochter zur Seite.
"Mach' nur so weiter, Andy. Ich freue mich schon, wenn du während der Semesterferien unter mir dienen wirst auf der Enterprise."
"Daddy, dann gebe ich dir jetzt Mal was zum Freuen. Roger kommt mit und wird nach seinem Abschluss mit mir auf der Enterprise dienen!" Sie grinste dreister als ihre Mutter, wenn sie Riker eine volle Breitseite verpasst hatte. Wills Mundwinkel stürzten ins Bodenlose ab.
"Aber...", stammelte er. "Aber... Das hat sie mir gar nicht gesagt."
"Warum wohl?!" fragte Andy weiterhin grinsend. "Sie wollte mir den Spaß nicht nehmen. Und jetzt bring' mich endlich zu meiner Schwester, sonst lasse ich mich heute Abend noch von Großvater mit Delacourt verheiraten."
"Moment!" rief Roger, worauf die Freunde wieder loslachten und Riker aussah, als würde er gleich einen Herzinfarkt bekommen.
Andromedas Kopf flog herum und fixierte ihren Freund: "Was dagegen?"
"Äh...", machte Roger, trat fünf Schritte von Will Riker weg, schutzsuchend hinter dem großen, muskulösen Michael Anderson und meinte: "Nö. Bisschen plötzlich, aber egal." Michael drehte sich zu seinem Freund um und starrte ihn ungläubig an. Es war ihm ganz klar, wer in dieser Beziehung das Sagen hatte. Ebenso war es Michael klar, wer von beiden den höheren Rang bekleiden würde in der Sternenflotte.
"Hey, Auszeit!" rief Riker. "Sie halten sich zurück, Delacourt! Und du bewegst dich, das Shuttle wartet!" befahl er seiner Tochter, die zufrieden grinste, weil sie ihrem alten Herren den Schock des Jahres verpasst hatte. Sie hatte nicht vor Roger zu heiraten, zumindest nicht gleich heute. Aber es war gut, Daddy zu zeigen, wo es lang ging.


San Francisco, Sternenflottenkrankenhaus, Entbindungsstation.
Wesley tigerte nervös den Gang rauf und runter, während Michelle die Ruhe selbst war. Nachdem sie sechs Kinder geboren hatte und beim letzten Mal dem Tod mit Ach und Krach von der Schippe gesprungen war, konnten sie verfrühte Wehen ihrer ältesten Tochter nicht mehr wirklich aufregen.
"Mum, wie geht es Yamara?" fragte Andromeda und stürzte aus dem Lift.
"Die Frage sollte eher lauten, wie es dir geht? Konntest du vorher nicht wenigstens duschen und deine Verletzungen behandeln lassen?" tadelte Michelle. Wesley blickte auf und musterte seine Schwägerin.
"Wer hat gewonnen?" Typisch, dachte Riker, immer wurde gefragt, wer gewonnen, aber nicht, wer Andy verletzt hatte. Das würde sich nie ändern.
"Es war nur ein Trainingsspiel, Wes. Aber mein Team hat gewonnen mit 65 Punkten Vorsprung."
"Konnten die anderen denn alleine das Feld verlassen?" fragte er lachend und umarmte seine Schwägerin.
"Ja, konnten sie. Aber jetzt erzähl' bitte mal, was du mit meiner Schwester gemacht hast?"
"Gar nichts. Sie war bei deinem Großvater im Büro zum Mittagessen und da setzten die Wehen ein. Er hatte sie noch nicht mal zur Tür raus, da war das Wasser weg."
"Sie hätte sich doch ein Neues bestellen können", witzelte Tom Crusher, worauf sein Vater ihm eine Kopfnuss verpasste.
"Vorsicht, Rübenkopf! Deine Mama ist in ein paar Stunden wieder auf den Beinen und dann wird sie dir eine Tracht Prügel verpassen, weil du Boothbys Blumen ausgerissen hast."
"Oh Tom, was machst du für Sachen? Boothbys Blumen sind heilig! Hast du nicht gewusst, dass er ein Q ist, der die Menschen vor Gericht stellen soll und ihre Qualitäten und Existenzberechtigung prüft?" Der Junge blickte seine Tante entsetzt an.
"Du verkohlst mich!" rief Tom empört.
"Bestimmt nicht. Hoffentlich hast du jetzt nicht das Ende der Welt eingeleitet", erklärte Andromeda mit todernster Miene. Michelle konnte nicht mehr, sie lachte schallend los.
"Komm her, Tom, lass dich von deiner Tante nicht ärgern. Selbst wenn Boothby ein Q sein sollte, was durchaus möglich ist, wenn man bedenkt, dass er inzwischen ungefähr 150 Jahre alt sein müsste und noch immer gleich aussieht, haben wir seit zehn Jahren einen Nichteinmischungspakt mit den Q. Du bekommst deine Strafe und dann ist alles wieder in Ordnung." Michelle hatte Tom zu sich auf den Schoß gezogen, was sie auch nicht mehr allzu lange würde machen können. Der Junge wuchs ihr über den Kopf und wog bald mehr als ein ausgewachsenes Targ, wenn das weiter gehen würde. Er schaufelte den ganzen Tag Essen in sich rein und nahm nicht zu, ein alles verschlingendes schwarzes Loch. Zugegeben, Tom rannte tagsüber mit Picards Hunden in den Weinbergen rum, durchstreifte mit Miral Paris LaBarre und die umliegenden Dörfer und wenn er auf der Freedom war, vertrieb er sich die Zeit auf dem Holodeck beim Reiten, Kajakfahren und Bergsteigen. Der Junge konnte keine fünf Minuten ruhig sitzen bleiben und war schwieriger zu hüten als ein Sack talaxianischer Flöhe. Schon fing Tom an zu zappeln und rutschte von dem Schoß seiner Großmutter runter.

