„Star Trek – The next Generation -  
 
Der Untergang der Föderation –   
 
Friede ihrer Asche“ 

 

Von Claudia Filip

 

Inhalt

1. Schwacher Frieden

2. Dunkle Geheimnisse

3. Am Abgrund

4. Gefährliche Gier

5. Der Fluss des Lebens

6. Offene Rechnungen

7. Spuren im Sand

8. Bruchlandung

9.Gefangen

10. Wartezeiten

11. Großoffensive

12. Ein neuer Feuerwehr-Einsatz

13. Ein hoher Preis für die Freiheit

14. Die Sünden der Kinder, der Starrsinn der Eltern

15. Auf der Suche nach dem Vater

16. Alte Feinde, neue Freunde

17. Der Feind meines Feindes oder wehret den Anfängen...

 



"Der Beweis von Heldentum liegt nicht im Gewinnen einer Schlacht, sondern im Ertragen einer Niederlage."

David Lloyd George (1863 - 1945), Earl of Dwyfor, engl. Staatsmann

 


"Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer weit entfernten Zukunft.
Laut einer Theorie gibt es mehr als 256.000 parallele Universen.
Treten Sie ein.

Dies sind die Abenteuer des Föderationsraumschiffes U.S.S. Enterprise NCC-1701-D unter der Leitung von Captain Michelle Riker. Captain Riker ist die Tochter des legendären Admiral Jean-Luc Picard.
Mit der tatkräftigen Unterstützung ihres Ehemannes Commander William T. Riker rettet sie die Föderation vor zahlreichen Feinden, entdeckt unbekannte Welten und dringt in Regionen des Weltalls vor, die nie jemand zuvor gesehen hat."

 


1. Kapitel
Schwacher Frieden

Riker hatte einen fürchterlichen Traum. Doch im Moment wusste er nicht, dass er nur träumte. Für ihn war die Situation, die er gerade durchlebte, völlig real.

Michelle war unten auf dem Planeten gestorben. Es war eines der wenigen Male gewesen, bei dem er zugestimmt hatte, dass sie das Außenteam leiten würde. Er wollte ihr einen Gefallen tun, weil sie nach der Schwangerschaft eine Abwechslung brauchte. Die Situation hatte absolut ungefährlich erschienen. Kurz auf den Planeten, die Kolonisten verabschieden und wieder auf die Enterprise zurückbeamen. Doch es war ganz anders gekommen...

Als das Außenteam sich auf Agnus 4 rematerialisierte, wurden sie angegriffen. Völlig unerwartet wurde auf die Kolonisten und das Außenteam das Feuer eröffnet. Michelle war eine der ersten, die fiel. Das Außenteam erkannte seine Niederlage an und beamte auf die Enterprise zurück. Michelle war tot.

Nun musste Riker seiner siebenjährigen Tochter sagen, dass ihre Mami nie mehr wieder kommen würde. Johnny und Jean-Luc, seine drei Wochen alten Söhne würden ihre Mutter nie kennen lernen. Michelles kleiner Bruder François würde sie nicht kennen lernen. Yamaras Baby, das unterwegs war, würde ohne die Großmutter aufwachsen...

Musik drang in Rikers Bewusstsein. Zeit zum... Aufstehen?! Hatte er alles nur geträumt?! Will öffnete die Augen, Michelle lag neben ihm, sehr lebendig. Auch von dieser Schwangerschaft war kein sichtbares Zeichen zurückgeblieben. Sie sah nicht aus wie eine Frau, die vier Kinder auf die Welt gebracht hatte. Und die Geburt der Zwillinge war wirklich kein Kinderspiel gewesen. Manche Leute sagten, nach dem ersten Kind würde alles leichter gehen. Michelle konnte darüber nur lachen. Allerdings erst im nachhinein. Mitten in einer Friedenskonferenz mit den Romulanern hatten die Wehen eingesetzt. Zwar waren sie dieses Mal pünktlich, aber bei einem historischem Ereignis dieser Wichtigkeit musste die Föderation einfach durch den Captain des Flaggschiffes der Sternenflotte repräsentiert werden. Ihre Söhne waren auf Kithomer geboren worden, denn man konnte nicht riskieren, Michelle mit dem Shuttle zurück zur Enterprise zu bringen. Deshalb hatte man sie in die beste planetare Klinik gebracht, und Beverly war für die Entbindung herunter gebeamt. Wer hätte ahnen können, dass Michelle zwei Tage in den Wehen liegen würde, bis Jonathan-William und Jean-Luc Riker sich entschieden hatten, das Licht der Welt zu erblicken.
Die beiden wurden gleich zu Ehrenbürgern des Planeten des neuen galaktischen Friedens ernannt.
Picard war von großem Stolz erfüllt, als er die Nachricht erhielt, dass einer seiner Enkel nach ihm benannt worden war. Und natürlich war Riker unheimlich stolz, zu seinen beiden Töchtern nun auch noch zwei Söhne bekommen zu haben. Michelle drehte sich zu Riker; endlich musste sie sich nicht mehr zu ihm hinüber kugeln, um ihm einen Kuss zu geben. Will hielt seine Frau erleichtert fest. "Ich hatte einen schlimmen Traum, Micky..." Michelle setzte sich auf.
"Auf Agnus 4 wurdest du getötet..."
 "Ach, komm' schon, Riker. Was soll mir bei der Verabschiedung der Kolonisten schon passieren? Das ist doch lächerlich!" Will schüttelte energisch mit dem Kopf.
"Micky, bitte. Genau das selbe sagtest du zu mir in meinem Traum!" 
"Weil du mich gut kennst und genau weißt, was ich zu diesem Thema sage... Und jetzt sollten wir uns anziehen. Sicher verlangen unsere drei Mäuse gleich unsere gesamte Aufmerksamkeit." Wie aufs Stichwort hörte man aus dem Kinderzimmer die Zwillinge aus voller Brust nach ihren Eltern schreien. Und die siebenjährige Andy maulte die Babys an, sie wolle noch weiter schlafen.

Riker hechtete aus dem Bett und flitzte nach nebenan. "Erster!" rief er. Michelle lachte. "Ja, ja. Mach' du nur."

Die Aufgabe war so einfach. Michelle würde mit dem Außenteam in die Kolonie hinunter beamen, ein paar Worte an die Kolonisten richten, sich vielleicht ein wenig durch die Stadt führen lassen und auf das Schiff zurückkehren. Aber Will hing ihr schon den ganzen Morgen damit in den Ohren, sie sollte besser nicht gehen.
Zugegeben, die Kolonie lag am Rande der ehemaligen Neutralen Zone. Aber seit die Romulaner offiziell den Friedensvertrag mit der Föderation in Camp Kithomer unterschrieben hatten, war diese Pufferzone überflüssig geworden. Natürlich gab es sowohl auf Seiten der Romulaner als auch auf Seiten der Föderation offenen Widerstand gegen den Vertrag. Die Reaktionen waren ähnlich wie vor gut achtzig Jahren, als der damalige klingonische Kanzler Gorkon die Friedensverhandlungen mit der Föderation eingeleitet hatte. Selbst der berühmte James Kirk, war gegen den Frieden gewesen, hatte aber dennoch dafür gekämpft. Wenn man bedachte, dass die Klingonen Schuld am Tode seines einzigen Kindes, Dr. David Marcus, waren, konnte man Kirks Einstellung verstehen.

Es war für beide Seiten nicht gerade einfach, nach über einhundert Jahren Krieg und Hass, egal ob heiß oder kalt, einen Feind als Verbündeten anzusehen. Und jetzt sollten sie eine große, glückliche Familie sein?!... Dieser Prozess würde mindestens solange dauern wie mit den Klingonen.

Michelle startete im Turbolift einen letzten Versuch Will zu beruhigen. Denn beamen würde sie auf jeden Fall.

"Will, es kann doch gar nichts passieren..." 
"Ich habe einfach eine Ahnung, ein absolut ungutes Gefühl in der Magengegend." 
"Du hast vielleicht einfach nur zuviel gegessen, Schatz", neckte sie ihn. Will schüttelte energisch den Kopf.
"Ich weiß, dass etwas passieren wird. Du hattest doch auch eine Vorahnung, als Yamara die Subraumnachricht von der Erde geschickt hat." Daran konnte Michelle sich nur zu gut erinnern. Allerdings hatten sie anhand ihrer Vision bereits vermutet, dass es passieren würde. Yamara schickte klugerweise eine Subraumnachricht, so dass Michelle sie nicht sofort anschreien konnte, sondern warten musste. Sie sah wieder den Tag vor ihrem geistigen Auge.

Michelle trank eine Tasse Kaffee in ihrem Bereitschaftsraum und sah Berichte durch. Data meldete eine eingetroffene Subraumnachricht von der Sternenflottenakademie. Erfreut nahm Michelle sie entgegen. Sie konnte ja nur von ihrem Vater, der Leiter der Akademie geworden war, oder Yamara sein.
Michelle ließ die Nachricht abspielen: "Hi, Großmutter." Michelle brauchte etwa fünf Sekunden, bis sie die Bedeutung dieser beiden Worte begriff. Nur glauben wollte sie es erst einmal nicht.
"Das darf doch nicht wahr sein!" entfuhr es ihr. Als hätte Yamara die Worte ihrer Mutter vorausgeahnt, antwortete sie: "Doch es ist wahr, Mum. Wesley und ich bekommen ein Kind... Jetzt bist du sicher wütend..." 
"Darauf kannst du dein Bat'leth-Schwert verwetten, mein Fräulein!" Sie schlug auf ihr Display und deaktivierte den Monitor. Dann stürmte sie auf die Brücke.
"Mr. Worf, ich brauche eine Verbindung mit der Sternenflottenakademie! Sofort!!" 
"Ist etwas passiert, Captain?" fragte Data über die Wut seines Captains überrascht.
"Das kann man wohl sagen, Mr. Data. Ich werde Großmutter!!" 
"Da kann man nur noch gratulieren", bemerkte Riker, der gerade aus dem Turbolift trat. Michelle warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Er hob beschwichtigend die Hände.
"Verbindung steht, Captain", meldete Worf.
"In meinen Raum, bitte. Nummer 1, Folgen Sie mir." Sie warf Will einen Blick zu, damit er ihr augenblicklich folgte. Er kannte diesen Ausdruck in Michelles Augen. Man tat besser, was sie sagte oder ging.
Vor der Tür hielt sie noch einmal kurz an. "Lieutenant Crusher, melden Sie sich auf der Stelle in meinem Raum!"
"Ist das die übliche Reaktion einer Frau, wenn sie erfährt, dass sie Großmutter wird?" fragte Data. Niemand beantwortete seine Frage. Sie alle warteten gespannt auf das Eintreffen von Lieutenant Wesley Crusher.


Wesley hatte das Gefühl einen Eispalast zu betreten. Draußen hatte er noch Glückwünsche zu seiner bevorstehenden Vaterschaft erhalten. Doch hier in Michelles Raum war die Stimmung weit unter dem Nullpunkt.

Er setzte sich nicht an Michelles Schreibtisch, sondern blieb davor stehen. Riker saß auf der Couch und beobachtete die Szene. Eigentlich wollte er Wes ja gratulieren. Aber es war zu riskant deshalb, die Nacht im Wohnzimmer auf dem Sofa zu verbringen, weil er seiner Frau in Wesleys Gegenwart in ihren Augen in den Rücken fiel. Michelle sollte sich erst wieder beruhigen.
Endlich schenkte Michelle ihm ihre Aufmerksamkeit. "Setzen!" Wes nahm Platz. "Captain, ich weiß, Sie müssen unheimlich wütend auf mich sein."
 "Sei still, Wesley. Zu dir komme ich noch." Die Stimmung war gerade noch vierzig Grad eisiger geworden.
Michelle wandte ihren Blick wieder ihrem Monitor zu. Yamara erschien.
"Hi, Mum." 
"Spar' dir das! Ich habe deine Nachricht erhalten..." Yamara nickte.
"Und du bist tierisch sauer, ich weiß. Mum, es war ein Zufall." Michelles Wut verrauchte, sie wusste selbst zu gut, dass sie Andy und die Zwillinge einer vergessenen Spritze verdankte. Es war eine sichere Methode Mann und Frau eine Spritze zu geben. Doch die wirkten nur in Zusammenarbeit. Wenn einer der beiden seine Injektion im Stress vergaß, war alles möglich..
"Yamara, du hast die Akademie noch nicht beendet. Und erzähl mir nichts von Zufällen, denk lieber an Spritzen!." Sie wusste mit den Spritzen begab sie sich auf gefährliches Terrain.
"Meine Noten sind erstklassig. Und meine Professoren haben mir angeboten, ein Jahr zu überspringen, wenn ich in neunzig Prozent der Fächer auf eins stehe. Und das tue ich momentan. In den kommenden Semesterferien werde ich büffeln wie nie zuvor....Wes und ich kriegen das schon hin. Und im übrigen, was für ein Zufall ist denn meine kleine Schwester oder die Zwillinge?"  "Lass Andy und deine Brüder aus dem Spiel. Ich war 35 bei Andys Geburt, nicht 24. Und wenn du das Jahr nicht überspringen kannst, was wird dann mit dem letzten Jahr? Wo soll das Baby leben? Willst du Wes sein Kind vorenthalten oder ohne es auf der Akademie sein? Ihr habt euch das so einfach vorgestellt." Sie warf die Hände in die Luft.
"Michelle..."
"Was?!!" Riker zuckte kaum merklich zusammen.
"Ich bin sicher, die beiden bekommen alles geregelt. Das hast du doch auch. Und du hattest nicht deine Eltern, die hinter dir standen. Und wir tun das doch, oder?!" Sie nickte.
"Ja, wir stehen hinter euch. Ich bin sicher, dass gilt auch für deine Mutter, Wes... Ich habe ein wenig überreagiert." 
"Aber Mum, ich habe nichts anderes erwartet." Yamara grinste ihre Mutter an.

Michelles Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. "Vorschlag zur Güte, Nummer 1. Du begleitest mich. Und beim ersten Anzeichen von Gefahr wirfst du dich einfach auf mich, wie damals auf Beryll." Sie grinste ihn an. "Aber ich hoffe, dieses Mal wirst du deine Dankbarkeit etwas deutlicher zeigen als damals..." Sie lachten und traten aus dem Lift. "Einsatzbesprechung", sagte Michelle. Sofort folgten ihr die Führungsoffiziere in die Beobachtungslounge.

Wenig später beamte das Außenteam auf den Planeten hinunter. Riker hatte seine Augen überall. Das ungute Gefühl war wieder da; und es rührte sicher nicht von der großen Portion Spaghetti her, die er gestern Abend vertilgt hatte. Irgend etwas würde passieren, und er wollte sichergehen, dass er es rechtzeitig bemerken würde.

Plötzlich eröffnete jemand aus dem Hinterhalt das Feuer auf das Außenteam. Will stieß Michelle hinter einen Felsen und brüllte den anderen "D E C K U N G!!" zu.

Ehe Riker noch irgend etwas anderes tat, untersuchte er Michelle. Sie war getroffen. Ein Disruptor hatte sie an der Schulter getroffen, sie blutete stark.

"Du wurdest verwundet, Micky." 
"Super Feststellung, Will! Es würde wohl kaum so verdammt weh tun, wenn alles in Ordnung wäre!!" 
"Wieso wurdest du getroffen? Wo ist dein Amulett?!" Eine Mischung aus Wut und Angst machte sich in Riker breit. Er wusste, das Amulett würde Michelle nicht vor dem Tod schützen, aber es hatte Andromeda bei dem Angriff der Romulaner das Leben gerettet.
 "Ich trage es schon lange nicht mehr... Will, ich kann mich nicht auf okkulte Gegenstände verlassen! Bei Andys Geburt hatte ich Glück, jetzt hatte ich Pech... Verdammt! Das tut weh!!!"
"Nicht nur das, Michelle! Ich kann deine Blutung nicht stoppen!!" 
"Vielleicht hätte ich auf dich hören sollen.... Dein Gefühl hat dich nicht im Stich gelassen. Ohne deine schnelle Reaktion wäre ich vielleicht tot."
Sie saßen in der Falle. Umzingelt von Romulanern. Michelles Wunde war tiefer als erhofft, Riker konnte die Blutung auch nicht durch Abbinden stoppen. Er musste seine Frau schnellstmöglich auf die Enterprise zurückbringen.


Auf der Enterprise erkannte man schnell, dass etwas nicht stimmte. Ein Störsignal war aus dem Nichts aufgetaucht, der Kontakt zum Außenteam unterbrochen. Doch das war nicht ihr größtes Problem. Auf der Steuerbordseite enttarnten sich zwei romulanische Warbirds.
"Wir werden gerufen", meldete Worfs Stellvertreter Lieutenant Sora an Deanna Troi.
"Auf den Schirm." Sofort sah sie sich einem romulanischen Sub-Commander gegenüber, der ihr siegessichere Blicke entgegenwarf.
"Ich bin Commander Deanna Troi vom Föderationsraumschiff Enterprise. Was kann ich für Sie tun?" 
"Ich bin Sub-Commander Topan. Das glorreiche, romulanische Reich beansprucht diesen Planeten für sich. Entfernen Sie sofort Ihre Kolonisten." 
"Deaktivieren Sie das Störsignal, dann können wir darüber reden." Sie ließ die Verbindung unterbrechen. Deanna spürte, dass der Romulaner es ernst meinte. Er war sich der Tatsache völlig bewusst, dass er gegen das Friedensabkommen verstieß. Dies war ihm allerdings vollkommen egal.

Der Romulaner besprach sich mit seinen Untergebenen. Deanna konnte nur auf eine friedliche Lösung hoffen. Denn gegen zwei romulanische Warbirds hatte die Enterprise keine guten Chancen.

Nach einer kurzen Unterbrechung meldete Topan sich wieder. "Ich wünsche, mit Ihrem Captain über den Abzug Ihrer Föderationskolonisten zu verhandeln!!" Troi trat näher an den Sichtschirm heran.
"Aktivieren Sie zuerst das Störfeld." Deanna durfte nicht verraten, dass der Captain und der erste Offizier sich auf dem Planeten befanden. Dann hätten die Romulaner alle Trümpfe in der Hand.
"Damit Sie die Kolonisten fort beamen können?" 
"Das muss der Captain entscheiden. Aber zunächst sollten Sie ein wenig Entgegenkommen demonstrieren. Dann wird sich sicher im Rahmen des Friedensabkommens eine Lösung finden..." 
"Ich verfluche das Friedensabkommen!! Frieden ist für Schwächlinge wie die marionettenhaften Vulkanier oder die Klingonen, die lieber der ehrenwerten Föderation in den Hintern gekrochen sind, als würdig im Kampf unterzugehen!!! Die Kolonisten sollen fort oder sie sterben! Dies war romulanischer Raum und wird es immer sein!!!! Lang lebe das Imperium!!!!" Die Verbindung war unterbrochen.

"Sie aktivieren ihre Waffen, Commander!!" Deanna wurde heiß und kalt. Hatte sie dafür ihr Offizierspatent erhalten?! Der Captain und der erste Offizier würden es ihr danken, wenn unter ihrem Kommando die Enterprise zerstört werden würde. Was sollte sie tun?
"Schilde und Waffen aktivieren, Commander Troi?" fragte Sota, der nicht eigenmächtig handeln konnte, dem es aber schon unter den Fingern brannte.
"Nein, keinesfalls. Wir haben ein Friedensabkommen mit allen Romulanern. Wenn das erste Föderationsschiff feuert, haben Romulaner wie Topan einen Grund, einen erbarmungslosen Krieg mit der Föderation anzufangen. Und den werden wir sicher nicht so leicht gewinnen... Nein. Wir müssen sie überzeugen, das Störfeld zu deaktivieren oder sie kampfunfähig machen ohne sie anzugreifen...Optionen?"

Das alles geschah in wenigen Minuten. Aber die Romulaner eröffneten das Feuer nicht, obwohl genügend Zeit für mehrere Treffer gewesen wäre. Deanna wurde stutzig. Was planten sie? Und wie konnte sie das Außenteam zurückholen ohne zu verraten, dass sie in der Kolonie festsaßen?
Deanna informierte Topan, dass weitere Föderationsschiffe unterwegs waren, um die Verhandlungen zu überwachen. Vielleicht hatte Sub-Commander Topan doch nicht das ganze Imperium auf seiner Seite, denn er gab bekannt, dass sie zu Verhandlungen bereit seien und deshalb das Signal deaktivierten. Das Außenteam konnte zurückkehren.
Michelle war auf dem Weg zur Brücke über die Situation durch ihren Yeoman informiert worden.
Eilig betrat sie mit dem Außenteam die Brücke. Deanna stand auf, um den Platz des Captains freizugeben. "Sie haben hervorragend reagiert, Counselor!"  "Danke, Captain... Sie sind verletzt!" Michelle winkte ab. Es wäre nicht weiter tragisch, woraufhin Riker sie böse anfunkelte. Deanna berichtete nun, was sich in der Zwischenzeit ereignet hatte. Michelle ging unruhig auf und ab. Sie fühlte sich jetzt wirklich wie James Kirk vor 80 Jahren. Sollte sie angreifen um die Kolonie zu verteidigen? Nein. Das war völlig undenkbar. Sie würden abwarten.
"Mr. Worf. Ich will umgehend eine Verbindung zu Admiral Lanford. Legen Sie's in meinen Raum. Nummer 1, Sie haben die Brücke."  "Aye, Captain", knurrte er.

Mariah bestätigte, dass Michelle völlig richtig entschieden hatte. Einen Kampf zu beginnen, wäre der falsche Weg gewesen. Sie befahl Michelle, die Stellung zu halten und nur im Falle eines Angriffs auf die Enterprise oder auf die Kolonie verteidigende Maßnahmen zu ergreifen. Vorfälle dieser Art häuften sich seit dem Abschluss der Friedensverhandlungen, informierte sie der Admiral. Besonders im Grenzgebiet der ehemaligen, romulanischen Neutralen Zone. Obwohl die Planeten gerecht aufgeteilt worden waren, provozierten die Romulaner genau wie die Cardassianer vor einigen Jahren immer wieder Kämpfe, um die Gebietsaufteilung umzuschmeißen und zu erobern, was sie als ihr Eigentum ansahen.


Jemand bat um Einlass. "Herein", sagte Michelle. Beverly trat mit sorgenvollem Gesicht ein. Schnell verabschiedete Michelle sich von ihrer Freundin.
"Ich werde Will umbringen", versprach Michelle ihrer Ärztin.
"Er macht sich einfach nur Sorgen. Und so wie Ihre Wunde blutet, tut er es mit Recht. Er hat richtig entschieden mich zu rufen. Trotz der Bedrohung durch die Romulaner hätten Sie unverzüglich zu mir auf die Krankenstation kommen müssen!" tadelte Beverly den Captain.
"Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass ich immer in Schwierigkeiten gerate, wenn wir mit Romulanern zusammentreffen? Die haben damals durch ihren Angriff meine verfrühten Wehen ausgelöst. Bei den Friedensverhandlungen musste ich die Zwillinge auf Kithomer bekommen, weil ich nicht mehr zurück auf das Schiff konnte und heute schießen sie mich an! Und sie bedrohen schon wieder mein Schiff!"

Beverly begann ihre Untersuchung und hörte weiter den Worten ihres Captains zu.
"Es kommt mir manchmal so vor, als ob ich keinen Ehemann, sondern einen zweiten Vater bekommen habe." Beverly lächelte.
"Sie müssen bedenken, dass Sie beide vier Kinder haben. Und drei von ihnen brauchen Ihre Fürsorge noch rund um die Uhr. Ich kann Wills Sorge um Sie verstehen. Ich hatte auch immer Angst um Jack...." 
"Das ist doch wieder etwas ganz anderes, Beverly. Sie hatten Angst um Ihren Mann. Habe ich um meinen auch, wenn er auf irgendeinen unbekannten Planeten oder auf ein fremdes, möglicherweise feindliches Schiff beamt. Aber Will möchte mich am liebsten in ein Glashaus stecken. Das fing schon an, als er sich auf Berryl tapfer über mich geworfen hat..." 
"Er hat ihnen damit das Leben gerettet!" Michelle nickte.
"In Ordnung, das war richtig von ihm gewesen. Aber es gab viele andere Gelegenheiten bei denen er übertrieben hat." 
"Aber heute hat er ihnen wieder das Leben gerettet. Der Disruptorstrahl hätte Sie direkt in die Brust getroffen, wenn er nicht so schnell reagiert hätte. Und da Sie nicht auf das Schiff zurück konnten, wäre das Ihr Ende gewesen..." Michelle nickte, den Ernst der Lage begreifend.

Beverly beendete ihre Untersuchung. Sie schloss gerade die Wunde und injizierte ein Schmerzmittel. Völlig beiläufig, als würde sie über das Wetter sprechen, erklärte sie: "Ich werde die Enterprise verlassen." Michelle reagierte nicht. "Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?" Erst jetzt begriff Michelle die gewichtige Bedeutung dieser Worte.
"Sie werden was? Aber wieso? Wir sind doch wie eine Familie!" Die Ärztin lächelte.
"Jetzt werden wir eine richtige Familie, Michelle. Jean-Luc hat mir einen Heiratsantrag gemacht." Michelle blickte verwundert auf.
"Was hat er getan? Aber was ist mit Vash und meinem kleinen Bruder?... Nicht, dass ich mich nicht freue..." Dr. Crusher nahm Platz. Nun gab es kein Zurück mehr.
"Vash hat Ihren Vater und François verlassen. Mitten in der Nacht. Sie hat einen Brief hinterlassen, in dem stand, sie könne ihr Leben nicht weiterhin ausschließlich auf der Erde als Frau des Leiters der Sternenflottenakademie verbringen. Sie will wieder als Archäologin arbeiten." 
"Du meinst als Diebin!... Wie lange ist das her?!"  "Ein halbes Jahr. Meinen letzten Urlaub habe ich bei deinem Vater verbracht und ihm geholfen. Glücklicherweise war die Scheidung eine reine Formsache... Natürlich musste der Anwalt regeln, dass Jean-Luc das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn bekam. Das war ziemlich einfach. Immerhin hatte die Mutter Mann und Kind sang- und klanglos verlassen."
Michelle konnte es nicht fassen. Ihr Vater hatte sie absolut im Unklaren gelassen. Erst von seiner zukünftigen Frau erfuhr sie die ganze Geschichte.

Wie hatten sie sich alle ganz offensichtlich in Vash geirrt. Nachdem sie mit Jean-Luc die Enterprise verlassen hatte und sie ihn auf seinen Reisen zu den Raumstationen begleitet hatte, war jeder der Überzeugung gewesen, die beiden würden es schaffen. Alle hatten geglaubt und gehofft es würde halten. Und als dann François geboren worden war, hatte niemand mehr daran gezweifelt.
Als sich die überrumpelte Tochter wieder gefasst hatte, brachte Beverly eine Bitte vor. Sie und Jean-Luc wünschten sich, von Michelle getraut zu werden. Michelle hatte selbstverständlich nichts dagegen. Es war ihr ein großes Vergnügen und eine Ehre. Beverly und ihr Vater hatten lange genug gebraucht um zu ihren Gefühlen zu stehen.
Einige Jahrzehnte mit etlichen Beziehungen dazwischen. Was könnte es Schöneres geben, wenn Michelle das Band zwischen beiden nun endlich schließen durfte? Das war nur fair. Picard hatte sie mit Will verheiratet, und nun durfte sie dasselbe bei ihrem Vater und Beverly tun.
Doch einen Haken gab es an der ganzen Geschichte. Beverly musste das Schiff wohl oder übel verlassen. Picards Stelle als Leiter der Sternenflottenakademie war klar ersichtlich wichtiger als Beverlys Stelle auf der Enterprise.

"Wer wird deine Stelle als Chefärztin übernehmen, Beverly?" 
"Eine sehr fähige Ärztin. Dr. Jacky Melan. Ich dachte, du hättest gerne eine Frau als meine Nachfolgerin." Michelle nickte.
"Mit einem deiner männlichen Kollegen habe ich vor Jahren sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Aber das ist eine andere Geschichte..."
Beverly stand auf. Kurz vor der Tür sprach Michelle sie noch einmal an. Beverly drehte sich überrascht um. "Willkommen in der Familie." Sie verließ ihren Platz hinter dem Schreibtisch, ging auf Beverly zu und umarmte sie.


Leider gab es nicht nur fröhliche Ereignisse. Die romulanischen Warbirds umkreisten immer noch die Enterprise und bedrohten den intergalaktischen Frieden. Michelle musste sich etwas einfallen lassen, was eine Entscheidung herbeiführte und zwar bald.

Der Captain betrat die Brücke. Sie straffte sich, legte eine geschäftsmäßige Miene auf. Dann wandte sie sich an Data: "Was machen unsere Freunde, die Romulaner, Mr. Data?" 
"Die Situation ist unverändert, Captain. Wahrscheinlich beraten sie über einen Angriff oder Rückzug." Michelle setzte sich in ihren Sessel und schlug energisch die Beine übereinander.
"Ich würde den Ausgang dieses Vorfalls gerne etwas beschleunigen. Hat jemand Vorschläge?" fragte sie in die Runde.
"Wir haben doch den Befehl von der Sternenflotte abzuwarten", warf Riker ein, der gerade die Brücke betrat.
"Das stimmt nur zum Teil, Nummer 1. Wir dürfen nicht als erste gegen das Friedensabkommen verstoßen. Das schließt zumindest einen Angriff von unserer Seite aus... Aber vielleicht findet sich eine andere Möglichkeit..." Plötzlich funkelte etwas in Michelles Augen. Will bemerkte es und dachte: "Oh, oh. Ich kenne diesen Ausdruck."
"Wir laden die Romulaner zu einem Konzert ein. Dann werden wir sie ein wenig betäuben. Ihre Schiffe fliegen wir aus diesem Sektor weg, setzen sie wieder in ihre Schiffe und verschwinden." 
"Aber was sollte die Romulaner daran hindern, nicht wieder diesen Planeten annektieren zu wollen?" gab der erste Offizier zu bedenken.
"Die Schande", erklärte Data, der Michelles Absichten verstand. "Sie werden ihr Gesicht verlieren und Schande über das glorreiche, romulanische Reich bringen." 
"Genau. Gut erkannt, Data... Scannen Sie, wie viele Romulaner sich auf den Schiffen befinden." Data nickte. Trotz der Schutzschilde hatten die Wissenschaftler der Föderation eine Möglichkeit gefunden, die Schilde zu durchdringen und die Lebensformen an Bord zu scannen.
Das Ergebnis war sehr interessant. "Es sind fünfzig pro Schiff. Normalerweise beträgt die Besatzung an Bord eines Warbirds zweihundertfünfzig bis fünfhundert!"  Michelle sprang auf.
"Das ist ein Bluff! Sie wollten uns reinlegen!! Wir brauchen Sie noch nicht einmal einzuladen.... Dr. Crusher, bereiten Sie ein Betäubungsgas für die Romulaner vor, einhundert Mann. Es sollte mindestens vierundzwanzig Stunden wirken. Treffen Sie die Außenteams im Transporterraum 3... Nummer 1, Abmarsch." 
"Aye, Captain!" rief Will begeistert. Er hatte fest damit gerechnet, Michelle würde auf die Leitung eines der Teams bestehen. Aber Beverly hatte ihr wohl gut zugeredet. Er war mit sich zufrieden.
"Commander." Er drehte sich noch einmal um. "Nach Ihrer Rückkehr möchte ich Sie in meinem Raum sprechen!!" administrierte Michelle in einem sehr scharfen Ton.
"Ja, Captain", bestätigte Riker kleinlaut und trat in den Turbolift.
Er hatte eine exakte Vorstellung von der Szene, die ihn bei seiner Rückkehr erwarten würde. Er sollte sich besser warm anziehen. Wenn Riker eines in den acht Jahren Ehe mit Michelle und dem Dienst als ihr erster Offizier gelernt hatte, dann dass sie sehr böse werden konnte, wenn sie sich ungerecht behandelt, verhätschelt oder übergangen fühlte. Und dieses Mal hatte er zwei der drei Bedingungen bestens erfüllt. Er hatte sie mal wieder verhätscheln wollen, wegen seines Traumes. Dass er letzten Endes ins Schwarze getroffen hatte, war absolut und völlig egal. Darüber hinaus hatte er sie in einem gewissen Maß übergangen, denn anstatt sie zu bitten, auf die Krankenstation zu gehen, hatte er Beverly einfach zu ihr geschickt und sie damit vor der Ärztin bloßgestellt. Er hatte mal wieder ganze Arbeit geleistet. Das würde ein Donnerwetter geben.

Riker betrat den Transporterraum. Die Gespräche des Außenteams wurden unmittelbar leiser. Der Commander schloss daraus, dass sie sich nicht nur über die Romulaner unterhalten hatten, entschied aber, es zu ignorieren. Im Augenblick war die Mission wichtiger.
Auf der Brücke waren alle angespannt. Sie warteten auf das Zeichen ihrer Außenteams, um die Schilde der Romulaner zu neutralisieren.
Das Zeichen wurde gegeben, Data gab den Befehl ein und die Schilde der beiden Warbirds senkten sich wie von Geisterhand befohlen.
Sekunden später enterten die beiden Außenteams die riesigen romulanischen Raumschiffe. Sofort wurde das Betäubungsgas freigesetzt gegen das die Mitglieder der Enterprise immunisiert worden waren.
Es dauerte keine Minute bis die Romulaner einer nach dem anderen in sich zusammensanken und die Außenteams die Kontrolle über die Schiffe hatten. Ein Romulaner hatte mit letzter Kraft nach seinem Disruptor gegriffen, war aber glücklicherweise ohnmächtig geworden, bevor er ihn hatte abfeuern können.

Synchron mit dem Team auf dem anderen Warbird, delegierte Riker nun die Mitglieder seines Außenteams zu ihren Arbeitsbereichen und erklärte noch einmal die Befehle. Anschließend kehrte er auf die Enterprise zurück.

Michelle teilte den Kolonisten mit, dass keine Gefahr mehr für sie bestand. Sie verabschiedeten sich, und die Schiffe verließen unter der Kontrolle der Enterprise den Sektor.
Riker betrat mit einem flauen Gefühl in der Magengegend den Bereitschaftsraum des Captains. Michelle stand mit dem Rücken zur Tür und hörte einem Flötenkonzert ihres Vaters zu.

"Micky", flüsterte er. Sie drehte sich um. Ihre Augen funkelten vor Wut und Trauer.
"Du hast mich übergangen..." Riker wollte etwas erwidern, wozu seine zornige Frau ihm keine Gelegenheit ließ. "Und seit ich dieses Schiff betreten habe, versuchst du mich in Watte zu packen. Glaubst du, ich habe keine Angst, wenn du dich an meiner Stelle in Gefahr begibst??! Mir ist auch klar, dass die Kinder uns beide brauchen. Aber ich habe meine Versetzung auf das Flaggschiff der Sternenflotte nicht akzeptiert um hinter meinem Schreibtisch zu verkümmern! Genau wie du liebe ich das Abenteuer! Aber egal..." Riker seufzte. Er fühlte sich noch mieser und es hatte den Anschein, dass Michelle noch nicht mit ihrer Standpauke fertig war.
"Und Dad..." Es ging in die nächste Runde. Riker ließ es über sich ergehen. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, dass es besser war, wenn er Michelle sich austoben ließ und dann in Ruhe mit ihr redete.
"Mein Vater hält es nicht für nötig, mir mitzuteilen, dass Vash ihn und meinen kleinen Bruder verlassen hat. Er hat mir auch nicht gesagt, dass Beverly die Enterprise verlassen wird, weil sie heiraten wollen." Will nahm einen verblüfften Gesichtsausdruck an. Er trat sehr vorsichtig ein wenig näher an den Schreibtisch.
"Beverly und Jean-Luc heiraten?" 
"Das ist im Moment egal", fauchte seine Frau ihn an. Sie setzte sich herausfordernd hinter ihren Schreibtisch. Riker blieb, die Herausforderung annehmend, stehen. Es sah immer weniger nach einem schnellen Frieden aus. Michelle war total in eine Abwehrhaltung verfallen, auch Riker blockte nun ab. Er hatte schon zu viele Kämpfe auf diesem Schlachtfeld ausgetragen. Vielleicht schon ein paar zu viel. Die selbe verdammte Diskussion seit ihrem Dienstantritt auf der Enterprise, und jedes Mal begannen sie wieder am Ausgangspunkt.
Will fing an, durch den Raum zu gehen. Er wusste genau, dass er seiner Frau damit auf die Nerven ging. Aber im Moment wollte er nicht in der Defensive bleiben. Er verarbeitete noch das Zusammentreffen mit den Romulanern. Es machte ihn wütend, dass Michelle seine Vorahnung als schlechten Traum abgetan hatte. Er wollte sie einfach nur beschützen, nicht bemuttern. Wenn er sich vorstellte, Michelle hätte getötet werden können...


Nach einer halben Stunde war es vorbei. Michelle war relativ zufrieden mit dem Ausgang des Streits. Ihrer beider Wut war sicherlich noch nicht völlig verraucht, aber sie fühlte sich besser. Da sie dieses Problem vorerst gelöst hatte und die Romulaner auf Eis gelegt waren, konnte sie sich ihrem Vater und dessen Heiratsplänen widmen. Eine sehr amüsante Situation würde daraus entstehen; ihr Schwiegersohn würde dann auch ihr Stiefbruder sein, Beverly ihre Stiefmutter...

Die Brücke stellte eine Verbindung zum Sternenflottenhauptquartier her. Jean-Luc strahlte wie immer diese Ruhe und Ausgeglichenheit aus, die ihm stets zu eigen war. Er lächelte, als seine Tochter ihm entgegenblickte.
"Michelle, wie schön, dass ich von dir höre."  "Hallo, Dad. Wie geht es dir und François?" In diesem Augenblick wusste Picard, weshalb seine Tochter sich bei ihm meldete.
"Beverly hat mit dir geredet", stellte er fest. Sie nickte todernst um ihn auf die Folter zu spannen; dann grinste sie spitzbübisch.
"Du bist mir ein Held! Endlich habt ihr es doch noch geschafft!! Ich freue mich für euch... Obwohl die Familiensituation ein wenig komisch sein wird." Picard grinste. Er hatte sich das Ganze graphisch darstellen lassen. Am Ende sah es wie eine Überkreuzstickerei aus.
"Und ich bin unheimlich stolz, dass ich euch trauen darf. Soll ich ein Holodeckprogramm entwickeln? Oder wollt in LaBarre heiraten?" Jean-Luc hob beschwichtigend die Hand.
"Nur etwas Schlichtes, mein Kind. Wir sind keine dreißig mehr!" Michelle lachte.
"Oh, Dad. Ich werde ganz bestimmt euren Geschmack treffen... Ich freue mich sehr." 
"Ich mich auch. Besonders meine bezaubernden Enkel wiederzusehen." Das konnte seine Tochter sich gut vorstellen, denn Picard hatte Johnny und Jean-Luc nur einmal seit ihrer Geburt gesehen. Michelle freute sich, ihre Große wiederzusehen und zu Hause zu haben. Vielleicht konnte sie ihr Kind auf der Enterprise entbinden?!

"Wie geht es Yamara?" Die zukünftige Großmutter war ein wenig in Sorge. "Schwanger", erklärte Picard amüsiert. Michelle musste lachen.
"Du entwickelst auf deine alten Tage ja Humor, Dad! Aber ehrlich, läuft alles gut?" 
"Keine Sorge. Sie lernt die ganze Zeit für ihre Prüfung. Sie möchte das Baby auf der Enterprise bekommen und nach der Abschlussprüfung bei dir bleiben um ihren Dienst zu verrichten." Michelle fiel ein Stein vom Herzen.
"Rein zufällig ist der Posten ein Navigatorin zu vergeben." Picard grinste. Eigentlich grenzte das Vorgehen der beiden sehr oft an Vetternwirtschaft, aber aufgrund ihrer Beziehungen und ihres Ansehens wurde es toleriert. Die Entscheidungen der beiden waren stets von Vorteil für die Sternenflotte gewesen.
Im Anschluss an dieses Gespräch würde Michelle das Anforderungsschreiben für Yamara aufsetzen.
Aber es gab noch ein Problem, bei dem sie den Rat ihres erfahrenen Vaters brauchte. Die Romulaner.
"Dad, ich weiß, dass du dich nur noch mit Stundenplänen und Graduationen beschäftigst... Aber ich brauche deinen Rat..." Picard bemerkte den plötzlich ernsten Gesichtsausdruck seiner Tochter.
"Was ist passiert?"  "Ich habe zwei Warbirds im Schlepptau mit hundert betäubten Romulanern an Bord, die unsere neue Kolonie auf Agnus 4 angegriffen haben." Picard starrte sie ungläubig an.
"Das ist doch ein Witz, oder?! Die Romulaner?" Michelle nickte zur Bestätigung.
"Die Grenzkriege weiten sich aus. Ich mache mir wirklich Sorgen. Zumal ich aktiv an den Friedensverhandlungen und dem Abschluss des Vertrages beteiligt war. Ich weiß nicht, wie es ausgehen wird..." Auf Picards Stirn bildeten sich Sorgenfalten. Er erkundigte sich nach Michelles weiteren Plänen. Sie erklärte ihm, dass sie die Romulaner zurück in ihr Territorium bringen und dann weiterfliegen würden, in der Hoffnung die Vertragsbrecher würden vor der romulanischen Regierung in Ungnade fallen und ihr Gesicht verlieren. Weiter berichtete Michelle, dass sie keinen Angriff provoziert hatte und den Vertrag auch nicht brechen würde. Picard gab ihr wie Admiral Lanford Recht. Ihre Handlungsweise war die einer hervorragenden Diplomatin. Solange kein Kampf provoziert worden war.
An dieser Stelle fiel Michelle ihrem Vater ins Wort und gestand ihm den Vorfall in der Kolonie. Picard stockte. Er war erschrocken über die Tatsache, dass Michelle verletzt worden war. Sie konnte Picard jedoch wieder beruhigen. Leichter als Riker vorhin. Anders als Will war ihr Vater ein ruhiger Mensch. Denn Jean-Luc wusste, dass Michelle nicht kopflos, sondern bedacht und ihr Risiko abwägend, handelte. Es war ihre Pflicht gewesen als Captain der Enterprise die Kolonie vor ihrer Abreise zu begutachten. Er selbst war oft während seiner Zeit auf der Enterprise in Erfüllung einer Mission, aber auch ohne sein Verschulden in große Schwierigkeiten geraten. Er konnte sich gut vorstellen, wie sein Schwiegersohn reagiert hatte. Trotzdem fragte er Michelle danach. Er hätte sich immerhin irren können. Aber Michelles Gesichtsausdruck sprach Bände.

"Du weißt, wie es läuft. Wie beim Tennis. Seit wir das erste Mal in meinem Raum aneinander geraten sind, ein ewiges Hin und Her. Nun ja, wir haben es wieder beigelegt... bis zum nächsten Mal." Picard grinste. Er bewunderte den Kampfgeist seiner Tochter. Sie war eine wirkliche Picard, auch wenn sie seinen Namen nie getragen hatte. Solange sie den Namen "Riker" mit Stolz trug, ging die Sache in Ordnung.

"Aber nun habe ich etwas Dringendes zu erledigen. Hundert müde Romulaner warten auf ihr Erwachen auf ihrer Seite der Galaxis. Auf Wiedersehen, Admiral Picard..." Ja, Jean-Luc Picard war nun nach der Ernennung zum Leiter der Sternenflottenakademie für sein Leben im Dienst der Sternenflotte und seine Leistungen zum Admiral ernannt worden.
Picard verabschiedete sich von seiner Tochter und wandte sich wieder seinen Zeugnissen zu. Zu seinen Füßen spielte sein drei Jahre alter Sohn François. Bis zu seiner Hochzeit mit Beverly wollte er sein jüngstes Kind nicht in der Obhut einer Kinderfrau wissen; obwohl Yamaras altes Kindermädchen sich angeboten hatte. Aber der Junge wäre dann den ganzen Tag mit ihr auf dem Weingut in LaBarre und Jean-Luc in San Francisco. Wenn Beverly die Führung des Hauses Picard übernehmen würde, konnte und sollte sein Sohn bei ihr auf dem Gut bleiben, wenn Beverly keine Vorlesungen zu halten hatte. Ansonsten tat es der Laufstall in seinem Büro auch. Doch Picard wollte, dass sein Sohn möglichst viel Zeit auf dem Gut verbrachte.
François sollte lernen wie ein Gut zu führen ist. Nach dem tragischen Tod von Robert und Marie am Geburtstag seiner beiden Enkelsöhne in dem Feuer, welches das Haupthaus bis auf die Grundmauern zerstört hatte. Später konnte er sich entscheiden, ob er Weinbauer werden und damit die von Robert hochgelobte Tradition fortsetzen würde. Aber Picard ließ seinem Sohn alle Optionen offen, er konnte auch an die Sternenflotten-Karieren seiner Verwandten anknüpfen oder einen völlig anderen Weg einschlagen. Das sollte er selbst entscheiden. Jean-Luc würde anders als sein Vater Maurice es mit ihm und Robert getan hatte, nicht versuchen seinen Sohn in bestimmte Bahnen zu lenken...

 

Picard erinnerte sich an den Tag des Feuers. Die Nachbarn riefen in der Akademie an, völlig unerwartet. Als die Villeforts ihm den Grund ihres Anrufs mitgeteilt hatten, sprang Picard aus seinem bequemen antiken Sessel und brach unverzüglich zum Kurzstrecken-Shuttle-Hangar auf. Dort wartete stets ein einsatzbereites Shuttle für ihn.

Als der Pilot das Shuttle einige Minuten später in LaBarre auf dem Gut landete, bot sich Picard ein Bild des Entsetzens. Das Herrenhaus stand in Flammen. Natürlich wurde versucht es zu löschen, aber das jahrhundealte Gebäude, überwiegend aus Holz gebaut, brannte lichterloh. Das Schrecklichste waren die Hilferufe von Marie. Robert war nicht zu hören; er war wie ein Mann gestorben, fuhr es Picard bitter in den Sinn. Er stürzte los, auf das Haus zu. Aber Richard Villefort hielt ihn fest. Picard tobte, er sollte ihn loslassen. Aber Villefort erklärte mit ruhiger Stimme, dass es zu spät wäre. Picard wehrte sich, er konnte doch Robert und Marie nicht im Feuer sterben lassen...
Villefort rief seinen ältesten Sohn Pierre zur Hilfe. Gemeinsam schafften sie es schließlich Jean-Luc Picard von seiner sterbenden Familie fortzubringen...

Es dauerte eine Stunde bis das Haus abgebrannt war. Man hatte die umliegenden Gebäude und vor allem die Weinstöcke mehr als ausreichend durch Wasser und Feuergräben vor den Flammen geschützt.
Als das letzte Fünkchen verglimmt war, näherte Picard sich weinend der Ruine. Sein Bruder, Marie... Wo war René jetzt? Auf der Akademie? Auf der Enterprise? Er wusste es nicht sicher, aber er musste ihn finden, um ihm die traurige Nachricht zu überbringen.
Robert hatte immer erklärt, Jean-Luc, René und auch Michelle würden jung sterben, weil das Leben im Dienst der Sternenflotte zu waghalsig und gefährlich wäre. Er hingegen würde 200 Jahre alt werden, denn das Gut wäre der Himmel auf Erden. Und was sollte ihm dort schon geschehen? Picard weinte heftiger, er sank auf die Knie und schlug mit den Fäusten auf den Boden. Sein Pilot trat näher und legte ihm eine Hand auf seine Admiralsuniform, die von Ruß bedeckt war. Er schluckte hart. Ohne den Piloten anzusehen, befahl er vom Shuttle aus die Enterprise zu kontaktieren.
Wie sich Picard erinnerte, hatte René Semesterferien und diente die nächsten Monate auf dem Schiff. Doch sie konnten nicht sofort zur Erde aufbrechen. Michelle steckte mitten in den Friedensverhandlungen mit den Romulanern und zu allem Überfluss waren die Wehen mitten in der Konferenz aufgetreten, so dass sie nicht mehr auf das Schiff zurückkehren konnte. Picard veranlasste, die Trauerfeier bis zur Ankunft der Enterprise zu verschieben. Nachdem Michelle und die anderen die schreckliche Nachricht erhalten hatten, meinte sie zu Riker, es gäbe Kulturen, die den Glauben vertraten "Ein Leben für ein Leben". Ihre Zwillinge waren im Augenblick des Todes von Marie und Robert Picard auf die Welt gekommen.


Während Picard über den Verlust seines Bruders und seiner Schwägerin nachsann, sich die Reaktionen der Familie ins Gedächtnis rief und die Trauerfeier noch einmal vor Augen sah, bereitete man sich auf der Enterprise vor, die romulanischen Schiffe in die Freiheit zu entlassen.

Michelle genoss die Stille ihres Bereitschaftsraumes, während sie die romulanischen Warbirds beobachtete.
"Captain, wir sind bereit, die Schiffe freizugeben", meldete Data.
"Machen Sie's so! Anschließend mit Warp 5 zur Raumstation 27" befahl Michelle. Die Schiffe wurden aus dem Traktorstrahl entlassen und befanden sich somit wieder auf romulanischem Territorium. "Und sie waren hoffentlich nie mehr gesehen...."

Michelle wandte sich vom Fenster ab, während sich die Sterne in lange Streifen verwandelten.

2. Kapitel
 Dunkle Geheimnisse

Die Enterprise flog in den Marabh-Sektor, um ihn vollständig zu kartografieren. Es würde drei Wochen dauern. Sie hatten bereits zwei zusätzliche Wissenschaftsteams an Bord genommen und waren nun unterwegs zu ihrem Rendezvous mit der U.S.S. Anchorage. Dort würden sie noch ein weiteres Wissenschaftsteam und einen Offizier für die U.S.S. Stockholm übernehmen.

Michelle, Riker und Worf standen im Transporterraum 3 um das Wissenschaftsteam und den Lieutenant zu begrüßen.
Eine Gruppe von sechs Personen rematerialisierte sich auf der Plattform. "Willkommen an Bord der Enterprise. Ich bin Captain Michelle Riker." Sie deutete auf Worf und Riker. "Mein erster Offizier Commander Will Riker und mein Sicherheitschef Lieutenant Commander Worf." Das Team stellte sich den Offizieren vor und wurde dann vom diensthabenden Transportoffizier in ihre Quartiere geführt.
Worf trat an die Transporterkonsole. Auf Michelles Befehl beamte er den Lieutenant von der Stockholm herüber.

Michelle blieb fast das Herz stehen. Sie stützte sich für einen kurzen Augenblick auf Riker. Verwundert sah dieser von dem Klingonen auf der Transporterplattform zu Michelle und wieder zurück.
"Stimmt etwas nicht, Captain?" fragte er schließlich besorgt. Sie antwortete zunächst nicht. Das einzige Wort, das ihr über die Lippen kam, lautete: "Kon." Und plötzlich verstanden Riker und Worf Michelles Verhalten und ihren entsetzten Gesichtsausdruck. Der klingonische Offizier war niemand Geringeres als Yamaras biologischer Vater.
"Guten Tag, Captain Riker." Er wahrte die Form.
"Kon, was tust du hier..." Worf knurrte. Er würde sich mit Vergnügen auf diesen unehrenhaften Wurm stürzen.
"Hat der Lieutenant Commander ein Problem?" Kon heuchelte Unkenntnis.
"Er weiß, wer du bist und was du in der Vergangenheit getan hast!" Er trat von der Transporterplattform herunter.
"Meine Strafe ist verbüßt, mein Aufenthaltsverbot auf der Erde aufgehoben, das Unterlassungsurteil gegen dich und mein Kind sind nicht mehr gültig." Michelle ballte die Hände zu Fäusten.
"Sie ist nicht dein Kind, du Mistkerl!!" Riker legte beschwichtigend eine Hand auf die Schulter seiner Frau, die sie sofort wieder wegschlug. "Die Tatsache, dass du dich ein zweites Mal an der Akademie der Sternenflotte bewerben konntest und Erfolg hattest, lässt mich schwer an unserem System zweifeln!" Und an meinem Vater, setzte sie in Gedanken hinzu.
"Ich habe meine Strafe verbüßt, Michelle", beharrte er.
"Sie war nicht hart genug!" entfuhr es ihr. "Ich rate dir, halte dich während der gesamten Reise von Yamara und mir fern! Sonst lasse ich dich in deinem Quartier einsperren!!" 
"Yamara ist hier? Sie hat doch die Akademie noch nicht abgeschlossen, oder?" Michelle war erschreckt darüber, wie gut Kon informiert war.

Michelle war unglaublich wütend. Sie würde Kontakt zu ihrem Vater aufnehmen und ihn über die Tatsache in Kenntnis setzen, dass Kon die Akademie ganz offensichtlich unter seinen Augen erfolgreich absolviert hatte. Aber zunächst musste sie Kon aus den Augen bekommen, bevor sie sich auf ihn stürzen würde. Doch wer sollte ihn zu seinem Quartier führen? Einen dritten Offizier in den Transporterraum zu zitieren, würde zu viel Aufsehen erregen. Unter der Mannschaft würde es sich auch so schnell genug herumsprechen, wer der klingonische Lieutenant war.
Wer aber war nun gefährlicher? Ein klingonischer Sicherheitschef, der Kon ohne zu zögern für seine ehrlose Tat töten würde? Oder ein Commander, der um sich über die sichtbar schlechte Verfassung seiner Frau Luft zu verschaffen, Kon bei der erstbesten Gelegenheit an die Wand drücken und ihm drohen würde? Natürlich würde auch Riker seine Drohung im Ernstfall wahr machen. Trotzdem ging von ihm die geringere Gefahr aus. Kons Unversehrtheit während seiner Reise zur Stockholm musste unbedingt gewährleistet sein. Er war der zweite klingonische Offizier in der Geschichte der Sternenflotte. Sollte ihm jetzt etwas zustoßen, könnte es zu einer Kriegserklärung der Klingonen kommen. Riker war also definitiv die bessere Wahl, so dachte Michelle.

"Nummer 1, Sie begleiten den Lieutenant zu seinem Quartier."  "Captain...!" 
"Tun Sie es einfach, Nummer 1!"

Kon trat durch die Tür, Riker folgte ihm. Die Tür schloss sich wieder, Worf und sein Captain blieben zurück.
"Captain, kann ich etwas für Sie tun?" Michelle trat auf ihren Sicherheitschef zu und legte eine Hand auf seine Schulter.
"Bringen Sie ihn einfach nicht um, Worf. Das würde mir sehr helfen. Und vermeiden Sie jegliche Konfrontation mit ihm. Sein Ableben könnte den Klingonen den Grund für einen Krieg mit der Föderation liefern." 
"Gowron würde nie..." 
"Gowron kann ganz schnell entmachtet und ermordet sein. Sein Platz in der klingonischen Regierung ist noch sehr wackelig. Im Extremfall hilft es auch nichts, dass Ihr Bruder Mitglied im Hohen Rat ist." Worf nickte.

"Ich möchte Sie noch um einen Gefallen in Ihrer Tätigkeit als Yamaras Patenonkel bitten." Wieder nickte er. "Sie ist mit ihren Geschwistern auf Holodeck 2. Holen Sie meine Kinder bitte ab und berichten Yamara von Kons Anwesenheit auf dem Schiff?" Worf war sofort bereit dazu und verließ den Transporterraum.

Kaum war sie alleine, sank Michelle auf die Knie und weinte bittere Tränen. Nach all den langen Jahren sah sie jede Einzelheit der Vergewaltigung wieder vor ihrem inneren Auge. Und sie sah Kons erfreutes Gesicht, als dieser erfahren hatte, dass Yamara sich im Moment auch auf der Enterprise befand.


In einem anderen Teil des Schiffes. Riker war die ganze Zeit stillschweigend neben Kon hergegangen. Nun war die Gelegenheit günstig, niemand sonst befand sich auf diesem Gang. Schnell wie ein Gepard ergriff Will die Uniform des Klingonen und drückte ihn mit seiner ganzen Kraft und Wut gegen die Wand.
"Du klingonischer Bastard! Ich würde dich hier auf der Stelle umbringen, wenn es meiner Frau helfen würde! Aber ich muss auch an unsere Kinder denken, die ihren Vater noch sehr lange brauchen! Deswegen werde ich mich damit begnügen, dich so zu verprügeln, dass du die gesamte Reise bei Dr. Melan auf der Krankenstation verbringen wirst! Anschließend werde ich in einer Sicherheitszelle landen und ein Disziplinarverfahren wird gegen mich eingeleitet werden; aber das ist es mir wert!" Kon lachte. Er hatte keine Ahnung, dass Riker es kräftemäßig mit einem Klingonen aufnehmen konnte.
Den ersten Schlag landete Riker in der Magengegend. Kon stöhnte. Er schlug jedoch sofort zurück, versetzte seinem Gegner eine Platzwunde über der linken Augenbraue.
Wieder schlug Riker zu und wieder und wieder.

Besorgte Offiziere hatten den Sicherheitsdienst verständigt. Fünf Männer waren nötig, um den wütenden Commander zu bändigen. Sie führten ihn in eine Sicherheitszelle. Kon brachte man umgehend auf die Krankenstation.


Alles war so schnell geschehen, dass Michelle noch nicht mit Yamara hatte sprechen können. Sie stand in Michelles Bereitschaftsraum (bereits von Worf vorgewarnt), als sie der Bericht über den Vorfall erreichte.

Mit medizinischen Geräten in der Hand betrat Michelle den Arrestblock. Riker lag auf dem harten Bett und starrte an die triste Decke. Er hatte die Zeit bis zu Michelles Erscheinen genutzt um sich Gedanken über seine Handlung zu machen. Er war bereit für die Standpauke, doch vor einem Disziplinarverfahren hatte er Angst.
"Du hast lange gebraucht, Micky." Er setzte sich auf. Seine Wunde blutete wieder.
"Ich war noch auf der Krankenstation um das hier zu holen." Sie zeigte ihm die Geräte, mit denen sie ihn verarzten würde.

Der diensthabende Offizier deaktivierte auf Michelles Befehl das Kraftfeld. Sie betrat die Zelle.
"Dir ist doch klar, dass ein Disziplinarverfahren gegen dich eingeleitet werden muss, Will." Sie verarztete seine Wunde. Er zuckte zurück. Michelles berechtigte Wut auf Riker machte seine medizinische Versorgung nicht gerade sanfter.
"Es tut mir leid, Micky. Aber ich konnte einfach nicht länger stillhalten." 
"Du bist ein solcher Idiot! Nicht einen Moment denkst du an deine Karriere!" 
"Karriere!" Er lachte. "Was Kon dir angetan hat..." 
"Ist Vergangenheit. Du hast dir heute ein paar enorme Steine vor die Füße geworfen!!...Gute Nacht, Will." 
"Ich muss heute Nacht hier bleiben?!"  "Worauf du wetten kannst!" Sie trat aus der Zelle. Der Lieutenant aktivierte das Kraftfeld wieder.

Es war ein verdammt mieses Gefühl, seiner Tochter erklären zu müssen, dass Daddy die nächsten paar Tage im Arrest verbringen würde. Sie konnte Kon nicht als den Schuldigen darstellen, da Will von selbst zugegeben hatte, den ersten Schlag gelandet zu haben. Als sein Captain musste sie dieses Verhalten ihres Stellvertreters strikt ablehnen und verurteilen. Als seine Frau plagte sie das schlechte Gewissen, weil sie der Grund für den Angriff auf Kon war; andererseits war sie ihm dankbar. Obwohl Kon Schlimmeres verdient hätte.


Michelle führte später am Abend ein Gespräch mit Admiral Lanford und berichtete über den Vorfall. Mariah war gerade aus dem Urlaub von Risa zurückgekehrt. Hätte sie von Kons Versetzung gewusst, hätte sie "...mit allen Mitteln verhindert, dass die Enterprise seinen weiteren Transport übernimmt. Ist er ernsthaft verletzt, Michelle?" Die Pflicht verlangte diese Frage, nicht echte Besorgnis. Ebenso wie sie verlangt hatte, dass Michelle die Krankenstation aufgesucht und sich in Rikers Namen entschuldigt hatte; obwohl sie selbst gerne noch einmal zugeschlagen hätte.

"Wer wird das Disziplinarverfahren leiten?" 
"Das kann ich jetzt noch nicht absehen, Michelle. Aber Rikers Disziplinarverfahren wird warten müssen. Du wirst ihn aus dem Arrest entlassen." 
"Wieso, Mariah? Was ist passiert, dass wichtiger als ein Disziplinarverfahren ist?" Mariah holte tief Luft.
"Die Ermordung der geistigen Führerin von Bajor." Michelle schnappte nach Luft. 
"Kai Vinn ermordet? Waren es die Cardassianer?" 
"Leider nein. Es war...." Sie zögerte. "Es war Jackson." Michelle hatte ganz plötzlich das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Kai Vinn ermordet. Die Folgen für Bajor und die Föderation waren nicht abzusehen. Sowohl das Dominion als auch die Cardassianer konnten die Verzweiflung des bajoranischen Volkes für einen Präventivschlag nutzen.

Sie schnappte nach Luft. "Nicht Jackson! Er ist vielleicht ein Halunke, aber kein Mörder!!" Keiner ihrer Ehemänner war ein Mörder. Sah man von Julians kleinem Schubser die Treppe hinunter ab, bei dem Michelle ihr gemeinsames Kind verloren hatte.
"Genau das sollst du herausfinden." 
"Aber wie soll ich Will klarmachen, dass Dr. Julian Bashir nicht mein einziger Ehemann vor ihm war? Auf DS9 sind dann meine beiden Ex-Männer und mein jetziger Mann versammelt. Das wird ein Vergnügen! Das reinste Familientreffen! Hallelujah!" Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Wäre die Situation nicht so ernst, hätte sie laut losgelacht.

Jackson ein Mörder. Nein, das war einfach unmöglich. Sie kannte ihn dafür zu gut. Er war ein Träumer, der in den Tag hineinlebte. Aber er gebrauchte selbst im Streit keine Gewalt, geschweige denn war er zu einem Mord fähig.
Kennen gelernt hatte sie ihn kurz nach der Scheidung von Julian. Sie war damals noch recht mitgenommen gewesen. Eine Fehlgeburt durch einen Treppensturz war auch noch im 24. Jahrhundert nicht leicht zu verkraften, vor allem nicht seelisch. Doch dann war Jackson aufgetaucht. Urplötzlich. Er hatte sie mit seiner Poesie und seiner ganzen Lebenseinstellung verzaubert. Der Streit mit Julian, bei dem sie durch seine Schuld die Treppe hinuntergestürzt war und ihr gemeinsames Baby verloren hatte und das Wissen, dass Yamara (damals drei Jahre alt) alles von der Tür ihres Zimmer aus gesehen hatte, waren zumindest zeitweise vergessen.
Binnen zwei Wochen nach der Scheidung von Julian war sie die Frau eines jungen Mannes namens Jacksons (ohne Nachnamen, da er ohne denselbigen nicht vom Tod gefunden werden konnte) geworden.


Von langer Dauer war ihre Ehe allerdings nicht. Drei Monate später war Michelle von einer Mission zurückgekehrt und Jackson verschwunden. Nicht spurlos. Er hatte seine wenigen Sachen, die stets in einen Koffer passten, mitgenommen und eine Nachricht hinterlassen. Er entschuldigte sich, dafür sie im Stich gelassen zu haben. Er war eben ein Planetenbummler. Jackson hatte in seinem Abschiedsbrief geschrieben, dass er sie noch immer liebte, aber sie sollte nicht auf ihn warten.
Michelle hatte keinen Groll oder Verzweiflung empfunden, sondern die Scheidung eingereicht. Obwohl sie gehofft hatte, Jackson würde bald wieder vor ihrer Türe stehen. Insgeheim hatte sie das immer gehofft, aber nicht auf diese Art, wie es ihr jetzt bevorstand.


Doch zunächst stand sie vor den Türen der Arrestzellen und einer schwierigen Angelegenheit: Der Wahrheit. Ebenso wie vor dem Besuch bei Picard auf der Krankenstation vor Jahren hatte sie auch jetzt Angst. Vor ihrer Vergangenheit. Wie würde Will auf einen weiteren Ex-Mann reagieren? Genauso relativ gelassen wie damals, als er auf DS9 von Julian erfahren hatte? Sie würde es bald genug erfahren.

Michelle trat ein. "Lieutenant, schalten Sie das Kraftfeld aus. Auf Befehl von Admiral Mariah Lanford..." Riker setzte sich verwirrt auf. "...werden der Arrest und das Disziplinarverfahren gegen Commander Riker verschoben." Der Offizier nickte und führte den erhaltenen Befehl aus.
"Captain, was ist passiert?" fragte Riker verwirrt. "Kai Vinn ist ermordet worden. Die Enterprise wurde mit der Untersuchung beauftragt. Es wurde bereits ein mutmaßlicher Attentäter verhaftet und auf DS9 inhaftiert." 
"Himmel... Wer war es?" Sie berührte sachte seine Schulter.
"Kommen Sie, Commander."

Auf dem Korridor erklärte Michelle: "Sein Name ist Jackson." 
"Dann kennst du ihn?" Sie nickte. "Oh ja... Ich war mit ihm verheiratet." So, jetzt war es raus. Keine Chance zur Umkehr. Bevor der Mut sie verließ, erzählte Michelle die kurze Geschichte ihrer zweiten Ehe.

Sie betraten ihr Quartier. Andy war noch in der Schule, die Zwillinge schliefen.
Riker nahm auf der Couch Platz. Michelle hingegen hatte nicht vor sich zu setzen. Sie bereitete sich auf Wills Vorwürfe wegen ihres Schweigens vor. Etwas sagte ihr, dass es dieses Mal viel schlimmer als damals bei dem Geständnis über Julian werden würde. Sie hatte ihren Mann, ihren besten Freund und Vertrauten belogen; und das nicht nur einmal, sondern mehrmals.

"Wieso zum Teufel erfahre ich von deinen früheren Ehen erst im nachhinein?! Nachdem wir acht Jahre verheiratet sind?! Hattest du Angst, ich würde dir Vorwürfe machen?! Nun, die mache ich dir jetzt, weil du mich im Unklaren gelassen hast! Warum machst du aus deiner Herkunft und deiner Vergangenheit ein solches Geheimnis??! Ich hatte verdammt viele Frauen vor dir und du weißt von allen, du kennst meine Vergangenheit!!!" Michelle öffnete den Mund um sich zu verteidigen. Riker unterbrach sie sofort.
"Jetzt rede ich! Damals als du auf das Schiff gekommen bist und keiner erfuhr, dass Jean-Luc in Wahrheit dein Vater ist, habe ich nichts gesagt! Als du ein Geheimnis um unsere Beziehung gemacht hast, habe ich nichts gesagt! Als ich erst von Yamara erfuhr, nachdem wir von der Schwangerschaft mit Andy wussten, sagte ich auch nichts! Nachdem du mir dann von Julian in der Arrestzelle von DS9 erzählt hast, geriet ich langsam ins Grübeln wie viele Geheimnisse du noch vor mir zu verbergen versuchst! Aber jetzt habe ich die Nase voll!!" Riker stand auf und stürmte aus dem Raum. Michelle warf sich das Sofa und grübelte.
Ihre Gedanken kehrten nach DS9 zurück. Zu dem Tag, an dem Will von Julians Rolle in Michelles Leben erfahren hatte. Als er noch Verständnis gehabt hatte. Aber irgendwann platzte selbst Will einmal der Kragen. Und er hatte wirklich lange stillgehalten, das musste sie ihm zugestehen.

Sie sah den Tag wieder deutlich vor sich. Ein absoluter Pechtag für Dr. Julian Bashir.
Worf, Deanna, Yamara und Michelle gingen neben Captain Sisko über die Promenade der Station. Das Leben pulsierte hier, beeindruckte die Besucher der Station immer wieder aufs Neue.
Unerwartet stand die Gruppe Dr. Bashir gegenüber. "Captain...", flüsterte Yamara, die Julian erstaunlicherweise erkannt hatte.
"Ich weiß."
Sisko wollte Michelle seinen Stationsarzt vorstellen.
"Oh, wir kennen uns bereits, Captain", erklärte Julian.
"Ja. Wir waren verheiratet", brachte Michelle gereizt hervor. Überraschung zeigte sich auf den Gesichtern der anderen. Michelle nutzte die allgemeine Verwirrung, trat auf Julian zu und rammte ihm mit ihrer ganzen Kraft ihre Faust auf die Nase. Man hörte, wie Bashirs Nasenbein brach. Worf stürzte auf seinen Captain zu und hielt sie fest. "Lassen Sie mich los, Worf! Das ist ein Befehl!" 
"Zu Ihrer eigenen Sicherheit werde ich das erst tun, wenn Sie sich wieder beruhigt haben, Captain." Sisko kniete neben Bashir.
"Sie ist gebrochen!" erklärte er und blickte Michelle vorwurfsvoll an. "Gut so", rief diese.
 
"Danke, Michelle. Bist du nun zufrieden?" 
"Zufrieden, Julian?! Du Mistkerl!!" Sie wand sich unter Worfs festem Griff. "Du hast mich die Treppe hinuntergestoßen! Ich habe unser Baby verloren! Und die Ärzte sagten mir, ich könnte nie wieder ein Kind bekommen! Es ist ein Wunder, dass ich noch ein gesundes Kind bekommen habe!!" Bashir schluckte, er hatte nicht gewusst, dass Michelle noch einmal Mutter geworden war. Er war erleichtert darüber.
"Michelle, ich habe dir damals im Krankenhaus erklärt, dass es mir unendlich leid tut. Und das tut es auch heute noch." 
"Lügner, Heuchler! Du hättest damals einfach gehen können! Aber nein, du musstest einen Streit provozieren! Hätte ich mich nicht verteidigen sollen, großer Doktor??!" Julian war inzwischen aufgestanden, was Michelle dazu nutzte, ihm kräftig gegen das Schienbein zu treten.
"Jetzt reicht es!!" schrie Sisko. "Mr. Worf, bringen Sie Captain Riker in eine unserer Arrestzellen. Sie bleibt über Nacht dort! Und setzen Sie Commander Riker über den Vorfall in Kenntnis!!" Worf nickte und brachte Michelle weg.