"Wes, warum bist du eigentlich nicht bei meiner Schwester, wo du hingehörst?" fragte Andromeda ein wenig vorwurfsvoll. Sie war es gewohnt, dass ihr Schwager nicht von der Seite seiner Frau wich.
"Sie wollte mich nicht dabei haben", erklärte er ein wenig geknickt.
"Ist sie etwa alleine?" fragte Andromeda, während sie sich auf einen Stuhl neben ihre Mutter fallen ließ. Sie wischte sich über die verschwitzte Stirn, sie musste ziemlich wüst aussehen.
"Nein, Picard ist bei ihr", beantwortete Wesley ihre Frage.
"Großvater?"
"Nein, der Geist von deinem Urgroßvater Maurice! Natürlich, Jean-Luc! Ich weiß auch nicht, was die zwei miteinander haben", meinte Wesley und blickte fragend zur Decke, wo er die Antwort auch nicht finden würde. Andromeda zuckte die Achseln und zog Roger zu sich heran. Sie legte die Arme um ihn, er streichelte ihren Kopf. Will grunzte ungehalten, er konnte sich einfach nicht an den Anblick gewöhnen. Genervt griff er sich ein Pad mit Nachrichten vom Tisch, der im Wartesaal stand und tat so, als würde er lesen, während er verstohlen Roger Delacourt beobachtete.
Michelle schmunzelte, sie wusste genau, welches besondere Band zwischen ihrer ältesten Tochter und ihrem Vater bestand. Picard und Yamara hatten von Anfang an ein ganz besonders Verhältnis zu einander gehabt. Yamara war das Bindeglied zwischen Picard und seiner Tochter, die ihn 17 Jahre nicht als ihren Vater anerkannte und schon gar nicht mit ihm sprechen wollte. Die verpasste Kindheit von Michelle konnte Jean-Luc damals bei Yamara miterleben und die Fehler der Vergangenheit bei seiner Enkeltochter wieder gutmachen. Auf Anraten ihres weisen Freundes, dem Vulkanier Tuvok, hatte Michelle Jean-Luc regelmäßige Besuche mit Yamara gestattet, wodurch ein beständiger Kontakt unumgänglich geworden war.

"Das Baby ist da!" rief plötzlich jemand. Alle drehten sich zur Tür des Kreissaales um und sahen Picard an, der voller Stolz grinste, wie ein Honigkuchenpferd an Weihnachten. Jean-Luc wurde schließlich nicht alle Tage Urgroßvater.
Michelle und Andromeda sprangen von ihren Stühlen auf.
"Geht's ihr gut? Können wir sie sehen?" fragte Michelle mit pochendem Herzen und feuchten Augen. Jetzt war sie schon zweifache Großmutter. Sie drehte sich um und sah Andromeda an, die ihren Freund umarmte. Wie sie ihre Töchter kannte, würde das nächste Enkelkind bestimmt von ihrer kleinen Andy kommen. Nun gut, vorsorglich sollte sie ein größeres Quartier für Andy reservieren. Roger Delacourt würde garantiert mit ihr zusammenziehen, wenn sie in den Semesterferien auf der Enterprise dienten. Armer Will, hoffentlich verkraftete er das.
"Ja und ja. Folgt mir", erklärte Picard, drehte sich um und verschwand schon wieder im Kreissaal.

Dort lag Yamara mit verschwitzter Stirn, ihre braunen Haare klebten an ihrem Kopf. Sie wirkte erschöpft, aber glücklich. Wesley trat auf seine Frau zu und küsste sie auf die Stirn.
"Hier kommt das neue Familienmitglied", erklärte die Krankenschwester und überreichte dem stolzen Vater ein kleines Bündel. Wesleys Tochter war in eine rosafarbene Decke gewickelt, ihre klingonischen Stirnwülste lugten ebenso deutlich wie ein dichter, schwarzer Haarflaum hervor. Wesley nahm sie auf den Arm und schlug das Tuch beiseite. Bei seiner Tochter war das klingonische Erbe bereits mehr als deutlich erkennbar. Die Haut war dunkel als hätte das Baby seinen ersten Tag am Stand verbracht, sie blickte ihn aus tiefschwarzen Augen an. Klingonische Babys kamen nicht mit blauen, sondern mit schwarzen Augen auf die Welt, die in der Regel allerhöchstens noch braun wurden.
"Wie soll sie denn heißen?" fragte Michelle und betrachtete ihre Enkeltochter zufrieden, alles dran. Zehn Finger, zehn Zehen, Stirnwülste, wo sie hingehörten und obsidiangleiche Augen, die frech an ihrer Großmutter vorbei starrten.
"Jorina, Jorina Crusher", rief Yamara von ihrem Bett aus und streckte die Hände in Richtung des Babys. Wesley ging zu ihr und legte die Kleine in die Arme ihrer Mutter.
"Jorina, die Wächterin", meinte Michelle zufrieden über die Namenswahl. Jorina war in der klingonischen Mythologie eine bedeutende Kriegerin gewesen. Sie hatte unerschütterlich und tapfer neben ihren Soldaten gekämpft, die auf Seiten von Kahless gestanden hatten, der nach dem erfolgreichen Kampf gegen den Tyrannen Molor das klingonische Imperium gegründet hatte. Zum Dank für Jorinas Treue hatte er sie zur Hüterin seiner Gesetze gemacht. Jorina war eine Frau gewesen, die kämpfen aber auch Regeln befolgen konnte. Eine gute Wahl für Yamaras Tochter. Disziplin war etwas, womit Yamara sich heute noch schwer tat. Vielleicht wollte sie ihre Tochter auf diese Weise auf den richtigen Weg schicken?
"Kahless stehe dir bei, Wes. Jetzt hast du noch so ein Weib am Hals, wie ich fünf habe."
"Mach nur so weiter, Riker, und du bleibst hier, während ich den Planeten MX-5R-J erkunde", witzelte Michelle.
"In deinen Träumen, Admiral. Du bleibst schön auf der Enterprise, wie seit 19 Jahren."
"Du kannst mich mal gern haben, wie seit 19 Jahren", konterte Michelle grinsend. Will ging auf seine Frau zu und küsste sie.
"Hey, könnt ihr das nicht auf eurer Enterprise machen? Heute stehe ich im Mittelpunkt", meinte Yamara lachend und hielt Jorina ihrem kleinen Bruder Tom entgegen.
"Ist die klein und hässlich!" rief er fast schon erschrocken.
"So wie du bei deiner Geburt. Oder was meinst du, wie du zu dem Namen ‚Rübenkopf' gekommen bist, Rübenkopf?" meinte Wesley grinsend.
"Haha!" antwortete Tom und stapfte zu seiner Großmutter. "Stimmt das?"
"Du warst ein süßes Baby genau wie deine kleine Schwester. Sieh sie dir noch einmal genau an", meinte Michelle und gab ihrem Enkelsohn einen ermunternden Schubs. Tom trat näher und musterte Jorina intensiv und höchst konzentriert. Seine kleine Schwester ballte ihre Linke zur Faust, wie um ihrem Bruder zu zeigen, dass sie sich später im Leben solche Sprüche von ihm nicht mehr gefallen lassen würde.
"Na, so schlecht sieht sie nicht aus. Auf den zweiten Blick zumindest." Alle lachten.
"Dann lasst uns verschwinden. Komm Riker, wir haben eine Mission zu erfüllen. Yamara, du schickst mir heute Abend gleich Bilder auf die Enterprise per Sumbraumverbindung." Sie drückte ihre Tochter und gab Jorina einen Schmatzer. Will verabschiedete sich von allen.
"Und Andy, benimm ich, dass mir keine Klagen von Picard kommen", drohte ihre Mutter mit erhobenem Zeigefinger, aber grinsend. Will zog von den anderen unbemerkt Roger zur Seite.
"Und Mr. Delacourt, ich erwarte, dass Sie sich meiner Tochter gegenüber immer korrekt verhalten. Ich habe meine Ohren überall auf der Erde. Denken Sie daran, dass Sie in sechs Monaten unter mir dienen werden." Er wartete Rogers Antwort nicht ab und ging zur Tür des Kreissaales heraus.

"Da wird dein Vater aber ein paar Probleme haben. Ich werde bestimmt nicht oft mit ihm zusammen arbeiten", erklärte Roger.
"Wieso? Wo hast du dich denn beworben?" fragte Andromeda wenig später auf dem Rückweg zur Akademie. Sie hatten noch eine Vorlesung, dann würden sie nach LaBarre aufbrechen, wie jeden Abend.
"Auf dem Maschinendeck. Ich bastel' für mein Leben gerne an Warpantrieben rum. Liegt in der Familie. Da hatte ich eigentlich gar keine Wahl."
"Bist du ein Nachfahre von Zefram Cochrane?" witzelte Andromeda, während sie auf das Kurzstreckenshuttle warteten. Es gab eine Linie, die das Sternenflottenkrankenhaus unterirdisch mit der Akademie verband.
"Nein, so bedeutend ist meine Familie leider nicht, dass ich mit dem Erfinder des Warpantriebes verwandt wäre. Mein Urgroßvater war Admiral Montgomery Scott."
"Sollte ich den kennen?"
"Ja, wenn du dich mal mit den fünf Vorgängern der Enterprise deiner Mutter beschäftigt hättest. Mein Urgroßvater war der Chefingenieur auf der Enterprise und der Enterprise A. Er diente unter Admiral James T. Kirk. Klingelt bei dem Namen ‚Scotty' was bei dir?" fragte Roger mit stolzgeschwellter Brust.
"Ach, der Wunderknabe?! Ich bin beeindruckt, Delacourt. Vielleicht bist du doch ein geeigneter Fortpflanzungskandidat?!"
"Mach mal halblang, Riker. Wer sagt, dass ich mit dir überhaupt zusammenbleiben, geschweige denn Kinder bekommen will?" Andromeda schnellte herum, drückte Roger an die graue Wand hinter sich und küsste ihn lange und heftig. Wartende Fahrgäste lachten in sich hinein. Nachdem Andromeda endlich von ihrem Freund abließ, trat dieser einen Schritt auf sie zu. Grinsend schnappte Roger nach Luft.
"Okay... überzeugt", presste er hervor. "Deine Familie hatte mich gewarnt, aber jetzt ist ohnehin alles zu spät. Ich bin dir hoffnungslos verfallen, Andromeda Riker." Sie grinste verschmitzt.
"Ich weiß, Delacourt. Ich weiß." Endlich traf das Shuttle ein, sie stiegen ein und fuhren zur Akademie zurück.

 


Kapitel 5
Sherlock Andromeda Holmes

Sternenflottenakademie, Kadettenunterkünfte, Dienstagmorgen, 6 Uhr 22.
"Kadett Delacourt!" rief jemand vor der geschlossenen Tür und betätigte immer wieder den Türsummer. Roger kam aus einem dicken Nebel verwirrender Träume an die Oberfläche seines Bewusstseins. Er drehte sich um und fühlte die Leere in seinem Bett. Wo war Andromeda? Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und grübelte angestrengt nach.
Da dämmerte es Roger wieder. Sie hatten sich gestern Abend gestritten und Andromeda war zornentbrannt zum Strand abgehauen, um in ihrem eigenen Bett zu schlafen. So langsam konnte er die Klagen von Will Riker und Wesley Crusher verstehen, die ihm über Wochen vorgebetet hatten, die Finger von einer Picard bzw. Riker zu lassen. Doch er hatte ja nicht hören wollen. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht war er Kopf voraus in diese chaotische Liebesbeziehung gestolpert.
"Häh?" rief er verpennt. "Wer ist da und wissen Sie eigentlich wie viel Uhr es ist?"
"Es ist 6 Uhr und 23 Minuten", meldete der Computer pflichtgemäß.
"Dich hat keiner gefragt! Deine neuralen Gelpads haben Fieber, du elender Blecheimer!"
"Lassen Sie uns bitte rein, Kadett Delacourt."
"Ich komme." Roger sprang vom Bett auf und schlurfte zur Tür. Sein Haar stand in alle Himmelsrichtungen ab und er hatte tiefe Ringe unter den Augen. Er trug Boxershorts und ein graues, ärmelloses Shirt.