Riker saß in Ten Forward und war völlig überrascht, als ein Fähnrich ihm die Meldung brachte, er solle nach DS9 kommen. Es hatte einen Vorfall zwischen dem Captain und Dr. Bashir gegeben.
Bald darauf betrat Riker in Begleitung von Odo den Gefängniskomplex. "Ich lasse Sie jetzt allein", erklärte der Constable und trat wieder in den Korridor hinaus. Riker deaktivierte das Kraftfeld und setzte sich neben Michelle. "Ich muss die Nacht hier bleiben." 
"Ich weiß. Odo gab mir die Erlaubnis das Kraftfeld auszuschalten, solange ich hier bin." Michelle nickte. Dann erzählte sie Riker die ganze Geschichte und den Grund ihres Angriffs auf Bashir.
In diesem Moment betrat Julian den Raum. "Hat der große Arzt sich selbst geheilt!?" fragte Michelle bissig. Er begrüßte Riker. Der wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er konnte seine Frau ein wenig verstehen. Doch ihr Verhalten war eines Sternenflottencaptains total unwürdig. "Michelle!" fuhr er sie an.
"Fällst du mir in den Rücken? Dann geh'! Und schalte zu Julians Schutz das Kraftfeld besser wieder ein!" Riker stand auf.
"Wenn es das ist, was du willst. Aber du solltest ihn anhören. Ich denke, dass schuldest du ihm." Er sagte es nicht wütend oder gleichgültig. Seine Worte waren einfach ehrlich gemeint. Aber ohne seinen Vorgänger eines weiteren Blickes zu würdigen, verließ Will den Raum und ging auf das Promenadendeck um Andy ein neues Spielzeug zu kaufen. Ein lächerlicher Ersatz, wenn die eigene Mutter die Nacht in der Arrestzelle verbringen musste. (Er hatte schon immer eine gewisse Apathie Bashir gegenüber empfunden, wie Michelle einen solch nervenden Mann hatte lieben können, würde ihm für immer ein Rätsel bleiben. Michelle auch.)

Wie Will seiner kleinen Tochter die ganze Geschichte erklären sollte, wusste er nicht. Er selber verstand es noch nicht so ganz. Zugegeben, Michelle war bei ihrer Heirat mit ihm bereits 34 Jahre alt gewesen. Es war ihm durchaus bewusst, dass es vor Will andere Männer gegeben hatte. Zumindest von Captain Ramirez hatte er gewusst. Aber sie war schon einmal verheiratet gewesen und hatte es nicht für nötig gehalten, es Riker zu erzählen. Wie viele dunkle Geheimnisse mochten sich noch um seine Frau spinnen, die er gut zu kennen geglaubt hatte? Und wollte er sie wirklich alle kennen? Ein altes Erdensprichwort sagte: "Selig ist der Schlaf der Unwissenden."

Schlaf. Michelle hätte jetzt gerne etwas geschlafen um der Realität zu entfliehen. Aber sie musste den Tisch decken. Die Zwillinge wollten gefüttert werden, Andy wurde jeden Augenblick aus der Schule zurück erwartet. Doch es gab noch eine andere Angelegenheit. Schnell deckte sie den Tisch und sagte dann: "Computer, nenne mir den Aufenthaltsort von Commander Riker."  "Commander Riker befindet sich auf Holodeck 3." Michelle machte sich auf den Weg.

Einige Minuten darauf trat sie durch den Eingang des Holodecks und fand sich an ihrem Strand wieder. Die Sonne ging gerade unter. Riker saß mit dem Rücken zu ihr, hatte sie noch nicht bemerkt.
"Will?" Sie kniete sich neben ihn. Riker sagte nichts, blickte seine Frau nur herausfordernd an. So einfach würde er es ihr dieses Mal nicht machen.
"Oh, es tut mir so unendlich leid, Will. Ich schwöre dir, von jetzt an keine Geheimnisse mehr." Er lächelte, legte den Arm um sie. "Hast du noch irgendwelche Ex-Männer oder Leichen im Keller, von denen ich nichts weiß?" Sie schüttelte mit dem Kopf.
"Nicht das ich wüsste. Aber es gab da mal so eine Nacht auf der Akademie. Wir haben T'Hek ausprobiert, ein romulanisches Rauschmittel, das einen auf einen unglaublichen Trip schickt. Und das war ein Trip, kann ich dir sagen! Ob ich in dieser Nacht nicht geheiratet habe, kann ich nicht mit Gewissheit sagen." Sie hatte mit todernster Mine gesprochen. Jetzt aber verzog ihr Gesicht sich zu einem frechen Grinsen. Riker begriff und lachte. Er packte Michelle an den Handgelenken und warf sie in den Sand, setzte sich über sie.
"Hast du es wirklich genommen?" 
"Ja", lachte sie. "Aber nur einmal. Verzeihst du mir?" 
"Das T'Hek?" 
"Alles." Er beugte sich herunter und küsste sie leidenschaftlich. "Das deute ich als ein klares 'Ja'." Riker ließ sie wieder los, und sie setzten sich nebeneinander hin und beobachteten wie die Sonne im Meer versank. "Weißt du noch, hier haben wir einander unsere Liebe gestanden." 
"Ja. Ich habe gedacht, du würdest mir eine kleben für den Kuss. Hätte ich damals schon von Julian gewusst, hätte ich es mit Sicherheit nicht getan aus Angst, du brichst mir auch die Nase." 
"Siehst du, es hatte schon seine Richtigkeit, dass du nicht schon früher von Julian und Jackson erfahren hast." 
"Apropos. Wirst du diesem Jackson bei eurem Wiedersehen auch die Nase brechen oder kann ich die Kavallerie wieder abstellen?" Sie stieß ihn lachend weg.
"Nein, ihm werde ich vor Freude um den Hals fallen, weil ich dachte, ich würde ihn nie wieder sehen... Aber jetzt komm'. Es ist Essenszeit." Riker stand auf und reichte Michelle die Hand. Michelle beendete das Programm. Der Familienfrieden war wieder hergestellt. Jetzt galt es noch Jackson zu retten.


3. Kapitel
Am Abgrund

Auf dem Weg nach Bajor versuchte Michelle etwas über Jacksons Leben seit seinem Verschwinden herauszufinden. Seit geraumer Zeit hatte sich seine Spur aber verloren. Eine Person wie Jackson eignete sich perfekt als vorgeschobener Attentäter.

Zwei Tage später dockte die Enterprise an DS9 an. Michelle und ihre Begleiter wurden von Captain Sisko, Kira und Odo begrüßt.
"Hält Dr. Bashir sich versteckt? Keine Sorge, ich habe nicht vor ihm wieder die Nase zu brechen." Sisko erwiderte nichts. Er konnte noch immer nicht über den Vorfall lachen.
"Wie geht es Ihrem Vater und den Kindern?" fragte er stattdessen, während sie sich auf den Weg machten.
"Meinem Vater und meinem Bruder Francois geht es gut, es steht außerdem die Hochzeit mit meiner Chefärztin Dr. Crusher bevor. Ein großer Verlust für die Enterprise, aber ein großer Gewinn für unsere Familie." Sisko lächelte, Beverly war ihm in guter Erinnerung geblieben.
"Picard ist seit geraumer Zeit Admiral und der Leiter der Sternenflottenakademie", erinnerte Sisko sich.
"Ganz recht. Und unsere Kinder sind inzwischen zu viert. Während der Friedensverhandlungen mit den Romulanern bekam ich Zwillinge, Jonathan-William und Jean-Luc... Aber bevor wir weiter in Erinnerungen schwelgen, möchte ich zuerst Jackson sehen und mit ihm sprechen." 
"Sie kennen ihn?" fragte Sisko, Böses ahnend. Mariah hatte ihr geraten, gleich zu Anfang von ihrer Ehe mit Jackson zu erzählen. Im nachhinein könnte man es als Befangenheit auslegen.

Michelle atmete tief durch. "Ja, Benjamin. Nach meiner Scheidung von Julian war ich für drei Monate seine Frau. Dann verschwand er ebenso plötzlich aus meinem Leben, wie er sich darin verlaufen hatte. Ich werde ihm nicht die Nase brechen. Und ich werde völlig objektiv sein. Als Captain des Flaggschiffs der Sternenflotte blieb mir keine andere Wahl."
Sisko war völlig perplex. Wieso mussten sich seine bösen Vorahnungen immer bewahrheiten?

Nachdem sich langsam die erste Aufregung gelegt hatte, erklärte Michelle, sie wollte während des folgenden Gesprächs und der Untersuchung Odo und Data an ihrer Seite haben. Eine weise Entscheidung, die von allen Beteiligten begrüßt wurde.

Michelle, Data und Odo betraten den Arrestblock. Beim letzten Mal hatte sie Yamara und Wesley wegen ihres kleinen Streichs an Odo hier vorgefunden; und davor hatte sie selbst gesessen.

Jackson entdeckte sie. "Michelle Neech?!" Er konnte es nicht glauben.
"Mittlerweile Captain Michelle Riker." 
"Du hast wieder geheiratet? Das ist gut. Und wie geht es Yamara?"
Odo schaltete das Kraftfeld aus, damit Michelle sich setzen konnte. Jackson umarmte sie.
"Yamara ist verheiratet, in Ausbildung auf der Akademie, momentan auf meiner Enterprise und bekommt demnächst ihr erstes Kind." Jackson grinste. Sie lächelte ihn an und erzählte ihm von der seinerseits lang erhofften Versöhnung mit Picard.
Als sie geendet hatte, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen. "Vier Kinder und immer noch so schlank wie früher! Wie machst du das?" Sie blickte verlegen auf den Boden. "Meine Michelle..." Sie legte eine Hand auf seine Schulter.
"Nein. Commander Rikers Michelle. Wir sind geschieden, wenn du dich erinnerst. Aber ich bin immer noch eine sehr liebe Freundin, die sich große Sorgen um dich macht.... Jackson, was ist passiert, verdammt!? Du warst es doch nicht, oder?" Sie wollte von ihm ein klares "Nein" hören, das ihre Erinnerungen an ihn bestätigte.
Aber es kam nur: "Ganz ehrlich, Michelle. Ich weiß es nicht. Von dem Tag, an dem Kai Vinn starb, habe ich keinerlei Erinnerung. Totaler Blackout."
"Verdammt!" entfuhr es Michelle. Sie stand auf. "Wir sehen uns später, Ba.... Jackson." Fast wäre ihr ein "Babe" aus alter Zeit entwischt.

Als sie den Korridor betrat, schluckte sie hart. Data bemerkte ihre Traurigkeit. "Captain?" fragte er zaghaft.
"Es ist schwer, Data. Die Vergangenheit trifft meine Gegenwart... Und ein Teil von mir vermisst die Zeit, in der Jackson mir die Sterne vom Himmel geholt hat..." 
"Ich verstehe. Ein Teil von mir vermisst schmerzlich Tasha, obwohl ich meine Frau sehr liebe. Ich würde mein Leben mit M.J. nicht missen wollen." Michelle lächelte sanft.
"Schön, dass Sie es verstehen, Data. Gerade jetzt brauche ich meinen besten Freund unter den Androiden." 
"Captain, ich habe Sie immer wieder darauf hingewiesen, dass ich der einzige Androide in Ihrem Umfeld bin." 
"Eben." Data lachte und heiterte damit auch Michelle ein wenig auf. Allerdings hielt es nur an, bis sie Siskos Büro betrat.


Erschüttert saß sie in Ben Siskos Büro. Sie konnte nicht glauben, was sie da eben gesehen hatte. Es war eine Aufzeichnung der letzten öffentlichen Rede von Kai Vinn gewesen. Jackson war ganz eindeutig als der Mann zu erkennen, der den tödlichen Schuss mit dem Phaser abgefeuert hatte.

"Ben, ich kann es nicht glauben." 
"Tut mir leid, Michelle. Aber das spricht für sich." Sie stand auf, ergriff Siskos Baseball, warf ihn in die Luft und fing ihn wieder auf.
"Sagt dir der Name Lee Harvey Oswald etwas?" fragte Michelle, während sie auf und ab ging und den Ball Sisko immer wieder zuwarf und fing.
"Natürlich. Erde, 22. November 1963. Das Kennedy-Attentat. Oswald war der Sündenbock. 2025 wurden die Akten der Warren-Kommission öffentlich zugänglich gemacht, und es kam heraus, dass Kennedy von der CIA und den Kriegsgewinnlern umgebracht worden war, weil er den Vietnamkrieg hatte beenden wollen. Sogar sein Nachfolger Präsident Carter war darin verwickelt gewesen. Aber wer sollte sich von Kai Vinns Tod einen Vorteil versprechen?" 
"Die Cardassianer, das Dominion und der Maquis fallen mir auf Anhieb ein. Vielleicht alle drei zusammen oder die Shadow-Gruppe." 
"Woher zum Teufel weißt du von der Shadow-Gruppe? Das ist streng geheim!" Michelle erinnerte Benjamin, dass sie sehr gute Kontakte zum Hauptquartier der Sternenflotte unterhielt.
Und der Grund? Chaos. Bajor hatte sich noch längst nicht von den 50 Jahren Besatzungszeit durch die Cardassianer erholt. Der Tod ihrer geistigen Führerin hatte das Volk betäubt. Wenn man es geschickt anging, und die Sternenflotte vertreiben konnte, war es kein Problem, Bajor wieder zu annektieren. Egal von welcher Partei. Bajor war schon durch das Wurmloch und DS9 ein taktisch wichtiger Punkt.
"Könnte nicht ein Wechselbalg Jacksons Gestalt angenommen haben?" Sisko schüttelte den Kopf.
"Die hinterlassen keine Fingerabdrücke, Michelle." Sie warf Sisko wieder den Ball zu.
"Ich will es noch einmal sehen." 
"Sicher?" 
"Deswegen bin ich hier!"


Seit fünf Stunden sahen sie sich jetzt die Aufzeichnung an. Michelle machte zu jeder noch so unbedeutend wirkenden Kleinigkeit Notizen.

Riker meldete sich von der Enterprise. "Captain, Ihre Anwesenheit hier ist dringend erforderlich." 
"Worum geht es, Nummer 1?" 
"Es ist privat, Ma'am." 
"Verdammt, Will! Das hier ist wichtig!" 
"Das hier auch!! Riker Ende!!" knurrte er. Michelle stieß wütend die Luft aus. Plötzlich erschrak sie fürchterlich.
"Oh Gott! Wie konnte ich es nur vergessen?!" Sisko sah sie fragend an.
"Was will dein Mann von dir?" Er vermutete irgendeine Familienfeier. "Was bin ich für eine schlechte Mutter!" Ihr Gegenüber sah sie immer noch fragend an. "Unsere Tochter Andy. Sie kam mit einem Herzfehler auf die Welt. Nicht lebensbedrohlich. Aber sie muss ein künstliches Herz bekommen, so wie mein Vater. (Er hatte es aber nach einem Kampf mit einem Nausikaner erhalten.) Beverly wollte mindestens sieben Jahre warten mit der Operation. Sie hat ohnehin schon Angst, weil Dr. Melan die Operation durchführt... Ich fürchte das hier muss warten." Sisko nickte.
"Soll ich dich begleiten?" Sie berührte ihren Kommunikator. "Enterprise, Riker hier. Zwei Personen zum Beamen."


Die Rikers gingen im Warteraum unruhig auf und ab. Michelle versuchte sich zu beruhigen, indem sie sich sagte, dass ihr Vater auch mit einem künstlichen Herz lebte, sogar sehr gut. Aber Andy würde bis zum Erwachsenenalter noch mehrere dieser Operationen über sich ergehen lassen müssen.
Die ersten Jahre ihres Lebens hatte sie wie in Watte gepackt gelebt. Die körperlichen Anstrengungen waren auf ein Minimum reduziert gewesen. Sport, Rennen und Toben waren für Andy ein absolutes Tabu gewesen. Sie hatte nach einer strengen Diät gelebt um das Herz nicht mit überschüssigem Gewicht zu belasten. Das alles würde am heutigen Tag enden. Wenn alles gut ging, konnte Andy ein normales Leben führen.

Will setzte sich und faltete die Hände. Dr. Melan und Dr. Selar waren ausgezeichnete Ärzte, aber die Angst um seine Tochter war groß.
Michelle war vor ihm in die Hocke gegangen und hatte ihren Kopf auf seinen Schoß gelegt.
"Ich bewundere euch beide", beendete Sisko das lange Schweigen. Die beiden sahen zu ihm auf und lächelten ihn dankbar an. "Ehrlich. Ihr seid für jedes Mitglied der Sternenflotte ein erstrebenswertes Beispiel. Seht euch an. Ein Captain und ein Commander miteinander verheiratet und habt vier Kinder. Ihr erfüllt eure Missionen immer vorbildlich. Ihr beide steht für die Grundprinzipien unseres Systems. Ihr vereint Karriere und Familie absolut harmonisch." Michelle platzte ein Lachen heraus, auch Will musste plötzlich lachen. Die beiden klärten ihn über ihr harmonisches Leben auf. Natürlich war es die meiste Zeit wirklich harmonisch und friedlich, aber von Zeit zu Zeit flogen die Fetzen im Captain's Quartier.

Dr. Melan trat aus dem OP. Flehende und fragende Gesichter sahen ihr entgegen.
"Andy hat die Operation sehr gut überstanden. Ihr Körper nimmt das künstliche Herz an... Sie können zu ihr." Michelle und Will fielen sich erleichtert in die Arme. Sisko gratulierte und verabschiedete sich. Jake wartete mit dem Abendessen auf ihn.

Leise betraten sie die Krankenstation. Andy lag friedlich wie ein Engel auf einem der Betten. Langsam öffnete sie die Augen und sah sich um. "Mami, Daddy." Sie traten lächelnd näher heran. Will setzte sich auf das Bett, streichelte seinem Sternenkind durch ihr immer dunkler werdendes blondes Haar (bald würde es die schöne Haarfarbe ihres Vaters haben).
"Wie geht es dir, Prinzessin?" 
"Müde, Daddy... Mum, ist jetzt alles in Ordnung? Darf ich jetzt fangen spielen und Schokolade essen wie die anderen Kinder?" Aber noch kein Parises-Squares, dachte Will, dafür ist sie noch zu klein.
"Natürlich, Schatz. Ich frage Dr. Melan, ob du ein Schokoladeneis bekommen kannst." Andy strahlte über ihr ganzes Gesicht. Nichts war schöner als das Lächeln ihrer Kinder.
Nachdem Dr. Melan ihr Einverständnis gegeben hatte, winkte Michelle ihren Mann zu sich. Obwohl es bereits Abend war, musste sie mit der Untersuchung von Kai Vinns Ermordung fortfahren. Sie wollte nach Bajor und mit Zeugen sprechen. Riker gefiel es überhaupt nicht. Er wollte seine Frau nicht unten auf dem Planeten in möglicher Gefahr wissen. Hinzu kam, dass er sich nicht zwischen Andy und den Zwillingen aufteilen konnte. Jemand sollte die ganze Nacht bei Andy bleiben, aber es musste auch jemand im Quartier für die Zwillinge da sein.
Michelle schlug einen Kompromiss vor. Sie würde nur zwei Stunden auf Bajor bleiben und Data zu ihrem Schutz mitnehmen. "Data hat auch Familie!" brummte Riker. Er wollte nicht verstehen, wieso die Untersuchung nicht bis morgen warten konnte. Wer war dieser Jackson, dass sie so ein Aufhebens um ihn machte? War er vielleicht eifersüchtig? Auf eine Ehe, die mehr als zwanzig Jahre zurücklag und auch nur drei Monate gedauert hatte?

"Gib mir bitte dein Einverständnis, Will. Du weißt, ich würde auch ohne gehen..." 
"Ja, denn du bist der Captain", unterbrach er sie jäh.
"Lass mich doch ausreden. Aber mit deinem Segen wäre ich beruhigter." 
"Dann geh'!" wetterte er.
"Prima, werde ich!!" setzte Michelle sich wütend zur Wehr und verließ hastig die Krankenstation.
Riker hatte die fortwährenden Zerwürfnisse wegen seiner Vorgänger satt. Er würde sich jetzt selbst ein Bild von diesem ominösen Jackson machen.

"Sie sind also der Ex-Mann meiner Frau", betonte Riker im Arrestblock der Raumstation.
"Und Sie sind der Mann meiner Ex-Frau!" Jackson grinste. "Sie sind zu beneiden, Commander." 
"Sie in Ihrer momentanen Situation nicht... Michelle ist jetzt auf Bajor und sucht nach Augenzeugen." Auf Jacksons Gesicht zeichnete sich Überraschung und auch Sorge ab.
"Ich mache mir auch Sorgen um Michelle... Sind sie schuldig? Sie glaubt nicht daran. Deshalb ist sie jetzt unten auf Bajor und begibt sich möglicherweise für Sie in Gefahr. Und auf dem Schiff erholt sich unsere Tochter Andy von einer Herztransplantation." Jackson entgegnete nichts. Er wünschte sich, Michelle und auch Commander Riker eine klare Antwort geben zu können. Er konnte sich aber einfach nicht erinnern.
Er wusste nur noch, dass er vor zehn Tagen mit einem vulkanischen Frachter nach DS9 gekommen war. In der Bar, Quark's war der Name gewesen, war er von einem Bajoraner zu einem Drink eingeladen worden. Und seitdem abgrundtiefe Schwärze.
Michelle wusste noch nichts von diesem Bajoraner. Er war vielleicht wichtig. Jackson nahm sich vor sie morgen davon zu unterrichten.

"Holen Sie Ihre Frau auf das Schiff zurück." Riker lachte.
"Wissen Sie, was sie dann mit mir macht? Sie sperrt mich in die Arrestzelle." Dort würde er am Ende der Untersuchung auf alle Fälle wieder landen. Tätlicher Angriff auf einen Lieutenant der Sternenflotte war keine Bagatelle. "Das kann ich nicht tun, Jackson. Michelle ist in erster Linie mein Captain. Nur ganz am Rande ist sie meine Frau. Das Wort des Captains ist für mich Gesetz. Ich kann Einspruch erheben, muss ihre Entscheidung aber strenggenommen akzeptieren."


Am nächsten Morgen herrschte eine drückende Stimmung am Frühstückstisch. Nicht nur Andys quietschvergnügtes Wesen fehlte. Desgleichen hatte ihr Streit nach Michelles Rückkehr von Bajor angedauert. Sie hatte die Nacht im Anschluss daran auf dem Sofa geschlafen. Noch nie hatte sie nach einem egal wie heftigen Streit, das gemeinsame Bett gemieden.

Ohne ein Wort zu sagen, räumte Michelle das Geschirr vom Tisch. Endlich hielt Riker die Situation nicht mehr aus und ergriff das Wort. "Michelle?" sprach er sie etwas kleinlaut an.
"WAS?" 
"Wollen wir den Streit nicht beenden?" Böse Blicke zuckten Riker entgegen.
"Hör zu, du musst endlich aufhören, mich wie ein Kleinkind zu behandeln. Ich diene nun eben einmal als Captain in unserer Sternenflotte. Das bringt vereinzelt Gefahren mit sich. Was ich dann absolut und überhaupt nicht gebrauchen kann, ist ein Streit mit dir! Schon gar nicht bei einem Sachverhalt wie diesem... Mein früherer Ehemann wird des Mordes an der geistigen Führerin Bajors beschuldigt und vielleicht für schuldig befunden, wenn ich nichts dagegen unternehme. Ihn erwartet die Todesstrafe. Und das hat er wirklich nicht verdient... Du hast doch einfach keine Vorstellung, wie ich mich fühle." Will nahm sie tröstend in den Arm, sie ließ es geschehen. Es tat gut.
"Du hast ihn wirklich geliebt, oder?", erkannte Will. Sie blickte auf. Riker strich zärtlich die kullernden Tränen weg.
"Er hat mich verzaubert. All der Schmerz durch die Scheidung von Julian und den Verlust unseres Babys waren wie weggeblasen." Riker küsste sie auf die Stirn. Er war wirklich ein Held! Spielte sich als eifersüchtiger Gockel auf. Er wusste doch, dass Michelle nur ihn liebte. Sein spät pubertäres Verhalten konnte er getrost an den Nagel hängen.
Keiner von beiden brauchte noch etwas zu sagen. Ihr Streit war beigelegt.
Michelle öffnete die Augen wieder. Sie bereute fürchterlich, die Nacht auf der Couch geschlafen zu haben. Selbst die Tatsache, dass Riker bis heute morgen auf der Krankenstation geblieben war, hatte sie nicht dazu bewegen können ins Schlafzimmer zu gehen. Will hatte sie heute früh schlafend auf der Couch vorgefunden. Da sie gestern streitend auseinander gegangen waren, hatte er vermutet, dass sie aus diesem Grund im Wohnzimmer geblieben war. Nachdem Michelle ihn dann bis zum Ende des Frühstücks weder eines Blickes noch eines Wortes gewürdigt hatte, (weder böse noch freundlich) war seine Vermutung bestätigt worden.

"Captain Riker, Sie werden auf DS9 gebraucht", ertönte Datas Ruf über die interne Schiffskommunikation und unterbrach die Stille in ihrem Quartier.
Michelle sah ihren erwartungsvoll an. Er küsste sie auf die Stirn. "Na, geh' schon, Micky. Beweise Jacksons Unschuld." Sie küsste ihn enthusiastisch und drückte Johnny und Jean-Luc noch einen Abschiedskuss auf den Mund und verließ eilig das Quartier.
"Du bist mein Lieblingscommander in der ganzen Sternenflotte!"

Mittlerweile hatte Jackson sie über den geheimnisvollen Bajoraner in Kenntnis gesetzt. Michelle zögerte keine Sekunde und gab die Information an Sisko weiter. Sisko wiederum wusste diese Neuigkeit gut zu verwerten, denn seit einem Jahr wurde Quark's auf Odos Wunsch hin durch Videoaufzeichnung überwacht. Schnell war die gesuchte Aufzeichnung gefunden. Jackson hatte die Wahrheit gesagt. Ein Bajoraner mittleren Alters hatte ihn zu einem Drink eingeladen. Anschließen waren die zwei in Begleitung eines dritten Bajoraners aufgebrochen.
Major Kira erkannte die beiden Bajoraner als ehemalige Widerstandskämpfer aus der Besatzungszeit. Sie wollte ihre alten Kontakte nutzen und sich nach ihnen umhören.

Die Tage verstrichen zunächst erfolglos. Bis man plötzlich auf die gesuchten Männer stieß. Mit dem Gesicht nach unten in einem Brunnen des Regierungsviertels liegend. Sie waren erdrosselt worden. Der oder die Täter hatten keine Fingerabdrücke zurückgelassen. Selbstverständlich konnte auch das Wasser des Brunnens dafür verantwortlich gewesen sein. Oder aber es hatte nie welche gegeben, da die Täter keine hinterlassen konnten wie beispielsweise die Gründer. Nur musste Michelle endlich die Beweise für ihre Behauptungen finden, denn die Bajoraner forderten Jacksons Leben für den Tod der Kai.
Michelle kannte nur noch eine Möglichkeit. Doch dazu brauchte sie die Hilfe ihrer Freundin M.J. (mittlerweile Lieutenant). Sie bat um eine Gedankenverschmelzung mit Jackson. Da Michelle sich der Risiken bewusst war, ebenso der Tatsache, dass M.J. diese Verschmelzung noch nie ohne Mentor durchgeführt hatte, würde sie nie den Befehl dazu erteilen, es würde bei einer Bitte bleiben.

Begeistert lauschte das Publikum dem Konzert, das Data und das Schiffsorchester gerade gaben. Auch Michelle und ihr Mann wohnten dem Konzert bei. Nicht nur, weil sie klassische Musik mochten. Michelle wollte M.J. heute um den Gefallen bitten, der definitiv Jacksons Schuld oder Unschuld beweisen würde.
M.J. saß direkt neben ihr, völlig begeistert vom Spiel ihres Mannes. Ungern störte Michelle ihre Freundin, aber die Zeit drängte. "M.J., ich muss dich etwas fragen", flüsterte sie.
"Ja? Dann tu das, Captain." Sie duzte Michelle zwar schon lange, aber neckte sie gerne mit der Anrede "Captain" anstelle ihres Vornamens.
"Wenn sich jemand an bestimmte Tage seines Lebens nicht mehr erinnern kann, praktisch ein schwarzes Loch an der Stelle hat, kann eine zweite Person, sagen wir eine Vulkanierin sie durch eine Gedächtnisverschmelzung zurückholen?" M.J. grinste.
"Welch glücklicher Zufall, dass eine gute Freundin von dir eine sehr begabte Vulkanier-Betazoidin ist, nicht wahr?!" meinte M.J. "Es ist nicht ungefährlich", erklärte sie nun. "Weder für Jackson noch für mich." Sie war wieder völlig ernst. Dieser ständige Wechsel zwischen Emotionen und Logik würde Michelle und auch allen anderen, die M.J. kannten, auf immer ein Rätsel bleiben. Natürlich konnte auch Data seine Emotionen an- und ausschalten, wie andere Leute das Licht, aber bei ihm war die Sachlage anders, er war ein Android.

Das Konzert war zu Ende. Dem Orchester wurde seine Darbietung mit Standing Ovations honoriert.
M.J. ging in Begleitung der Rikers zu ihrem Mann. "Fantastisch, Liebling! Es war wunderschön!" Data verstaute lächelnd seine Geige.
"Deine Kritik ist mir stets die liebste, M.J.... Aber ich sah, dass du während des letzten Satzes ablenkt warst." Sie lächelte verlegen. Datas Adleraugen entging nichts. Doch sollte seine Bemerkung keineswegs ein Vorwurf sein, sondern einzig eine Feststellung.
"Das war meine Schuld, Data." 
"Michelle bat mich, bei Jackson eine Gedächtnisverschmelzung vorzunehmen." Sorgenfalten bildeten sich auf der Stirn des Androiden. Dadurch wirkte Data fast menschlich.
"Es ist gefährlich", erklärte er, worauf seine Frau zur Bestätigung nickte.
"Ich schlage vor, M.J. bespricht die Angelegenheit in aller Ruhe mit Ihnen." 
"Werden Sie es meiner Frau befehlen, falls unsere Entscheidung negativ ausfällt, Captain?" 
"Das würde ich ihr nie befehlen, selbst wenn es Jacksons Leben retten könnte."


Nachdem M.J. eine schlaflose Nacht mit vulkanischer Meditation verbracht hatte, willigte sie ein. Ein Untersuchungsteam bestehend aus Michelle, Data, Odo, Kira und Sisko begab sich in Jacksons Arrestzelle.

M.J. murmelte die rituellen Worte "Mein Geist zu deinem, dein Geist zu meinem... " Dann wurde es dunkel um sie und sie sah mit Jacksons Augen.
"Hallo, mein Name ist Nova Ken. Darf ich Sie zu einem Drink einladen?" Jackson nahm an. Er hatte wirklich Durst. Die Luft an Bord des Frachters, mit dem er nach Deep Space Nine gekommen war, war ziemlich trocken gewesen.
Sie sprachen über Gott und die Welt. Bald erfuhr der Bajoraner, dass Jackson ein Planetenbummler war. So bezeichnete man Personen, die nirgendwo im Universum wirklich ihre Wurzeln oder ein Zuhause hatten. Ihre Habe passte in einen Koffer und auf keinem Planeten blieben sie lange.
Nun, Nova bot Jackson eine Bleibe während seines Aufenthaltes auf Bajor an. Jackson nahm dankbar an.
Sie verließen die Bar bald darauf. Am Ausgang schloss sich ihnen noch ein Freund Novas an.

Mit einem Shuttle flogen sie in die bajoranische Wüste, wo ein einsames Häuschen stand. Drinnen wurden sie bereits erwartet. Drei Cardassianer und drei Formwandler saßen an einem Tisch. Eine neue, teuflische Allianz war im Geheimen entstanden. Viel gefährlicher als die Shadow-Gruppe. Dieses Mal waren es das Dominion und die Cardassianer gegen die Vereinte Föderation der Planeten.

"Nun?" fragte einer der Cardassianer.
"Er ist der Richtige. Marke Planentenbummler", berichtete Nova.
"Perfekt. Bringt ihn nach nebenan und bereitet ihn vor."
Plötzlich ergriff Jackson die Panik. Er verstand, dass diese Leute irgend etwas mit ihm vorhatten, etwas Böses, Illegales. Doch es war bereits zu spät. Seine neuen Freunde packten Jackson und schleiften ihn nach nebenan, wo er auf einer Art Operationstisch festgebunden wurde.
Kurz vor der Tür gaben sie ihr bajoranisches Aussehen auf und gaben sich als Formwandler zu erkennen. Der echte Nova und sein Freund waren von ihnen getötet worden, um problemlos ihre Gestalt annehmen und die Schuld auf die Shadow-Gruppe (bei denen sie aktive Mitglieder gewesen waren) schieben zu können.
Triumphierendes Lachen ertönte. "Heute beginnt der Untergang der Föderation!!"

Jackson wurde wenig später einer qualvollen Gehirnwäsche unterzogen, die aus ihm den perfekten Attentäter gemacht hatte.

M.J. löste die Verbindung zu Jackson. Erschöpft sank sie auf die Bank nieder.
"Das hast du sehr gut gemacht… Nachdem du dich erholt hast, fliegen wir in die Wüste und heben das Nest dieser teuflischen Allianz aus."


Mit einem Dutzend Sicherheitsoffizieren und schwer bewaffnet stürmten Michelle und Benjamin noch am selben Tag das Haus in der Wüste. Doch sie kamen zu spät. Es war verlassen und leergeräumt. Lediglich im hinteren Raum lagen drei cardassianische Leichen.

Als das Dominion durch seine getarnt agierenden Wechselbälger erfahren hatte, dass die Leiterin der Untersuchung ihnen auf die Schliche kommen würde, hatten sie ihre Zelte vorläufig abgebrochen. Zwar war das von ihnen erhoffte Chaos ausgeblieben, aber der Tod Kai Vinns hatte Bajor weit zurückgeworfen.

Jackson wurde unverzüglich in die Freiheit entlassen.

Jetzt war er Michelles und Wills Einladung zum Abendessen gefolgt.
Die Kinder waren zu Bett gebracht, die Erwachsenen hatten es sich auf der Couch bequem gemacht.
"Jackson, wie sehen deine Pläne aus?" Michelle fürchtete zurecht, er würde wieder ganz schnell aus ihrem Leben verschwinden, wie vor zwanzig Jahren.
"Ich gehe in den Gamma-Quadranten." 
"Bist du übergeschnappt? Er ist weitestgehend unerforscht. Von dort kommt das Dominion und die Jem'Hadar. Muss ich fortfahren?" Jackson lachte.
"Aber Michelle, so bin ich eben. Ewig auf der Suche." Sie seufzte, gab sich geschlagen. Planetenbummler konnte man nicht aufhalten, nur mit seinem Segen ziehen lassen.
Jackson reiste in seine ungewisse Zukunft ab, und Will Riker wurde wieder vom Dienst suspendiert. Das Urteil des Disziplinarverfahrens lautete sechsmonatige Suspendierung vom Dienst. Michelle fiel dieser Schritt sehr schwer. Während dieser Zeit übernahm Data Rikers Pflichten. Will machte einige Zeit Urlaub auf der Erde in Begleitung von Andy.

4. Kapitel
Gefährliche Gier

Anfänglich genoss Riker die Suspendierung. Er war mit Andy auf die Erde gereist. Sie pendelten die Woche über zwischen San Francisco, LaBarre und all den wunderschönen Orten auf der Erde, die er seiner wissbegierigen Tochter zeigen wollte. Aber ein halbes Jahr ohne seine Frau, seine Söhne, sein Schiff, seine Freunde und den Dienst konnte sehr lange und schmerzhaft sein. Doch Will akzeptierte seine Strafe, er war noch glimpflich davongekommen. Ohne das Wirken Jean-Lucs und Admiral Lanfords wäre er vielleicht sogar degradiert und von der Enterprise strafversetzt worden um ihn zu maßregeln.

Jean-Luc erfreute ganz offensichtlich die Zeit mit seiner Enkelin und seinem Schwiegersohn. Auch erfüllte ihre Anwesenheit das wiederaufgebaute Haupthaus des Weingutes mit dem Leben, das Jean-Luc nach dem Tod seines Bruders und seiner Schwägerin schmerzlich vermisste. Natürlich war da noch François, aber ein drei Jahre alter Junge konnte nicht die Gespräche mit dem älteren Bruder ersetzen. Außerdem benötigte sein Sohn Spielkameraden und die Liebe einer Mutter. Beverly war noch irgendwo in der Galaxis unterwegs, um ihre Angelegenheiten zu regeln.


Will erwachte wie an jedem Morgen schon lange vor Sonnenaufgang. Er zog sich an und sah kurz nach Andy. Sie schlief tief und fest mit ihrem Teddybären im Arm, den Michelle ihr zum Abschied geschenkt hatte.
"Michelle", seufzte er. Wie lange hatte er sie und seine Söhne jetzt nicht mehr gesehen? Natürlich sprachen sie täglich miteinander, aber das ersetzte nicht einen Kuss, eine Berührung, den Duft ihrer Haare und ihrer Haut... Wieso hatte er sich dazu hinreißen lassen Kon anzugreifen? Hatte er damit Michelle helfen wollen oder in Wahrheit sich selbst, weil er wieder einmal den Beschützer hatte spielen müssen?! Er wusste, dass seine Strafe gerechtfertigt war, aber so lange ohne seine Frau zu sein... Natürlich hätte er auf die Enterprise zurückkehren können, mit gesenktem Haupt. Doch was hätte er dort tun sollen? Die Stunden auf dem Holodeck vergeuden, in Erwartung auf Michelles Feierabend Windeln wechselnd und Hausaufgaben mit Andy machend? Dort wäre er verrückt geworden. Hier auf der Erde boten sich ihm viele Möglichkeiten. Die meiste Zeit über verwaltete er das Weingut, überwachte die Ernte und baute weiter am Haus. Er entwickelte Pläne für ein zusätzliches Wohnhaus, für Michelle, ihn und die Kinder. Er begann mit dem Bau, und bei jedem Tropfen Schweiß, den er vergoss, fühlte er sich gut, weil er wusste, dass er etwas Bleibendes erschuf und so seine Strafe sinnvoll verbüßte.

Riker aktivierte das Licht und schlurfte in die Küche. Die Nacht hatten sie wieder in San Francisco verbracht, in Michelles Strandhaus. Er replizierte sich einen Kaffee. Seit Yamaras Kindermädchen verheiratet und nach Rigel VII gezogen war, wurde hier nicht mehr gekocht. Außer Michelle war anwesend, dann bereitete Riker wahre Festbankette. Aber für sich alleine... Nun, natürlich war da noch Andy, doch nach der gelungenen Operation war es ihr wichtiger, im Meer zu schwimmen und herumzutoben, die Akademie zu sehen und mit den Shuttles zu fliegen, als von ihrem Vater ein selbstgekochtes Essen zu bekommen.
Andy war ein sehr pflegeleichtes Kind, musste er sich grinsend eingestehen. Doch ihr eiserner Willen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, machte sie manchmal ein wenig anstrengend. Das hatte sie definitiv von ihrer Mutter; aber ihre wunderschönen blauen Augen, die frech blitzten, hatte sie eindeutig von ihm.

Verträumt trat er hinaus an den Strand, wo sich gerade die Sonne aus dem Meer erhob. Dieser Anblick war unendlich eindrucksvoller als die Simulationen auf dem Holodeck.
Völlig in Gedanken bemerkte er die Frau nicht, die sich ihm näherte, bis sie neben ihm stand.
"Will?" Er schreckte auf.
"Was? Vash?!" Er funkelte sie böse und überrascht zu gleich an. "Was zum Henker tust du hier? Hast du denn keinen Anstand?!" Vash hob beschwichtigend die Hände.
"Wie geht es meinem Sohn und Jean-Luc?" Will verwunderte diese Frage, hatte sie die beiden doch mitten in der Nacht verlassen.
"Es geht ihnen gut. Aber ich glaube, das geht dich nichts mehr an. Jean-Luc wird wieder heiraten, und Beverly wird François adoptieren. Du siehst, alle sind glücklich!" Er lächelte krampfhaft.
"Du auch? Ich habe von deinem Missgeschick gehört..." Will schluckte.
"Ich wurde für mein Fehlverhalten diszipliniert. Und das zu Recht." 
"Oh, Will. Mir kannst du mit deiner Selbsttäuschung nichts vormachen. Ich durchschaue dich, du bist unglücklich... Deswegen bin ich hier. Ich habe dir ein Abenteuer anzubieten. Wie in den guten alten Zeiten, nur ohne deinen Schwiegervater..." Riker empfand keinerlei Mitleid für sie.
"Du hast es dir selbst zu zuschreiben. Und nun verschwinde. Ich will den Sonnenaufgang genießen, bevor ich mit meiner Tochter zur Akademie fahre." Er drehte sich auf dem Absatz um. Sie packte ihn mit unerwarteter Kraft am Arm.
"Wenn man alleine reist, ist ein gewisses Maß an Kraft nur von Vorteil", erklärte sie ihre neu gewonnene Stärke.
"Was willst du, und mach's kurz! Wir müssen los!" Sie betraten Michelles Haus. Oben hörte Will seine Tochter erwachen.
"Ich bin auf der Suche nach einer alten Grabstätte der Iconianer." Will verdrehte die Augen.
"Sie sind ein Mythos. Außerdem lag ihr vermutliches Territorium in der Neutralen Zone..." 
"Die es dank meiner Stieftochter, Verzeihung Ex-Stieftochter, nicht mehr gibt. Und der iconianische Sektor liegt auf dem neugewonnenen Föderationsterritorium. Ich habe eine Expedition dorthin angemeldet, völlig legal...." 
"Und wozu brauchst du mich, hol dir doch Q!" Er lachte.
"Laut einer alten Legende liegt auf dem Schatz ein Fluch und keiner will in seine Nähe kommen..." 
"Ein Schatz! Wusste ich's doch. Eben sprachst du noch von einer Grabstätte!" 
"Ja, und dort gibt es einen Schatz.... Jean-Luc hat es immer gewusst, ich bin zu gierig und materialistisch veranlagt für diese Zeit..." Sie drehte sich um und wandte sich zum Gehen.
"Ich begleite dich unter zwei Bedingungen. Wir werden die Ausgrabung unter Sternenflottenaufsicht stellen, der Enterprise. Und Nummer zwei, du wirst noch einmal Jean-Luc und deinem Kind unter die Augen treten, dich entschuldigen und dann für immer aus ihrem Leben verschwinden... Nimm meine Bedingungen an oder verschwinde."


Jean-Luc glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als sie ihm gegenüberstand. Schön wie an dem Tag, an dem sie sich auf Risa kennen gelernt hatten. Und genauso verschlagen.
Instinktiv ging Vash auf François zu und nahm ihn auf den Schoß. "Hallo, Jean-Luc", hauchte sie verführerisch.
"Setz' meinen Sohn wieder auf seine Spieldecke und pack' deine Erotik ein, sie ist wirkungslos..." Dann wandte er sich an Will. "Wieso hast du sie hierher gebracht?" 
"Bitte, Jean-Luc. Sie stand auf einmal an unserem Strand. Ich unternehme ein kleines Abenteuer mit ihr, aber nur unter der Bedingung, dass die Enterprise die Ausgrabung leitet und dass sie dir und François noch einmal unter die Augen tritt..." Picard begriff.
"Damit ich die Genugtuung habe sie hinauszuwerfen. Aber diese Form von Genugtuung benötige ich nicht... Vash, du hast in unserem Leben nichts mehr verloren. Wir sind von dir geschieden, mein Sohn wird eine neue Mutter bekommen, die ihn nicht eines nachts im Stich lässt. Und ich werde die Frau heiraten, die ich als einzige immer wirklich geliebt habe!"
Vash ließ sich nichts von ihrer Panik anmerken, sie stand auf, gab François einen Kuss auf die Stirn, hauchte ein "Lebwohl, Jean-Luc" und verließ den Raum. Schnell ging sie den Gang entlang, wurde immer schneller bis sie rannte. Draußen angekommen, sank sie auf eine Bank und weinte. Will hatte bekommen, was er wollte - Rache für seine Familie, besonders für Jean-Luc, auch wenn dieser eine solche Gemütsregung abstritt.

"Wir werden uns wiedersehen, mein lieber Jean-Luc. Denn ich habe etwas, das du sicher willst..." Hinterlist funkelte in ihren Augen.
In Gedanken rechnete sie schnell etwas durch und grinste. Ihre Pläne würden aufgehen. Wenn sie sich noch eine gewisse Zeit verstellen und die Ausgrabung und den Verkauf mühelos über die Bühne bringen konnte. Und dann würde sie Jean-Luc eins auswischen. Für seine endlosen Nächte in der Akademie, in denen er Zeugnisse schrieb, Reden vorbereitete, Vorlesungen am Tage hielt, Teegesellschaften für die Professoren gab und sie sich zu Hause mit dem Kind zu Tode langweilte. Was war aus dem Abenteurer von Risa geworden? War er etwa alt geworden? Nein, er war doch auch nicht zu alt, seine Enkeltochter auf der Enterprise zu besuchen und mit ihr herumzutoben, zu reiten und Yamara in der Schwangerschaft und beim Studium zu helfen.
Wie schön war es gewesen, als er noch Sonderbeauftragter für die Warpkanäle gewesen war. Doch jetzt verstaubte Admiral Picard hinter seinem Schreibtisch und ihr Sohn mit ihm auf seiner süßen blauen Spieldecke. Aber sie konnte François (den Namen hatte sie nie gemocht) nicht mitnehmen. Er war das gutbehütete Leben auf der Erde gewohnt. Aber.... Sie hatte ja noch ein As im Ärmel! Und dann würde Jean-Luc erkennen, dass er besser nicht der Leiter der Sternenflottenakademie geworden wäre und sich mehr um seine Familie gekümmert hätte.

Vash war verbittert. Sie hätte nie gedacht, dass ihre Liebe zu Jean-Luc sich je in Hass verwandeln könnte. Doch durch seine Karriereträume hatte er alles verdorben, und nun würde er bald dafür büßen.
Will trat aus dem imposanten Verwaltungsgebäude der Sternenflottenakademie hinaus auf den von Gärtner Boothby (wie alt er mittlerweile war, wusste niemand) gepflegten Platz und entdeckte Vash. "Meinen Teil der Vereinbarung habe ich erfüllt. Nun bist du dran, Will."
Er verabscheute ihre Gelassenheit. Doch hinter der eisernen Maske vergoss Vash bittere Tränen über den größten Fehler ihres Lebens, ihre Familie wegen Profit, Gefahr und Abenteuer verlassen zu haben. Aber sie versprühte auch wie eine Schlange Gift, und dieses Gift war bestimmt für einen Mann: Jean-Luc Picard.
Sie wusste, Rache machte einsam. Und eines Tages würde sie einsam in einer Höhle oder einem Tempel sterben, in der Gewissheit, dass niemand um sie trauern würde. Denn ihr Sohn bekam ja eine neue tolle Mutter, eine Ärztin mit tadelloser Sternenflottenkarriere; Jean-Lucs einziger wahren Liebe, wie er ihr ins Gesicht geschleudert hatte.

"Vash? Bist du noch in diesem Quadranten?" Sie schüttelte ihren Kopf, um die wirren und größtenteils bösen Gedanken zu vertreiben. In Wills Gegenwart durfte sie sich nichts anmerken lassen. Sollte er herausfinden, dass sie ihn ja eigentlich nur für ihre Pläne missbrauchte...
"Ja, ja. Kontaktiere die Enterprise, damit wir ein Rendezvous mit ihnen ausmachen können. Ich rieche förmlich goldgepresstes Latinum." Will schüttelte angewidert den Kopf. Warum half er ihr eigentlich? Damit er in den nächsten Monaten nicht versauerte? Wahrscheinlich.
Riker zeigte in die Richtung des Shuttletransfers. Vash setzte sich zielstrebig in Bewegung und unterdrückte die Übelkeit, die sich immer um diese Tageszeit bei ihr einstellte.

Im Strandhaus stellte Will eine Verbindung mit der Enterprise her. Leider stellte sich heraus, dass Michelle keine Zeit für eine unbedeutende Ausgrabung hatte, auch wenn es bedeutete, Will und Andy wiederzusehen. Das Schiff befand sich wieder einmal auf einer äußerst delikaten Friedensmission und konnte keinesfalls ihre Aufgabe verschieben oder gar unterbrechen. Dennoch vereinbarte man ein Treffen, denn Michelle, die überhaupt nicht verstehen konnte, wieso ihr Mann Vash half, wollte ihre Tochter keinesfalls in irgendeiner verfluchten Grabkammer nach einem Schatz suchen lassen.


Am folgenden Tag übergab Will die Leitung des Weingutes wieder an einen provisorischen Verwalter, bis ein endgültiger durch Jean-Luc und Beverly eingestellt werden würde.
Riker und seine Tochter verabschiedeten sich von Picard und entschuldigten sich für den frühzeitigen Aufbruch. Picard nahm seinem Schwiegersohn das Versprechen ab, sich nicht für Vash in Gefahr zu begeben und schon gar nicht aufs Glatteis führen zu lassen.

Einige Tage später hatte ein vulkanischer Transporter mit Will, Andy und Vash an Bord den Rendezvous-Punkt mit der Enterprise erreicht.

Michelle betrat mit Yamara, Wes, René und den Zwillingen den Transporterraum und gab sofort den Beam-Befehl.
Vash, Riker und Andy materialisierten sich auf der Transporterfläche. Andy stürmte auf ihre Familie zu, während Riker Gelassenheit vortäuschend lässig heruntertrat.
"Tu nicht so lässig, Will." Er grinste und stürmte auf seine Frau zu. Sie vergaßen die anderen völlig und versanken in einem tiefen und langen Kuss, der die Zeit der Trennung deutlich widerspiegelte.
Yamara unterbrach sie. "Entschuldigung, hier sind noch mehr Familienmitglieder, die ihren Vater schon lange nicht mehr gesehen haben", erklärte sie, während sie mit ihrem dicken Bauch ihre kleinen Brüder in ihren Armen stützte.

Will nahm Johnny und Jean-Luc auf die Arme, gab ihnen einen Kuss und lachte herzlich. So viel Leben und Freude hatte der Transporterraum schon lange nicht mehr gesehen.
Schließlich gab er die Zwillinge in die Arme ihrer Mutter und widmete sich seiner ältesten Tochter, die ihn bald zum ersten Mal zum Großvater machen würde.
"Nun, Yamara. Kannst du dich noch zurückhalten, bis ich von der Ausgrabung zurückkomme?" Sie lächelte ihn etwas erschöpft an. "Du hast noch drei Monate Zeit... Oh, das erscheint mir noch ewig. Das Baby wird von Tag zu Tag schwerer. Und Wes besteht darauf, dass ich meine Dienstzeiten verkürze. Aber was ich jetzt lerne, kann mir in meinem letzten Akademiejahr nur helfen. Ich will immer noch um ein Jahr verkürzen."
"Yamara, hör auf Wes. Und wie mir deine Mutter berichtet hat, ist bald das Arbeiten ganz vorbei." 
"Aber... Mum bekommt ihre Kinder sogar auf Friedenskonferenzen." 
"Sie ist auch der Captain des Flaggschiffs. Sie hatte wirklich keine andere Wahl. Und du bist Kadett. Wer ist nun entbehrlicher auf seinem Posten?" Sie nickte und versprach Riker, sich ab sofort von Wes umsorgen zu lassen und sich nicht mehr allzu sehr anzustrengen.

Als sich die allgemeine Wiedersehensfreude und der Trubel etwas gelegt hatten, wünschte Michelle mit ihrem Mann alleine zu sprechen. Vash schenkte niemand die geringste Beachtung, was sie in ihrer Entscheidung noch bestärkte.

Michelle und Will gingen durch die Korridore des Schiffs und wurden immer wieder von Mannschaftsmitgliedern angesprochen, die ihrer Freude über Commander Rikers Rückkehr Ausdruck verleihen wollten.

Als sie endlich den Turbolift betraten, schloss Will bewusst die Augen, um den Anblick der Brücke richtig genießen zu können.
Die Türen glitten mit dem vertrauten Zischen beiseite und offenbarten den wundervollsten Anblick überhaupt: das geschäftige Treiben auf der Brücke. Data an seiner Station, Deanna auf ihrem Counselorposten, Worf an der taktischen Station. Es war eine wirkliche Heimkehr, doch leider noch nicht endgültig. Er hatte erst knapp die Hälfte seiner Strafe verbüßt.

Alle traten kurz von ihren Stationen weg und auf den Commander zu um ihn zu begrüßen. Will gab allen die Hand und umarmte Deanna. Kam es ihm nur so vor oder war sie etwas in die Breite gegangen?! Das konnte doch nicht sein?! Doch in ihren Augen funkelte etwas; etwas, das Will gesehen hatte, als Deanna vor vielen Jahren von einer außerirdischen Entität geschwängert worden war. Er liebte Michelle über alles, aber manchmal dachte er wehmütig an die Zeit zurück, als Deanna ihn Imzadi genannt hatte. Doch die Tatsache, dass sie scheinbar schwanger war - von Worf - zeigte, dass sie endgültig darüber hinweg und noch wichtiger mit ihrem Mann glücklich war.
Während Will noch über seine Vergangenheit sinnierte, betraten er und Michelle den Bereitschaftsraum des Captains. Michelle hatte einige Veränderungen vorgenommen, stellte Will überrascht fest. Es stand eine neue blaue Ledercouch an der Stelle der alten und an der Wand hing ein Kasten mit Modellen der Enterprise-D, der Voyager und der Freedom. Eine für fremde Betrachter merkwürdige Konstellation. Doch der Sinn dieses Modells war einfach: Die Enterprise-D war ihr Schiff; auf der seit Jahren verschollenen Voyager diente ihr Mentor an der Akademie - Lieutenant Tuvok - und die Freedom war das neue Schwesterschiff der Enterprise-D, an deren Konstruktion sie und ihr Vater ein klein wenig mitgearbeitet hatten. Diese Tatsache erfüllte sie mit Stolz und so war es mehr als verständlich, dass die Freedom auch diesen Kasten zierte.

Michelle hatte zwischenzeitlich auf der Couch Platz genommen und Will gesellte sich zu ihr.
"Schöne, neue Couch", bemerkte er beiläufig. Noch beiläufiger fragte er: "Deanna ist schwanger?" Eigentlich war es eher eine Feststellung. Michelle nickte.
"Ja, seit drei Monaten... Es wurde klar, kurz nachdem du von Bord bist. Aber sie bat mich, dir nichts zu sagen. Sie wollte es persönlich tun, und ich denke das war gut so... Doch darüber wollte ich eigentlich nicht mit dir sprechen..."
"Vash ist der Grund, nehme ich an", bemerkte er.
"Allerdings. Ich kann nicht verstehen, wieso du mit ihr auf diese Ausgrabung gehst?!" 
"Sie hat etwas ganz Übles vor, Jean-Luc betreffend. Ich habe es in ihren Augen gesehen, als wir in seinem Büro waren. Sie will Rache für die Demütigung, die er ihr ihrer Meinung nach, zuteil werden ließ. Er hat ihr ins Gesicht gesagt, dass er und François von ihr geschieden sind, und dass er eine Mutter bekommen würde, die sich nicht bei Nacht und Nebel davonstehlen würde. Seine einzig wahre Liebe, Beverly. Und das hat ihren Entschluss wohl besiegelt. Nun ja, und deshalb werde ich ein Auge auf sie haben. Ich fürchte, Vash könnte dem guten Jean-Luc ganz schön zusetzen. Und sie führt etwas Hinterhältiges im Schilde, ich habe sie mit sich selbst reden hören, als wir auf dem Weg hierher waren. Das hat meinen Verdacht noch erhärtet. Sie sagte Dinge wie "Rache", "ein As im Ärmel" und "er wird es bereuen"." Michelle schüttelte ungläubig den Kopf. Was war aus dieser warmherzigen Frau geworden, die sie kannte und mochte?! Konnte aus Liebe soviel Verbitterung entstehen?! Michelle wurde sich bewusst, dass sie sich an die eigene Nase fassen musste. Schließlich hatte sie ihrem Ex-Mann Julian Bashir die Nase gebrochen als Dankeschön für die Fehlgeburt.
"Sei auf jeden Fall vorsichtig. Ich möchte dich nicht von irgendeiner iconianischen Wand kratzen müssen. Wegen dieser Hexe. Und falls du mit deinem Verdacht Recht behältst, informierst du zuerst mich und nicht meinen Vater." 
"Ist das ein Befehl?" 
"Auch wenn du suspendiert bist, Will. Diese Mission wird von mir überwacht, worum du ausdrücklich gebeten hast, wie ich mich erinnere. Und sobald die Friedensverhandlungen abgeschlossen sind, kommen wir in die ehemalige Neutrale Zone. Und Vash kann sich warm anziehen, sollte sie irgendwelche Rachepläne aushecken! So und nun, während die Hexe die Hawking belädt, werden wir mit unserer Rasselbande zu Mittag essen."


Der Abschied war viel zu schnell gekommen. Nur einige Stunden nach der monatelangen Trennung. Und Will permanent in Zivilkleidung zu sehen, nicht das sein blaues Hemd nicht unheimlich sexy aussah, aber es war merkwürdig.
Nach dem Essen hatten sie die Kinder mit Yamara auf das Holodeck geschickt und die Zeit sehr gut genutzt... Jetzt war die Hawking gestartet und nahm Kurs auf das Gebiet der ehemaligen Neutralen Zone. Das kleine Langstreckenshuttle würde ihnen in den nächsten drei Tagen ihr Zuhause ersetzen, zumindest für Will, denn Vash hatte kein Zuhause mehr seit der Scheidung. Doch wenn ihre Pläne aufgehen würde, hatte sie bald auch wieder einen Ort, den sie Heim nennen konnte. Sie und ihr kleines Geheimnis.

Will beobachtete sie aufmerksam. Jedes ihrer Worte legte er auf die Goldwaage. Sie ließ sich eigentlich nicht viel anmerken. Will fiel nur auf, dass sie oft in ihrer Kabine verschwand und nach kurzer Zeit wieder kam und ein wenig bleich aussah. Vielleicht war sie einfach nur nervös wegen der Ausgrabung.

Viel sprachen die beiden nicht während der Reise. Will beschäftigte sich mit seinem privaten Logbuch. Er trug das kurze Wiedersehen auf der Enterprise nach, bis ins kleinste Detail. Dabei kümmerte es ihn nicht im Geringsten, dass Vash neben ihm saß und auch die delikaten Details mitbekam. Er genoss es sogar auf gewisse Weise, zu demonstrieren, wie glücklich er verheiratet war; und dass man wahrlich die Karriere und die Familie erfolgreich verbinden konnte. Denn immerhin war Michelle nun seit über acht Jahren sein Captain, sie hatten vier Kinder, von denen drei permanent ihre Fürsorge benötigten. Und in drei Monaten würden sie zum ersten Mal Großeltern werden. Und jetzt da Robert und Marie nicht mehr waren, wurde die Verwaltung des Gutes unter der gesamten Familie aufgeteilt. Während des jährlichen Heimaturlaubes mussten alle anpacken, Rikers, Crushers und Picards.


Nach vier Tagen kamen sie mit einiger Verspätung auf Hano II an, da sie einem Asteroidensturm ausweichen mussten.

Ein kleines Team von Starfleet-Wissenschaftlern war bereits vor Ort und hatte erste Vermessungen vorgenommen. Bisher hatten sie keine Spuren der iconianischen Grabstätte gefunden. Und das war in Vashs Augen sehr gut so. Sie wusste genau, wo sie zu suchen war. Zumindest versprach das der alte Lageplan, den sie auf einem romulanischen Mond zufällig vor zwei Monaten entdeckt hatte. Doch sie musste warten bis zur Nacht, Will schleichte um sie herum wie ein tarkarianischer Torg. Für alle Fälle hatte sie ein kleines Schlafmittel, das alle Mitglieder des Teams beim Abendessen verabreicht bekommen würden.

Das Team nahm das Abendessen zu sich, während Will Verbindung mit der Enterprise aufnahm und einen kurzen inoffiziellen Bericht ablieferte. Doch auch er gesellte sich anschließend zum Essen. Und Vash war aufbruchbereit, als sich einer nach dem anderen in sein Zelt für die Nacht zurückzog. Doch Will hatte mit so etwas gerechnet und die Bordapotheke der Hawking heimlich erweitert. Ein kleines Gegenmittel und schon war er hellwach, stellte sich aber schlafend, als Vash nach einer Stunde aufbrach.

Will folgte ihr in sicherer Entfernung mit einer guten Ausrüstung. Wer konnte schon wissen, ob er ihr nicht ihren hinterhältigen, kleinen Hals retten musste.

Nach Stunden des Fußmarsches erreichte Will eine Höhle. Er aktivierte seine bewusst gewählte schwache Lampe und tastete sich vorsichtig vor.
Kurze Zeit später hatte er Vash gefunden und trat ins Licht. "Hallo, Vash. Untersuchst du die Grabstätte jetzt alleine?" 
"Verschwinde, Will. Das hier ist meine Rentenabsicherung. Das wird mir soviel goldgepresstes Latinum bringen, dass ich im ganz großen Stil das Leben genießen kann, außerhalb der hochgepriesenen Föderation. Du weißt doch gar nichts von meinen Leben, und vor allem hast du alles! Eine Karriere, vier Kinder, eine Frau die dich liebt." Will schlug die Hände zusammen.
"Oh komm, Vash! Verdammt, Jean-Luc hat den Boden angebetet, auf dem du gegangen bist." Sie lachte bitter.
"Natürlich, deswegen hat er die Nächte in der Akademie verbracht, Zeugnisse unterschrieben, Reden verfasst! Und hat mich mit einem schreienden Baby alleine zuhause versauern lassen!!" 
"Du bist ja so zu bemitleiden, dein Mann war schließlich Leiter der Sternenflottenakademie, er ist eine Legende. Weißt du überhaupt, wie stolz wir auf ihn sind??! Und ahnst, was der Tod von Robert und Marie der Familie und besonders ihm bedeutet?! Du kannst die Werte unserer Familie nicht annähernd begreifen! Ich bete, dass der kleine François nichts von dir geerbt hat, dass er ein echter Picard wird." 
"Du bist doch auch kein Picard!!!" 
"Aber ich verstehe, was es bedeutet, zu dieser großartigen Familie zu gehören und unsere Kinder tun das auch, selbst Wesley versteht das!!! Aber du bist einfach verachtenswert. Du hättest nie in Jean-Lucs Leben treten dürfen!!" 
"Spar' dir deine Predigt, ich weiß selbst, dass es ein Fehler gewesen ist ihn zu heiraten! Und jetzt lass mich meine Arbeit tun!" Sie wandte sich den Artefakten zu.

Vash war innerlich total aufgewühlt. Dabei hatte sie Will immer sehr gemocht, er war der perfekte Schwiegersohn für Jean-Luc, aber das konnte sie ihm jetzt unmöglich zugestehen. Sie hatte die Brücken hinter sich abgebrochen und keine Möglichkeit zur Umkehr.

Will trat auf sie zu. "Du kommst jetzt mit!" 
"Du hast mir gar nichts zu befehlen, Commander a.d. für weitere drei Monate!" Das hatte gesessen. "Und dein kleines Frauchen ist Lichtjahre entfernt und versucht Friedenstaube zu spielen!!"
In Will staute sich eine ungeheure Wut auf, er packte Vash am Arm und zerrte sie mit sich. Sie wehrte sich mit kleinem Erfolg. Sie konnte sich aus seinem Griff befreien, doch die Reaktionskraft war zu groß. Sie stürzte, aber nicht zu Boden, sondern auf einen alten versteckten Mechanismus der Iconianer. Es rumorte in der Decke.
"Nichts wie raus hier, Vash", rief Will.
"Vergiss es, ich will meinen Schatz!!!" Will schüttelte nur den Kopf und rannte an den Eingang der Kammer.
"Vash, nun komm!! Es ist zu gefährlich!! Die Decke könnte einstürzen!.. Ich habe einen Phaser, zwing mich nicht, dich zu betäuben, das wird ziemlich peinlich für dich, wenn ich dich ins Lager zurück tragen muss!!" Doch selbst diese Drohung Rikers beeindruckte sie nicht. Auch nicht die Gefahr.
"Vash, ich werde schießen!!" Riker hob seinen Phaser, zielte auf sie und wollte gerade abdrücken, als der Mechanismus die Decke einstürzen ließ.

Mit Entsetzen in den Augen rannte Will an die Stelle, wo er Vash zuletzt gesehen hatte. Eilig schaffte er die Steine weg. Noch bevor er Vash erreichen konnte, meldete sich sein Kommunikator. "Commander Riker, hier spricht die Enterprise. Melden Sie sich!" Gerade rechtzeitig, dachte Riker.

"Enterprise, hier Riker. Es hat einen Einsturz gegeben, Vash wurde verschüttet. Sofort ein Notfallteam zu meinen Koordinaten beamen. Riker Ende." Er grub verzweifelt mit den Händen und rief immer wieder ihren Namen. Schließlich legte er Vash frei. Sie hatte zahlreiche offensichtliche Verletzungen, an die möglichen inneren mochte er nicht denken.
Riker legte ihren Kopf in seinen Schoß und versuchte, sie so sanft wie möglich ins Bewusstsein zurückzuholen.

"Will, du musst mir sehr genau... zuhören.", flüsterte sie.
"Sprich jetzt nicht. Die Enterprise ist hier, gleich kommt Dr. Melan." 
"Will, hör doch. Ich bin schwanger von Jean-Luc. Aber es ist noch zu früh. Erst der vierte Monat. Bitte, rettet das Kind.... Versetzt mich ins Koma, das Kind muss überleben, es ist ein Picard, ein Picard...." Sie glitt wieder zurück in die Bewusstlosigkeit. Will fuhr sich mit der Hand über sein Gesicht.
"Oh, nein!" Er begriff, was Vash da gerade geflüstert hatte. Diese Frau hatte doch ein Herz. Sie liebte Picard,egal was passiert war, das erkannte er jetzt, zu spät.

Als das Team von der Enterprise eintraf, klärte Riker Jacky unverzüglich auf. "Es ist ihr Wunsch. Sie möchte in ein künstliches Koma versetzt werden um das Kind auszutragen." 
"Das ist eine gängige Methode bei so schweren Verletzungen wie ihren und einer Schwangerschaft... Ich werde mein Möglichstes tun, aber natürlich muss der Vater benachrichtigt werden. Doch ich muss Vashs Willen über seinen stellen. Das Kind wird geboren werden..." Sie schüttelte leicht den Kopf, vielleicht über Vashs Leichtsinn.

Jean-Luc stockte der Atem, er konnte nicht glauben, was Michelle ihm da berichtete. Vash war verunglückt aufgrund ihrer Gier, traurig genug, aber ein realistisches Ende für sie. Doch die Tatsache, dass bei ihrem letzten ehelichen Treffen, bei dem sie eigentlich nur die Scheidungspapiere unterschreiben sollten, ein Kind gezeugt worden war, dessen Leben jetzt in Gefahr war, traf ihn wie ein Schlag in den Magen.
"Kann das Kind gerettet werden?!" Er sprach sehr langsam, entsetzt. Mein Kind, mein Kind, mein Kind, machte er sich klar. "Mein Kind..." 
"Dad, Jacky tut was sie kann. Das künstliche Koma wurde eingeleitet, aber ich muss dir sagen, dass Vash die Verletzungen nicht überleben wird. Wir..." Auch Michelle war fassungslos über die Ereignisse und über die Nachricht, dass noch ein Geschwisterchen unterwegs war, dessen Leben auf Messers Schneide stand.
"Willst du herkommen, damit der Kleine sich verabschieden kann? Jacky fürchtet, dass wir Vash nicht von der Enterprise verlegen können, einen Transport wird sie wohl nicht überleben. Sie sagt weiterhin, dass Vash noch einmal geweckt werden kann, ein einziges Mal. Und ich plädiere dafür, dies nach der Entbindung zu tun, in Anwesenheit der gesamten Familie und besonders von dir und François." Jean-Luc vergrub sein Gesicht in seinen Händen und schluchzte. Sie hatte ihren Vater noch nie weinen sehen, sie wusste, er hatte es nach seiner Entführung durch die Borg getan und wohl auch, als er vom Tod Roberts und Maries erfahren hatte.

"Wie soll ich es dem Jungen erklären? Wie, Michelle? Seine Mutter ist tot und doch nicht tot? Ein Kind lebt in ihr? Er kann noch einmal mit ihr sprechen. Er ist doch erst drei Jahre alt. Er wird sich nicht mehr an sie erinnern können, wenn er älter wird. So wie Wesley sich nicht an seinen Vater erinnern kann..." 
"Dann musst du die Erinnerung an sie bewahren und ihm von seiner Mutter erzählen und ihm Bilder zeigen, mehr kann ich dazu nicht sagen."
"Michelle, es tut mir leid, ich kann jetzt nicht mehr sprechen..." Sie nickte. Auch ihr steckte der Schock tief in den Knochen.
"Leb' wohl, Dad. Ich werde dich ständig informieren." Michelle deaktivierte den Monitor und lehnte sich zurück.
Und auf der Krankenstation der Enterprise lag eine Archäologin, schlafend wie Dornröschen, gewaschen und verarztet, die ein Kind unter ihrem Herzen trug, das ein Picard war...

5. Kapitel
 Täuschung, Tod und ein neues Leben

Auf der Enterprise nahmen die Dinge allmählich wieder ihren gewohnten Gang, die Crew hatte es als normal akzeptiert, dass auf der Krankenstation ein Bett permanent mit der Ex-Frau von Admiral Picard belegt war.

Michelle besuchte täglich die Krankenstation und sprach zu Vash. Sie überzeugte sich persönlich, dass ihr die bestmögliche Versorgung zuteil wurde. Dem Baby ging es so weit ganz gut. Nach einiger Zeit war klar, dass Jean-Luc noch einen weiteren Sohn bekommen würde, wenn alles gut ginge.
Dr. Melan flog auf eine Vielzahl von Konferenzen, um neue Möglichkeiten zu finden Vash doch noch zu retten. Doch mit jeder Rückkehr und einem weiteren negativen Ergebnis schwand die Hoffnung.

Admiral Picard bereitete seine Abreise auf die Enterprise vor, da er die letzten Wochen vor der Entbindung anwesend sein wollte. Beverly würde sich mit ihm auf dem Schiff treffen, sie hatte nun endlich ihre Angelegenheiten geregelt. Auf der Erde wartete ein Lehrstuhl an der Akademie auf sie, so würde sie genug Zeit für die Versorgung der beiden Kinder und der Führung des Picardschen Gutes haben.
Beverly hätte sich gewiss nicht träumen lassen, in ihrem Alter noch einmal zwei Kleinkinder zu bekommen. Aber es waren Jean-Lucs Kinder, und nachdem die Adoption von François eine reine Formsache werden würde, sollte es keine Probleme geben, auch das zweite Baby anzunehmen. Zumal die arme Vash die Folgen ihres kleinen Abenteuers wohl nicht überleben würde. Dennoch hatte auch Beverly sich umgehört und nach Behandlungsmethoden gesucht. Aber die Verletzungen waren so schwer, Vashs Metabolismus funktionierte eigentlich nur noch durch die Unterstützung der medizinischen Geräte. Auch im 24. Jahrhundert hielten viele Völker dieses Hinauszögern des Todes für unwürdig, aber es war Vashs ausdrücklicher Wunsch gewesen, das Kind zu retten - um jeden Preis.

Niemand konnte sich auch nur annähernd vorstellen, wie Vash diese Monate erlebte, ob ihr Geist überhaupt noch etwas erfassen konnte. Doch das tat sie, wie durch einen dicken Nebelschleier. Sie bemerkte jeden Tag Michelle, die an ihr Bett trat und zu ihr sprach. Allerdings konnte sie ihre Worte nicht mehr begreifen. Sie stand bereits auf der Schwelle um diese Welt zu verlassen.
Immer schon hatte Vash sich gefragt, wie es sein würde. Jetzt erahnte sie es. Aber es würde noch dauern. Ihr Sohn war noch nicht bereit für diese Welt. Es würde noch etwa zwei Monate dauern. Aber da Vash jegliches Zeitgefühl verloren hatte, konnte sie diesen Zeitpunkt nur vermuten.