Die ganze Nacht hatte er im Strandhaus angerufen, aber Andromeda hatte ihn schlicht und ergreifend ignoriert. Roger konnte sich noch nicht einmal mehr daran erinnern, worüber sie sich gestritten hatten. Wahrscheinlich war es absolut belanglos gewesen. Mit Sicherheit war es das gewesen. Ein falsches Wort und Prinzessin Verbohrtheit war eingeschnappt.
"Oh shit!" fluchte Roger, es fiel ihm schlagartig ein. Er hatte einer anderen Erstsemester-Kadettin schöne Augen gemacht. Blöderweise hatte Andromeda neben ihm gestanden und alles mitbekommen.
Roger betätigte den Türöffner und sah sich zwei Offizieren der Sicherheit gegenüber.
"Was es auch ist, ich war es nicht", erklärte er vorsorglich. Andromeda wollte ihn ja wohl nicht verhaften lassen für seine Blödheit?! Oder Admiral Picard? Nein, unwahrscheinlich.
"Kadett Delacourt, sind Sie mit Kadett Jeremy Miller bekannt?" fragte der große Offizier und musterte Roger mit seinen dunklen Augen genau.
"Jeremy ist im dritten Jahr, wir sind Freunde. Wir spielen manchmal Poolbillard in Marseille bei Sandrine am Hafen... Allerdings habe ich seit ein paar Wochen eine Freundin, seitdem hatte ich leider nicht mehr soviel Zeit für Jeremy." Roger kratzte sich verlegen am Kopf. Warum rechtfertigte er sich vor den Sicherheitskräften für sein liebestolles Verhalten? Weil man sich unwillkürlich schuldig vorkam, wenn morgens kurz nach sechs zwei Sicherheitsoffiziere vor der Tür standen.
"Kadett Miller ist tot", erklärte der zweite Offizier, der klein und untersetzt war, emotionslos. Beide trugen senffarbene Uniformen, die jedem zeigten, dass sie zur Sicherheit gehörten. Roger zählte die silberfarbenen Knöpfe ab, sie waren Lieutenant-Commanders.
"Tot!" rief er entsetzt, als er begriff, was Humptey Dumptey, wie er den kleineren der beiden Offiziere getauft hatte, gesagt hatte.
"Ja, es gab eine Explosion im Chemielabor in der Nacht."
"Im Chemielabor?" wiederholte Roger ungläubig. Jeremy wollte Wissenschaftler werden, das wusste Roger. Er war ein leidenschaftlicher Forscher, der sich die Nächte im Labor um die Ohren schlug.
"Zunächst gehen wir natürlich von einem bedauerlichen Unfall aus", setzte der Lange an.
"Allerdings müssen wir prüfen, ob Kadett Miller Feinde hatte", ergänzte Humptey Dumptey und ließ seinen Blick durch das Quartier schweifen. Die Poster von leichtbekleideten Damen waren verschwunden, auf der Fensterbank stand eine Orchidee. Alles war ordentlich und sauber, Roger seufzte. Andromeda krempelte sein Leben ganz schön um und er musste zugegeben, dass es ihm gefiel.
"Nett haben Sie es hier, Kadett Delacourt.", bemerkte der Lange, der Rogers Blick durch dessen Quartier gefolgt war.
"Danke Sir, meine Freundin, Kadett Andromeda Riker, hat... ein bisschen die Einrichtung geändert." Die beiden Offiziere schmunzelten, sie konnten sich noch gut an ihre eigene Akademiezeit erinnern.
"Wo ist Ihre Freundin, Kadett Delacourt?"
"Sie ist am Dark Harbor-Strand. Ihre Mutter Admiral Michelle Riker von der Enterprise hat dort ein Strandhaus, Beach Drive 5. Nicht zu übersehen. Große Panoramafenster und ein ziemlich langer Privatstrand."
"Sie sind mit der Tochter von Admiral Riker liiert?" Humptey Dumptey notierte die Information sogleich in seinem Pad.
"Ja, bin ich. Andromeda Riker ist die Enkelin des Akademieleiters, Admiral Jean-Luc Picard", gab Roger ein wenig stolz zu.
"War Ihre Freundin gestern Nacht bei Ihnen?" Roger wurde hellhörig. Brauchte er ein Alibi?
"Was soll die Frage? Bin ich verdächtig? Jeremy war seit meinem ersten Semester mein Freund!" empörte Roger sich.
"Wir verdächtigen niemanden, Kadett. Wir stellen nur Fragen und überprüfen das Milieu, in dem Kadett Miller sich bewegt hat."
"Also, wo waren Sie letzte Nacht und war Ihre Freundin, Kadett...", Humptey Dumptey sah auf sein Pad. "Kadett Andromeda Riker bei Ihnen?" Roger seufzte, er hatte keine Lust sein Liebesleben vor den beiden Offizieren auszubreiten. Am Ende bekam Will Riker von dem Streit Wind und ließ ihn von einem seiner Freunde am Strand oder unter der Golden Gate Bridge verbuddeln.
"Wir haben uns gestritten." Der Lange wurde hellhörig.
"Worüber?"
"Worüber sich junge Verliebte so streiten. Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern. Andromeda, also Kadett Riker, rauschte beleidigt davon und ich bin nach Frankreich geflogen zu ihrem Großvater. Er sollte mir erklären, in was für eine Irre ich mich da verliebt habe." Humptey Dumptey schmunzelte. In Wahrheit wollte Roger von Andromedas Großvater wissen, wie er es wieder gutmachen konnte. Blumen, Pralinen, ein Ausflug nach Venezuela zu den Angel Falls? Picard hatte ihm erklärt, da helfe nur Eines, zu Kreuze kriechen im Staub zu ihren Füßen. "Da war ich bis ungefähr halb elf am Abend. Dann bin ich an den Strand zum Haus von Admiral Riker geflogen. Sie hat nicht aufgemacht."
"Der Admiral? Schwerlich, die Enterprise ist im Sektor 502."
"Die Tochter, Sir! Ich habe eine Beziehung mit Andromeda nicht mit Michelle Riker. Also bin ich zurück in mein Quartier und habe sie angerufen, stundenlang. Sie hat mich ignoriert. Irgendwann bin ich eingeschlafen und eben wach geworden, als Sie kamen, Sirs."
"Gut, das wäre dann erst einmal alles, Kadett Delacourt. Wir wünschen einen angenehmen Tag." Sie drehten sich auf den Absätzen um und verschwanden.
Einen angenehmen Tag? Roger schüttelte ungläubig den Kopf. Diese beiden Offiziere hatten ihn gerade über den Tod eines Freundes informiert und wünschten ihm einen angenehmen Tag? Er brauchte jetzt ganz schnell einen Kaffee.