Bereits mehrere Male war sie für einen winzig kurzen Augenblick hinübergeglitten und hatte merkwürdige Lichter und Farben gesehen.
Dann wieder hatte sie Flashbacks erlebt, die von ihrer Kindheit bis hin zu dem Einsturz der Höhle auf Hano II reichten. Auch Q war einige Male in ihren Erinnerungen aufgetaucht und die gemeinsamen Reisen durch das Universum. Es war eine interessante Zeit gewesen; dennoch war Q ein Halunke, dem man nur so weit trauen sollte, wie man ihn werfen konnte.
Auch Jean-Luc hatte sie gesehen, den Tag ihrer Hochzeit auf der Erde. Die Geburt ihres ersten Sohnes, den sie Jean-Luc zuliebe bekommen hatte. Und das Kind, das gerade in ihr heranwuchs, hatte sie gewollt um es Jean-Luc heimzuzahlen. Doch als der Einsturz passiert war, hatte sie erkannt, dass sie etwas Bedeutendes geschaffen hatte. Die Picards waren wichtig für die Sternenflotte, für die Föderation. Und sie durfte ihren Sohn nicht mehr verachten oder das ungeborene Kind benutzen, sondern ihnen das Beste für die Zukunft wünschen.


Nach zwei Wochen traf Jean-Luc mit seinem Sohn auf der Enterprise ein. Er hatte François so gut er konnte auf die Situation vorbereitet. Der Junge verstand, dass er noch einen Bruder bekommen würde. Aber warum seine Mami danach fortgehen musste, lag noch weit außerhalb seines Fassungsvermögens.

Anfänglich ließen sie François nicht auf die Krankenstation, Jean-Luc begab sich alleine dorthin. Er begriff, dass Vash ihn sah und erkannte, aber zu Reaktionen nicht mehr im Stande war. Jedes Mal wenn der Admiral die Krankenstation wieder verließ, kämpfte er um seine Fassung. Dann begab er sich nach Ten Forward, und in aller Abgeschiedenheit bei seiner alten Freundin Guinan ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Nicht einmal Michelle wusste von diesem Ritual, geschweige denn Beverly, die in ihrer Mutterrolle aufging wie vor Jahren bei Wesley.

Zur selben Zeit ging es auf der Enterprise sehr turbulent zu, da wieder einmal eine Vielzahl von Botschaftern zu einer Handelkonferenz nach Altair 7 gebracht werden musste. Erstmalig waren auch Völker aus dem Gamma-Quadranten vertreten. Es war das diplomatische Ereignis des Jahres. Selbst die Bedrohung durch das Dominion konnte die Föderation nicht abhalten, ihre Wirtschaftsverbindungen auch in den Gamma-Quadranten zu den unabhängigen Völkern zu erweitern.

Ständig wurden Empfänge und Konzerte in Ten Forward gegeben. Michelle und ihre Führungsoffiziere schlitterten von einem Bankett in das nächste. Und gerade zu dieser Zeit kehrte rechtzeitig Commander Riker in den aktiven Dienst zurück.

Es war wieder so weit. Michelle atmete tief durch, strich ihre neue, weiße - mit Goldfäden verzierte - Galauniform glatt, setzte ihr schönstes Lächeln auf und trat mit Will durch die Türen nach Ten Forward.
Und fast augenblicklich stürzten sich die gierigen Botschafter auf sie. Aber Michelle hatte eigentlich einen bestimmten Botschafter im Auge, der auch gut mit ihrem Vater bekannt war: Botschafter Spock von Vulkan, mit dem sie gemeinsam den Friedenvertrag mit den Romulanern ausgehandelt hatte.
Michelle bewunderte ihn sehr und gerade jetzt in der schwierigen Lage, in der sie sich befand, konnte die ruhige Anwesenheit eines Vulkaniers ihr helfen.

Der Captain nickte Riker zu. Es war Zeit, das diplomatische Spielfeld zu betreten. Sie trennten sich. Riker ging zielstrebig auf Botschafterin Troi zu, die mit ihrer Tochter Deanna und dessen Mann Worf sprach. Mrs. Troi ließ sich lauthals über die freudige Nachricht des ersten Enkelkindes aus. Will konnte nur grinsen. Endlich hatte Lwaxana ihren Willen bekommen, und was noch wichtiger war: Deanna war ganz offensichtlich überglücklich. Es war gut, dass nicht jeder Sorgen hatte, so wie seine Familie derzeit.

"Mrs. Troi, es ist wie immer eine Freude, Sie an Bord begrüßen zu dürfen." Sie reichte Will ihre Hand, der galant einen Kuss andeutete.
"Nun, Commander Riker. Was sagen Sie zu der freudigen Nachricht, dass meine kleine Deanna endlich doch vernünftig wird und Kinder produziert?" Riker musste grinsen. Mrs. Trois direkte Art war für viele Lebewesen wie ein Stoß vor den Kopf, doch er amüsierte sich stets köstlich darüber.
"Es freut mich, zu sehen, dass Deanna so glücklich ist..." 
"Mir ist zu Ohren gekommen, dass auch Sie wieder einmal den Fortbestand Ihrer Familie gesichert haben." 
"Mutter!" Will hob beschwichtigend die Hand.
"Deine Mutter ist nur ehrlich, Deanna... Ja, Sie haben Recht, Mrs. Troi. Michelle hat Zwillinge geboren, zwei Jungen. Sie heißen Jonathan-William und Jean-Luc." 
"Sehr schöne Namen, Will. Und wann geht's weiter?" 
"Mutter! Jetzt ist es genug! Das geht wirklich nur Michelle und Will etwas an! Und vielleicht reichen den beiden vier Kinder!" Will lachte und wandte sich in eine andere Richtung.

Aber die Botschafterin hatte eine wichtige Frage gestellt: Wann ginge es weiter? Wollten sie noch weitere Kinder, konnten sie es sich zeitlich leisten? Waren die Zwillinge nur eine Laune der Natur oder würden es beim nächsten Mal wieder Zwillinge werden? Natürlich war es noch möglich, Michelle war ja gerade erst zweiundvierzig. Sie hatte noch nicht einmal die Hälfte ihres Lebens hinter sich. Die biologische Uhr - von Frauen in der Vergangenheit gefürchtet - existierte praktisch nicht mehr. Und Will interessierte sehr, wieso Michelle Zwillinge geboren hatte, dies war eigentlich genetisch bedingt. Wenn also bei den vorhergehenden Generationen Zwillinge vorgekommen waren, bestand eine sehr große Chance, dass es ein weiteres Mal dazu kommen konnte.
Vielleicht sollte Riker gelegentlich ein bisschen Ahnenforschung betreiben, obwohl er sich ganz sicher war, dass es in seiner Familie nie Zwillinge gegeben hatte. Er konnte sich ja einmal mit Michelles Mutter Amanda in Verbindung setzen.

Wills Gedanken verloren sich, er blickte nach seiner Frau suchend durch Ten Forward, konnte sie aber nirgends entdecken. Er hatte keine Meldung von der Brücke gehört, aber bei Lwaxanas durchdringender Stimme war das kein Wunder.
Riker schlenderte an die gegenüberliegende Wand zum Computerterminal und fand so heraus, dass Michelle in ihrem Bereitschaftsraum war. Unauffällig winkte Will Data zu sich her. "Der Captain ist in ihren Bereitschaftsraum verschwunden. Ich mache mir ein bisschen Sorgen um sie wegen der Sache mit Vash... Data, halten Sie bitte die Gäste bei Laune. Ich gehe auf die Brücke." Data nickte, machte auf dem Absatz kehrt und mischte sich wieder unter die Gäste.

Riker schlich sich unbemerkt durch die Seitentür hinaus und ging eilends auf die Brücke. Dort nickte er den diensthabenden Offizieren kurz zu und betrat Michelles Raum. Als ihr Ehemann nahm er sich dieses Recht heraus einfach einzutreten. Normalerweise war das auch kein Problem, heute jedoch hätte er seinen Eintritt besser erbeten sollen. Denn als die Türen beiseite glitten, kamen ihm einige laute und böse Worte entgegen, die aber nicht ihm galten. Michelle führte gerade eine sehr heftige Diskussion mit ihrem Stiefvater Jack. Einige Worte wie "sehr krank" und "besuchen oder zumindest melden" konnte er heraus hören. Doch von Michelle kam immer nur ein Wort mit sehr viel Nachdruck "NEIN".

Will trat vorsichtig näher, nahm auf dem Sofa Platz und folgte weiter der Diskussion.

"Es ist mir egal, Jack. Ich muss eine sehr große Delegation von Botschaftern auf die wichtigste Handelskonferenz des Jahres nach Altair 7 fliegen! Sogar der Präsident der Föderation wird anwesend sein um die neuen Botschafter zu begrüßen. Ich kann nicht auf die Erde kommen. Außerdem liegt Dads Ex-Frau auf der Krankenstation im Sterben. Nur von Geräten am Leben gehalten, die gewährleisten sollen, dass mein kleiner Bruder geboren werden kann! Und Yamara steht kurz vor der Niederkunft! Es ist mein erstes Enkelkind! Und das bedeutet mir im Gegensatz zu Amanda etwas, die Yamara immer nur als Fleck auf ihrer ach so weißen, gesellschaftlichen Weste betrachtet hat!! Weißt du, Jack, Amanda hat sich das selbst zuzuschreiben! Sie hat mich schließlich hinaus geworfen und mich jahrelang wegen Jean-Luc belogen..." 
"Michelle, sie stirbt und will dich noch einmal sehen." Sah sie da etwa ein Flehen in Jack Neechs Augen?
"Ich habe bei den derzeitigen Terminen weder die Zeit und auch nicht die Nerven dafür. Und jetzt entschuldige mich!" Sie schlug mit der Hand auf ihr Display und unterbrach die Verbindung. "Brücke. Ich werde keine weiteren Subraumnachrichten oder -verbindungen von Jack Neech entgegennehmen, außer sie beinhalten eine Todesmeldung. Ende."

Will schluckte und warf ihr einen fragenden Blick zu. "Was?!" fuhr Michelle ihn an.
"Ganz ruhig, Cap. Ich bin nicht Jack Neech!... Habe ich das richtig verstanden, Amanda liegt im Sterben und du willst sie nicht sehen?" 
"Ganz Recht! Glaubst du die Frau interessiert mich noch einen Meter, nach allem was passiert ist? Ich habe von ihr und Jack immer nur Vorwürfe und nie Unterstützung erhalten. Selbst an Brians Tod geben sie mir die Schuld...", sie schüttelte mit dem Kopf. Dann erklärte Michelle weiter ihre Entscheidung, die manche Leute vielleicht "hart" nennen würden.
"Und hier geht es momentan drunter und drüber. Es ist ja nicht damit getan, die Botschafter zu unterhalten auf dem Flug und sie nur auf Altair 7 abzusetzen. Wir sind für die Sicherheit während der gesamten vierwöchigen Konferenz verantwortlich. Die Enterprise und besonders ihr Captain müssen allgegenwärtig sein. Wir müssen sicherstellen, dass keine Wechselbälger unsere Reihen unterwandert und Botschafter oder andere Angestellte ausgetauscht haben. So ganz nebenbei wird Yamara entbinden, was bedeutet wir haben noch ein Baby zu versorgen. Denn Wes ist noch nicht fit, wir müssen ihm noch viel beibringen, und Yamara muss sich weiter auf ihre Abschlussprüfung vorbereiten. Und dann sind da noch Vash, Dad, Beverly und François, um die sich jemand kümmern muss. Ganz abgesehen von unseren anderen drei eigenen Kindern, wovon ich zwei jetzt füttern gehen muss. Und anschließend genehmige ich mir dann einen kleinen Nervenzusammenbruch. Gibst du bitte Jacky Bescheid, damit sie mit einem Beruhigungsmittel kommt?" Er grinste nur.


Es war der erste Tag der wichtigsten Handelskonferenz des Jahres. Michelle betrat in Begleitung von Riker, Deanna, Worf und einigen Sicherheitskräften in zivil und einem jungen Fähnrich namens Satina Cook den Konferenzsaal, der zunächst als Bankettsaal diente. Auch Botschafter mussten essen.

Michelle zog noch einmal ihre Gala-Uniform zurecht und teilte ihre Offiziere strategisch im Raum auf. Fähnrich Cook, die frisch von der Akademie kam, hatte das große Los gezogen, sie wurde Botschafter Spock zugeteilt. Michelle wollte natürlich sofort mit ihrem alten Freund eine Konversation beginnen, schickte Cook aber schon voraus.

"Nun, dann wollen wir uns mal ins Vergnügen stürzen. Ich spreche zunächst mit Botschafter Spock." 
"Was für eine Überraschung", raunte Riker seiner Frau zu. Sie hob eine ihrer Brauen auf recht vulkanische Weise, was Riker zum Grinsen veranlasste.
"Oh, seht mal, da ist Mrs. Troi." Riker hatte Deannas Mutter sofort entdeckt, sehr zu Deannas Bedauern. Sie hatte gehofft ihrer Mutter noch eine kurze Zeit ausweichen zu können. "Wollen wir?" fragte Riker, dem ja keine Gefahr mehr drohte, seit er mit Michelle und Deanna endlich mit Worf verheiratet war. Deanna warf ihm einen bösen Blick zu, Worf grummelte etwas auf klingonisch, und da hatte Botschafterin Troi schon ihre Tochter entdeckt und rief laut durch den ganzen Raum ihren Namen. Deanna bekam rote Ohren vor Scham. Schließlich war das hier die größte und wichtigste Handelskonferenz des Jahres und nicht ein Kaffeekränzchen der Familie Troi.
Michelle lachte über die Szene und wandte sich dann in Richtung ihres alten Freundes Botschafter Spock.

"Langes Leben und Frieden, alter Freund." 
"Das wünsche ich Ihnen, meine Liebe. Es ist schön, Sie hier zu sehen. Wie geht es Ihren Kindern?" 
"Danke, Spock. Es geht allen gut... Kann ich irgendetwas für Sie tun?" 
"Ja", seine Stimme bekam eine gewisse Härte.

Zeitgleich amüsierte sich Riker über die direkte Art von Botschafterin Troi. Deanna allerdings waren die Fragen ihrer Mutter wie immer sehr peinlich.
"Nun, endlich hat meine Tochter doch Vernunft angenommen und geheiratet. Und was für einen Mann." 
"Danke, Mrs. Troi", grummelte Worf. "Oh, Worf. Sag' doch endlich Lwaxana oder noch besser Mutter!" Riker musste es sich sehr verkneifen nicht laut loszuprusten. Alleine die Vorstellung Worf titulierte Mrs. Troi mit "Mutter"! Er räusperte sich, um seine Fassung zurückzuerhalten und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas.
"Und es ist sehr schön zu sehen, dass du auch endlich bezüglich Babys zur Vernunft gekommen bist und dich fortpflanzt." 
"Mutter! Jetzt ist es gut." "Aber wieso, Deanna. Nimm dir ein Beispiel an Commander und Captain Riker. Sie haben bereits vier Kinder. Und, Commander, wann gedenken Sie das nächste Kind zu zeugen?" Will verschluckte sich an seinem Drink. Worf klopfte ihm mit einem Antwort erwartenden Grinsen auf den Rücken.
"Oh, Mutter. Das geht dich nun wirklich nichts an!"
Lwaxana Troi zuckte mit einem pikierten Lächeln auf den Lippen die Schultern und erklärte: "Ich denke nur wie eine besorgte Mutter." Will grinste und suchte mit seinem Blick den Raum nach Michelle ab.


"Ich würde Sie gerne unter vier Augen sprechen. Ohne ihren übereifrigen Fähnrich im Rücken." Er knurrte Michelle fast an. Sie ließ sich nichts anmerken, war aber verblüfft. Michelle nickte ihrem Fähnrich zu, die sich daraufhin sofort einige Schritte zurückzog. Ja, frisch von der Akademie waren sie immer sehr eifrig und strebsam. Michelle würde sie fördern und vor allem in Worfs fähige Hände geben. Seine Kurse könnten hilfreich sein einen hervorragenden Offizier aus ihr zu machen. "Ihr kleiner Fähnrich nervt mich! Sie steht mir permanent im Rücken!" Michelle wurde immer verwirrter, ließ sich aber nichts anmerken.
"Spock, sie ist zu Ihrem Schutz hier. Sie sind einer unserer wichtigsten Botschafter." 
"Bedenken Sie bitte, dass ich mich gestört fühle und nicht voll auf die Konferenz konzentrieren kann." Michelle nickte verständnisvoll.
"Ich kümmere mich darum. Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment." Spock nickte gönnerhaft und Michelle ging ruhigen Schrittes zu Riker, obwohl sie innerlich bebte.

"Wir haben ein verdammt großes Problem", flüsterte Michelle ihrem Mann und Deanna zu, während sie den übrigen Botschaftern freundlich zulächelte. "Was meinst du?" 
"Wir haben einen Dominionspion unter uns." Sie blickte diskret in Spocks Richtung. Riker schnappte nach Luft.
"Captain, bei allem Respekt, aber du spinnst!" Michelle blickte ihm völlig unberührt entgegen.
"Danke, Commander, für deine fachmännische Diagnose. Gemütszustände solltest du aber lieber Deanna überlassen." Diese grinste über das eheliche Geplänkel der Rikers. "Deanna, sondiere Spock bitte. Wenn er der echte Spock ist, wird er es merken und dich aus seinen Gedanken werfen. Wenn nicht..." Deanna führte den Befehl aus und bestätigte den Verdacht.
"Und was machen wir jetzt?" Aber Michelle reagierte bereits. Sie informierte Worf, der seine Leute in Alarmbereitschaft versetzte und sich dann auf den Weg zu dem falschen Spock machte.
"Will, Deanna, wir haben etwas zu erledigen." Sie folgten ihrem Captain zügig.

Michelle trat vor Spock. "Fähnrich Cook, machen Sie eine Pause, trinken Sie einen Kaffee." Sie nickte und entfernte sich unverzüglich.
"Ich danke Ihnen, dass Sie endlich eingesehen haben, dass ein Kindermädchen überflüssig ist." 
"Schweigen Sie! Wir wissen, dass Sie ein Formwandler sind. Sie werden uns jetzt ganz unauffällig in den kleinen Konferenzraum folgen, wo wir uns unterhalten werden." Der Wechselbalg machte Anstalten sich zu wehren, aber ein Phaser überzeugte ihn schnell sich ruhig zu verhalten.

"Wo ist der echte Spock? Lebt er noch?" 
"Die Terraner hatten früher ein beliebtes Sprichwort: Ich sage nichts ohne meinen Anwalt!" Michelle stürzte sich auf ihn und packte ihn am Kragen. Sie griff durch ihn hindurch. Nun nahm der Formwandler seine wahre Gestalt an.
"Ich bitte Sie, Captain. Wenn ich wollte, wäre ich schon auf und davon. Glauben Sie diese Mauern könnten mich halten?" 
"Nein, aber... Computer, errichte um diesen Raum ein vollständiges Eindämmungsfeld der Stärke 10... So und nun will ich wissen, wo Spock ist! Wenn Sie es mir nicht sofort sagen, werden wir die gesamte Konferenz wegen eines Sicherheitsrisikos abblasen." Der Formwandler reagierte nicht.
"Fein, wenn Sie stur bleiben, werde ich andere Seiten aufziehen... Mr. Worf, holen Sie das Gerät, das die Cardassianer vor ihrem Pakt mit dem Dominion entwickelt haben." 
"Sie bluffen. Wir haben alle zerstört." 
"Sind Sie sich da so sicher?" Worf hatte den Raum verlassen und kam nun mit einem Gerät zurück, das wirklich aussah, wie das von den Cardassianern entwickelte. Es sollte einen Formwandler daran hindern in seinen flüssigen Zustand zurückzukehren, was ihn letztendlich umbringen würde.
Der Formwandler wurde nervös, Deanna spürte seine Reaktion auf das Gerät und gab ihrem Captain ein Zeichen, das die anderen nicht bemerkten. "Ich frage Sie noch mal, wo ist der echte Botschafter Spock?" Michelle trat einen Schritt auf das Gerät zu und legte ihre Hand auf die Bedienungskonsole. Der Formwandler zeigte jetzt sichtbar Nervosität und Angst. Michelle war bereits siegessicher. Sie legte einen Finger auf die Aktivierungstaste.

"Nun?" fragte sie. Der Gestaltwandler schluckte. Eine sehr menschliche Regung. Vielleicht agierte er schon zu lange unter den Solids, um noch nicht von ihren Eigenarten beeinflusst worden zu sein.

"Ich kann nicht! Können Sie sich vorstellen, was die Große Verbindung mit mir machen wird?" 
"Können Sie sich vorstellen, was wir mit Ihnen machen werden, wenn Sie mir nicht sofort sagen, wo sich der echte Botschafter Spock aufhält?" Michelles Finger zuckte auf der Aktivierungstaste. "Das wird äußerst unangenehm, sehr schmerzhaft. Alle mit einem schwachen Gemüt sollten besser hinaus gehen!"

Der Gestaltwandler hob sich ergebend die Hände. "Also gut, der Botschafter befindet sich in diesem Gebäude..." Michelle glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Das Dominion hatte wirklich Nerven. "Im fünften Stock, Sektion 23 Alpha, Zimmer 4b...." 
"Worf, vorwärts!" Der Klingone nickte kurz und machte sich auf den Weg.

"Was wird nun mit mir passieren?" Michelle lachte verächtlich.
"Was glauben Sie? Sie sind Kriegsgefangener!" Sie hatte die Hand noch immer auf der Taste liegen, die den sicheren Tod für den Formwandler bedeuten würde. Riker hielt den Atem an, er konnte nicht glauben, dass Michelle so grausam war.

Noch zehn quälende Sekunden ließ Michelle ihren Finger auf der Taste ruhen, bis sie ihn abrupt wegzog. Alle im Raum atmeten erleichtert auf.
"Glauben Sie wirklich, dass wir so grausam sind? Das Dominion hat keine Ahnung vom wahren Charakter der Solids!! Nummer 1, schaffen Sie in unter den höchsten Sicherheitsvorkehrungen in die sicherste Zelle!" 
"Aye, Captain!"

Als Riker den Formwandler herausgeführt hatte, legte Deanna eine Hand auf Michelles Schulter.
"Alle Achtung, Michelle. Sie haben sehr hoch gepokert, aber gewonnen." Michelle grinste.
"Was das Pokern angeht, hatte ich einen verdammt guten Lehrer..." Deanna nickte wissend.
Michelle nickte den übrigen Anwesenden zu und ließ sie wegtreten.

Nachdem die Offiziere den Raum verlassen hatten, setzte Michelle sich lässig auf die Kante des Tisches. "Ja, Will ist gut darin. Aber sicherlich hast du auch einiges von deinem Vater gelernt. Er hat uns des öfteren durch einen guten Bluff aus einer aussichtslosen Situation gerettet."
Michelle wollte gerade etwas erwidern, als sie von Riker gerufen wurde.

"Captain, Sie sollten besser wieder in die Halle kommen..." 
"Was gibt es Nummer 1, noch ein unzufriedener Botschafter?!" Sie schmunzelte. Jetzt da die Situation ausgestanden war, hatte Michelle wieder gut lachen. Doch als sie Rikers folgende Aussage hörte, verging es ihr blitzschnell wieder.
"Es geht um Fähnrich Crusher, Captain." Michelle verspürte einen Stich in der Herzgegend. "Oh nein!" Sie stieß die Luft aus. "Bitte keine Wehen", flüsterte sie.
"Ich fürchte doch, Captain." Riker blickte sich um und warf einen hektischen Blick auf seine Tochter. Sie stand an eine Wand gestützt und hielt sich den Bauch.
Es ist noch viel zu früh, kam es Michelle in den Sinn. Sie hat noch eine Woche bis zum Geburtstermin. Wieso bekamen die Frauen in ihrer Familie die Wehen immer in den unpassendsten Momenten?
Michelle konnte sich noch gut daran erinnern, dass ihre Wehen mit Yamara damals mitten in einem kleinen Disput mit ein paar Ferengi eingesetzt hatten. Ihr Captain war begeistert gewesen, immer war sie auf der U.S.S. Berlin der taktische Offizier gewesen.

Yamara war so gesehen zwar nicht unersetzbar, aber die Situation war schon etwas angespannt nach der Entführung. Doch immerhin war noch nichts davon an die übrigen Botschafter durchgesickert.

"Captain, Sie sollten jetzt wirklich kommen", riss Riker seine Frau abrupt aus ihren Gedanken.
"Ich bin auf dem Weg, Commander. Verständigen Sie umgehend Lieutenant Crusher und Dr. Melan." Sie deaktivierte ihren Kommunikator und ging schnellen Schrittes auf die Tür zu.
"Hoffentlich können wir Yamara noch auf die Enterprise bringen..." Michelle legte eine gewisse Nervosität an den Tag. Doch Deanna beruhigte sie soweit es in ihrer Macht stand.
"Deine Tochter schafft das schon." 
"Oh, da bin ich mir sicher. Nur dieses Mal liege nicht ich auf dem Tisch und habe die Kontrolle. Dieses Mal muss ich draußen warten, verdammt zur Untätigkeit. Und du weißt, ich hasse es zu warten." Deanna lächelte verständnisvoll und streichelte behutsam über ihr bereits deutlich sichtbares Bäuchlein. In noch nicht mal vier Monaten würde sie ihr erstes Kind auf die Welt bringen. Und Worf würde sicher das totale Nervenbündel sein.
"Du und Will könnt dann ja Worf unterstützen, wenn es bei mir soweit ist." Sie grinste Michelle an und diese musste sofort lachen.

Wenige Minuten später erreichten die beiden Frauen die große Halle. Ein schneller Blick und sie hatten Riker und Yamara lokalisiert. Doch im gleichen Moment registrierte Michelle, dass einer ihrer Leute mit gezogenem Phaser auf den Präsidenten der Föderation zusteuerte. Also hatte das Dominion mehrere Spitzel eingeschleust. Geistesgegenwärtig aktivierte sie ihren Kommunikator und startete ein Ruf an ihre Leute.

"Achtung, hier spricht der Captain! Ein Formwandler in Gestalt eines Starfleetoffiziers geht mit gezogenem Phaser auf den Präsidenten zu! Stoppt ihn!" Wo war Worf? Wahrscheinlich noch immer auf der Suche nach dem echten Spock.

"Deanna, du bleibst hier. Es wird wahrscheinlich eine Schießerei geben!" Deanna nickte einverstanden, zog sich zurück und legte schützend eine Hand auf ihren Bauch.

Wieder aktivierte Michelle den Kommunikator. "Will, schafft Yamara hier raus! Es darf ihr nichts passieren!" Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern sprintete mit gezogenem Phaser in die Richtung des Präsidenten.

Als Michelle dort eintraf, drehte sich der Präsident gerade in die Richtung aus der auf ihn gezielt wurde. Fähnrich Cook blickte auf den Attentäter und sprang selbstlos vor den Präsidenten. Der Phaserstrahl traf sie. Der Präsident ging in Deckung und wurde sofort von Michelles Sicherheitsleuten umstellt. Wie aus dem Nichts sprang Worf auf den Attentäter, entriss ihm die Waffe. Doch der Formwandler verwandelte sich in einen Vogel und flog davon, bevor Worf ihn zu fassen bekam. Michelle zögerte keine Sekunde. Sie stellte ihren Phaser auf Töten und schoss auf den Formwandler, der sofort aufgelöst wurde.

Ohne die Szene eines weiteren Blickes zu würdigen, stürzte sie auf die Knie und neben Fähnrich Cook. Behutsam legte sie den Kopf der jungen Frau in ihren Schoß.
"Wo bleiben die verdammten Sanitäter?!" schrie sie in das Chaos hinaus. Aber eigentlich wusste sie schon, dass ihr Fähnrich sterben würde.

"Captain, war ich zu übereifrig?" fragte Cook leise, stockend.
"Nein, Sie haben vorbildlich reagiert. Wir sind alle stolz auf Sie, Satina." 
"Der... Präsident... Ist er..." Michelle nickte.
"Er ist unverletzt. Aber im Moment zählen nur Sie.... Wo bleiben die Sanitäter", rief Michelle noch einmal, bereits mit den Tränen kämpfend. Sie spürte wir ihr Satinas Leben durch die Finger glitt. "Halten Sie durch." Satina atmete noch einmal tief durch, dann schlossen sich ihre Augen und ihr Kopf sackte zur Seite.
Michelle war wie erschlagen. Sie hatte seit langem kein Crewmitglied mehr verloren und schon gar nicht auf diese Weise.
Riker war inzwischen hinter sie getreten und zog sie hoch. Ihre weiße Galauniform war von rotem Blut verschmiert, sie zitterte am ganzen Körper.

Schließlich konnte sie wieder einigermaßen klar denken. "Schafft den Präsidenten hier weg...", befahl sie.
"Schon geschehen, Captain." Sie nickte geistesabwesend. Plötzlich stand sie wie erstarrt da und nahm einen entsetzen Gesichtsausdruck an.
"Wo ist Yamara? Ist sie verletzt?" Sie geriet in Panik. Will schüttelte sie sanft. "Ganz ruhig. Sie ist auf dem Schiff. Und da werden wir jetzt auch hingehen. Worf und Data können das hier erledigen..." Michelle starrte ihren Mann mit großen Augen an.
"Erledigen?! Erledigen?! Will, eine meiner Leute ist gerade in meinem Armen gestorben. Und die anderen sollen jetzt alles erledigen?... Wo ist Deanna? Ist sie auch unverletzt?" Er nickte. Michelle atmete erleichtert aus. "Gut, du hast Recht. Worf soll die Leitung übernehmen. Das hier fällt in den Bereich der Sicherheit. Er soll so viele Leute von der Sicherheit runter beamen, wie nötig sind, um die allgemeine Ordnung wieder herzustellen. Er..." Will legte beschwichtigend einen Arm um sie.
"Hey, ganz ruhig, Micky. Die schaffen das schon hier. Wir bekommen jetzt erst einmal unser erstes Enkelkind..." Er ließ das letzte Wort auf der Zunge zergehen. Großvater! Will Riker, der ehemalige Herzensbrecher war inzwischen vierfacher Vater und im Begriff Großvater zu werden. Und Jean-Luc - Urgroßvater! Man stelle sich das nur vor! Riker kam es manchmal so vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass Michelle das Kommando über die Enterprise übernommen hatte. Aber das lag inzwischen mehr als 8 Jahre, tausend Streitereien und Versöhnungen und 4 Kinder zurück.

"Bin ich schon so alt, dass ich Großvater werde?" fragte er Michelle plötzlich. Sie musste unwillkürlich lachen. Riker schaute sie schief an.
"William Thomas Riker, krieg jetzt bloß keine Midlifecrisis!" Er schaute sie kurz verdutzt an und lachte schließlich auch.

"In meiner Familie sind wir nun mal frühreif! Yamara hat auf unserer Hochzeit nicht grundlos den Brautstrauß gefangen!" Will erinnerte sich, dass Michelle an diesem Tag noch nicht so locker auf die Beziehung ihrer Tochter mit dem jungen Lieutenant Crusher reagiert hatte. Und als sie von der heimlichen Hochzeit der beiden erfahren hatte, war ihr aber wirklich der Kragen geplatzt.

Will konnte sich deutlich erinnern, als Michelle und er hinter das Geheimnis gekommen waren.


Es vor einem halben Jahr gewesen. Yamara diente zu dem Zeitpunkt wieder einmal auf der Enterprise, da auf der Akademie gerade Semesterferien waren.

Michelle wartete in Yamaras und Wesleys gemeinsamen Quartier auf ihre Tochter, um sie zum gemeinsamen Familienessen abzuholen. Sie saß am Schreibtisch ihrer Tochter und warf lächelnd einen Blick auf die Fotos. Plötzlich aktivierte sich der Monitor, eine Subraumnachricht traf für Yamara ein.
Zunächst schenkte Michelle der blinkenden Nachricht keine Beachtung, doch urplötzlich stach ihr der Name ins Auge. "Nachricht für Fähnrich Yamara Crusher". Das konnte doch nur ein Irrtum sein, sicher hatten die Kameraden ihrer Tochter nicht verstanden, dass sie und Wes nur zusammenlebten.
Der Mutter wurde es heiß und kalt. Hatten Yamara und Wes heimlich geheiratet? Wer hatte sie getraut? Und war das Kind tatsächlich nur ein Unfall gewesen?

Mit einem Mal fügte sich das Puzzle zusammen. Michelle war alles klar. Sie brauchte nicht mal Yamaras oder Wesleys persönliche Aufzeichnungen durchzusehen. Sie schluckte. Die beiden waren gut, hatten es ziemlich gut vor ihr geheimgehalten. Sollte Riker etwas wissen, Gnade ihm Gott. Und was war mit Picard? Natürlich, wer sollte sie schon getraut haben?! Oh, ihr Vater konnte froh sein, dass die Enterprise sich derzeit auf der anderen Seite der Galaxis befand...

Pünktlich betraten Yamara und Wesley ihr Quartier und waren ein wenig überrascht Michelle dort anzutreffen.
"Können wir etwas für dich tun, Mum?" 
"Allerdings. Eigentlich wollte ich dich und Wesley zum Familienessen abholen. Während ich wartete, traf eine Subraumnachricht für dich ein. Genauer gesagt war sie an Fähnrich Yamara Crusher gerichtet. Meines Erachtens heißt du Riker. Also, klärt mich auf... Und du Wesley, brauchst gar nicht so in dich zusammenzusinken! Meine Tochter hat doch wohl keinen Waschlappen geheiratet!" Wesley schluckte, richtete sich aber sofort wieder auf.
"Nein, Ma'am. Das hat sie nicht. Allerdings erschreckt mich Ihr Temperament manchmal etwas." Michelle grinste innerlich. Sie hatte nichts dagegen, dass Wes ein wenig ins Schwitzen geriet.

"Nun, ich vermute einfach mal, dass Jean-Luc euch beide getraut hat..." Sie ließ ihre Vermutung offen im Raum stehen. Yamara tat einen Schritt auf sie zu. In ihren stolzen Augen bildeten sich einige Tränen. Michelle war überrascht, doch dann bedachte sie die hormonelle Störung durch die Schwangerschaft bedingt und ging darüber hinweg.
"Mum, wir wollten dich wirklich nicht hintergehen... Aber es war so schwer für uns... Und das Verheiratetsein hat uns noch enger miteinander verbunden... Und sicherlich glaubst du im Moment, dass wir das Baby geplant haben, aber es war wirklich ein kleiner Unfall..." Schützend legte Yamara bei ihren letzten Worten ihre Hand auf ihren Bauch, ebenso Wesley.
"Kinder, ich bin im Moment zu wütend. Wir treffen uns in einer halben Stunde im Captain's Quartier!" Mit diesen Worten brauste Michelle auch schon aus der Tür und direkt zu Counselor Troi. Dort verschaffte Michelle sich erst einmal Luft. Sie war wütend, dass die Kinder sie hintergangen hatten. War sie eine so strenge Mutter? Wollten Eltern einfach von ihren Kindern belogen werden?
Deanna konnte Michelle ziemlich gut beruhigen und sie von unüberlegten Handlungen abhalten. Michelles Gedanken gingen von einer Versetzung von Wes bis zu dem Wunsch, ihn aus der nächsten Luftschleuse zu stoßen. Und an ihre Tochter mochte sie gar nicht erst denken. Doch irgendwann war die Wut verflogen und sie war froh, dass Yamaras Wahl auf Wesley Crusher gefallen war. Allerdings war nun ihre Familiensituation ein klein wenig komplizierter. Denn nun würde ihr Schwiegersohn Wesley ja auch ihr Stiefbruder werden durch die Hochzeit von Jean-Luc und Beverly. Und ihr Enkelkind würde auch gleichzeitig ihr Neffe oder ihre Nichte sein. Komplizierter ging es nun wirklich nicht mehr...

Will und Michelle schweiften immer noch in den Gedanken an die Vergangenheit, als sie die Krankenstation auf der Enterprise betraten. Plötzlich wurden sie wieder in Realität zurück geholt, als Will ein Besucher auffiel.

"Vater? Was tust du hier?!" Will glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Vor ihm stand Kyle Riker, wie er leibte und lebte.
"Ich nehme auch an der Konferenz teil. Na ja, ich habe dich auf Altair 7 gesucht. Dann sagte man mir, du wärst nach dem Zwischenfall auf die Enterprise zurückgekehrt. Der Transportoffizier sagte dann, du wärst hier. Und da bin ich."
Michelle blickte von Will zu Kyle und zuckte mit den Schultern. Was soll's, dachte sie. Dann war eben noch ein Familienmitglied aufgetaucht. Michelle wusste natürlich von dem Bruch zwischen ihrem Mann und seinem Vater. Aber da beide so stur waren, hätte sie nie mit einer Begegnung gerechnet.

"Mr. Riker, ich möchte Sie willkommen heißen. Ich bin der Captain der Enterprise." Sie holte tief Luft und nannte ihrem nichtsahnenden Schwiegervater ihren Namen. "Michelle Riker..." Sie streckte ihm die Hand hin, die er auch sogleich ergriff. Kyle warf einen Blick auf das neue Familienmitglied und grinste seinen Sohn an.
"Du alter Hund. Eine bildschöne Frau hast du dir da geangelt... Und du nennst mich bitte Kyle." Michelle lächelte und nickte einverstanden.

Zur gleichen Zeit betrat Jean-Luc Picard die Krankenstation mit Andy an seiner Seite, die ihren dreijährigen Onkel François an ihrer kleinen Hand führte. Picard trug die schlafenden Riker-Zwillinge in einem großen Tragekorb vor sich her.

"Kyle Riker! Was tun Sie denn hier?" 
"Ich wollte meinen Sohn besuchen... Und wen haben Sie denn alles mitgebracht?!" Kyle lächelte. Will schluckte seinen verdammten Stolz hinunter und ergriff die Gelegenheit Frieden zu schließen.
"Dad, das sind meine Kinder."  "Alle?!"  "Fast. Die junge Dame hier ist unsere erstgeborene Tochter Andromeda, wir nennen sie Andy. Und diese beiden sind unsere Söhne Jean-Luc und Jonathan-William, den wir Johnny nennen. Und nebenan bekommt unsere Tochter Yamara gerade unserer erstes Enkelkind. Und dieser junge Mann ist mein Schwager François, Michelles Halbbruder..."  "Jetzt muss ich mich setzen... Du sagtest Andy sei deine Erstgeborene?! Und wie alt ist dann deine Tochter, die gerade ein Kind bekommt?" Kyle war verständlicherweise verwirrt, doch Michelle übernahm die Aufklärung der komplizierten Familienverhältnisse. Kyle Riker hörte gespannt zu und war verblüfft, dass sein Sohn ein fremdes, fast erwachsenes Kind adoptiert hatte und noch dazu eine halbe Klingonin.

"Will, ich kann nur sagen, deine Mutter wäre sehr stolz auf dich, wenn sie dich jetzt sehen könnte. Aber was noch viel wichtiger ist. Ich bin verdammt stolz auf dich, mein Sohn!" Er stand auf. Vater und Sohn schlossen einander in die Arme. Michelle schniefte gerührt. Sie war sowieso schon auf einer emotionalen Achterbahnfahrt, weil Yamara in den Wehen lag. Picard drückte seine Tochter liebevoll an sich. Er wusste, wie viel Kyle dieser Moment bedeutete und wie viel Überwindung es die beiden Männern gekostet hatte.
"Ich liebe Familienzusammenführungen", murmelte Michelle. Picard lächelte, drückte und umarmte seine Tochter.
"Du hast mit den Kindern erreicht, was ich oder sonst irgend jemand nicht erreichen konnte bei den beiden. Und das tat mir immer sehr weh. Schon lange bevor du die Enterprise übernommen hattest, war Will wie ein Sohn für mich. Und es war für mich nicht leicht anzusehen, wie Vater und Sohn sich auseinander gelebt hatten."  "So wie Vater und Tochter?" fragte Michelle. "Nein, wir hatten nie die Chance bekommen, uns einander anzunähern."  "Bis du mir dein Schiff gegeben hast und ich mich in meinen ersten Offizier verliebt hatte... Danke, dass du dir mir die Chance ermöglicht hattest, wahre Liebe kennen zu lernen. Von einem Vater und einem Ehemann." Picard lächelte stolz seine Tochter an, beide hatten feuchte Augen.

"Warum sind hier eigentlich alle am Weinen?" fragte Andy und plötzlich mussten die Erwachsenen lachen. Michelle ging in die Hocke auf die Höhe ihrer Tochter.
"Weißt du, Schätzchen, wenn ein Kind geboren wird, sind alle sehr aufgeregt. Wir sind überglücklich und die Tränen sind allesamt Freudentränen. Wir freuen uns, weil wir alle eine Familie sind und weil in diesem Augenblick ein neues Familienmitglied das Licht der Welt erblickt."
"Schön gesagt, Captain." Wesley unterbrach die emotionale Stimmung, er wollte allen sagen, dass sein Kind geboren war.
"So, dann bin ich nun endlich Großmutter. Und du, Jean-Luc,", sie wandte sich an ihren Vater "wie fühlt man sich als Urgroßvater?", fragte Michelle mit einem verschmitzten Lächeln.
"Jung", erklärte Picard. "Ich fühle mich jung!"
In diesem Moment kam Schwester Ogawa rein und sagte, Mutter und Kind bereit wären für den ersten Besuch der Familie.


Nachdem Michelle und Will später die Kinder ins Bett geschafft hatten, lagen sie noch lange wach in der Dunkelheit der Sterne.
"Das Baby ist wunderschön." 
"Er wird sicher später ein echter Herzensbrecher!" scherzte Riker.
"So wie du, hm?" Sie streichelte über Rikers Brust.
"Genau! Aber meine Zeit als Herzensbrecher ist vorbei. Ich bin jetzt Ehemann, Vater, Großvater und mit dem tollsten Captain in der Sternenflotte verheiratet!" Michelle lächelte nur. Riker näherte sich langsam. Michelle wusste genau, was er vorhatte.
"Computer, Tür schließen und spiele etwas romantische Musik." Sofort wurden ihre Befehle ausgeführt. Riker grinste sie an. Dann berührten sich ihre Lippen zu einem leidenschaftlichen Kuss. Seine Hände glitten unter die Seidenlaken und strichen ihr zartes Nachthemd zur Seite.
"Hast du dir deine Injektion abgeholt? Ich möchte im Moment nicht schon wieder schwanger werden." Er nickte.
"Du auch?" Nun war sie es, die nickte. Sofort spürte sie wieder seine sanfte Berührungen. Nach all den Jahren elektrisierten seine Berührungen sie immer noch. Sie schloss die Augen und ließ Will gewähren...

Später ging Michelle in ihren seidenen Morgenmantel gehüllt an den Replikator und bestellte sich ein Glas Traubensaft, wie immer. Sie atmete tief durch und dachte über die Ereignisse des Tages nach. Sie hatte einen Crewman verloren, aber der Präsident war von Fähnrich Cook gerettet worden. Yamara hatte Thomas-Jack Crusher das Leben geschenkt. Will hatte mit seinem Vater nach so vielen Jahren Frieden geschlossen und eben... Nun, das bedurfte keiner weiteren Worte. Keiner von Michelles Männern hatte ihr soviel Liebe gegeben wie Will. Nicht John Ramirez, nicht Julian Bashir und auch nicht Jackson. Aber Will. Er war immer für sie da. Als Ehemann, Vater ihrer Kinder, Geliebter, Freund, Ratgeber, erster Offizier. Und obwohl zwischen ihnen beiden so oft wegen ihrer Dienstgrade und ihrer unterschiedlichen Auffassung der 15. Direktive die Fetzen flogen, wollte Michelle nicht einen Tag in den letzten neun Jahren missen. Sie konnte gar nicht glauben, dass sie schon seit neun Jahren auf der Enterprise war. Rückblickend war es ziemlich turbulent zugegangen. So viele neue Welten hatten sie erforscht. Waren dort, wo nie ein Schiff vorher gewesen war. Doch in letzter Zeit brauchte man sie immer häufiger als Feuerwehr. Das Dominion ließ nicht locker. Die Romulaner gaben sich nicht wirklich mit dem Friedensvertrag zufrieden. Michelle war sich nicht sicher, ob es die beste Zeit war Kinder großzuziehen. Doch die war es auch nicht gewesen, als sie Yamara bekommen hatte. Und da hatte kein Will Riker zu ihr gestanden und sich tapfer über sie geworfen, wenn ihr Leben in Gefahr war. Sie lachte leise auf, als sie an den Vorfall auf Beryll zurückdachte.

Zwei Arme legten sich sanft von hinten um ihre Taille.
"Durst?" fragte Riker grinsend.
"Ja. Es war wunderschön..." 
"Aber?" Er kannte seine Frau.
"Mir sind die Ereignisse durch den Kopf gegangen. Und nicht nur die heute, ich hab die letzten neun Jahren Revue passieren lassen... Es ist soviel passiert. Und heute musste Fähnrich Cook sterben und Tom wurde geboren. Warum muss immer jemand sterben, damit jemand anderes leben kann?" 
"So ist das nun mal. Es mag unfair sein. Aber so ist das Leben nun einmal. Es befindet sich in einem ständigen Fluss. Als wir die Jungs bekamen, weißt du noch? Du hast gespürt, dass in dem Moment, genau in dem, etwas passiert war. Wir haben damals Marie und Robert verloren. Heute war es Fähnrich Cook und dafür wurde der kleine Tom geboren... Es ist ein ewiger Kreislauf... Sie war noch jung, aber sie starb als Heldin. Sie hat unseren Präsidenten gerettet. Ich weiß, es ist hart, jemand unter seinem Kommando zu verlieren...." Er setzte sich auf die Couch und zog seine Frau zu sich.
"Hat dir Data jemals von Tasha Yar erzählt? Sie war vor Worf unser Sicherheitschef und dann wurde sie während einer Rettungsmission getötet unter meinem Kommando... Ich weiß, wie du dich fühlst..." Michelle stellte ihr Glas auf den Tisch und nahm Wills Gesicht in ihre Hände. Sein Bart kitzelte an ihren Fingern.
"Danke, Will. Für alles. Für neun wundervolle, aufregende Jahre, vier fantastische Kinder und unsere gute Zusammenarbeit."
"Das höre ich gern. Micky, ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich dich nicht getroffen hätte... Und ich muss dir genauso für alles danken, wie du mir..." Sie nahmen einander in die Arme und küssten sich. Plötzlich drückte Michelle ihren Mann von sich fort. Er blickte sie verblüfft an.
"Meine Güte, ist dir eigentlich klar, dass morgen Andy schon wieder ein Jahr älter wird? Dann können wir in Zukunft Toms und Andys Geburtstag immer zusammen feiern."
"Ja, das ist morgen. Heute ist heute. Morgen feiern wir Andys Geburtstag und heute nacht feiern wir das Leben." Riker blickte sie verheißungsvoll an.
Dann hob er Michelle hoch und trug sie ins Schlafzimmer zurück.


Und auf der Krankenstation schaute ein glücklicher Wesley seiner Frau Yamara zu, wie sie ihren erstgeborenen Sohn Tom stillte. Fasziniert entdeckte er jedes kleine Detail an dem Baby, das zu einem Viertel Klingone war. Seine Haut war heller als Yamaras aber wesentlich dunkler als Wesleys und auf seiner kleinen Stirn bildete sich bereits sein klingonisches Erbe aus.

Im Gästequartier sah Kyle Riker sich das Familienalbum von Will und Michelle Riker an und lächelte über das Glück seines Sohnes.

In einem anderen Quartier saß ein glücklicher Jean-Luc Picard mit seinem schlafenden Sohn François in den Armen und berichtete seiner zukünftigen Frau Beverly von der Geburt des Enkelkindes.

Und in London, England auf dem Planeten Erde weinten sich Mr. und Mrs. Cook die Augen über den tragischen Tod ihrer einzigen Tochter Fähnrich Satina Cook aus, die in Erfüllung ihres Dienstes an Bord der U.S.S. Enterprise NCC-1701-D getötet worden war.

Im 24. Jahrhundert, da gab es das Leben, da gab es den Tod, da gab es die Liebe. Manchmal starben Leute und manchmal wurden Babys geboren.

6. Kapitel
Offene Rechnungen

Die Enterprise befand sich im Orbit um den Planeten Angel One. Seit Herrin Ariel nach einer unblutigen Revolution, die sie und ihr Mann Ramsey angeführt hatten, die Regentschaft übernommen hatte, zeichnete sich der Planet sehr zu seinem Vorteil aus. Männer hatten die gleichen Rechte wie Frauen erhalten. Außenweltler wurden nunmehr wirklich willkommen geheißen. Und nun war die Föderation bereit, über einen Antrag auf Aufnahme abzustimmen. Zu diesem Zweck hatte man selbstverständlich das Flaggschiff der Sternenflotte entsandt. Und niemand konnte die Verhandlungen besser führen als Michelle Riker, die ihr diplomatisches Geschick schon viele Male zuvor unter Beweis gestellt hatte. Zumal ihr Mann bereits einige Erfahrungen auf dem Planeten gemacht hatte.


Während Michelle sich in zahlreichen Sitzungen mit Herrin Ariel und anderen Regierungsvertretern traf und sich eine Meinung bilden und dadurch eine Beurteilung über den Aufnahmeantrag fällen sollte, war der Crew für die Dauer des Aufenthalts Landurlaub gewährt worden. Auch Riker nahm diesen in Anspruch, wenn Michelle nicht gerade seines Rates bedurfte.

Zur Zeit saß er im Garten des Regierungspalastes. Auf einer Decke spielte Andy mit ihren neuen Puppen, die Zwillinge krabbelten umher und Yamara wickelte das Baby. Es war eine wunderschöne Familienidylle, die Riker um nichts in der Welt missen wollte.

Will saß mit dem Rücken zum Torbogen und beobachtete seine Söhne, die fröhlich vor sich hinbrabbelnd an Yamaras langen Haaren zogen. Wie alle Klingonen hatte Yamara sehr volles, dunkelbraunes Haar. Ein schmerzlicher Aufschrei entfuhr ihr, ihr Vater lachte.
"Was in aller Welt findest du so witzig daran?!" Aber Yamara grinste bereits.
"Vielleicht wollen deine Brüder dir auf diese Weise sagen, dass du dein Haar ein klein wenig kürzer tragen solltest?!" Yamara schnaubte verächtlich.
"Worf sagt auch niemand, dass sein Haar zu lang sei! Außerdem trage ich es immer geflochten oder hochgesteckt. Und im Moment habe ich Urlaub zumindest noch bis diese Mission zu Ende ist, Commander!" Will legte beschwichtigend eine Hand auf ihre Schulter und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
"Es war nur Spaß. Du weißt, dass ich dein Haar wunderschön finde. Ändere ja nichts dran. Wann fängt das neue Semester an?" fragte Riker geschickt das Thema wechselnd, worauf Yamara das Gesicht verzog. Der Abschied von ihrem Mann und ihrer Familie setzte ihr jedes Mal zu.
"Ich fliege zur Erde sobald Mum die Verhandlungen beendet hat. Ich will mich noch ein wenig in Frisco einrichten. Ich werde nur die Wochenenden in LaBarre verbringen. Die ständigen Shuttleflüge sind mir zu anstrengend mit Tom. Er wird dabei immer so quengelig." Riker nickte verständnisvoll.

Völlig in Gedanken an den baldigen Abschied vertieft, bemerkte Will nicht, wie eine Frau den Garten betrat. Yamara machte ihren Vater auf sie aufmerksam.
Riker drehte sich um und erblickte ein ihm wohlbekanntes Gesicht.
"Jessica! Was in aller Welt tust du hier?" 
"Dasselbe könnte ich dich fragen, Riker. Ich für meinen Teil habe Fracht abgeliefert. Und du?" 
"Die Enterprise prüft den Aufnahmeantrag von Angel One in die Föderation und meine Frau führt die Gespräche", erklärte Riker, während er aufstand. Jessica war erstaunt.
"Deine Frau? Nun das ist ja wirklich bemerkenswert! Dass Will Riker sesshaft geworden ist. Kein ständiger Wechsel deiner Gespielinnen mehr?" Er blickte sie wütend an und warf einen raschen Blick auf seine Kinder. "Und wer ist das hier alles?" 
"Ich wüsste zwar nicht, was es dich angeht... Aber gut, das sind meine Kinder Yamara, Andy, Johnny und Jean-Luc und mein Enkel Tom!" Er blickte sie weiterhin wütend und herausfordernd an. "Und falls du hier bist um Unfrieden zu stiften, kannst du das gleich vergessen."
Yamara verstand kein Wort. Aber sie reimte sich ihren Teil zusammen. Diese Jessica war wohl eine der Verflossenen ihres Vaters. Und so wie sich das Gespräch anhörte, waren sie nicht in Frieden auseinander gegangen. Vorsichtshalber spitzte sie die Ohren. Man konnte ja nie wissen. Schließlich hatte sie mit den Männern ihrer Mutter auch schon so manches erlebt. Sie dachte an Julian Bashir, den verhasstesten unter ihren vermeintlichen "Stief- oder sonst wie Vätern" abgesehen natürlich von Kon. Doch den hatte sie nie wirklich als Vater angesehen. Als er auf der Krankenstation gelegen hatte, war Yamara kurz vorbei gegangen. Er hatte sich offenkundig gefreut. Die Freude verflog sehr schnell, als Yamara ihr klingonisches Messer zückte und sich in die Hand ritzte. Sie ließ das Blut auf Kons Uniform tropfen und schwor, sollte er jemals wieder in die Nähe irgendeines Mitgliedes ihrer Familie kommen, würde sie ihn schneller in die klingonische Hölle befördern, als er Kahless' Namen anrufen konnte. Kon nahm den Blutschwur seiner Tochter ernst. Doch diese Frau würde Riker bestimmt nicht mit einem Blutschwur schrecken können. Yamara hatte ein ganz ungutes Gefühl bei ihr.

"Ganz ruhig, Riker. Ich finde es nur erstaunlich, dass du endlich sesshaft geworden bist und dann gleich eine Schar von Kindern. Meine Hochachtung", bemerkte sie nicht ohne einen bissigen Unterton und einem schiefen Grinsen im Gesicht.
"Ach, komm schon, Jessica. Ich glaube dir kein Wort! Sicherlich willst du die Rechnung begleichen, weil es mit uns nicht geklappt hat!" Sie warf einen Blick auf Yamara, die dem Gespräch aufmerksam lauschte.
"Willst du das wirklich hier diskutieren?" Riker schnaubte verächtlich.
"Ich habe keine Geheimnisse vor meinen Kindern! Sag, was du willst und dann verschwinde! Ich will einfach nur in Frieden leben. Du musst einsehen, dass wir nicht zusammengepasst haben. Deswegen war die Trennung richtig." 
"Weiß deine Frau eigentlich von uns?" 
"Ja, wieso?" log Riker gelassen. Jessica nickte in Richtung des zweiten Torbogens.
"Weil sie gerade hinter dir steht und zuhört..." Riker drehte sich langsam um. Er trat auf seine Frau zu und küsste ihre Wange. Dann verbeugte er sich respektvoll vor Herrin Ariel und ihrem Gatten Ramsey.

"Gibt es Probleme, ehrenwerter Commander Riker?" fragte Herrin Ariel, die sich fragte, was sich gerade hier abspielte.
"Nein, Herrin Ariel. Dies ist Jessica Farell, eine frühere Bekannte von mir. Sie wollte gerade gehen." Er drehte sich um und warf Jessica einen giftigen Blick zu. Diese grinste nur dreist und ging.

"Hab ich was verpasst?" fragte Michelle eher beiläufig.
"Nun, wie man's nimmt. Eine kleine Liaison mit unschönem Ende. Ich bat den Captain der Potemkin um meine Versetzung, sie wurde aber an meiner Stelle versetzt. Irgendwann ist sie aus der Flotte ausgetreten. Ende der Geschichte." Michelle nickte. Fürs Erste genügte ihr diese Antwort, besonders in Gegenwart der Herrin.

Unbemerkt von der Gruppe beobachtete Jessica ihren ehemaligen Liebhaber und hörte seine Lügen. In ihrer Erinnerung hatte sich alles ganz anders zugetragen. Ja, sie war versetzt worden, aber auf sein Ersuchen hin. Er war schnurstracks zum Captain marschiert und hatte sich ihrer entledigt. Fortan galt sie in der Sternenflotte als leicht zu haben und sich noch leichter ihrer zu entledigen. Sobald sie sich der Avancen ihrer männlichen Crewmitglieder erwehrte, wurde man sie los. So dachte sie. Somit war Jessica aus ihrer Sicht der Dinge keine andere Wahl geblieben, als den Dienst in der Sternenflotte zu quittieren. Fortan arbeitete sie als Frachtercaptain mit einer fast ausschließlich weiblichen Crew. Die einzige Ausnahme bildete ihr vulkanischer Navigator, der seit 96 Jahren eine feste Partnerin auf Vulkan hatte.
Riker hatte ihre großartige Karriere zerstört, in einem einzigen Augenblick zunichte gemacht, woran sie ihr Leben lang gearbeitet hatte und er selbst hatte ganz offensichtlich das große Los gezogen, auf Kosten ihrer Karriere. Doch nun bot sich ihr eine einmalige Chance die offene Rechnung zu begleichen. Da Riker ganz eindeutig sehr an seiner Familie hing, war das seine Achillesferse. Jessica grinste diabolisch, während sie sich umdrehte, in Richtung Stadt ging und Pläne schmiedete.

Es war Abend. Im Bankettsaal des Regierungspalastes wurde ein Festessen gegeben. Michelle nahm mit ihren Führungsoffizieren und auf besonderen Wunsch Herrin Ariels auch mit Yamara und Wesley teil. Die Herrin stellte den Wert der Familie sehr hoch und so war es selbstverständlich Captain Riker nebst Familie einzuladen. Leider hatte sich Jean-Luc ihnen nicht angeschlossen. Er hatte einen anstrengenden Tag auf der Krankenstation gehabt. Vash ging es zusehends schlechter, was nicht ohne Auswirkungen auf das Baby blieb.
Natürlich wollte Michelle dann ihren Vater nicht auch noch als Babysitter beanspruchen. Um nun Umstände zu vermeiden, hatte man die Kinder in einem der Gästezimmer schlafen gelegt und würde sie nach dem Empfang mit zurück auf das Schiff nehmen.

Doch noch während des Hauptgangs stürmte ein Mitglied von Ariels Leibwache in den Saal. An der rechten Schläfe eine klaffende Wunde.
Herrin Ariel blickte erschrocken auf. "Was ist passiert, Udine?"
Völlig außer Atem erklärte diese: "Die Kinder. Jemand hat mich überwältigt und sie entführt." Riker war als Erster zu einer Reaktion fähig. Er schlug mit den offenen Handflächen auf den Tisch und stand auf. "Jessica", knurrte er. "Nur sie kann es gewesen sein. Sie will sich rächen, weil ich in ihren Augen ihre Karriere in der Sternenflotte ruiniert habe." 
"Und hast du?" 
"Micky!" Er war empört über Michelles Vorwurf.
"Will, du hast die Geschichte mit dieser Frau nur angedeutet. Also, was ist damals wirklich passiert?" Er blickte in die Runde, besonders auf Herrin Ariel. Diese nickte ihm verständnisvoll zu.
"Also gut. Es hat gewaltig geknistert zwischen uns. Wir hatten eine Affäre. Irgendwann merkte ich aber, dass meine Arbeit darunter litt. Ich konnte mich nicht voll auf die Missionen konzentrieren. Ich wollte mit Jessica darüber reden. Es gab einen Riesenstreit. Wir trennten uns. Die Zusammenarbeit war aber nun noch problematischer. Deshalb ging ich zum Captain und bat um meine Versetzung. In seinen Augen war ich unersetzlich, Jessica hingegen nicht. Er entschied, dass sie versetzt wurde. Schnell entstand auf dem Schiff das Gerücht, dass ich für ihre Versetzung gesorgt hätte, weil ich im Rang über ihr stand. Mein Fehler war, dass ich dieses Gerücht nie richtig gestellt habe." Er blickte traurig und schuldbewusst seine Frau an.
"Und deshalb sind mein Baby und meine Geschwister jetzt in Gefahr? Nur weil du der Held bei deinen Freunden sein wolltest?" fauchte Yamara. Sie kochte vor Wut, ballte unter dem Tisch ihre Hände zu Fäusten. Sofort stand Michelle auf und legte beschwichtigend eine Hand auf die Schulter ihrer aufgebrachten Tochter.
"Ganz ruhig, Yamara. Dein Vater hat seinen Fehler eingesehen. Also beruhige dich erst einmal. Wir holen die Kinder zurück." Yamaras Herz schlug heftig, ihr klingonisches Blut rauschte in ihren Adern. Sie war so unermesslich wütend auf diese unehrenhafte Frau und ihren Vater, zum ersten Mal seit sie ihn kannte. Sie wollte ihn tatsächlich schlagen, ihren eigenen Vater. Doch dann spürte sie unter dem Tisch einen sanften, aber bestimmten Druck auf ihrer Hand. Wesley blickte sie besorgt, aber dennoch gütig lächelnd an, was ihr fürs erste den Wind aus den Segeln nahm. Doch ihr Blut hatte sich keineswegs abgekühlt. Yamara war bereit, dieser Jessica das Herz aus ihrer elenden Brust zu reißen, sollte den Kindern etwas passiert sein. Sie hatte nie viel von den klingonischen Riten gehalten. Doch heute verspürte sie zum ersten Mal seit dem Blutschwur Kon gegenüber den Drang, jemand mit ihrem Bat'leth zu töten oder mit ihrem D'k-tahg-Messer aufzuschlitzen. Sie begriff die Bedeutung des Wortes "Rache" und den klingonischen Sinn für Ehre.
Und sie begriff die Angst einer Mutter um ihr Kind. Yamara blickte auf, sah ihre eigene Mutter auf einmal in einem ganz anderen Licht. Sie verstand jetzt, weshalb Michelle sie auf der Erde gelassen hatte, in Sicherheit. Die Galaxis war ein gefährlicher Spielplatz für kleine Kinder. Das erkannte sie jetzt.


Für Michelle war es an der Zeit, Hilfe zu rufen. Sie betätigte ihren Kommunikator, der an ihrer Galauniform heftete. "Riker an Enterprise."
"Enterprise hier, Captain." 
"Data, unsere Kinder wurden aus dem Palast entführt. Scannen Sie die Planetenoberfläche." 
"Aye, Captain." 
"Worf, ich brauche sofort fünf Teams, die die Kinder suchen." 
"Ja, Ma'am." 
"Und, Worf, wecken Sie den Admiral. Wir brauchen ihn. Riker Ende."


Zehn Minuten später traf Worf mit seinem besten Leuten und Picard ein. Michelle zog ihren Sicherheitschef sofort zur Seite und klärte ihn auf, während Will seinem Schwiegervater gegenüber trat.
"Worf, ich mache mir Sorgen um Yamara. Ihr klingonisches Blut kocht förmlich. Würden Sie in Funktion als ihr Patenonkel mal mit ihr reden? So von Klingone zu Klingone?" Er nickte und ging sofort zu Yamara.
Michelle verstand nur ein paar klingonische Wortfetzen wie "quvHa'ghach", was Ehrlosigkeit bedeutete. Auch Kahless' Name fiel mehrfach. Folgendes verstand Michelle: "Duj tlvoqtaH! (Vertraue immer deinen Instinkten), "bortaS bIr jablu ‚DI'reH QaQqu' nay' " (Rache ist eine Mahlzeit, die man kalt serviert) und natürlich den Schlachtruf der Klingonen: "Qapla' ". Ihr gefiel durchaus nicht alles, was sie gehört hatte, aber sie war vorbereitet. Schließlich wandte Michelle sich Riker und ihrem Vater zu.
"Oh, ich sehe, er hat dich am Leben gelassen." 
"Mein liebes Kind, du hast nie Jugendsünden begangen, für die du erst später die Rechnung erhalten hast, oder?" 
"Oh doch, und die Einzige, auf die ich wirklich stolz sein kann, steht dort hinten und spricht mit Worf." Alle drei blickten lächelnd zu Yamara, die sich allmählich wieder beruhigte.
"Worf kann mit ihr so gut umgehen. Ich bin froh, dass wir ihn haben... So, aber nun wollen wir aufbrechen." Herrin Ariel trat an sie heran.
"Captain Riker." 
"Ja, Herrin Ariel?" 
"Ich biete Ihnen mein persönliches Shuttle an. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass diese Frau Ihre Kinder in die Höhlen des Lichts gebracht hat. Sie sind aus einem besonderen Metall beschaffen, dass jegliche Scannerstrahlen abblockt. Dies bietet ein perfektes Versteck." 
"Danke, Herrin Ariel." Sie verneigte sich respektvoll. Dann instruierte der Captain die Teams. "Team eins durchsucht zur Sicherheit die Stadt. Zwei und drei gehen zu Fuß zu den Höhlen des Lichts und drehen jeden Stein um. Vier und fünf, Worf, der Admiral und der Rest folgen mir." Sie nickte, alle setzten sich in Bewegung.
Wesley ging an Michelle vorbei. Sie packte ihn am Arm. "Wes." Er blieb stehen und funkelte seine Schwiegermutter wütend an. "Hey, ganz ruhig, mein Sohn (kleiner Bruder, dachte sie, denn das würde Wes ja auch bald für sie sein). Meine drei Kinder sind auch in Gefahr. Eigentlich wollte ich dich bitten, ein Auge auf deine Frau zu haben. Aber ich glaube, ihr solltet beide auf die Enterprise zurückkehren." Wesley schnappte nach Luft, konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte.
"Sorry, Michelle. Das kannst du vergessen. Wenn du es befiehlst, kannst du uns beide gleich in den Arrest stecken. Ich werde meinen Sohn holen." Noch nie hatte Michelle den Jungen so energisch und entschlossen erlebt. Dennoch. Sie packte ihn erneut am Arm und hielt in fest. Zwang ihn sie anzusehen.
"Ich lasse dir das heute ausnahmsweise durchgehen, weil du als Vater Angst um deinen Sohn hast. Aber noch einmal so eine Nummer, und ich werde dich ganz schön schwitzen lassen, Lieutenant! Will und ich haben genauso Angst um die Kinder!" Wesley wollte etwas erwidern, aber Michelle unterband es sofort. "Einen Ton über Wills Fehlverhalten..." Um ihre Worte zu unterstreichen, hob sie drohend einen Finger. Sie brauchte nicht zu Ende zu sprechen. Wes verstand. Michelle nickte. "Enterprise oder Suchtrupp?"  "Suchtrupp, Ma'am." Sie nickte wieder. "Kümmere dich bitte um Yamara." Er wandte sich zur Tür.
"Picard an Riker. Wir sind abflugbereit." Michelle aktivierte den Kommunikator.
"Wir kommen, Dad."

Die beiden rannten aus dem Palast zum Shuttlehangar. Picard stand an der Schleuse. Er wirkte erschöpft. Wesley nickte knapp und trat an ihm vorbei in Richtung Pilotenkanzel. Michelle stellte sich neben ihren Vater, die Luke schloss sich. Der Start wurde unverzögerlich eingeleitet.
"Geht's dir gut?" Er sah so erschöpft aus. Michelle kannte ihren Vater nur als großen, starken Mann. Sie war erschrocken über die dunklen Ringer unter seinen Augen.
"Ich bin müde, Kind. Das ist alles. Vash geht es sehr, sehr schlecht." Sie setzten sich. Michelle legte ihren Kopf an die Schulter Picards. Noch vor einigen Jahren wäre eine solche Geste unmöglich gewesen.
"Dad, ich bin auch müde. Ständig die Sorge um die Sicherheit der Kinder. Überall brechen neue Kriege aus. Das Dominion, die Borg, der unsichere Frieden mit den Romulanern. Überall und ständig wird die Enterprise gebraucht. In einem Fort spielen wir Feuerwehr. Ich will wieder Forscher sein und nicht alle fünf Minuten die Galaxis vor irgendwelchen irren Despoten retten. Seien sie nun flüssig, kybernetisch oder nur durchgeknallte Exfreundinnen meines Mannes." Picard lächelte verständnisvoll.
"Ich weiß, ich weiß. Es ist nicht einfach das Flaggschiff zu kommandieren. Wenn es brennt, wirst du gerufen. Egal, ob deine Kinder gerade Bauchschmerzen haben oder an einer Schulaufführung teilnehmen. Das ist nicht immer leicht. Aber, hey, du bist schließlich eine Picard. Wir sind geboren, um zu den Sternen zu reisen und die Galaxis zu retten." Sie lächelte.

"Wir sind gleich da. Und die Kinder haben sich auch wieder beruhigt." Michelle schenkte auch Will ein kleines Lächeln, der ihr sanft durchs Haar strich. Sie ließ ihn gewähren, obwohl sie ihn lieber zusammenstauchen würde für sein Verhalten.
"Wir finden sie schon. Andy kümmert sich bestimmt um die Babys." Ja, Andy war in der Tat sehr fürsorglich ihren Brüdern gegenüber und nur ein bisschen eifersüchtig. Manchmal machte sie ihrem Unmut darüber Luft, dass die Eltern den Jungs soviel Aufmerksamkeit widmeten. Doch das war schnell vergessen. Dann wiegte Andy sie in den Schlaf, half beim Wickeln. Michelles Gedanken schweiften ab. Sie dachte an ihren kleinen Bruder und an den, der noch geboren werden musste.
Beide Brüder hätten eigentlich ihre eigenen Kinder sein können vom Alter her. Irgendwann würde man den Unterschied vermutlich nicht mehr merken. Andy hatte ebenso wie ihre Mutter und Michelles Brüder die feinen, fast aristokratischen Gesichtszüge der Picards. Genauso wie Michelles Kinder wenige Äußerlichkeiten von Riker abbekommen hatte, hatte François wenig von seiner Mutter und ähnelte umso mehr Picard.
Michelle dachte traurig an Vash. Ihre Kraftreserven waren fast aufgebraucht, um das Baby am Leben zu halten und wachsen zu lassen. Jeden Tag schlug ihr Herz ein klein wenig langsamer, jeden Tag mussten die Maschinen ein klein wenig mehr für sie arbeiten. Für Picard war es die Hölle auf Erden. Nichts was er erlebt hatte, war so schrecklich wie diese Situation. Es war schrecklich Vash so zu sehen. Sie sah aus, als schliefe sie nur und ihr Bauch wurde ständig fülliger. Jeden Tag sah er sie auf der Krankenstation. Seine Frau - Scheidung hin oder her, Beverly - hin oder her - die Mutter seines Sohnes, kämpfend um das Leben eines weiteren Picard. Ihm war klar, dass einzig ihre Habsucht sie soweit gebracht hatte. In einer Zeit, da materieller Reichtum unwichtig geworden war, war Vash immer wieder auf die falschen Wege geraten. Aber hatte Picard nicht vielleicht auch einen Anteil daran? Hatte er Vash ungewollt in diese Richtung manövriert? Waren ihre Vorwürfe bezüglich seines Verhaltens ihr gegenüber vielleicht sogar berechtigt gewesen? All das ging Picard durch den Kopf, als sie zu den Höhlen des Lichts flogen.

"Was sagen die Sensoren, Wesley?" hörte Picard seine Tochter fragen, dankbar, von den nagenden Fragen über Vash und seine mögliche Mitschuld an ihrem Schicksal, abgelenkt zu werden.
"Nichts. Die Sensorstrahlen werden einfach reflektiert. Ich kann noch nicht einmal das Gestein analysieren, aus dem die Höhlen bestehen. Aber ich habe einen Landeplatz ganz in der Nähe gefunden, der gut geschützt ist." 
"Navigator, fliegen Sie uns hin." Für einen kurzen Augenblick huschte ein Lächeln über Yamaras Gesicht. Doch dann wurde sie sich schmerzlich bewusst, wen sie dort unten suchten.
"Aye, Ma'am", erklärte sie nüchtern.
Michelle zuckte zusammen. Sie verstand, was Yamara durchmachte. Sie verstand, die Ängste, die ihr Vater gerade ausstand. Die ständige Angst um die Kinder. Der bittere Beigeschmack der Elternschaft. Michelle war der festen Überzeugung, dass ihr und ihrer Familie nie etwas Schlimmes passieren würde. Oder doch? Lag nicht Vash im Sterben? War nicht das Baby in Gefahr mit ihr zu sterben? Und nun waren die übrigen Kinder auch noch in Lebensgefahr. Tage wie diese lieferten ihren Zweifeln genug Nährboden. Hatte sie den richtigen Weg gewählt, jetzt da sie kleine Kinder hatte, die sie ständig brauchten? Michelle sah sich fragend im Shuttle um. Umgeben von ihrer Familie, ihren Freunden und den besten Mitgliedern ihrer Crew, war sie sich plötzlich absolut sicher. Das alles war es wert. Sie hatten schon so viel zusammen erlebt und Gutes bewirkt in der Galaxis. In Michelles Augen gab es keinen besseren Ort für die Kinder im Universum als die Enterprise, um zu wohlerzogenen, ehrlichen und guten Menschen heranzuwachsen. Picard hatte ihr damals das schönste Geschenk ihres Lebens gemacht, als er von seinem Posten als Kommandant der Enterprise zurückgetreten war. Natürlich hatte er schon damals gewusst, dass er die Position als Leiter der Sternenflottenakademie übernehmen würde. Das Warpkanal-Projekt war nur eine Übergangsfunktion für ihn gewesen, um ihn langsam an den permanenten Aufenthalt auf der Erde zu gewöhnen. Aber ohne Picards Einfluss hätte Michelle in ihren jungen Jahren, nie das Flaggschiff der Flotte erhalten. Mal von ihrer tadellosen Dienstakte und einigen herausragenden Leistungen abgesehen, war es einfach nicht üblich gewesen. Aber sie hatte sich bewährt, ihre Crew hatte sich bewährt. Und jetzt, heute Abend, würden sie sich bei der Rettung der Kinder auch wieder bewähren.


Yamara setzte das Shuttle sanft, aber schnell auf. Letzte Instruktionen folgten. Dann strömte das Team aus. An der Spitze natürlich die Rikers, der Admiral, die Kinder, Worf und seine Sicherheitsleute folgten dicht auf.

"Jetzt bist du dran, Riker. Lenk sie ab, damit wir die Kinder rausholen können." Und dann gehört sie mir, dachte Yamara grimmig. Michelle warf einen raschen Blick auf ihre Tochter, voller Besorgnis. Sie flüsterte jetzt. "Dad, wenn es soweit ist, sei bereit Yamara im Zaum zu halten. Sie wird wahrscheinlich wild um sich schlagen." Er nickte.
"Und schießen?" fragte Picard ebenso besorgt.
"Ihr Phaser ist nicht voll geladen. Unterschätze nie wütende Klingonen, auch keine halben." Er grinste und blickte verstehend zu Worf, der die Phaser im Shuttle ausgeteilt hatte.

Riker betrat die Höhle. Im hinteren Bereich schien eine Lichtquelle künstlichen Ursprungs.
"Jessica, ich bin hier. Lass die Kinder gehen. Dann können wir reden." Ein Lachen ertönte, verächtlich, dann gequält.
"Reden, Riker!? Dazu kommst du zwanzig Jahre zu spät!" 
"Jessica, bitte lass die Kinder nicht für meinen Fehler bezahlen. Sie können nichts dafür, dass ich auf der Potemkin ein Feigling war, nur weil ich als Casanova bei meinen Freunden gelten wollte. Dieser törichte Lieutenant hat nichts mehr mit dem Commander von heute zu tun." Bei dem Wort "Commander" verzog Jessica angewidert das Gesicht.
"Oh, glaub mir, ich habe auch nichts mehr mit dem kleinen, naiven Fähnrich zu tun, Commander!" Wieder dieses verächtliche Lachen.
"Das sehe ich", murmelte Riker.

Währenddessen schlichen sich Michelle und Wesley von hinten an die Kinder ran. Worf war ebenfalls in Position, ebenso wie Picard.
"Und wo ist deine Frau?" 
"Hier!" Michelle tauchte direkt hinter Jessica auf. Die überrumpelte Jessica drehte sich um. Michelle landete einen Treffer im Gesicht. Jessica konnte den Schlag nicht mehr abwehren und ging zu Boden.

"Es geht los!" Im nächsten Augenblick tauchten überall Michelles Leute mit gezogenen Phasern auf. Worf trat auf Jessica zu um sie zu verhaften. Michelle nickte ihrem Vater zu, damit er Yamara nötigenfalls festhalten konnte. Picard erwiderte das Nicken. Und schon im nächsten Augenblick versuchte Yamara einige Schritte nach vorne zu springen, aber Picard packte sie und schüttelte den Kopf. Lass es sein, sagte sein Blick. Doch Yamaras Blut kochte noch immer in ihren Adern, mehr denn je. Nun sah sie, dass Tom wohlbehütet in den Armen seines Vaters ruhte. Nun konnte sie sich über Jessica hermachen.
"Lass los, Großvater!" zischte sie.
"Nein, das werde ich nicht." Yamara begann sofort, wie von ihrer Mutter prophezeit, wild um sich zu schlagen und zu treten. Die Sicherheitskräfte blickten teils amüsiert, teils besorgt in Richtung des Admirals und fragten sich, ob sie ihm zu Hilfe kommen sollten.
Yamara stieß einige klingonische Verwünschungen gegen Picard aus und dann trat sie. Ihrem Großvater gegen das Schienbein. Picard lockerte seinen Griff nur für einen Sekundenbruchteil, von der Überraschung und einer Schmerzwelle überrumpelt. Diesen Augenblick machte Yamara sich zunutze, sprintete los und warf ihren Phaser beiseite. Diese Sache wollte sie mit den Fäusten erledigen, wie eine echte Klingonin.

"Yamara, nein", riefen ihre Eltern. Wesley trat zurück, um das Baby in Sicherheit zu bringen. Riker streckte die Hand nach seiner Tochter aus, als sie an ihm vorbei rannte. Diese schlug sie weg und warf ihm nur einen bösen Blick zu.
Michelle trat energisch vor ihre Tochter. "NEIN!" Yamara funkelte auch sie böse an, mit wenig Erfolg. Michelle lebte schon lange genug mit dem Temperament ihrer Tochter und ihrem eigenen, als dass sie davor Angst haben würde.
"Einen Schlag, Mutter. Dann bin ich zufrieden." 
"Halt dein Temperament im Zaun, sonst weißt du ja, wo du heute Nacht schlafen wirst, Fähnrich!!!" Das bremste Yamara ein wenig, aber noch war sie nicht endgültig dazu bereit auf ihre Rache zu verzichten.
Inzwischen hatte Worf Jessica Farell hochgezogen und ihr Handschellen angelegt. Gerade wollte der Sicherheitschef sie aus der Höhle und auf die Enterprise bringen. Leider führte er sie ein klein wenig zu dicht an der wütenden Yamara vorbei. Ganz beiläufig holte diese aus und verpasste Jessica einen linken Haken. Man hörte, wie der Kiefer brach.
"Yamara! Jetzt reicht es! Worf, schaffen Sie Captain Farell sofort auf die Enterprise. Lieutenant Milton, verhaften Sie Fähnrich Crusher. Sie steht unter Arrest. Führen Sie sie nachher in meinen Raum!" Dies duldete keinen Widerspruch. Yamara blickte ihre Mutter trotzig an, widersprach ihrem Captain aber nicht. Sie trat neben Wesley und ließ sich von Lieutenant Milton aus der Hölle eskotieren.
Michelle hörte noch, wie ihr Schwiegersohn Yamara bittere Vorwürfe machte. Wenigstens sah Wesley ein, dass seine Frau falsch gehandelt hatte.

"Zurück zum Schiff! Lieutenant Masterson, fliegen Sie das Shuttle in die Hauptstadt zurück und bedanken Sie sich in meinem Namen bei Herrin Ariel." Er nickte und verließ die Höhle. Die anderen folgten.

Michelle packte Riker am Arm und hielt ihn zurück. Sie hatte noch ein Hühnchen zu rupfen. Doch zuerst gab sie Picard, die Zwillinge in die Arme und schob Andy in Richtung Ausgang. "Geh schon mit Großvater vor, Liebling. Wir kommen gleich." Dann deutete sie Picard vorauszugehen.

"So, und nun zu dir." Riker machte einen verblüfften Eindruck. Es war doch alles gut ausgegangen, wozu jetzt noch streiten?
"Yamara hatte ganz Recht, du Casanova! Du hast die Kinder in Gefahr gebracht! Nur wegen diesem pubertären Machogehabe!" Riker hob entschuldigend die Hände.
"Micky, es tut mir leid. Das weißt du auch. Es ist doch gut gegangen." Michelle schnappte nach Luft. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.
"Verdammt, Riker. Hättest du mir nicht gleich die Geschichte erzählen können?! Dann hätte ich die Kinder auf dem Schiff gelassen." 
"Hätte ich es in Gegenwart von Herrin Ariel tun sollen, heute Mittag im Garten?" 
"Nein, aber sofort nach unserer Rückkehr auf die Enterprise! Du hast diese Frau einfach unterschätzt, hast immer noch den Fähnrich von damals in ihr gesehen, das war ein Fehler." Und dann machte Riker einen weiteren entscheidenden Fehler und begegnete seiner Frau mit Trotz.
"Und was willst du jetzt machen? Mir die Nase brechen, wie Julian Bashir?" Und Michelle nahm die Herausforderung an, holte aus und schlug zu. "Genau!" Riker fasste sich an die gebrochene, blutende Nase und sah seiner Frau nach, die zum Ausgang davon rauschte. Sie war aber auch so verdammt treffsicher mit ihrer Faust, dachte Riker noch und ließ sich auf die Krankenstation der Enterprise beamen.

Kurze Zeit später betrat Michelle die Krankenstation, um nach Riker zu sehen. "Geht's deiner Nase wieder gut?" Er nickte, war nicht erpicht auf eine Unterhaltung mit ihr. "Tut mir leid, aber ich war so wütend auf dich." 
"Aber wieso hast du gewartet? Beim Empfang warst du ganz gelassen."  "Beim Empfang war ich der Captain. Und dann musste ich eine Rettungsmission koordinieren. Und Yamara im Zaum halten. Und als wir alleine waren, war ich nur die Mutter unserer Kinder und habe meine Wut zugelassen. Ich musste es einfach trennen. Erst kommt der Dienst, dann die Familie. Das weißt du, wir sind schließlich nicht erst seit gestern verheiratet! Und ich muss den Vorfall im Logbuch vermerken." Eigentlich war das Thema für Michelle damit erledigt. Für Riker noch nicht.
"Und Yamara, sie hat Jessica angegriffen, du hast sie angegriffen, du hast mich geschlagen. Was ist damit?" 
"Yamara sitzt im Arrest, zumindest bis morgen früh und sie bekommt eine angemessene Strafe. Sie hat gegen einen direkten Befehl gehandelt. Ich habe Jessica geschlagen um sie zu überrumpeln. Und dich habe ich geschlagen, weil du mich provoziert hast mit deiner Aussage über Julian. Das kommt auch alles ins Logbuch. Aber ich hoffe, du willst mich nicht vors Kriegsgericht bringen." Riker verzog das Gesicht. Das war einfach alles zu verrückt für ihn. Aber ein normales Leben würde mit dieser Frau wohl nie möglich sein.
"Nein, ich will nur, dass du deinen Fehler eingestehst, so wie ich meinen eingestanden habe." Sie nickte und wandte sich zum Gehen. "Friede?" 
"Ja", erklärte Michelle, drehte sich aber nicht um.
"Wo gehst du hin?" 
"Zu Jean-Luc. Vash geht es sehr schlecht. Er braucht mich." Und dann ging sie und überließ Riker sich selbst. Und der fragte sich, wie er nun reagieren sollte. E war sauer, weil sie ihn angegriffen hatte. Aber es war besser gewesen einen schnellen Waffenstillstand auszuhandeln. Nachdenklich fuhr er sich über die Nase. Hatte er das genauso verdient wie Bashir? Vielleicht. Das Temperament seiner Frau überraschte ihn immer wieder. Auf dem diplomatischen Parkett war sie so souverän, wie man es sich von Jean-Luc Picards Tochter vorstellte. Doch bei einem Disput mit ihm verlor sie so schnell die Geduld. Picard war nicht so, das wusste Riker aus ihrer gemeinsamen Dienstzeit. Dem guten, alten Jean-Luc war allenthalben mal ein "Merde" über die Lippen gekommen. Offensichtlich hatte Michelle dieses Temperament von ihrer Mutter. Er würde sie in Ruhe lassen und nach Hause zu seinen Kindern gehen. Er hatte wahrlich keine Lust auf weitere Streitereien und weitere gebrochene Nasen. Also ließ er es dabei bewenden. Morgen konnte er noch einmal in aller Ruhe mit Micky darüber reden.


"Computerlogbuch der Enterprise,  Captain Michelle Riker, Nachtrag. Wir haben die Kinder befreit, Captain Jessica Farell steht unter Arrest und wird im Anschluss an diese Mission zur Starbase 47 gebracht, wo sie sich der Anklage, die auf Entführung und Kindesraub lautet, stellen muss.
Leider ist es während der Rettungsmission in den sogenannten Höhlen des Lichts auf Angel One zu einigen Ausschreitungen gekommen. Diese traten auf, da ich und die in die Entführung involvierten Crewmitglieder keine eindeutige Trennung zwischen Dienst und der Sorge um unsere Familie vornehmen konnten.
Um das Überraschungsmoment auf unserer Seite zu haben, lenkte Commander Riker Captain Farell ab. Währenddessen schlichen Lieutenant Crusher und ich in die Nähe der Kinder. Als ich genau hinter Captain Farell stand, sprach ich sie an und schlug sie in einem günstigen Augenblick zu Boden, um die Gefahr für die Kinder so gering wie möglich zu halten. Bedauerlicherweise konnten wir trotz vereinter Bemühungen Fähnrich Crusher nicht von Gewalttätigkeiten gegen Captain Farell abhalten.
Als Captain Farell gefesselt und von Lieutenant Worf überwacht an Fähnrich Crusher vorbeigeführt wurde, schlug diese zu und brach Captain Farell den Kiefer. Dies geschah gegen meinen ausdrücklichen und direkten Befehl und unter Androhung von disziplinarischen Maßnahmen, die auch ergriffen werden.
Nach dem Aufbruch zum Schiff erfolgte ein Aussprache zwischen mir und meinem ersten Offizier, die rein privater Natur war und in Funktion als Ehepaar und Eltern stattfand. Diese Tatsache möchte ich besonders hervorheben, bevor ich das Nachfolgende schildere. Commander Riker und ich sprachen als Mann und Frau miteinander, nicht als Captain und erster Offizier. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung und einer Provokation von Seiten Commander Rikers. Infolge dessen holte ich aus, schlug zu und brach meinem Mann die Nase. Commander Riker sieht von einer Anklage ab, da dies ein rein privater Streit gewesen ist.

Persönliches Logbuch, Nachtrag:
Was für ein Tag! Ich habe Will die Nase gebrochen! Ich war so wütend auf ihn, weil er bewusst die Kinder in Gefahr gebracht hat. Und dann hat er mich auch noch provoziert, in dem er mich auf Julian und meine Nasenbruch-Aktion bei ihm ansprach. Tja, und dann hatte auch er eine gebrochene Nase. Ich war so wütend, aber es falsch von mir, so überzureagieren. Wie soll ich gegen Yamara disziplinarische Maßnahmen ergreifen, wenn ich selbst nicht besser bin und handgreiflich gegen meinen eigenen Ehemann werde? Schon wieder. Nur Jackson kam bisher ungeschoren davon... Logbucheintrag Ende."

Picard schmunzelte. Seine Tochter hatte den Eintrag in seinem Quartier vorgenommen um erst einmal zur Ruhe zu kommen.
"Wenn du deinem Mann auch noch sagst, dass du falsch gehandelt hast, dürfte es mit deiner Absolution in Ordnung sein, denke ich." Jean-Luc hatte zunächst ungläubig den Kopf geschüttelt und dann losgelacht, als er von der kleinen Aussprache gehört hatte. Keine Frage, wo Yamara ihr Temperament her hatte. Er strich über sein Bein und den blauen Fleck, den seine Enkelin ihm verpasst hatte. "Kinder! Mit euch hat man nur Ärger", erklärte er lachend.

Michelle blickte ihren Vater voller Liebe an. "Es ist schön, dich lachen zu sehen, Dad." Schon nahm sein Gesicht wieder einen ernsten, todtraurigen Ausdruck an.
"Ja, es ist nicht einfach im Moment. Ich bin froh, dass Beverly bald zu uns stoßen wird." 
"Ja, ich habe meinen Bericht vorgelegt. Der Föderationsrat hat dem Antrag zugestimmt. Morgen wird die offizielle Aufnahmezeremonie im Palast durchgeführt werden. Und danach fliegen wir zur Starbase 47, wo Beverly schon wartet. Ich freue mich sehr, sie wiederzusehen. Jacky ist eine verdammt gute Ärztin, aber mit Beverly habe ich so lange eng und freundschaftlich zusammengearbeitet. Und sie hat meine Kopfschmerzen, die ich die ersten Wochen wegen Riker hatte, stets zu meiner vollsten Zufriedenheit behandelt." Vater und Tochter schmunzelten, als sie an diese Zeit zurückdachten.
"Ich dachte, du würdest ihn umbringen, Michelle. Ich hatte Will gewarnt, dass du nicht zu unterschätzen bist." Dann grinste er. "Ich glaube, heute hat er das ein für alle Mal kapiert!" Michelle gab ihrem Vater einen Knuff in die Seite.
"Oh, Dad. Damit wirst du mich jetzt bestimmt den Rest deines Lebens aufziehen?!" 
"In der Tat. Das ist eine hübsche kleine Anekdote für die kleinen Familientreffen in Frankreich. Ich werde sie deinen kleinen Brüdern und deinen Kindern immer wieder erzählen. Besonders wenn sie etwas ausgefressen haben. Aber ich werde in sicherem Abstand zu dir stehen, wenn ich es das nächste Mal ansprechen werde." Michelle blickte ihren Vater kurz todernst an. Dann lachten beide laut los. Doch sofort wurden sie leiser, um Michelles kleinen Bruder nicht zu wecken, der nebenan schlief.

"Dad, ich weiß, es ist schlimm darüber zu sprechen, aber..." 
"Wie lange Vash noch leben wird,... wenn man das überhaupt noch so nennen kann. Das Baby braucht noch Zeit. Es wächst nicht so gut wie bei einer normalen Schwangerschaft. Es braucht länger als die übliche Zeit. In frühestens vier Wochen können wir es holen. Aber Dr. Melan weiß nicht, ob Vashs Metabolismus solange noch mitmacht. Es ist so schrecklich. Ich frage mich die ganze Zeit, ob ich es hätte verhindern können? Hätte ich doch nur etwas von der Schwangerschaft geahnt, ich hätte sie nicht gehen lassen... Wer hätte das ahnen können, wir wollten doch damals nur die Scheidungspapiere unterschreiben... Und da ist es eben passiert. Sie sagte was von guten, alten Zeiten." Er blickte Michelle entschuldigend an. "Ich bin auch nur ein Mann." Sie zuckte mit den Schultern. Wer konnte Picard einen Vorwurf machen? Vash war immer eine schöne Frau gewesen. Schön und hinterhältig.
Picard stand auf und ging zum Replikator. Michelle warf er einen fragenden Blick zu. "Ein Kräutertee wäre schön." Er nickte und orderte zwei Tees und ein wenig Gebäck.
Picard stellte das Tablett auf den Tisch und seufzte. "Ich bin so froh, dass den Kindern nichts passiert ist. Das hätte ich jetzt nicht auch noch verkraftet. Nicht so kurz nach Roberts und Maries Tod. Nein, das wäre zuviel gewesen..." Picards Augen wurden glasig. Er wischte sich darüber. Michelle berührte ihn sachte, legte behutsam eine Hand auf seine und blickte ihn an.
"Ich wünschte, ich könnte dir helfen. Du hast mir soviel Gutes getan, und ich habe es dir die Hälfte meines Lebens nur mit Hass gedankt." 
"Ach, Michelle. Du warst ein verletztes Kind. Deine Welt war aus den Fugen geraten. Du warst doch erst siebzehn. Und auf einmal änderte sich dein ganzes Leben. Und kurz danach die Geschichte mit Kon, und dass Amanda so skrupellos gewesen ist, dich vor die Tür zu setzen. Aber ich bin froh, dass jetzt alles gut zwischen uns ist. Und dass du mir so wundervolle Enkel geschenkt hast. Und Yamara und Wes meinen Ur-Enkel. Und dass ich noch einmal Vater werden durfte..." 
"Du wirst auch noch ein weiteres Mal Vater werden, glaub mir... Hast du denn schon einen Namen?" Er schluckte.
"Ich versuche, die Gedanken daran zu verdrängen, sobald sie auftauchen. Ich habe Angst, das könnte das Schicksal des Babys besiegeln. Oder ich sehe es nicht mehr nur als Baby, sondern schon als meinen Sohn - und dann überlebt er am Ende vielleicht nicht."
Dann blickte er seine Tochter lange an. "Doch ich habe schon einen Namen, wenn er es schaffen sollte. Was wäre unsere Familie ohne einen Robert Picard? Er soll Robert heißen." 
"Es gebe keinen besseren Namen für meinen kleinen Bruder. Wenn du es nicht getan hättest, hätte ich mein nächstes Kind Robert genannt." Picard nickte, ein Robert Riker wäre auch schön, aber Robert Picard in Erinnerung an seinen Bruder war besser. Dann blickte er seine Tochter begreifend an, Picards Augen weiteten sich.
"Bist du denn...?" 
"Wer weiß? Wir haben zwar aufgepasst. Aber wir vergessen ständig diese verfluchten Spritzen. Ich kann Yamara eigentlich keine Vorwurf machen. Ihre drei Geschwister sind durch unsere Dummheit auf der Welt. Du kennst das ja, man ist auf dem Weg sich seine Verhütungsspritze zu holen und schon wird das Schiff angegriffen oder das Außenteam ist in Gefahr... Es könnte also wieder passiert sein... Doch, Dad, sag es noch niemand. Auch Will nicht. Ich muss erst sicher sein." 
"Warum gehst du nicht zu Dr. Melan? Sie wird dich doch sicher sofort untersuchen." Michelle lächelte ihn linkisch an.
"Ich möchte aber lieber von Beverly untersucht werden. So wie bisher immer. Und wenn ich tatsächlich wieder schwanger bin, möchte ich auch von niemand anderem als Beverly entbunden werden. Ist irgendwie schon zu einer schönen Tradition geworden." Picard umarmte seine Tochter.
So verharrten sie einige Zeit. Stillschweigend, Arm in Arm, in der Stille des Universums. Michelles Kopf lag an der Brust ihres Vater, sie hörte seinen gleichmäßigen Herzschlag. Wie beruhigend. Yamara hatte als Kind sicherlich einige Stunde auf diese Weise mit ihrem Großvater verbracht. Michelle beneidete sie darum. Sie hätte gerne die Zeit zurückgedreht. Doch das ging nicht, so etwas ging nie. Wenn sie dazu die Macht hätte, würden auch ihr Onkel und ihre Tante noch leben.

"Ich werde jetzt nach Hause gehen und mich auf die Aufnahmezeremonie vorbereiten." Sie gab ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und stand auf. Picard hielt sie an der Hand, Michelle drehte sich um. "Ich würde mich sehr freuen, wenn du noch einmal schwanger wärst, Michelle." Sie lächelte.
"Ich auch. Aber ich fürchte bei unserem nächsten Wartungsaufenthalt auf der Erde werden wir das Captain's Quartier dann umbauen und vergrößern lassen müssen. Dann brauchen wir zwei Kinderzimmer... Gute Nacht, Dad." 
"Gute Nacht, mein Kind." Picard seufzte zufrieden, als die Tür zuglitt. Er stand auf und ging nach nebenan. François schlief friedlich in seinem Bettchen und ahnte nichts von den Sorgen seines Vaters und den Belangen des Universums.


Im Amtszimmer von Herrin Ariel lag eine gespannte und fast andächtige Stille. Die Führungsoffiziere der Enterprise inklusive Admiral Picard, alle gekleidet in ihre Galauniformen, standen im Kreis um einen alten Steinschreibtisch. Ihnen gegenüber saß Herrin Ariel, hinter ihr stand Ramsey. Nun trat Michelle einen Schritt vor, mit einem Pad in der Hand. Die Videotransmitter folgten jeder ihrer Bewegungen. Die Zeremonie wurde auf dem gesamten Planeten live übertragen. Michelles Herz schlug schnell. Es war ein wichtiger Moment für die Föderation, aber auch für sie. Das erste Mal leitete sie eine Aufnahmezeremonie persönlich. Und das unter den Augen ihres Vaters. Michelle gemahnte sich zur Ruhe, atmete tief durch. Sie aktivierte das Display und las die Rede vor.

"Wenn sich Verbündete finden, ist es immer ein großes Ereignis. Wenn sich Freunde finden ebenso. Im Namen der Vereinten Föderation der Planeten und der Sternenflotte ist es mir, Captain Michelle Riker, kommandierender Offizier des Flaggschiffes USS Enterprise NCC-1701-D, eine besondere Ehre und eine große Freude, den Planeten Angel One und ganz besonders die ehrenwerte Herrin Ariel, als neue Verbündete und Freunde in unserer Föderation willkommen zu heißen." Michelle trat um den Tisch herum und überreichte eine Schriftrolle an Herrin Ariel. Sie öffnete sie und ergriff einen Stift. Ariel unterzeichnete, gefolgt von Michelle. "Das war's", erklärte Michelle glücklich und erleichtert. Die Gäste applaudierten. Herrin Ariel stand auf und verneigte sich vor Michelle, die die Respektsbezeugung erwiderte. Dann ergriff Herrin Ariel das Wort.
"Ein neues Zeitalter hat begonnen. Wir haben große Fortschritte in der Technik gemacht, aber was noch wichtiger ist..." Sie drehte sich um und warf einen Blick auf ihren Mann, ein ehemaliges Crewmitglied der S.S. Odin, der direkt neben sie trat. "...die Männer haben ihren gleichberechtigten Platz in unserer Gesellschaft gefunden. Wir können positiv in die Zukunft blicken." Die Videotransmitter beendeten die Aufzeichnung.

Die Offiziere der Enterprise verabschiedeten sich schon bald im Anschluss an die Zeremonie und begaben sich auf das Schiff zurück. Die Enterprise flog unverzüglich zur Starbase 47 ab.
Captain Farell saß im Arrest und wartete auf ihre Verhandlung. Fähnrich Yamara Crusher hatte gegen einen direkten Befehl ihres Captains gehandelt. Das Oberkommando ordnete folgende Bestrafung an: Yamara bekam aufgrund ihrer Mutterschaft nur zwei weitere Tage Arrest, aber eine Teilnahmesperre an Außenmissionen für zwei Monate. Des weiteren wurde ihr das letzte halbe Jahr ihrer Ausbildung an der Akademie wieder aberkannt. Yamara musste unverzüglich auf die Erde zurückkehren und noch ein volles Jahr bis zu ihrer Abschlussprüfung ihre Studien fortführen. Im Falle des tätlichen Angriffs Captain Michelle Rikers auf ihren Ehemann sah die Sternenflotte von weitreichenden disziplinarischen Maßnahmen ab, da es ein rein privater Streit gewesen und Michelle als der Captain einfach unentbehrlich war. Es gab einen Vermerk in Michelles Dienstakte über den Vorfall.  Gespräche zwischen Captain Farell, Captain Riker, Fähnrich Crusher und Commander Riker wurden angeordnet, um die Lage etwas zu entspannen.

7. Kapitel
Spuren im Sand

Die Enterprise näherte sich der Starbase 47, auf dem Platz des Navigators Fähnrich Crusher, die den ersten Teil ihrer Strafe verbüßt hatte. Sie wurde gerade darauf geprüft, ein Schiff manuell an eine Raumstation anzudocken. Michelle hatte das Funkeln in Yamaras Augen bemerkt, als sie ihr diese Aufgabe gestellt hatte.

Die Brückencrew war vollständig versammelt und verfolgte gespannt Yamaras Handlungen. Mit dem erfolgreichen Andocken konnte sie einige Pluspunkte in ihrer Beurteilung für diesen Monat sammeln, die morgen an die Akademie geschickt werden würde.
Michelle verzog das Gesicht. Aber nicht wegen der Leistungen ihrer Tochter. Ihr war schlecht. Inzwischen war sie sich ziemlich sicher, dass wieder ein kleiner Riker unterwegs war. Noch konnte sie es erfolgreich vor allen geheim halten, auch ihr Mann hatte noch nichts bemerkt. Sollte sie Recht behalten, würde er sich bald wieder vor Fürsorge überschlagen und weitere neun Monate konnte sie sich getrost jede Außenmission abschminken. Ein Glück, das als nächstes der Flug zur Erde und die alljährliche Wartung der Enterprise anstand. Sie konnten ihren Jahresurlaub auf der Erde verbringen, Michelle würde Picard und Beverly während des Urlaubs trauen. Außerdem stand die Weinlese an. Michelles Haus auf dem Picardschen Gut war inzwischen fertiggestellt worden, sie hatten also alle mehr als genug Platz. Im Anschluss an die Trauung würde Yamara das Haus in San Francisco beziehen, damit das Baby genug Ruhe hatte, während sie ihre Studien auf der Akademie fortführte. Leider stand die inzwischen verheiratete Melinda nicht mehr als Kindermädchen zur Verfügung, so dass sie auch noch während ihres Aufenthaltes ein neues einstellen mussten. Oder Yamara gab ihren Sohn in die Hände der Akademie, dort gab es eine ausgezeichnete Kinderbetreuung.

Die Enterprise hatte angedockt. "Mr. Data, übernehmen Sie. Wir begrüßen Dr. Crusher. Nummer 1, Fähnrich Crusher folgen Sie mir... Lieutenant Crusher, Admiral Picard bitte treffen Sie uns im Transporterraum zwei." Michelle erhob sich aus ihrem Stuhl und geriet ins Schwanken. Will warf ihr einen verblüfften Blick zu.
"Geht's dir gut, Cap?" flüsterte er.
"Ja, ja", winkte sie ab. "Nur ein wenig schwindelig. Wahrscheinlich die Wiedersehensfreude", log sie.
Dann stand sie energisch auf und unterdrückte ihre Übelkeit. Schnellen Schrittes ging sie zum Turbolift, gefolgt von Riker und ihrer Tochter. Sie brauchte Beverlys Diagnose wirklich nicht mehr. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Ein Baby, wie wundervoll. Doch was würde das Oberkommando davon halten? Captain Jellico hatte sie schon mit zwei Kindern als überfordert und unfähig angeklagt. Was würden sie von einer weiteren Schwangerschaft halten? Vielleicht war der Zeitpunkt dennoch jetzt besonders gut gewählt, sie hatte mit Botschafter Spock den Friedensvertrag mit den Romulanern quasi alleine ausgehandelt und abgeschlossen und währenddessen die Zwillinge geboren, bei der Handelskonferenz erfolgreich den Anschlag des Dominion vereitelt. Und nun hatte sie auch noch die Aufnahme von Angel One in die Föderation über die Bühne gebracht.

Sie betraten den Transporterraum, bereits ungeduldig von Picard und Wesley erwartet. Picard hatte seinen Sohn an der Hand, Wesley den seinen auf den Armen.
Alle bezogen Position, Michelle gab dem Transportoffizier ein Zeichen.
Das vertraute Glühen erschien und einen Augenblick später rematerialisierte sich Beverly auf der Transporterplattform.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie öffnete die Arme und erklärte glücklich: "Endlich! Zu Hause, bei meiner Familie!" Sie schloss ihren Sohn in die Arme und gab dem Baby einen Kuss, das vergnügt gluckste und versuchte nach seiner Großmutter zu greifen.
Und dann begrüßte sie den Admiral. "Jean-Luc."  "Beverly." Michelle beobachtete fasziniert die Szene, die sich vor ihren Augen abspielte. Wie zwei verliebte Teenager standen sie einander gegenüber, verlegen, überglücklich zusammen zu sein.
Michelle lachte leise in sich hinein, während ihr Vater Beverly bei der Hand nahm und ihr zärtlich einen Kuss auf die Wange hauchte.

Nun zog Michelle Beverly zu sich und flüsterte mit ihr, von den anderen ungehört, aber nicht unbemerkt.
"Beverly, ich brauche deine Hilfe. Du musst mich bitte untersuchen." Beverly hob verblüfft eine Augenbraue.
"Aber was ist mit Jacky? Ich dachte, du bist mit ihrer Arbeit zufrieden?!" 
"Bin ich auch. Aber jetzt brauche ich nicht Jacky, sondern dich, Beverly. Naja, es hat ja schon fast Tradition." Beverly verstand immer weniger, bis Michelle auf ihren Bauch tippte, eine unschuldige Miene an den Tag legend.
"Nein." Ihre zukünftige Stiefmutter grinste.
"Doch, aber jetzt kein Ton mehr", zischte Michelle, die aus ihrem Augenwinkel Riker auf sie zutreten sah. Beverly nickte verstehend.
"Na, habt ihr beiden Geheimnisse?" witzelte Riker.
"Nein, nur Frauengespräche. Nichts Wichtiges. Lasst uns gehen... Brücke, Kurs auf die Erde, Warp 5. Es geht nach Hause." Data bestätigte den Befehl.
"Wir treffen uns in zehn Minuten in der Krankenstation." Michelle nickte und ging eilig durch die Korridore ihres Schiffes.

Beverly hatte gerade ihre Tasche in Picards Quartier abgestellt und wollte sofort zu Michelle.
"Wohin willst du so eilig, meine Liebe?" 
"Zu deiner Tochter." Sie wusste nicht inwieweit Picard eingeweiht war.
"Ich hoffe, sie ist wieder schwanger." Soviel dazu.
Beverly erklärte lächelnd: "Ja, das wäre in der Tat schön. Wir werden es in Kürze wissen, wenn du dich nun von mir trennen kannst." Picard trat einen Schritt auf Beverly zu und küsste sie leidenschaftlich.
Nach Atem ringend meinte sie schließlich: "Ich beeile mich." 
"Das hoffe ich doch sehr." Beverly lachte über das doch so jugendliche Verhalten Picards und sich selbst und verließ das Quartier mit einem roten Feuer auf den Wangen.


"Ich darf dir gratulieren, Michelle. Du bist schwanger. Im dritten Monat." Michelle war außer sich vor Freude.
"Oh, danke, Beverly. Ich habe es mir schon gedacht. Aber ich musste die Bestätigung aus deinem Mund hören." Beverly freute sich wirklich sehr über die gute Nachricht, aber sie konnte sie noch einmal überbieten.
"Da ist noch etwas." Michelle warf ihr einen verwirrten Blick zu. "Ja?" Sie fürchtete schon, mit dem Baby könnte etwas nicht stimmen. Sie war zwar ein wenig älter geworden, doch lag sie bei dieser Schwangerschaft noch immer im medizinisch ungefährlichen Zeitalter. Das durchschnittliche Lebensalter im 24. Jahrhundert lag bei 120 Jahren.

"Es sind zwei." Beverly hob zwei Finger und bewegte sie vor Michelles Augen auf und ab.
"Sag das noch mal! Ich dachte, es wäre etwas nicht in Ordnung mit dem Baby. Zwei Babys? Wirklich zwei?" Beverly nickte und zeigte Michelle den Monitor. "Ich bekomme wieder Zwillinge? Wie stehen die Chancen dafür? Oder sollte ich das besser Data fragen?" scherzte Michelle, völlig von der Tatsache überrumpelt.
"Nun, beim zweiten Mal können wir einen Zufall eigentlich ausschließen. In einer eurer Familien muss es in dieser oder vorangegangenen Generationen Zwillinge gegeben haben." Michelle schüttelte den Kopf.
"Wir haben den Stammbaum der Rikers zurückverfolgt. Keine Zwillinge. Nur Einzelkinder. Bei den Picards auch nicht." 
"Und was ist mit den Neechs?" Michelle warf ihr einen missbilligenden Blick zu. Seit sie diesen Namen abgelegt hatte, war er ihr regelrecht zuwider geworden.
"Nein, das kann auch nicht sein. Amanda ist auch ein Einzelkind. Und mit Jack habe ich ja nichts zu tun, wie wir wissen." 
"Und du glaubst deiner Mutter? Immerhin hat sie dich siebzehn Jahre über Jean-Luc belogen..." 
"Ich denke, ich sollte einen Abstecher nach Washington machen. Dann kann ich auch Blumen auf Brians Grab legen..."


Die Erde. 48 Stunden später.

Die Enterprise war an der McKinley-Station angedockt, mit der Wartung sollte morgen begonnen werden. Dann würde Michelle auch die Pläne für den Umbau ihres Quartiers vorlegen können. Noch wusste niemand offiziell von den Babys. Heute Abend nach dem hoffentlich aufschlussreichen Gespräch mit Jack Neech würde sie es ihrer Familie erzählen.

Washington, D.C. Früher einmal die Hauptstadt eines der mächtigsten Länder der Erde. Heute im 24. Jahrhundert eher ein Museum, eine beschauliche Stadt um seinen Lebensabend zu verbringen. Die beiden bedeutendsten Städte waren inzwischen San Francisco, Hauptstadt des Planeten, Sitz der Sternenflotte und Paris, Sitz des Präsidenten der Föderation.

Michelle hatte um ein Treffen mit Jack gebeten, auf dem Friedhof an Brians Grab. Sie hoffte, in dieser Umgebung einen Streit vermeiden zu können.

Sie kniete vor Brians Grab und legte eine weiße Lilie nieder. "Michelle?" Sie stand auf, drehte sich langsam um.
"Hallo, Jack." Er verkniff sich den Spruch, früher hätte sie ihn "Vater" genannt. Er kannte ihre Antwort.
"Du wolltest mich sprechen?" 
"Ja. Ich bin einem Rätsel auf der Spur. Und da Amanda krank ist, kannst du mir vielleicht bei der Lösung helfen." Er nickte einverstanden.
"Ich bin schwanger. Und wieder erwarte ich Zwillinge. Eigentlich sollte das gar nicht möglich sein. Wir haben die Ahnenreihen der Picards, Rikers und der Neechs zurückverfolgt, keine Zwillinge." Jack zuckte kaum merklich zusammen. "Jack, sei nur einmal in deinem Leben ehrlich zu mir. Hatte oder habe ich einen Zwilling?" Er schwieg und blickte voller Trauer auf Brians Grab. "Jack." Ihre Stimme klang fordernder.
"Ja, du hattest einen Zwilling. Dein großer Admiral hatte zwei Kinder von Amanda. Aber ich wollte ihm diesen Triumph nicht gönnen. Ich wollte ihn für mich. Deine Mutter erklärte nach eurer Geburt, sie wollte nie wieder ein Kind bekommen. Das war ein harter Schlag. Ich erkannte, dass Jean-Luc ihr in dieser einzigen Nacht, die er mit ihr verbracht hatte, mehr Liebe hatte zuteil werden lassen, als ich es in den zehn Jahren davor und auch in all den Jahren danach gekonnt habe. Aber ich wollte einen Sohn. Einen Neech. Der nur mit allein gehören sollte. Und nicht Picard. Nicht Amanda. Nur mir." Michelle begriff. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. Sie blickte auf das Grab, dann auf den Mann, den sie einmal "Vater" genannt hatte.
"Oh, wie konntest du nur? Brian war mein Zwillingsbruder? Du Unmensch! Mich hast du wie Dreck behandelt, mich dazu gebracht Jean-Luc zu hassen, Brian versucht gegen mich auszuspielen! Du bist so verachtenswert!" 
"Welch edle Worte, Tochter! Du hast deinen Groll gegen Jean-Luc auch Jahre später nicht abgelegt. Und glaubst du nicht, ich hätte dich nicht geliebt? Ich habe dich so hart rangenommen, weil ich wusste, dass es dich zu den Sternen ziehen würde. Das lag euch in eurem verdammten Blut, dank Picard. Bei dir sogar noch mehr als Brian. Ich werde nie das Funkeln in deinen Augen vergessen, als du das erste Mal das Motto der Sternenflotte gehört hattest: Ex astris, scientia - von den Sternen, das Wissen. Ich wollte, dass du eines Tages Captain eines stolzen Schiffes wirst. Dass dein geliebter Jean-Luc dir die Enterprise praktisch vor die Füße gelegt hat, war dein Glück! Aber ohne meine strenge Erziehung wärst du heute kein so guter Captain und hättest auch keinen so raschen Aufstieg gehabt!" Michelle war wie vor den Kopf gestoßen.
"Ja, klar. Du hast mich geliebt. Deswegen bekam ich Hausarrest und ständig deine Fäuste zu spüren, wenn ich nicht pariert habe. Tolle Erziehung, Jack! Prima gemacht! Du warst ja auch Schuld, dass ich auf diese Party bin und mich habe voll laufen lassen. Ich hab es irgendwie nicht eingesehen, mit siebzehn immer noch Prügel zu beziehen, weil ich mal ein bisschen Spaß haben wollte. Und dann kein Verständnis nach dem, was der elende Klingone mir angetan hat. Nein, als der Arzt mir die Schwangerschaft bestätigt hatte, hast du mich vor die Tür gesetzt. Und Amanda hat dazu kein verdammtes Wort verloren. Nur ihr aristokratisches Kinn gereckt und gesagt, ein Bastard hätte keinen Platz unter ihrem Dach. Ich hatte niemanden Jack, keinen Menschen. Zu Jean-Luc konnte ich nicht. Und so habe ich mich der Gnade Roberts ausgeliefert. Und das war wirklich auch nicht immer erfreulich. Er war fast genauso streng wie du. Doch er hat mich nie geschlagen oder mir Vorwürfe wegen meiner Schwangerschaft gemacht. Sogar gelernt hat er mit mir, obwohl er die Sternenflotte verachtet hat... Also sag nie wieder, dass du mich geliebt hast. Oder dieses Miststück von deiner Frau, das sich meine Mutter schimpft. Vielen Dank, Jack! Du hast doch nur Brian geliebt. Und Amanda genauso. Für sie gab es nur Brian. Den tollen Captain Neech, der die Finger nicht vom Romulaner Ale lassen konnte." All die Wut und Enttäuschung, die sich in Michelle ihr ganzes Leben angesammelt hatten, machten sich nun nach dem letzten Verrat der Neechs Luft. Und das nicht gerade leise. Inzwischen brüllte sie die Worte heraus, die auf dem leeren Friedhof zwischen den Grabsteinen widerhallten. Eigentlich wollte Michelle das Andenken ihres Bruders nicht schlecht machen. Doch nun hatte sogar Jack Neech sich mit dieser letzten Gemeinheit selbst übertroffen.

"Ja, ich habe dich geliebt, ebenso deine Mutter. Und dass wir Yamara nicht akzeptieren konnten, musst du schon verstehen, Michelle. Sie ist der Bastard eines Klingonen, der sich über dich hergemacht hat, weil du dich auf Partys herumgetrieben hast, anstatt zu lernen." Er gab sogar zu, was sie ihm an den Kopf geworfen hatte. Michelle ballte die Hände zu Fäusten.

"Ich warne dich, Jack. Nenne mein Kind nie wieder so! Yamara ist das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte. Sie war die Brücke, die ich zu Jean-Luc brauchte. Sie hat uns all die Jahre zusammengehalten. Ihre Liebe zu uns beiden war und ist wie Magie. Sie ist das wundervollste Wesen, das ich kenne. Und ich bin so stolz ihre Mutter zu sein, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Ja, ich habe sehr gelitten durch Kon, doch er hat mir auch das beste Geschenk gemacht. Meine Tochter! Du hast keine Ahnung, was das bedeutet. Und du hast auch keine Ahnung, was es bedeutet, ein Kind als sein eigenes anzunehmen, wie Will es mit Yamara getan hat. Nie hat sie einen Mann "Vater" genannt. Nicht John Ramirez, nicht Julian Bashir oder auch den gütigen Jackson. Aber Will Riker, er hat es verstanden, was es heißt ein Kind anzunehmen! Und mein Vater hat sich auch in unseren schwierigsten Zeiten mehr um mich bemüht, als du in denen, die wir unsere besten nennen können." Sie schnaubte verächtlich.

"Für dich gab es immer nur deinen "Onkel" Jean-Luc. Meine Geschenke zum Geburtstag waren plötzlich uninteressant, sobald er einmal im Jahr in der Tür stand. Weihnachten war nur interessant, wenn eine Subraumnachricht von ihm kam. Aber Brian gehörte mir. Für ihn war "Onkel" Picard immer unwichtig. Er brauchte nur seinen Vater." 
"Aber das war Picard." Michelle stampfte mit dem Fuß auf wie eine frustrierte Fünfjährige. In diesem Moment sah sie Andy verdammt ähnlich.

"Niemand hat es gewusst. Wir haben alles so gedreht, als wäre Amanda sofort nach deiner Geburt noch einmal schwanger geworden. Sie ging ja nie viel aus zu der Zeit. Und Brian zeigten wir unseren Freunden erst über ein Jahr nach seiner angeblichen Geburt. Niemand ahnte etwas, auch nicht dein Vater. So hatte ich den Namen Neech wenigstens an einen Sohn weitergeben können. Und er trug ihn mit Stolz. Anders als du." 
"Worauf sollte ich denn stolz sein? Auf Amandas Gesellschaftsleben? Auf deine Prügel und bissige Bemerkungen? Ich habe deinen Namen nur getragen, weil es leichter war nach außen hin. Für meine Karriere in der Sternenflotte war es besser nicht die Tochter Jean-Luc Picards zu sein. Ich hätte ewig in seinem Schatten gestanden und wäre mit ihm verglichen worden. Ich wäre nur als Picards Tochter bekannt gewesen. Jetzt habe ich mir einen Namen in der Sternenflotte gemacht. Jetzt kann jeder sagen, oh, seht mal, da steht Admiral Picards Tochter. Jetzt ist es in Ordnung, jetzt bin ich eine eigene Persönlichkeit und habe einiges in meiner Dienstakte aufzuweisen. Ich bin jetzt zwar Captain Riker, aber ich bin nicht nur Wills Frau und Picards Tochter. Ich bin Captain Michelle Riker, die Kommandantin der Enterprise. Und du hast mich ganz gewiss nicht dorthin gebracht, Jack! Du ganz gewiss nicht! Ich wünschte, ihr hättet wenigstens mich bei Picard aufwachsen lassen. Er hat mir bei seinen kurzen Besuchen mehr Liebe gegeben, als du in all den Jahren zusammengenommen..." Sie schwieg kurz und holte Luft. Das war die beste Gelegenheit sich alles von der Seele zu reden. So unvorbereitet würde sie Jack nie wieder erwischen. Wenn Amanda erst tot war, würde es für sie keinen Grund mehr geben ihm gegenüber zu treten.
"Ist schon komisch, oder? Beide Frauen in deinem Leben wurden von Picard mehr geliebt, als von dir. Und beide haben wir ihn mehr geliebt als dich." Sie drehte sich um und ging schnellen Schrittes auf den Ausgang des Friedhofes zu.
"Was ist mit deiner Mutter? Willst du sie nicht besuchen?" Michelle drehte sich um. Hass, Zorn, Wut und verletzter Stolz blitzten in ihren Augen, als sie Jack Neech antwortete.
"Zum Teufel mit Amanda! Und zum Teufel mit dir, Jack! Es ist gut zu wissen, dass es keine Neechs mehr gibt! Ihr seit eine elende, heuchlerische Brut!" Damit drehte sie sich um und rannte fort.

Zurück blieb Jack Neech, die Tränen liefen über sein von Falten zerfurchtes Gesicht. Er sackte vor dem Grab seines Sohnes auf die Knie, strich zärtlich über den Stern, der Brians Grabstein zierte.
"Und ich habe dich doch geliebt, meine Tochter."


Michelle hatte sich direkt nach San Francisco beamen lassen und ging in Richtung ihres Strandes. Sie musste bald zurück nach Frankreich. Man wartete bereits mit dem Abendessen auf sie. Doch zunächst brauchte sie eine kleine Weile für sich alleine.
Sie zog ihre Stiefel aus und lief barfuß durch den warmen kalifornischen Sand und hinterließ Spuren, wie schon so viele Male zuvor. Ihr Strand. Wie viele Nächte hatte sie hier mit Yamara gesessen und ihr von ihren Abenteuern zwischen den Sternen erzählt. Und Yamara hatte ihr fasziniert zugehört. Und nach Picard gefragt. Michelle lächelte. Ja, Yamara war in der Tat die Brücke gewesen.

Sie stand auf und ging auf ihr Haus zu. "Computer, öffne die Verandatür."  "Willkommen, Michelle." Sie trat ein und sah sich sofort von den kostbaren Spuren ihrer Vergangenheit umgeben. Auf dem Kaminsims, dem Klavier, praktisch überall standen Fotos. Viele aus den letzten Jahren. Sie zeigten Will, die Kinder, ihren Vater. Es gab auch einige Bilder von Brian. Brian, von dem sie nun wusste, wie nahe er ihr hätte stehen können, wenn Jack Neech nicht gewesen wäre. Brian, der nicht hätte sterben müssen in dem verdammten Antaurerkrieg, wenn sie sich besser um ihn gekümmert hätte. Aber Jack hatte sein Ziel erreicht gehabt. Die Geschwister gegeneinander auszuspielen. Und so war Michelle ihrer Wege gegangen und hatte Brians Karriere nur aus der Ferne beobachtet. Ebenso seinen Absturz. Der ständige Druck, den Jack auf ihn ausgeübt hatte, war zuviel für den stets verhätschelten Brian gewesen. Hatte Jack vielleicht doch Recht gehabt? Wäre Michelle nicht dort, wo sie heute war, wenn sie wohlbehütet aufgewachsen wäre? Wäre aus ihr nicht der gute Captain geworden, der sie war? Hätte auch sie so versagen können wie ihr Bruder? Durch Jacks harte und strenge Erziehung hatte sie schon früh lernen müssen sich durchzubeißen um zu überleben. Diese Tatsache hatte ihr immer geholfen. Alles, was Michelle nicht umbrachte, machte sie nur noch stärker. Selbst aus dem Erlebnis mit Kon hatte sie etwas Positives gewonnen. Yamara.
Wieder kehrten Michelles Gedanken zu ihrer ältesten Tochter zurück. Yamara Crusher war der beste Beweis für den Kampfgeist Michelles. Ja, Jack hatte wahrscheinlich Recht. Aber das war keine Entschuldigung dafür, dass er ihr das Leben zur Hölle gemacht hatte. Sicherlich bedauerte er das heute, Amanda vielleicht auch. Doch es war endgültig zu spät, sie hatte heute unabänderlich die Brücken hinter sich abgerissen. Und das war gut so.

Michelle stieg die Wendeltreppe hoch, die sie vor 23 Jahren hinuntergestürzt war. Im Schlafzimmer zog sie ihre Uniform aus und öffnete ihren Kleiderschrank. Michelle entschied sich für ein eher herbstliches Outfit. Drüben in La Barre stand ja schon die Traubenlese an. Sie schlüpfte in einen braunen Lederrock und ein weißes, weites Hemd. Schnell warf sie noch einige andere Kleidungsstücke und ihre Uniform in eine Tasche. Mit einer Melodie auf den Lippen ging sie wieder ins Erdgeschoss ihres Hauses zurück, wo sie ihren Kommunikator aus der Tasche holte. Und dann blickte sie verblüfft auf.
"Was tust du denn hier?" 
"Ich war gerade in der Gegend." 
"Nun, Deep Space Nine liegt nicht gerade in der Gegend vom Sektor 001. Also?"
Michelle stellte ihre Tasche ab und blickte ihr Gegenüber fragend an, die Hände vor der Brust verschränkt.
"Ich habe Urlaub, und den verbringe ich auf der Erde." 
"Dito." 
"Ich weiß, ich habe die Enterprise im Orbit bewundert."
"Du hast immer noch nicht erklärt, was du willst." 
"Ich dachte, nach 23 Jahren könnten wir endlich Frieden schließen", erklärte Julian Bashir und setzte sein gewinnendes Lächeln auf.
"Spar dir deinen Charme, Julian. Riker hat mehr Charme im kleinen Finger, als du im Ganzen ausstrahlst... Hör zu, Julian, ich hatte einen echt miesen Nachmittag. Versüß ihn mir, indem du verschwindest." Er trat einen Schritt näher. "Bleib da stehen. Eine Fehlgeburt hat mir gereicht." Julian begriff, verzog leicht das Gesicht, als er sich an den Unfall erinnerte.
"Können wir nicht Freunde sein, Michelle? Deinen Vater und Sisko hast du doch auch trotz Wolf 359 versöhnt, und sogar die Romulaner zu unseren Verbündeten gemacht. Aber mir kannst du nicht verzeihen?" 
"Ich respektiere dich als Arzt und Mensch und als Offizier der Sternenflotte. Doch ich werde dir nie verzeihen, dass du unserer Kind umgebracht hast..." Julian zuckte zusammen. "Aber keine Angst, ich werde deiner Nase nicht mehr zu nahe kommen." Sie dachte an ihren letzten Ausrutscher und verzog das Gesicht. "Geh jetzt, Julian. Meine Familie erwartet mich." 
"Man spricht davon, dass du Riker die Nase gebrochen hast." 
"Stimmt. Er hatte es verdient, wie du. Er hat meine Kinder und meinen Enkel wissentlich in Gefahr gebracht. Aber ich hätte mich trotzdem zusammenreißen müssen." 
"Ich habe mich gefragt, ob dies eine Folge unserer Ehe und ihrem unglücklichen Ende war. Deshalb bin ich hier." Endlich legte er die Karten auf den Tisch.
"Du hast deine Spuren bei mir hinterlassen, Julian. Ich bin das Ergebnis meiner Vergangenheit, das weiß ich jetzt. Auch du hast deinen Teil zu meiner Entwicklung beigetragen. Ich bin dir nicht dankbar dafür, aber ich hadere auch nicht mit dem, was gewesen ist."
Julian lächelte. "Dann ist es ja gut. Ich hatte Angst, du wärst von deinem Weg abgekommen. Doch ich habe mich erfreulicherweise geirrt." Er drehte sich um und ging.
"Computer, lösche die Zugangsberechtigung von Dr. Julian Bashir."  "Bestätigt." 
"Das hatte ich wohl vergessen zu tun", murmelte Michelle.

Sie nahm ihre Tasche auf und betätigte ihren Kommunikator.
"Enterprise, hier Captain Riker." 
"Enterprise hier." 
"Beamen Sie mich nach La Barre, Frankreich. Vor das Haupthaus unseres Gutes." 
"Aye, Captain." 
"Energie."

Im Bruchteil eines Moments hatte Michelle die Strecke von San Francisco nach La Barre zurückgelegt. Sie seufzte erleichtert, das Haupthaus sah aus wie vor dem Brand. Keine Spuren von der Katastrophe. Falsch, es gab Spuren. Zwei weiße Holzkreuze auf dem südlichen Hügel. Dort inmitten der letzten Trauben, die Robert Picard mit seinen kräftigen Händen angepflanzt hatte, waren er und Marie zur letzten Ruhe gebettet worden.

"Mum", ertönte es aus allen Ecken und riss Michelle aus ihren düsteren Gedanken. Aus Michelles Haus rannte Andy. Die Zwillinge, von Riker getragen, quietschten vergnügt. Yamara trat mit einem blumigen Kleid und einer Kochschürze bekleidet aus der Tür des Haupthauses.
"Das Essen ist fast fertig. Großvater sucht gerade nach einem passenden Jahrgang im Keller. Wes ist mit René in den Trauben. Sie begutachten den Beginn der Lese. Beverly hilft mir in der Küche, Tom und Franky schlafen. Ich glaube, dann ist die Familie jetzt komplett." In der Tat, Michelle grinste wohlwissend.

"Zu Tisch, zu Tisch!" Yamara läutete die große Glocke am Haupthaus und bedeutete damit der Familie zum Abendessen zu erscheinen.

Während das Brot herumgereicht wurde, entschied Michelle, ihrer Familie von der bevorstehenden Veränderung zu berichten.

"Es wird bald wieder Familienzuwachs geben." Besteck wurde nieder gelegt, Gläser abgesetzt. "Und damit meine ich nicht meinen kleinen Bruder Robert Picard, der hoffentlich die Chance erhalten wird, im Schutz unserer großartigen und auch zahlreichen Familie aufzuwachsen. Und ich meine auch nicht Yamara, oder weiß ich etwas nicht?" Sie grinste schief, ihre Tochter schnappte nach Luft.
"Kurzum, ich bin schwanger."

(Der Adler war gelandet. Houston, haben wir ein Problem?)

"Micky!" Riker sprang vom Tisch auf und trat neben seine Frau. "Ein Baby? Wann? Wie?" Alle grinsten.
"Das ‚Wie' muss ich dir doch wohl nicht erklären, oder? Wann, als du kurz auf der Enterprise warst während deiner Disziplinarstrafe. Und es ist nicht ein Baby. Es sind zwei." Riker klappte die Kinnlade hinunter. Dann hob er seine Hand und streckte Michelle zwei Finger entgegen.
"Zwei? Zwillinge? Zwei Babys?" Michelle ergriff seine Hand.
"Ja, Will. Zwei Babys nennt man gewöhnlich Zwillinge... Dad, bring meinem Mann einen Cognac. Er hat ihn nötig, schätze ich." Will setzte sich und schüttelte den Kopf. Oh, er freute sich gewiss. Aber es war - wow - Zwillinge. Schon wieder. Schon wieder?
"Aber wieso wieder zwei?" 
"Weil ich ein Zwilling bin." Picards Augen weiteten sich. Er ließ das Glas fallen, das er für Riker geholt hatte.
"Brian war auch dein Sohn", erklärte Michelle schnell ihrem Vater. Jetzt war Picard es, der stammelte.
"Aber wie? Ich, Amanda...." Michelle stand auf und trat neben Picard.
"Sie haben gelogen. Alle beide. Brian war nicht jünger als ich. Nun ja, vielleicht ein paar Minuten. Aber kein Jahr. Amanda wollte keine Kinder mehr. Deshalb machte Jack Brian zu seinem Sohn und dir erzählten sie nur von einem Kind, mir. Wahrscheinlich hätten sie es mit ins Grab genommen, wenn ich nicht durch meine Schwangerschaften dahinter gekommen wäre."

"Wo sind sie?" Picard blickte seine Tochter mit wütend funkelnden Augen an.
"In Washington." Sofort stürzte Picard zum Ausgang. "Dad, tu's nicht. Es ist zu spät." 
"Zu spät ja. Aber ich will wissen, warum sie es getan hat." Sie berührte ihren Vater liebevoll am Arm. "Jack hat ihn haben wollen, weil sie dich mehr liebte als ihn. Weil ich dich mehr liebte als ihn. Deswegen hat er ihn dir genommen, deswegen hat er mich so schlecht behandelt." Und mir mit Letzterem einen Gefallen getan, dachte Michelle bitter.
"Ich muss sie noch einmal sehen. Ich will das alles aus Amandas Mund hören. Ich will das Grab sehen, und ich will Jack Neech noch einmal unter die Augen treten und ihn fragen, wie er das einem Freund antun konnte."
Die Tür flog zu, Picard war fort.
"Ich hoffe, ich habe das Richtige getan", murmelte Michelle unsicher.


Picard betrat langsam das Krankenhaus. Er trat an den Empfang.
"Amanda Neech, bitte." 
"Sind Sie ein Verwandter?" 
"Ich bin Admiral Picard." Die Schwester stand auf.
"Oh, Sir. Das ist eine Ehre. Soll ich Sie hinbringen?" Er winkte ab.
"Welches Zimmer?" Sie sagte es ihm.

Picard klopfte an. Als keine Antwort kam, trat er trotzdem ein, in der Hoffnung Amanda alleine anzutreffen. Und er hatte Glück. Jack war nicht anwesend.
Picard trat näher an das Bett heran. "Amanda?" Sie öffnete die Augen.
"Jean-Luc?" fragte sie ungläubig.
"Brian war mein Sohn? Sag die Wahrheit." Tränen liefen über ihre faltigen Wangen.
"Ja, es stimmt. Er war dein Sohn." Sie hustete.
"Wieso, Amanda? Wieso hast du Jack das nur tun lassen?" Amandas ehemals stolzes braunes Haar war schneeweiß geworden, über Nacht als die Nachricht von Brians Tod eingetroffen war. Die Krankheit und ihr bevorstehender Tod hatten deutliche Spuren hinterlassen.
"Frag Jack. Es lag nicht in meiner Macht. Er wollte einen Sohn. Ich wollte aber keine Kinder mehr. Ich liebte doch dich, Jean-Luc." Sie hustete wieder. "Ich werde dich immer lieben, Jean-Luc Picard." Sie seufzte und schloss die Augen.
Auf dem Monitor erschien die Flatline. Picard trat an den Notrufschalter. "Schnell, schicken Sie einen Arzt." Aber er kannte die Diagnose bereits und verließ das Zimmer. Jack kam um die Ecke. Die ehemals besten Freunde sahen einander an.
"Was willst du hier, großer Admiral?" 
"Antworten." 
"Von Amanda? Sie ist krank." 
"Sie ist tot, Jack." Jack Neechs Herz setzte für einen Sekundenbruchteil aus.
"Nein!" Er stürzte an Picard vorbei ins Zimmer.

Kurz darauf kam er wieder heraus. "Was hat sie gesagt?" 
"Dass sie dich liebt." 
"Warum lügst du, Picard? Sie hat immer nur dich geliebt. Weil sie dich nicht von den Sternen loseisen konnte, hat sie mich geheiratet. Aber geliebt hat sie immer nur dich. Selbst Kinder wollte sie nur von dir. Deshalb habe ich dir Brian vorenthalten und deshalb habe ich dein kleines Töchterchen so gedrillt und gequält... Brian lebte und starb als mein Sohn. Er hielt nichts von den Idealen der Picards oder eurem tollen Wein, den dein engstirniger Bruder so geliebt hat." Picard ballte die Hände zu Fäusten.
"Lass Robert und meine Familie aus dem Spiel, sonst vergesse ich, dass deine Frau gerade gestorben ist, dass wir uns hier in einem Krankenhaus befinden und dass du einst mein bester Freund gewesen bist."
"Oh bitte, Picard. Freunde tun nicht, was du getan hast. Egal wie toll deine Tochter ist. Und jetzt verschwinde, wir haben uns nichts mehr zu sagen." Er schob sich rüde an Picard vorbei. Picard blieb noch einige Minuten traurig und verwirrt auf dem Krankenhausflur zurück.

Wenig später betrat Picard die Terrasse seines Hauses, wo Michelle, Riker, Beverly, Wes, Yamara und sein Neffe auf seine Rückkehr warteten.
"Was ist passiert?" wollte Michelle wissen.
"Amanda ist tot." Er setzte sich und legte einen Arm um Beverly. Dann griff er nach dem dunkelroten Wein, der letzte, den sein Bruder angebaut und geerntet hatte, und trank einen tiefen und langen Schluck.
"Dann ist es vorbei. Endlich." Michelle stand auf und ging auf die Weinberge zu.

Sie saß an Roberts und Maries Grab. Weinen konnte sie nicht. Nicht um eine so herzlose und selbstsüchtige Frau wie Amanda. Doch sie bedauerte die Vergangenheit. Alles hätte auch anders laufen können. Brian könnte noch leben, hätte sie doch nur die Wahrheit geahnt. Sie hätte sich um ihn gekümmert, ihn niemals fallen gelassen, wie es Jacks Wille gewesen war. Nun, Jack hatte ja seine Strafe bekommen. Seine Frau war gestorben, sein Sohn, der nicht mal sein eigen Fleisch und Blut gewesen war, war ebenfalls tot. Michelle hasste ihn und Picard hatte er schon vor langem als Freund verloren. Jack Neech war wirklich zu bemitleiden. Er hatte alles, was ihm etwas bedeutet hatte, verloren. Wie froh war Michelle, dass sie nach den anfänglichen Schwierigkeiten doch noch eine so wundervolle Familie bekommen hatte. Zärtlich strich sie über ihren Bauch, wo wieder neues Leben wuchs.
Schließlich stand sie auf und ging zum Haupthaus zurück.


Michelle stand hinter einer alten Eiche und beobachtete die Beerdigung ihrer Mutter. Will hatte sie mit der Familie begleiten wollen, doch Michelle hatte ihm klar und deutlich zu verstehen gegeben, was sie von dieser Idee hielt. Einzig Yamara stand hinter ihr.
"Warum hat sie mich so verachtet, Mum?" Michelle zuckte zusammen.
"Was?... Ich glaube, Amanda hatte ihr ganz eigenes Weltbild gegen das ich immer rebelliert habe. Und du, mein Schatz, hast da absolut nicht hinein gepasst. Also hat sie mich vor die Wahl gestellt, sie oder mein Kind. Und jetzt sieh dir ihre Beerdigung an." 
"Ich sehe Jack." 
"Richtig. Sie liebte Picard, aber Jack steht als einziger an ihrem Grab. Brian ist tot. Ich habe sie bis zu ihrem Tod verachtet. Ihre Enkel hat sie so gut wie nie zu Gesicht bekommen. Das hat sie von ihrer Lebenseinstellung gehabt."
Yamara drehte sich um, wollte gehen.

"Admiral Lanford", obwohl in zivil salutierte Yamara.
"Kadett." Die Admirälin nickte kurz. "Michelle, ich muss dich unter vier Augen sprechen." Yamara entfernte sich sofort.
Die Admirälin machte eine Handbewegung, sie gingen los.
"Du bist schwanger." Michelle nickte. Mariah hob eine Augenbraue. "Hat sich ja schnell herumgesprochen. Bevor du irgendetwas sagst, das war nicht geplant. Zumindest nicht ein Jahr nach der Geburt der Jungs. Aber ich werde sie bekommen." Nun nickte Mariah wohlweislich.
"Warum überrascht mich das nicht? Michelle, du hast bereits vier Kinder. Denk an deine Karriere. Es wird immer Männer wie Jellico geben." 
"Hat er schon Blut geleckt?" Mariah grinste.
"Noch kann ich ihn zurückhalten. Aber, Michelle,..." Ihre Stimme nahm wieder einen ernsten Ton an. "...nimm einen Rat von deiner Mentorin und Freundin an. Freu dich über die Kinder, die ihr habt. Irgendwann kann dir weder der eine noch der andre Admiral helfen. Und trotz oder gerade wegen deiner herausragenden Leistungen wirst du eines Tages vor einer schweren Wahl stehen, Sternenflotte oder die Familie. Du weißt, wie gefährlich der Dienst auf einem Föderationsschiff ist. Also, sei auf der Hut. Und denke über deine Zukunft genau nach." Lanford lächelte Michelle gütig an, machte sich Sorgen um ihren Zögling.
Doch Michelle war wie vor den Kopf gestoßen. Sie knurrte noch ein "Ja, Ma'am" und stapfte davon.


Michelle stand an ihrem Strand und beobachtete den Sonnenuntergang. Die Familie hatte schon mehrfach angerufen, aber Michelle wollte noch nicht nach Hause gehen. Sie dachte über die Ereignisse der letzten Tage nach, besonders über das Gespräch mit Mariah Lanford. Was hatte ihre Mentorin mit dieser Ansprache bezwecken wollen? Michelle war ziemlich durcheinander, sie fühlte sich vom Oberkommando unter Druck gesetzt.
Völlig in Gedanken schlenderte sie den Strand weiter entlang und stand plötzlich Riker gegenüber.
"Will? Was tust du hier?" 
"Das gleiche könnte ich dich fragen, Micky? Seit Stunden versuchen wir dich zu erreichen. Yamara sagte, du wärst völlig verstört von der Beerdigung verschwunden. Nach einem privaten Gespräch mit Admiral Lanford. Also habe ich die Admirälin kontaktiert. Du hast mal wieder was in den falschen Hals bekommen, hab ich Recht?" Michelle verstand nicht.
"Dann erklär es mir, Riker. Was habe ich falsch verstanden? Dass mir das Oberkommando nahe legt, keine Kinder mehr zu bekommen? Was kann man daran missverstehen?" 
"Aber genau das hast du missverstanden. Admiral Lanford hat Folgendes gemeint. Wir, und ganz besonders du, sind sehr wichtig für die Sternenflotte und die Enterprise. Aber wie kann das Oberkommando Eltern von sechs Kindern auf Missionen schicken, von denen sie vielleicht nicht lebend wieder kommen? Das meinte sie. Und nicht, dass du deinen Dienst quittieren sollst. Admiral Lanford hat sich nur etwas unglücklich ausgedrückt." Michelle schnaubte. Will hob eine Augenbraue und musterte seine Frau. Dann legte er einen Arm um ihre Taille und zog sie zu sich heran. Sanft strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Sie lächelte ihn mit einem leicht gequälten Ausdruck im Gesicht an.
Riker flüsterte jetzt. "Micky, wir werden das schaffen. Und wir werden jede Mission, auf die uns die Sternenflotte schickt, überleben. Unsere Kinder werden sich wahrscheinlich irgendwann wünschen, wir würden im Delta- oder Gammaquadranten verschwinden." Michelle grinste. Riker lächelte seine Frau schelmisch an. Dann packte er sie fest um die Taille und warf sie über seine Schulter. Michelle schrie und trommelte mit ihren kleinen Fäusten auf den breiten Rücken ihres Mannes.
Riker genoss den Spaß sichtlich. Vergnügt schlenderte er auf das Wasser und den Sonnenuntergang zu, die Flüche und Verwünschungen seiner Frau, teils auf klingonisch, ignorierte er.