Sternenflottenakademie, Mensa, wenig später.
"Hey Delacourt, hast du schon gehört, dass Jeremy sich in die Luft gesprengt hat?" fragte Corey Burns wenig taktvoll zur Begrüßung.
"Corey, halt den Ball flach. Jeremy war mein Freund."
"Für den du in letzter Zeit nicht viel Zeit hattest", bemerkte Courtney bissig und verteidigte ihren Bruder.
"Courtney, Klappe", blaffte Roger. Er war müde, genervt und geschockt von Jeremys Tod. Er griff gedankenverloren nach seinem Orangensaft und merkte, dass etwas fehlte. Er stöhnte. Der Orangensaft fehlte. Roger drehte sich zum Eingang um, wo sich die Essensausgabe befand. Vitamine konnte er nach den letzten Ereignissen wirklich gebrauchen. In der Tür stand Andromeda. Wenn sie eine schlaflose Nacht hinter sich hatte, sah man es ihr nicht an. Sie war schön und strahlend wie eh und je. Auf der Enterprise aufzuwachsen, hatte durchaus seine Vorteile. Sie bewegte sich mit ihrem Tablett zielsicher durch die Mensa.
"Hey Riker, hier ist noch ein Platz frei", rief Michael, der nichts von dem gestrigen Streit ahnte. Roger zuckte unwillkürlich zusammen. Das schlechte Gewissen meldete sich lauter als eine klingonische Oper. Er bekam rote Ohren und räusperte sich mehrmals verlegen.
Bevor Andromeda den Tisch erreichte, ergriff Roger das Wort: "Michael, ganz schlechte Idee."
"Wieso?"
"Ich habe…"
"dich benommen wie ein riesengroßes Arschloch", beendete Andromeda den Satz und setzte sich zwischen Roger und Michael mit finsterer Miene. Sie hatte rote Augen, offensichtlich hatte sie geweint. Roger fühlte sich hundeelend. Er war nur froh, dass die Enterprise weit weg war, der Captain würde ihn in der Sahara aussetzen oder Schlimmeres. Roger stocherte in seinen Rühreiern rum, schob sie auf dem Teller hin und her. Endlich räusperte er sich und setzte zu einer Entschuldigung an.
"Das wollte ich eben sagen, Wil…"
"Wenn du mich jetzt ‚Wildkatze' nennst, bevor du dich bei mir entschuldigt hast und wir uns wieder versöhnt haben, werde ich Wesley anrufen, damit er dich bis zum Kopf an meinem Strand verbuddelt und ich zusehen kann, wie du in der Mittagssonne gar kochst!" Die übrigen Kadetten am Tisch, Michael, Courtney, Corey, Rebecca und Indara lachten in sich hinein und versuchten sich mit ihrem Frühstück zu beschäftigen. Was ihnen nicht so wirklich gelang. Streitereien und die anschließenden Versöhnungen zwischen Riker und Delacourt waren aufregender als ein Holoroman, den der ehemalige Doktor der Voyager - Joe McCoy wie er sich nun nannte - geschrieben hatte.
"Können wir das vielleicht unter vier Augen erledigen, unsere Freunde sabbern gerade vor lauter Spannung in ihr Müsli." Roger sah ihr flehend in die Augen, seine Freundin war nicht wirklich beeindruckt von seinen Versöhnungsversuchen. Sie war viel zu sauer. Die halbe Nacht hatte er im Strandhaus angerufen und sie um ihren Schlaf gebracht. Dann hatte auch noch Großvater Picard sich gemeldet und ihr Rogers Lage versucht klarzumachen. Er sei ein Idiot, hatte Picard unverblümt erklärt, ein verliebter Idiot. Und sie solle ihm doch bitte verzeihen, bevor er Picard mit seinem liebeskranken Gesäusel um den Verstand bringen würde.
"Dann müssen sie weniger kauen", erklärte Andromeda, stand aber bereits auf. Sie konnte ihren Großvater ja nicht hängen lassen. Roger wollte ihre Hand ergreifen, aber sie schlug ihm auf die Finger. Also doch zu Kreuze kriechen. Michael, Courtney, Corey, Rebecca und Indara lachten wieder.
"Esst schön euer Müsli, Freunde, heute Nachmittag spielen wir", rief Andromeda über ihre Schulter und grinste fies. Die anderen stöhnten, sie ahnten schon den Ausgang des Spiels. Der Computer würde fortwährend melden "Tor für Team Riker". Sie hofften nur, dass Roger ordentlich schleimte, damit sie den armen Kerl nachher nicht vom Spielfeld tragen mussten.