"Wenn du es tatsächlich wagst, Riker... " 
"Was dann, Cap? Du weißt, ich habe auch schon deine Tochter ins Wasser geworfen und dieses Mal bist du dran." Er lachte. Michelle trommelte immer fester auf ihren Mann ein. Sie hatte wirklich keine Lust nass zu werden.
"Will, lass es", forderte sie ihn mit einem plötzlichen Ernst in der Stimme auf, die Riker aufhorchen ließ.
"Aber wieso denn?" 
"Die Babys", stieß Michelle hervor. Sofort hielt Riker inne. Behutsam setzte er seine Frau ab. Er nahm sie in die Arme und drückte sie sanft an sich.
"Oh, Schatz. Ich habe es vergessen. Meine Güte, fast hätte ich dich wirklich schwanger auf die Wasseroberfläche knallen lassen. Ich muss mich wohl erst wieder daran gewöhnen." Er schwankte. Michelle nahm sein Gesicht zwischen die Hände und sah ihn an.
"Will, es ist in Ordnung. Es ist doch nichts passiert." Noch immer machte Riker einen entsetzten Gesichtsausdruck. Doch Michelle grinste ihn bereits an. Sie holte mit ihrem Bein aus, machte einen Fußfeger und Riker knallte in den Sand.
Da lag er, wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Seine Frau stand über ihn gebeugt, lachte und erklärte: "Rächen kannst du dich in sechs Monaten, mein Schatz." Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und schlenderte zu ihrem Haus zurück.


Michelle saß im Besprechungsraum der Enterprise mit den Technikern, die für den Umbau zuständig waren. Während der vergangenen zwei Tage hatte sie eifrig Pläne für den Umbau ihres Quartiers gezeichnet und vorbereitet. Nun versuchte sie, die Techniker für ihre Vorschläge zu begeistern.
"Nun schauen Sie nicht so, meine Herren. In dem neuen Captain's Quartier müssen fünf Kinder leben. Wir machen Abstriche bei anderen Bereichen auf dem Deck. Außerdem soll direkt neben meinem Quartier ein ständiges für den Admiral eingerichtet werden, mit einem Kinderzimmer. Fähnrich und Lieutenant Crusher ziehen in ein größeres Quartier um. Das Deck ist egal. Bei allen anderen Umbauten haben Sie freie Hand. Aber bitte verändern Sie absolut nichts an meinem Bereitschaftsraum. Und die Brücke möchte ich auch wieder erkennen können. Dazu noch eine Kleinigkeit. Ich will meinen Stuhl behalten. Wenn sich einer traut, diesen bequemen Sessel auszutauschen, werde ich seine Strafversetzung auf einen Eisplaneten bewirken." Einer der Techniker grinste. Der neue Stuhl in der Mitte war stets das Erste, worüber sich die Captains nach den Umbauten und Modernisierungen beschwerten.

"Das wird ein hartes Stück Arbeit, Captain", knurrte der Leiter des Teams. "Sie haben ja auch sechs Wochen Zeit." 
"Und der neue experimentelle Warpantrieb?" fragte einer der Techniker missmutig und über die Sonderwünsche des Captains verärgert.
"Wird in sechs Wochen einsatzbereit sein. Da bin ich mir absolut sicher. Und nun gehen Sie ans Werk. Sollten Fragen aufkommen, ich bin in La Barre zu erreichen. Allerdings heute nicht mehr. Ich habe noch etwas sehr Wichtiges zu erledigen." Michelle lächelte in sich hinein, als sie den Konferenzraum verließ.


An einem kleinen See in der Nähe des Haupthauses war ein weißer Pavillon aufgebaut worden. Michelle stand dort in ihrer Galauniform. Vor ihr standen der Admiral und Beverly. Im Halbkreis um sie herum war die gesamte Familie versammelt. Will warf noch einen raschen Blick in den Kinderwagen auf die schlafenden Zwillinge. René stand neben ihm, stolz ein Mitglied dieser fantastischen Familie zu sein. Andy hielt François wie immer beschützerisch an der Hand. Und Yamara wiegte ihren kleinen Tom sachte in ihren starken Armen. Wesley hatte einen Arm um seine Frau gelegt und blickte stolz und mit feuchten Augen auf seine wunderschöne Mutter. Sie trug ein elfenbeinfarbenes, bodenlanges Kleid, ihre rot-goldenen Haare waren hochgesteckt und mit einigen weißen Blumen verziert. Picard trug wie seine Tochter seine Galauniform, so hatte er sich erspart eine angemessene Zivilgarderobe auszuwählen.
Gegenüber der Familie standen Worf und Deanna mit ihrem Baby Ian-Nikolai, Data und M.J. und natürlich Geordi.
Michelle blickte in die Runde, zustimmende Blicke schlugen ihr entgegen. Sie konnte beginnen.

"Meine Lieben, wir sind heute zusammengekommen, damit wir endlich nach all der langen Zeit... (sie machte eine Pause, um ihren Vater zu necken) ... Beverly Crusher und Jean-Luc Picard in den heiligen Stand der Ehe führen dürfen.
Der große griechische Philosoph Plato hat die Liebe als das Verlangen und Trachten nach dem Ganzen beschrieben. Denn früher war der Mensch rund und aus Übermut von Zeus bestraft und in zwei Hälften geschnitten worden. Diese Hälften sehnen sich ihr Leben lang nacheinander und versuchen wieder aus zweien eins zu machen und die menschliche Natur zu heilen.
Vor nunmehr fast neun Jahren hatte ich die große Ehre, Will Riker zum Mann nehmen zu dürfen. Er war die Hälfte, die ich mein Leben lang gesucht habe. Und mein Vater, der Admiral, hat uns getraut. Heute nach den vielen Irrungen und Stürmen des Lebens, die wir im Dienste der Sternenflotte und im Namen und zum Ruhme der Föderation erfahren und erduldet haben, ist es endlich soweit, dass ich meinen Vater und seine geliebte Beverly zusammenführen darf. Denn Beverly und Jean-Luc sind ebenso wie Will und ich, Yamara und Wesley, Data und M.J., Worf und Deanna und all die anderen zwei Hälften eines Ganzen.
Und darum frage ich euch, Jean-Luc und Beverly, die ihr euch nun schon seit Jahrzehnten in Liebe zugetan seid, wollt ihr hier vor eurer Familie und euren Freunden und durch die mir von der Sternenflotte verliehene Macht, euren Bund festigen und diesen Ort als Mann und Frau verlassen? Und fortan Seite an Seite durch das Leben gehen, als Einheit und durch eure Liebe unsere Familie festigen und in all den stürmischen Zeiten, die da noch kommen mögen, beschützen?" Sie blickte die beiden fragend an.
"Ja, das wollen wir", erklärten Beverly und Jean-Luc gleichzeitig. Michelle schlug die Hände zusammen. "So sei es. Hiermit erkläre ich Beverly und Jean-Luc zu Mann und Frau. Darf ich vorstellen, Dr. und Admiral Picard." Alle klatschten, Beverly und Jean-Luc küssten sich. Endlich hatte Michelle wieder eine Mutter - und einen überglücklichen Vater.
Wenn doch da nur nicht auf der Krankenstation der Enterprise Vash in ihren letzten Atemzügen liegen und die Geburt des kleinen Robert kurz bevor stehen würde. Und wieder hatte sich ein Teil der Vision erfüllt, die Michelle vor Jahren gesehen hatte. Sie fürchtete sich vor den nächsten Etappen auf ihrem Weg.

Am Himmel türmten sich dunkle Gewitterwolken auf, als wollten sie die Familie vor den bevorstehenden Stürmen ihres Lebens warnen. Doch da im Osten brach ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke als ein Zeichen der Hoffnung. Und da wusste Michelle, dass alles irgendwie gut werden würde. Sie hatte ja immer noch die Möglichkeit es zu ändern. Und sie würde es ändern. Nie würde Michelle zulassen, dass der schlimmste Teil der Vision Wirklichkeit werden würde. Niemals.


Am selben Nachmittag betrat Riker die Bibliothek seines Hauses, seine Tochter Andy vor sich herschiebend. Michelle blickte von ihrem Buch hoch und warf Riker einen fragenden Blick zu.
"Was gibt es?" 
"Deine Tochter möchte dich etwas fragen." 
"Nun, Andy?" Sie lächelte ihrer Tochter ermutigend zu.
"Die Juniorliga von Paris hat angefragt, ob ich für die sechs Wochen als Mitglied ihres Teams zur Verfügung stehe." Michelle legte ihr Buch beiseite. Riker verschränkte offensichtlich wütend die Arme vor der Brust.
"Es ist Parises Squares! Unsere achtjährige Tochter will dieses brutale und gefährliche Spiel spielen! Nicht etwa mit Freunden, nein, es muss gleich die Liga sein!" Michelle grinste.
"Wo ist das Problem, Will? Wie alt warst du, als du zum ersten Mal gespielt hast?" Sie stand aus ihrem gemütlichen Lesesessel auf. "Nun, ich will dir sagen, wie alt ich gewesen bin. Sechs. Ich kam mit einem gebrochenen Arm zurück. Sechs Wochen später spielte ich in der Liga. Und Yamara hat mit vier Jahren zum ersten Mal gespielt. Sie konnte den Schläger kaum halten aber hat draufgeschlagen, was das Zeug hielt." 
"Das ist mir egal, Yamara hat einen dickeren Schädel als Andy. Sie wird nicht spielen! Ende der Diskussion." Michelle war gänzlich unbeeindruckt.
"Andy soll selbst lernen, ob gebrochene Knochen den Kick wert sind. Und deshalb wird sie gehen. Geh dich umziehen, Schatz. Ich bringe dich nach Paris." Fröhlich und vergnügt quietschend rannte Andy aus dem Raum.
"Michelle, du bist total verrückt. Sie wird sich alle Knochen brechen. Ich kann das nicht gut heißen. Auch nicht, dass wir vor den Kindern uneinig sind." 
"Oh, Will. Weißt du wie viele Eltern sich wegen Parises Squares in die Haare bekommen?" 
"Weißt du wie viele Kinder dabei sterben?" 
"Ach Blödsinn. Wenn es wirklich so gefährlich wäre, hätte die Föderation es schon vor Jahrzehnten verboten. Es ist ein wenig brutal. In Ordnung. Aber es war für Yamara immer ein gutes Ventil für ihre Wut auf die anderen Kinder.... Außerdem spielt Andy ja mit Helm. Es ist auch wesentlich sicherer als zu der Zeit, als wir es noch gespielt haben." Michelle grinste ihren Mann an, sie wusste, sie hatte gewonnen.
"Du hast mir immer noch nicht gesagt, wie alt du bei deinem ersten Spiel gewesen bist." 
"Fünf", gab er leicht zerknirscht zu und hob kapitulierend die Hände. "Aber du holst sie nachher aus dem Hospital ab." Michelle nickte einverstanden, hoffte aber auch, dass ihre Tochter mit leichteren Verletzungen davonkommen würde.


Einige Stunden später betrat Yamara mit ihrem Baby auf dem Arm die Bibliothek und strahlte ihre Mutter an.
"Das Pariser Hospital hat sich gemeldet. Wir können Andy abholen." Riker spitzte die Ohren, er war sichtlich nervös und in Sorge um sein Sternenkind. "Geht es ihr gut?" fragte er besorgt.
Michelle fragte, ohne von ihrem Buch aufzublicken: "Hat ihr Team gewonnen?" Will blickte seine Frau völlig entgeistert an.
"Ja und ja. Andy hatte einen gebrochenen Arm, Rippenprellungen und zahlreiche blaue Flecken. Sie hat auf Schmerzmittel verzichtet und ist laut Aussage ihres behandelnden Arztes stolz auf jeden einzelnen blauen Fleck. Und sie hat drei Tore gemacht, Mum." Will blickte noch immer völlig entgeistert zwischen seiner Frau und seiner ältesten Tochter hin und her.
"Gehen wir sie abholen, Mum. Dad, pass bitte auf Tom auf. Wes und Großvater sind bei der Lese." Wortlos nahm Riker seinen Enkel entgegen. Und schon waren Michelle und Yamara verschwunden.

Riker ging mit Tom auf dem Arm ins Kinderzimmer im ersten Stock. Die Zwillinge unterhielten sich in ihrem Bettchen in einer Sprache, die nur sie verstanden. Ihr dreijähriger Onkel gab auch immer wieder einen für Riker unverständlichen Kommentar ab. Schließlich grinste er, schüttelte den Kopf und legte seinen Enkel zu François. Er streichelte das Baby liebevoll und erklärte den anwesenden Männern: "Die Frauen in unserer Familie sind ganz eindeutig verrückt." Er lachte, setzte sich in Michelles Schaukelstuhl am Fenster und beobachtete die Kinder.
Die Enterprise vierundzwanzig Stunden später. Der neue, verbesserte Warpantrieb hatte erste Testflüge gut überstanden. Nun stand der erste über eine größere Distanz an. Michelle und Riker saßen auf der Brücke, freudig erregt und sehr gespannt.

Am Steuer saß endlich einmal wieder René Picard. Die übrige Familie bis auf Picard war auf der Erde geblieben und kümmerte sich um die Lese.

"Wir haben das Sonnensystem verlassen, Captain." 
"Gut. Mr. Picard, Warp 5. Energie." Das Schiff beschleunigte, die Sterne wurden zu langen Streifen. Doch sofort fuhr ein Ruckeln durch das gesamte Schiff, es viel zurück auf Impulsgeschwindigkeit. "Verdammt", knurrte Michelle. "Mr. Picard, Rückflug zur McKinleystation. Der Antrieb ist noch nicht so weit." Michelle stand auf und ging zu ihrem Raum um einige Berichte durchzuarbeiten. Da meldete sich die Krankenstation.
"Captain Riker, kommen Sie bitte umgehend mit Commander Riker auf die Krankenstation." 
"Was ist, Dr. Melan?" 
"Captain, ich musste das Baby holen. Vash... Sie stirbt." Michelle drehte sich um sprintete - eine Hand schützend auf ihrem Bauch - zum Turbolift.
"Wir sind unterwegs", bestätigte Riker. Er nickte Data zu, der sofort auf den Kommandosessel wechselte und seinen Freunden einen besorgten Blick hinterher warf. Dennoch schaltete er seinen Emotionschip gleich darauf ab um seine Pflichten einhundertprozentig erfüllen zu können.

Im Turbolift wischte sich Michelle eine Träne weg. So schlecht sich Vash auch benommen hatte, das war kein würdiges Ende. Riker nahm sie in den Arm. Er fühlte sich mitschuldig, da er Vash nicht besser kontrolliert hatte während der archäologischen Exkursion. Aber wie hätte er auch ahnen können, dass sie schwanger gewesen war.
"Ob mein Bruder überleben wird?" Riker seufzte.
"Es ist eine Woche über Jackys Limit. Ich denke, er schafft es. Hey, er ist doch ein Picard. Also..." Michelle lächelte.

In der Krankenstation herrschte eine bedrückte Stimmung. Die Meisten hier hatten unter Picard ihre Karriere auf der Enterprise begonnen. Und die Übrigen hatten ihn während der letzten Monaten sehr gut kennen und schätzen gelernt. Sie hatten erkannt, welche Größe hinter seinem Verhalten stand und auch dem der übrigen Familie. Gut, es war sein Sohn um den es ging, aber niemand auf dem Schiff hatte Mühen gescheut, um Vash alles so gut es ging zu erleichtern und Picard zu schonen. Jetzt da es vorbei war, fühlten sich die Meisten von ihnen leer und ausgebrannt. Rund um die Uhr hatten sie Picards Exfrau umsorgt und die Vitalzeichen des Babys überwacht. Der kleine Robert Picard war inzwischen in einen Brutkasten gelegt worden und erhielt über Infusionen aufbauende Präparate. Da er nicht durch eine normale Schwangerschaft gewachsen war, wies er einige Mängel auf und war auch ein wenig zu klein. Aber die ausgezeichnete Betreuung von Jacky Melans Stab würde dies bald behoben haben. Schon am Abend würde man Robert in die Kinderklinik in San Francisco bringen und wahrscheinlich in einer Woche konnte Picard in sogar schon nach LaBarre holen.

Michelle sah sich kurz auf der Krankenstation um und entdeckte schließlich Jacky in ihrem Büro. Die Ärztin bemerkte sie und winkte die beiden Rikers zu sich.
"Hallo Michelle, Will. Der Admiral ist neben an. Wir haben Vash nach der Entbindung aufgeweckt, als wir euch verständigt haben. Aber es ging alles so schnell. Picard sagte ihr, dass ihr Sohn geboren sei. Sie lächelte und schlief ein... Kommen Sie."
Die Ärztin führte die beiden in einen angrenzenden Raum. Im Halbdunkel saß dort Picard bei seiner toten Exfrau und weinte leise. Sein Gesicht war schmerzverzehrt, die Augen gerötet. Michelle trat näher und kniete sich vor ihren Vater. "Dad." Er reagierte nicht. "Jean-Luc, ich bin's Michelle." Endlich blickte er auf. Als er seine Tochter sah, schluchzte er laut auf. Michelle warf die Arme um ihren Vater und ließ ihren Tränen freien Lauf. Will flüsterte Jacky zu, dass er gerne das Baby sehen würde. Unbemerkt entfernten sie sich.
"Es wird alles gut, Dad." Er nickte. Eigentlich waren die Rollen vertauscht. Michelle sprach, als würde sie Andy trösten, die hingefallen war. Nur das Andy nicht wegen eines Kratzers weinte. Vor allem nicht, seit sie regelmäßig Parises Squares spielte.

"Ich weiß, ich weiß, mein Kind. Es ist nur die Last der letzten Monate, die jetzt von mir abfällt. Ich bin froh, dass Robert gesund und lebensfähig ist und dass Vash jetzt alles überstanden hat... Komm ich zeige dir deinen kleinen Bruder."

8. Kapitel
Bruchlandung


"Was ist passiert?" Michelle schüttelte den Kopf um ihn zu klären. Sie blinzelte und blickte sich um. Alles war dunkel. Unter ihr war es weich. Wo war sie denn bloß? Sie sah sich um. Alles war grün, es herrschte Zwielicht. Michelle konnte aber erkennen, dass sie auf der Erde saß umgeben von einem tropischen Dschungel. Panik ergriff sie. "Riker? Wo bist du?" Sie konnte sich an den Flug erinnern. Ein Termin. Eine Konferenz. Ja genau. Sie und Riker mussten zu einer dringenden Konferenz das Dominion betreffend. Die Enterprise hatte aber eine Rettungsmission durchzuführen. Deswegen waren sie mit der Captain's Yacht geflogen. Noch einmal rief sie nach ihrem Mann. Noch immer keine Antwort. Langsam versuchte Michelle auf die Beine zu kommen und sackte gleich wieder zusammen. Dann blieb sie wohl besser sitzen, bis Riker sich melden würde. Die Babys, fuhr es ihr schmerzlich in den Sinn. Ging es ihnen gut? Auf allen Vieren und in nahezu völliger Dunkelheit versuchte Michelle den Weg zur Yacht zu ertasten. Plötzlich wurde sie geblendet. Riker hatte sie gefunden.
"Ich kann dir leider nicht aufhelfen, Liebling. Ich hab mir den Arm gebrochen." Seine Frau blinzelte ihm verwirrt entgegen.
"Was ist denn überhaupt passiert?" 
"Tja, ich würde sagen, da wollte jemand nicht, dass wir zur Konferenz kommen." 
"Das Dominion? So weit im Alphaquadranten? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber vielleicht sind sie etwas sauer, weil wir ihnen die Tour auf Altair 7 vermasselt haben", erklärte Michelle.
"Das kann gut sein. Und wir wissen auch nicht, wo überall Wechselbälger agieren. Die Gründer wissen mit Sicherheit von der Konferenz, die wir besuchen wollten... Komm schnell in die Yacht. Ich habe die Sensoren aktivieren können. So merken wir, wenn J'em Hardar auftauchen." Michelle schluckte, dann wäre es ohnehin schon zu spät. Sie hatte einige von Ben Siskos Kampfberichten studiert. Die Krieger des Dominion kannte keine Gnade, auch nicht mit schwangeren Sternenflottenangehörigen. Wenn sie überhaupt noch dazu zählte.

Im Schiff machte sich Michelle zuerst auf die Suche nach einem medizinischen Tricorder. Als sie einen gefunden hatte, reichte sie ihn Will. Er blickte ihr fragend entgegen. "Sie nach, ob ich noch schwanger bin." Er nickte, schmeckte bittere Galle aufsteigen. Die Babys. Er hatte es verdrängt, wollte nicht noch eine Fehlgeburt mitmachen müssen. Seine Hand wollte zittern, er biss sich auf die Innenseite seiner Wange. Michelle zuliebe durfte er solche Schwäche jetzt nicht zeigen. Er scannte sie. Die Sekunden vergingen quälend langsam, schließlich atmete Riker erleichtert auf.
"Es ist alles in Ordnung." 
"Puh", machte Michelle. Dann klatschte sie in die Hände.
"Nun denn, Nummer 1, lass uns der Enterprise ein Notsignal schicken." Riker grinste.
"Ja, Ma'am!"
Er ging zur Konsole und führte eine Diagnose durch, währenddessen Michelle aus dem hinteren Teil der Yacht zwei Gewehre und Handphaser holte. Sie hatte das ungute Gefühl, dass hier bald J'em Hardar auftauchen würden. Sie entsicherte die Waffen und gab einen Satz an ihren Mann weiter.
"Okay, ich konnte das Notsignal aktivieren. Das Problem ist, dass die Gegenseite es natürlich auch empfangen kann. Wenn das Dominion uns vor der Enterprise findet, sind wir erledigt." 
"Riker, seit wann siehst du so schwarz? Denk mal dran, welch brenzlige Situationen wir schon überlebt haben. Auf Berryl, auf Charlie's Planeten, die Bombe beim Besuch auf Barrakas und so weiter und so weiter. Da wirst du doch nicht vor ein paar J'em Hardar kapitulieren?! Ich werde mich hinten ein wenig in die Koje legen und du übernimmst die erste Wache."


Zur gleichen Zeit auf der Enterprise. Der Rettungseinsatz war geglückt, das Schiff war auf dem Weg zur Konferenz um Captain und Commander Riker wieder abzuholen. Noch ahnten sie nichts von dem Absturz. Und dummerweise lag der Planet weiter entfernt vom Konferenz-Ort als die Langstreckensensoren der Enterprise reichten.
Data erhielt soeben Meldung von der Raumstation, dass die Rikers dort nicht eingetroffen waren und auch die Captain's Yacht auf keinem Scanner oder Langstreckensensor auftauchte. Data fühlte sich sofort als Sherlock Holmes, sein großes Vorbild. Hier galt es ein Rätsel zu lösen. Data gab Befehl alle Relaystationen auf der Strecke zu kontaktieren. Sie mussten herausfinden, an welcher Stelle die Captain's Yacht von der Route abgewichen war. Das dürfte nicht sonderlich schwer sein. Natürlich wusste Data noch nichts von Michelle Schwangerschaft. Ansonsten hätte er sich wohl Sorgen gemacht. Die Raumstation hatte der Enterprise mitgeteilt, dass es in diesem Sektor starke Dominion-Aktivitäten gab. Data stellte sich vor, wie Michelle es mit ihnen aufnahm und grinste. Sein Captain konnte sehr gut kämpfen, sie hatte sogar einige Unterrichtsstunden bei Worf genommen. Es war schon ein Vorteil einen klingonischen Sicherheitsoffizier zu haben. Trotz der Sorge fühlte sich Data beschwingt, angesichts der Chance wieder einmal seine Führungsqualitäten unter Beweis stellen zu können.

Weniger beschwingt ging es hingegen in der abgestürzten Captain's Yacht zu. Die Sensoren gaben Alarm. Riker sprang sofort von seinem Pilotensitz auf und überprüfte die Daten. Michelle kam aus dem hinteren Teil der Fähre und warf ihm einen fragenden Blick zu. "Und?" Er nickte. Mehr musste ihr Mann nicht sagen. Die J'em Hardar hatten ihr Notsignal geortet. "Verdammt!" fluchte der Captain.
"Willst du kämpfen?" fragte Riker nach einer längeren Pause.
"Wollen schon, aber ich muss auch an die Zwillinge denken. Und an die übrigen vier Kinder, die wir nicht zu Waisen machen dürfen." Er nickte.
"Also Rückzug? Aber wohin? Ich scanne mal schnell die Umgebung, vielleicht gibt es eine Höhle oder so." Riker trat an die Konsole, während Michelle schnell Wasser, Tricorder und einige Notrationen in eine kleine Tasche packte.
"Ich hab was gefunden. Allerdings sind es neun Kilometer. Mein Arm ist gebrochen, du bist schwanger. Vielleicht sollten wir uns doch besser verschanzen." 
"Will, das Letzte was ich möchte, ist unsere Kinder in einem Dominion-Kriegsgefangenenlager auf die Welt bringen. Ich gebe dir ein Schmerzmittel, dass hemmt zwar deine Reaktionen, aber wir kommen hier weg. Wenn wir in der Höhle sind, werde ich den Arm irgendwie schienen."

Sie kämpften sich durch die Dunkelheit voran. Sehr langsam. Sie benutzen die Lampen nur, um mit ihren Tricodern die Richtung abzugleichen. Die J'em Hardar waren als Jäger gezüchtet worden. Man musste es ihnen nicht noch leichter machen. Riker fluchte vor ihr. Der gebrochene Arm behinderte ihn stark. Ständig schlugen ihm Äste und Sträucher ins Gesicht, das schon völlig zerkratzt war. Michelle, die ein gutes Stück kleiner als Riker war, konnte sich immer rechtzeitig ducken oder ausweichen. Aber sie bekam langsam Seitenstechen.
"Will", zischte sie. "Will, langsamer! Ich kann nicht mehr. Wir müssen rasten." Er schüttelte energisch mit dem Kopf.
"Wir müssen weiter, geh langsamer, aber geh weiter." Michelle dachte nicht im Traum daran. Sie setzte sich hin, wo sie eben noch gestanden hatte. Ihr Atem kam stoßweise.
"Von mir aus trag mich doch, aber ich kann nicht. Fünf Minuten. Bitte. Lass mich eine Notration essen, dann geht es schon wieder." Will baute sich vor ihr auf und funkelte sie wütend an.
"In der Yacht erzählst du noch, wir sollen an die Kinder denken und dass du die Zwillinge nicht in einem Kriegsgefangenenlager bekommen willst. Bist du nun eine Picard oder was? Reiß dich zusammen, verdammt!" Er zerrte sie unsanft auf die Füße und trieb seine Frau voran. Nach einigen Minuten drehte sie sich wütend um.
"Das lasse ich dir nur aufgrund der Notlage durchgehen, Riker! Ich bin immer noch dein Captain! Vergiss das nie! Wir sind im Einsatz, nicht zu Hause in LaBarre oder so ähnlich! Ich habe mich nicht leichtfertig hingesetzt, weil ich einen Stein im Schuh habe. Es geht mir schlecht!"
Noch wütender stapfte sie an Riker vorbei und ließ ihn stehen. Ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen, das Michelle besser nicht sehen sollte. Er hatte ihren Kampfgeist geweckt, sehr gut. Sie durfte nicht in Lethargie verfallen. Ganz besonders nicht, falls es doch noch zu einem Kampf kommen sollte. Den Rüffel steckte er weg, schob es auf die Situation und die Hormone. Solange sie lebend von diesem Planeten weg kamen und nicht als Gefangene, war es ihm egal.

Inzwischen hatte auch schon Admiral Picard vom Verschwinden seiner Tochter und Will erfahren. Er war besorgt. Die neuesten Geheimdienstberichte über die Truppenbewegungen der J'em Hardar waren durchaus besorgniserregend. Er setzte sich mit Admiral Lanford in Verbindung. Alle Schiffe in dem Sektor wurden zur Suche abkommandiert. Die Enterprise koordinierte die Rettungsmission.
Yamara war zur Zeit auf der Akademie und absolvierte ihr letztes Semester. Sie war während der Mittagspause in das Büro ihres Großvaters geeilt, ihren kleinen Sohn auf dem Arm, den sie während der Vorlesungen in einer Betreuungsstätte der Akademie gut versorgt wusste. Sie hatte Gerüchte gehört in der Mensa.
Yamara betrat das Vorzimmer. "Ist der Admiral zu sprechen?" fragte Yamara ohne Umschweife. Die freundliche Assistentin lächelte.
"Für Sie doch immer, Kadett Crusher. Soll ich Ihren Sohn solange nehmen?" Sie streckte bereits die Arme aus.
"Nein danke, Lieutenant Furgeson. Ich lege ihn drinnen in den Laufstall." Schon betätigte Yamara den Türsummer. Sie hörte Picards gemurmeltes "Herein" und steckte zögernd den Kopf in sein Büro. Picard entdeckte seine Enkelin und winkte sie herein.
"Großvater, was ist passiert? Es heißt Mum und Dad werden vermisst?!" 
"Setz dich und leg Tom in den Laufstall. Und dann beruhige dich erst einmal, Yamara." Sie tat wie geheißen, aber ihr klingonisches Blut rauschte bereits in den Adern. Nicht vor Wut sondern vor Angst.
"Du hast gut reden, sind ja nicht deine Eltern!" Picard hob fragend eine Augenbraue. Yamara schluckte. "Entschuldige. Als Mutter weiß ich natürlich, die Sorge um ein Kind wiegt noch stärker als die Sorge um die Eltern. Ich bin einfach nervös." Picard lächelte seine Enkelin verständnisvoll an.
"Ich weiß, Yamara. Ich weiß. Wenn ich könnte, würde ich mir ein Schiff schnappen und persönlich nach deinen Eltern suchen. Aber das geht nicht. Ich werde in der Akademie gebraucht, die Babys brauchen mich auch. Und Tom braucht dich. Ich habe allerdings Admiral Lanford kontaktiert. Sämtliche Schiffe im Sektor sind an der Suche beteiligt. Data koordiniert alles. Und ich bin sicher, dein Mann ist auch eine große Hilfe. Sicherlich hat er deine Geschwister abgeholt, passt auf sie auf und arbeitet gleichzeitig an seiner Konsole auf der Suche nach Michelle und Will."
Yamara lächelte, sie konnte sich die Situation in ihrem Quartier ganz gut vorstellen. Sie sah Wesley vor sich, wie er fieberhaft die Konsole bearbeitete, immer wieder einen Blick auf den Laufstall warf, in dem die Zwillinge spielten und daneben saß Andy auf dem Sofa und spielte mit ihren Puppen. Picard registrierte beruhigt ihr Lächeln.
"Na siehst du, Yamara. Es wird schon werden. Deine Mutter wusste schon immer auf sich aufzupassen. Als Kind hat sie sich mal in den Everglades verlaufen. Da fand ich sie, wie sie fasziniert einen beinahe drei Meter großen Alligator beobachtete. Dieses Kind. Ich hab sie manchmal nur zweimal im Jahr gesehen und dann machte sie so was." Picard lachte, seine Enkelin stimmte mit ein. "Und dein Vater, was hat der während unserer gemeinsamen Dienstzeit alles erlebt. So viele Gefechte, im All oder im Nahkampf. Will Riker ist der verdammt beste Offizier, den es in der Sternenflotte gibt. Sicherlich ist die Situation soweit im Griff, dass die beiden sich mal wieder streiten können." Beide lachten wieder.


"In Deckung", rief Riker seiner Frau zu. Phaserfeuer schlug über und neben ihnen in die Bäume an. "Verdammte J'em Hardar", knurrte Riker. Er war nicht besonders treffsicher, der gebrochene Arm behinderte ihn stark. Michelle hatte sich hinter einigen Felsen hingelegt und das Phasergewehr angelegt. Sie konzentrierte sich, unterdrückte Übelkeit und Erschöpfung und schoss. Der erste Krieger ging zu Boden.
"Zwei erledige ich noch, dann müssen wir weiter. Ich decke deinen Rückzug." 
"Spinnst du?" fauchte Riker. Michelle warf ihm einen bösen Blick zu.
"Mit deinem gebrochenen Arm schießt du schlechter als Andy! Also lauf, wenn ich es sage. Und keine Diskussion, nicht jetzt verdammt noch mal!!" Michelle wandte eine vulkanische Entspannungstechnik an, die ihr Mentor Tuvok sie gelehrt hatte. Sie legte das Phasergewehr an und schoss erneut. Ein weiterer J'em Hardar ging zu Boden, den zweiten streifte sie nur. Dennoch rief sie Will zu er sollte los laufen. Riker drehte sich um und rannte los. Michelle feuerte mit dem Handphaser drei mal ungenau in den Dschungel, drehte sich um und preschte davon. Sie hörte das Zischen, als die Waffen der Gegner dicht neben ihr die Bäume trafen und in Flammen aufgehen ließen. Das aufsteigende Ozon nahm ihr noch mehr den Atem. Lange würde Michelle nicht mehr durchhalten. Wie weit lag die verdammte Höhle noch entfernt? Sie konnte nicht stehen bleiben und einen Blick auf den Tricorder werfen. Nur rennen, rennen. Auch wenn sie nicht mehr konnte. Sie mussten weiter. Zwei Führungsoffiziere wären zu wertvolle Geiseln für das Dominion und konnte den Krieg ungünstig beeinflussen. Wieder spürte sie das Zischen der gegnerischen Phaser. Sie kamen näher. Allerdings boten sie den Soldaten ein schlechtes Ziel, da sie beide im Zickzack liefen. Michelle versuchte sich an eine andere Konzentrationsübung zu erinnern, die M.J. ihr beigebracht hatte. Sie wollte sich jetzt nur auf das Laufen konzentrieren, nichts weiter. Keine Gedanken an Möglichkeiten oder die Zeit nach der geglückten Flucht verschwenden.

Zur selben Zeit fand auf der Enterprise eine Einsatzbesprechung statt. Data teilte die Schiffe effizient den verschiedenen Suchbereichen innerhalb des Sektors zu. Zwar war man noch nicht im Langstreckensensorbereich, aber das durfte nicht mehr allzu lange dauern. Sie hofften, dass die Rikers ein Notsignal abgesetzt hatten, was ja auch zutraf. Dummerweise hatten die J'em Hardar die Captain's Yacht gefunden und zerstört. So würde es um einiges schwieriger werden den richtigen Planeten zu finden. Aber Data suchte nicht alleine nach einem vermeintlichen Notsignal sondern auch nach der Ionenspur der Yacht. Die Chancen standen allerdings schlecht, sollten die Suchtrupps kein Notsignal empfangen. Im betreffenden Sektor gab es Dutzende Klasse M-Planeten oder andere Monde und Planetoiden, die zumindest kurzfristig ein Überleben von Humanoiden gewährleisten konnten.


Doch den Rikers lief langsam die Zeit davon. Völlig entkräftet von der rasanten Flucht vor den Kriegern des Dominion würden die beiden nicht mehr lange durchhalten. Riker gab aber noch nicht auf. Er hatte keine Ahnung, wann die Enterprise sie finden würde. Daher mussten sie weiter, immer weiter. Solange die J'em Hardar sie nicht in die Finger bekamen, war alles in Ordnung.

Michelle strauchelte, blieb an einer Wurzel hängen und fiel der Länge nach hin. Sie fing sich instinktiv mit den Händen ab. "Will! Will! Hilf mir!" Angst stieg in ihr auf, während sie versuchte wieder auf die Füße zu kommen. Hinter ihr raschelte das Laub. Vor ihr sah sie Riker auftauchen. Geduckt rannte er auf seine Frau zu um ihr zu helfen.
Er fragte sich gerade, warum Michelle so entsetzt aussah, als sie schon rief "Lauf, sie sind hier!" Aber es war zu spät. Die J'em Hardar brachen aus dem Dickicht. Sie zogen Michelle grob auf die Füße und verdrehten ihr die Arme schmerzhaft auf dem Rücken. Der Anführer riss ihr von der zerfetzten Uniform den Kommunikator herunter und vaporisierte ihn mit seinem Phaser.
Riker beobachtete die Szene, wie eine Holosimulation, alles ging so schnell. Er bremste ab und machte kehrt. Er wusste, dass er Michelle nicht helfen konnte. Er hatte einen letzten Befehl von ihr erhalten. Verzeih mir, dachte er, dann wurde es dunkel um ihn herum. Der  nächststehende J'em Hardar hatte ihm in den Rücken geschossen. Michelle schrie entsetzt auf und wollte zu Riker rennen. Sie wand sich unter dem Griff der Soldaten.
"Lasst mich los, ihr Mistkerle! Lasst mich zu meinem Offizier!" Michelle konnte noch so klar denken, dass sie Riker nicht als ihren Ehemann bezeichnete. Unmöglich zu sagen, was sie dann mit ihnen anstellen würden. Wieder fluchte sie. Den Kriegern wurde es anscheinend zu bunt, der Anführer schlug Michelle brutal bewusstlos. Auch sie umfing sanfte Schwärze und die gnädige Bewusstlosigkeit.

9. Kapitel
Gefangen

Die Enterprise hatte die Ionenspur der Captain's Yacht bis zu dem Dschungelplaneten verfolgen können. Als das Außenteam angeführt von Data sich an der vermeintlichen Absturzstelle rematerialisierte, packte die Crewmitglieder Entsetzen. Sie fanden nur die noch qualmende Ruine der ehemaligen Captain's Yacht.
"Was kann nur passiert sein?" Data packte sofort seinen Tricorder aus. Dr. Melan und Worf taten es ihm gleich.
"Keine Biosignaturen im Wrack, Commander Data." 
"Danke, Dr. Melan. Dann wissen wir zumindest, dass der Captain und der Commander den Absturz überlebt haben. Scannen Sie die Umgebung.... Enterprise, hier Commander Data. Wir benötigen mehrere Suchteams. Die Yacht ist zerstört, aber es gibt keine Spuren von Captain und Commander Riker in der Fähre."


Yamara war in ihrem Elternhaus in San Francisco. Es war Freitag. Sie packte gerade eine Tasche für sich und Tom um das Wochenende bei den Großeltern zu verbringen. Sie wollte gerade den Kinderwagen zur Tür hinaus schieben und zum Shuttlehafen gehen. Mit einem Baby sollte man nicht allzu oft beamen. Daher zahlte ihr Großvater gerne die Krediteinheiten für die wöchentlichen Transporte nach Frankreich. Yamara drehte sich zum piepsenden Wandbildschirm um und aktivierte ihn verbal.
"Großvater? Ich bin doch schon auf dem Weg zum Shuttlehafen." 
"Gut, ich wollte mich nur vergewissern. Wir warten schon mit dem Abendessen. Bis gleich." Es war besser zu lügen. Picard musste ihr persönlich sagen, was das Außenteam gefunden hatte. Er drehte sich zu seiner Frau um, Beverly kämpfte mit den Tränen. Wie würde Yamara reagieren?
"Oh Jean-Luc, was kann nur passiert sein?" Picard nahm seine Frau in die Arme.
"Ich weiß es nicht, ma chere. Ich weiß es nicht. Wir müssen abwarten. Vor allem müssen wir tapfer sein für die Kinder. Wir müssen verhindern, dass Yamara irgendwelchen Unsinn anstellt. Trotz allem gehört sie der Sternenflotte an. Sie muss lernen, dass sie ihre Verpflichtungen sehr ernst nehmen muss." Beverly seufzte. Er hatte Recht. Natürlich. Sie erinnerte sich an den Tag, als Jean-Luc ihr den Tod von Wesleys Vater mitgeteilt hatte. Anfangs hatte sie nur Hass und Wut für Picard übrig, weil er wiedergekommen war und Jack nicht. Doch Jean-Luc konnte nichts dafür. Niemand trug die Schuld, das Schicksal hatte sich einfach dafür entschieden, dass Jacks Lebenszeit abgelaufen war. Diese Gedanken führten zu nichts, schalt Beverly sich selbst. Sie mussten sich jetzt um Yamara kümmern, mehr konnten sie nicht tun. Nun hieß es warten, bis die Enterprise sich wieder meldete.

"Hallo, hier bin!" rief Yamara fröhlich in die Eingangshalle des Picardschen Haupthauses. Lieber schlief sie mit Tom am Wochenende hier in ihrem alten Zimmer als drüben ganz alleine in Michelles und Wills Haus.
Picard und Beverly blickten vom Esstisch auf und versuchten zu lächeln. Doch Yamara spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Dafür musste sie keine Telepathin sein. "Was ist? Gibt es Nachricht von der Enterprise?" Picard nickte.
"Gib mir Tom. Ich bringe ihn zu Bett, dann essen wir." Schon trug Beverly ihren Enkel in den ersten Stock und ließ ihren Mann, den großen Diplomaten, mit dem klingonischen Temperament Yamaras alleine. "Großvater, bitte sag was los ist." 
"Setz dich erst einmal." Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
"Ich will mich aber nicht setzen. Sag mir was die Enterprise berichtet hat!"


Lichtjahre entfernt kämpfte Wesley gerade damit seine kleinen Schwäger und seine Schwägerin ins Bett zu bekommen. Wie einfach war es doch, Tom zu beruhigen und zum Schlafen zu bewegen. Aber Johnny, Jean-Luc und der wilde Sturkopf Andy waren eine echte Herausforderung für den jungen Vater. Er vermisste Yamara und seinen Sohn. Wie viel einfacher war alles, wenn die Familie zusammen war. Sicherlich hatte Picard ihr schon erzählt, was die Enterprise gefunden hatte. Wesley würde sie gerne in den Arm nehmen und trösten. Statt dessen musste er Andy immer wieder zurechtweisen, die partout nicht schlafen wollte. Die Zwillinge weinten immerzu. Wesley wünschte sich in sein eigenes Quartier zurück. So komfortabel das neu umgebaute Captain's Quartier auch war, er fühlte sich fehl am Platz und überfordert. Er brauchte dringend Hilfe.
"Crusher an Counselor Troi." 
"Was gibt es, Wesley?" 
"Ich brauche dringend Ihre Hilfe, Deanna, bei den Kindern. Die Zwillinge hören nicht auf zu weinen und Andy will nicht ins Bett. Ich weiß nicht, wen ich sonst fragen soll." Deanna lächelte in ihrem Quartier. "Wir kommen, Wesley." Sie gab Worf seinen Sohn, der ihn rasch in sein Bettchen legte.
"Der arme Wesley, er scheint restlos überfordert zu sein. Es ist keine leichte Situation. Andy ist zwar intelligent, aber was will man ihr sagen?" Worf nickte und begleitete seine Frau zum Captain's Quartier.


Es war dunkel. Was war passiert? Wo waren sie? Michelle konnte nicht viel erkennen. Sie tastete nach dem Kommunikator und stellte fest, dass er weg war. Inzwischen musste die Enterprise schon im Sektor sein, wenn sie das Notsignal empfangen hatten. Wieso war es dunkel, waren sie noch auf dem Planeten? Sie tastete in ihrem Umkreis nach einem zweiten Körper. Die J'em Hardar hatten zwar auf Will geschossen, das hieß aber nicht, dass er tot sein musste. Das würde Michelle erst glauben, wenn sie seine Leiche gesehen hatte. Lebend war er viel mehr wert, versicherte sie sich mehrfach.
"Commander Riker", flüsterte sie in die Dunkelheit. Sie kämpfte gegen die Tränen und den Wunsch seinen Vornamen zu rufen an. "Commander, ich bin es, Captain Neech." Sicher war sicher. Wenn beide den selben Nachnamen benutzten, konnten sie die J'em Hardar nicht mehr überzeugen, dass sie nur Kollegen waren. Und der Name Picard war vielleicht im Dominion schon zu bekannt. Dann lieber Jacks verhassten Namen verwenden. Vielleicht war er wenigstens dazu gut ihnen beiden das Leben zu retten.

Plötzlich ging das Licht an, sehr grelles Licht. Michelle blinzelte und hielt sich eine Hand vor die Augen. Eine Tür glitt beiseite. Sie zwang sich die Augen zu öffnen. Will wurde von zwei Soldaten gestützt, er blutete über der Augenbraue, in seinem Bart war getrocknetes Blut. Kurz und gut, er sah fürchterlich aus. Aber er lebte. Michelle atmete erleichtert auf. "Commander Riker? Sehen Sie mich an. Ich bin es, Captain Neech." Hoffentlich verstand er die Botschaft. Will öffnete die Augen ein wenig. Als Michelle den Schmerz in seinen stahlblauen Augen sah, brach es ihr beinahe das Herz. Was hatten diese Tiere ihrem Mann angetan? Und selbst wenn er nicht ihr Mann gewesen wäre, sondern nur ihr erster Offizier, hätte sie sich verantwortlich gefühlt.
"Captain Neech, geht es Ihnen gut?" brachte er mühsam und stockend hervor.
"Ja, Commander. Alles in Ordnung." Michelle machte sich bereit, als Nächste verhört zu werden. Ihre Angst unterdrückte sie weitestgehend, als sie den J'em Hardar entgegen blickte. Doch die beiden dachten nicht daran sie mitzunehmen. Sie schleiften Riker in die Ecke, drehten sich zackig auf den Hacken um und die Tür glitt hinter ihnen zu. Michelle kroch durch die Dunkelheit, Tränen flossen über ihre schmutzverkrusteten Wangen. Zitternd tastete sie sich an die Stelle vor, wo sie ihren Mann vermutete. Ihre Hände fanden seinen Körper, seine Brust, die sich ein wenig unregelmäßig hob und senkte. Weiter nach oben flogen ihre zarten Finger, fanden seinen Bart, den sie so liebte, wenn er sie mit seinem Guten-Morgen-Kuss kitzelte.
Sie kroch dicht neben Will und flüsterte leise in sein Ohr: "Wir kommen hier raus, Will." Er ergriff ihre Hand und drückte sie an sein Herz.
"Mir ist egal, was sie mit mir machen. Solange du es schaffst." Michelle schüttelte energisch den Kopf.
"Zusammen, nur zusammen, Will. Ohne dich, bin ich nicht komplett. Ich lebe erst richtig, seit ich dich liebe." Seine Lippen bebten. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nicht so schreckliche Angst gehabt. Will war es egal, was aus ihm werden würde. Natürlich wollte er auch weiterleben, als alter Winzer sein Leben in LaBarre beschließen mit vielen Enkelkindern, die ihnen Yamara, Andy, Johnny, Jean-Luc und die beiden neuen Babys schenken würden. Aber wenn er denn eine Wahl treffen musste, würde er sich für seine Frau opfern. Sie musste einfach nach Hause. Wie könnte er Picard jemals wieder unter die Augen treten in der Gewissheit, dass er seine Tochter hatte sterben lassen?!


Yamara kullerten heiße Tränen über die sonnengebräunten Wangen, während sie lustlos in ihrem Abendessen herumstocherte. Sie ertränkte ihren Kummer in Onkel Roberts bestem Rotwein. Sie wollte nur vergessen, wenigstens für eine kleine Weile. Data hatte ihr versichert, dass sie nicht aufgaben. Auch mit Wesley, Worf, Deanna und sogar ihrer kleinen Schwester hatte sie gesprochen. Mit Andy aber wohl eher geschimpft. Andy wollte auch von Deanna oder Worf nicht ins Bett gebracht werden. Erst als Yamara ihr androhte, dass während Mutters Abwesenheit Kano, ihr klingonisches Kindermädchen, die drei Kleinen versorgen würde, war Andy ganz schnell ins Bett gegangen. Worf hatte ihr seine Hochachtung ausgesprochen und einige tröstlich gemeinte klingonische Floskeln geäußert.

Yamara hielt es nicht mehr aus. Sie stand vom Tisch auf, Picard berührte sie am Arm. "Liebling, ich weiß, dass es schwer ist." 
"Oh Großvater, was sollen wir ohne sie machen? Was wenn sie tot sind? Wer hält die Familie zusammen? Jetzt wo alles gut ist? Seit ich auf die Enterprise durfte, bin ich glücklich. Mal mehr, mal weniger. Aber nie hätte ich damit gerechnet, dass ihnen etwas passiert. Nicht schon jetzt. Ich weiß, jeder muss sterben. Aber doch nicht so früh, ich konnte es schon nicht ertragen Robert und Marie zu verlieren. Sie waren wie zweite Eltern für mich. Und Will, ich liebe ihn so sehr. Nie hätte ich mir einen besseren Vater wünschen können. Er hat immer bei Mum vermittelt, wenn ich Mist gebaut habe." Picard lächelte und zog seine erwachsene, ja er musste es sich eingestehen, seine erwachsene Enkeltochter auf seinen Schoß. Zärtlich legte er seine Arme um die große, muskulöse Yamara und strich über lange, braune Haarpracht. Sie war sechsundzwanzig, Ehefrau und Mutter, aber der Einzige, der sie in dieser Situation trösten konnte, war ihr alter Großvater. Picard hatte sie oft als kleines Kind auf dem Schoß gehabt, sie getröstet oder von seinen Missionen erzählt. Er wünschte, er hätte genauso viel Zeit mit Michelle wie mit Yamara verbringen können. Eine Träne lief über seine Wange. Schließlich weinte er mit seiner Enkeltochter. Yamara blinzelte Picard verblüfft an. "Ich habe dich noch nie weinen sehen, Großvater. Noch nie", flüsterte sie.
"Ich weine auch nicht oft. Das hat dein Urgroßvater Maurice deinem Großonkel Robert und mir sehr gut ausgetrieben. Gefühle gehörten seiner Meinung nach nicht zu einem echten Mann." Yamara wurde so einiges klar.
"Deswegen war Robert anfangs so kühl und hat so viel gemeckert und immer gleich böse geschaut." Picard lachte.
"Ja, so war mein Bruder. Deine Mutter hat mich und Robert oft als Brummbären bezeichnet. Aber sie, genau wie du, hat die Macht, die Oberfläche zu durchdringen. Im Guten wie im Schlechten. Sie bringt mich oft zum Lachen, aber ich habe auch vorher schon wegen ihr geweint. Bis ihre kleinen Brüder geboren waren, gab es nur Michelle. Mein einziges Kind und sie hasste mich. Hasste mich dafür, dass sie mir ihre Existenz verdankte. Das war eine harte Zeit für uns beide. Ich bin froh, dass sie die Enterprise bekam und auch angenommen hat. Und ich war so glücklich, dass sie und dein Vater Will zu einander gefunden haben. Und die ganzen Enkelkinder erst. Welche Freude sie mir damit gemacht hat! Ich war überglücklich, als sie sich damals entschieden hat dich zu bekommen und als ich dich das erste Mal sah, hab ich mich sofort in dich verliebt, ma chere! Wie gerne, hätte ich überall erzählt, seht das sind meine Enkelin und meine Tochter. Aber sie wollte damals nicht, dass es jemand wusste. Unsere Verwandtschaft wurde verschwiegen." Yamara hörte fasziniert zu. Sie hatte die Augen geschlossen und sah ihre Mutter vor sich. Und plötzlich glaubte sie sogar ihre Stimme zu hören: "Zusammen, nur zusammen, Will." 
"Sie leben, Großvater, da bin ich mir ganz sicher. Die Enterprise wird sie finden. Und die Zwillinge werden auch durchkommen." 
"Ja, wir werden sie wiedersehen, Yamara." Sie drückten sich ganz fest an einander, beide in Gedanken an Michelle, Will und die ungeborenen Kinder.


"Was wurden Sie gefragt, Commander?" Michelle war von Will abgerückt und zur Förmlichkeit zurückgegangen. Ihre Entführer durften nicht misstrauisch werden.
"Nach unserer Mission, Captain." 
"Was haben Sie gesagt?" 
"Name, Dienstgrad, Dienstnummer. Immer wieder. Das hat denen gar nicht gefallen, Ma'am." Er versuchte zu grinsen, bereute es aber ziemlich schnell wieder. Sein Kiefer tat höllisch weh. Der J'em Hardar, der ihn verhört hatte, hatte einen ordentlichen Schlag.
"Haben Sie Vorta oder einen Gründer gesehen, Riker?" Er verneinte. Nur die zwei J'em Hardar, die ihn in die Zelle zurückgebracht hatten. "Wie viel Zeit mag vergangen sein?" fragte Michelle mehr an sich selbst gerichtet. Sie verspürte Hunger und auch Übelkeit. Konnte es schon wieder Morgen sein? Noch während sie die verstrichene Zeit abschätzte, schoss die Übelkeit mit Warp 9 in ihr hoch, sie sackte in die Knie und übergab sich.
"Ich würde sagen, es ist Morgen", flüsterte Riker seiner Frau mitleidvoll entgegen. Wie bei ihren vorangegangenen Schwangerschaften war es Michelle nur in den frühen Morgenstunden übel. Danach konnte sie immer Bäume ausreißen.
"Dann bringen uns unsere Wärter hoffentlich bald Wasser und etwas zu essen."

Aber die J'em Hardar dachten gar nicht daran. Stunden, die den Rikers wie Ewigkeiten vorkamen, strichen vorüber ohne das man nach ihnen sah. Michelle hatte sich in inzwischen relativ entkräftet in eine Ecke gekauert und versuchte zu schlafen.
Plötzlich glitt die Tür beiseite, grelles Licht bahnte sich schlagartig seinen Weg in die Zelle. Will versuchte sich so viel wie möglich einzuprägen. Seine Frau saß an der gegenüberliegenden Wand, sie rührte sich nicht. Panik ergriff Will. Warum wurde sie nicht wach?
"Sie sind dran, Captain", blaffte der Soldat, der Will verhört hatte.
"Lassen Sie den Captain in Ruhe. Geben Sie uns wenigstens ein wenig Wasser." Sie ist schwanger, dachte Will. Aber wenn er schon jetzt damit herausplatzte, war alles vorüber. Sein Gegenüber zuckte mit keinem Muskel, er deutete seinem Gefährten Michelle rauszubringen. Will versuchte aufzustehen.
"Keine Bewegung, Commander. Sonst wird Ihr Captain es bereuen." Das Blut rauschte in Rikers Ohren, als er mit ansehen musste, wie diese Bestien des Gammaquadranten seine wehr- und bewusstlose Frau aus der Zelle schleiften.

Michelle wurde wach, weil ihr jemand Wasser mit Wucht ins Gesicht schleuderte. Sie schnappte nach Luft, wollte sich die Haare aus dem Blickfeld wischen. Ihre Hände waren gefesselt. Sie blinzelte und schnappte gleich wieder nach Luft, als ihr Kopf an den Haaren brutal nach hinten gerissen wurde. Der befehlshabende J'em Hardar grinste ihr entgegen.
"So Captain, erzählen Sie. Mission?" 
"Captain Michelle Neech, Dienstnummer SC 229-428." 
"Nicht das schon wieder", murmelte der J'em Hardar gelangweilt.
"Captain Neech, es mag in Ihrer Kultur üblich sein, Frauen gegenüber nachsichtig zu sein. Unsere sind zum Kämpfen da und für unsere sexuellen Bedürfnisse. Also erwarten Sie keine Gnade. Mission?" 
"Captain Michelle Neech, Dienstnummer SC 229-428." Ihr Gegenüber nickte seinem Untergebenen zu, dieser holte aus. Aber nicht in Höhe ihres Gesichtes. Das wäre Michelle egal gewesen. Wozu gab es Hautregeneratoren? Er zielte auf ihren Bauch. "Nein!" schrie sie panisch. Etwas funkelte in den Augen des Befehlshabers.
"Wieso?" Er zückte sein Messer und führte es bis auf wenige Zentimeter an Michelles Bauch heran. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Bitte nicht, dachte sie. Nicht meine Babys. Verdammt, vielleicht hatte Lanford Recht gehabt. Es war unverantwortlich wieder schwanger zu sein. Aber sie konnte ihre Kinder doch nicht zum Wohl der Sternenflotte abstechen lassen. "Ich frage ein letztes Mal, wieso?" Tränen flossen über Michelles Wangen, heiß und voller Schuld.
"Ich.. ich bin..." Ihre Stimme versagte krächzend. Das Messer zuckte wieder. "Ich bin schwanger!" schrie sie aus vollem Halse ihrem Peiniger entgegen. "Ich bin schwanger!" weinte sie vor Angst und Verzweiflung und verfluchte sich, weil sie sich selbst in diese Lage gebracht hatte. Beim Überlebenstraining hatte sie gelernt mit einer solchen Situation fertig zu werden. Die Konditionierung, auf jede Frage nur mit Name, Dienstgrad und Dienstnummer zu antworten, war bei den meisten Sternenflottenangehörigen sehr erfolgreich. Aber das hier war nun mal keine normale Situation. Der J'em Hardar war verblüfft, keine Frage.
"Interessant... Schafft sie in die Zelle, gebt ihr Wasser und holt mir ihren Offizier." Michelle durfte nichts sagen. Er war nur ihr Offizier, nicht mehr, sie hieß Neech, er hieß Riker. Nichts, das sie verbannt. Gar nichts. Wenn sie es sich nur lange genug einredete, glaubte sie es vielleicht sogar.

Auf dem Weg zur Zelle versuchte Michelle sich ihre Umgebung einzuprägen. Graue Wände, kein Stein, irgendein Metall. Es gab nicht viel Infomaterial über das Dominion und ihre bevorzugte Technik. Die Wärter drängten sie mit den Gewehren im Rücken immer weiter voran. Sie konnten nicht in einer Höhle sein. Eine Basis auf dem Planeten, hoffte Michelle, oder ein Schiff, was schlimmer wäre.


"Sie können sich vorstellen, dass es mir nicht leicht fällt, Captain, mich an Sie zu wenden." Picard blickte sein Gegenüber hilfesuchend an. Allerdings befand sich sein Gesprächspartner auf der anderen Seite der Galaxis, an Bord einer Raumstation.
"Das kann ich mir denken, Admiral. Aber da Michelle eine persönliche Freundin von mir ist, steht es außer Frage, dass wir helfen. Und die Enterprise wird wirklich abkommandiert zu einer anderen Mission?" Picard nickte.
"Ja, aber sein Sie bitte leise. Meine Enkelin bekommt einen Tobsuchtsanfall, wenn sie das erfährt." 
"Michelles Temperament, ja ja. Apropos. Ich brauche natürlich einen Arzt bei diesem Rettungseinsatz. Sie wird ihm doch nicht schon wieder etwas tun?" 
"Nein, Captain. Ich denke nicht." 
"Gut, wir machen uns sofort auf den Weg." 
"Ach und Ben..." 
"Ja, Admiral?" 
"Sie ist schwanger." Sisko schluckte.
"Das hat sie ja mal wieder prima hinbekommen. Egal. Meinen Sie, ich kann Lieutenant Worf für den Einsatz ausleihen? Ich brauche einige gute Kämpfer, wenn wir sie gefunden haben." 
"Ich werde die Enterprise sofort kontaktieren und Worf nach Deep Space Nine abkommandieren lassen...."
Schweigend blickten sich die beiden ehemaligen Gegner an. Wolf 359 war lange her. Sisko hatte damals viel verloren, nicht nur seine Frau. Sondern auch fast seinen Lebenswillen. Und Picard trug die Schuld dran.
"Ben, ich weiß, wir wollten nie mehr drüber reden. Aber trotz allem, was ich getan habe als Locutus, bin ich unendlich dankbar, dass Sie mit der Defiant nach meiner Tochter suchen. Michelle ist mein Leben. Jahrzehntelang war sie mein einziges Kind. Finden Sie meine Tochter, Ben." 
"Das werde, ich Admiral Picard. Ich schwöre es."

Yamara betrat Picards Arbeitszimmer. Wutentbrannt warf sie ein Küchentuch auf den Boden. "Hab ich richtig gehört? Die Enterprise wird abkommandiert? Das Oberkommando ist verrückt geworden! Sie ist der Captain, verflucht! Nicht irgendein ein kleiner Fähnrich oder Crewman! Mum würde nicht abdrehen, selbst wenn der Friseur vermisst wäre!" Picard schluckte, er wollte es ihr eigentlich schonender beibringen.
"Da können wir nichts tun. Aber Ben Sisko wird deine Mutter finden. Vertrau ihm." 
"Ich will die Kinder hier haben! Ich will mich um sie kümmern und nicht die Crew. Es sind meine Geschwister. Verdammt!...." Sie begann auf klingonisch höchst unflätig zu fluchen. Picard konnte sich nur mit Mühe das Grinsen verkneifen. Sie hatte in der Tat das Temperament ihrer Mutter.
"Großvater, ich finde es schön, dass du dich über meine Wortwahl amüsierst. Ich meine es aber ernst. Wesley soll sich Urlaub nehmen und die Kinder herbringen. Wir kümmern uns um sie, bis Mum und Will gefunden sind." Picard hielt das durchaus für vernünftig.
"Das ist, denke ich, in Michelles Sinn. Wir machen es so. Es wird den Kindern gut tun, wenn sie bei uns sind. Ich kümmere mich drum." Yamara nickte energisch und ging in die Küche um Beverly beim Abendessen zu helfen.

Picard setzte sich umgehend mit der Enterprise in Verbindung. Es war ungewohnt nicht Michelle auf der anderen Seite zu sehen, besonders in ihrem Bereitschaftsraum. Data blickte ihm fragend entgegen. Picard kam gleich auf den Punkt.
"Data, wie läuft es?" 
"Alles in Ordnung, Admiral. Allerdings habe ich den Befehl erhalten, die Suchmission abzubrechen. Sie können sich vorstellen, dass hier fast eine Meuterei ausgebrochen ist, Sir." Picard schmunzelte.
"Ich kann es mir denken, Data. Wir waren auch milde gesagt entsetzt, als wir es erfahren haben. Was Yamara im Einzelnen von sich gegeben hat, kann und möchte ich nicht mal wiederholen..." Data konnte es sich lebhaft vorstellen. Dank seines positronischen Gehirnes war jedes Wort, das er jemals gehört hatte, gespeichert.
"Oh Sir, ich habe einige Erinnerungen an Fähnrich Crushers Wortwall, wenn Sie, sagen wir mal, erregt ist..." Er grinste Picard entgegen, dieser räusperte sich ein wenig verlegen.
"Weshalb ich mich melde, ist Folgendes, Data. Schicken Sie Worf nach Deep Space Nine. Ben Sisko unternimmt mit der Defiant die Suchaktion und eine Rettung, wenn sie gefunden sind." Data nickte einverstanden. "Und noch etwas, Data. Yamara will die Kinder hier haben. Ich weiß, Sie alle kümmern sich rührend um meine Enkel. Aber sie hat Recht. Wesley soll sofort Urlaub nehmen und die Kinder herbringen, schnellstmöglich. Sagen Sie ihm, ich werde mit seiner klingonischen Frau nicht alleine fertig. Schon gar nicht mit einer Klingonin mit Michelles Temperament." 
"Das hab ich gehört, Großvater", schallte es aus der Küche. Data lachte. Es tat gut, den Familienzusammenhalt so deutlich zu spüren. Der Androide machte sich große Sorgen, nicht nur um seine vermissten Vorgesetzten.
"Ich werde Lieutenant Crusher umgehend Heimaturlaub bewilligen, Sir. Er und Ihre drei Enkel sind so gut wie auf dem Weg." Picard seufzte erleichtert auf.
"Sehr gut, Data. Vielen Dank." 
"Admiral Picard, darf ich noch etwas Persönliches sagen?" Er nickte.
"Ich hoffe, dass Michelle und Will schnell gefunden werden. Sie sind mir und meiner Frau sehr ans Herz gewachsen." 
"Danke, Data. Alles Gute."
Der Bildschirm wurde schwarz, Picard rollte von seinem Schreibtisch zurück. Ein flüchtiger Blick fiel auf die zahlreichen Bilder seiner Familie. Eines stach ihm besonders ins Auge und ins Herz. Michelle bei ihrer Graduierung an der Akademie. Sie wusste nicht, dass er damals dabei gewesen war. Sie hielt ihr Diplom in Händen und trug ihre Galauniform. Schon damals trug sie rot, weil für sie von Anfang an klar gewesen war, dass sie in die Kommandohierarchie gehörte. Ganz nach oben. Picardsche Ambitionen eben.

Zufrieden stand Picard auf, verließ sein Arbeitszimmer und ging in die Küche. Es brodelte und dampfte aus einigen Töpfen. Er schnupperte neugierig. Replikatoren waren eine fantastische Erfindung, keine Frage. Vor allem bei Missionen im All oder auf Außenposten. Aber es ging nichts über ein Abendessen, das mit Liebe und den eigenen Händen zubereitet wurde. Er nahm sich einen Löffel und wollte eine Kostprobe stibitzen. Beverly schlug ihm lachend auf die Finger. Picard gab sich geschlagen und wandte sich an Yamara: "Dein Mann und deine Geschwister sind so gut wie auf dem Weg." 
"Das will ich Data auch geraten haben", erwiderte Yamara, den Kochlöffel drohend erhoben. "Ich hoffe zwar, dass man Mum und Dad schnell findet...."

Der unausgesprochene Satz hing noch für Stunden in der Luft. Die Gedanken der Familie kreisten ständig darum. Selbst noch als Picard, Beverly und Yamara auf der Terrasse saßen und in den klaren Sternenhimmel blickten. Die Frauen hatten sich in gemütliche Decken gekuschelt. Der Winter rückte unaufhaltsam näher. Zwar gab es dank des Klimakontrollsystems der Erde keine Unwetter mehr, aber die Jahreszeiten waren in Europa unverändert geblieben. Picard lächelte bei dem Gedanken seine Kinder und Enkelkinder im Schnee spielen zu sehen.


"Hängen Sie den Erinnerungen nach, Doctor?" Julian drehte sich vom Aussichtsfenster auf dem Promenadendeck weg und blickte Jadzia Dax entgegen.
"Wie?" 
"Sie sahen so nachdenklich aus, Julian." 
"Oh ja richtig. Ich mache mir Gedanken über den Rettungseinsatz. Und über Captain Rikers Zustand." 
"Oder über Ihre Nase?" Jadzia grinste wissend.
"Witzig, Dax, wirklich witzig. Hatten Sie schon mal eine gebrochene Nase?" Jadzia Dax stemmte die Arme in die Seite, hob den Kopf nach hinten und lachte.
"Kommen Sie, Julian. Ich bin annähernd 800 Jahre alt, war Vater, Mutter, Ehefrau, Ehemann, Bruder, Schwester. Natürlich hatte ich eine gebrochene Nase, mehrmals. Curzon hat sich ständig geprügelt, fragen Sie Benjamin. Manches mal war er sogar mit dabei und hat mir geholfen... Allerdings habe ich diese Schläge nie durch einen Ehe- oder Lebenspartner bezogen." Wieder lachte sie und zog Julian zur Treppe hinunter. "Das hätte ich damals zu gerne gesehen." Julian verzog das Gesicht.
"Spaß beiseite. Wenn sie schwanger ist, lässt sie mich sowieso nicht an sich ran. Vielleicht sollte ich hier bleiben." 
"Unsinn. Wir brauchen unseren besten Mediziner. Außerdem haben Sie schon Kampferfahrung mit den J'em Hardar."
Unten angekommen entdeckten die beiden Sisko. Er trat von einem Verkaufsstand weg und gesellte sich zu ihnen.
"Worüber reden Sie?" erkundigte Sisko sich.
"Über Julians Nase", stichelte Jadzia fröhlich weiter.
"Danke, Dax!" blaffte Bashir ein wenig genervt. Sisko lachte nicht über die Anspielung.
"Es ist sehr ernst. Zwei hochrangige Offiziere werden vermisst. Sie wissen, was passiert, wenn wir Admiral Picards Tochter nicht lebend und unversehrt zurück bringen. Weit höhere Stellen als der Admiral haben interveniert, dass wir sie zurückholen und zwar lebend und wenn möglich unversehrt." Julian blickte ihm verblüfft entgegen.
"Botschafter Spock?" fragte Dax.
"Unter anderem. Aber es sind noch höhere Kreise. Sie scheint bei einigen Völkern einen sehr positiven Eindruck hinterlassen zu haben. Und sie unterhält sehr gute Kontakte zum Q-Kontinuum. Stellen Sie sich vor, der taucht wieder hier auf, weil wir Michelle nicht gerettet haben", stöhnte Sisko.
Jadzia kam ein Gedanke: "Laut den Berichten ist Q doch so eine Art Freund Captain Rikers. Warum bitten wir ihn nicht um Hilfe?"
Die drei setzten sich an einen Tisch in Quarks Bar. Sisko stieß zischend die Luft aus.
"Das Kontinuum hat gerade einen Nichteinmischungsvertrag mit der Föderation unterschrieben. So eine Art Gentlemen-Agreement. Sie lassen uns in Ruhe, wir lassen sie in Ruhe. Da wir uns im Krieg mit dem Dominion befinden, hat der Vertrag mit den Q erst Recht Gültigkeit", beendete Sisko seine Erklärung und winkte schnell Quark heran um die Getränke zu bestellen.
Als der Ferengi wieder weg war, fragte Jadzia ihren alten Freund leise: "Aber Benjamin, warum wurde die Enterprise abkommandiert, wenn ihr Captain so wichtig ist?" 
"Weil wir eine Tarnvorrichtung haben, beispielsweise!? Schnell rein, raus und weg. Die Taktiker haben einige Guerillastrategien entwickelt und die sollen wir jetzt testen. Und die Enterprise hat eine neue Mission zugeteilt bekommen. Sie kann im schlimmsten Fall nicht Monate damit zubringen die Rikers zu suchen." 
"Monate?" Julian war langsam wirklich beunruhigt.

10. Kapitel
 Wartezeiten

"Großvater, Großvater!" rief Andy und riss sich von Wesleys Hand los.
"Andromeda Riker, mach langsam", rief Wesley der Kleinen hinter her, die schon aufgeregt auf das Haus zulief. Die Tür ging auf und Picard trat lächelnd heraus. Er öffnete die Arme, in die Andy förmlich hineinflog. "Langsam, ma chere. Du rennst deinen alten Großvater ja um", sprach Picard und schon saß er auf der Treppe überhäuft von den Küssen seiner Enkelin. Wesley kam gemütlich den verschlungenen Pfad heraufgelaufen, schob einen Zwillingskinderwagen vor sich her, in dem die Riker-Jungen fröhlich vor sich hin brabbelten.
"Hallo, Jean-Luc." Wesley winkte seinem Stiefvater entgegen.
"Wesley, mein Sohn. Alles in Ordnung?" Er nickte und schob den Kinderwagen mit seinen Schwägern in den Schatten.
"Wo ist Yamara?"  "Sie ist natürlich noch in der Akademie und dein Sohn schläft gerade. Komm, setzen wir uns hin und unterhalten uns." Andy rannte in Richtung des hauseigenen Spielplatzes. Später würden einige Nachbarskinder kommen um mit ihr zu spielen. Die Picards hatten sich schon ein Programm ausgedacht um Andy abzulenken.
"Wie lange kannst du bleiben, Wes?" 
"Zwei Wochen. Dann fliegt die U.S.S. Paris in die gleiche Richtung wie die Enterprise. Ich werde bei der Mission gebraucht. Wie Data betonte, braucht er den besten Steuermann. Er will wohl, dass ich mir nicht überflüssig vorkomme während alle anderen mit der Suche beschäftigt sind. Schließlich bin ich nur noch selten am Steuer. Die Wissenschaft ist eher mein Gebiet. Aber irgendwo musstest du mich ja am Anfang einsetzen." Picard lächelte und dachte an den fünfzehnjährigen Wesley zurück.
"Er steht im Lift, nicht auf der Brücke." Wesley blickte seinen Stiefvater irritiert an.
"Was?" 
"Das sagte deine Mutter damals, besser gesagt, sie warf es mir vorwurfsvoll vor die Füße. Ich sagte ihr, Kinder hätten auf der Brücke nichts zu suchen. Das war ihre Antwort. Und mit dieser Provokation fing deine Ausbildung an. Wer hätte ahnen können, dass du irgendwann einmal meine Enkelin und ich deine Mutter heiraten würde." 
"Niemand", brachte Wesley lachend hervor. "Yamara war damals zehn Jahre alt. Wahrscheinlich hätte sie mir irgendwelche Körperteile gebrochen." Picard lachte bei der Vorstellung.
"Höchstwahrscheinlich, ja, ja. Sie hat sich regelmäßig in der Schule geprügelt, weil sie wegen ihrer Stirnwülste gehänselt wurde. Aber das war dann glücklicherweise auch irgendwann vorbei..." Er seufzte. "Die Kinder werden groß. Aber komm, wir bringen die Jungs hinein. Lass Andy noch ein wenig spielen, dann bekommen wir sie leichter ins Bett." Wesley verzog das Gesicht, als er an seine missglückten Versuche dachte, Andy zum Einschlafen zu bewegen.