Sternenflottenakademie, der Garten vor der Mensa.
Die Sonne schien Dank der planetaren Wetterkontrolle sanft und wärmend auf die Gärten der Sternenflottenakademie herab. Zahlreiche Studenten nutzten die Stunden vor der ersten Vorlesung zur körperlichen Ertüchtigung, sie joggten durch die Grünanlagen, walkten oder gingen spazieren. Einige unter ihnen gingen auch schlichteren Vergnügen nach.

"Hihi, habt ihr dafür kein Quartier?", lachte Boothby und überreichte Andromeda ihre tägliche Rose. Seit sie die Akademie als kleines Mädchen zum ersten Mal besucht hatte, schenkte ihr der Gärtner eine weiße Rose. Rein wie ihr unschuldiges Kinderherz, hatte er bei ihrer ersten Begegnung bemerkt. So unschuldig war Andromeda inzwischen wahrlich nicht mehr, aber Boothby hielt an der schönen Tradition fest. Und Andromeda erfreute sich jeden Morgen daran.

Roger hatte sich bei ihr entschuldigt und geschworen sich nie mehr derart daneben zu benehmen. Sie hatte zwar nicht die Hoffnung, dass dies auf Anhieb funktionieren würde, aber die Hoffnung starb ja bekanntlich zuletzt.

Jetzt standen sie unter der "Knutschplatane" und taten, wodurch der ehrwürdige Baum zu seinem Namen gekommen war.
"Das war nur eine klassische Versöhnung, wie sie die ‚Knutschplatane' schon viele gesehen hat, Boothby", lachte Andromeda und nahm die Rose lächelnd entgegen. Sie roch daran, der Duft war unvergleichlich. Ein Tag ohne Boothbys Morgengabe war einfach kein schöner Tag.
"Nicht nur die, Andy, nicht nur die. Jetzt sputet euch aber. Ihr müsst euch noch stärken." Woher wusste der alte Mann bloß, dass sie noch nicht gefrühstückt hatten?
"Mr. Boothby…", setzte Roger an.
"Einfach nur Boothby. Den ‚Mister' kannst du da hinten bei den Amaryllis vergraben", Roger grinste.
"Gut, Boothby. Haben Sie gehört, dass Jeremy Miller gestorben ist?"
"Ja."
"Glauben Sie, dass es ein Unfall war?"
"Ich bin nur ein einfacher Gärtner", erklärte Boothby schlicht und entfernte Unkraut aus den unzähligen Rosenbeeten. Der Mann musste ein Q sein, kam es Roger in den Sinn, nie sah man einen seiner angeblichen Kollegen und doch waren die Gärten der Akademie besser gepflegt als alle anderen auf der Erde.
"Klar, und mein Großvater hat einen Dilithium-Frachter geflogen", konterte Andromeda. "Wir kennen die Gerüchte, die über Sie kursieren, Boothby. Dass Sie ein Q sind, der sich als Gärtner die Ewigkeit vertreibt." Boothby zuckte gleichmütig die Achseln. Andromeda konnte nicht ausmachen, ob es ihm egal war oder ob er es abstritt.
"Man sollte vielleicht mal die Leitungen im Labor überprüfen", erklärte Boothby geheimnisvoll, drehte sich um und trottete zu seinen Blumen davon. Mitten im Gehen, hüpfte er kurz in die Luft und ging weiter, als wäre nichts passiert.
"Was sollte das denn?" fragte Roger völlig irritiert.
"Den Hüpfer macht er immer. Er hat mir mal erklärt, dass es seine Laune hebt."
"Nicht der Hüpfer. Das mit den Leitungen… Ich hätte eher vermutet, Jeremy war müde und hat einen Fehler gemacht."
"Dann lass es uns rausfinden, Delacourt."
"Gut, Riker. Nach der Vorlesung über Quantenphysik." Sie zog ein Gesicht, obwohl Andromeda auf dem Flaggschiff der Sternenflotte aufgewachsen war, hatte sie mit Physik nichts am Hut. Ihr lagen mehr das Organisieren, das Steuern des über 400 Meter langen Schiffes und die Teilnahme an Außenmissionen. Es interessierte sie nicht wirklich, wie der Warpantrieb funktionierte, solange er das tadellos tat. Wenn er es nicht mehr tat, gab es dafür Geordi LaForge und sein Team.


Sternenflottenakademie, Hörsaal 1, Vorlesung über Quantenphysik.
Sie hatten noch fünf Minuten bis zum Vorlesungsbeginn. Aber seit dem inzwischen schon legendären Fauxpas in Admiral Picards Stunde, waren Roger und Andromeda stets überpünktlich. Und so standen sie vor dem Hörsaal zusammen mit ihren Freunden und schwatzten. Roger stand hinter Andromeda und hatte die Arme um sie gelegt. Ein Bild von harmonischer Eintracht, zumindest bis zum nächsten Streit. Sternenflottenkadetten, Offiziere, Dozenten und Professoren strömten über die Gänge wie Schwärme von Heuschrecken unterwegs zur nächsten extatischen Fressorgie.