Jeweils einen Riker-Zwilling auf dem Arm gingen die beiden nach oben ins Kinderzimmer, wo auch FranÇois und Robert in ihren Bettchen lagen. Kaum hatten sie die Tür geöffnet, wurde Tom wach. Wesley legte Johnny ins Bettchen und trat lächelnd an die Wiege seines Sprösslings. "Mein Sohn", flüsterte er stolz. Picard schlug ihm kameradschaftlich und auch ein wenig stolz auf die Schulter. Wesley war immer wie ein Sohn für ihn gewesen. Natürlich waren ihre Familienverhältnisse ein wenig verrückt, seit Picard Wesleys Mutter geheiratet hatte. Wesley war einerseits der Mann seiner Enkeltochter, andererseits sein Stiefsohn. Somit war der kleine Tom sein Stiefenkel und sein biologischer Urenkel. Bloß nicht drüber nachdenken, kam es Picard in den Sinn. Davon bekam er mehr Kopfschmerzen als vom dunkelsten Wein der Picards. Wesley hob Tom aus der handgearbeiteten Wiege, in der schon Jean-Luc und sein Bruder gelegen hatten. Vorsichtig nahm er das Baby auf den Arm und wiegte es sanft hin und her. Zärtlich strich er über die klingonischen Stirnwülste.
"Ob er es leichter als Yamara haben wird?" 
"Wegen seines klingonischen Erbes? Ich weiß es nicht, die Wege des klingonischen Imperiums sind unergründlich. Bis dein Sohn erwachsen ist, sind wir vielleicht wieder im Krieg mit den Klingonen." Wesley zuckte erschrocken zusammen und drehte sich zu Picard um. Mehr um sich selbst zu beruhigen, strich er Tom über den Rücken.
"Glaubst du? Das wäre ja schrecklich! Was passiert dann mit Worf, seinen Kindern, Yamara und Tom?" Er spürte eine beruhigende Hand Picards auf seiner Schulter.
"Wesley, das sind doch nur Mutmaßungen. Im Moment sind wir die Verbündeten der Klingonen. Hoffen wir nur, dass Kon nie hier auftaucht und Yamara sehen will." Wesley erinnerte sich gut an Wills Angriff auf Yamaras biologischen Vater, als dieser kurz auf der Enterprise gewesen war. Und im Gegensatz zu seinem Stiefvater wusste er von Yamaras Blutschwur. Er hoffte, sie würde ihn nie einlösen.

Wesleys zweiwöchiger Heimaturlaub ging viel zu schnell und leider auch ohne positive Nachricht von der Defiant vorbei. Er hatte gehofft, die Riker-Kinder sofort wieder mitzunehmen und ihren Eltern übergeben zu können. Sisko hatte zwar inzwischen die Stelle gefunden, an der die J'em Hardar die Rikers gefangen genommen hatten, aber noch hatte er keine Hinweise darauf, wo man sie hingebracht hatte. Inzwischen waren schon mehr als sechs Wochen vergangen. Alle machten sich große Sorgen. Wenn Michelle und Will urplötzlich wieder auftauchten, könnten sie auch Wechselbälger sein.


Die Rikers hatten immer noch keine Ahnung, wohin man sie gebracht hatte. Sie hatten auch schon lange jegliches Zeitgefühl verloren. Michelle orientierte sich an der Morgenübelkeit. Nur die würde irgendwann auch verschwinden. Nur bei der Schwangerschaft mit Andy hatte sie sich neun Monate lang schlecht gefühlt. Bei den Jungs war die Morgenübelkeit ziemlich schnell verschwunden.

Vor einiger Zeit hatte man sie und Riker aus der dunklen Zelle geholt und vor einen Vorta geführt. Den ersten, den sie seit ihrer Gefangennahme sahen.
"Nun Captain Neech, unterhalten wir uns ein wenig." Michelle und Will saßen nun diesem männlichen Vorta gegenüber an einem grauen Tisch in einem tristen Raum ohne Fenster. Vor ihnen stand ein Krug mit Wasser und etwas, nun ja, undefinierbar Essbares. "Oder sollte ich lieber sagen, Captain Riker?" Sie zuckte zusammen. Will schluckte. "Sie wollten uns wohl für dumm verkaufen? Meine Soldaten haben mir die Kennung Ihres Kurzstreckenschiffs genannt. NCC-1701-D, U.S.S. Enterprise, C. Yacht. Ich vermute das C. steht für Captain? Wir wissen natürlich, dass Sie einen Gründer getötet haben auf Altair 7." Michelle stieß verächtlich die Luft aus.
"Wir haben einen Attentäter eliminiert, der unseren Präsidenten töten wollte. Und eine junge Frau, die zu meiner Mannschaft gehörte, wurde von jenem Gründer getötet." Sie verschränkte provokant die Arme vor der Brust. Will schickte ein Stoßgebet los, seine Frau möge ihre Arroganz ein wenig zurückschrauben. Er hatte schon genug Verletzungen seit ihrer Gefangennahme davongetragen. Der gebrochene Arm war zwar von den J'em Hardar verarztet worden, aber mehr schlecht als recht. Und seit ihre Wärter wussten, dass Michelle schwanger war, schlugen sie auf Riker ein, wenn Michelle nicht bereitwillig antwortete. Eine Taktik, die beide Rikers nicht lange durchhalten konnten.
"Würden Sie uns sagen, warum Sie uns festhalten? Was haben Sie davon? Wir haben Ihnen gesagt, dass wir auf dem Weg zu einer Konferenz waren. Mit Sicherheit wird die Enterprise uns inzwischen überall suchen." Der Vorta grinste genießerisch.
"Da unterliegen Sie einem Irrtum, Captain Riker. Die Enterprise hat die Suche sehr schnell eingestellt." Panik stieg in Michelle auf. Sie wollte Wills Hand ergreifen, hatte sich aber genügend unter Kontrolle. Schnell konterte sie:
"Dann sehen Sie ja, dass wir nicht wirklich wichtig sind, fragen Sie uns, was Sie wissen wollen und dann lassen Sie uns gehen. Setzen Sie uns auf irgendeinem Planeten ab, der regelmäßig von Schiffen passiert oder angeflogen wird." Der Vorta antworte nicht. Er gab seinen untergebenen Soldaten einen Wink. Sie zerrten die Rikers von den Stühlen und führten sie hinaus.

Hinter dem Vorta verwandelte sich ein Stuhl in einen Gründer. Der Vorta verneigte sich und murmelte die demutsvolle Begrüßungsformel, die seinem Gebieter zustand. Gönnerhaft deutete der weibliche Gründer dem Vorta wieder Platz zu nehmen.
"Was sollen wir mit den beiden Menschen anfangen? Schwangerschaft könnt Ihr nicht imitieren, Ehrwürdige. Zumindest nicht überzeugend." 
"Mit der Frau können wir nichts anfangen, sie ist unbedeutend. Ich werde dir meine Pläne in den nächsten Tagen mitteilen." Der Vorta verneigte sich und verließ schnell den Raum.

"Wo bringen Sie mich hin?" schrie Michelle, als ihr Wärter einen anderen Weg einschlug als Will und sein Bewacher. Will schlug um sich. Er rief ihren wiederholt den Namen seiner Frau. Letztendlich schlug der J'em Hardar ihn bewusstlos und schleifte ihn die letzten Meter zu der dunkeln Zelle. Michelle hatte sich aus Sorge um die Babys weniger stark gewehrt. Man schaffte sie in einen anderen Raum, weg von Riker. Den Grund konnte sie sich nicht vorstellen. Warum sie trennen, sie lieferten doch die gewünschten Informationen? Nun ja, mehr oder weniger, sie erfand so manches und versuchte den Vorta für dumm zu verkaufen. Michelle spielte auf Zeit. Sie glaubte nicht, was der Vorta gesagt hatte. Die Enterprise oder irgendein anderes Schiff suchten mit Sicherheit fieberhaft nach ihnen.

Von dem Wärter in den Raum gestoßen, fand Michelle sich in einer anderen Zelle wieder. Diese war schwach beleuchtet und es gab eine Pritsche zum Ausruhen. Michelle legte sich dankbar hin und analysierte gedanklich die Unterhaltung mit dem Vorta. Irgend etwas war merkwürdig gewesen, er hatte sich verhalten, als wären sie nicht alleine gewesen. Das konnte aber nicht an den J'em Hardar liegen, die waren für die höhergestellten Vorta unbedeutend und wurden ignoriert. War vielleicht ein Gründer anwesend gewesen? Ihr Herz schlug schneller. Das konnte alles bedeuten, Freiheit, Tod, lange Gefangenschaft, weil man sie austauschen wollte. Es war auf jeden Fall ein schlechtes Zeichen, dass man sie von Will getrennt hatte. Während sie noch darüber nachdachte überkam sie eine eigenartige Müdigkeit. Die Schwangerschaft forderte wahrscheinlich mal wieder ihren Tribut. Michelle schlief ein.

Als sie erwachte, stieß sie einen spitzen Schrei aus. "Will, Will!" Immer wieder rief sie seinen Namen. Verzweifelt sank Michelle in die Kissen zurück. Kissen? Vorhin waren hier noch keine Kissen. Was wurde hier gespielt? Sie blickte sich verwirrt um. Der Raum sah auch ganz anders. Grau, das Design kam ihr so bekannt vor, fast wie Sternenflottenstandard. Aber das konnte gar nicht sein, dachte sie gerade, als die Tür zur Seite glitt. Sie blinzelte, das konnte nur ein Traum sein.
"Wie geht es dir?" Keinen Ton brachte sie raus. Dieser elende Vorta musste sie unter Drogen gesetzt haben. Das waren eindeutig Halluzinationen. Man pfuschte in ihrem Gehirn rum, wollte sie mürbe machen.
Ihr Gegenüber sprach sie wieder an: "Alles in Ordnung? Du hast irgendwas gerufen." Er trat an ihre Koje heran. Zitternd wich Michelle zurück, bis sie die kalte Wand hinter sich berührte und Schwingungen spürte, wie auf einem Schiff, dass sich im Weltall befindet.
"Du bist nicht echt", flüsterte sie. Tränen liefen über ihre Wangen. "Du bist nicht echt", wiederholte sie sich selbst überzeugend, schützend eine Hand auf ihren Bauch gelegt. Ihr Gegenüber nahm eine kleine Nadel und ritzte sich in die Fingerkuppe. Rotes Blut kullerte über den Daumen. "Du bist echt", stammelte Michelle ungläubig. Verwirrt blinzelte sie mehrmals und sah immer wieder von dem roten, menschlichen Blut in das noch immer jungenhafte Gesicht.
"Haben sie dich auch erwischt?" Er schüttelte den Kopf, während er sich neben sie setzte.
"Wir sind zu deiner Rettung abkommandiert worden." Sie lachte.
"Guter Witz, dass Du mich gerettet haben willst. Du bringst mich doch immer nur in irgendwelche Schwierigkeiten", stieß Michelle bitter hervor.
Julian Bashir stand von der Koje auf und ging ein paar Schritte durch den Raum. "Glaub mir, ich wäre lieber auf DS9 geblieben. Aber Sisko hat darauf bestanden." 
"Ben? Wo ist er?" 
"Auf der Brücke. Wir umkreisen noch den Planeten, wo wir dich gefunden haben. Was ist eigentlich passiert? Wir haben dich mitten im Dschungel gefunden. Schlafend." Sie schüttelte den Kopf.
"Keine Ahnung. Wo ist Will, vielleicht kann er sich erinnern?!" Julian schluckte, trat vorsichtshalber einige Schritte zurück.
"Wir haben nur dich gefunden." 
"Was?!" Sie sprang auf, Julian trat in die Nähe der Tür.
"Komm mit." Er trat auf den Korridor hinaus und schlug eilig den Weg zur Brücke ein.
Es war besser, wenn seine Ex-Frau die Umstände ihrer Rettung von einem Gleichgestellten und besonders von einem respektierten Freund erfuhr.
Die Defiant war im Vergleich zur Galaxy-Klasse ein sehr kleines Schiff. Es war ja auch für Kampfeinsätze entwickelt worden. Vier Decks und ein Minimum an Komfort. Daher waren sie nach wenigen Schritten vor der Tür zur Brücke, die sogleich zischend zur Seite glitt.
Michelle betrat die Brücke der Defiant und vernahm das vertraute und beruhigende Geräusch der Trägheitsdämpfer.
"Michelle!" rief Sisko erfreut.
"Ben!" Sie eilte ihrem Freund entgegen und umarmte ihn dankbar. "Wo ist Riker? Wieso war ich alleine im Wald? Wo habt ihr mich gefunden?" Sisko hob beschwichtigend die dunklen Hände.
"Langsam, langsam, Cap. Setzen wir uns die Messe und ich berichte dir, wie wir dich fanden. Worf, setzen Sie Kurs zum Rendezvous mit der Enterprise."
Der Klingone bestätigte den Befehl. Verblüfft registrierte Michelle die Anwesenheit ihres Sicherheitsoffizieres.
"Falsches Schiff, oder, Mr. Worf?" witzelte sie, dann verstand sie, was Sisko eben befohlen hatte. "Moment, was heißt hier Rendezvous mit der Enterprise, zum Teufel? Ich gehe nirgendwo ohne meinen ersten Offizier hin! Nicht mal diesen nervigen Mr. Mot, unseren bolianischen Friseur, würde ich in den Händen dieser Tiere lassen! Er ist mein Mann, verdammt noch mal! Ich gehe hier nicht weg!" Sisko seufzte, auf diese Auseinandersetzung hatte er sich wahrlich nicht gefreut.
"Befehl vom Oberkommando, tut mir leid, Michelle. Daran bist auch du gebunden." Sie reagierte nicht, sondern überlegte.
"Ich will eine Verbindung zu Erde." 
"Der Admiral wird daran auch nichts ändern können, weder Lanford noch Picard." 
"Glauben die, ich lasse Will Riker hier zurück?! Als Gefangener des Dominion! In Tausend Jahren nicht. Selbst wenn er nicht mein Mann und Vater meiner Kinder wäre. Vergiss es, Benjamin!!!!! Mein Vater hätte Will niemals in Gefangenschaft zurückgelassen." 
"Aber Will, hatte deinen Vater bei den Borg gelassen, als es keine andere Lösung gab." 
"Wenn du kein Captain wärst, Benjamin Sisko...." 
"Was dann? Noch eine gebrochene Nase? Die sammelst du, wie?..." Er warf einen kurzen Blick auf seinen Chefarzt, der keine Miene verzog.
"Michelle, es ist das Vernünftigste, dich auf dein Schiff zu bringen und dann sucht die Defiant weiter." 
"Das Vernünftigste?!" schrie sie, sackte in die Knie und brach zusammen. Alle eilten zu Michelle. Julian zückte seinen Tricorder und scannte sie.
"Sie ist ohnmächtig. Das war zu viel für sie. Bringen wir sie auf die Krankenstation." Worf hob seinen Captain behutsam aber schnell hoch und schritt voran.
"Sie ist zu leicht", knurrte er Julian an, als wäre es seine Schuld. Auch er erinnerte sich gut an den Vorfall auf DS9 und kannte die Vorgeschichte von Bashir und Michelle.
"Sie wird wohl kaum Gourmetessen bekommen haben", konterte Bashir. Wieder erntete er ein Knurren von dem Klingonen. Beschwichtigend hob der Arzt die Hände. Mit Klingonen war wirklich nicht zu spaßen. "Ich gebe ihr sofort Aufbaupräparate, Lieutenant Worf. Den Babys passiert nichts." Worf nickte zufrieden, fürs Erste. Er fühlte sich verpflichtet, Rikers Ehefrau an dessen Stelle zu beschützen. Genauso würde Riker Deanna schützen, wenn Worf nicht da wäre. Ein weiteres Gentlemen-Agreement.

Auf der Brücke atmete Sisko erleichtert auf und fuhr sich über die Glatze. "Diese Frau hat ein Temperament. Der Admiral ist so ruhig und besonnen. Ist sie wirklich seine Tochter?" fragte er grinsend Jadzia. Sie lachte und setzte Kurs zum Treffpunkt mit der Enterprise. Sisko setzte sich in seinen Kommandostuhl. Die Defiant ging auf Warp und war im nächsten Moment aus dem Orbit des Planeten verschwunden.


In seiner Zelle fragte sich Riker, was mit seiner Frau passiert war. Er konnte schwer einschätzen, wie lange es her war, seit man sie von einander getrennt hatte. Die J'em Hardar versorgten ihn unregelmäßig mit Essen und Wasser. Wahrscheinlich sollte er nicht zu Kräften kommen, damit er nicht fliehen konnte. Er hoffte, dass es ihr gut ging.


Die Nachricht von Michelles Rettung oder genauer gesagt ihrem Auffinden im Dschungel verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Der Admiral konnte eine Passage für Beverly buchen, die die Kinder zurückbringen sollte. Sie konnte sich leichter vom Lehramt freistellen lassen als der Leiter der Akademie. Er musste noch jede Menge Graduierungen und Zeugnisse unterschreiben. Yamaras Jahrgang näherte sich dem Ende. Daher schickte Yamara auch gleich ihren Sohn mit. In wenigen Wochen würde sie graduieren und ihren Dienst auf der Enterprise als Navigator antreten. Zumindest vorläufig. Sie hatte sich noch nicht entschieden, ob sie eine Führungsposition oder eine wissenschaftliche Karriere anstrebte.
So blieb Picard mit seinen Söhnen alleine in LaBarre zurück. Vorübergehend sprang ein Kindermädchen ein, da Picards Anwesenheit in der Akademie immer kurz vor den Semesterferien verstärkt notwendig war. Die Kadetten gaben sie buchstäblich die Klinke zu seinem Büro in die Hand. Viele wurden von Zukunftsängsten geplagt. Verständlich, niemand konnte sagen, wohin der Konflikt mit dem Dominion führen würde.
Während Picard seine Unterlagen für die Arbeit zusammen suchte, dachte er wie gerne er an Beverlys Stelle geflogen wäre, vor allem da er erfahren hatte, dass Will noch immer vermisst wurde. Er konnte sich vorstellen, wie seine Tochter getobt hatte, da man sie zunächst auf die Enterprise zurückbrachte und dann weiter nach Will suchen würde. Hoffentlich erfuhr sie nie, dass es sein ausdrücklicher Wunsch gewesen war, den er ohne Schwierigkeiten durchgesetzt hatte. Er wusste, dass Will sich schon durchschlagen würde.


Auf der Enterprise war die Freude übergroß, als die Mannschaft erfuhr, dass die Rückkehr des Captains unmittelbar bevorstand. Die Führungsoffiziere versammelten sich im Transporterraum um Captain Riker willkommen zu heißen. Wesley wippte aufgeregt von einem Fuß auf den anderen, an der Hand hielt er Andy. Sogar Guinan war anwesend, die El-Aurianerin hatte eine große Party in Ten Forward vorbereitet. Man wollte alles versuchen, um Michelle über die Situation hinweg zu helfen. Niemand konnte sagen, wann der Commander gefunden werden würde.

Die Brücke meldete, dass ein Schiff in den Sektor eingeflogen wäre. Die Defiant. Sisko meldete sich mit den Worten: "Enterprise, wir haben Ihren Captain an Bord." Jubelrufe und Arme, die in Siegespose zur Decke gereckt wurden, waren die Antwort. Michelle trat neben Ben Sisko und lächelte. Sie trug eine saubere Uniform, das rote Haar war endlich wieder ordentlich frisiert. Ihre Wangen leuchteten sogar ein wenig rosa und erfrischt. Julian hatte sie während des ganzen Fluges mit Aufbaupräparaten versorgt. Sie hatten ihn gewähren lassen, nachdem sie von Sisko über Worfs fürsorgliches Klingonengeknurre informiert worden war.
"Danke, Ben." Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
"Wenn du erlaubst, begleiten wir dich kurz." Sie nickte. Michelle wusste, dass wenn jemand ihren Mann befreien konnte, es Ben Sisko und die Defiant-Crew waren. Obwohl sie an Deanna dachte, hatte Michelle zugestimmt, dass Worf weiterhin vorläufig auf der Defiant dienen sollte. Diesen Umstand wollte Worf seiner Frau natürlich persönlich erklären.

Der Transportoffizier aktivierte die Konsole, das typisch blaue Leuchten erschien. Wenige Sekunden später standen auf der Plattform Michelle Riker, Ben Sisko, Jadzia Dax und Worf. Michelle blickte sich kurz um, entdeckte ihre Tochter und stürmte auf das Mädchen zu. Sie fiel auf die Knie und umarmte Andy.
"Wie groß du geworden bist! Ich hab dich so vermisst, Andy!" Tränen tropften auf das blaue Kleid ihrer Tochter.
"Mum, Mum, endlich bist du wieder da." Die anwesenden Offiziere wischten sich angesichts dieses rührenden Wiedersehens verstohlen einige Tränen weg. Jemand tippte Michelle auf die Schulter. Sie stand auf und drehte sich um.
"Wesley, Wesley!" Auch ihm fiel Michelle glücklich in die Arme. Ein weiteres ihrer Kinder wieder mit ihr vereint. Ihr Schwiegersohn, den sie im Lauf der Jahre wie einen eigenen Sohn lieben gelernt hatte, war glücklich, dass sie wohlbehalten zurückgekehrt war. Gleich fragte sie, was sein Sohn und die Riker-Zwillinge machten. Als sie ihre Söhne so bezeichnete, zuckten einige der Anwesenden zusammen. Auch Michelle spürte einen messerscharfen Stich in ihrem Herzen. Ihre Rettung hatte einen durchweg bitteren Beigeschmack.

11. Kapitel
 Großoffensive

Jeden Morgen seit ihrer Rettung wachte Michelle auf und war überzeugt, dass sie nur geträumt hatte. Wenn sie aber die Leere in ihrem Bett spürte, wurde ihr schmerzlich bewusst, dass der Alptraum real war. Riker war noch immer vermisst. Andy hatte sie erzählt, dass ihr Daddy auf einer Mission wäre, die er ohne Hilfe der Enterprise erledigen musste. Wie sollte ihre kleine Tochter die Seelenqualen und Selbstvorwürfe ihrer Mutter verstehen können, wenn Michelle selbst nicht verstand, wie sie es hatte zulassen können, dass Ben Sisko sie von dem Dschungelplaneten fort gebracht hatte.
"Computer, wie spät ist es?" 
"Fünf Uhr und zwölf Minuten." Ihr Dienst würde erst in Stunden beginnen. Sie programmierte den Computer ihr Nachricht zu geben, falls die Kinder wach wurden. Leise zog sie sich dunkle Hosen und eine weite Bluse an, bürstete ihr langes Haar zügig durch und schlich aus dem Quartier. Sie wusste genau, wer um diese Zeit schon wach und auf den Beinen war. Ein Privileg dieses Schiffes war es gleich zwei Seelsorger zu haben. Da Deanna derzeit selbst von Sorgen um das Wohl ihres Ehemannes geplagt wurde, der bei der Suche nach Will Riker sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, entschied sich Michelle die Bar aufsuchen.

Die Türen Ten Forwards waren natürlich noch verschlossen. Doch Michelle hatte den Zugangscode. Sie gab ihn ein, die Tür glitt beiseite.
"Konnten Sie nicht schlafen?" wurde sie von der beruhigenden Stimme der Barkeeperin begrüßt.
"Konnte ich eine einzige Nacht schlafen, seit Sisko mich gefunden hat? Guinan, ich werde erst wieder schlafen können, wenn ich weiß, dass Will gesund und wohlauf ist." Sie setzte sich an die Theke. Guinan hob eine Tasse hoch und stellte sie hin.
"Was ist das?" 
"Heiße Schokolade nach einem Rezept Ihres Vaters." Michelle lächelte dankbar. Selbst Lichtjahre von Jean-Luc entfernt, fühlte sie noch seine väterliche Fürsorge und nahm sie dankbar an.
"Er versucht immer noch die verlorenen Jahre nachzuholen. Ich habe auch herausgefunden, dass ich auf seinen Wunsch hin sofort zur Enterprise gebracht wurde. Sicherlich denkt er, ich wäre ihm böse deswegen. Aber er hat richtig gehandelt. Will kann jetzt viel besser mit seiner Lage fertig werden, wenn er sich nicht um mich sorgen muss." Guinan hörte ihr zu, so wie es die Aufgabe der El-Aurianer war, dem Volk der Zuhörer. Sie nickte hin und wieder, während sie Michelle ein leichtes Frühstück zubereitete. Sie war froh, dass Picards Entscheidung die Enterprise an seine Tochter zu übergeben, tatsächlich die erhoffte Versöhnung bewirkt hatte. Viele Stunden hatte sie hier mit Picard verbracht, der sich immer wieder gefragt hatte, wieso Michelle nichts mit ihm zu tun hatte haben wollte.
"Was steht heute an?" Guinan riss Michelle, wie beabsichtigt, mit dieser Frage aus ihren düsteren Gedanken, die sich ständig um Riker drehten.
"Wir kartografieren einen Sektor. Nichts Aufregendes. Ich kann mich ausruhen. Dienstpläne überarbeiten." Guinan lächelte wissend. Michelle plante ihre Tochter bereits in die Dienstpläne ein. Die Graduierung stand an und eine Beförderung zum Lieutenant war schon beschlossene Sache. Dann würde es zwei Lieutenant Crushers auf der Enterprise geben. Aber die beiden würden mit Sicherheit über kurz oder lang auf ein anderes Schiff wechseln. Wenn sie sich für Führungspositionen interessierten, blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Doch genau wie bei Will und Michelle musste einer der beiden auf den großen Karrieresprung zu Gunsten ihrer Ehe verzichten.
Michelle schmunzelte, Yamara würde das mit Sicherheit nicht sein. Zuviel ehrgeizige Picardsche Gene. Ex astris, scientia - der Ruf der Sterne hatte auch sie schon sehr früh erwischt. Fasziniert hatte Yamara als Kind auf der Terrasse ihres Elternhauses in San Francisco gestanden und durch ein Fernrohr die Sterne und den Mond beobachtet. Der Mond, der hell beleuchtet war durch Städte wie New Berlin, wo ihre damals beste Freundin gelebt hatte. Michelle erfreute der Gedanke, dass sie ihre Tochter bald wieder jeden Tag sehen würde. Wenn dann auch endlich Will gefunden würde, wäre die Familie wieder komplett.
"....., Michelle." 
"Was haben Sie gesagt, Guinan? Ich war in Gedanken bei Yamara. Welche Sternzeit haben wir heute?" Der Computer nannte sie ihr.
"Mein Güte es ist heute. Jean-Luc überreicht ihr heute ihr Abschlusszeugnis. Hoffentlich zeichnet es jemand auf. Oh, ich muss noch eine Passage für Yamara buchen." Sie sprang von ihrem Barhocker. Guinan ergriff ihre Hand.
"Das ist schon erledigt." Fragend blickte Michelle ihr entgegen.
"Captain Rico bringt sie." Michelle setzte sich wieder.
"Was? Rico? Mein ehemaliger erster Offizier? Der Rico?" Guinan nickte bestätigend, woraufhin Michelle lachte. "Der alte Schuft, wer hat sich das ausgedacht?" Sie lachte, als die Erinnerung an ihn hochkam.
"Yamara. Sie hat sich umgehört, wer nach der Abschlussfeier von der Erde losfliegt. Das hat Captain Rico mitbekommen. Er will sehen, was aus Ihnen geworden ist. Ich habe schon ein großes Essen für das Wiedersehen geplant. Außerdem wird er, soweit ich das verstanden habe, uns bei der nächsten Mission unterstützen." 
"Guinan, Sie haben eindeutig zu viel Kontakt mit meinem Vater. Sie wissen mehr als ich." Sie stand auf. "So ich werde jetzt zur Schwangerschaftsgymnastik gehen. Bis später und danke für alles, Guinan." Sie nickte lächelnd und räumte das Geschirr in den Replikator.


"Captain, ein Schiff nähert sich." 
"Tarnmodus aktivieren, Mr. Worf." Sisko lehnte sich in seinen Kommandostuhl zurück. Die Defiant versteckte sich auf der abgekehrten Seite eines Mondes, der den Dschungelplaneten umkreiste. Sie hatten mehrfach Erkundungen durchgeführt, in der Hoffnung auch Riker im Dschungel schlafend vorzufinden. Je mehr Tage vergingen, desto weniger Hoffnung hatten sie noch. Doch nun war ein Schiff der J'em Hardar in den Sektor eingeflogen.
"Sollen wir angreifen, Sir?" fragte Worf übereifrig.
"Wir wissen doch gar nicht, ob Commander Riker auf dem Schiff oder auf dem Planeten ist. Und denken Sie an den Auftrag, den wir noch erledigen sollen." Worf nickte. Sisko hatte ihn aufgeklärt, nachdem sie die Enterprise wieder verlassen hatten. Michelle war nicht nur auf Bitten ihres Vaters sofort zurück gebracht worden. Sisko hatte einen Geheimauftrag erhalten. Sie sollten die Basis des Dominion im Alphaquadranten ausfindig machen und Riker von dort befreien. Auch das neue Schiff Captain Ricos die U.S.S. Earth Star war nicht ohne Grund zu einem Rendezvous mit der Enterprise unterwegs.

"Es nähert sich ein Kurzstreckenschiff von der Planetenoberfläche. Es werden menschliche Lebenszeichen angezeigt. Sollten wir nicht...?" 
"Mr. Worf, wir haben eindeutige Befehle. Verfolgung aufnehmen, sobald eine mögliche Übergabe stattgefunden hat." Worf knurrte leise seine Konsole an. Sisko überhörte es. Er konnte den Klingonen ja verstehen. Wenn Riker sein Vorgesetzter wäre, würde er ihn auch sofort retten wollen, zumal es hier wesentlich einfacher war. Aber die lange Planung wäre umsonst gewesen.


An Bord des Shuttles fragte sich Riker, was man mit ihm vorhatte. Ohne ein erklärendes Wort hatten seine Bewacher ihn aus der Zelle und in das Shuttle eskortiert. Aus dem Sichtfenster sah er ein weiteres Schiff, viel größer und vermutlich auch zum Dominion gehörend. Nachdenklich fuhr er sich über den Bart. Wie lang er sich anfühlte, er wünschte sich einen Besuch beim Friseur der Enterprise. Sofort verwarf er Gedanken dieser Art, die über Umwege immer wieder zu Micky führten. Seine Frau war nicht da. Ob sie noch auf dem Planeten war, wusste er nicht. Der Vorta hatte sich seit dem letzten Mal nicht mehr blicken lassen. Riker konnte nur Vermutungen anstellen. Die Ungewissheit war weitaus schlimmer zu ertragen als die Verhöre. Der J'em Hardar knurrte "Aufstehen." Riker tat wie geheißen. Plötzlich wurde er von einem Beamstrahl erfasst und befand sich augenblicklich auf dem größeren Schiff.
"Mitkommen", blaffte ihn der Soldat an, der ihn dort in Empfang genommen hatte. Er drückte Riker unsanft ein großes Phasergewehr in den Rücken und schob ihn durch eine Tür.
"Wo ist Captain Riker? Ist sie schon Bord gebracht worden?" 
"Weiß ich nicht. Vorwärts." Wieder wurde Will unsanft weiter geschubst.
Der J'em Hardar öffnete eine Tür und stieß Riker in seine neue Zelle, um ihn wieder mit seiner Ungewissheit alleine zu lassen.


Unbemerkt hängte sich die Defiant an die Ionenspur des Dominionkampfschiffes und verfolgte es im Tarnmodus. "Worf melden Sie dem Oberkommando, dass wir die Verfolgung aufgenommen haben. Operation Großoffensive kann in Kürze beginnen." Worf bestätigte und schickte die verschlüsselte Botschaft zur Erde ab.


Inzwischen befand sie Yamara an Bord der Earth Star schon auf dem Weg nach Hause. Mit Tränen in den Augen hatten sie sich von Picard und den Babys verabschiedet. Lange Zeit würden sie nun nur per Subraumverbindungen kommunizieren können. Doch dafür war sie bald wieder mit Wesley, ihrem Sohn, Michelle und ihren kleinen Geschwistern vereint. Würde durch die vertrauten Korridore der Enterprise gehen und dort endlich ihren Dienst als vollwertiges Mitglied der Besatzung leisten.
Was weder Yamara noch die Besatzung der Enterprise wussten, zahlreiche weitere Schiffe waren unterwegs zum Rendezvous-Punkt, an dem sich augenblicklich das Schiff ihrer Mutter befand und wartete.


Michelle verbrachte dieser Tage viel Zeit in ihrem Bereitschaftsraum. Hier konnte sie auf ihrer Couch liegend Berichte lesen, noch brauchte sie Erholung nach der Gefangenschaft. Jackie hatte sie eigentlich noch gar nicht diensttauglich schreiben wollen. Aber Michelle brauchte die Ablenkung.
Sie las gerade einen Bericht Geordis über eine Effizienzsteigerung des Warpantriebes, als sich die Brücke meldete.
"Captain, eine Nachricht von der Erde." Michelle warf ihr Pad auf das Sofa und ging zu ihrem Schreibtisch.
"Legen Sie es hier rein, Mr. Data." Sie vermutete ihren Vater, der ihr von Yamaras Abschlussfeier berichten wollte. Umso überraschter war sie Admiral Lanford zu sehen. "Mariah? Mit dir hätte ich nun gar nicht gerechnet. Was gibt es?" 
"Die Defiant hat Commander Riker gefunden." Michelles Augen leuchteten, aber sofort verstand sie, dass nur deshalb ein Admiral, selbst ihre Mentorin, sich deswegen nicht persönlich melden würde.
"Bitte nicht, er ist kann nicht tot sein." Mariah schüttelte energisch den Kopf.
"Nein, aber ist noch ein Gefangener des Dominion. Wie es ihm geht, kann Captain Sisko im Moment nicht sagen." 
"Wieso, haben sie ihn noch nicht befreit?" Mariah schüttelte wieder mit dem Kopf.
"Nein. Hör zu Michelle, ich erteile dir hiermit einen höchst wichtigen Auftrag. Die Defiant ist auf der Suche nach der Basis des Dominion im Alphaquadranten. Wir vermuten, dass dein Mann dort hin gebracht wird. Derzeit macht sie eine große Flotte auf den Weg zu dir. Sobald Sisko meldet, dass sie die Basis entdeckt haben, fliegt ihr los und startet eine Großoffensive. Wir machen ernst. Die Föderation hat den Invasoren den Krieg erklärt." Michelle konnte nicht glauben, was sie da hörte.
"Und was passiert mit Will?" 
"Wir hoffen, dass wir ihn vorher rausholen können."
"Was?! Ihr hofft?! Wollt ihr meinen Mann sterben lassen!? Ich hole ihn persönlich da raus, wenn es sein muss." 
"Daran kann ich dich natürlich nicht hindern. Darf ich dir empfehlen, Captain Rico mitzunehmen?" 
"Worauf Sie Gift nehmen können, Admiral!!" 
"Gut, ich gebe Sisko Bescheid. Willst du das Team selbst leiten?" Der Blick, den Michelle ihr entgegen warf, sprach Bände. "Blöde Frage. Aber lass dich nicht wieder fangen. Dein Vater hat Himmel und Hölle für deine Rettung in Bewegung gesetzt." 
"Ich weiß, Mariah. Und dafür bin ich auch dankbar. Aber jetzt muss ich meinen Kindern den Vater zurückbringen. Und wenn mir dabei einer helfen kann, dann der Tausendsassa Rico!" 
"Gut, dann übermittele ich dir die Befehle. Michelle, das ist ein Kampfeinsatz, verstanden?!" Sie nickte.
"Ich werde nur mit der Kampfsektion hinfliegen. Aber ich bleibe nicht hier. Danke Mariah!" Die Verbindung wurde beendet. Michelle zögerte keine Sekunde. Sofort beorderte sie Data zu sich.
"Data, wir fliegen in einen Kampfeinsatz. Sobald die Flotte sich versammelt hat, trennen wir die Kampfsektion der Enterprise ab. Wir haben das Kommando bei dem Einsatz. Außerdem werde ich persönlich die Rettungsmission leiten, die Will holen soll." Data blickte seinen Captain fragend an, während sie ihm das Pad mit dem Einsatzbefehl übergab.
"Darf ich offen sein?" 
"Data, wir sind unter uns. Natürlich." 
"Du bist verrückt." Sie lachte verblüfft auf. "Ist das deine wissenschaftliche Einschätzung?" 
"Das sage ich dir, als Freund und derzeit erster Offizier. Dein Mann bringt mich um, wenn dir was passiert. Und dein Vater bringt mich zweimal um. Und was Yamara mit mir macht, will ich mir nicht mal vorstellen. Ich wiederhole es noch einmal, du bist verrückt. Und das schreibe ich auch gerne ins Logbuch. Michelle, lass mich gehen. Ich habe keine Kinder." 
'"Du hast eine Frau." 
"Ich bin ersetzbar." 
"Jetzt spinnst du, Data. Du bist einzigartig. Hör mal, Rico wird mich begleiten. Ben Sisko koordiniert den Angriff. Du kommandierst die Enterprise. Dann wird schon alles klappen." 
"Weigern kann ich mich ja nicht, aber es ist eine bescheuerte Idee, Captain. Dass das mal klar ist. Denkst du überhaupt nicht an deine Schwangerschaft?!" Sie seufzte.
"Data, es wird schon schief gehen. Wenn man sich überlegt, dass ich die anderen drei Kinder unter genauso gefährlichen Umständen bekommen habe. Meine normalste Schwangerschaft war die mit Yamara... Was soll schon passieren?" 
"Und was ist mit deiner letzten Fehlgeburt? Die hat nur der Disput mit Jellico ausgelöst." Michelle schüttelte den Kopf.
"Nein, eine Untersuchung hat ergeben, dass ich das Kind früher oder später verloren hätte, es hatte einen genetischen Defekt, der nicht zu korrigieren gewesen wäre. Der Disput hat es nur beschleunigt. Daher hat Jellico auch nicht seine volle Strafe absitzen müssen in Neuseeland. Der hat seine verdammte U.S.S. Kairo schon längst wieder. Hoffen wir nur, dass er nicht mit von der Partie ist."
Data wusste nichts mehr zu sagen, außer: "Isst du heute Abend mit uns? M.J. würde sich sehr freuen." Sie nickte. Data trat zur Tür, bevor sie beiseite gleiten konnte, sagte er noch einmal mit Nachdruck "Du bist verrückt." 
"Das nennt man Liebe, mein Freund." Ohne eine Erwiderung ging Data zurück auf die Brücke. Dazu konnte er nichts mehr sagen. Wenn sein Captain eines war, dann verdammt stur. Er hatte es als Freund versucht, er konnte als Offizier noch die 15. Direktive anführen. Aber wenn sie schon nicht auf die Vernunft hörte, wie sollte sie dann Direktiven akzeptieren können? Data wusste zwar inzwischen was Liebe war, aber diesen "Wahnsinn", dieses unlogische Verhalten würde er wohl nie verstehen.
"Frauen", murmelte er, als er sich auf den Stuhl des Captains setzte. Langsam verstand er Riker und seine Flüche über die Marotten seiner Frau. Da war er doch lieber mit M.J. verheiratet. Zumal den beiden nie die Befehlshierarchie in die Quere kam. Ganz selten arbeiteten sie zusammen. Dafür war ihr Arbeitsgebiet zu unterschiedlich. M.J. als Exobiologin wurde selten Datas Außentrupps zugeteilt.

Während die Defiant das Langstreckenschiff des Dominion mit dem ahnungslosen Riker an Bord verfolgte, erreichte die Earth Star den Treffpunkt.
Michelle kam aufgeregt aus ihrem Bereitschaftsraum, als Data ihr die Ankunft meldete. Er lächelte sie an. Auch er freute sich, dass Yamara wieder an Bord war, nun endgültig.
"Ich gehe direkt in den Transporterraum, um meine Tochter und Captain Rico willkommen zu heißen." Data nickte.
"Lieutenant Wesley Crusher, melden Sie sich im Transporterraum 3, die Earth Star ist soeben eingetroffen. Und holen Sie meinen Enkel aus der Babybetreuung ab." 
"Aye, Captain", bestätigte Wesley mit Herzklopfen. Endlich, Yamara war wieder da. Die letzten Nächte hatte er kaum schlafen können, weil er ständig gehofft hatte, die Brücke würde melden, dass sie endlich eingetroffen wären. Nun war die lange Trennungszeit, versüßt durch kurze gegenseitige Besuche, endlich vorüber. Yamara hatte das Unmögliche geschafft und trotz ihrer Mutterschaft ihre Ausbildung aufgrund hervorragender Noten und einem höheren Lernpensum um ein ganzes Jahr verkürzen können. Nun konnte Wesley endlich wieder Seite an Seite mit seiner Frau arbeiten. Und was das Wichtigste war, endlich ein geregeltes Familienleben. Doch dies wurde leider durch den vermissten Riker getrübt. Hätte Wesley geahnt, weshalb Captain Rico tatsächlich gekommen war, wäre seine Freude wahrscheinlich getrübter gewesen. Denn die Kinder würden natürlich allesamt zurückbleiben, während ihre Eltern sich mit der Kampfsektion der Enterprise mitten in die Großoffensive gegen das Dominion stürzen würden.


Michelle bog gerade um die Ecke zum Transporterraum, als auch schon Wesley aus dem Turbolift trat, seinen Sohn in einen Tragekorb gepackt. Das war für die Begrüßung natürlich wesentlich praktischer als das Herumreichen des Babys. Er lächelte seiner Schwiegermutter entgegen.
"Bist du auch so aufgeregt?" fragte er.
"Was denkst du denn?! Sie mag zwar erwachsen, verheiratet und selber Mutter sein, aber sie wird immer mein Baby bleiben." Wesley lachte.
"Lass sie das bloß nicht hören." Sie legte einen Arm um ihn und streichelte Toms rosige Bäckchen.
"Das weiß sie, sie kann damit leben, denke ich." Sie traten in den Transporterraum. Der junge Offizier straffte sich, als er seinen Captain eintreten sah.
"Fähnrich, beamen Sie Lieutenant Yamara Crusher und Captain Rico an Bord." Man musste nun immer den jeweiligen Vornamen benutzen, um die Crushers auseinander zu halten. Zumindest bis einer von beiden wieder befördert werden würde.
Der Fähnrich führte den Befehl aus. Sekunden später trat Yamara lächelnd von der Plattform herunter. Sie ging auf Wesley zu und küsste ihn. Michelle ließ ihnen einen Augenblick und begrüßte ihren ehemaligen ersten Offizier.
"Hallo Rico, wie geht's?" 
"Mir geht es gut. Und du alte Rumtreiberin? Endlich sesshaft geworden?" Er lachte.
"Schade, dass wir jetzt gleichgestellt sind, jetzt kann ich dir nicht mehr mit disziplinarischen Maßnahmen drohen." 
"Dafür hast du doch deinen Mann." Er verstummte, als er sich bewusst wurde, was er da gerade gesagt hatte. Yamara funkelte den Captain böse an, während Sie Tom sanft im Arm wiegte.
"Entschuldige, ich hab mal wieder nicht nachgedacht." Michelle legte ihm eine Hand auf die Schulter.
"Wir holen ihn zurück. Sobald Sisko sich meldet. Ich leite das Rettungsteam." 
"Einen Teufel wirst du, Mutter!" Michelle und Rico wandten sich um. Yamara legte das Baby schnell in den Korb und fuchtelte mit einem Finger vor ihrer Mutter rum.
"Und wenn ich dich festbinde, kommandier du die Kampfsektion, aber den Rettungstrupp lass jemand anderen anführen. Worf zum Beispiel oder Wesley und ich gehen mit." Michelle schnappte nach Luft.
"Ich soll hier bleiben, aber meine Kinder begeben sich in Gefahr. Das wäre ja noch schöner." 
"Direktive 15, Captain", knurrte Yamara ihrer Mutter entgegen.
"Darauf pfeife ich. Junges Fräulein, ich bin dein Captain. Du hast zu tun, was ich dir sage. Oder lass dich auf ein anderes Schiff versetzen." Wesley ging dazwischen.
"Ladys, beruhigt euch. Wir sind alle etwas nervös." 
"Du weißt ja gar nicht, worum es geht, Wes", knurrte Yamara ihren Mann an.
"Klär mich auf", bat er, während er ihre Tasche schulterte, das Baby nahm und hinaus trat, gefolgt von Michelle und Rico.
"Wir haben Krieg mit dem Dominion. Deswegen ist Captain Rico hier." Wesley drehte sich auf dem Korridor um.
"Was meinst du?" flüsterte er.
"Großoffensive. Ich hab die Offiziere auf der Earth Star gehört. Wir fliegen nicht einfach los um meinen Vater zu retten. Es kommen in den nächsten Tagen Dutzende Schiffe an, wahrscheinlich auch von den anderen Föderationswelten. Höchstwahrscheinlich sogar von den Klingonen. Ben Sisko sucht die Basis des Dominion. Dann bekommen wir den Einsatzbefehl." Wesley schluckte. Das war ja ein toller Einstieg für seine Frau. Frisch von der Akademie und auf in den Kampfeinsatz.
Sie betraten ihr Quartier, Michelle und Rico waren schon nach Ten Forward gegangen, um etwas zu trinken und über alte Zeiten zu sprechen. Yamara war verblüfft. Das Wohnzimmer stand voller Blumen. Wesley hatte sich selbst übertroffen. Sie bedankte sich bei ihrem Mann für seine Aufmerksamkeit, dann brachte sie Tom ins Bett.
"Gehen wir dann auch nach Ten Forward?" fragte er, Yamara hatte sich an ihren Schreibtisch vor den Monitor gesetzt.
"Gleich, gleich, ich muss mich erst noch bei ein paar Leuten aus meinem Jahrgang melden. Einige sind ganz schön neidisch, dass ich auf die Enterprise gekommen bin." 
"Na ja, immerhin ist es das Schiff deiner Mutter und außerdem hast du in kürzerer Zeit als alle anderen graduiert. Du hast es dir verdient." Yamara hörte schon gar nicht mehr zu, sondern sprach mit einem gutaussehenden Offizier, der auf der Utopia Planitia Werft stationiert war. Wesley verstand das gut, nach seiner Rückkehr auf die Enterprise hatte er sich anfangs auch mehr zu seinen Studienkollegen hingezogen gefühlt. Die Freundschaft zu Geordi und Data hatte er erst wieder neu aufbauen müssen. Ähnlich ging es sicher auch Yamara in diesem Moment. Ihre Freunde von der Akademie waren wichtig für sie gewesen. Während der Schwangerschaft hatten diese sie unterstützt, auch gelegentlich mal auf das Baby aufgepasst. Wesley war nicht eifersüchtig. Es war nur, ach, er schüttelte energisch den Kopf. Sie musste sich wieder einleben. Da kam die bevorstehende Großoffensive wirklich sehr unpassend. Die letzten Wochen vor der Graduierung waren ohne Tom sicherlich nicht leicht gewesen. Und jetzt mussten sie das Baby zurücklassen und in den Kampf ziehen.

"Kommst du?" 
"Hm?" fragte Wesley noch immer in Gedanken.
"Ich bin fertig. Ich habe nicht alle erreicht. Aber David gibt die Nachricht weiter, dass ich gut angekommen bin." 
"David?", er verzog das Gesicht. "Eifersüchtig, Mr. Crusher?" Sie legte die Arme um ihn, wieder wurde ihm bewusst, wie sehr er seine Frau vermisst hatte. Als sie sich kennen gelernt hatten, war sie noch ein wilder Teenager gewesen, die um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter gekämpft hatte. Jetzt war sie selbst Mutter. Die Zeiten, in denen Sie Odos Regenerationseimer versteckt oder ähnliche Streiche ausgeheckt hatten, waren vorbei. Aber er war sich sicher, dass Tom genug Schabernack-Gene abbekommen hatte, um seine Eltern lange Zeit in Atem zu halten.
"Ja, Mrs. Crusher. Ich will dich für mich alleine haben, jetzt da du endlich wieder da bist." 
"Tja, daraus wird wohl nichts. Jetzt gehen wir erst mal zu Mum und morgen fängt mein Dienst an. Hast du zur Zeit ein Projekt, bei dem ich dir assistieren kann? Ich hatte einen Sommerkurs in Quantenphysik." Wesley war überrascht.
"Seit wann interessierst du dich für Quantenphysik?" fragte er, während sie nach Ten Forward gingen.
"Seitdem du hauptsächlich im Maschinenraum arbeitest. Ich hoffe, dass Mum mich nicht immer am Steuer einsetzt, sondern auch bei Forschungsprojekten und Außenmissionen. Wenn diese elende Großoffensive vorbei ist, werden wir hoffentlich viele schöne Forschungsprojekte bekommen." 
"Hoffen wir, dass die Offensive schnell beendet ist." Sie betraten Ten Forward, winkten kurz Guinan zu und gingen zu Michelles Tisch.

"Da seit ihr ja, Kinder. Hat ja ganz schön gedauert." 
"Michelle dachte schon, ihr macht noch ein Enkelkind", neckte Rico, was Michelle mit einem Knuff in seine Seite honorierte.
"Musst du immer alles gleich erzählen? Du bist schrecklich, Jason."
Der große, dunkelhaarige Offizier, der Yamara ein wenig an ihren Vater erinnerte, erwiderte: "Ja, aber du kannst nichts dagegen machen, ich bin jetzt auch Captain."
Die zwei kamen Yamara wie Teenager vor, die mit einander rumalberten. Vielleicht war auch mit diesem ehemaligen ersten Offizier mal mehr gelaufen. Oder sie hatten sich nicht getraut und jetzt, da Michelle verheiratet war, bestand keine Gefahr mehr.
"Woran denkst du?" fragte ihre Mutter.
"Ich frage mich, ob es Dad gut geht. Ich mache mir solche Sorgen um ihn. Die J'em Hardar gehen nicht gerade zimperlich mit Gefangenen um." Sie gaben Yamara Recht. Michelle hatte es ja selbst erlebt, wie brutal man gegen sie beide vorgegangen war.
"Ja, das frage ich mich auch ständig. Und ob er weiß, dass sie mich freigelassen haben."


Nein Will wusste immer noch nicht, dass seine Frau inzwischen schon wieder auf der Enterprise war und dass sie sich ihm zuliebe schon wieder in Gefahr bringen wollte. Das Schiff hatte die geheime Basis erreicht und Riker war sofort wieder in eine Zelle gebracht worden. Inzwischen war er davon überzeugt, dass man ihn gegen einen Formwandler austauschen würde. Er musste versuchen, die Gründer mit falschen Informationen zu füttern. Dennoch hoffte er, dass Michelle sein Duplikat erkennen würde.

In seiner einsamen Zelle bekam Riker überhaupt nichts mit von den Geschehnissen draußen in der Galaxis. Er zog sich in sich selbst zurück, schwelgte in Erinnerungen an seine Kinder um nicht total den Verstand zu verlieren. Die J'em Hardar brachten ihm regelmäßig Essen und Wasser. Ansonsten wartete er. Aber worauf? Tagelang geschah überhaupt nichts. Er hatte schon Tausend Mal die grauen Karos an der Decke gezählt. Kannte jede einzelne Fuge an der Wand. Wenn er die J'em Hardar fragte, wo Michelle war, bekam er keine Antwort. Das machte ihm am meisten Sorgen. Ihre Schwangerschaft schritt voran, sie brauchte spezielle Betreuung. Aber auch darauf reagierten seine Wächter nicht. Wie konnte er ahnen, dass sich Michelle an Bord der Enterprise befand und bestens versorgt wurde?


Endlich meldete sich Sisko. Natürlich mitten in der Nacht. Michelle hörte durch eine dicke Wand aus Träumen den Ruf von der Brücke.
"Licht", befahl sie.
"Brücke, hier Captain Riker. Was gibt es?" 
"Ma'am, die Defiant hat sich gemeldet. Wir sollen uns bereit machen." 
"Ich bin in fünf Minuten auf der Brücke." Sie sprang aus dem Bett und zog sich schnell ihre griffbereite rote Uniform an. Sie spannte ein wenig. Aber dafür war jetzt keine Zeit. Über die interne Kommunikation rief sie Deanna aus dem Bett und berichtete ihr. Der Counselor machte sich sofort auf den Weg um Michelles Kinder und den kleinen Tom zu holen und sich während der Schlacht um sie zu kümmern. Doch Michelle hatte andere Pläne.
Als Deanna in ihrem Quartier stand, erklärte Michelle: "Du kommandierst die Untertassensektion, Deanna." Die Betazoidin schnappte nach Luft.
"Ich weiß, das ist viel verlangt. Aber Data brauche ich auf der Kampfsektion. Außerdem ist Worf schon auf der Defiant im Kampfeinsatz. Das reicht. Du bist die nächste ranghohe Offizierin, der ich der das Kommando geben kann und will." Deanna hatte verstanden.
"Wen nimmst du am Steuer mit?" Michelle zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß es noch nicht, Yamara ist die bessere Pilotin, Wesley hat mehr Kampferfahrung. Ich würde auf jeden Fall gerne Geordi dabei haben, falls wir Probleme mit dem Antrieb bekommen. Ich muss mich schnell entscheiden. Geordi stellt das Team für den Maschinenraum zusammen. Wir nehmen hauptsächlich Taktiker und Sicherheitsleute mit, falls wir die Basis stürmen müssen." Deanna nickte.
"Sollen die Kinder hier bleiben? Ich kann Tom ja auch noch hierher bringen." Das Captain's Quartier befand sich in der Untertassensektion. Daher konnten die Kinder hier bleiben. Michelle hatte sich entschieden.
"Yamara bleibt bei Tom und soll sich um die Kinder kümmern. Sie wird zwar toben, aber ich will meine Kinder in Sicherheit wissen. Wesley wird navigieren. Ja, ich denke, dass ist eine gute Entscheidung. Ich berufe gleich die Einsatzbesprechung ein, dann gebe ich die bevorstehende Trennung des Schiffs bekannt."

Kurz darauf betraten die Führungsoffiziere den Besprechungsraum. Yamara war nicht anwesend. Sie schmollte in ihrem Quartier, weil ihre Mutter ihr klipp und klar gesagt hatte, dass der Kampf ohne sie stattfinden würde. Noch weniger begeistert war sie davon, dass Wesley ohne sie in die Schlacht fliegen würde. Sie war die bessere Pilotin, aber ihre Mutter hatte Wesleys Kampferfahrung vorgezogen. Nun saß Wesley mit einem harten Klumpen im Bauch am Tisch und folgte aufmerksam der taktischen Besprechung. Auch Captain Rico war vor einigen Minuten von seinem Schiff herüber gekommen. Er hatte Michelle zumindest davon abbringen können, persönlich den Stützpunkt auf den Kopf zu stellen. Einer seiner Entertrupps würde sich darum kümmern. Wenigstens in diesem Punkt hatte Yamara ihren Willen bekommen und wusste ihre Mutter nicht in größerer Gefahr als unbedingt nötig.

"Captain, gerade sind zehn klingonische Bird-of-Preys in den Sektor eingeflogen unter dem Kommando von einem gewissen General Martok. Er sagt Gowron schickt ihn mit den besten Empfehlungen für die Schlacht." Alle hörten aufmerksam der Meldung des diensthabenden Brückenoffiziers zu. Als er geendet hatte, nickte Michelle und stand auf.
"Ladies und Gentlemen, dazu gibt es wohl nicht mehr viel zu sagen. Auf in die Schlacht und da die Klingonen nun auch da sind, Q'apla!" Das Einsatzteam der Kampfsektion betrat die Hauptbrücke. Michelle gab Zeichen, dass sie nun die Trennung des Schiffes ankündigen würde.
"Hier spricht der Captain, wie sicherlich die meisten schon vermutet haben, ist etwas im Busch. Die Föderation hat sich entschieden gegen das Dominion vorzugehen. Captain Sisko hat mit der Defiant die Basis der Aggressoren hier im Alpha-Quadranten ausfindig gemacht. Wir starten einen Großangriff. Da wir mit Verlusten rechnen müssen, begeben sich sofort alle Zivilisten, die Familien und alle Crewmitglieder, die nicht bei der Schlacht dabei sind, in die Untertassensektion. Sie wird in fünf Minuten abgetrennt und fliegt zur Raumbasis 5 um auf uns zu warten." Unmittelbar danach zählte der Computer den Countdown runter bis zur Trennung der Enterprise.
Michelle trieb alle zur Eile an. Ihr Kommandoteam betrat den Turbolift und fuhr zur Kampfbrücke runter. Als sie diese betraten, war der Raum bereits in die rote Notbeleuchtung gehüllt.
"Wesley, ans Steuer und die Trennung einleiten." 
"Manuel, Ma'am?" 
"Haben Sie das schon mal gemacht, Lieutenant?" Er verneinte.
"Dann ist das ja eine gute Gelegenheit. Der Admiral hat das seinerzeit auch mit Commander Riker gemacht." Sie grinste. Wesley wusste, die Gelegenheit bot sich nicht alle Tage.

Die Andockklammern wurden aus der Untertassensektion gezogen, die sich langsam von der Kampfsektion der Enterprise entfernte. Michelle meldete sich bei Rico und gab allen übrigen Schiffen den Befehl zum Zielpunkt zu fliegen. Als sie auf Warp gingen, seufzte Michelle. Sie flog nicht gerne in den Kampf. Wie ihr Vater war sie Forscherin, Entdeckerin aber keine Soldatin. Sie konnte ihre Tochter nicht verstehen, die jetzt lieber hier als in Sicherheit in der Untertassensektion wäre. Das musste an den klingonischen Genen liegen. Worf würde wahrscheinlich die Schlacht im Nahkampf mit den J'em Hardar ausfechten. Der Gewinner bekam die Galaxis.


"Captain, die Enterprise meldet, dass die Flotte unterwegs ist. Gowron hat auch noch Schiffe geschickt", teilte Worf mit.
"Gut, darauf haben wir gewartet. Haben Sie Riker lokalisiert? Können wir ihn rausbeamen?" 
"Negativ, Benjamin. Ein Kraftfeld umgibt den Arrestbereich." Sisko verzog das Gesicht.
"Ich hatte auch nicht wirklich erwartet, dass es so einfach sein würde. Gut, dann auf die harte Tour. Worf, Dax, Sie gehen rein und holen ihn mit dem Shuttle. Passen Sie auf sich auf, alter Mann." Dax grinste über Siskos Bezeichnung für sie, die noch aus den Zeiten herrührte, als Curzon der Wirt des Dax-Symbionten gewesen war.

Die Defiant deaktivierte den Tarnmodus bis das kleine Shuttle den Hangar verlassen hatte. Als Dax es auf die Basis des Dominion zusteuerte, war die Defiant schon wieder unsichtbar geworden. Das Shuttle war klein genug, um nicht sofort von den J'em Hardar entdeckt zu werden. Die Basis befand sich auf einem unbewohnten Klasse M-Planeten. Dax landete das Shuttle in sicherer Entfernung zum Eingang der Basis. Da Curzon früher mit einigen Klingonen freundschaftlich getrunken und gekämpft hatte, kam sie mit Worfs Tempo recht gut mit. Mit gezückten Phasern rannten sie auf das große Gebäude zu, das mitten in einer Wüste gebaut worden war. Riker wäre nicht weit gekommen ohne Shuttle, selbst wenn ihm die Flucht aus seiner Zelle gelungen wäre. Sie hofften den Commander schnell befreien zu können. Neben der Rettung Rikers, hatten sie den Befehl die Gründerin zu entführen, oder wenn es nicht anders ginge, sie zu töten. Das Oberkommando wollte endlich mit dem Problem abschließen.

Sie konnten unbemerkt eindringen, was sie ein wenig stutzig machte. Dax und Worf konnten nicht ahnen, dass die Offensive bereits begonnen hatte und die Mitglieder des Dominion viel zu abgelenkt waren, als das sie sich um einen Eindringlingsalarm kümmern konnten, der nicht das Weltall über ihnen betraf. Die J'em Hardar bemannten alle Kampfschiffe. Die Vorta koordinierten die Verteidigung und die kommandierende Gründerin des Alpha-Quadranten lief nervös im Kommandoraum auf und ab.

"Hier lang, Worf", zischte Dax. Sie hatte den Weg gefunden. Ihr Tricorder zeigte ein deutliches Lebenszeichen Rikers. Worf folgte ihr schnell. Dann standen sie auch schon vor Rikers Zelle. Es gab keinen erkennbaren Öffnungsmechanismus.
"Lassen Sie mich mal", und schon schob Worf die Trill beiseite. Er zückte seinen Phaser und schoss die Wandverkleidung auf. Durch den Kurzschluss öffnete sich die Zellentür. Riker lag auf einer Pritsche und schlief. Sie riefen seinen Namen. Er sprang auf, erkannte sofort die Situation. Worf hob Einhalt gebietend die Hand.
"Verzeihung Sir, aber das ist notwendig." Er zückte sein klingonisches Messer und ritzte Rikers Hand auf, ihm entfuhr ein Schmerzensschrei. Rotes Blut schoss aus der Wunde hervor.
"Schon in Ordnung, Worf. Ich wusste schon selbst nicht mehr, wer ich bin. Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich ein Mensch bin. Gehen wir." 
"Ja, gehen wir, es wird gleich sehr ungemütlich. Sobald wir Signal geben, dass wir Sie haben, Commander, beginnt der Großangriff auf die Basis. Im Moment beschränkt er sich auf Kämpfe der Schiffe untereinander. Aber wir sollen alles dem Erdboden gleich machen." Dax rief die Worte, während sie durch den Korridor rannte, durch den sie gekommen waren. Ein Explosion erschütterte den Gang und warf die drei Offiziere von den Füßen.
"Die haben es eilig, das Bombardement hat begonnen. Schnell jetzt." Riker kam nur mühsam auf die Füße. Die lange Gefangenschaft hatte ihn geschwächt. Worf drehte sich nach ihm um und erkannte, wie langsam der Commander war. Er packte Riker und zog ihn mit sich. Riker biss die Zähne zusammen, ignorierte seine Lungen, die unter der Anstrengung brannten wie das Feuer der klingonischen Unterwelt.

Sie erreichten das Freie. Das reflektierende Wüstenlicht nahm Riker die Sicht. Im ersten Moment schlug er eine Hand vor die Augen, unbeachtet von Worf, der ihn weiter in Richtung des Landeplatzes zog. Dax griff in ihren Rucksack und zog einige Thermogranaten hervor. Sie machte sie scharf und warf sie in den Eingang um unliebsame Verfolger abzuschütteln. Das Shuttle tauchte vor ihnen auf, Worf zog Riker rein und bugsierte ihn auf einen Sitz. Er selbst schwang sich auf den Pilotenstuhl und wartete auf Dax. Sie war durch den Einsatz der Granaten zurückgefallen. Doch schon sprang sie ins Shuttle und rief: "Starten, Worf!" Das Shuttle schoss davon in Richtung Weltall.

"Defiant, wir haben das Paket abgeholt." Riker wollte gerade einen seiner berühmten Sprüche einwerfen, als er die Schlacht erblickte, die im Weltraum über dem Planeten tobte. Er suchte die Dunkelheit nach den vertrauten Umrissen der Enterprise ab. Als er sie nicht entdecken konnte, fragte er Dax danach. "Suchen Sie nur nach der Kampfsektion, Commander. Da vorne ist sie. Aber wir fliegen erst auf die Defiant, sonst ist die unterbesetzt." Und schon startete das Shuttle seinen Annäherungsflug auf Siskos Schiff. Dieser deaktivierte wieder blitzschnell die Schutzschilde, das Shuttle landete und die Schilde fuhren hoch. Worf und Dax rannten auf die Brücke. Riker konnte nicht mehr. Er atmete ein paar Mal tief durch. Als er durch die Luke trat, blickte ihm Julian Bashir entgegen. "Hallo, Doctor Bashir. Das ist das erste Mal, dass ich mich freue Sie zu sehen. Ganz ehrlich." Riker grinste schief. Julian stützte ihn und führte ihn ins Lazarett.


Die Föderationsflotte hatte zwar einige Verluste einzubüßen, aber letzten Endes war der echte Verlierer das Dominion. Die Basis wurde zerstört, die Gründerin bei der Bombardierung getötet. Einige wenige Schiffe entkamen aus dem Sektor. Es war ein kleiner Sieg, aber die Föderation hatte den Eindringlingen gezeigt, dass sie ihr Territorium nicht kampflos aufgaben.

Nach der gewonnenen Schlacht beamte die Mannschaft der Defiant auf die Enterprise rüber. Will war von Bashir wieder einigermaßen hergestellt worden. Die Crew rematerialisierte in einem kleinen Transporterraum der Kampfsektion. Michelle schloss ihren Mann überglücklich in die Arme und bedankte sich bei Sisko und seinem Team. Es fand noch eine Nachbesprechung statt, man ging die Verlustlisten durch. Die Enterprise und die Defiant hatten keine Verluste zu beklagen. Die Earth Star hatte mehrere direkte Treffer erlitten. Sie würde zur McKinleystation für eine Reparatur fliegen. Leider hatten dieser Treffer 45 Mannschaftsmitglieder das Leben gekostet. Die Klingonen hatten aus ihrem Kampfverband zwei ganze Schiffe verloren. Worf nahm an den Trauerfeierlichkeiten auf General Martoks Kommandoschiff teil und kehrte dann auf die Enterprise zurück.

12. Kapitel
 Ein neuer Feuerwehr-Einsatz

"Es ist 6 Uhr und 30 Minuten. Folgende Termine stehen heute für Captain Riker an..." Michelle blinzelte. Hatte sie die Nacht wirklich durchgeschlafen? Das war erstaunlich. Das erste Mal, seit sie ohne Riker aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war. Automatisch glitt ihre Hand auf seine Seite des Bettes hinüber, bereit die Kühle der unbenutzten Laken zu spüren. Doch sie spürte Wärme. Verwirrt drehte Michelle sich um. Da lag Riker und schlief seelenruhig. Dann dämmerte Michelle die Erkenntnis. Sisko hatte ihn befreit, die vereinte Flotte der Föderation und sogar der Klingonen hatte die Basis des Dominion zerstört und ihnen eine empfindliche Niederlage bereitet.

Zärtlich strich Michelle über Wills Gesicht, er wachte sofort auf und lächelte seine Frau an.
"Glaub mir, du bist ein schönerer Anblick als diese elenden J'em Hardar wenn ich wach werde." Er grinste sie schelmisch wie eh und je an.
"Auch wenn ich bald wieder auseinander gehe? Wenn diese Zwillinge sich ebenso breit machen wie ihre Brüder, bin ich in ein paar Monaten kein schöner Anblick mehr", witzelte Michelle.
"Für mich schon. Du bist nie schöner als während deiner Schwangerschaften..." Er überlegte. "Ist Andy schon wach?" Sie schüttelte den Kopf. Auf Rikers Gesicht breitete sich ein neckisches Grinsen aus. "Gut, dann wollen wir die Zeit nutzen, meine Schöne." Er beugte sich über Michelle und küsste sie zärtlich. Und der Zauber war noch da. Michelle vergaß alles um sich herum. Sie spürte Rikers Berührungen, ihr Herz raste. Genau wie in ihrer ersten gemeinsamen Nacht.
"Computer, Schlafzimmertür verriegeln und dreh das Licht runter", presste sie hervor.

Sie mussten eingeschlafen sein, nachdem sie Rikers Rückkehr gefeiert hatten. Michelle richtete sich auf.
"Computer, wie spät ist es?" Sie hatte fast Angst vor der Antwort.
"7 Uhr und 24 Minuten." Sie sprang aus dem Bett und schmiss Riker seine Uniform zu.
"Wir haben verschlafen, Will. Weck die Kinder und repliziere das Frühstück. Keine Diskussion mit ihrer Majestät, sie soll anziehen, was ich gestern rausgelegt habe." Riker stand auf und zog sich rasch seine Uniform an.
"Himmel, wo ist meine nächstgrößere Uniform?", fluchte Michelle, als sie in ihrem Kleiderschrank kramte.
Der wesentlich größere Riker trat hinter sie und griff zielbewusst in den Schrank. "Ganz oben bei deiner Umstandsuniform." Er reichte sie ihr schmunzelnd und ging ins Kinderzimmer.

"Computer, spiele Meeresrauschen und Möwenschreie und erhelle ein wenig den Raum." Riker liebte es, seine Tochter auf diese Weise zu wecken. Es erinnerte ihn an ihre gemeinsame Zeit in San Francisco.
Andy schlug die Augen auf, gähnte und streckte sich.
"Guten Morgen, Sonnenschein. Wir müssen uns beeilen. Mami und ich haben verschlafen." Andy krabbelte aus ihrem Bett und ging zu ihrem Vater. Riker ging in die Knie und lächelte zärtlich sein Sternenkind an.
Sie ging ganz dicht an sein Ohr heran und flüsterte: "Ich bin so froh, dass du wieder da bist, Daddy!" Ihr Vater lächelte, als sie ihm einen dicken Schmatzer auf den Mund drückte. Dann legte er Andy aufs Bett und kitzelte sie so richtig durch. Seine Tochter quietschte vor Vergnügen. Bis sie einen ermahnenden Ruf Michelles vernahmen, dass sie sich beeilen sollten.

Riker verstrubbelte liebevoll Andys braune, lange Haare und warf ihr ein blaues Kleid zu. Andys Lieblingsfarbe. Das dürfte keine Schwierigkeiten geben. Schon gar nicht, wenn ihr Vater es ihr gab. Andy vergötterte ihren Vater. Riker nutzte diese Tatsache natürlich schamlos aus. Wenn er Streit mit Michelle hatte, schickte er Andy vor um die Wogen zu glätten. Andy wiederum konnte ihren Vater zu so ziemlich allem überreden, was sie wollte. Die einzige Ausnahme bildete Parises Squares. Da war Will Riker weiterhin unerbittlich. Er wollte seine Tochter nicht diesem gefährlichen Sport aussetzen. Andy hatte aber wegen ihrer Herzkrankheit und der geglückten Operation schweren Nachholbedarf in Sachen Gefahr. Und gerade bei Parises Squares hatte sie ihre Mutter und ihre große Schwester auf ihrer Seite. Somit konnte Andy Riker durchaus mit ihrer Familie zufrieden sein.
Gut, die kleinen Brüder nervten schon mal, weil sie soviel Aufmerksamkeit forderten. Und wenn die neuen Babys da wären, würde es bestimmt auch nicht besser für Andy werden. Ein Glück war ihre große Schwester endlich wieder da. Doch Yamara hatte jetzt auch ein Baby, ihren kleinen Neffen Tom. Überall Babys, Babys, Babys. Nur schade, dass Großvater Picard auf der Erde bleiben musste mit Großmutter Beverly und ihren kleinen Onkeln. Andy lächelte, als sie an ihre Onkeln dachte. Wenigstens François und Robert störten ihren Alltag nicht.

"Daddy?" Riker war schon auf dem Weg in das Zimmer seiner seine Söhne. Er drehte sich um und blickte Andy fragend an.
"Was ist denn, mein Sternenkind?"
"Kann uns Großvater Riker mal wieder besuchen?" Will war offengestanden verblüfft über diese Frage. Andy hatte Jean-Luc immer Kyle vorgezogen. In dieser Hinsicht war sie mehr eine Picard als eine Riker.
"Wie kommst du darauf, Schätzchen?" Er setzte sich neben Andy auf die Bettkante.
"Na ja, ihr habt soviel mit den Jungs zu tun. Und jetzt bekommt Mami wieder zwei Babys und...." Sie streckte tapfer und fast ein wenig trotzig ihr Kinn vor. Sie sieht aus wie ihre Mutter, dachte Riker. Er hob Andys Kinn mit einem Finger hoch, so dass sie ihn anblicken musste.
"Kümmern wir uns nicht genug um dich, Liebling? Oder willst du einfach mal wieder einen Großvater um dich haben? Vermisst du Jean-Luc?" Sie nickte heftig. Riker zog seine Tochter zu sich heran und drückte sie ganz fest. "Sieh mal, Großvater Picard hat soviel auf der Akademie zu tun und du weißt doch, dass seine Söhne ihn brauchen. Mehr als du ihn brauchst. Sie sind viel kleiner. François ist erst drei und Robert ist noch kleines Baby." Wieder nickte Andy.
"Ich weiß, fast so klein wie Johnny und Jean-Luc. Schon klar. Aber ich bin immer so gerne bei ihm in Frankreich. Auf der Enterprise ist es auch toll, aufregend und das alles. Aber bei den Großeltern hab ich ein Pferd..." Sie seufzte wie ihre Mutter. Riker konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Mit jedem Tag entwickelte Andy sich mehr zu einer kleinen Ausgabe seiner Frau. Andy ähnelte Michelle noch mehr als Yamara. Wie sie manchmal vor ihm stand, die Hände in die Seiten gestemmt und energisch schaute. Da konnte er sie schon fast in einer kleinen roten Uniform sehen. "Ich weiß, hier gibt es das Holodeck. Aber das ist nicht Thunder. Nicht wirklich. Und Großvater Picard ist weniger streng, auch mit Parises Squares." Das Thema schon wieder, dachte Riker.
"Erstens sind Großeltern nie so streng wie die Eltern, Liebling. Das ist einfach so. Und zweitens darfst du ja ab und zu diese verdammte Spiel spielen."
"Daddy, du sollst doch nicht fluchen!" Seine achtjährige Tochter hob den Finger und drohte ihm. Riker lachte laut auf. Ja, ganz Michelle, gar keine Frage.
"Natürlich. Entschuldige... Vorschlag zur Güte. Heute darfst du eine extra Trainingsstunde einlegen nach den Hausaufgaben... Und soll ich Großvater Kyle fragen, ob er uns besuchen kommt?" Ihre Augen leuchteten.
"Ja bitte, Daddy. Das wäre schön." Riker fragte sich, was sie gerade mehr freute. Das Parises Squares oder der mögliche Besuch seines Vaters?
"Gut Prinzessin, wird gemacht. Und heute Abend darfst du mit Großvater Picard sprechen vor dem Zubettgehen. Und jetzt beeil dich." Riker schüttelte den Kopf über sich selbst. Er konnte diesem Kind einfach nichts abschlagen. Sie war noch ein klein bisschen besser als ihre Mutter. Michelles Charme konnte er zumindest bei dienstlichen Belangen besser widerstehen als den Betteleien seiner Tochter.

Während Andy sich anzog und ihr Haar bürstete, ging Riker in das angeschlossene Zimmer seiner Söhne. Johnny und Jean-Luc waren inzwischen annähernd ein Jahr alt. Riker staunte immer, wie die Zeit verging. Aber er musste sich eingestehen, dass er im Spiegel schon so manches graue Haar in seinem Bart entdeckt hatte, das Dank seiner Eitelkeit schnell einer Pinzette zum Opfer gefallen war.

Die Unterhaltung mit Andy hatte ihn verblüfft. Sie war in den letzten Wochen so groß geworden. Beinahe schon eine kleine Erwachsene. Es war sicher nicht leicht für sie gewesen, als er und Michelle vermisst gewesen waren.
"Kommt, Jungs. Zeit zum Aufstehen." Riker holte einen nach dem anderen aus den Bettchen und wickelte sie zügig, was mit lautstarkem Protest seiner Söhne belohnt wurde.
"Nun mal nicht motzen, ihr kleinen Racker. Gleich gibt es Brei und dann geht's in die Babybetreuung." Andy trat hinter ihn.
"Gib mir Jean-Luc. Wenn ich schon den großen nicht haben kann, gebe ich mich mit der kleinen Riker-Ausgabe zufrieden." Sie streckte ihre Arme aus und Riker legte seinen Sohn hinein. Behutsam ging Andy mit ihrem Brüderchen in den Wohnraum und gab ihn ihrer Mutter.

Das Frühstück ging schneller vonstatten als üblich. Die Rikers trugen ihre Söhne zur Babybetreuung, während Andy sich schon auf den Weg zum Unterricht gemacht hatte.
Unterwegs berichtete Will seiner Frau von der eigenartigen Unterhaltung mit Andy.
"Sie wird dir mit jedem Tag ähnlicher, Micky!" Sein Blick wirkte ein wenig träumerisch, als er von seiner Tochter sprach. "Sie kann mich schon ziemlich gut um den Finger wickeln." Michelle schnappte nach Luft und spielte Empörung.
"Wann kann ich dich schon mal um den Finger wickeln, Will Riker?! Nun mach aber mal einen Punkt. Wenn ich eine Außenmission begleiten will, muss ich dir ja förmlich mit dem Kriegsgericht drohen, damit du mich gehen lässt." Er lachte. Ganz Unrecht hatte Michelle da nicht.
Diskret schob Riker seine Frau zu einem Display, das die Enterprise zeigte und tat so, als würde er ein Crewmitglied suchen. Dann blickte er Michelle tief in die Augen und sagte: "Ich will dich einfach nicht verlieren, Micky. Nicht nachdem ich mein ganzes Leben nach dir gesucht habe." Sie lächelte. Riker ließ schnell, aber zärtlich seine Hand auf Michelles Babybauch gleiten und zog sie ebenso schnell wieder weg. Mehr vertraute Gesten konnten sich Captain und erster Offizier auf den Gängen ihres nicht Schiffes leisten. Beide räusperten sich und gingen weiter mit den Babys auf den Armen.

Michelle nahm das Gespräch über ihre Tochter wieder auf.
"Andy ist ziemlich erwachsen geworden in den letzten Wochen. Ich glaube, sie hat keine Illusion mehr, dass wir immer da sein werden... Es ist eine gute Idee, deinen Vater zu einem Besuch einzuladen. Du könntest ruhig mehr Zeit mit ihm verbringen. Ihr habt genauso viel wertvolle Jahre verloren wie Jean-Luc und ich."
"Aber Kyle ist ganz anders als Jean-Luc", konterte Will der sich noch lange nicht an den Gedanken gewöhnt hatte mit seinem Vater anders als gereizt umzugehen.
"Meine Güte, einer ist Admiral der andere ist Sonderbeauftragter der Föderation. Beide hatten Streit mit ihren Kindern, an dem ihre Kinder nicht ganz unschuldig waren. Du hast dich mit Kyle zerworfen, weil du ihn für den Tod deiner Mutter verantwortlich gemacht hast. Ich machte Picard Vorwürfe wegen meiner Existenz als seine Tochter. Bescheuert. Wir waren richtig bescheuert... Jetzt da ich selbst einen Stall voll Kinder habe und Yamara mich 26 Jahre lang in den Wahnsinn getrieben hat, weiß ich, wie schwer es ist gute Eltern zu sein." Riker grinste wegen ihrer Bemerkung über Yamara.

Er wusste selbst aus leidvoller Erfahrung, dass seine älteste Tochter ein klingonischer Wildfang war. Obwohl er erst ihr Vater geworden war, als sie bereits 17 Jahre alt gewesen war, hatte Yamara für manche Überraschung gesorgt. Sie hatte ihn mit ihren Talenten verblüfft und stolz gemacht, mit der Beziehung zu Wesley überrumpelt und mit ihren Streichen so manchen Ärger verursacht. Riker erinnerte sich an die ganzen Torheiten, die sich Yamara ausgedacht und mit dem armen, wehrlosen Wesley in die Tat umgesetzt hatte. Zu gerne dachte er heute noch an ihr Glanzstück. Den Streich mit Odos Regenerationseimer. Nicht nur versteckt hatten sie ihn, sondern auch noch Marmelade reingetan. Als Odo sich endlich verflüssigt und nach der Regeneration wieder verfestigt hatte, hatte er ausgesehen wie ein Erdbeerbonbon. Riker grinste bei der Erinnerung an den Streich. Michelle als Captain konnte natürlich nicht darüber lachen, Arrest, Tadel in der Akte und Nachtdienst waren die Folgen gewesen. Persönlich war Michelle von dem Streich beeindruckt, sie selbst hatte mit ihrem Bruder Brian in jungen Jahren etliche Albernheiten ausgeheckt. Und immer wenn sie in LaBarre weilte, erinnerte sie sich an die Scherze, die sie ihrem Onkel Robert hatte angedeihen lassen. Nachdem Michelle hinter die raue Picardsche Schale geblickt und den gütigen, verständnisvollen Onkel und Ersatzvater erkannt hatte, war sie nicht mehr zu bremsen gewesen. Schuhe voller Pferdemist waren noch die kleineren Vergehen gewesen, derer Michelle sich schuldig gemacht hatte. Doch Robert hatte sich mit ähnlichen Streichen gerächt und sie nicht verprügelt, wie sein Vater es mit ihm getan hätte. Er teilte Michelles Humor. Und diesen Humor hatte Michelle definitiv an Yamara weitergegeben.

"Holen wir die beiden ab?" fragte er, worauf Michelle mit dem Kopf schüttelte.
"Sieh mal, da stehen sie schon und geben Tom bei der Betreuung ab." Die Rikers grüßten die Crushers und brachten ihre Kinder in die Betreuung. Johnny und Jean-Luc protestierten kurz, als sie die sicheren Arme ihrer Eltern gegen ein fremdes Bett tauschen mussten. Die Rikers hauchten ihren drei Jungs noch ein Küsschen auf die rosigen Wangen und gingen gemeinsam mit den Lieutenants Crusher auf die Brücke. Wesley machte dort nur einen kurzen Abstecher um an der Morgenbesprechung teilzunehmen und ging dann weiter zum Maschinenraum.

Während man auf die restlichen Führungsoffiziere wartete, vertieften sich die Anwesenden in lockere Gespräche.
"Also wenn diesen Monat noch ein Familienmitglied entführt wird, quittiere ich den Dienst und werde Winzer in LaBarre", witzelte Michelle mit Data. Der Androide war sichtlich erleichtert, dass die Rikers ihre Entführung unbeschadet überstanden hatten. Er aktivierte seinen Emotionschip und stieg in den Smalltalk mit ein.
"Das halte ich für unwahrscheinlich, Michelle. In dreißig Jahren vielleicht. Du bist genauso rastlos, wie es dein Vater früher war", gab Data zu bedenken. Inzwischen hatte sich Data daran gewöhnt in solch lockerer Umgebung seinen Captain zu duzen. Michelle war erfreut darüber, immerhin waren sie doch alle eine große, glückliche Familie.
"Natürlich Data, weil ich so rastlos bin, bekomme ich auch Kind nach dem anderen... Es mag stimmen, dass es mich zu Sternen zieht und ich nicht andauernd Feuerwehr für die Föderation spielen will. Aber rastlos bin ich nicht mehr seit ich auf dieses Schiff gekommen bin. Das ist mein längstes Kommando bisher... Ach übrigens Deanna, wann fliest du nach Betazed?"
".Ich fliege morgen ab. Meine Mutter besteht darauf, dass ich das Fest mit ihr bis ins kleinste Detail durchplane. Und gegen Lwaxana Troi kommt man nur schwer an." Worf verzog das Gesicht als er an seine Schwiegermutter dachte. Noch mehr schoben sich seine Mundwinkel nach unten, als Michelle ihm großzügig einen längeren Urlaub in Würdigung seiner Rettung Rikers genehmigte. Sein Sohn Ian-Nikolai Troi sollte einer Art betazoidischer Taufe unterzogen werden. Natürlich wollte er dieses Ereignis nicht verpassen. Doch dafür die wochenlange Gesellschaft Lwaxana Trois in Kaufen nehmen zu müssen, war nicht gerade einfach für den Klingonen zu ertragen.

"Nun Ladys und Gentlemen, Spaß beiseite. Die Arbeit ruft. Gehen wir die Tagesordnung durch." Geschwind führte Michelle durch die Besprechung und entließ dann die Offiziere zu ihren jeweiligen Posten.

Michelle stand auf und wollte hinter Riker auf die Brücke zurückgehen, als sich der diensthabende Offizier meldete: "Captain, wir empfangen eine Nachricht von der Erde. Es ist Admiral Picard." Michelle und Will blickten sich einen Moment verwundert an und setzten sich wieder an den Konferenztisch.
"Ich nehme es hier an, Brücke." Und schon erschien auf dem Monitor Jean-Luc Picard. Michelle schnappte nach Luft. Ihr Vater sah schlecht aus, dunkel Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab.
"Dad?! Was ist passiert?! Du siehst gelinde gesagt zum Gruseln aus." Picard reagierte nicht, wirkte wie unter Schock.
"Jean-Luc, sprich, was ist los?" intervenierte Riker nun.
"Ich höre Stimmen", stieß Picard hervor.
"Stimmen? Was für Stimmen? Was soll das, Dad?" Seine Tochter verstand kein Wort.
Und dann hörten sie die Bezeichnung einer Spezies vor der sich jedes lebende Wesen in der Föderation fürchtete.
"Borg. Ich höre sie. Seit Wolf 359 habe ich sie nicht mehr gehört. Seit ich das Kollektiv verlassen habe. Doch nun sind sie wieder da." Michelle und Will waren erschüttert.
"Aber wie kann das sein?! Hast du das Oberkommando schon informiert?" Er bestätigte.
"Sie wissen Bescheid, ich habe ihnen alles gesagt, was ich wusste... Ich sage es nicht gern, aber wir stehen vor einer neuen Invasion." Michelle schlug sich eine Hand vor den Mund, als sie die Erkenntnis wie ein Blitz traf. Die Vision, Marinas Vision. Ein weiterer Teil davon sollte nun also Wirklichkeit werden. Einer der schrecklichsten.
"Kinder, ich habe nicht viel Zeit, ich muss einen Flug bekommen." Sie warfen Picard fragende Blicke zu.
"Was hast du vor, Dad? Und was hat die Sternenflotte vor? Und was das Wichtigste ist, was wollen die Borg?" Wieder nickte Picard. Das waren alles berechtigte Fragen, die seine Tochter da stellte.
"Ich bin auf dem Weg zu euch. Die Sternenflotte will mein Wissen im Kampf gegen die Borg einsetzen. Wir werden ihnen unseren Quadranten nicht kampflos übergeben. Und was die Borg angeht. Nun, die Königin will mich. Mich und die Erde. Aber beides wird sie nicht bekommen... Ich muss jetzt los. Und Michelle, mach dir keine Sorgen um deine Brüder. Sie sind im Moment auf der Erde am besten aufgehoben. Sollten die Borg bis hierher kommen, ist ohnehin alles verloren..." Ohne ein weiteres Wort unterbrach Picard die Verbindung.
Riker warf seiner Frau fragende Blicke zu.
"Schau mich nicht so an, Will. Du hast ihn damals aus dem Kollektiv befreit. Ich kann mich nur auf Erzählungen anderer stützen. Aber bei aller Loyalität zu meinem Vater. Eines weiß ich mit absoluter Sicherheit, von nichts im Universum ist er so sehr besessen wie von den Borg." Sie rieb sich die Schläfen, zum ersten Mal seit Beginn ihrer Affäre mit Riker meldeten sich hämmernde Kopfschmerzen. Sie versuchte es mit einer von M.J.s Entspannungsübungen.
"Du hast so merkwürdig ausgehen eben. Als hättest du es gewusst oder dich daran erinnert, dass es passieren würde." Michelle hasste es, dass Riker ihre Gefühle so vom Gesicht ablesen konnte.
"Dank einer Technik, die M.J. mir beigebracht hat, habe ich es vergessen." Riker verstand nicht. "Marina. Sie hat mir das in der Vision gezeigt."
"Meine Güte, wie kannst du damit leben?"
"Nur, indem ich es vergesse, Will. Sonst würde ich verrückt werden. M.J. hat mir beigebracht, wie ich die Vision unterdrücken kann. Sie flackert nur auf, wenn das nächste Ereignis in Gang gesetzt wird. Marina hat mir in einem winzigen Augenblick mein ganzes Leben gezeigt und alles, was sich während dieser Zeit in der Föderation abspielen wird..." Sie seufzte. "Ich alleine kann nicht die ganze Galaxis retten. Und das müsste ich laut der Vision um alles zu verhindern."
"Was hast du noch gewusst?" Michelle umfasste seine Hand und drückte sie fest.
"Will, ich habe alles gewusst, was in den letzten Jahren passiert ist. Ich wusste, dass ich das eine Kind verliere und die Jungs bekommen würde. Ich wusste von Vash, Marie und Robert, Tom, der Heirat seiner Eltern. Ich wusste alles. Ich wusste auch von unserer Gefangenschaft durch das Dominion und der Großoffensive. Und bis zu dem Zeitpunkt habe ich immer geglaubt, ich könnte nichts davon ändern. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, alles zu wissen oder es ändern zu wollen und das nicht zu schaffen." Sie blinzelte eine Träne weg. Riker verstand nicht, nur dass ihn dieses Geständnis mehr erschreckte, als Michelles Ex-Männer, ihr Vater und Yamaras Existenz.
"Was meinst du damit?"
"Ich habe die Zukunft geändert. In meiner Vision, da hat Sisko mich befreit. Aber dich nicht." Es dauerte einen Moment bis Riker das verstand. Michelle nickte bestätigend, als sie seinen Blick deutete.
"Es war so, Sisko befreite mich und ich setzte ihm solange zu, bis er mit mir zusammen nach dir gesucht hat. Wir kamen nicht mal auf den Planeten, wo sich ihr Stützpunkt befand. Die J'em Hardar evakuierten ihre Gründerin und jagten die Basis in Luft. Zusammen mit dir." Riker blickte noch relativ gefasst. "Deswegen habe ich mich so bereitwillig auf die Enterprise zurückbringen lassen. Du weißt, ich hätte meinen Willen durchgesetzt, wenn ich wirklich gewollt hätte. Aber ich dachte, vielleicht rettet es dir das Leben. Und das hat es letztlich ja auch. Danach wusste ich, dass ich den Weg ändern konnte. Und ich vergaß es wieder, bis zu Dads Anruf eben."
"Was wird passieren?" Michelle scheute sich vor Rikers Frage.
"Das willst du nicht wissen, Riker. Und ich darf es dir auch nicht sagen. Nur soviel. Es wird schrecklich. Es wird sehr verlustreich..." Sein Blick sprach Bände als er auf ihren Bauch sah. Michelle drückte wieder zuversichtlich seine Hand. "Aber eines weiß ich auch, die Zwillinge werden sicher geboren werden. Also müssen wir irgend etwas richtig machen... Bis zu dem Zeitpunkt der Großoffensive habe ich mir immer gewünscht, und zwar aus ganzem Herzen, Marina hätte mir nie die Zukunft gezeigt. Doch als du dann nach der Schlacht im Transporterraum standest, einigermaßen am Leben, wusste ich, dass es gut und richtig ist. Ich wusste, was geschehen sollte und ich habe es geändert."
"Das Gespräch, das du in der Nacht in unserem Quartier geführt hast...?" Er ließ den Satz im Raum stehen, aber Michelle verstand, worauf er hinaus wollte.
"Ja, es war Marina. Ich habe ihr gedankt..."
Will wollte gerade etwas erwidern, als sich erneut die Brücke meldete.
"Was gibt es, Mr. Data?"
"Captain, das Oberkommando meldet einen Eindringling. Es kommt zu Kämpfen an der Grenze zum Alphaquadranten." Michelle und Will blickten sich wissend an.
"Es sind die Borg und sie werden bereits angegriffen."
"Angegriffen? Von wem? Soweit draußen haben wir doch gar keine Schiffe."
"Captain, Sie werden es nicht glauben, es ist die Voyager unter dem Kommando von Kathryn Janeway!"
Michelle sprang auf, blickte Riker an. Grinsend entfuhr ihr ein Name, auf den sie schon nicht mehr gehofft hatte: "Tuvok."

Die beiden eilten auf die Brücke. Über etliche Relaisstationen weitergeleitet empfingen sie das Bild der Weltraumschlacht, die am Rande des Alphaquadranten tobte. Die Crew der Enterprise sah zahlreiche Warpkanäle, die sich in rascher Folge öffneten und wieder schlossen. Durch einen dieser Kanäle musste die Voyager wieder nach Hause gelangt sein.

"Mr. Worf, kontaktieren Sie die Flotte und informieren Sie sie über die Schlacht... Lieutenant Crusher, setzen Sie Kurs... Maschinenraum. Mr. LaForge. Der experimentelle Warpantrieb ist in fünf Minuten einsatzbereit oder die Voyager ist Geschichte!" Energisch schritt Michelle zu ihrem Stuhl und setzte sich. Zufrieden hörte sie von allen Stationen die Bestätigung und rief roten Alarm aus.
"Nummer 1, lassen Sie uns mal wieder Feuerwehr spielen!"
"Aye, Aye, Captain."

13. Kapitel
 Ein hoher Preis für die Freiheit

Die Enterprise ging unter Warp und platzte mitten in die Schlacht hinein. Glücklicherweise hatte die Sternenflotte bereits auf weiteren Raumschiffe den neuen Warpantrieb installiert. Er verhinderte nicht nur die Entstehung weiterer Subraumlöcher sondern öffnete ähnlich wie die Technik der Borg Transwarpkanäle. So konnten die Schiffe der Sternenflotte wesentlich schneller reisen, was die Borg offengestanden überrascht hatte.

Michelle stand von ihrem Platz auf und ließ Worf eine Verbindung zu der Flotte herstellen.
"Hier spricht Captain Michelle Riker von der Enterprise. Ich übernehme das Kommando der Flotte. Formieren Sie sich bei den angegebenen Koordinaten. Und warten Sie auf mein Zeichen. Alle Schiffe, die mit Quantentorpedos ausgerüstet sind, sollen sie scharf machen. Die übrigen Schiffe schießen mit den Phasern. Modulieren Sie die Frequenzen." Sie schritt an Datas Konsole, warf einen Blick drauf. Dann drehte sie sich energisch zu ihrem Sicherheitschef um. "Mr. Worf, geben Sie mir die Voyager." Er öffnete die Frequenz.
"Captain Riker von der Enterprise?" Janeway wirkte gehetzt, ihr Haar stand wirr in alle Richtungen ab. Die Brücke wirkte reichlich demoliert.
"Ja, Captain Janeway, es ist viel passiert, seit Sie verschwunden sind. Haben Sie die Koordinaten empfangen?" Janeway nickte.
"Gut, die Enterprise wird Ihnen einen Fluchtkorridor freischießen, dann ziehen Sie sich zurück und wir treten den Borg so richtig in den Hintern."
"Bei allem Respekt, Captain Riker. Ich bin nicht 70.000 Lichtjahre hin- und zurückgeflogen um jetzt den Schwanz einzuziehen", knurrte Janeway.
"Die Voyager ist nicht gerade auf dem neuesten Stand. Die Enterprise und die übrigen Schiffe meiner Flotte hier schon. Wir haben einige Überraschungen in petto." Janeway wirkte unentschlossen. Die beiden Frauen waren gleichgestellt. Sie konnte Michelles Anordnung ablehnen. Aber das wäre dumm, mehr als dumm.
"Captain Janeway, wir haben nicht viel Zeit. Entscheiden Sie sich."
"Also gut, wenn Sie das Zeichen geben, kämpfen wir uns zur Flotte durch. Aber ich werde so viele Borg mitnehmen wie ich kann bis ich bei Ihnen bin, Captain Riker. Ich habe mit der Königin noch eine offene Rechnung."
Ich auch, dachte Michelle bitter. Und bis diese Schlacht vorbei war, würden noch einige Posten hinzukommen. Das wusste Michelle nur zu genau. Aber sie hatte schon einmal den Ausgang ihrer Vision geändert. Sie warf wie zur Bestätigung einen hektischen Blick auf Riker. Er lächelte seinen Captain, seine geliebte Micky, die Mutter seiner Kinder zuversichtlich an. Lass sie uns fertig machen, Baby, schien sein Blick zu sagen. Michelle nickte ihm tatkräftig zu. Nach so vielen Jahren verstanden die Rikers sich auch ohne Worte. Das machte nicht nur ein gutes Verhältnis zwischen Captain und Stellvertreter sondern auch zwischen den Eheleuten aus. Sie wandte den Blick wieder dem Hauptmonitor zu, wo verbissen die Schlacht tobte.
"Data, geben Sie das Angriffszeichen. Roter Alarm." Sie ging zu ihrem Sessel und setzte sich. Das Herz schlug Michelle bis zum Hals. Kein Gegner der Föderation war so gefährlich wie die Borg. Selbst die Offensive gegen das Dominion war ein Grundschulausflug gewesen im Vergleich zu dieser Schlacht.

Die Schiffe der Sternenflotte schossen auf die Borgflotte zu und feuerten vereint Quantentorpedos und Phaser auf die Eindringlinge ab. Die Voyager schlug eine Presche durch den Kampfverband, drehte um und feuerte aus allen Rohren auf die Invasoren.
Michelle beobachtete zufrieden das Geschehen. Ihre Verluste waren bis jetzt minimal. Die Borg hatten schon einige Würfel und Kuben verloren. Sie wünschte sich, Jean-Luc wäre jetzt hier. Er könnte ihnen sagen, was die Borg gerade dachten und was sie vorhatten. Aber ihr Vater war irgendwo draußen in der Galaxis unterwegs.
Die Enterprise wurde getroffen, die Explosion schüttelte die Brückenbesatzung kräftig durcheinander. Zum Glück saß Michelle dieses Mal, sie krallte sich in die Armlehnen und befahl Yamara ein Ausweichmanöver zu fliegen. Beinahe leichtfüßig wich das mehr als 400 Meter lange Schiff den Phaserstrahlen der Borg aus.

"Captain, uns erreicht eine Nachricht vom Hauptquartier", meldete Worf.
"Dann herein damit, Mr. Worf." Es war noch ein wenig früh Orden herauszuholen und eine Siegesfeier anzusetzen, aber vielleicht wollte einer der Admiräle einen Statusbericht.
"Großadmiral Donnely. Wollen Sie einen Zwischenbericht?" Er schüttelte den Kopf. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht, das sah sie ihm sofort im Gesicht an.
"Captain Riker, die Flotte soll sich zurückziehen und am Rande des Sektors 001 neu formieren." Die Brückencrew blickte verwirrt von den Konsolen auf. Die Schlacht lief richtig gut für die Flotte. Was sollte das?
"Aber wir besiegen die Borg, Großadmiral. Sie haben schon massive Verluste einstecken müssen. Wo hingegen wir..."
"Das ist ein Ablenkungsmanöver. Eine Finte", fuhr der Großadmiral ihr über den Mund. Michelle keuchte. Das hatte sie in ihrer Vision damals nicht gesehen. Hatte die Rettung Rikers die Zukunft komplett verändert? Sie fasste sich an den Bauch und versuchte die flatternden Schmetterlinge als die sie ihre Töchter wahrnahm zu beruhigen.
"Wie meinen Sie das?"
"Captain, das hier war ein reines Ablenkungsmanöver. Die Borg haben Vulkan, Qo'nos, Betazed und Alpha Centauri angegriffen." Michelle strauchelte. Riker sprang hinter sie und fing sie auf. Entsetzt blickte er den Oberkommandierenden der Flotte an und drehte seinen Kopf zu Deanna. Sie blickte panikartig ins Leere. Vermutlich versuchte sie die Präsenz ihrer Mutter zu spüren. Doch Riker bezweifelte, dass Deannas empathische Fähigkeiten dafür ausreichen würden. Sie war ja nur eine halbe Betazoidin.
"Nein, das kann doch nicht sein."
"Doch ich fürchte es ist die Wahrheit, Captain Riker. Bringen Sie die Flotte zum Rande des Solsystems. Die Borg fliegen zur Erde. Donnely Ende." Der Hauptmonitor zeigte wieder die tobende Weltraumschlacht. Jetzt erkannte auch der Letzte, dass die Borg sich fast schon abschlachten ließen. Natürlich, ein logisches Opfer zum Wohle des Kollektivs. Wenn sie erst die Erde hatten, waren alle anderen Welten in den drei verbleibenden Quadranten ein leichtes Fressen. Wer wusste schon zu sagen, wie die Borg im Deltaquadranten gewütet hatten? Janeway wusste es. Und ausgerechnet Janeway würde zurückbleiben. Der veraltete Warpantrieb war nicht effizient genug. Die restliche Flotte würde binnen Minuten den Zielpunkt erreicht haben, wo hingegen die Voyager wahrscheinlich zwei Stunden brauchen würde.

"Worf, geben Sie mir die Voyager. Und Data, Sie übermitteln der Flotte die Befehle von Großadmiral Donnely. Wir kommen sofort nach." Beide Befehle wurden unverzüglich ausgeführt.

"Captain Janeway, ich muss Sie bitten auf die Enterprise zu beamen. Wir sind einer Finte aufgelaufen. Da Sie, abgesehen von Captain Picard, als Einzige genug Erfahrung mit den Borg haben, brauche ich Sie auf der Enterprise. Übergeben Sie das Kommando an Ihren ersten Offizier." Sie dachte an Tuvok und sah ihren Mentor und Freund vor sich.
"Ich tue das nicht gern, aber Sie haben Recht, Captain Riker. Ich bin auf dem Weg." Die Verbindung wurde unterbrochen.
"Lieutenant Crusher, sobald der Captain an Bord ist, Kurs nach Hause." Yamara nickte verbissen. Sie dachte an die angegriffenen Welten, an die Familienmitglieder, die sich auf der Erde befanden. Und sie spürte, wie sie das klingonische Blutfieber mal wieder erfasste.

Michelle schritt unruhig auf und ab bis der Transporterraum sich meldete. Janeway war an Bord, die Enterprise ging auf Warp und raste dem nächsten Kampf entgegen.
Während der nächsten Minuten fand eine formlose Besprechung auf der Brücke statt. Data hatte die Informationen, die der Großadmiral über die Angriffe geschickt hatte, verarbeitet und analysiert. Die Planeten waren zwar noch nicht verloren, aber als wichtige Partner in der Föderation musste man die Angriffe und daraus resultierenden Verluste sehr ernst nehmen.

Im nächsten Moment glitt die Turbolifttür zur Seite und Kathryn Janeway trat heraus.
"Willkommen zu Hause, Captain Janeway", hieß Michelle sie willkommen.
"Leider habe ich ungeladene Gäste mitgebracht... Ich fürchte an der Offensive ist die Voyager nicht ganz unschuldig. Wir haben die Borg und besonders die verdammte Königin in den letzten Monaten immer wieder gereizt und provoziert. Ich habe sogar eine ehemalige Drohne in meine Mannschaft aufgenommen. Und bevor wir hier ankamen, haben wir mit einer vereinten Flotte der Völker des Deltaquadranten die... nun man könnte sagen die Hauptstadt des Borgreiches vernichtet. Die Flotte, die in den Alphaquadranten eingefallen ist, ist alles, was von den Borg übrig ist. Und jetzt brauchen sie neue Drohnen, neue Technik. Es tut mir leid... Ich habe übrigens noch jemanden mitgebracht. Den besten Taktiker in Borgfragen." Sie trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf den Turbolift frei.
"Tuvok!" rief Michelle erfreut. Sie sprintete auf ihren Mentor zu, so gut ihr Babybauch das erlaubte.
"Captain Riker, es ist gut Sie wohlbehalten wiederzusehen. Und in anderen Umständen. Meine Hochachtung." Der Vulkanier zählte eins uns eins zusammen. Er blickte zu Will und zog anerkennend eine Augenbraue hoch. Wills Gesicht und Name waren ihm vermutlich aus den Sternenflottenakten bekannt. Riker schoss augenblicklich das Blut ins Gesicht. Glücklicherweise verbarg sein Bart dies. Er räusperte sich verlegen.
"Wie, was? Ach so, danke, Tuvok. Darüber können wir später noch reden. Jetzt müssen wir eine Schlacht gewinnen. In Kürze werden wir den Sektor 001 erreichen. Wie können wir die Borg besiegen, Captain Janeway?" wandte sich Michelle an den anderen Captain.
"Bitte sagen Sie Kathryn. Und ich kann Ihnen ganz genau sagen, wie wir die Borg besiegen können. Wir müssen das Schiff finden, auf dem die Königin ist und es vernichten."
"Aber Kathryn, das wurde doch schon getan. Und offensichtlich ist wieder eine Königin da." Janeway schüttelte den Kopf.
"Sie dort draußen ist die Letzte. Die Königin wird geklont. Aber meine Deltaflotte hat den Klonkomplex zerstört. Wenn wir sie jetzt vernichten, ist es vorbei. Die übrigen Borg werden orientierungslos sein. Wir können sie ganz einfach vernichten."
"Und wie sollen wir ihr Schiff lokalisieren?" Eine interessante Frage stellte Riker da. Michelle tippte mit ihrem Zeigefinger auf die Lippen. Dann grinste sie, weil sie die einzige Möglichkeit erkannt hatte.
"Picard", antwortete Michelle. Riker war klar, was sie gemeint hatte. Er blickte sie entsetzt an.
"Michelle! Verzeihung, Captain." Sie winkte ab. Es war wirklich nicht der Zeitpunkt für Förmlichkeiten.
"Ist schon in Ordnung, Will. Wir haben Krieg."
"Krieg hin oder her! Du kannst doch nicht deinen eigenen Vater als Köder einsetzen!" Kathryn Janeway machte große Augen. Die Ehe mit Riker hatte sie sich ja noch zusammenreimen können.
"Moment, Jean-Luc Picard ist Ihr Vater? Erstaunlich. Tuvok, haben Sie davon gewusst?" Ein Blick auf den Vulkanier war Antwort genug. "Natürlich haben Sie es gewusst. Was für eine Frage. Michelle war ja Ihre Schülerin... Tut ja auch nichts zur Sache." Sie drehte sich zu Riker um. "Commander Riker, so leid es mir tut, aber Ihre Frau hat Recht. Abgesehen von mir ist Captain Picard..."
"Verzeihung, er ist inzwischen Admiral..." ging Data dazwischen. Janeway zuckte mit den Achseln. Schon klar, in den letzten Jahren war viel passiert.
"Also wie ich bereits sagte, abgesehen von mir, ist Admiral...Picard der Einzige, an dem der Königin etwas liegt. Mich will sie unter die Erde bringen. Aber Ihren Vater", und dabei sah sie Michelle eindringlich an. "...will sie zu ihrem Gefährten machen."
Michelle ergriff Rikers Hand. Also war an Picards Worten doch etwas dran. Sie hatte es immer für Übertreibungen gehalten. Doch das änderte nichts. Sie mussten den Plan durchführen.
"Data, finden Sie Admiral Picard. Und stellen Sie ihn in meinem Raum durch. Sofort. Und Tuvok, würden Sie mir bitte in meinem Raum folgen? Wir haben noch ein paar Minuten bis wir unser Ziel erreichen." Er nickte und folgte Michelle.

Tuvoks Blick flog durch Michelles Bereitschaftsraum. Erstaunt blieb er vor den Schiffsmodellen stehen. Mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue sah er Michelle an.
"Die Voyager, Michelle? Ich bin überrascht." Sie trat aus dem Nebenraum heraus und reichte Tuvok einen Tee. Seinen Lieblingstee. Sie hatte nichts vergessen. Schon gar nicht die vielen Stunden, die sie bei Tuvok in seinem Büro meditiert hatte. Unter seiner Anleitung hatte sie die Vergangenheit und ihre Gefühle erforscht. Tuvoks Einfluss war nicht ganz unschuldig daran, dass Michelle ihrem Vater zumindest den Kontakt mit Yamara gestattet hatte. Er hatte Michelle immer wieder, wenn sie von Zorn gepackt aufsprang, erklärt, dass das Kind schon ohne Vater aufwachsen müsste. Dies wurde mit funkensprühenden Blicken Michelles honoriert. Sie konnte schließlich am wenigsten dafür, dass Yamara keinen Vater hatte. Und sie bemühte sich ehrlich um einen Partner. Tuvok schleuderte ihr gelassen seine niederschmetternde Logik vor die Füße. Wenn Yamara schon keinen Vater hatte, brauchte das Kind wenigstens einen Großvater. Auch wenn die Mutter nicht mit ihm klarkommen konnte oder wollte, musste das ja nicht für Yamara gelten. So hatte Tuvok mit seiner unerschütterlichen Logik Michelle viel geholfen und ihren steinigen Weg ein wenig ebener gestaltet. Daher war es für sie selbstverständlich ein Modell der Voyager  in ihre Sammlung aufzunehmen.

"Wundert es Sie? Immerhin waren Sie solange mein Lehrer... Und mein Freund." Er nickte.
"So und nun sind Sie verheiratet. Mal wieder", setzte er hinzu. Michelle fragte sich, ob sie da einen Hauch von Sarkasmus herausgehört hatte. Sie holte gerade Luft und setzte zu einer Erwiderung an. Tuvok blickte auf ihren Bauch. "Ich denke, dieses Mal wird es halten. Ich kenne Commander Rikers Akte. Er ist anders als Jackson oder Dr. Bashir." Bei dem Gedanken an Letzteren zog Michelle ein Gesicht. Sie verdankte Bashir nun vier Leben, er hatte sie nach der Gefangenschaft versorgt und die Zwillinge durchgebracht. Und Riker hatte er nach der noch längeren Haft beim Dominion und der Folter höchstwahrscheinlich auch das Leben gerettet. Nichtsdestotrotz, eines hatte er ihr genommen. Auch nach 23 Jahren fragte sich Michelle hin und wieder, wie dieses Kind von Bashir sich entwickelt hätte. Wären die beiden zusammengeblieben oder hätte ihre Sprunghaftigkeit gesiegt? Wäre sie dann heute trotzdem Will Rikers Frau und Captain der Enterprise? Und vor allem hätte sie Andy, die Jungs und die neuen Zwillinge unter dem Herzen? Auch wenn der Verlust weh tat, war das verlorene Kind von Julian Bashir doch nur ein geringer Preis für die fünf Kinder, die jenem nachgefolgt waren bzw. noch folgen würden. Behutsam legte Michelle eine Hand auf ihren Bauch. Tuvok registrierte die Geste wohlwollend. "Und sind schwanger... Wie geht es Yamara?" Michelle lächelte.
"Haben Sie sie nicht entdeckt? Sie saß am Steuer. Sie ist Lieutenant. Und verheiratet und hat mich schon zur Großmutter gemacht." Michelle lachte, als sie Tuvok ansah. Verwunderung konnte er nicht empfinden. Doch die hochgezogene Augenbraue, dieser Gesichtsausdruck hatte sie immer zum Lachen gebracht. "Ich muss allerdings gestehen, dass ich noch mehr Kinder habe, Tuvok. Noch eine Tochter und zwei Söhne." Tuvok dachte für einen Moment an seine eigenen vier Kinder und seine Frau T'Pel.
"Nun, dann scheinen Sie Ihre Vergangenheit endlich bewältigt zu haben, meine Liebe." Er nickte anerkennend. "Und doch sind Sie bereit Ihren Vater als Köder für die Borg-Königin einzusetzen?"
"Wären Ihnen Captain Janeway lieber? Wenn die Königin tatsächlich eine so enge Bindung zu meinem Vater verspürt, dann kann er ihr Schiff lokalisieren. Wir stellen ihr eine Falle..." Michelle wollte gerade ihren Plan erklären, als sich die Brücke meldete. Worf hatte den Admiral aufgespürt.
Michelle wollte vom Sofa aufstehen, die Zwillinge hielten nicht viel von der Idee. Ihr wurde schwindelig und sie sackte zurück in die blauen Kissen. Tuvok sprang auf und reichte ihr seine Hand.
"Erlauben Sie, Michelle?" Sie nickte, ein wenig verlegen über ihre wieder einmal beginnende Hilflosigkeit.
"Danke Tuvok, heute morgen hatte ich mir noch geschworen, wenn wieder etwas passiert, quittiere ich den Dienst und gehe nach LaBarre... Schauen Sie nicht so ungläubig. Ich bin so kurz davor!" Sie brachte Daumen und Zeigefinger zu einander und hielt den geringen Abstand Tuvok bedeutungsschwer unter die Nase. "Mir reicht es ständig Feuerwehr zu spielen! Dafür bin ich nicht auf die Akademie gegangen, verdammt! Ich bin eine Picard! Ich will forschen, nicht Krieg spielen." Sie schnaubte ungehalten und stemmte die Hände in die Hüften.
"Dass ich das mal von dir hören würde, hätte ich auch nicht gedacht!" Michelle drehte sich um und sah sich ihrem Vater gegenüber. Dann warf sie einen irritierten Blick auf ihren Monitor, der deaktiviert auf ihrem Schreibtisch stand.
"Ich dachte, Worf wollte dich hier reinlegen." Sie deutete auf den Monitor. Schließlich zuckte sie mit den Schultern, trat auf Picard zu und umarmte ihn.
"Er hat doch gesagt, er hat mich aufgespürt. Also, hier bin ich... So, so, du kleine Picard. Ich hätte nie gedacht, dass du in Gegenwart anderer Leute so auf deinen Wurzeln beharrst." Er lächelte seine Tochter gütig an. Michelle umarmte ihn noch einmal.
Das Kinn auf Picards Brust erklärte sie schniefend: "Du weißt doch, wie sehr ich die liebe, Dad." Oh, oh, Stimmungsschwankungen, dachte Picard. Also gleich ablenken, bevor seine Admiralsuniform aufweichen würde.
"Deswegen soll ich ja auch den Köder spielen, hm?" Er küsste liebevoll ihre Stirn. Michelle gab ihm einen Knuff in die Seite.
"Klar, weil ich dich so liebe, Jean-Luc, will ich, dass du dich der Königin praktisch auf dem Silbertablett anbietest! Also ehrlich, Dad! Manchmal glaube ich, mein Sarkasmus färbt auf dich ab... Tee?" Er nickte lachend und setzte sich neben Tuvok auf das Sofa. Michelle ging in den Nebenraum und holte die Getränke.
Sie reichte Picard seine Tasse und erklärte ihm den Plan.

Picard sollte ein Shuttle besteigen und zu der Borgflotte fliegen. Dann würde er der Königin eine Nachricht schicken. Er sollte ihr anbieten, dass er freiwillig wieder ins Kollektiv kommen würde, als Locutus, als ihr gleichwertiger Gefährte. Dafür sollte die Königin die Invasion des Alphaquadranten sofort wieder abbrechen und unverzüglich in den Deltaquadranten zurückkehren. Picard verzog angewidert das Gesicht. Er verdrängte die Erinnerungen an die Assimilierung die meiste Zeit erfolgreich, doch heute hatte er keine Chance. Er sah alles wieder deutlich vor sich. Festgeschnallt auf dem kalten Tisch, umzingelt von Borgdrohnen, Kreissägen, die sich auf ihn zu bewegten, Implantate, die sie ihm einpflanzen wollten. Und dennoch, der Gedanke an die Königin ließ seine Nackenhaare sich aufstellen. Und nicht auf unangenehme Art und Weise, was ihn noch mehr ängstigte.
Picard seufzte, strich sich mit seinen beiden großen, starken Händen über die Glatze.
"Michelle, mein liebes Kind..." Er blickte seine Tochter hilfesuchend an. Gerne hätte er ihr schon in ihrer Jugend zur Seite gestanden. Doch das war nicht möglich gewesen. Und heute brauchte er ihre ganze Stärke. Sie, die stark war wie eine alte Eiche und die meiste Zeit über unerschütterlich wie ein Fels, die alles ertragen hatte, was das Schicksal von ihr abverlangt hatte. An diesem Tag brauchte ihr alter Vater den Trost seiner 43-jährigen Tochter, die selbst genug um die Ohren hatte mit ihren eigenen Kindern. Von dem Schiff, dem Krieg und den Borg ganz zu schweigen.
"...das ist das Schwerste, was ich in meinem ganzen Leben tun musste. Und ich muss dir ganz ehrlich sagen, dass ich Angst habe. So wie noch nie zuvor. Ich höre die Königin, sie ruft mich immerzu... Und dieser Ruf ist so mächtig. Fast schon übermächtig.... ich bin... ich bin versucht, diesem Ruf zu folgen." Michelle stieß entsetzt die Luft aus. Die Borgkönigin musste unglaubliche Macht haben, wenn sie so einen willenstarken Mann wie ihren Vater manipulieren konnte. Sie blickte ihm fest und unerschütterlich in die blauen Augen.
"Dad", begann sie. Ihre Lippe bebte leise. "Jean-Luc", setzte sie noch einmal an. Immer wenn Michelle die absolute und ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Vaters erlangen wollte, nannte sie ihn bei seinem Vornamen. Darauf reagierte er eher als auf das liebevoll gehauchte "Dad", das er erst in reiferen Jahren von seiner Tochter zu hören bekommen hatte. Anfangs war nicht mehr als ein verächtliches "Captain Picard" drin gewesen. Wenn sie unbeobachtet waren, hatte sie ihn manchmal beim Vornamen genannt. Doch der Kontext und Michelles verachtenswerter Unterton hatten ihm nie gefallen. Seit ihrer Aussöhnung wechselte sie zwischen "Dad" und seinem Vornamen. Daran hatte der Admiral sich inzwischen gewöhnt und freute sich über beides. "Jean-Luc, ich schwöre dir es bei meinem eigenen Leben..." Picard blickte aus feuchten Augen in das glühende Gesicht seiner Tochter. Sie ballte die Linke zur Faust. "...und du weißt, wie sehr ich daran hänge. Die Königin wird dich nicht bekommen. Wir beamen dich schneller da raus, als du Quantensingularität sagen kannst." Picard lächelte ein wenig unsicher.

Tuvok stand von der Couch auf und ging in den Nebenraum, wo er sich noch eine Tasse Tee replizierte. Da Tuvok selbst Kinder hatte, wusste er, dass es gewisse Momente gab, die Vater und Kind nur mit einander alleine teilen sollten. Besonders als ein langjähriger Freund Michelles erkannte er solche Momente ohne Probleme.

Doch der vertraute Moment zwischen Picard und seiner Tochter wurde jäh von den bevorstehenden Kampfhandlungen unterbrochen. Die Enterprise hatte die Flotte erreicht. Der Köder musste ausgelegt werden.
Schweren Herzens forderte Michelle ihren Vater auf ein Shuttle zu besteigen und zur Borgflotte zu fliegen.


Es ging alles sehr rasch. Im Nachhinein wusste Michelle gar nicht mehr, was sie geritten hatte. Wie hatte sie zu einer solch hirnverbrannten Entscheidung kommen können? Und wieso im Namen aller Götter der Klingonen war Picard so unendlich dämlich gewesen sich auf dieses Himmelfahrtskommando einzulassen? Wo er doch zwei kleine Jungs hatte, die ihn brauchten? Ja, wieso? Genau genommen hatte er keine Chance gehabt. Der Ruf der Königin war zu mächtig.

Picard bestieg das Shuttle und setzte den Kurs. Der Ruf der Königin wurde immer übermächtiger. Er konnte sich nur schwer konzentrieren. Daher war sein Angebot an die Königin vielleicht ehrlicher gemeint, als er selbst ahnte.
Die Königin ging darauf ein. Doch sie beamte ihn direkt in ihren Kubus, die Enterprise hatte keine Möglichkeit ihn zu holen.

Michelle blieb das Herz stehen. Sie riefen nach Picards Shuttle, erhielten aber keine Antwort.
"Data, wo ist mein Vater?" Sie war neben Datas Station gerannt und blickte dem Androiden flehend in die grünen Augen. Bedauernd schüttelte er den Kopf.
"Er ist fort, Captain. Sie hat ihn." Er nickte in Richtung des größten Kubus.
Michelle sagte erst einmal gar nichts. Sie konnte das Unfassbare nicht glauben. Schließlich stand Riker von seinem Platz auf.
"Captain." Sie reagierte nicht. "Captain Riker!" Er bellte seinen eigenen Namen hervor, endlich sah sie ihn an. "Was ist mit den Borg? Die Flotte wartet." Sein Blick war gnadenlos, Michelle schluckte. Sie wusste genau, was Will in diesem Moment dachte. Sie hörte seine Gedanken förmlich: ‚Du hast gewusst, auf was du dich einlässt. Manchmal bist du ein berechnendes Miststück, wenn du so hoch pokerst. Und heute hast du verloren. Auch wenn wir die Borg besiegen, hast du deinen Vater verloren.' Heiße Tränen flossen über Michelles Wangen, die feuerrot glühten. Sie schluckte.
"Lieutenant..." Sie räusperte sich. Ihre Tochter, Picards kleiner Liebling, blickte sie mit unverhohlenem Hass an. Doch Michelle ging darüber hinweg. Ansonsten würde sie schreiend von der Brücke rennen. Doch im Moment hatte sie keine Möglichkeit vor der grausamen Realität zu fliehen. Sie hatte eine Flotte zu befehligen. Sie musste die Erde retten und den gesamten Alphaquadranten. Kurz blickte sie zu Riker. Seine Rettung hatte alles verändert. Die Zukunft lag wieder im Dunkeln. Das war wahrscheinlich besser so. Doch wie hätte sie ahnen können, dass der Preis für Rikers Leben die Freiheit ihres Vater war?
"Aye, Captain?" fragte Yamara und katapultierte Michelle in die Wirklichkeit zurück.
"Lieutenant Crusher, Kurs auf die Borg. Schilde hoch, roter Alarm. Worf, Waffen scharf machen. Feuern Sie nach eigenem Ermessen. Data, Nachricht an die Flotte. Sie sollen die Borg vernichten."
"Was ist dem Kubus der Königin, Captain?" fragte Data emotionslos. Oh ja, Michelle beneidete den Androiden um seinen Emotionschip. Sie wünschte, sie könnte sich ihr schmerzendes Herz aus der Brust reißen und alle Brückenoffiziere und besonders ihre Familienmitglieder, die sie mit eiskalter Wut anstarrten, darauf herumtrampeln lassen. Bis der Schmerz nachlassen würde.
Der Kopf hing Michelle resigniert auf der Brust. Sie flüsterte die Worte nur, doch eine Wiederholung war nicht nötig: "Vernichten Sie alle."

Die Schlacht begann. Die Flotte der Föderation schnitt eine Schneise der Verwüstung durch die Borgschiffe. Ein Kubus nach dem anderen wurde vernichtet. Doch die Borg gaben nicht auf. Sie rissen die Schiffe der Sternenflotte mit in den Tod. Die Verluste waren ähnlich verheerend wie seinerzeit bei Wolf 359.

Nach einiger Zeit war klar, dass keine Seite so einfach gewinnen würde. Die Föderation hatte ihre Waffen und Schiffe zu gut weiterentwickelt. Schließlich taten die Borg das einzig Vernünftige. Die verbliebenen Kuben und Würfel öffneten Transwarpkanäle und flohen in den Deltaquadranten.
Die Brückencrew der Enterprise sah hilflos zu, wie das Schiff mit Picard und der Königin in einem der Warpkanäle verschwand.
Michelle sackte in ihrem Stuhl zusammen und schluchzte.

"Captain, die Voyager meldet sich."
"Auf den Schirm", befahl Will Riker. Sie konnten nicht warten, bis der Captain sich gefangen hatte.
"Captain Riker, wir holen Ihren Vater zurück. Das schwöre ich." Michelle blickte irritiert Captain Janeway an. Wann war Kathryn auf die Voyager zurückgekehrt? Sie blickte sich auf der Brücke um und entdeckte Tuvok an Worfs Seite.
"Aber... Und was ist mit Tuvok?"
"Keine Zeit. Nehmen Sie ihn solange bitte in Ihre Mannschaft auf... Wir sehen uns wieder, alter Freund." Tuvok nickte.
"Langes Leben und Frieden, Captain Janeway." Er hob die Hand und sendete Janeway den vulkanischen Gruß. Janeway erwiderte ihn, die Verbindung wurde unterbrochen. Man sah auf dem Hauptschirm die Voyager, die dem letzten Kubus in den Transwarpkanal folgte. Dann war sie verschwunden.

"Und was machen wir jetzt?" Berechtigte Frage von Riker. Michelle wischte sich die Tränen weg.
"Die Flotte soll sich formieren. Wir fliegen zur Erde, die Schiffe müssen gewartet und repariert werden. Erstellen Sie eine Verlustliste. Mr. Worf, eine Verbindung zur Erde. LaBarre, Frankreich." Sie stand zitternd auf und schlich gebrochen in ihren Bereitschaftsraum. Sie wünschte sich den Tod. Der war ihr lieber, als Beverly Picard unter die Augen treten zu müssen. Sie hatte ihr den geliebten Ehemann, ihren Brüdern den Vater, ihren Kindern den Großvater und Tom den Urgroßvater genommen. Wie sollte sie Yamara je wieder ins Gesicht blicken können? Und Will hatte sie so hasserfüllt angestarrt, dass sie buchstäblich gespürt hatte, wie ihr Herz einen Riss bekam. Die Stelle, die er eingenommen hatte, war von einem dunklen Fleck bedeckt. Ein Fleck, der durch ihre Fehleinschätzung verursacht worden war. Durch ihre Schuld musste Jean-Luc nun wieder das erdulden, wovor er sich am meisten gefürchtet hatte. Die Existenz als Locutus von Borg.


"Hallo Michelle, wie ist die Schlacht verlaufen?" Als Michelle ihre Stiefmutter auf dem Monitor sah, so zuversichtlich, konnte sie nicht mehr. Sie brach heulend zusammen. Beverly hörte entsetzt, wie Michelle die Schlacht beschrieb und dann die Entscheidung Jean-Lucs als Köder zu benutzen.
"Ist er gefallen? Rufst du deswegen an?" Sie legte eine Hand auf ihr Herz. Beverly wusste natürlich, dass auch ein Jean-Luc Picard sterben musste. Und besser in der Schlacht als in seinem Bett.
"Nein, es ist viel... schlimmer. Sie hat ihn sich geholt. Die Königin hat ihn. Jean-Luc existiert nicht mehr. Wir haben ihn verloren. Er ist wieder Locutus." Beverly sagte kein Wort. Sie unterbrach die Verbindung. Und Michelle war mit ihrer Schuld alleine.

14. Kapitel
 Die Sünden der Kinder, der Starrsinn der Eltern

"Warum können Sie nicht einmal etwas Uneigennütziges tun? Sie elender Wurm. Mein Vater hat Ihnen Asyl gewährt, ich habe Ihren Hals bei der Anhörung gerettet. Sie schulden meiner Familie etwas!" Michelle schlug auf ihren Schreibtisch, die wahllos darauf verteilten Pads hopsten hoch und fielen klappernd wieder auf den Tisch.
"Ich kann nicht, Michelle. Der Nichteinmischungspakt." Q blickte sie mit Bedauern in den Augen an.
"Q, wir können nicht warten, bis die Voyager ihn findet. Das letzte Mal war sie über 8 Jahre weg. Das kann man meinen Brüdern nicht zumuten. Und jetzt sind schon Monate seit der Schlacht verstrichen... Meine Babys kommen jeden Tag zur Welt... Und Jean-Luc wird nicht dabei sein." Sie sah Q eindringlich flehend an.
"Er weiß vermutlich nicht einmal mehr, wer Sie sind, Michelle. Oder dass Sie schwanger sind. Geschweige denn wird er sich an seine Söhne erinnern können." Er stand auf, dieses Mal trug der arrogante Unsterbliche keine Uniform sondern Zivilkleidung. Q war verwarnt worden vom Kontinuum für seine wiederholte Erscheinung als Offizier der Sternenflotte.
"Q, ich habe ihm das angetan. Es ist ganz allein meine Schuld und jetzt muss ich damit leben. Tag für Tag. Yamara hat zwei Monate kein privates Wort mit mir gewechselt... Wenn ich Jean-Luc nicht gebeten hätte, wäre es nie soweit gekommen." Q legte die Hände auf Michelles Schreibtisch und beugte sich runter. Fast sah er aus wie Riker, der in ähnlicher Pose so manche Diskussion mit ihr ausgefochten hatte.

Doch auch Riker war ihr die erste Zeit nach der Schlacht aus dem Weg gegangen. Und er hatte es da gewiss nicht so leicht wie seine älteste Tochter. Er war mit Michelle verheiratet, sie bewohnten das gleiche Quartier und er war ja auch ihr Stellvertreter. Michelle hatte immer wieder das Gespräch mit Riker gesucht. Als er endlich willens gewesen war sie anzuhören, hatte er ihr nach ihren Erklärungen nur noch eines entgegen geschleudert: "Verdammt sollst du sein, du sture französische... Picard, du!" Das traf es am Besten und Härtesten. Ihre Wurzeln hatten sie zu dem Schritt gedrängt, sie war ihrem Vater viel ähnlicher als ihr jetzt lieb war. Sie wusste, dass er sie auch darum gebeten hätte, wenn die Lage anders wäre. Und seien wir ehrlich. Michelle wäre gegangen. Und auch Yamara, dieses klingonische Biest wäre ohne zu zögern in den Tod gegangen um Wesley und ihr Kind zu beschützen. Doch der Kelch war an ihnen allen vorübergegangen. Michelle hatte ihn nehmen müssen. Und der Sieg hatte bitter geschmeckt.
Nacht für Nacht weinte sie sich in den Schlaf, als sie sich an das letzte Gespräch mit Jean-Luc erinnerte. Im nachhinein erkannte sie, dass es ein Abschied gewesen war. Er hatte es schon während der Unterhaltung gewusst. Ihm war klar gewesen, welches Opfer er bringen musste. Picard hatte es gewusst und akzeptiert. Doch seine Familie wollte es nicht sehen. Sie sahen nur, dass Michelle ihren Vater in eine Situation geschickt hatte, die schlimmer als der Tod war. Und als wäre diese Gewissheit nicht schon schlimm genug, straften sie Michelle jetzt mit Verachtung und unverhohlenem Hass. Rikers verbaler Angriff war auch nicht ohne gewesen. Noch härter hatte es sie getroffen, dass sogar ihr Mann die nächsten Tage nur noch dienstlich mit ihr gesprochen hatte. In ihrer Not hatte sie sich an Tuvok gewandt.
Der Vulkanier hatte seiner Familie einen Besuch abgestattet und war dann auf die Enterprise zurückgekehrt. Hier würde er bis zur Heimkehr der Voyager dienen. Das hatte er Janeway versprochen. Tuvok meditierte mit Michelle, ließ sie reden. Im Laufe der Wochen wurde es besser. Yamara knurrte ihre Mutter immerhin schon an, Riker begann sie mit fortschreitender Schwangerschaft zunächst zögerlich, dann aber liebevoll zu umsorgen. Tunlichst vermied jeder über Jean-Luc in Michelles Gegenwart zu sprechen. Doch in ihrer Abwesenheit taten sie es, betrat Michelle dann den Raum, rissen die Gespräche abrupt ab. Sie war doch nicht blöde. Was dachte die Crew sich? Und besonders ihre Familie? Sie musste mit der Schuld leben ihren Vater für die Rettung des Alphaquadranten geopfert zu haben.
Tuvok argumentierte ähnlich wie Spock. Manchmal war das Leben eines Einzelnen weniger wichtig als das Leben und das Wohl Vieler. Und jetzt hörte sie mit Erschrecken, dass Q den beiden Vulkaniern Recht gab.

"Es wäre viel schlimmer gekommen. Denn dann wäre der Alphaquadrant jetzt verloren. Glauben Sie mir. Ihre kleine Freundin, Königin Marina von Antaura ist nicht das einzige Lebewesen im Universum, das in die Zukunft blicken kann. Sie, meine liebe Michelle, fragen sich, ob die Rettung ihres Gatten...", er betonte das Wort übermäßig. "...die Zukunft geändert hat. Natürlich hat sie das. Ob Sie nach rechts oder links gehen, kann bei euch Sterblichen schon über Leben und Tod entscheiden. Und Ihr Vater, wenn es Ihnen ein Trost ist, hat sich bewusst in die Hände der Königin gegeben. Er wollte seine Kinder, seine Enkel, seinen Urenkel und den gesamten Quadranten vor der Assimilierung bewahren. Er hat sich gedacht, lieber wurde nur er alleine ein Borg. Er konnte nicht in der Gewissheit leben, dass seine Feigheit seine Nachkommen zu einer Existenz als Drohnen verdammt hätte." Michelle würde es zu gerne glauben, aber vielleicht wollte Q sie wegen der bevorstehenden Geburt einfach nur schonen. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto eher glaubte sie Qs Worten.

"Ich weiß, Ihre Worte sollen mir ein Trost sein. Dafür bin ich Ihnen auch durchaus dankbar. Aber Q, ich bitte Sie nicht. Ich verlange es von Ihnen. Bringen Sie Jean-Luc und die Voyager zurück. Ansonsten brauchen Sie sich auf diesem Schiff und ganz besonders bei mir nicht mehr blicken zu lassen." Er hatte verstanden. Q trat vom Schreibtisch zurück und schnippte sich im dem altbekannten gleißenden Licht fort.
Michelle atmete ein paar mal heftig ein und aus.
"Verdammt!" brüllte sie und wischte alles von ihrem Schreibtisch, was dort gestanden hatte.

Riker hörte das Scheppern. Zunächst vermutete er zurecht einen Wutanfall seiner Frau. Er hatte keinen Wert darauf gelegt bei der Unterhaltung mit der Nervensäge anwesend zu sein. Wenn jemand im Universum mit Q fertig wurde, dann Michelle. Und Picard, dachte er traurig.
Nun war es merkwürdig ruhig im Bereitschaftsraum. Er stand vom Platz in der Mitte auf und gab Data ein Zeichen. Er übernahm das Kommando.

Riker betätigte ungehalten den Türsummer. Im Moment schlichen er und seine Frau um einander herum wie verängstigte, gereizte Raubkatzen. Beide hatten Angst vor einem falschen Wort, das die frischen Wunden aufreißen oder sie noch weiter von einander entfernen konnte.
Noch einmal bat er um Einlass. Jetzt begann er sich Sorgen zu machen. Es reichte. Er trat ein, sollte sie ihm den Kopf abreißen. Schlimmer als jetzt konnte es zwischen den beiden nicht mehr stehen.

"Michelle, was ist..." weiter kam er nicht. Seine Frau stand vor ihm, hielt sich mit beiden Händen den Bauch. Die Umstandsuniform, die im letzten Drittel der Schwangerschaft mehr einem Kleid glich, war nass und dunkel. Ihre Augen waren angstgeweitet, sie zitterte. Riker roch etwas Metallisches. Er musterte seine Frau erschrocken von oben bis unten. Und dann sah er die Pfütze zu ihren Füßen. Das war nicht nur Fruchtwasser. Das war Blut, viel Blut.
"Will, hilf mir." Sie streckte eine zitternde Hand aus. Er stürzte nach vorne, umfing sie und die Babys, die endlich geboren werden wollten, schützend. Gleichzeitig betätigte er seinen Kommunikator.
"Riker an Dr. Melan. Der Captain hat das Fruchtwasser verloren und sie blutet stark." Er warf einen verzagten Blick auf die Blutlache, die den beigefarbenen Teppich unaufhaltsam durchnässte und größer wurde.
"Kann sie laufen?" Er blickte skeptisch seine Frau an. Sie schüttelte den Kopf.
"Wir tragen sie, Jacky. So wie es aussieht, sollten Sie alles für einen Kaiserschnitt vorbereiten."
"Seit wann bist du Arzt, Riker? Und wie zum Teufel willst du mich tragen?" Sie krümmte sich vor Schmerzen und schrie auf.
"Data, sofort in den Bereitschaftsraum. Wir stecken in großen Schwierigkeiten." Data stand im nächsten Augenblick in der Tür.
"Wir?!", presste Michelle unwirsch vor. "Ich blute wie ein abgestochener Targ, aber wir stecken in Schwierigkeiten?! Das ist gut." Data hob sie auf seine Arme und trug Michelle behutsam aus ihrem Bereitschaftsraum.

Die Brückencrew blickte erschrocken von ihren Konsolen auf. Yamara sprang von der Steuerkonsole hoch. Riker nickte ihr zu. Sie sollte besser mitkommen, bevor sie das Schiff gegen einen Asteroiden steuerte.
Als sie den Turbolift betraten, streichelte Riker eine Haarsträhne aus Michelles Gesicht und flüsterte liebevoll: "Natürlich wir. Was dir passiert, passiert auch mir. Halte durch, Micky. Ich kann nicht ohne dich leben." Leichter gesagt als getan. Michelle hatte viel Blut verloren, sie schloss die Augen und verlor nun auch noch das Bewusstsein. Kein gutes Zeichen. Er stupste sie vorsichtig an. Doch sie rührte sich nicht. Riker blickte erschrocken zu Data.
"Sie schafft es schon, Will. Deine Frau hat so einen Sturkopf, sie würde nach Stovokor gehen um jemanden zu retten und ohne eine einzigen Kratzer zurückkommen. Das hier...", er blickte auf seinen ohnmächtigen Captain. "...ist ein Klacks für sie."
"Ich will dir gerne glauben, Data. Denn die Alternative wäre zu schrecklich... Und wenn ich Q jemals wiedersehe, werde ich ihn umbringen. Ich finde schon einen Weg."
"Fass dir an die eigene Nase, Riker", wisperte Michelle. Erstaunt blickte er sie an. "Du bist auch nicht ganz schuldlos daran..." Dann wurde sie wieder ohnmächtig.

Riker fuhr sich durchs Haar, drehte sich um und schlug gegen die Wand des Turboliftes. Der pochende Schmerz seiner Hand lenkte ihn von seiner Angst um Michelle ab. Verdammt, diese Frau machte nur Ärger. Ständig schwebte irgendein Familienmitglied in nicht weniger als Lebensgefahr. Sie zog Probleme magisch an, kein Wunder bei dem Vater. Sie provozierte Riker, sie reizte ihn, er machte es umgekehrt natürlich genauso. Sein Leben wäre viel einfacher, wenn er sich nicht ausgerechnet in seinen Captain verliebt hätte. Aber auch um so vieles langweiliger.

"Verdammt, selbst wenn sie in Lebensgefahr schwebt, schafft sie es noch das letzte Wort zu haben... Und sie hat wahrscheinlich auch noch Recht."
Data sagte nichts. Yamara verzog das Gesicht, sie hatte ihre Mutter auch nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst in den letzten Monaten.
"Hatte sie wenigstens bei dir eine normale Geburt?" Yamara zuckte zusammen, auch damals war sie alles andere als sanft gewesen.
"Das fragst du doch nicht im Ernst? Natürlich nicht. Auseinandersetzung mit ein paar Ferengi. Sie war damals taktischer Offizier. Eigentlich hätte sie bis zum Ende der Schlacht noch an der Konsole bleiben können. Aber der Captain hat sie sofort auf die Krankenstation geschickt. Es hat drei Tage gedauert. Rico und alle anderen haben draußen gewartet. Aber es war eine schwere Geburt." Riker blickte sie fragend an. Wahrscheinlich hatte Michelle ihr die Geschichte erzählt. "Meine Stirnwülste...", sie strich darüber und fuhr sich nachdenklich durch die Haare. "Na ja, ein menschlicher Uterus ist eben weniger strapazierfähig gebaut wie ein klingonischer. Normalerweise ist das kein Problem. Doch wenn das Kind falsch liegt... Ich hab ihr ganz schön weh getan und sie gefährlich verletzt. Ich denke, dass Kind von Julian hätte sie ohnehin verloren. Die Narben, die ich hinterlassen habe, waren zu tief und damals noch zu frisch. Deswegen ist eigentlich jedes meiner Geschwister ein Wunder." Riker fuhr seiner Tochter liebevoll über das Gesicht. Sie stand neben ihm. Er legte einen Arm um sie.
"Ihr Frauen, ihr werdet eines Tages mein Untergang sein. Und wenn heute alles gut geht, habe ich noch zwei von eurer Sorte mehr am Hals. Jean, Johnny und ich gegen diese Bande! Der Himmel stehe mir bei." Yamara lachte und auch Riker grinste ein wenig. Besser Possen reißen, als über die Situation nachdenken. Endlich glitt zischend die Turbolifttür zur Seite. Bis zur Krankenstation waren es nur wenige Schritte.

Data legte sie vorsichtig auf den OP-Tisch. Jacky warf einen raschen Blick auf die beiden. Sie trug schon einen roten OP-Kittel, Oberschwester Ogawa assistierte ihr.
"Will, wenn es hart auf hart kommt, wen soll ich retten? Ihre Frau oder Ihre Babys?" Riker strauchelte, stützte sich an der tristen Wand der Krankenstation ab. Er konnte doch keine Entscheidung über Leben und Tod treffen. Doch, korrigierte er sich. Das tat er tagtäglich auf der Brücke oder während einer Außenmission. Aber das hier war anders. Es ging um das Leben seiner Frau und seiner Kinder. Doch es war eigentlich klar. Keine Frage.
"Micky. Retten Sie Micky. Tun Sie alles damit meine Frau überlebt." Er blickte seine Tochter um Verzeihung bittend an. Doch auch für Yamara war es keine Frage. Sie brauchte ihre Mutter.
"Gut, nachdem das geklärt wäre, habe ich nur noch eines zu sagen: Raus!"
Will setzte zu einer Erwiderung an, doch Data ergriff seinen Arm und zog ihn in den Warteraum.

Riker ging auf und ab. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Data hatte er zurück auf die Brücke geschickt, Yamara leistete ihm Gesellschaft. Andy hatten sie im Unterricht gelassen. Doch Wesley war sofort vom Maschinenraum her geeilt. Geordie hatte ähnliche Gedankengänge wie Riker. Er befürchtete, Wesley könnte vor lauter Angst und Aufregung den Warpkern in die Luft jagen. Schließlich hatte Riker den Teppich im Warteraum genug abgelaufen und setzte sich neben Wesley.

"Wenn sie überlebt, werde ich ihr nie wieder widersprechen. Das schwöre ich." Er hatte seine Arme auf die Knie gestützt und verbarg sein Gesicht. Yamara lachte laut auf. Mit Tränen in den Augen funkelte er sie böse an.