"Ihr werdet es nicht glauben", rief Henry McBain, ein Kadett im vierten Semester ihnen aufgeregt vom anderen Ende des Ganges entgegen. Er rannte die letzten Meter auf seine Freunde zu und versuchte dann wieder zu Atem zu kommen. Henry McBain war ein kleiner, blonder Kerl, der für sein Leben gerne Parises Squares spielen würde. Doch er kam viel zu leicht aus der Puste. Andromeda würde ihn anderthalben Stunden über das Feld prügeln, so chancenlos war er gegen sie. Also spielte er in der Tennismannschaft mit, weniger ehrenvoll, aber auch weniger aufreibend. Parises Squares war nur was für harte Kerle oder stahlharte Frauen.
"Was denn, Henry? Hast du den Transwarpantrieb revolutioniert?" fragte Rebecca.
"Oder die ultimative Erdnussbutter entdeckt?" meinte Roger, worauf ihm Andromeda einen Knuff in die Seite verpasste. Sie drehte sich halb zu ihm und grinste frech.
"Du denkst auch immer nur mit deinem Magen, Delacourt."
"Nicht nur mit dem, meine kleine Wildkatze." Sie fauchte ihn als Antwort herausfordernd an.
"Ich glaube, ihr seid uns lieber, wenn ihr Streit habt. Dieses Liebesgesäusel ist ja unerträglich", bemerkte Michael und fragte dann: "Also, Henry, was ist los?" Henry war endlich wieder zu Atem gekommen und lehnte sich genießerisch gegen die Wand. Er hatte seinen Freunden nicht oft etwas zu bieten, das sie noch nicht wussten.
"Es geht um Cheyenne Romero. Sie ist tot."
"Was?!" riefen alle, das konnte doch nicht sein. Zwei tote Kadetten an einem Tag, sie waren doch nicht auf Qo'nos oder Cardassia Prime. Das hier war die Erde. So etwas passierte in unmittelbarer Nähe vom Sternenflottenhauptquartier nicht.
"Ihr Shuttle ist bei einem Übungsflug zwischen den Jupitermonden explodiert."
"Noch ein Unfall?!" fragte Andromeda hellhörig geworden. Das konnte kein Zufall sein.
"Cheyenne war doch im gleichen Semester wie Jeremy", erinnerte Roger sich.
"Denkst du, dass es da einen Zusammenhang gibt?" fragte Indara skeptisch.
"Ich wünschte Data wäre hier", meinte Andromeda. "Er hat alle Fälle von Sherlock Holmes gespeichert und kann solche Rätsel ziemlich gut lösen…" Sie trat von Roger weg und trommelte mit ihrem Zeigefinger auf ihre Lippen.
"Ich kenne diesen Blick", bemerkte Roger. "Meine Kleine hat einen Plan."
"Zunächst nur eine Idee. Ich will eine Subraumverbindung mit Data und ein Gespräch mit Großvater."
"Die Vorlesung fängt gleich an", erinnerte Roger sie.
"Stimmt. Gut, danach haben wir eine Freistunde. Dann erledigen wir das. Roger, du kannst schon mal aufschreiben, was die beiden miteinander gemeinsam hatten. Und ob sie mit irgendjemand Streit hatten."
"Du hast wohl auch alle Fälle von Sherlock Holmes gelesen?"
"Nein, Baby. Ich habe sie mit Data auf dem Holodeck durchgespielt. Ich war Watson." Michael lachte, worauf Andromeda sich hastig zu ihm umdrehte und ihm einen genervten Blick zuwarf.
"Michael Anderson, pass auf, dass dein Kadaver nicht irgendwann unter der ‚Knutschplatane' gefunden wird."
"Wieso, willst du mich zu Tode knutschen?" Er verschränkte die Arme vor der Brust und grinste breit.
"Hey!" rief Roger. "Komm bloß nicht auf Ideen, Anderson."
"Warum nicht, vielleicht passt Andromeda ja zu mir besser?"
"Du würdest ihrem Vater nicht gefallen."
"Aber du?" fragte Andromeda.
"Danke", meinte Roger und ging vor sich hinmurmelnd in den Hörsaal. Die anderen kicherten über die Wortfetzen, die sie heraushörten. Es fielen Worte wie "Luder", "verrückt", "erwürgen" und ähnlich Schmeichelhaftes.


Sternenflottenakademie, Büro des Akademieleiters.
"Guten Tag, Kadett Riker. Der Admiral ist in einer Besprechung. Er müsste in ungefähr zehn Minuten zurück sein", wurde Andromeda von Lieutenant Benita Bensana begrüßt.
"Ich warte in seinem Büro. Geben Sie mir eine Verbindung mit der Enterprise."
"Mit Ihrer Mutter?"
"Nein, mit Commander Data, bitte." Die Bolianerin war überrascht, ließ es sich aber nicht wirklich anmerken. Sie nickte und stellte die Verbindung her.
Andromeda betätigte den Türöffner und betrat das Büro ihres Großvaters. Früher hatte in der Ecke unter dem Fenster ein Laufstall für ihre Onkeln Robert und François gestanden. Wie schnell die Zeit verging. Auf dem Schreibtisch standen unzählige Fotos ihrer großen Familie. Besonders gerne sah sich Andromeda die Hochzeitsfotos ihrer Eltern und Großeltern an. Die komplette Wand gegenüber dem großen Panoramafenster beherbergte einige von Picards wertvollsten Büchern. Dann gab es an der Wand, in die die Tür eingelassen war noch ein großes Salzwasseraquarium. Nachdem Jean-Luc seinen Löwenfisch Livingston damals bei seiner Tochter auf der Enterprise gelassen hatte, fehlte ihm doch alsbald die beruhigende Gegenwart des Tieres. Daher war es nicht verwunderlich, dass er bei der Einrichtung seines Büros ein Aquarium eingeplant hatte.
Andromeda atmete tief durch. Es roch überall nach Großvater, dieser vertraute Geruch. Eine Mischung aus seinem Aftershave, den Weintrauben, der feuchten Erde der Weinberge und den staubigen, alten Folianten, die im Regal standen.

"Die Verbindung steht, Kadett Riker", meldete Benita kurz darauf.
Andromeda aktivierte den Monitor und sah sich Data gegenüber. Er wirkte erstaunt, also war sein Emotionschip aktiviert. Dann war auf der Enterprise wohl alles in Ordnung und lief gewohnt routiniert ab, dachte Andromeda beruhigt. Bei dem geringsten Anzeichen von Gefahr, deaktivierte der besonnene Androide seinen Emotionschip, den er von seinem Erbauer Dr. Soong erhalten hatte, umgehend.