"Das hältst du doch keine fünf Minuten aus, Dad. Geschweige denn euer restliches Leben. Ihr seid doch gar nicht glücklich, wenn nicht die Fetzen fliegen. Wenn ihr nicht Galaxis retten könnt und euch vorher darüber streitet, ob ihr es auf deine oder ihre Weise tut, seit ihr nicht zufrieden." Sie reckte ihr Kinn vor. So das hast du davon, schien ihre Gestik zu sagen. Einer muss dir ja mal Bescheid sagen.
"Weißt du, du bist ihr verdammt ähnlich. Und Andy auch. Ich könnte euch drei...", er blickte nach Unterstützung suchend zu seinem Schwiegersohn. "Wie hältst du das nur mit der da aus?!" Er zeigte mit dem Finger auf seine Tochter. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und lachte.
"Genauso wie du, Will. Augen zu und durch. Man hat eigentlich keine Wahl. Mit den Picard-Frauen hältst du es nicht aus, aber ohne sie... Wie soll ich sagen, dem Leben fehlt die rechte Würze. Nur daran denkst du nicht, wenn du ihr gerade mal wieder den Hals umdrehen willst." Die drei blickten sich an und dann lachten sie lauthals los. Doch sie verstummten sofort, als die Tür zum OP aufging und Jacky heraustrat. Sie hatte blutige Arme und schien erschöpft.
Riker sprang auf, ein bittender Blick, der ihm früher jede Frau auf dem Schiff zu Füßen gelegt hätte. Doch er wollte nur diese eine da drinnen. Michelle oder keine. Aber wie sollte er mit fünf Kindern oder schlimmstenfalls mit drei Kindern ohne Mutter zurechtkommen? Daran mochte er nicht denken.
"Und?" Die drei blickten der Ärztin fragend entgegen, hin und her gerissen zwischen Bangen und Hoffen. Doch Jacky lächelte und grinste schließlich zufrieden über ihre Leistung.
"Sie leben. Alle drei. Michelle ist sehr schwach. Für einen Kaiserschnitt war es zu spät. Ich habe die Babys gebeamt. Das machen wir zwar äußerst ungern, aber es musste schnell gehen. Der Blutverlust war zu hoch. Sonst hätte ich sie verloren. Da nahm ich das kleinere Übel in Kauf. Ich wollte alle drei retten. Und das war die einzige Möglichkeit. Michelle wird wohl noch einige Tage hier bleiben müssen. Die Mädchen auch. Sie haben es gut überstanden. Michelle schläft. Aber die Mädchen sind gewaschen und warten auf ihre Familie. Wie sollen sie heißen, Will?" Er blickte sie an wie ein Schaf auf der Schlachtbank. Er verstand keines ihrer Worte. Doch allmählich begriff er, dass sie lebten. Alle drei.
"Kaitleen und Kimberly sind ihre Namen. Können wir sie sehen?" Jacky nickte und führte Will, Yamara und Wesley in den Nebenraum.

Yamara hielt ihren Mann zurück. Er blickte sie fragend an.
"Lass ihn erst einmal alleine rein, Wes. Dieses Mal war es verdammt eng für meine Mutter. Wir haben sie fast verloren..." Wesley nickte. Sie hatte Recht. Der Moment gehörte Riker.

Er betrat den Raum dicht hinter Dr. Melan. Sie trat vor die beiden Babybettchen und klebte die Namensschilder an. Riker sah seine Töchter einen Augenblick an. Schließlich schüttelte er den Kopf, zog die Schildchen wieder ab. Jacky sah ihn verwirrt an.
"Umgekehrt. Sie ist Kaitleen. Und die Kleine hier ist Kimberly." Er klebte die Namensschilder behutsam auf. "So, jetzt stimmt es... Kann ich Michelle kurz sehen? Nur ganz  kurz, Jacky?" Sie nickte. Riker würde sowieso keine Ruhe geben, bis er sie gesehen hatte.

Es war dunkel im Nebenraum. Beruhigt hörte Riker den ruhigen Atem seiner Frau. Er befahl dem Computer den Raum ein wenig zu erhellen, trat leise näher und setzte sich auf die Bettkante. Michelle schlug sofort die Augen auf.
"Alles in Ordnung, Cap. Die Mädchen leben und du auch, zumindest so halbwegs... Jag mir nie wieder so einen Schrecken ein, hörst du?!" Er grinste und versuchte die Todesangst zu überspielen, die er vorhin empfunden hatte und die noch immer in Wellen hochschlug.
"Das wird auch kaum möglich sein, Will", brachte Michelle stockend hervor. Riker verstand kein Wort. "Ich habe zuviel Blut verloren." Er nickte, das hatte er leider hautnah mitbekommen. "Jacky hatte keine andere Wahl. Ich war kurz wach, da hat sie mich gefragt, was sie tun soll." Sie zuckte die Achseln. "Ich hänge am Leben, da war es eigentlich gar keine Frage. Außerdem sind sechs gesunde Kinder mehr als genug." Riker verstand immer noch kein Wort.
"Was meinst du, Liebling?"
"Jacky hat nachdem sie die Kinder rausgebeamt hat, verzweifelt versucht die Blutungen zu stoppen. Doch die Wunden wollten sich nicht schließen. Es blieb ihr nichts anderes übrig." Michelle reckte tapfer ihr Kinn vor. "Sie hat eine Totaloperation durchgeführt." Riker schluckte.
"Okay. Das ist natürlich schlimm. Aber du lebst und Kaitleen und Kimberly leben auch. Wir wollten doch sowieso nicht noch mehr Kinder." Er streichelte sie zärtlich.
"Bist du denn bereit für die freudigen Begleiterscheinungen der Wechseljahre?" Michelle verzog das Gesicht.
"Hör mal, Michelle, mit deinen Stimmungsschwankungen leb ich jetzt schon seit neun Jahren! Meinst du nicht, dass ich mich inzwischen daran gewöhnt habe?" Michelle lachte, doch sie hörte sofort wieder auf. Ihr ganzer Körper war eine einzige Wunde.
"Bring mich nicht zum Lachen, Riker! Ich fühle mich wie nach einem 12 Runden-Kampf gegen einen wütenden Klingonen, dem man seinen Blutwein geklaut hat."
"Autsch", meinte Riker. Ein Ausdruck seines Mitgefühls. "Und jetzt solltest du glaube ich ein wenig schlafen."
"Gute Idee. Und wehe mein Schiff hat einen einzigen Kratzer, wenn ich wieder dienstauglich bin, Nummer 1." Dass es bis dahin noch eine Weile dauern würde, wusste Riker nur zu gut. Aber er ließ sich auf ihr Spielchen ein. Die dramatische Geburt und der vermeintliche Verlust Michelles hatte die beiden wieder so eng zusammengeschweißt wie vor Sektor 001. Die Bezeichnung des Erdsektors war ebenso zu einem geflügelten Wort für den gescheiterten Invasionsversuch geworden wie seinerzeit die Gefechte bei Wolf 359.
"Ich würde nicht im Traum daran denken, Captain." Er grinste sein bestes Riker-Grinsen, erleichtert, dass alles so gut ausgegangen war und ließ Michelle schlafen. Ihr Kopf hatte noch nicht einmal richtig das Kissen berührt, da dämmerte sie schon weg.

15. Kapitel
Auf der Suche nach dem Vater

Michelle erholte sich überraschend schnell von der schweren Geburt. Riker und Yamara waren natürlich überglücklich.
Der erste Tag außerhalb der Krankenstation gestaltete sich katastrophal. Die Mädchen waren weniger umgänglich als ihre Zwillingsbrüder. Trotz tatkräftiger Unterstützung von Andy artete schon das Familienfrühstück in einem mittelgroßen Destaster aus. Riker ging ohne Michelle auf die Brücke. Sie musste sich erst langsam wieder zurecht finden und die Wünsche der Zwillingsmädchen in ihren Alltag integrieren. Michelle reduzierte entsprechend der Vorschriften ihre Dienstzeit auf das vorgeschriebene Minimum. Sie las die Berichte nun nicht in ihrem Bereitschaftsraum sondern in ihrem Quartier. Mehrmals am Tag schaute sie auf der Brücke vorbei.
Erfreulicherweise zeigten die Mädchen großes Interesse am Schlafen. Schon nach einigen Wochen schliefen sie stundenlang durch. Der Computer registrierte während der Abwesenheit Michelles die Lebenszeichen der Mädchen und gab Bescheid, wenn sie aufwachten. So konnte sie ihren Pflichten nachkommen und wusste jederzeit, was mit den Mädchen war.
Die Missionen verliefen gewohnt routiniert, eine erfreuliche Tatsache angesichts der verlustreichen Schlacht gegen die Borg.

Im Augenblick saß Michelle in ihrem Bereitschaftsraum und besprach mit Riker den nächsten Einsatz. Plötzlich wurde der Raum in gleißendes Licht getaucht. Michelle wusste schon Bescheid. Sie verschränkte die Arme und begrüßte den Besucher ungehalten.
"Q!" Er verbeugte sich galant. Riker sprang von seinem Stuhl auf. Q schnippte mit dem Finger, Riker verschwand.
"Jetzt können wir reden, Michelle. Ihr Mann hat seine Gefühle genauso wenig unter Kontrolle wie Worf." Er lächelte zuckersüß. Doch Michelle fiel nicht darauf rein.
"Q, ich habe ihnen das letzte Mal deutlich gesagt, dass ich Sie nie wieder sehen will, wenn Sie mir nicht meinen Vater und die Voyager zurückbringen." Er setzte sich unaufgefordert auf Rikers alten Platz.
"Stimmt. Und deswegen habe ich mich an den Rat des Kontinuums gewendet. Ich kann Ihrer Bitte nicht nachkommen." Michelle war aufgesprungen und wollte Q an den Kragen. Riker hätte sich sicher köstlich amüsiert. "Aber..." Sie zog die Hand zurück.
"Was aber? Reden Sie sie schon?"
"Ich kann die Enterprise in den Deltaquadranten bringen. Sie befreien Picard mit der Voyager gemeinsam und dann bringe ich beide Schiffe zurück in den Alphaquadranten... Ist das ein Angebot?" Er grinste selbstsicher. Q war klar, dass er Michelles Gunst soeben zurück erlangt hatte. Michelle stieß einen Freudenschrei aus und rannte um ihren Schreibtisch herum. Sie fiel Q um den Hals. Die Tür zu ihrem Bereitschaftsraum ging auf. Ein patschnasser Riker trat ein. Michelle brach in Gelächter aus.
"Hat er dich im Arboretum wieder erscheinen lassen?" Sie lachte wieder. Riker funkelte seine Frau böse an.
"Ja und zwar über dem Teich in der Luft! Ich mache Sie fertig, Q! Dieses Mal sind Sie dran!" Q schnippte mit dem Finger und Riker versagte die Stimme. Er griff sich an den Hals, seine Lippen bewegten sich, aber es kamen keine Worte raus. Riker fuchtelte wütend mit dem Finger vor dem Gesicht seiner Frau rum. Michelle wurde es zu bunt. Sie legte ihre Hand auf Rikers Mund und blickte ihm eindringlich in die ozeanblauen Augen.
"Er bringt uns zu Dad." Sie merkte wie Rikers Lippen sich schlossen. Sie sah Q auffordernd an. "Seine Stimme, Q. Sofort." Er nickte und schnippte Rikers Stimme zurück an den angestammten Platz.
"Zu Picard? Und was ist mit dem Nichteinmischungspakt?" Er packte sich an die Kehle und bewegte den Kopf nach links und rechts. Alles noch dran. So weit so gut.
"In einem gewissen Rahmen kann ich helfen. Es gibt da ein paar Bedingungen. Ich habe es Michelle erklärt... Meine Liebe, wollen wir?" Er bot Michelle seinen Arm an. Michelle hakte sich ein und ging mit Q auf die Brücke. Der verdatterte Riker blieb zurück und tropfte den neuen Teppich im Bereitschaftsraum voll.

Michelle erklärte der Brückencrew den Plan. Q zögerte nicht einen Augenblick, er schnippte mit dem Finger und die Enterprise legte die gigantische Distanz von 70.000 Lichtjahren in wenigen Sekunden zurück. Während die Sterne an ihnen vorüber rasten, trat Riker noch immer tropfend neben Michelle.
"Ich gehe mich umziehen, Captain", knurrte er ungehalten. Michelle biss sich auf die Innenseite der Wange um das neuerlich aufsteigende Lachen zu unterdrücken. Sie würde Q ja bitten Riker zu trocknen. Sie konnte sich aber nur zu gut vorstellen, dass ihr Mann nicht sonderlich viel Wert darauf legte. Also nickte sie nur einverstanden und trat hinter Datas Konsole. Sie drückte einige Knöpfe um sich abzulenken und nicht erneut loszulachen. Es gehörte sich nicht den eigenen Mann auszulachen. Schon gar nicht vor den übrigen Offizieren.


Riker fluchte vor sich hin auf dem Weg zum Captain's Quartier. Ausgerechnet Yamara lief ihm über den Weg. Im Gegensatz zu ihrer Mutter verfügte sie noch nicht über das nötige Maß an Selbstbeherrschung. Ihr Vater sah aus wie ein begossener Pudel. Sie brach in schallendes Gelächter aus. Riker atmete zischend ein, sichtlich darum bemüht die Fassung zu behalten. Er hob drohend einen Finger vor Yamaras Gesicht.
"Keine Fragen, kein Wort. Wenn du eine Erklärung willst, frag deine Mutter!" Damit ließ er seine lachende Tochter stehen und eilte zum Captain's Quartier.

Wenig später saß er mit einer frischen Uniform bekleidet in Ten Forward und ging mit Deanna die Kandidaten für eine Beförderung durch. Michelle würde ihn schon rufen, wenn er mit einem Außenteam in den Borgkubus beamen und seinen Schwiegervater ein zweites Mal von dort retten sollte. Da Michelle ihn in diese Lage gebracht hatte, war Riker für einen winzigen Moment in Versuchung, ihr vorzuschlagen sie sollte Picard selbst holen. Doch grinsend musste Will sich eingestehen, dass seine Frau das auch tun würde. Sie würde keine Sekunde zögern ihren Vater zu retten. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie vor neun Jahren sich selbst Daimon Bok im Austausch gegen Jean-Luc angeboten hatte. Er hätte ihr schon damals den Hals umdrehen sollen. Das hätte ihm viele schlaflose Nächte erspart. Er lachte. Deanna blickte von ihrem Pad auf.
"Was ist so lustig, Will?" Sie griff nach ihrem Kakao und sah Riker herausfordernd an.
"Ich versuche nach neun Jahren immer noch zu begreifen, dass ich Micky einfach so nehmen muss, wie sie ist. Ich kann sie nicht ändern. Sie geht immer mit dem Kopf durch die Wand. Wenn ich nicht in den Borgwürfel beame und Jean-Luc rette, macht sie es selbst. Ungeachtet der Tatsache, dass sie sechs Kinder hat."
"Das sind auch deine Kinder, Will. Das solltest du nicht vergessen. Und ich muss dir ganz ehrlich sagen, in Anbetracht der aktuellen Situation solltet ihr gemeinsam gehen. Du, der Captain und Captain Janeway. Niemand kann Michelle besser im Zaum halten als du..." Riker lachte. Wenn Deanna wüsste. "...Lach nur, sie hört einzig auf dich. Ich bin immerhin der Counselor. Ich muss es wissen. Du solltest außerdem mitgehen, weil du Picard schon einmal befreit hast. Und Captain Janeway hat derzeit die meiste Erfahrung mit der Königin. Zu eurem Schutz solltet ihr Worf mitnehmen. Das ist meine Empfehlung, mach damit was du willst."
"Ich bin sicher, du hast das dem Captain schon vorgeschlagen?" Riker bekam seine Antwort nicht mehr. Im nächsten Moment beordete Michelle ihn in den Transporterraum. Das Spiel konnte beginnen.


Wie nicht anders zu erwarten, fand Riker im Transporterraum Worf und Michelle. Beide waren mit Phaserpistolen und Gewehren ausgerüstet. Chief O'Brien reichte beide Waffentypen auch an Riker. Dieser zog Michelle kurz zur Seite. Sie musterte ihn böse, da sie sich schon denken konnte, dass Riker ihr ihre Anwesenheit ausreden wollte. Wenn er wusste, was gut für ihn war, würde er es besser lassen. Sie steckte den Phaser in die Halterung und legte sich das Phasergewehr provozierend auf die Schulter. Die Botschaft war eindeutig. Ein falsches Wort und du wirst desintegriert, Liebling. Riker unterdrückte ein Grinsen. Diese Frau war nicht aufzuhalten. Er würde sich hüten. Doch Sorge um ihre Sicherheit konnte er gewiss einbringen ohne ernstliche Verletzungen zu riskieren.
"Ich versuche gar nicht erst dir das auszureden, Micky. Aber bitte, wenn etwas passiert, spiel nicht die Heldin. Denk an unsere Kinder. Worf und ich versuchen alles, damit wir mit Jean-Luc zusammen heil da raus kommen. Okay?" Er blickte ihr eindringlich in die Augen. Einmal in ihrem Leben konnte Michelle doch ihren verdammten Stolz runterschlucken. So hoffte Riker.
"Danke, Will. Ich bin froh, dass du verstehst, warum ich gehen muss." Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Mehr gab es nicht zu sagen. Sie trat auf die Transporterplattform, Worf und Riker folgten ihr.
"Chief, Energie." O'Brien beamte das Rettungsteam in den Borgkubus. An der Stelle, wo sie rematerialisierten, wartete schon Kathryn Janeway zusammen mit Commander Chakotay und Seven of Nine. Die ehemalige Drohne wusste exakt, wo Picard oder genauer gesagt Locutus zu finden sein würde.

Das Team kam unerwartet gut voran. Die Drohnen ignorierten sie. Seven of Nine übernahm die Führung, sie kannte den Weg zum Herzstück des Kubus. Der Weg dort hin schien ewig zu dauern. Michelle war schlecht, ihr Herz pochte bis zum Hals. Sie wusste natürlich in welcher Gefahr das Team schwebte. Sie wusste auch genau, dass sie alle sterben konnten. Q konnte nicht helfen. Das Kontinuum hatte erlaubt, dass er sie hin und zurück brachte. Doch würde Q sie alle sterben lassen, wenn es hart auf hart käme? Nun, Michelle wollte es nicht auf eine Antwort ankommen lassen.

Nachdem sie endlose Korridore durchquert und viele Drohnen unbehelligt links liegen gelassen hatten, standen sie vor der Kammer der Königin. Michelle wollte nun die Führung übernehmen, doch Worf schob sich ohne ein Wort an ihr vorbei. Er legte sein Gewehr an und schritt durch die Tür.
Der Raum der Königin unterschied sich nicht sonderlich vom restlichen Schiff. Überall Kabel, Rohre. Eben absolut effizient. Michelle schauderte, obwohl es heiß und feucht war. Die Temperatur in Borgschiffen glich einem Ausflug in den tropischen Regenwald.
Das alles interessierte Michelle nicht im Mindesten. Nur eines war wichtig, wo war Jean-Luc? Sie wusste, dass es nicht leicht werden würde. Ihr Herz raste, sie schritt aus der Gruppe heraus, Riker wollte nach ihr greifen. Doch Michelle war schneller. Sie machte einen Satz nach vorne und rief den Namen ihres Vaters.
"Jean-Luc Picard! Wo ist er? Ich will meinen Vater sofort! Sonst zerlege ich das ganze Schiff!" Das hatte Michelle ohnehin vor. Doch das musste sie ja nicht gleich an die große Glocke hängen. War vielleicht ein wenig unklug für die Verhandlungen?!
Über ihren Köpfen zischte es. Das Rettungsteam blickte hoch. Der Torso der Königin glitt elegant von Schläuchen gehalten nach unten, verankerte sich in dem bereitstehenden Unterkörper. Unbeeindruckt schritt die Königin nach vorne, entriss Michelle das Gewehr und verpasste ihr einen Haken, dass Michelle auf ihrem Hintern landete. Riker feuerte ein paar Mal auf die Königin. Ein Schutzschild wehrte jeden Schuss ab.
Chakotay half Michelle auf die Füße. Mit brennendem Hass in den Augen wischte Michelle sich das Blut aus dem Mundwinkel.
"Lady, wenn Sie es auf die harte Tour wollen, können Sie das haben." Im selben Moment sprang sie nach vorne und attackierte die Königin. Dieses Mal aktivierte diese ihren Schutzschild nicht. Sie spielte mit Michelle. Jeder erkannte diese Tatsache. Doch Michelle, von blindem Hass und Wut gepackt, kam nicht einmal auf den Gedanken. Hilflos beobachtete das Team wie Michelle und die Königin sich umschlichen wie zwei Raubkatzen. Michelles Attacken waren nicht wirklich gefährlich für die Königin, sie wehrte jeden Schlag gekonnt ab. Doch die Königin teilte aus. Sie verpasste Michelle noch einen Kinnhaken und dann trat sie mit ihrem spitzen Stiefelabsatz zu. Sie erwischte Michelles Bauch, der von der Operation und der Geburt der Mädchen noch immer schmerzte und empfindlich war. Riker keuchte auf, als er sah, was die Königin vorhatte. Er sprang nach vorne, doch zu spät, der Tritt traf Michelle unvorbereitet. Sie fiel nach hinten um und stand nicht mehr auf.
"Genug!" Die Königin drehte sich um. Aus dem Schatten der Kammer trat ein Borg heraus. Aber keine gewöhnliche Drohne. Mit Entsetzen registrierte Riker, dass es Picard war. Oder besser gesagt, das was von Picard noch übrig war. Er war vollständig assimiliert. Nicht länger der gütige Jean-Luc Picard sondern die kaltblütige Maschine Locutus.
"Nein, Locutus. Es ist noch lange nicht genug. Ich werde noch ein wenig meinen Spaß mit ihr haben und dann werden alle assimiliert. Picards Tochter gibt sicher eine hervorragende Drohne ab." Sie blickte siegessicher auf das Rettungsteam. Dann stutzte sie einen Moment. Ihr Blick verharrte aus Seven of Nine.
"Ich kenne dich. Du gehörtest schon einmal zum Kollektiv... Natürlich, Seven of Nine. Wie nett von Ihnen, Captain Janeway, dass Sie mir meine Drohne wieder bringen. Und so viele neue. Wir sind im Moment ein wenig unterbesetzt. Nachdem Sie meinen Hauptkomplex vernichtet haben."
"Gut so!" platzte die sonst so besonnene Janeway raus. Im nächsten Moment stürmte eine Einheit Drohnen die Königinnenkammer. Sie ergriffen alle Mitglieder des Rettungsteams. Die bewusstlose Michelle wurde unsanft auf die Füße gerissen. Sie stöhnte auf. Eine Drohne wollte sie rausführen.
"Nein, sie bleibt hier. Captain Riker wird hier assimiliert. Ich bin sicher Locutus will dabei sein." Die Drohne, die Michelle gepackt hatte, hob sie hoch und trug sie zu einem Assimilierungstisch in der Mitte des Raumes. Riker schrie wie von Sinnen nach Michelle. Doch es half nicht viel, sie alle wurden aus der Kammer gezerrt. Ein paar Mal rief er noch ihren Namen.
"Nun, Locutus, fangen wir an." Die Königin machte eine einladende Bewegung. Locutus folgte der Aufforderung. Er trat an den Tisch und blickte auf Picards Tochter hinunter. Er hatte natürlich Picards Erinnerungen gespeichert. Sie waren ebenso dem Kollektiv zugeführt worden wie die aller Drohnen.
Die Kreissägen und Laser wurden aktiviert, Michelle wurde auf dem Tisch festgeschnallt. Da erwachte sie. Entsetzen in den Augen starrte sie den Borg an, der einst ihr Vater gewesen war.
"Jean-Luc, bitte. Hilf mir." Der Borg reagierte nicht. "Jean-Luc, bitte!" Sie flehte inständig. Tränen der Angst flossen über ihr Gesicht, vermischten sich mit dem Blut, das noch immer aus ihrem Mundwinkel und von einer Wunde über der Augenbraue herunterfloss. Sie schluchzte. So hatte sie sich die Rettung ihres Vaters wirklich nicht vorgestellt. Schließlich übermannte sie Hoffnungslosigkeit. Sie wollte ihr Leben nicht als Borgdrohne beschließen. Sie dachte an ihre Kinder, ihren Enkelsohn, ihr geliebte Enterprise. Ihr Starrsinn hatte sie soweit gebracht. Nichts fürchteten Individuen so sehr wie die Assimilierung durch die Borg. Michelle war da nicht anders.
"Dad...", wisperte sie ängstlich. Locutus starrte sie auf sie herab. Doch in seinen Augen hatte Michelle etwas gesehen, ein Hauch von Jean-Luc. Vielleicht konnte die erwachsene Michelle nicht zu ihm vordringen. Aber das Kind Michelle, Jean-Lucs Kind, hätte vielleicht eine Chance. Sie legte alles Flehen in ihre Stimme und klang wie Yamara, als sie ein kleines Mädchen gewesen war. Das musste eigentlich zu ihm durchdringen.
"Daddy, bitte. Lass nicht zu, dass sie das deinem Kind antun! Denk doch an Yamara, sie braucht mich." Locutus zuckte unmerklich zusammen.
"Und Yamara braucht ihren Großvater." Nun stöhnte Picard auf, er war nicht länger Locutus. Die Königin bemerkte es nicht, sie genoss Michelles Verzweiflung viel zu sehr.
"Michelle", keuchte Picard. Er streckte die Hand nach ihr aus. Die Königin drehte sich blitzschnell um. Hass funkelte ihn ihren künstlichen Augen.
"Verräter!" zischte sie. Picard streckte die Hände aus und legte sie der Königin um den Hals. Unbarmherzig drückte er zu. Fester und fester umschlangen seine Hände sie. Das Leben entwisch unausweichlich. Picards Stärke war übermenschlich durch die Borgimplantate verstärkt. Er zog eine Hand weg und brach der Königin das Genick. Die umstehenden Drohnen wurden augenblicklich deaktiviert.
Picard ließ den toten Körper der Königin angewidert fallen. Er ging zum Assimilierungstisch und schnallte seine Tochter los. Michelle setzte sich auf und umschlang den kalten Borgkörper ihres Vaters und weinte.
"Alles wird gut, mein Kind." Seine Stimme klang metallisch. Michelle schrak zurück. Doch dann sah sie in dem Borggesicht die gütigen Züge ihres Vaters durchscheinen. Sie seufzte erleichtert und umarmte Picard wieder.

Wenige Minuten später stürmte das Rettungsteam die Kammer. Als die Königin ihren letzten Atemzug getan hatte, waren alle Drohnen zeitgleich ausgefallen.
Riker rannte zu Michelle. Er entdeckte Locutus, der sich über sie gebeugt hatte.
"Verschwinde, Locutus!" Riker richtete seinen Phaser auf ihn.
"Will, ich bin es", Picards Stimme klang unmenschlich, aber Riker erkannte seinen Schwiegervater. Irritiert aber auch erleichtert ließ er den Phaser wieder sinken. Er steckte ihn die Halterung an seiner Uniform und ging zu seiner Frau. Vorsichtig legte Riker die Arme unter sie und hob sie hoch.
"Worf, rufen Sie die Enterprise. Sieben Personen sofort auf die Krankenstation beamen." Im nächsten Moment erfasste sie der Transporterstrahl.

Auf der Krankenstation der Enterprise angekommen legte Riker Michelle behutsam auf ein Biobett. Er schickte Worf auf die Brücke und befahl Data über die Schiffskommunikation den Angriff auf die verbliebenen Borgschiffe zu starten. Es war nur eine Sache von Minuten bis die beiden Sternenflottenschiffe die führungs- und orientierungslosen Borg endgültig vernichtet hatten.
Schwester Ogawa kümmerte sich um Michelle, Dr. Melan führte Picard in ein Nebenzimmer. Riker war sich bewusst, dass seine Rückverwandlung verdammt lange dauern würde. Ohne den Zusammenhalt des Kollektivs würden sich die Implantate zwar auch von selbst abstoßen. Doch die seelischen Narben würde wahrscheinlich langsamer heilen als beim ersten Mal.

Riker trat neben Michelles Bett. Allysa Ogawa injizierte ihr gerade ein Hypospray ,um sie wieder ins Bewusstsein zurück zu holen. Sie sah ziemlich mitgenommen aus. Ihr Gesicht war ein einziger Bluterguss. Ihr rechter Arm stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Noch etwas, das sie beiden nun gemein hatten. Ein gebrochener Arm. Aber besser als ein gebrochenes Herz. Die Familie war wieder vereint. Nie mehr würde er Michelles falsche Entscheidung ins Spiel bringen. Erledigt und vergessen. Schwester Ogawa berührte den gebrochenen Arm. Michelle verzog vor Schmerz das Gesicht. Nichtsdestrotrotz lächelte sie Riker an. Er beugte sich ein Stück zu seiner Frau hinunter.
"Na du, Heldin. Bist du nun zufrieden? Kannst nicht mehr alleine stehen, ich musste dich tragen. Du hast dir ein paar Knochen gebrochen. Und so wie dein Gesicht aussieht, wirst du in nächster Zeit den Schönheitswettbewerb auf Risa nicht gewinnen. Nicht gerade ein passender Abgang für einen Captain der Sternenflotte." Sie deutete Riker mit dem Finger näher zu kommen. Er hielt sein Ohr an ihren Mund.
"Halt die Klappe und küss mich, Nummer 1. Wir haben Jean-Luc gerettet, das ist alles, was zählt." Riker lachte und führte den Befehl seines Captains aus. Er küsste sie. Bis Schwester Ogawa sich diskret räusperte. Riker fuhr sich verlegen durchs Haar und grinste.
"Ich...ähm, ich glaube, ich gehe dann mal auf die Brücke. Ich werde Q bitten, dass er uns nach Hause bringt. Wenn Sie einverstanden sind, Captain? Ich werde ihn auch nicht schlagen oder der gleichen", setzte er schnell sicherheitshalber hinzu.
"Bringen Sie uns heim, Commander." Michelle grinste siegesgewiss und legte einen Arm hinter den Kopf.

16. Kapitel
Alte Feinde, neue Freunde

"Dad, wie geht es dir?" Michelle setzte sich an ihren Lieblingstisch in Ten Forward. Ben, der aufmerksame Barkeeper brachte ihr sofort einen Kaffee.
Picard lächelte sie an. Er trug noch zwei Implantate am Kopf, die sich noch nicht selbstständig abgestoßen hatten. Aber auch das war nur eine Frage der Zeit.
"Es geht, Michelle. Ich schlafe nicht sonderlich gut." Das sah man. Picard wirkte ausgelaugt. Die ständigen Regenerationsbehandlungen auf der Krankenstation schlauchten ihn ganz schön. Erfreulicherweise hatte ihn Beverly schon besucht und auch seine Söhne hatte er gesehen. Natürlich hätte Picard sich auch auf der Erde behandeln lassen können. Doch er war sich ganz sicher, dass es für sein und auch Michelles Seelenheil von entscheidender Bedeutung war, dass er noch ein wenig mit der Enterprise durchs All zog.
"Ich auch nicht. Und das liegt nicht ausschließlich daran, dass ich vier Babys habe, die alle gleichzeitig gewickelt und gefüttert werden wollen." Sie verzog das Gesicht. In ihren Träumen sah sie regelmäßig die Kreissägen näher kommen.
"Es wird besser, Kind. Jeden Tag, den wir überstehen, werden die Träume weniger." Sie ergriff Picards Hand.
"Eigentlich müsste ich mich schämen, meine Träume können gar nicht so schlimm sein wie deine. Du hast es schon zweimal durchgemacht und ich bin ungeschoren davongekommen... Und alles war meine Schuld." Picard legte einen Finger unter Michelles Kinn und hob ihr Gesicht an.
"Dummes Kind. Sie hätte mich sowieso erwischt. Der Ruf der Königin war zu mächtig. Sie war verzweifelt. Captain Janeway hatte ihr empfindliche Verluste zugefügt. Sie brauchte mich um von vorne anzufangen. Ich habe während meiner Zeit als Locutus alles von ihr erfahren... Aber jetzt lass uns über etwas anderes reden. Welchen Auftrag hat die Enterprise bekommen?"Michelle seufzte.
Das Thema war fast genauso unangenehm wie die Erinnerungen an die Vernichtung der Borg. Sie nahm einen tiefen Schluck Kaffee und begann zu erzählen. Das Antaura-Reich unter der Führung von Königin Marina und König Chazar hatte um die Aufnahme in die Föderation gebeten. Dieser Antrag hatte verständlicherweise Empörung auf manchen Welten der Föderation ausgelöst. Der Krieg lag erst ein paar Jahre zurück. Doch der nachfolgende Krieg mit dem Dominion, der noch immer nicht beendet war und die letzte gescheiterte Invasion der Borg hatten die Föderation stark geschwächt. Qo'nos, Betazed, Vulkan und Alpha Centauri waren durch die Borg technologisch gesehen ins Mittelalter zurückgebomt worden. Vulkan fürchtete eine Invasion durch die Romulaner. Die Sternenflotte hatte alle verfügbaren Schiffe zu den Vulkaniern geschickt um den Planeten zu schützen. Der Rat der Föderation hatte den Romulanern harte Sanktionen angedroht, falls diese eine Invasion ihrer Bruderwelt auch nur in Erwägung ziehen sollten.
"Und wie denkst du darüber, Michelle? Deine Beurteilung wird wahrscheinlich einiges an Gewicht haben."
"Das genau ist das Problem, Jean-Luc. Einerseits erinnere ich mich an das Mädchen Marina, die heutige Königin von Antaura. Ich mochte sie sehr, sie hat mir meine Zukunft in einem einzigen Moment gezeigt. Dadurch habe ich Will retten können... Schau nicht so verblüfft. Ich bin alt genug, ich erzähle dir nicht mehr alles, Dad." Er grinste. "Und dann auf der anderen Seite steht Brian." Picard zuckte zusammen als er an den toten Sohn dachte, den er nie wirklich kennen gelernt hatte. Michelles Zwillingsbruder, den Jack ihm aus purer Bosheit vorenthalten hatte.
"Liebes, nach allem, was ich über deinen Bruder weiß, hätte er früher oder später eine Methode gefunden um sich umzubringen... Einzig Jacks Verhalten hätte meinen Sohn retten können. Wenn Jack mir zu Brians Lebzeiten gesagt hätte, dass er dein Zwillingsbruder ist, hätte ich..." Er seufzte und fuhr sich wie immer in einer ausweglosen Situation über die Glatze. "Verdammt!" Michelle zuckte zusammen. "Ich meine nicht dich, Michelle. Dieses ständige "würde", "habe", "sollte", "falls". Es ist so sinnlos. Natürlich bin ich traurig darüber, dass Brian tot ist und dass er starb ohne zu wissen, dass er mein Sohn war. Das kann ich nicht mehr ändern. Aber ich habe dich und François und Robert. Und ich liebe euch alle drei sehr. Und daher solltest du deine Entscheidung nicht von Brians Rolle im Antaurer-Krieg abhängig machen."
"Gut, da magst du Recht haben. Aber das ist ja nicht der einzige Punkt. Die Bevölkerung ist im allgemeinen empört, dass der Rat eine Aufnahme überhaupt in Erwägung zieht. Vor allem die Lebewesen, deren Familienmitglieder durch den Antaurer-Krieg umkamen. Und was Jack erst sagen wird. Ich glaube, wenn ich den Antrag befürworte und Antaura tatsächlich in die Föderation aufgenommen wird, sollte ich die Erde und ganz besonders Washington D.C. nicht mehr ohne Worf oder seine Leute betreten." Picard zog ein Gesicht, dass Bände sprach. Auch mit seinem alten Freund hatte er schon vor längerem abgeschlossen.
"Michelle, Liebes. Du selbst hast es so treffend formuliert. Zur Hölle mit Jack. Die Föderation braucht einen so mächtigen Verbündeten wie Antaura. Die Borg mögen wir vernichtet haben, aber wer weiß, was noch im Gamma- und Deltaquadranten lauert und uns vernichten will." Zur Unterstreichung seiner Worte nickte Picard energisch.

Ein freudiger Ruf riss Michelle und ihren Vater aus ihren trüben Gedanken. Ein junger Offizier in Technikeruniform rannte zu ihrem Tisch. Sein braunes Haar wippte bei jedem Schritt frech auf und ab. Michelle bemerkte amüsiert, dass die jüngeren, ungebundenen Frauen in Ten Forward ihre Blicke auf ihn richteten. Sie konnte sich ziemlich genau vorstellen, was die weiblichen Mitglieder der Besatzung mit dem jungen Fähnrich anstellen wollten. Und sie wusste aus Wesleys Erzählungen, dass der junge Fähnrich schon zahlreichen Avancen nachgegeben hatte. Zumindest auf einem Gebiet eiferte er Will Riker unnachahmlich nach. Er hinterließ haufenweise gebrochene Herzen auf der Enterprise, die Deanna Troi und Guinan wieder flicken mussten. Doch die Damenwelt ließ sich davon nicht abhalten. Im Gegenteil. Ein Abend mit dem jungen Fähnrich versprach stets legendär zu werden und war das Gesprächsthema bei der weiblichen Besatzung.
"Was gibt es denn so Aufregendes?" fragte Picard grinsend.
"Ja, Fähnrich, was gibt es so Aufregendes, dass Sie eine Unterhaltung zwischen Ihrem Captain und Admiral Picard unterbrechen?!" Sie blickte dem jungen Mann finster entgegen.
"Haha, Michelle. Darauf falle ich nicht mehr rein. Dafür bin ich schon zu lange hier." René Picard wedelte mit einem Pad vor der Nase seiner Cousine rum. Sie griff flink danach und entriss es ihm. René ließ es geschehen und winkte Ben an den Tisch. Er bestellte sich ein Glas Wein vom Gut seiner Familie. Es gab etwas zu feiern und erfreulicherweise stand dafür immer ein gewisser Vorrat Picard-Wein in Ten Forward zur Verfügung. Michelles Augen leuchteten je mehr sie las.
"Eine interessante Theorie, René. Hast du das schon mit Geordie abgesprochen?... Ach und übrigens, du weißt doch sicherlich, dass diese Woche die Beförderung im Maschinenraum vergeben wird. Ein Lieutenant-Posten ist frei geworden." Der junge Mann blickte verblüfft auf und starrte seinen Onkel an.
"Stimmt das, Onkel?" Picard nickte.
"Ja, es stimmt, René. Michelle hat es mir schon letzte Woche erzählt. Und mit diesem Projekt stehen deine Chancen ganz gut."
"Das wird schon werden, René. Du beeindruckst Geordie doch fortwährend mit deinen Talenten." Sie verstruppelte Renés Haar und erntete sofort einige giftige Blicke von der Frauen in der Bar. Michelle räusperte sich. Die jungen Damen waren wirklich leicht zu reizen.  Inzwischen war der freche Junge aus Frankreich zum Mann gereift und schon seit fast acht Jahren auf dem Schiff. Mittlerweile mussten doch alle Damen kapiert haben, dass sie seine Cousine war. Allein der Name Picard sagte doch aus, dass sie ihm verwandt war und keine romantischen Absichten hegte. Michelle könnte praktisch Renés Mutter sein, gütiger Himmel.
"Der Junge ist eben ein typischer Picard. Steckt voller Überraschungen. Pass nur auf, dass er dir nicht irgendwann das Schiff unter dem Hinter wegsprengt, weil der neue Warpantrieb euch um die Ohren fliegt. Wenn du nicht aufpasst, sprengt er euch bis zur Erde... Auf jeden Fall lasst uns die Gläser auf einen weiteren erfolgreichen Picard in den Reihen der Sternenflotte heben. Ben, noch zwei Gläser vom Familienwein, bitte!" Glücklicherweise hatte Michelle heute keinen Dienst mehr. Wenn nicht unerwartet irgendjemand mal wieder versuchen würde ihr Schiff anzugreifen oder ein Mitglied ihrer Familie zu entführen, könnte es in der Tat ein unterhaltsamer Abend werden.

"Kommt ihr nachher ins Captain's Quartier? Das Pokerspiel findet heute bei uns statt." Sie sah ihren Vater und Cousin fragend an. Bevor die beiden antworten konnten, wurde Michelle über die interne Kommunikation gerufen.
"Captain Riker, es gibt ein kleines Problem in unserem Quartier." Michelle konnte sich lebhaft vorstellen, was für Probleme das waren. Sie aktivierte ihren Kommunikator.
"Will, ich trinke gerade mit René und Dad ein kleines Gläschen. Kann das nicht warten?"
"Nein, kann es nicht. Die Jungs haben leider irgendetwas im Essen nicht vertragen. Sie haben sich... nun ja, deine Söhne haben sich und mich angespuckt, von oben bis unten. Und Kim und Kait schreien ununterbrochen. Andy ist schon mit ihren Hausaufgaben zu Yamara geflohen. Ich konnte sie nur mit einer verdammten Trainingsstunde Parises-Squares milde stimmen, damit sie nicht für die nächsten vier Jahre zu Yamara und Wesley zieht. Sie stampfte mit dem Fuß auf und sagte, ein Baby wäre nicht so schlimm wie vier. Und im Moment muss ich meiner Tochter da leider zustimmen! Also würdest du deine Familienfeier bitte unterbrechen, der Rest deiner Familie steht kurz vor einer Meuterei!" Er deaktivierte die Verbindung. Michelle blickte hilfesuchend zu ihrem Vater, doch Picard lachte nur.
"Kannst du mir sagen, was du daran so witzig findest, Jean-Luc?!" Diesmal war die Verwendung seines Vornamens nicht wirklich liebevoll gemeint.
"Natürlich. Ich stelle mir gerade Will vor, von oben bis unten voll..." Vor lauter Lachen konnte er den Satz nicht mehr beenden. Doch er war anschaulich genug gewesen. Vor Michelles Auge baute sich das gleiche Bild auf. Es war in der Tat komisch. Aber irgendwie tat Riker ihr ja auch leid. Immerhin lag es an ihren Genen, dass die letzten Schwangerschaften ihnen beide Male Zwillinge beschert hatten. Und das in einem Abstand von einem Jahr.
Michelle stand auf und schlug spielerisch nach ihrem Vater. Dann zog sie ihn vom Stuhl hoch. Beide stürzten ihren Wein hinunter.
"Komm schon, hilf mir, Dad. Das sind immerhin deine Enkel, die Will da angespuckt haben. So witzig die Vorstellung davon auch ist. Aber ich fürchte, wir kommen nicht darum herum es live und in Farbe zu sehen. Und René, du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du Andy zum Parises Squares begleitest. Ich will nicht, dass sie sich vor lauter Ärger irgendwelche Knochen bricht." Er nickte und trank schnell seinen Wein aus.
"Vielleicht ihre Nase?!" fragte Picard noch immer lachend. Der böse Blick seiner Tochter überzeugte ihn, dass es kein guter Zeitpunkt für die "Weißt du noch, wie du Riker in den Höhlen des Lichts die Nase gebrochen hast"-Geschichte war. Er legte beschwichtigend die Arme um seine Tochter und schob sie lachend aus der Bar.

Wenig später hatte Michelle die "Meuterei" unter Kontrolle gebracht. Die Jungs waren gebadet und schliefen endlich. Riker hatte sich umgezogen und baute bereits den Pokertisch auf, während seine Frau die Mädchen in den Schlaf wiegte. Andy hatte sich erfreulicherweise keine Knochen gebrochen während ihres Trainings. Sie war gerade in ihrem Kinderzimmer und ließ sich von René eine Geschichte vorlesen. Das kleine Fräulein konnte ihren Cousin ebenso wie alle anderen Männer in der Familie bereits mit Leichtigkeit um den Finger wickeln.


"Dein Einsatz, Michelle." Sie warf schnell einen Blick auf ihre Karten und einige Chips in die Mitte des Tisches. Dann stand sie auf und holte sich beim Replikator noch einen Drink und eine Schale mit Erdnüssen. Die Pokerrunde war heute Abend recht groß: Michelle, Will, Picard, René, Data, M.J., Worf, Deanna und Geordi. Sie lachten, erzählten Witze.
Der Türsummer ertönte. "Immer herein", rief Michelle heiter. Die Tür glitt zur Seite und Yamara und Wes traten ein mit Tom im Schlepptau.
"Du liebe Güte, der Pokerabend artet in einem Familientreffen aus. Nemmt euch einen Stuhl, Kinder... Wesley, gib mir meinen Enkel. Ich lege ihn zu den Jungs schlafen." Liebevoll drückte Michelle das kleine Baby an die Brust und schnupperte an ihm. "Er riecht so gut", sie lächelte verträumt.
"Sehen Sie, Worf, deswegen habe ich heute sechs Kinder! Babys riechen für Frauen unwiderstehlich. Michelle, halte ihn doch mal Deanna unter die Nase. Vielleicht möchte sie dann auch noch einen Spielkameraden für den kleinen Ian." Worf grummelte nervös etwas auf klingonisch und warf einen hektischen Blick auf seine Frau. Yamara antwortete ihrem Patenonkel ebenfalls in klingonisch. Was immer sie zu ihm gesagt hatte, Worf entfuhr ein tiefes, kehliges Lachen.
"Michelle, leg endlich das Baby beiseite. Wir spielen hier Poker!" rief nun Picard ein wenig ungeduldig. Seine Tochter eilte in Andys Zimmer und in das dahinterliegende Babyzimmer. Jonny und Jean-Luc hatten sich aneinander gekuschelt, als hätten sie geahnt, dass es noch ein bisschen Platz für ihren Neffen brauchte.

Am nächsten Tag erreichte die Enterprise den Rand des Antaura-Reiches. Sie passierten Marina 5, den dessen Regentin nun von Antaura aus regierte. So hatten sich die Mariner wahrscheinlich die Erfüllung ihrer Prophezeiung nicht vorgestellt. Doch ihnen mangelte es an nichts. Marina nahm ihre Pflicht gegenüber ihrem Volk, seien es nun Antaurer oder Mariner, sehr ernst.

Auf der Brücke ging es wie immer recht rege zu. Michelle und Riker traten gemeinsam aus dem Turbolift und gingen zu ihren Plätzen. Data meldete, dass sie bald den Hauptplaneten des Reiches erreichen würden. Michelle warf einen Blick auf die Navstation und stellte fest, dass dort noch der Lieutenant der vorhergehenden Schicht saß. Will bemerkte ihren Blick und folgte ihm.
"Wo ist Yamara?" flüsterte er. Sie war noch keinen einzigen Tag zu spät zum Dienst erschienen. Das passte nicht zu ihrer pflichtbewussten Tochter.
Michelle räusperte sich, dann aktivierte sie auf ihrer Armlehne die interne Schiffskommunikation. "Lieutenant Yamara Crusher, hier spricht der Captain." Im selben Moment betrat Wesley die Brücke.
"Lieutenant, haben Sie sich verlaufen? Oder wird der Maschinenraum hierher verlegt?" Riker grinste.
"Nein, Ma'am. Es geht um meine Frau, Ma'am." Er wirkte ein wenig verlegen, trat von einem Fuß auf den anderen.
"Nun, was ist mit ihr?"
"Ma'am, Lieutenant Crusher wird länger nicht diensttauglich sein. Unser Sohn hat klingonische Masern. Und ich fürchte meine Frau hat sich angesteckt." Michelle biss sich auf die Lippen um ein aufsteigendes Lachen zu unterdrücken. Riker entschlüpfte ein kleiner Pruster. Worf grummelte im Hintergrund. Er erinnerte sich noch an seine eigenen, peinlichen Erfahrungen mit der lästigen Kinderkrankheit während einer Mission im Ficus-Sektor. Ihn hatten die Masern buchstäblich von den Füßen gehauen. Allerdings hatte Dr. Pulaski seinerzeit seiner Ehre zu liebe gelogen. Daher wusste niemand unter den Führungsoffizieren von dem eigentlich Grund des peinlichen Vorfalls.
Michelle räusperte sich. "Nun ja, Lieutenant, wünschen Sie ihr gute Besserung. Wir besuchen sie später. Sind Sie im Maschinenraum abkömmlich? Oder eventuell Fähnrich Picard?" Die Navigation der Enterprise war sozusagen Familiensache.
"Ich arbeite gerade an einem Forschungsprojekt, Captain. Aber ich schicke Ihnen sofort Fähnrich Picard." Michelle nickte einverstanden. Wesley ging zum Turbolift. Michelle stand auf und bedeutete Riker ihr in ihren Bereitschaftsraum zu folgen.
Die Türen hatten sich kaum geschlossen, da lachten die Rikers auch schon los. Sie stützten sich gegenseitig und wischten sich die Tränen weg. Die Vorstellung, dass die aufbrausende Yamara, die ständig dem klingonischen Blutfieber unterlag, nun mit einer Kinderkrankheit ans Bett gefesselt war, war zum Brüllen komisch.

"Captain Riker, wir erhalten eine Nachricht vom Hauptquartier."
"Ich nehme es hier an, Data." Sie ging zu ihrem Schreibtisch, Riker folgte ihr dicht auf. Michelle setzte sich und aktivierte den Monitor. Riker stand hinter seiner Frau und hatte die Hände auf die Lehne ihres Ledersessels gestützt.
"Hallo Mariah, was gibt es? Wir sind kurz vor Antaura." Mariah fuchtelte hektisch mit ihrer Hand.
"Michelle, Will, ich grüße Euch. Die Antaurer müssen warten. Ihr werdet nach Vulkan abkommandiert. Die Romulaner haben den Planeten angegriffen. Allerdings waren sie nicht allein. Sie haben eine Allianz mit den Cardassianern geschlossen!" Ungläubig starrten sie die Admirälin an.
"Das kann doch nicht wahr sein! Wir fliegen sofort los. Aber sollte ich nicht vielleicht Königin Marina um ein paar Schiffe bitten? Die Antaurerschiffe sind sogar noch ein Stück größer als die romulanischen Warbirds." Mariah überlegte kurz.
"Gut, aber beilt euch. Jede Minute zählt." Michelle nickte und unterbrach die Verbindung. Dann bat sie Data den Sitz des Königspaares auf Antaura zu kontaktieren. Sie informierte das Königspaar über die aktuelle Situation und bat im Namen der Föderation und im Hinblick auf den Aufnahmeantrag um eine Flotte zur Unterstützung der Enterprise und ihrer Mission. Marina und Chazar waren sofort einverstanden. Bereits nach kurzer Zeit erreichte die Enterprise ein Kampfverband aus 50 Antaurer-Kriegsschiffen. Die Flotte, die auf Warp ging und gen Vulkan flog war beeindruckend und angsteinflössend.

Als sie den Planeten erreichten, wurde im Weltall erbittert gekämpft. Die Vulkanier hatten jedes verfügbare Schiff hochgeschickt. Nach der Bombardierung durch die Borg standen ihnen allerdings nicht mehr viele gute Kampfschiffe zur Verfügung. Sie waren den Angreifern zahlenmäßig unterlegen, es war ein sehr ungleicher Kampf. Bis zu dem Moment als die Enterprise und die Antaurer-Schiffe unter Warp gingen. Von da an standen die Chancen schon viel besser für Vulkan. Michelle dachte nicht daran, die Romulaner und die Cardassianer zu warnen. Sie hoffte auf das Überraschungsmoment und ließ sofort das Feuer eröffnen. Worf führte mit Freuden ihren Befehl aus. Er setzte ein breites Sperrfeuer aus Quantentorpedos und gebündelten Phaserstrahlen frei. Auch die neuen Verbündeten setzten ihre Waffen überaus effektiv ein. Die Treffer der feindlichen Schiffe schienen sie augenscheinlich nicht zu tangieren. Die fliegenden Festungen der Antaurer waren nicht wirklich in Gefahr durch die Schiffe der romulanisch-cardassianischen Allianz. Sie zerstörten zielsicher die Warbirds, und die kleinen cardassianischen Schiffe der Galor-Klasse waren im nächsten Augenblick nur noch kosmischer Staub. Das All wurde immer wieder von Lichtblitzen zerrissen, Druckwellen der explodierenden Schiffe zogen durch den Sektor. Es war eine beeindruckende Schlacht, die da um Vulkan und die Zukunft der Föderation geschlagen wurde. Doch die Cardassianer und Romulaner kämpften verbissen weiter. Sie feuerten unablässlich auf die Enterprise und die Antaurer-Schiffe. Ohne großen Erfolg. Die Enterprise erlitt zwar einige Treffer, aber sie teilte mehr aus als sie einstecken musste.
Fast zu spät erkannten die Aggressoren ihre Niederlage und flohen. Michelle kontaktierte die Regierung von Vulkan. Man bat sie mit einer Delegation auf den Planeten zu beamen, da man ihr persönlich für die Rettung danken wollte.

In Begleitung von Riker, Worf und Lieutenant M.J. betrat Michelle den Regierungsbezirk. Wachen, gekleidet in die traditionellen Gewänder Vulkans, geleiteten sie durch den qualmenden und schwer in Mitleidenschaft gezogenen Bereich. Vor einer imposanten, roten Steintür blieben die Wächter stehen. Sie öffneten die beiden Flügeltüren. Michelle trat vor und betrat den Regierungssaal gefolgt von ihren drei Offizieren. Auch hier hatte es Zerstörung gegeben. Aber es brannte nicht. Vermutlich rührten die Schäden von den Borgangriffen her.
Michelle trat näher und blickte überrascht zum Sitz des Präsidenten. Dort umgeben von den Hohepriestern Vulkans saß ein ihr wohl bekanntes Gesicht.
"Spock!" rief Michelle erfreut und überrascht zugleich aus. Sie hob ihre Hand zum traditionellen Vulkaniergruß und verneigte sich respektvoll. Riker tauschte mit den übrigen Mitgliedern des Außenteams verwunderte Blicke.
"Ich grüße Sie, meine liebe Freundin. Das Volk von Vulkan ist Ihnen und den Antaurern zu unendlichem Dank verpflichtet."
"Das war selbstverständlich, Spock. Wir waren gerade in der Gegend." Sie grinste. "Aber sagen Sie, was tun Sie hier, Spock?" Er trat von der Empore hinunter, seine weißen Gewänder wurden von einem heißen Luftschwall, der durch die großen Bogenfenster hereinwehte, aufgebauscht.
"Nun, der Präsident wurde bei dem Angriff der Borg getötet. Man hat mich gebeten diese Leere zu füllen. Und ich bin dem Ruf gefolgt." Michelle war überrascht. Das war noch nicht bis zur Sternenflotte durchgedrungen. Wenn man aber bedachte, dass Vulkan durch den Angriff der Borg ins technologische Mittelalter zurückgebombt worden war, war diese Tatsache nicht weiter verwunderlich. Die Vulkanier hatten derzeit andere Sorgen als die Sternenflotte über einen Regierungswechsel zu informieren.
"Das ist wirklich eine Überraschung, Spock. Oder wie lautet die angemessene Anrede für Ihre neue Stellung?" Sie grinste schief.
"Für Sie, meine Liebe, immer noch Spock. Sie wissen doch, Michelle..." Bei diesen Worten ergriff er ihre Hand. "... ich war und werde es immer sein, Ihr Freund. Ich nenne Sie Michelle und Sie mich Spock. Kein Captain oder Mr. President. Egal, was das Universum noch für uns bereit halten mag, wir werden immer Freunde sein. Es ist lange her, dass ich einen Sternenflottencaptain meinen Freund nennen konnte. Mehr als 80 Jahre..." Fast meinte Michelle einen Hauch von Traurigkeit in seinen Augen zu sehen. Sie wusste natürlich genau, wen Spock gemeint hatte. James T. Kirk, sein ehemaliger Kommandant. Michelle verstärkte den Druck um die Hand des Vulkaniers.
"Spock, ich bin stolz und gerührt, dass Sie mich auf eine Stufe mit einer Legende wie James Kirk stellen."
"Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, Captain, inzwischen sind Sie auch zu einer Legende geworden, zu einer lebenden", warf Riker stolz grinsend in die Unterhaltung ein.
Seine Frau drehte sich schnell um und musterte ihn. Dann lächelte sie und nickte bestätigend. Er hatte es ihr gesagt vor über neun Jahren um ihr über ihre Unsicherheit hinweg zu helfen. Sie würde dank der Enterprise irgendwann selbst zu einer lebenden Legende werden. Und war nicht auch dieser Rettungseinsatz mal wieder legendär gewesen und würde in absehbarer Zeit an der Akademie unterricht werden? Sie hatte schon etliche Manöver befohlen, die als Riker-Manöver in die Geschichte eingegangen waren. Gut, den Namen musste sie sich mit Will teilen. Doch das war ein kleiner Preis für ihren Status als lebende Legende und Freundin von Präsidenten und Unsterblichen wie den Alphas und den Qs.
"Ihr Mann hat Recht, Michelle. Nur Ihrem schnellen Handeln und Ihrem diplomatischen Geschick ist es zu verdanken, dass die Antaurer so bereit willig für uns in die Schlacht gezogen sind."
"Aber der Frieden, den wir beide gemeinsam mit den Romulanern ausgehandelt haben, ist hinfällig. Ich weiß nicht, ob sich das so gut in meiner Dienstakte macht."
"Der wäre früher oder später sowieso hinfällig geworden. Die Romulaner sind ein kriegerisches und im Gegensatz zu den Klingonen ehrloses Volk...", an dieser Stelle warf er einen respektvollen Blick auf Worf. "Und ein Abkommen mit den Antaurern bringt die Föderation wesentlich weiter, glauben Sie mir."
"Gut, dann fliegen wir jetzt nach Antaura zurück und verhandeln über die Aufnahme des Königsreiches in die Föderation."

17. Kapitel
Der Feind meines Feindes oder wehret den Anfängen...

Michelle atmete tief durch, stand vom Tisch auf und streckte sich. Ihre Schultern knackten schmerzhaft. Sie drehte ihren Kopf ein paar Mal und dehnte die müden Gelenke. Allmählich fühlte sie sich zu alt für solche diplomatischen Missionen, die sich unangenehm in die Länge zogen wie der im 20. Jahrhundert allseits beliebte Kaugummi.
Seit Stunden saß sie hier und verhandelte mit Marina und Chazar über den Beitritt des Königreiches Antaura, das immerhin 25 Planeten umfasste, in die Föderation. Sie kamen einfach nicht weiter. Es lag aber nicht an unrealistischen Forderungen der Antaurer sondern an Reparationsbedingungen der geschädigten Welten der Föderation. Diese wollten den Krieg mit dem Antaura-Reich einfach nicht vergessen und zu den Akten legen. Die Pressebüros der Föderation hatten sich bemüht die Aufmerksamkeit auf den gescheiterten Invasionsversuch der romulanisch-cardassianischen Allianz zu lenken, um die Aufnahme Antauras möglichst mucksmäuschenstill über die diplomatische Bühne zu bringen. Doch so sehr dieser neuerliche Verrat der beiden kriegerischen Rassen die Zivilbevölkerung der Föderation auch empörte, Antauras bevorstehende Mitgliedschaft in ihrem Planetenbündnis entrüstete sie weit mehr.

Der Präsident der Föderation Andrew Linton, ein besonnener Mensch, der auf dem Mond geboren worden war, hielt sich weitestgehend zurück. Er hatte genug Probleme mit dem Wiederaufbau von Qo'noS, Betazed, Vulkan und Alpha Centauri. Zwar hatten die Planeten ihre Regierungen relativ schnell stabilisieren können, doch ihre Städte waren noch immer qualmende Ruinen. Die Ärzte der Sternenflotte arbeiteten bis zum Umfallen um Krankheiten und Seuchen einzudämmen. Jedes verfügbare Schiff schickte Aufräumtrupps und Architekten in die Bündniswelten.

Sollte Michelle die Verhandlungen irgendwann zu einem erfolgreichen Ende bringen, würden auf die Enterprise eine derzeit nicht überschaubare Zahl an Hilfsmissionen warten. Wieder einmal lauerte ihr Captain vergeblich auf einen Forschungsauftrag, nur die Feuerwehr wurde erneut gebraucht. Wenn sie diese Missionen wenigstens noch einmal nach Vulkan führen würden, wäre Michelle vielleicht milder gestimmt. Sie wollte Spock wiedersehen und auch Tuvok besuchen, der sich einen längeren Urlaub hatte geben lassen.
Er hatte viele kostbare Jahre in der Entwicklung seiner Kinder verpasst durch den unfreiwilligen Aufenthalt im Deltaquadranten. Captain Janeway konnte gut auf ihn verzichten. Man hatte sie in Anerkennung ihrer Leistungen zum Admiral befördert und ihr erst einmal einen Schreibtischjob angeboten, den diese dankend angenommen hatte. Wie Michelle erfahren hatte, waren unter der Voyager-Crew zahlreiche ehemalige Marquismitglieder. Die Sternenflotte hatte alle rehabilitiert und ihnen die entsprechenden Ränge, die sie auf der Voyager inne hatten, auch im Alphaquadranten anerkannt. Die meisten waren derzeit im Solsystem stationiert und dienten auf der Erde. Nur der erste Offizier Chakotay hatte in Begleitung seiner Ehefrau, der - ja, da hatte Michelle nicht schlecht gestaunt - ehemaligen Borgdrohne Seven of Nine sofort wieder ein Schiff bestiegen. Allerdings als Captain. Er erforschte an Bord der nagelneuen U.S.S. Discovery NX 2500 die unbekannten Randregionen des Alphaquadraten. Das Schiff der neuen gleichnamigen Schiffsklasse mit über vierhundert Mann Besatzung war ausgestattet mit dem neuen Transwarpantrieb und dem fortschrittlichsten astrometrischen Labor, das derzeit in der Sternenflotte zur Verfügung stand. Diesen Bereich übernahm aufgrund ihrer Erfahrung an Bord der Voyager Seven of Nine.

Michelle drehte sich zu dem Konferenztisch um und versuchte zu lächeln. Ihr entschlüpfte leider ein nicht sehr angemessenes Gähnen. Glücklicherweise führte sie heute die Verhandlungen alleine mit dem Königspaar. Marina lächelte ihr verständnisvoll entgegen.
"Müde, Michelle?" Sie nickte. "Ich auch. Aber du verstehst sicher, dass wir nicht kampflos so hohe Reparationsleistungen anerkennen können. Kannst du nicht noch einmal mit euren Politikern reden? Können wir nicht statt dieser Zahlungen Hilfe beim Wiederaufbau leisten? Unsere Schiffe können doch Transportflüge übernehmen? Oder Grenzpatrouillen? Die Romulaner und die Cardassianer werden sicher nicht Ruhe geben, nur weil wir sie gemeinsam aus dem Orbit von Vulkan gesprengt haben." Michelle zog ein Gesicht.
"Erinnere mich bloß nicht daran, Marina. Mir im Gegensatz zu den meisten dieser ignoranten Politiker ist das klar. Der amtierende Kai der Bajoraner zeigt mit ausgestrecktem Finger auf unseren Präsidenten und ruft so laut, dass man es noch auf der Erde hört: "Ätsch, wir haben euch ja gleich gesagt, dass ihr den beiden Rassen nicht trauen dürft. Das habt ihr jetzt davon. Und deshalb sind wir noch kein Mitglied in eurer tollen Föderation."... Ich bin gespannt, wann ich auch da wieder die Scherben aufsammeln darf. Wahrscheinlich wenn Cardassia Prime eine Offensive gegen Bajor startet. Dann rennen sie heulend zu uns, wir sollen sie retten... Ich bin es so leid. Marina, bitte nehmt doch die Bedingungen an und dann können wir immer noch nach verhandeln. Wir sitzen jetzt schon seit fünf Wochen hier. Ich weiß, dass wir euch mehr brauchen als ihr uns. Aber ich glaube nicht, dass die geschädigten Welten darauf verzichten werden." Michelle flehte die Königin eindringlich an.
"Wir haben euch immerhin Chazars Vater damals bedingungslos ausgeliefert. War das nichts?! Ist das nicht einige Krediteinheiten wert? Er war die treibende Kraft des Krieges. Chazar und ich haben nur die Scherben aufgesammelt, wie du so schön sagtest! Es tut mir leid, aber bei der Höhe geben wir nicht nach. Wir unterschreiben die alleinige Kriegsschuld, aber wir werden nicht über Jahrzehnte Reparationen leisten. Mein Angebot mit den Schiffen steht, Michelle. Unterbreite es deinen Politikern... Das wäre dann alles für heute." So war Michelle noch nie von der Königin abgefertigt worden. Die Verhandlungen hatten einen toten Punkt erreicht. Doch nach dem Angriff der romulanisch-cardassianischen Allianz brauchten sie das Antaura-Reich mehr als zuvor. Diesen Umstand musste Michelle dem Regierungsrat der Föderation und dem Präsidenten irgendwie klar machen. Doch von Antaura aus konnte sie das nicht. Sie musste auf das ihr am meisten verhasste diplomatische Parkett in der Föderation. Sie musste nach San Francisco und vor dem Rat sprechen.
"Gut, Königin Marina, König Chazar. Ich reise heute ab. Die Enterprise fliegt zur Erde. Ich werde vor den Rat treten, aber ich kann nichts versprechen." Sie stand auf und ging aus dem Konferenzsaal.
"Gute Reise, Michelle. Der neue Weg wird weniger steinig, als du jetzt vielleicht denkst", flüsterte Marina und lächelte zuversichtlich.

Zwei Tage später wartete Michelle auf ihre Anhörung vor dem Rat der Föderation. Nervös schritt sie im Vorraum auf und ab. Riker lächelte sie unterstützend an. Er nahm an der Anhörung als Zuhörer teil. Ein kleines Publikum wurde immer zugelassen.
Michelle wollte sich noch ein Wasser holen, als plötzlich Spock um die Ecke trat. Sie war ehrlich überrascht. Überall hätte sie ihn vermutet, aber nicht auf der Erde.
"Spock, was machen Sie denn hier?" Sie grüßten sich mit traditionellen Handzeichen und verneigten sich respektvoll voreinander. Riker war immer überrascht, wie gut seine Frau ihre Gefühle in Gegenwart des Vulkaniers unter Kontrolle hatte. Fast als würde seine kühle Logik sie positiv beeinflussen.
"Ich möchte Sie unterstützen, damit der Rat den Bedingungen von Antaura zustimmt. Wir brauchen sie." Er blickte Michelle geheimnisvoll an.
"Gibt es da etwas, dass ich wissen sollte, Spock?" Er ergriff ihren linken Arm und zog sie in einen dunklen Alkoven. Riker hatte sich hingesetzt, damit die beiden ungestört sprechen konnten. Nun wurde er aufmerksam. Er spitzte die Ohren, doch die beiden sprachen so leise, dass er nicht einmal Wortfetzen verstehen konnte.
"Meine Informanten auf Romulus haben beunruhigende Nachrichten geschickt." Er legte eine bedeutungsschwangere Pause ein. Michelle blickte ihn ungehalten an.
"Na dann heraus damit, Spock! Lassen Sie sich doch nicht immer alles so aus der Nase ziehen!" Er grinste, aber nur ein klein wenig. Offensichtlich kam bei ihm in Gegenwart von Menschen, die er schätzte, so seine menschliche Seite an die Oberfläche.
"Wenn sie so hübsch wäre wie Ihre Nase, Michelle!" Sie lachte. "Spaß beiseite. Romulus mobilisiert seine Truppen, wenn die Föderation nichts schnellstens aus ihrer Asche wieder aufersteht, ist alles vorbei. Die Romulaner und ihre Verbündeten werden uns überrennen. Und wenn schon die Cardassianer sie unterstützen ist das Dominion nicht weit." Michelle bekam groß Augen. Ihre Ansprache vor dem Rat der Föderation hatte mit Spocks Eröffnung viel mehr an Bedeutung gewonnen als ihr lieb war.
"Spock, das hat mir nicht gerade Mut gemacht. Es ist wichtiger denn je, dass Antaura der Föderation beitritt. Nur wie soll ich den Rat überzeugen die Bedingungen von Marina und Chazar anzunehmen?"
"Deswegen bin ich ja gekommen, meine Liebe. Ich habe alles schriftlich. Ich kann beweisen, dass Romulus eine Invasion der Föderation plant. Sie werden uns glauben, Michelle." Er ergriff ihre Hand und drückte sie mit all seiner Überzeugung.
"Dann lassen Sie uns die Höhle des Löwen gehen."

Michelle ging voraus, dicht gefolgt von Spock und Riker. Die Türen zum Ratssaal öffneten sich, sie trat ein und zog noch einmal ihre Uniform glatt.
Riker trennten sich von den beiden und setzte sich ins Publikum.
Spock stellte sich einige Schritte hinter Michelle und wartete auf seinen Auftritt.

"Mr. President, verehrte Ratsmitglieder. Das Königreich Antaura ist bereit der Föderation beizutreten." Stimmen aus dem Publikum wurden laut, einige außerirdische Rassen nickten begeistert und applaudierten ein wenig. "Aber das Königspaar sieht keinen Sinn in den unglaublich hohen Reparationszahlungen." Jetzt wurden die Gegenstimmen im Publikum lauter, der Präsident rief die Zuhörer zur Ordnung. "Sie bieten im Gegenzug aber eine andere Form der Entschädigung an. Schiffe, eine ganze Flotte zur Unterstützung unserer Auseinandersetzung mit den Romulanern und Cardassianern."
"Aber, Captain Riker. Das war eine einmalige Offensive."
"Verzeihen Sie, Mr. President, wenn ich da widerspreche." Spock trat hinter Michelle vor, in der Hand hielt er mehrere Datenpads. "Ich habe Informationen, dass die Romulaner eine Invasion der Föderation planen. Meine Quellen auf Romulus haben mir dies leider bestätigt."
"Botschafter Spock...", setzte der Präsident an.
"Mr. President, ich bin nicht länger Botschafter der Vulkanier. Ich habe die Regierungsgeschäfte auf Vulkan übernommen, da mein ehrenwerter Vorgänger bei den Angriffen der romulanisch-cardassianischen Allianz leider getötet wurde. Ich hatte nur noch keine Möglichkeit Sie und den Rat darüber zu informieren." Wieder riefen die Zuhörer aufgeregt durcheinander.
"Nun, das ist in der Tat eine Neuigkeit, Präsident Spock. Dennoch sehen ich und der Rat keine Notwendigkeit unsere Flotte mit Hilfe der Antaurer zu vergrößern."
"Das ist sehr bedauerlich, Mr. President. Denn es wird Krieg geben." Und zur Unterstreichung seiner Worte, ertönte auf einmal ein Evakuierungsalarm. Der Präsident der Föderation drückte einige Knöpfe an seinem Monitor, binnen Sekunden schwand die Zuversicht aus seinem Gesicht und machte einer anderen Emotion Platz: Furcht. Er ließ sich schwer in seinen Stuhl fallen und starrte ins Leere.
Schließlich fand er seine Stimme wieder: "Die Romulaner. Sie sind in den Sektor eingefallen, sie haben Mars bereits passiert. Und sie nicht alleine. Eine gigantische Flotte der Cardassianer begleitet sie."


Fortsetzung folgt...

Die Föderation steht vor ihrer größten Prüfung. Werden die alliierten Völker im Augenblick der größten Gefahr zusammenhalten oder wird die Föderation für immer aufhören zu existieren?




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