"Hallo, Data. Wie geht es dir?"
"Gut, Andy. Danke sehr. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass du ausgerechnet mich kontaktierst."
"Ich brauche deine Hilfe."
"Probleme mit deinem Freund?" Der Androide grinste wohlwissend.

Er war seit einigen Jahren mit Lieutenant-Commander M.J., der einzigen existierenden Vulkanier-Betazoidin, verheiratet. Sie trieben sich gegenseitig in den Wahnsinn mit ihrer Art und ihren Allüren - M.J.s Haustier, der Schimpanse Tinka, der Datas Katze Spot II. durch das ganze Quartier jagte, tat ein Übriges. Das Hauptproblem aber bestand darin, dass Data und M.J. von jetzt auf gleich zwischen Emotionen und kühler Logik hin und her wechselten wie andere Lebewesen zwischen Uniform und Freizeitoutfit. Data tat dies kontrolliert und wissentlich. M.J. hatte keinen Einfluss darauf, sie war ein Opfer ihrer betazoidischen Gefühle oder ihrer vulkanischen Logik. Sie selbst erklärte immer lachend, ihre Eltern - ein Vulkanier und eine Betazoidin - wären absolut verrückt gewesen, sich zu paaren. Leider konnte sie die beiden nicht mehr dafür zur Verantwortung ziehen, sie waren bei einer Forschungsmission im Beta-Quadranten ums Leben gekommen. Doch ihre Gene waren nicht nur ein Hindernis für M.J. Spitze Ohren in Verbindung mit einem feurigen Temperament und der Fähigkeit Gefühle lesen zu können, hatten sie in der Hierarchie der Enterprise weit nach oben gebracht. Und sie war die engste Freundin von Michelle Riker.

"Nur das Übliche. Du weißt doch, wie Mum und Dad mit einander umgehen."
"Ja, in der Tat. Ich habe seit 19 Jahren das Vergnügen, es tagtäglich mitzuerleben."
"Stell dir die beiden als Teenager vor…"
"Gott bewahre!"
"Die beide mit dem Kopf durch die Wand wollen, beide sind von sich selbst über alle Maßen überzeugt… Keiner kann nachgeben und natürlich haben beide immer Recht."
"Hört sich schwer nach Will und Michelle an", Data lachte herzlich. "Also, was kann ich für dich tun? Hat der junge Mr. Delacourt Mist gebaut und dein Vater soll es nicht erfahren?"
"Das auch, aber das ist schon wieder erledigt… Nein, in der Akademie sind innerhalb von wenigen Stunden zwei tödliche Unfälle passiert. Einer im Chemielabor und eine Shuttlexplosion in der Nähe von Jupiter. Beide waren Viertsemester. Hier sind die Daten." Andromeda drückte ein paar Tasten und übermittelte Data die Daten, die Roger während der Vorlesung zusammengestellt hatte.
"Du glaubst nicht an einen Zufall?"
"Hat Urban V sieben Monde, oder was? Sieh dir die Unterlagen an, Data. Ich denke nicht, dass es ein Zufall war." Data grinste, er liebte Herausforderungen.
"Gib mir eine Stunde, dann kann ich dir vielleicht schon was Näheres sagen."
"Danke, Data. Du bist immer noch unser Wunderknabe."
"Man tut was man kann, Sternenkind. Mach's gut."
"Du auch und grüß deine Frau von mir." Sie beendete die Verbindung und sah zur Tür auf. Dort stand ihr Großvater mit vor der Brust verschränkten Armen und grinste sie an.
"Wie war das noch mal: Großvater, ich will keine Sonderbehandlung. Ich bin eine Kadettin wie alle anderen auch", ahmte er Andromeda nahezu perfekt nach. "Und kaum bin ich mal auf einer Besprechung mit den Professoren kontaktierst du die Enterprise an und zwar über meine persönliche Leitung." Andromeda stand von Picards Sessel auf, umrundete den Tisch und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Sein Vollbart kitzelte wie bei ihrem Vater und Roger. Ihre Nase kräuselte sich, sie nieste.
"Gesundheit, Andy."
"Das ist dein Bart, Grandpére."
"Oh je, wenn du Französisch sprichst, willst du was."
"Ich will nichts, es ist etwas passiert." Picard setzte sich in seinen Sessel und legte einige Pads auf den breiten Teakholzschreibtisch. Ein Blick aus dem großen Panoramafenster zeigte die Golden Gate Brigde und eine Buckelwalfamilie, die darunter durchschwamm.

Vor nahezu 100 Jahren hatte die Crew der Enterprise unter Leitung von James T. Kirk aus dem 20. Jahrhundert ein Paar Buckelwale geholt und diese im 23. Jahrhundert wieder angesiedelt. Eine fremde Sonde hatte Kontakt mit den gutmütigen Riesen gesucht und mit der Vernichtung der Erde begonnen, weil sie nicht mehr existierten. Und so hatte James T. Kirk notgedrungen eine Zeitreise an Bord eines gekaperten klingonischen Bird of Prey unternommen und die Wale geholt. Die heutigen Tiere gingen alle auf George und Gracie zurück, denen im Naturhistorischen Museum in San Francisco eine ganze Abteilung gewidmet war.

"Du meinst die beiden Unfälle", er warf einen Blick auf das oberste Pad. "Jeremy Miller und Cheyenne Romero. Viertes Semester. Alle beide." Sie nickte.
"Stimmt, nur das es keine Unfälle waren." Picard sah sie erstaunt an. "Das war Mord, Großvater."  Picards Kinnlade sackte nach unten.

 

Fortsetzung folgt, fest versprochen. Bis dahin: Live long and prosper! 




 Diese im Star Trek-Universum spielende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken.
Ich habe keinerlei Copyright-Verletzungen beabsichtigt.

 

 

Von Claudia Filip

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